Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Des Indianer Joe Ende. – Huck und Tom als Zeichendeuter. – Besuch in der Höhle. – Schutz gegen Gespenster. – Ein unheimlicher Schmollwinkel. – Großer Empfang bei Madame Douglas.

 

Wie ein Lauffeuer hatte sich diese Kunde verbreitet. Schnell war ein Dutzend Boote bemannt und steuerte nach Mac. Douglas' Höhle; die Dampffähre, mit Passagieren überladen, folgte schleunigst. Tom Sawyer befand sich in dem Fahrzeug, welches den Richter Thatcher trug.

Es war eine traurige Scene, die sich nach Eröffnung des Thores den Blicken der Neugierigen im düstern Dämmerlichte des Platzes darbot. Da lag, auf den Boden ausgestreckt, der »Indianer Joe« tot, das Gesicht hart an eine Spalte im Thore gedrängt, wie wenn er bis zum letzten Röcheln die brennenden Augen auf das Tageslicht und die freie, fröhliche Außenwelt gerichtet hätte. Tom war tief gerührt; er wußte aus eigner Erfahrung, wie schwer der Arme gelitten haben mußte und konnte ihm sein Mitleid nicht versagen. Aber ein Gefühl unendlicher Erleichterung und Sicherheit kam über ihn; nun erst ward er sich so recht der Ungeheuern Last von Befürchtungen bewußt, die, seit er gegen den Banditen gezeugt, ihn bedrückt und nun mit dem Tode desselben von ihm genommen war.

Indianer Joes Bowiemesser lag dicht neben ihm. Die Klinge war entzwei. Der Grundbalken des Thores war von ihm mit unsäglicher Mühe und Arbeit zerhackt und endlich durchschnitten worden. Nutzlose Arbeit! Von der Außenseite bildete der Fels eine natürliche Schwelle, und gegen diese war das Messer machtlos und zerbrach. Und wenn es ihm auch gelungen wäre, den ganzen Grundbalken wegzuschaffen, so hätte er seinen Körper doch nicht durch die dadurch entstandene schmale Spalte zwingen können. Er mußte das eingesehen und nur gearbeitet haben, um eben etwas in der fürchterlichen Einsamkeit und Langweile zu thun. Gewöhnlich waren die Felsritzen der Vorhalle mit von Touristen zurückgelassenen Kerzenresten besteckt – es fanden sich keine mehr vor. Der Gefangene hatte sie verzehrt. Den umherliegenden Resten nach zu schließen, mußte er auch auf Fledermäuse Jagd gemacht und diese mit Haut und Haar, bis auf die Krallen, verspeist haben. Der Unglückliche war eines qualvollen Hungertodes gestorben.

In der Nähe hatte sich seit Jahrhunderten durch das ununterbrochene Träufeln eines überhängenden Stalaktiten ein Stalagmit auf dem Boden gebildet. Der Gefangene hatte die Spitze desselben weggebrochen und einen ausgehöhlten Stein darauf gesetzt, um die spärlichen – mit der Regelmäßigkeit einer Uhr – je einen in drei Minuten – fallenden und das verzweifelt langweilige Ticken des Pendels nachahmenden Tropfen darin aufzufangen. – Einen Theelöffel voll in zwanzig Stunden! Dieser Tropfen fiel schon, als die Pyramiden noch jung waren, als Troja fiel, als die Fundamente Roms gelegt wurden, als der Christ litt und starb, als Wilhelm der Eroberer das britische Reich gründete, als Kolumbus segelte, als das Gemetzel von Lexington noch das Tagesereignis war. Er fällt noch heute und wird fallen, wenn alles heute Bestehende in die tiefe Nacht der Vergessenheit versunken sein wird.

Hat jedes Ding seinen Zweck und seine Mission? Fiel dieser Tropfen geduldig während fünf Jahrtausenden für diesen elenden Wurm? Wird er nach Ablauf der nächsten zehn Jahrtausende eine ähnliche Aufgabe zu erfüllen haben? Wir wissen es nicht! Manches Jahr ist vorübergegangen, seit das hilflose Halbblut den Stein ausgehöhlt, um die unschätzbaren Wassertropfen darin zu sammeln, aber noch heute verweilt der Tourist unter allen Merkwürdigkeiten von Mac Douglas' Höhle am längsten bei diesem interessanten Stein. Der sogenannte Becher des Indianer Joe nimmt unter den Wundern de? Höhle den ersten Platz ein, und selbst »Alladdins Palast« kann sich nicht mit ihm messen.

