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Seine Rache

Draußen an dem Gittertor stand das Auto, das ihn gleich zur Bahn bringen sollte. Er war nur rasch noch einmal zur Fabrik hinausgefahren, um vor seiner Abreise die notwendigen Dispositionen zu treffen.

Unter den Kastanienbäumen, die ihre roten Kerzen so hell in den vollen Zweigen der mächtigen Kronen leuchten ließen, schritt er von dem langgestreckten Hauptgebäude seiner Fabrik zum Lagerhause hinüber, um überall nach dem Rechten zu sehen, ehe er auf fünf Tage nach London fuhr, wohin eine wichtige Besprechung ihn abrief.

Plötzlich kam in dem hellen Maisonnenschein, der so friedlich über allem lagerte, ein Schreiber aus dem Kontor aufgeregt auf ihn zugestürzt, um ihn rasch an das Telephon zu holen.

– Wer hat es denn so eilig? fragte er ruhig.

Der junge Mann sah ihn entsetzt an, und stotterte etwas Sinnloses ... Er verstand nur: Zu Hause ... Das andere ging in einem undeutlichen Gemurmel unter.

Er sah ihn sich einen Augenblick prüfend an, da er sein Gesicht nicht kannte, und ging dann doch rascher in die Fabrik zurück. Solche aufgeregten Menschen machten nur Unruhe. Er wollte ihn sich für kommende Zeit warnend merken.

Im ersten Augenblick am Telephon verstand er das Mädchen nicht. Dann plötzlich begriff er, und stellte rasch ein paar Fragen, indem er sich gewaltsam zur Ruhe zwang.

Zu Hause war ein Unglück geschehen. Seine Frau hatte in unangebrachter Sparsamkeit ein paar weiße Handschuh selbst waschen wollen, hatte sie über die Finger gestreift und dann mit Benzin hantiert. Wie es gekommen war, wußte niemand; das Benzin hatte Feuer gefangen, und sie hatte sich gefährlich verbrannt. Ob sie noch lebte, konnte ihm das aufgeregte Mädchen nicht sagen, zwei Ärzte bemühten sich eben um sie.

Anstalt zum Bahnhof führte ihn das Auto in rasender Fahrt nach Hause, wo er vor kaum zwei Stunden seine Frau sehr vergnügt zurückgelassen hatte, so daß er sie beim Abschied noch scherzend gefragt hatte:

– Du freust dich wohl sehr, daß ich fortreise?

– Ach, das nicht, du kommst ja auch bald wieder. Wir sind doch ein altes Ehepaar, und auch so sehe ich dich oft den ganzen Tag nicht. Bin es ja gewöhnt.

– Ja, Kind, Geschäfte! hatte er gesagt, und war gegangen, indem er ihr zum Abschied über das Haar fuhr.

Und nun sollte er sie so wiederfinden. –

Das Auto hielt vor dem Hause ... er stürmte die Treppen hinauf; aber er kam zu spät. Sie war nicht zu retten gewesen. Die Flammen hatten das Haar ergriffen und ihr Gesicht in so grauenvoller Weise entstellt, daß die Ärzte ihn gar nicht zu ihr lassen wollten.

Aber da schob er sie zur Seite. Im nächsten Augenblicke brach er ohnmächtig zusammen, und mußte fortgetragen werden in sein Zimmer.

Inzwischen waren ihre Eltern gekommen, und die beschwor er dann, daß sie sich den furchtbaren Anblick ersparten.

Man hatte die Tote im Salon auf der Chaiselongue gebettet, denn in ihrem Schlafzimmer sah es schlimm aus. Die Gardinen und Betten hatten Feuer gefangen, die Feuerwehr hatte zwar rasch gelöscht, aber der Geruch des verbrannten Haares wollte nicht weichen. Es war nicht zu ertragen.

So lag sie nun da, noch in ihren Kleidern. Die Bluse war verbrannt und die Arme, und das Gesicht nur mehr eine grauenvolle, schwarze Larve. Darüber war ein Tuch gebreitet, ein weißes Seidentuch, das sie manchmal um die Schultern getragen hatte. So lag sie da, als ob sie unter diesem leichten Gewebe schlief, als wolle sie sich vielleicht gegen die Fliegen im Schlafe schützen. Das Kleid war ihr über die Füße gelegt.

Das Hausmädchen, das ihr zu Hilfe geeilt war, und gleich ein paar Tücher über sie geworfen hatte, hatte sich gleichfalls Hände und Arme verbrannt und war in das Krankenhaus geschafft. Nur die Köchin war da. Die hatte die gnädige Frau am Abend ausgehen lassen wollen. Jetzt blieb sie natürlich und half vorn mit. Nur den Salon betrat niemand mehr, um den gingen sie alle herum.

Am Nachmittage klingelte es alle Augenblicke. Die Freunde, die schon davon erfahren, wollten sich erkundigen.

Mit matter, leiser Stimme gab er Auskunft. Er wollte es sich nicht nehmen lassen, selbst zu antworten.

Um fünf Uhr klingelte es wieder, und eine Stimme fragte:

– Kann ich gnädige Frau selbst sprechen?

Einen Augenblick überlegte er, so verblüffte ihn diese Frage; aber ehe er antworten konnte, hörte er:

– Ellen? ...

