Charlot Strasser
Reisenovellen aus Russland und Japan
Charlot Strasser

 << zurück weiter >> 

Japanische Lyrik

In den letzten Jahren kommt Kunde um Kunde vom fernen Osten, die uns jene seltsame alte Welt näher bringt. Wir hören manch Barbarisches, Furchterregendes, aber auf der andern Seite entfliegt unsere Phantasie in Märchen und Traumwelten, wie wir sie zur Kinderzeit in Tausend und eine Nacht geahnt haben. Stehen wir dann wirklich in dieser Fabelwelt, fassen wir die Farben und Formen, die Laute und Klänge, die Sitten und Gebräuche wirklich mit unseren Sinnen, so sehen wir wohl vieles genauer und gar mit Fehlern behaftet, aber die Rätsel einer fremden Kultur sind uns deshalb noch lange nicht gelöst; im Gegenteil sie werden immer dunkler, geheimnisvoller und schöner. Mir ist es, wenn ich jetzt so über die Zeit zurückdenke, die ich da drüben in Japan und China weilte, als ob ich einmal in die Märchen des Romantikers E. T. A. Hoffmann versetzt worden sei; ein Mitspieler in der Geschichte vom goldenen Topf, tief im Garten des Salamanders und Archivarii Lindhorst. Jedes Auge erlebt für sich, das eine Werktag und Wirklichkeit, das andere weilt in den Sphären der Phantasie, in denen man kaum an die eigene Existenz zu glauben vermag.

In Japan und China, an Ort und Stelle, sind die Eindrücke viel zu mannigfaltig und mächtig, als dass man sie dort unmittelbar verarbeiten könnte. Man trinkt, geniesst, nimmt auf und kommt halbbetäubt zurück von all dem goldenen Überfluss. Aber zu Hause gerät dann der liebe, deutsche Geist über uns, der Geist, 148 der zu ordnen versucht, der diszipliniert und Studien vorschreibt, der sogar ein wenig wissenschaftlich wird und katalogisiert, und anhand mehr oder weniger guter Bücher verstehen wir dann, was wir in Farben und Wirklichkeit geträumt haben. So geschah es wenigstens mit mir. Unendlich viel Schönheit ist mir aus Unbildung entgangen, am Wege liegen geblieben.

Ich denke eines Gastmahls bei japanischen Freunden. Man kauerte vor den kleinen Tischchen auf sauberen Strohmatten und gegenüber sassen die zauberhaftesten Kunstgebilde des östlichen Inselreichs: japanische Frauen, – kleine Geishas und Nesans, Tänzerinnen und Teehausmädchen. Der Europäer, der nur kurz drüben war, mag schlechthin die Geishas als Halbweltdamen in ihre gesellschaftliche Rangordnung einstellen. Aber sie gefallen ihm doch. Und wenn ich mir nun vergegenwärtige, dass diese Wesen, wenn ich kultiviert genug dazu wäre, diese Courtisanen sich mit mir in Versen und zierlichsten Wortspielen unterhalten würden, sofern ich ihre Sprache und Literatur, in der sie aufgewachsen sind, verstünde; dass ich die geistreichsten Sinnsprüche und Paradoxa von ihnen hören könnte, wie man sie in unsern Sprachen überhaupt nicht nachahmen kann, so gibt gerade dieses mitten herausgegriffene Beispiel einen Ausblick dahin, wo einem die Genüsse einer fremden Geisteswelt unerschlossen blieben. Es ist das Nämliche, diese Geishas tanzen zu sehen und singen zu hören, und sich mit ihnen in einer fremden Sprache zu unterhalten, als ob man ein japanisches Gedicht in der Übersetzung liest oder hört, statt es in seiner ganzen unbegreiflichen Raffiniertheit mit den Augen aufzufangen und zugleich gesprochen und gesungen zu empfinden. 149

Wohl nirgends hat die lyrische Poesie so tief bis in die untersten Schichten des Volkes Wurzel gefasst, wie in Japan und China. –

Frauentränen gehören zum schönsten, was ein Mann hinwegküssen, aber auch zum schwersten, was ein Mann ohne Rührung ertragen kann. Und die lieblichsten Tränen sah ich an einer kleinen Japanerin, als sie über ein paar meiner eigenen Verse weinte. Das ging so zu: Ein Landsmann in Kobe hatte mich nach langem Spitalaufenthalt zu sich in sein Haus aufgenommen. Von ihm, dem Frohen, Gütigen, will ich nicht erzählen, da er als braver Handelseuropäer die Poesie sehr in schiefem Winkel anschaute. Aber die Lyrik hatte er doch im Hause.