Der Indianer Joe wurde neben dem Eingang der Höhle begraben. Von sieben Meilen in der Runde kamen die Neugierigen mit Kind und Kegel zum Begräbnis, und mußten bei der Heimkehr gestehen, daß sie sich ebensogut amüsiert hatten, als wenn Joe gehangen worden wäre.

Mit diesem Akte nahm ein anderer Unfug ein Ende. Eine Massenpetition an die Regierung war vorbereitet worden, um Gnade für den Indianer Joe zu erwirken und hatte zahlreiche Subskribenten gefunden. Viel thränenreiche und beredte Versammlungen waren abgehalten und ein Komitee schwachköpfiger Weiber bestellt worden, tief in Trauer gekleidet den Gouverneur zu umheulen und ihn anzuflehen, seine Pflicht mit Füßen zu treten und ein barmherziger Esel zu sein. Joe war zwar im Verdacht, fünf Bürgern das Leben geraubt zu haben, aber was schadet das? Wenn er der verkörperte Satan selbst gewesen wäre, so hätten sich doch noch Schwachköpfe in Menge gefunden, um ihre Namen unter eine Gnadenpetition zu sudeln und eine Thräne aus ihren schadhaften Wasserwerken herauszupumpen.

Am Morgen nach der Beerdigung führte Tom seinen Kameraden Huck an eine abgelegene Stelle, um Wichtiges mit ihm zu verhandeln. Zwar hatte Huck inzwischen durch den Welschen und die Witwe Douglas alles über Toms letztes Abenteuer erfahren. Tom meinte aber, etwas könnten sie ihm doch nicht wohl gesagt haben, und das eben war's, was er Huck mitteilen wollte.

Dieser ließ den Kopf hängen und sagte: »Ich weiß schon was es ist. Du hast Nummer zwei untersucht und nichts gefunden als Whisky. Ich wußte sofort als die Whisky-Geschichte so großes Aufsehen gemacht hatte, daß du es nur gewesen sein konntest, obgleich es mir niemand sagte. Ich ahnte immer, daß wir nie in den Besitz des Schatzes gelangen würden.«

»Sieh 'mal, Huck, ich war es nicht, der den Tavernenwirt verriet. Du mußt doch wissen, daß dort Samstags, am Tage des Picknick noch alles im Blei war. Erinnerst du dich denn nicht mehr, daß du die Wache übernommen hattest?«

»O gewiß, erinnere ich mich! Es scheint mir ein Jahr seitdem. War es doch dieselbe Nacht, in der ich dem Indianer Joe bis zur Witwe nachschlich!«

» Du warst es, der ihn verfolgte?«

»Jawohl, aber du schweigst! Joe kann Freunde hinterlassen haben und ich fühle kein Bedürfnis, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und mich ihrer Rache auszusetzen. Ohne meine Dazwischenkunft wäre Joe gesund und wohl in Texas.«

Huck weihte nun Tom unter dem Siegel der Verschwiegenheit in die Vorfälle jener Nacht ein, die dieser nur insoweit kannte, als der Welsche dabei beteiligt war. Auf die Hauptsache zurückkommend meinte er: »Ich zweifle nicht, daß derjenige, welcher den Whisky in Nummer zwei stahl, auch das Geld mitlaufen ließ. Für uns ist es jedenfalls verloren!«

»Huck, das Geld war nie in Nummer zwei!«

»Wie?« Huck suchte eifrig in den Zügen Toms zu lesen. »Bist du dem Gelde vielleicht wieder auf die Spur gekommen?«

»Huck, es ist in der Höhle!«

Hucks Augen leuchteten: »Sage es noch einmal, Tom!«

»Das Geld liegt in der Höhle!«

»Tom, auf Ehre, ist das Spaß oder Ernst?«

»Es ist Ernst und die reinste Wahrheit. Willst du mit mir in die Höhle gehen und es mir holen helfen?«

