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4. Kapitel. Puppe Gerda hilft Schularbeiten machen.

Die winzigen Knospen drunten an den Büschen im Schulhof hatten sich in niedliche, kleine Blättchen verwandelt, und die winzigen Abc-Schützen der zehnten Klasse waren inzwischen mit ihren Kenntnissen bis zu dem u vorgedrungen. Die kleinen, zappeligen Dingerchen hatten allmählich stillsitzen und die Plappermäulchen im Zaum halten gelernt.

Doktor Brauns Nesthäkchen allerdings fiel es noch immer recht schwer, sich an den Ernst und den Zwang der Schule zu gewöhnen. Annemarie bereitete Fräulein Hering noch manche Überraschung. Aber im ganzen war auch sie während der Schulstunden weniger beweglich geworden. Daran hatte wohl die Freundschaft mit der artigen Margot den größten Anteil, denn ein gutes Beispiel wirkt meistens besser als zehn Ermahnungen.

Nesthäkchens Hefte, die im Anfang Landschaften, über die sich Tintenströme ergossen, geglichen hatten, wurden mit der Zeit weniger schwärzlich. Ja, es kam sogar jetzt vor, daß man schon einen Buchstaben richtig erkennen konnte. Nur die Doppellinien bereiteten dem kleinen Fräulein großen Kummer. Manchen schweren Seufzer preßten sie Klein-Annemarie aus, hin und wieder selbst Tränchen. Denn die Buchstaben, die Nesthäkchen voll Eifer malte, wollten durchaus nicht zwischen den beiden Schienen bleiben; bald reckten sie oben das Köpfchen neugierig über die Linie, bald streckten sie unten ein Beinchen heraus.

Klein-Annemarie saß in ihrer Kinderstube am Arbeitspult und machte Schularbeiten. Die Puppen verhielten sich mäuschenstill, sie wußten, daß sie ihre kleine Mama jetzt nicht stören durften. Sogar Kurt, der Rüpel, gab sich Mühe, keinen Radau zu machen.

Nesthäkchen hatte aber auch eine sehr schwere Aufgabe. Es mußte drei Zeilen im Rechenheft mit Achten bemalen. In jedes kleine Viereck eine Acht. Ja, darin lag eben die Schwierigkeit. Das Rechenheft war so tückisch, nicht nur Doppellinien, nein, auch noch Seitenwände für die Zahlen zu besitzen. Wie in einen Käfig mußte jede Zahl in eins der viereckigen Kästchen eingesperrt werden. Annemaries Achten ließen sich aber nicht ihre Freiheit rauben. O nein, die fügten sich ebensowenig einem Zwang wie das kleine Mädchen selbst. Lustig sprangen sie über die blaue Linienmauer hinweg, in eine der Nachbarkammern hinein. Ob die Kleine auch noch so viel predigte: »Ihr sollt doch in eurem Käfig drin bleiben – ach Gott, ihr seid aber eine ganz schreckliche Bande!«

Dabei nahmen Annemaries Achten von Mal zu Mal an Umfang zu, die letzte war so kugelrund geworden wie das Pummelchen aus ihrer Klasse.

Die nächste aber – hilf Himmel – die sah gar nicht mehr wie eine Acht, sondern vielmehr wie eine Zuckerbrezel aus. Und noch war die erste Zelle nicht einmal voll.

Mit einem tiefen Seufzer ließ Nesthäkchen die Feder sinken!