Es wird nicht jedem Europäer leicht, eine Frau aus dem Westen mit hinüber in sein japanisches Heim zu nehmen, zumal, wenn er nicht die Richtige findet, die er gerne mitführen möchte. So haben denn viele der Europäer eine kleine Japanerin bei sich, die wohl ein wenig die Rolle einer Geliebten spielt, ausserdem aber dem Haushalt und der Garderobe ihres Herrn in musterhafter Weise vorsteht und ihm vor allem jene Treue hält, die an der japanischen Frau sprichwörtlich geworden ist. Diese japanischen Frauen der Europäer, die meistens nicht legitim geheiratet sind, bleiben oft ihr ganzes Leben lang mit ihnen zusammen und erdulden im allgemeinen kein allzuhartes Geschick. Ihre Landsleute nehmen sie allerdings nicht mehr in die Gesellschaft auf, die Europäerinnen noch viel weniger, sondern letztere übersehen stillschweigend das immerhin als notwendig anerkannte Übel. Doch haben die japanischen Haushälterinnen unter sich selber Verkehr genug. Der Europäer, der im Osten war, sieht mit 150 milderen Augen dergleichen Dinge an, als einer, der anhand unseres strengen Sittenkodexes über die illegitimen Mischehen den Stab bricht. Traurig liegen die Dinge nur, wenn Nachkommenschaft da ist, denn sie wird von den Japanern wie von den Europäern auf der Seite gelassen, wenn der Vater der Kinder nicht seine Ehe gesetzlich regelt. Dann werden die Kinder europäisch. Dann ist auch dieses Übel gehoben.

Bei meinem Gastfreund lebte nun seit neunzehn Jahren Shima-ko san: Fräulein Insel, – eine liebreizende, gute Frau mit einem Kinderherzen. Ihr Alter vergass ich jeden Tag wieder, sie sah so jung aus, als hätte sie eben die ersten zwanzig Jahre erreicht und war doch näher an den zweiten. Und sie pflegte mich mit rührender Sorgfalt und Aufopferung. Wie oft hat sie mich mit ihren scheinbar zerbrechlichen, feinen Armen gestützt, wenn ich mit meinem kranken Beine müde herumhumpelte, – wie oft hat sie mir das in Japan so köstliche tägliche Bad zubereitet! – Darf man so etwas erzählen?

Doch! – Gerade, weil so Viele mit lüsternen Gesichtern sich davon Bericht geben, dass man in Japan nicht nur von Frauen rasiert, sondern sogar gebadet werde – und unrein dabei empfinden. Aber sie haben den Japanern eine ihrer schönsten Eigenschaften nicht abgelauscht: das natürliche Empfinden in sexuellen Dingen. Oder vielmehr: nicht sexuell zu empfinden, wenn Erotik gar nicht in Frage kommt.

So ich von ihren kleinen Händen massiert wurde, habe ich sicher nie anders empfunden, als dass irgend jemand Lieber mir eine köstliche, körperliche Erfrischung verabreicht habe; – erst jetzt, wo ich wieder in Europa an meinem Schreibtisch sitze und in der 151 Erinnerung krame, kommt mir zum Bewusstsein, dass man bei uns Worte darüber verlieren muss, weil man es als das natürlichste Ding der Welt angesehen hat, von einer befreundeten Frau gebadet zu werden.

Doch ich komme vom Thema ab, obschon – ist das nicht auch ein Stück japanischer Lyrik? –

Meine Freundin Shima-ko san war aus dem Volk. Da eine Japanerin von guter Familie bei dem heutigentags schon sehr gesteigerten Rassenempfinden sich schwer mit einem Europäer einlassen wird, stammen die meisten dieser Europäergesellschafterinnen aus den unteren Klassen; – es sind Töchter von Köchen, von Fischern und hauptsächlich von Kurumayas, von Wagenziehern. Ein Wagenzieher war auch der Vater Shima-kos. Und trotzdem sie also der Kuliklasse entstammte, sprach sie doch ein wenig englisch, zeigte eine überaus feine Formen- und Herzensbildung, und wusste vor allem eine Menge schöner, sinnvoller Volkslieder.