»Gewiß will ich! Gewiß, wenn es an einem zugänglichen Orte liegt und wir nicht riskieren, verloren zu gehen!«

»Huck, wir können es holen, ohne die geringste Mühe dabei zu haben!«

»Das ist herrlich! Aber aus welchem Grunde vermutest du das Geld ...«

»Huck, warte nur bis wir in der Höhle sind. Wenn wir es nicht finden, sollst du meine Trommel haben, nebst allem, was ich auf der Welt besitze!«

»Gut denn! Abgemacht! Wann wollen wir dran?«

»Auf der Stelle, wenn es dir recht ist. Fühlst du dich stark genug dazu?«

»Ist es weit bis zur Höhle? Ich habe mich zwar seit einigen Tagen wieder im Gehen geübt, aber weiter als eine Meile werde ich wohl nicht kommen!«

»Jedermann, außer mir, würde gute fünf Meilen zu machen haben, aber ich und nur ich allein, kenne einen viel kürzeren Weg. Huck, ich werde dich in einem Boot hinbringen, so daß du gar keine Mühe hast. Das Hin- und Zurückrudern werde ich allein besorgen, ohne daß du einen Finger zu krümmen brauchst.«

»Auf denn, Tom! Was zögern wir?«

»Wir müssen uns erst mit Fleisch und Brot versehen, unsere Pfeifen, Drachenschnüre, ein paar kleine Säcke und einige jener neu erfundenen Dinger mitnehmen, die man Lucifer-Zündhölzchen nennt. Ach, wie gut hätte ich sie bei meinem ersten Besuch in der Höhle brauchen können!«

Etwas nach Mittag borgten die Jungen das Boot eines abwesenden Fischers und machten sich auf den Weg. Einige Meilen unterhalb »Kave Hallow« sagte Tom:

»Siehst du, Huck, das ganze steile Ufer ist überall gleich. Kein Haus, kein Gehölz, kein Gebüsch. Aber dort, jener weiße Streifen, wo früher ein Erdrutsch stattgefunden haben muß, ist eines meiner Merkzeichen. Gehen wir ans Ufer.«

Sie landeten.

»So, Huck, von hier aus könntest du das Loch, durch welches wir aus der Höhle schlüpften, mit einem Fisch gar erreichen. Sieh 'mal, ob du es finden kannst!«

Huck suchte sorgfältig in der ganzen Umgebung, aber vergeblich. Tom marschierte stolz auf einen dicken Sumach-Busch los und sagte: »Da ist es! Betrachte es, Huck! Ist es nicht das netteste Loch weit und breit? Aber schweige darüber. Sage niemand etwas davon. Seit ich mit dem Gedanken umgehe, Räuber zu werden, hat mir immer das Haupterfordernis, ein solches Versteck, gefehlt und ich wußte nicht, wo es suchen. Nun ist es gefunden und wir müssen es verheimlichen, nur gegen Joe Harper und Ben Rogers nicht, die doch Mitglieder der Bande, die ich bilden will, sein werden. Wie schön das klingen wird, »Tom Sawyers Bande!« Meinst du nicht, Huck?«

»Gewiß, Tom! Aber wen wollen wir berauben?«

»O, jedermann! Den Reisenden auflauern und ihnen den Weg verlegen! So ist es üblich!«

»Und sie umbringen?«

»Nein, nicht immer! Sie in die Höhle einsperren, bis sie eine Ranzion aufgebracht haben!«