»Ihr habt's gut, Kinder,« wandte sie sich zu ihren Puppen, die aufmerksam zu ihr hinüberblickten, »ihr braucht euch nicht mit den dämlichen Achten abzuquälen, und überhaupt nicht in die olle Schule zu gehen!«

Die schwarze Lolo grinste über das ganze Gesicht vor Freude, daß sie sich nicht so anzustrengen brauchte, denn sie war faul und gefräßig. Mariannchen hatte wieder mal ihre Augen fest geschlossen und besah sich inwendig. Irenchen aber machte ein überlegenes Gesicht – lieber Gott, so 'n paar Zahlen, mit denen würde sie bei ihrer Klugheit schnell genug fertig werden. Nur Gerda, Annemaries Liebling, schaute sie voll Mitleid aus ihren schönen, blauen Glasaugen an, als ob sie sagen wollte: »Wenn ich dir helfen könnte, Annemie, ich tät's ganz gewiß!«

»Das weiß ich, Gerdachen,« rief die Kleine, die ihrem Puppenkinde, ohne daß es sprach, die Gedanken von der Stirn las, »du würdest mir gern helfen. Komm, Liebling, sieh mal, wie findest du meine Achten?« Sie nahm die Puppe auf den Arm, und nun saßen sie alle beide oben auf dem Arbeitspult und prüften, das Köpfchen auf die Seite gelegt, die Rechenarbeit.

Gerda zog die Stirn kraus. Sie konnte bei aller Liebe für ihr Mütterchen diese unförmigen Geschöpfe wirklich nicht schön finden.

»Ob die von Margot wohl besser sind?« Annemarie lugte durch das Kinderstubenfenster zu ihrer kleinen Freundin hinüber. Die hatte ihr Arbeitspult ebenfalls am Fenster stehen, Annemarie konnte gerade das emsig über das Heft geneigte braune Köpfchen Margots erkennen. Das hob sich nicht, schaute nicht rechts und nicht links, ließ sich weder durch die Puppen noch durch die kleinen Geschwister von der Pflicht ablenken.

Wieder seufzte Annemarie. Wieder griff ihr tintenbeflecktes Händchen zum Federhalter. Es half nichts, wenn ihre Freundin Margot so fleißig war, durfte sie nicht faulenzen.

»Bleib' bei mir, Gerdachen, vielleicht geht es dann besser«, flüsterte sie. Die Puppe auf dem Schoß, so begann die Kleine aufs neue ihre Kunst.

Mißbilligend schüttelte Gerda ihren mit einer Gummischnur befestigten Kopf. Die letzte Acht war wieder wie ein kleines Faß ausgefallen, nein, das würde selbst sie besser machen.

»Na, versuche es doch gefälligst erst mal, wie schwer das ist!« rief Nesthäkchen ärgerlich, denn ihr war das abfällige Kopfschütteln ihrer Puppe nicht entgangen.

Sie drückte Gerda den Federhalter zwischen die steifen Zelluloidfinger und begann ihr die Hand zu führen. Beide, Nesthäkchen sowohl wie Puppe Gerda, gaben sich grenzenlose Mühe. Und wirklich – die Acht, welche die zwei gemeinsam fabrizierten, war ja noch immer keine Schönheit, aber doch entschieden zierlicher und schlanker als ihre Vorgängerinnen.

»Famos, Gerda,« rief Annemarie jubelnd, »du kannst mir fein helfen, mit dir zusammen ist es auch lange nicht so mopsig wie allein!« Und wieder malten das Kinderhändchen und die Puppenzelluloidhand eifrig Zahl auf Zahl.

Schon war die zweite Reihe voll. Bewundernd blickten die anderen Puppen auf ihre fleißige Schwester. Da geschah's! Gerda tauchte in ihrem freudigen Eifer die Feder zu tief in das Tintenfaß – klacks – ein kohlpechrabenschwarzer Klecks prangte mitten auf der mit soviel Mühe beschriebenen Rechenseite.

Entsetzt sahen die beiden kleinen Schreibkünstlerinnen auf den düstern See.

»Hu – der schwarze Klecks!« Puppe Gerda sprang vor Schreck von Annemaries Schoß herunter und schlug sich eine Beule an dem Holzpult.

Sie begann zu weinen. Bitterlicher aber noch weinte ihr Mütterchen.