Das erfuhr ich, wenn ich an den Februarabenden, die ich mit ihr zusammen im Jahre des Heils 1907 verbrachte – mein Gastfreund arbeitete auf seinem Kontor meist bis spät in die Nacht und liess uns allein –, wenn ich an den langen Abenden mit ihr zusammen am Kamin sass. Sie wusste einen trefflichen Glühwein zu brauen, goss Arak darüber, zündete das wunderbare Nass an, sodass des Weingeists blaue Flammen, die dann mit den roten Feuerzungen des Kaminfeuers zusammenschlugen, drüber tanzten. Dann sang ich:

    Die blauen Flammen tanzen auf dem Punsch
als helles Lachen, ohne Gier noch Wunsch.
Doch drunter glüht des Weines tiefer Geist,
der froh des Lebens wahre Künste weist. 152

    So wir. Die eignen Fehler sind uns leicht.
Ernst und Gelächter: tanzend naht's und weicht.
Die Werte drunter finden wir uns doch
und halten uns aus tiefstem Herzen hoch!

Sie aber sang jeweilen ein kleines, japanisches Volkslied dazu, das im Deutschen vielleicht so klingen würde:

Grausame, mächtige Flamme!
Wie herzlos du bist, dass du leuchtest!
Bevor ich nur zweimal dich sah,
schwandest du völlig hinweg.

Dann trank ich meinen Wein und sie trank wacker mit, denn das hatte sie von Europa übernommen, und wir plauderten, bis die Flammen in sich zusammensanken. Ich konnte nur wenig Japanisch; aber es bedarf so weniger Brocken, um sich verständlich zu machen. Man denke etwa an die Italiener, die den, der nicht ordentlich in ihre Sprache eingeweiht ist, am besten verstehen, wenn er durch Zeichen mit ihnen spricht.

Als ich ihr einmal, in einer schwachen Stunde, von einer alten, bösen Liebe erzählte, und von einer ungetreuen, schönen Frau, hatte sie zu den verschiedenen Phasen meiner Beichte eine Anzahl Volkslieder, die sie mir zwischen meine Klagen warf.

Solch ein winziges Wort!
Zu sagen, dass ich dich liebe!
Warum, o warum ist es hart,
so wenig zu sagen als dies?

Oder:

Im Herzen kann ich's nicht bergen,
das Glück, davon es erfüllt ist. 153
Schweigen erbittend, streue
ringsum mein Geheimnis ich aus.

Als ich ihr einmal den Hof machte, antwortete sie:

Er, der niemals betört ward
durch zauberisch Lächeln der Frauen, –
ein hölzerner Buddha ist er, –
ein Buddha aus Erz oder Stein.

Oftmals redeten wir von der Schönheit und dem eigenartigen Liebreiz der japanischen Kinder. Und niemals war Shima-ko berückender, als wenn sie mit ihrer feinen, kindlichen Stimme japanische Kinderlieder sang. Hier, was ich davon behalten und verstanden habe:

                Fräulein Mond, wie alt bist du?
                Dreizehn und eins.
Das ist noch jung;
schnell steig in das Schiff der Jugend, – geh! –
und kreuze nach China über die See!

                —   —   —

O Fräulein Mond!
O Fräulein Mond!
Hör doch! Sieh doch!
Eine Katze, – eine Ratte, –
was für ein Spass –
tragen ein Reisweinfass,
und jetzt fliegen sie und fliehn
grad über den Fuji-Berg hin!

                —   —   —

»Weisser Reiher! Weisser Reiher!
Warum ist dein Schnabel so lang?«
»Vom Hungern ward er so lang.«
»Hast du Hunger, armer Gesell, 154
geh und bebaue das Reisfeld schnell!«
»Wenn ich das Reisfeld bebauen soll,
werd' ich vom Schmutz und vom Schlamme ganz voll.«
»Wenn du dich schmutzig machst, bürste dich! He!«
»Wenn ich mich bürste, tut es mir weh!«

                —   —   —

Die Lotosblume ist aufgeblüht,
ist aufgeblüht, ist aufgeblüht! –
Kaum dachte ich so, –
oh, –
es war noch kein Augenblick verflossen,
da blieb sie schon wieder zugeschlossen!