»Was ist eine Ranzion?«

»Geld! Man zwingt sie, mit Hilfe ihrer Freunde so viel Geld aufzubringen, als ihnen nur immer möglich ist. Wenn nach Verlauf eines Jahres die ihnen auferlegte Summe nicht vollständig beigeschafft ist, werden sie kalt gemacht. So ist es im allgemeinen der Brauch. Anders verfährt man mit den weiblichen Gefangenen. Diese werden zwar eingesperrt, aber nicht umgebracht. In der Regel sind sie wunderschön und steinreich, und haben immer entsetzlich Angst. Man beraubt sie zwar ihrer Uhren, Ringe und des übrigen Schmucks, befleißigt sich aber im Verkehr mit ihnen der äußersten Höflichkeit, und spricht nur den Hut in der Hand mit ihnen. Es giebt kein höflicheres Volk, als eben die Räuber, und du kannst das in jedem Buche lesen. Nun, siehst du, die gefangenen Damen fangen an, dich zu lieben, und wenn sie acht oder vierzehn Tage in der Höhle zugebracht haben, so hat das Weinen ein Ende und du kannst sie nicht wieder los werden. Wenn du sie auch mit Gewalt fortjagen wolltest, im Handumdrehen wären sie wieder da. So steht es in allen Büchern!«

»Das ist lustig, und scheint mir angenehmer als die Seeräuberei!«

»In gewisser Beziehung stimme ich dir bei. Man ist in der Nähe der Heimat, der Kunstreiterbuden und all den anderen Ergötzlichkeiten!«

Inzwischen war alles in Bereitschaft gesetzt worden und die Knaben schlüpften durch das Loch, Tom voran. Sie arbeiteten sich vorwärts bis zum Ende des Tunnels, befestigten das eine Ende der zusammengeknüpften Drachenleinen, und schritten vorwärts. Nach wenigen Schritten hatten sie die Quelle erreicht; ein Schauer fuhr Tom durch die Glieder; er machte Huck auf den ausgebrannten Docht aufmerksam und erzählte ihm, mit welchen Aengsten Becky und er dem Erlöschen desselben zugesehen. Ihr lautes Gespräch war unter dem Eindruck der schauerlichen Stille der Umgebung zum Flüstern herabgesunken. Tom schritt immer voran und erreichte bald durch einen anderen Gang die Sackgasse, von der oben die Rede war. Bei Kerzenschein sah er nun, daß sich am Ende wirklich ein Abgrund befand, der aber nur aus einem abfallenden Lehmhügel von 20 bis 30 Fuß Höhe bestand.

»Nun werde ich dir etwas zeigen. Huck!« flüsterte Tom, indem er sein Licht in die Höhe hielt. »Schaue einmal dort um die Ecke, so weit als es dir möglich ist. Siehst du, dort über jenem Felsen, mit Kerzenrauch gemacht?«

»Ein Kreuz!«

»Nun gut, und wo ist die Nummer zwei? Unter dem Kreuz! Oder nicht? Gerade an jener Stelle erblickte ich den Indianer Joe mit dem Lichte in der Hand herumtastend. Huck!«

Huck stierte das mystische Zeichen eine Weile mit weit aufgerissenen Augen an und flüsterte mit bebender Stimme:

»Tom, mach', daß wir hier fortkommen!«

»Was? Und den Schatz hier liegen lassen?«

»Ja, laß ihn nur! Der Geist Joes geht hier um! So sicher als etwas.«

»Nein, Huck, nein! Hier ist kein Spuk! Wenn Joe umgeht, so ist es nicht hier, sondern an der Stelle, wo er den Geist aufgab, am Eingange der Höhle, fünf Meilen von hier!«

»Nichts da, Tom! Bei dem verborgenen Schatze muß er sein, ich kenne die Gewohnheiten der Geister und du auch!«

Tom begann zu fürchten, daß Huck recht haben könne: Bange Ahnungen beschlichen ihn. Da kam ihm ein Gedanke:

»Was für Narren wir sind, Huck! Joes Geist wird niemals an einer Stelle umgehen, wo sich ein Kreuz befindet!«

Das war ein göttlicher Einfall und verfehlte seine Wirkung nicht.

»Daran habe ich nicht gedacht, Tom! Aber richtig ist's! Dieses Kreuz bedeutet Glück! Ich denke, wir klettern dort hinunter und spüren dem Schatze nach!«

Tom ging voraus, und grub im Niedersteigen tiefe Fußtritte in den Lehmhügel. Huck folgte. Vier Gänge mündeten in die kleine Höhle, aus der sich der Fels erhob. Die Jungen durchforschten drei derselben, ohne etwas zu finden. Im vierten, zunächst am Fuße des Felsen, entdeckten sie endlich einen kleinen Schlupfwinkel mit einem Lager von Wolldecken. Daneben ein alter Hosenträger, einige Speckschwarten und die sauber abgenagten Knochen von zwei oder drei Hühnern. Aber keine Geldkiste. Die Jungen untersuchten die Stelle wiederholt mit größter Aufmerksamkeit; umsonst!