»Pfui, Gerda, wie kannst du nur so ungeschickt sein, mir meine schöne Arbeit so zu verderben – ach, was wird Tante Fräulein Hering bloß dazu sagen!«

Dann aber sprang die Kleine auf, vielleicht ließ sich noch Abhilfe schaffen. Ihr Fräulein zu rufen, traute sich Annemarie nicht, die würde gewiß böse sein, daß sie sich von Puppe Gerda bei ihren Schularbeiten hatte helfen lassen. Ging Fräulein doch regelmäßig aus dem Zimmer, wenn Nesthäkchen arbeitete, weil die Kleine selbständig ihre Aufgaben anfertigen sollte.

Kurz entschlossen jagte Klein-Annemarie zum Waschtisch. Dort tauchte sie ein Zipfelchen ihres Seiflappens ins Wasser und – heidi – ging es wieder zu dem schwarzen Klecks zurück. Sicher ließ er sich fortwaschen – Fräulein wusch ihr ja die Tinte von den Fingerchen auch stets ab.

Behutsam begann Nesthäkchen den Klecks mit dem nassen Seiflappen zu bearbeiten. Hurra – das düstere Schwarz wurde heller; freilich, der Tintenfleck um so umfangreicher.

»Nee – ohne Bimsstein geht Tinte überhaupt nicht ab!« Wieder jagte Klein-Annemarie zum Waschtisch. Diesmal kehrte sie, mit dem Bimsstein bewaffnet, zum Arbeitspult zurück.

Ribbel – rubbel – ribbel – da war der Tintenklecks weg. Aber ein großes Loch klaffte statt seiner mitten in der Seite.

Schreckensweit wurden Nesthäkchens Augen, und dann begann es aus Leibeskräften zu brüllen. »Hu – u – uh – meine Arbeit hat ein Loch – hu – u – uh!«

Von allen Seiten kamen sie hereingestürzt. Aus der Jungenstube nebenan Hans und Klaus. Erschreckt eilten aus dem Wohnzimmer Mutti und Fräulein herzu. Hanne rannte mit aufgekrempelten Ärmeln vom Aufscheuern fort, und Frieda ließ ihr Plätteisen im Stich. Vater kam sogar aus der Sprechstunde heraus, um zu hören, was seinem kleinen Liebling fehle. Selbst Puck erschien, feindselig blaffend, auf der Schwelle. Alle glaubten, es sei Nesthäkchen ein Unglück zugestoßen, denn es brüllte noch immer wie am Spieß.

»Lotte – Annemie – Herzchen, was ist denn bloß geschehen, tut dir was weh?« Ängstlich forschten Vater und Mutti.

»Hu – u – uh – so ein dolles Loch – hu – u – uh«, klang es in noch schmerzlicherem Geheul statt jeder anderen Antwort.

»Ein Loch – hast du dir ein Loch geschlagen, Kind, wo denn bloß, Lotte?« rief der Arzt besorgt und untersuchte auch schon den Lockenkopf der Kleinen.

»Nee, ach nee – wenn es das bloß wäre – aber meine Arbeit, meine schöne Rechenarbeit hat so ein dolles Loch – hu – u – uh!«

»Na, wenn du nur heil bist, Lotte!« lachte Vater und ging wieder zu seinen Patienten.

»Was, deshalb haste dich so«, meinte auch Bruder Klaus geringschätzig, während Hans ihr den guten Rat gab: »Reiß doch die Seite einfach aus, Annemie!«

Auch Hanne und Frieda hielten das Unglück nicht für so groß, sie gingen wieder mit Seelenruhe an ihre Arbeit.

Nur Mutti und Fräulein faßten die Sache ernster auf.

»Wie hast du denn das bloß zuwege gebracht, du unachtsames Kind!« schalt Mutti.