                —   —   —

Der Herr mit Namen Essigpflaume
ist runzlig vom Kopf bis zum Schuhsolensaume,
ist überall runzlig, – ich seh's immer genauer. –
                    Sauer auf dieser Seite!
                    Sauer auf jener Seite!
                    Sauer, sauer, sauer!

                —   —   —

»Das kleine Mädchen da, aber was das für ein gutes Kind ist! wem seines ist es?«
»Es ist das Jüngste von Hachibei, dem Herrn Kaufmann.«
»O, was für ein gutes Kind, o, was für ein kluges Kind!
            Weil es gar so gut geraten,
            will ich's dir nur gleich verraten:
            Zehn Kwan geb ich den Eltern sein,
            fünf Kwan sind für es allein,
und nicht weniger als fünfundvierzig sind für sein Grossmütterlein. 155
Sag, wie willst du so viel Geld, fünfundvierzig Kwan losschlagen?«
»Ich will billig Reis einkaufen, um ihn auf ein Boot zu tragen.
Das Boot ist von Silber, das Ruder von Gold.
Saasa! Rudert fest, wenn ihr die Hauptstadt erreichen wollt!«
»Was hast du denn für uns mitgebracht aus der Hauptstadt?«
»Erstens eine Haarnadel aus Schildpatt,
              zweitens einen Spiegel, und nun
              drittens einen Gürtel aus Zitzkattun.
              Bitte, näh mir das, Grossmama!«
»Du, als ich's nähen wollte, – doch, als ich's nähen wollte, denke nur, –
war es zu kurz für einen Gürtel, war es zu lang für eine Tasukischnur.«
»Dann will ich es eben
als ein Glockenseil für die Glocke des Yakuchi in Yamada geben!«

                —   —   —

Wir bitten den Herrn, den man Daikoku-Sama ruft:
Erstens, dass er über die Reisähren wache;
zweitens, dass er mit freundlichem Antlitz lache;
drittens, dass er die Reisweinflasche ruhig in seiner Hand halte;
viertens bitten wir ihn, dass die ganze Welt sich glücklich gestalte;
fünftens, dass die Quellen ungetrübt fliessen;
sechstens, dass alles Volk möge frei von Krankheit und Elend sein Leben geniessen;
siebentens, dass alles Böse darniederliege;
achtens, dass unser Haus ein siegreiches sei im Kriege;
neuntens, dass eine Schatzkammer errichtet soll werden;
zehntens, dass überall Friede herrsche auf Erden! 156

                —   —   —

Zitronen, Orangen, – wie viele assest du nebenbei? –
Oben im heiligen Tempel ass ich drei. –
O der heilige Tempel – sag mir, von wem er aufgebaut sei. –
Von des reichen Herrn Hachimans jüngster Tochter,
am Tage, als sie Hochzeit machte, die jüngste Tochter.
Die lange Tempelstrasse schritt sie hinunter, – shara-shara, –
die kurze Tempelstrasse schritt sie hinunter, – shara-shara, –
dann zerriss ein Riemen der Holzsandalen, die immer so klappern: shara-shara.
»Liebe ältere Schwester, willst du mir bitte den Riemen flicken!«
»Den Riemen wollt' ich dir gerne flicken,
allein, ich habe weder Nadel noch Zwirn.«
»Eine Nadel vom Nadelkrämer will ich dir kaufen;
Zwirn vom Zwirnkrämer will ich dir kaufen.«
»Ach, des Nadelkrämers Nadeln sind rostige Nadeln!
Des Zwirnkrämers Zwirn ist rostiger Zwirn!«
»Ach Schwester! Auf meinen Sandalen ist Blut! Sieh bloss!«
»Das Rot von Osaka hat wirklich eine schöne Farbe;
sehr schön ist die Farbe, – aber der Preis dafür ist zu gross.«