Tom sagte: »Er sagte: Unter dem Kreuz! Nun sind wir aber möglichst unter dem Kreuz. Unter dem Felsen kann es doch nicht wohl sein, denn der wurzelt massiv im Grund!«

Wiederholtes Suchen blieb ohne Erfolg. Entmutigt setzte sich Tom auf die Erde. Huck wußte keinen Trost. Endlich meinte Tom:

»Siehst du, Huck, auf dieser Seite des Felsens bemerkt man Fußspuren und Talgtropfen, auf der andern Seite aber nicht! Was hat das zu bedeuten? Ich wette, das Geld liegt unter dem Fels. Ich werde den Lehm aufwühlen!«

»Du könntest recht haben, Tom!« sagte Huck hastig.

Toms echtes Barlowmesser war im Hui aus der Tasche. Noch hatte er keine vier Zoll tief gegraben, als er auf Holz stieß.

»Holla! Huck! Hörst du das!«

Huck machte sich eifrigst daran, die Arbeit fördern zu helfen. Einige Bretter lagen bald zu Tage und wurden beseitigt. Augenscheinlich hatten sie gedient, eine Spalte zu verbergen, die unter den Fels führte. Tom stieg hinab und hielt das Licht unter den Fels, so weit er reichen konnte; es war ihm aber nicht möglich, das Ende der Ritze abzusehen. Entschlossen, zu erfahren, was die Spalte berge, bückte er sich und schlüpfte hinein. Der enge Pfad führte abwärts. Er folgte seinen Windungen, erst rechts, dann links. Huck ihm immer auf den Fersen. Nach einer scharfen Kurve rief Tom: »Beim Himmel, sieh 'mal her, Huck!«

In einer kleinen Vertiefung stand die Geldkiste, wahr und wahrhaftig. Neben ihr ein leeres Pulverfäßchen, ein paar Flinten in ledernem Futteral, zwei bis drei Paar alte Mokassinen, ein Ledergurt und anderes derartiges Zeug, alles von den niederträufelnden Wassertropfen tüchtig durchnäßt.

»Endlich gefunden!« rief Huck, und wühlte begierig in den gelben Münzen. »Nun sind wir reiche Leute, Tom!«

»Ich zählte immer darauf, daß wir es werden würden! Es ist so schön, daß es fast nicht zu glauben ist. Aber da liegt der Schatz sicher genug! Laß uns keine Zeit verlieren! hinaus mit dem Geld! Laß sehen, ob ich die Kiste tragen kann!«

Es gelang ihm, sie vom Boden aufzuheben; sie wog etwa 50 Pfund; aber sie fortzutragen reichten Toms Kräfte nicht hin.

»Ich vermutete das!« sagte er. »Sie hatten an jenem Abend im gespenstischen Hause auch Mühe, die Kiste fortzubringen. Gut, daß ich die beiden Säckchen mitbrachte.«

Das Geld war bald in den Säcken und zum Felsen hinaufgeschafft.

»Nun laß uns die Flinten und das andere Zeug holen!« sagte Huck.

»Nein, Huck, laß sie nur dort! Sie werden uns auf unsern Räuberzügen gute Dienste thun; hier sollen sie bis dahin versteckt bleiben. Dieser Platz eignet sich prächtig, unsere Orgien hier zu feiern.«

»Was sind das, Orgien?«

»Weiß nicht! Aber alle Räuber feiern Orgien, und natürlich wir auch! Auf, Huck! Laß uns eilen! Es wird spät und ich habe Hunger. Wenn wir im Boote sind, können wir gemütlich essen und rauchen.

Sie schlüpften vorsichtig durch die Oeffnung in den Sumach-Busch und spähten nach allen Seiten. Alles war ruhig. Von niemand behelligt, saßen sie bald im Kahn und ließen sich Speise und Pfeife schmecken. Mit Anbruch der Dämmerung stieß Tom vom Lande, ruderte rüstig heimwärts und erreichte mit Zunachten unter fröhlichem Geplauder den Ort der Abfahrt.