Mechanisch antwortete er:

– Ja.

– Frau Ellen, sind Sie allein?

– Ja! ...

– Ist er verreist?

– Ja! ...

– Bleibt es dabei, um acht Uhr? –

– Ja.

– Ich komme ...

Ein paar hastige Worte, nur leise geflüstert, wie eine Liebkosung, – der Klang einer fremden Sprache, es schien ihm italienisch. Er hatte es nicht verstanden, so klopfte ihm das Blut in den Schläfen. –

Was war das? ... fragte er sich. Wer war das, der da eben mit ihm gesprochen hatte? –

Er hielt den Hörer noch immer krampfhaft am Ohre, aber alles blieb still. Mechanisch legte er ihn auf die Gabel, aber ebenso rasch nahm er ihn wieder. Er mußte wissen, mit wem er gesprochen.

– Hier Amt! klang es ihm nach einer Weile entgegen.

– Bitte, Fräulein, mit wem war ich eben verbunden?

– Bedaure, das kann ich nicht sagen. Die Verbindung ist zudem schon gelöst.

Da legte er den Hörer wieder hin.

Ob er verreist sei, hatte die Stimme gefragt, – und um acht Uhr!

Was sollte um acht Uhr sein? –

Irgend etwas steckte dahinter. Eine Frau war das eben nicht gewesen, sondern ein Mann hatte mit ihm gesprochen.

Aber wer konnte es sein? ...

Und wo wollte sie sich mit ihm treffen? –

Der Köchin hatte sie das Ausgehen erlaubt, es wäre nur das Hausmädchen daheim geblieben. Die konnte er nun nicht fragen.

Ich komme! hatte er gesagt.

Vielleicht hierher? – – –

Der Köchin sagte er gegen acht, daß falls es klingele, sie nicht zu öffnen brauche, er werde selbst aufmachen.

Denn er hatte in ihrem Schreibtische gewühlt, und einen Brief gefunden, der an sie gerichtet war, zu der Zeit, als sie allein in Rapallo gewesen. Nun hatte er Verdacht, wer es sein konnte. Vielleicht war es Signor Luigi. In der letzten Zeit war der gegen ihn so seltsam zurückhaltend gewesen, und Ellen hatte nie mehr von ihm gesprochen, selbst als er sie einmal in der Stadt vor einem Kunstladen getroffen hatte.

Er war dicht an ihnen vorbeigefahren; und als er sie am Abend fragte, ob sie den Herrn Luigi lange nicht gesehen, hatte sie gesagt:

– Richtig ja, ich bin ihm begegnet, und er hat einen Augenblick mit mir gesprochen.

Keine Spur von Verlegenheit. Wie von etwas ganz Gleichgültigem, was nicht der Rede wert war, hatte sie ihm geantwortet.

Er ging hinüber in das Schlafzimmer. Es roch entsetzlich, aber seine Neugier war zu groß. An ihrem Toiletteschränkchen steckten die Schlüssel. Dort verwahrte sie die letzten Briefe; und oben, auf ein paar Ansichtskarten und einem französischen Briefe einer Pensionsfreundin, fand er einen Brief. Die Schriftzüge kannte er. Es war also die richtige Spur. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Der Brief sagte ihm genug, redete nur allzu deutlich. Gestern abend mußte er ihn ihr zugesteckt haben, denn er war ganz dünn gefaltet, ohne Über- und Unterschrift, gestern abend, wo sie allein in Gesellschaft gewesen war. Sie hatte offenbar noch keine Zeit gehabt, ihn zu vernichten, hatte sich wohl auch noch nicht davon trennen können. –

Die Zeit ging hin, und er wußte nun, daß sie ihn hintergangen hatte, in seiner Wohnung, hier! ... vielleicht in jenem koketten Raume, wo sie heute früh ihren Tod gefunden hatte.

Die kleine Uhr auf dem Schreibtisch schlug leise ihre acht Schläge.

Nun mußte er kommen ...

Aber es klingelte nicht. Dafür hörte er ein leises kratzendes Pochen an der Entreetür und ging öffnen.

Der andere prallte zurück, als er den Gatten vor sich sah, aber der sagte ganz ruhig:

– Bitte! ... Sie wollen wohl nicht zu mir, sondern zu meiner Frau. Einen Augenblick nur! ...

Er ließ ihn in sein Zimmer ein, ging dann hinüber in den Salon, nahm im Dunkel das seidene Tuch von dem gräßlich verkohlten Gesicht der Toten, schaltete mit dem Rücken zum Zimmer alle Flammen ein, und sagte wieder eintretend und auf den Salon weisend:

– Hier finden Sie meine Frau.

Damit ließ er ihn eintreten ...

 

Im nächsten Augenblicke gellte ein fürchterlicher Schrei, und dann stürzte der andere hinaus wie irr, daß er so dem Tode ins Gesicht geblickt hatte.

Er aber sah nichts mehr. Er sank vor seinem Schreibtische auf den Stuhl, legte das Gesicht auf die verschränkten Arme und fand die ersten Tränen, die ihm wie eine Erlösung kamen, ... in der Genugtuung über die Rache, die er an jenem geübt, den er so gut getroffen hatte, daß er die Erinnerung an das, was er eben gesehen, nicht überleben würde. –


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