                —   —   —

»Wo führt diese enge Strasse denn hin?«
»Diese enge Strasse ist die Strasse des Gottes Tenjin.«
»Ich bitte, erlaube mir, einen Augenblick vorüber zu gehen.«
»Nein, Keiner der nichts zu tun hat, darf hier vorübergehen.« 157
»Aber ich will doch hindurch, weil ich zum Gott Tenjin gebetet habe,
und jetzt sollte ich ihm schnell bringen meine Opfergabe.«
»Wo bist du zu Hause?«
»Mein Haus steht am Schlagbaum von Hakone.«
»So geh vorbei! Geh! Geh!
Wenn du gehst, wird alles gut sein für dich;
aber wenn du zurückkommst, wirst du Grund haben, zu erschrecken. Denk an mich!«

                —   —   —

So ging's meinem Nachbar Semmatsu,
als er für den Krieg in Omi angeworben war.
Es verstrich, und er kam nicht zurück, ein Jahr.
Und er kam auch nicht wieder nach zweien Jahren,
und als ihrer drei verflossen waren,
kam sein Kopf zurück.

                —   —   —

Tengu san, Herr Berggeist!
Bitte, gib mir ein wenig Wind!
Hast du keinen Wind,
bitte, gib mir ein wenig Geld!

                —   —   —

Regen, Regen! Sei doch still!
Am Fuss des Kakibaumes,
gegenüber dem Tempel
ist dem Fasan sein Junges, das schreien will!

                —   —   —

Schmetterling, Schmetterling!
Licht auf dem Na-Blatt!
Ist dir das Na-Blatt zu gering,
flieg auf meine Hand! 158

                —   —   —

    Fräulein Mond, Fräulein Mond!
    Wie alt sind Sie?
    »Sie belieben?«
    Wie alt Sie sind?
    »Dreizehn, sieben.«
    Das ist noch jung.
    Dies Kind, das geboren wurde,
    das Kind, das geboren wurde,
    zu wem soll ich's hintragen?
    »Zu O-Man soll man es tragen.«
    Wo ist O-Man denn hingegangen?
    »Sie ging aus, um Öl zu kaufen
    und nach Tee ist sie gelaufen,
    glitt aus und fiel hin,
    grad bei der Ölkrämerin,
    und vergoss einen ganzen Sho Öl.«
    Was ward aus dem Öl?
    »Der Hund von Herrn Taro
und der Hund von Herrn Jiro
haben es alles aufgeleckt.«
Was geschah mit den Hunden?
»Man hat sie geschunden,
und machte Trommeln aus ihren Fellen.
Hörst du, wie sie drauf schlagen und dazu schellen?
Hörst, du den Ton? Don doko don!«

                —   —   —

Aber der schönste Abend war doch jener, da ich einige Gedichte ins Japanische übersetzt bekommen hatte und nun, so gut ich es konnte, Shimako vorlas.

Ganz still, mit grossen, erstaunten Augen sass sie da, und wunderte sich immer wieder, dass ein 159Europäer solches gesagt habe und solches über ihre geliebte Heimat Japan wusste.

Ganz vertieft war ich in die für mich seltsame Lektüre und die Schwierigkeit, die mir das Rezitieren einer fremden Sprache machte und als ich enden wollte und aufsah, standen die Augen meiner kleinen Freundin voller Tränen.

Hat schon ein Globetrotter eine kleine Japanerin weinen sehen? Gewiss selten. – Aber hat schon einer sie aus Freude weinen sehen? Diese nach aussen so harten, beherrschten, sich jeder ihrer Bewegungen bewussten, zierlichen Wesen?

Und meine kleine Freundin Shima-ko weinte, – mit einem lieben, glücklichen Gesicht. Wäre sie eine Europäerin gewesen, – ich hätte sie, trotz der Freundschaft, herzhaft geküsst. Aber das tut man nicht in Japan.

Mit einemmal kam ihr das Bewusstsein, dass ich mich über ihre Schwäche, der sie sich sicher schämte, wundern musste, und, – sich mit der schmalen, durchsichtigen Hand über die Augen fahrend, zitierte sie ganz leise eines ihrer geliebten Volkslieder:

»Als ich dein Angesicht sah,
da war mir, als müsste ich jubeln
all meines Denkens Klang! –
Doch irgendwie kam mir das Weinen.« –

Ich küsste ihr die Tränen dann doch hinweg; – aber das war nicht schön von mir, und das darf mein Gastfreund nicht wissen.

Warum hatte er auch die Lyrik in seinem Hause!

 


 << zurück weiter >>