»Hu – u – uh – ich kann nichts dafür, – Gerda hat ganz allein die Schuld, warum ist sie auch so ungeschickt«, klagte Nesthäkchen das Puppenkind an. Das machte ein ganz zerknirschtes Gesicht. Ach, das Herz schmerzte der Puppe Gerda mehr noch als die große Beule am Kopf vor Gram, daß sie ihrem Mütterchen solchen Kummer bereitet hatte.

»Gerda – wie kommt denn deine Puppe an das Rechenheft?« mischte sich jetzt Fräulein in die Verhandlung. »Hast du etwa gespielt, statt zu arbeiten, Annemie?«

»Nee – i bewahre – im Gegenteil, wir haben alle beide ganz fleißig gearbeitet. Aber dann hat Gerda mit einemmal einen großen Klecks gemacht, und als ich ihn mit Bimsstein ausreiben wollte, ist ein so dolles Loch gekommen – hu – u – uh«, wieder öffneten sich Nesthäkchens Tränenschleusen.

»Siehst du, das kommt davon, Annemie, bei Schulaufgaben haben die Puppen nichts zu suchen«, tadelte Mutti.

»Sie sollte mir ja bloß helfen, weil meine Achten so schlecht wurden«, schluchzte Klein-Annemarie. »Ach, Fräulein, was machen wir denn jetzt bloß?«

»Ja, jetzt kann Fräulein Rat schaffen, hättest du doch vorher gerufen«, sagte die ärgerlich. Aber als sie Annemaries bettelndem Blick begegnete, tat ihr weinender Liebling ihr doch leid. »Na, wollen mal sehen, ob wir die Seite herausnehmen können, dann mußt du die drei Zeilen noch mal schreiben.«

»Nee, ach nee, das tu' ich ganz bestimmt nicht, ich habe mich schon gerade genug damit gequält! Oder aber Gerda kann die Achten noch mal schreiben, denn die hat den Klecks gemacht.«

»Du bist ja ein ganz dummes Kind.« Fräulein mußte jetzt lachen. »Aber mit dem Ausreißen der Seite ist es nichts, da geht die vorige Arbeit mit heraus. Wir müssen die Seiten zusammenkleben.«

»Brauche ich dann nicht noch mal zu schreiben?« fragte Nesthäkchen erwartungsvoll.

»Freilich, die schon beschriebene Lochseite wird doch verklebt«, zerstörte Fräulein Klein-Annemaries Hoffnungen.

Es half nichts, Nesthäkchen mußte wieder auf ihr Pult klettern und von vorn mit ihren Achten beginnen.

Diesmal ohne Puppe Gerdas Hilfe. Die hockte immer noch voll Schuldbewußtsein unten auf der Erde. Dafür aber blieb Fräulein im Zimmer, und ihre bloße Gegenwart genügte, daß die Zahlen mit dem ihnen zugewiesenen Kämmerchen zufrieden waren und sich gegenseitig nicht in die Wohnung eindrangen. Denn vor Fräulein hatten selbst die Achten Respekt.

Gar nicht lange dauerte es, da hatte die Kleine ihre drei Zellen vollendet, und diesmal sahen die Achten ganz manierlich aus. Ja, Annemarie, wenn man von der Arbeit nicht aufblickt, wenn man sich nicht von dem und diesem ablenken läßt, dann geht es noch einmal so schnell.

Fräulein verklebte die Seite, aber dadurch wurde sie steif und hart wie Holz. Nesthäkchens Herz klopfte jetzt in großer Aufregung. Wenn Fräulein Hering nun etwas merkte.

»Was meinen Sie, Hanne,« fragte sie die Köchin, die ihr das Zuckerei zum Abendbrot schlug, »ob man das sieht, wenn etwas geklebt ist?« Hanne überlegte.

»Na, wenn ich was zertöppert habe und klebe oder leime es hinterher, die gnädige Frau hat's noch immer gemerkt!« Mit dieser wenig tröstlichen Antwort mußte sich Nesthäkchen zufriedengeben.


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