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Vierunddreißigstes Kapitel.

Enthüllung eines Geheimnisses. – Mr. Jones Ueberraschung übertroffen.

 

Huck sagte: »Wenn wir ein Seil finden, können wir durchbrennen, Tom! Die Fenster sind noch hoch über dem Boden!«

»Unsinn! Warum durchbrennen?«

»Warum? Ich habe nicht die Gewohnheit, so zahlreicher, aufgeputzter Gesellschaft! Das kann ich nicht aushalten, Tom! Ich gehe nicht hinunter!«

»Wie dumm! Es ist ja gar nichts! Ich frage den Teufel danach! Uebrigens werde ich für dich Sorge tragen!«

Sid erschien.

»Tom,« sagte er, »Tantchen hat dich den ganzen Nachmittag erwartet! Mary hatte deine Sonntagskleider zurechtgelegt und alles fragte nach dir. Sage 'mal, ist da auf deiner Kleidung nicht Talg und Lehm?«

»Bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Mr. Siddy! Was hat denn dies alles zu bedeuten?«

»Eine der gewohnten Gesellschaften, zu denen die Witwe von Zeit zu Zeit einladet. Diesmal gilt es dem Welschen und seinen Söhnen für die Hilfeleistung in jener Nacht. Höre 'mal, ich könnte dir etwas sagen, wenn du es wissen, willst!«

»Laß hören!«

»Nun, der alte Jones hat heute Abend eine Ueberraschung für die Gesellschaft in Bereitschaft. Es sei ein Geheimnis, ich hörte ihm diesen Nachmittag zur Tante sagen, mit der er darüber sprach. Ich denke aber, die Ueberraschung wird nicht gewaltig sein, denn jedermann kennt zur Stunde das Geheimnis. Auch die Witwe, obgleich sie sich stellt, als wisse sie nichts. Mr. Jones mußte Huck hier haben, ohne ihn verfehlte sein großes Geheimnis die beabsichtigte Wirkung!«

»Welches Geheimnis, Sid?«

»Daß Huck den Räubern bis zur Witwe nachgeschlichen! Mr. Jones verspricht sich viel von der Ueberraschung, die seine Mitteilung auf die Gäste ausüben wird. Er wird sich aber in seiner Erwartung schlimm getäuscht finden! Haha!«

Sid lachte mit sehr selbstzufriedener Miene in sich hinein.

»Warst du es, Sid, der das ausschwatzte?«

»Gleichviel, wer es war! Jemand hat es gesagt, und das ist genug!«

»Sid, in der ganzen Stadt ist nur einer gemein genug, eine solche Handlung zu begehen, und das bist du! Wenn du an Hucks Stelle gewesen wärst und die Räuber gesehen hättest, würdest du feige nach Hause geschlichen und keiner Seele etwas davon gesagt haben! Du kannst nichts thun, was nicht niederträchtig gemein wäre und kannst nicht ertragen, jemand für eine wackere That Anerkennung finden zu sehen! Hier und hier! und keinen Dank, wie die Witwe sagt!« Und Tom schlug ihn hinter die Ohren und jagte ihn mit Fußtritten aus der Thüre. »So nun geh und sag' es der Tante, wenn du es wagst! Morgen soll dann die Fortsetzung folgen!«

Einige Minuten später saßen dann die Gäste um den gedeckten Tisch. Ein Dutzend Kinder saß nach der damaligen Landessitte an kleinen Seitentischchen im gleichen Raum. Mr. Jones ersah seine Gelegenheit und hielt seinen kleinen Speech. Er dankte der Witwe für die ihm und seinen Söhnen erwiesene Ehre und fügte bei, daß noch Jemand da sei, dessen Bescheidenheit –

Und so weiter. Er enthüllte das Geheimnis der Mithilfe Hucks in der schönsten dramatischen Weise, deren er nur fähig war; die Ueberraschung der Gäste war aber großenteils erheuchelt und die Wirkung viel schwächer, als sie unter günstigeren Umständen sicher gewesen wäre. Es gelang indessen der Witwe, das größte Erstaunen an den Tag zu legen und sie überhäufte Huck mit so warmen Dankergüssen, daß dieser nach und nach das Unerträgliche seiner neuen Kleider, der neugierigen Blicke der Gäste und der ihn umsummenden Lobhudeleien beinahe vergaß.

Die Witwe sprach die Absicht aus, Huck eine Heimstätte unter ihrem Dach zu geben und für seine Erziehung zu sorgen. Zu geeigneter Zeit würde sie ihm dann nach Kräften behilflich sein, irgend ein Geschäft anzufangen.

Nun war es an Tom. Er erhob sich und sagte:

»Huck braucht das nicht! Huck ist reich!«

Nur die gute Erziehung hielt die Anwesenden ab, durch lautes Gelächter Tom für seinen vermeintlichen Witz zu bekomplimentieren. Das Schweigen war einigermaßen peinlich. Tom unterbrach es:

»Huck hat Geld! Vielleicht glaubt man mir nicht, aber es ist doch so! Er hat viel Geld! Lacht nur, ich kann es euch zeigen! Wartet nur ein bißchen!«

Tom rannte zur Thüre hinaus. Die Gäste starrten einander verwundert an und richteten fragende Blicke aus Huck. Dieser war stumm.

»Sid, was ist in Tom gefahren?« fragte diesen Tante Polly. »Was hat das zu bedeuten? Man kann doch nie aus dem Jungen klug werden. Niemals habe ich –«

Tom erschien, gebeugt unter der Last der Säcke, und Tante Polly fand nicht Zeit, den angefangenen Satz zu vollenden. Er schüttete die Masse der gelben Münzen auf den Tisch und rief:

»Hier! Habe ich es nicht gesagt? Die Hälfte dieses Geldes gehört Huck und die andere mir!«

Atemlos blickten die Anwesenden auf das Gold. Eine geraume Weile herrschte tiefe Stille. Die Ueberraschung war zu unerwartet, zu groß! Dann allgemeiner Ruf um Aufklärung. Tom sagte, er könne sie geben und that es. Die Erzählung war lang, aber äußerst interessant. Keine Unterbrechung störte sie. Als Tom geendigt, meinte Mr. Jones:

»Ich glaubte, den verehrten Gästen eine Ueberraschung zu bereiten, sehe mich aber überflügelt! Ich muß gestehen, daß sie gegen die Toms in schnödes Nichts zusammensinkt.«

Das Geld wurde gezählt. Es belief sich auf die Summe von über zwölf Tausend Dollars. Das war mehr, als irgend einer der Anwesenden auf einem Haufen beisammen gesehen, obgleich mancher bedeutend höheren Wert an Liegenschaften aufweisen konnte.


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