»So, Huck, jetzt wollen wir das Geld unter dem Dach des Holzschuppens der Witwe verstecken; morgen kommen wir dann beizeiten her, zählen und verteilen es und suchen dann einen sicheren Versteck im Walde, um es dort unterzubringen. Ich gehe, den kleinen Wagen Benny Taylors zu holen. Du inzwischen liegst ruhig hier und bewachst den Schatz. In weniger als einer Minute bin ich wieder hier.«

Nach kurzer Abwesenheit kehrte er mit dem kleinen Wagen zurück, belud ihn mit Säcken, warf einige alte Lumpen darüber und machte sich auf den Weg. In der Wohnung des Welschen hielten sie Rast. Eben im Begriff, weiter zu fahren, rief dieser sie an: »Hallo! Wer ist das?«

»Huck und Tom Sawyer!«

»Schön! Kommt mit mir, ihr Jungen! Man wartet schon lange auf euch! hurtig, vorwärts! Ich werde den Wagen ziehen! Hm, er ist nicht so leicht, wie mir schien! Ihr führt wohl Backsteine?«

»Altes Metall!« erwiderte Tom.

»Natürlich! Die hiesigen Jungen haben alle eine wahre Sucht, Zeit und Mühe mit Aufsuchen von alten Eisen zu verschwenden, um es für einige elende Cents an einen Gießer zu verkaufen, die sie doch durch regelmäßige Arbeit viel leichter verdienen könnten! Aber das liegt eben in der menschlichen Natur! Vorwärts! Sputet euch!«

Die Jungen wollten den Grund dieser Hast wissen.

»Kümmert euch nicht darum! Bei der Witwe Douglas werdet ihr es schon erfahren!«

An falsche Beschuldigungen seit lange gewöhnt und nichts Gutes erwartend, sagte Huck zögernd:

»Mr. Jones, wir haben nichts gethan!«

Der Welsche lachte:

»Hm, ich weiß nicht recht, Huck, mein Junge! Aber seid denn ihr, die Witwe und du, nicht ein paar gute Freunde?«

»O, doch! Sie wenigstens war immer freundlich gegen mich, das muß wahr sein!«

»Nun gut! Was hast du denn zu fürchten?«

Noch hatte Huck bei seiner schwerfälligen Auffassungsgabe die richtige Antwort auf diese Frage nicht gefunden, als er und Tom sich in das Empfangszimmer der Mrs. Douglas gedrängt sahen. Mr. Jones ließ den Wagen vor der Thür und folgte.

Der Raum war glänzend beleuchtet, und alles, was das Dorf an Notablen aufweisen konnte, war dort versammelt. Die Thatchers waren da, die Harper, die Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Prediger, der Redakteur, und viele andere, alle im Festanzug. Die Witwe empfing die Jungen so herzlich, als es nur zwei so beschmierten, schmutzigen Bengeln gegenüber möglich war. Sie waren über und über mit Lehm und Lichtertalg bedeckt. Tante Polly wurde blutrot vor Scham, runzelte die Augenbrauen und schüttelte den Kopf gegen Tom. Niemand jedoch war in größerer Verlegenheit, als die zwei Jungen selbst. Mr. Jones sagte: »Tom war nicht zu Hause und ich mußte unverrichteter Sache heimkehren, stieß aber in der Nähe meiner Wohnung unverhofft auf die beiden und brachte sie in aller Eile her!«

»Das haben Sie gut gemacht!« sagte die Witwe. »Kommt Jungen, kommt mit!«

Sie führte sie in ein Schlafgemach und sagte: »Da wascht euch und kleidet euch um. Da sind zwei neue Anzüge – Hemden, Socken, alles komplett. Keinen Dank, Huck, beide sind für dich! Mr. Jones liefert den einen und den andern ich! Einer wird wohl für heute Abend Tom passen. Zieht euch an, und wenn ihr fertig seid, so kommt hinunter. Wir erwarten euch!«

Sie ließ die Knaben allein.


 << zurück weiter >>