Theodor Storm
Ein Bekenntnis
Theodor Storm

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– – Als ich dann wiederkehrte, fand ich die neue Wärterin schon dort; Hilda saß am Bette ihrer Mutter; sie schienen bei meinem Eintritt von ernster und inniger Unterhaltung abzubrechen. Meine Kranke war sichtlich von einer neuen Erregung ergriffen, aber sie reichte mir ihre heiße Hand, und ich fühlte einen leisen Druck und sah ein schmerzliches Lächeln um ihren noch immer schönen Mund.

»Ich bin durch Hilda schon von allem unterrichtet«, sagte sie, »und bereit, mich dem, was Sie für nötig achten, zu unterwerfen. Wenn hier der Tod ist und dort das Leben sein kann, so muß ich für mein Kind das Leben suchen, so schwer es zu erreichen sein mag.«

Die Tochter hatte ihren Arm um die Mutter geschlungen und drückte ihr braunes Köpfchen, wie um es zu verbergen, gegen deren Nacken; nur ich mochte es gesehen haben, daß ein paar große Tränen ihr wie widerwillig aus den Augen sprangen.

Aber ich mußte ihr dankbar sein, sie hatte mir die schwere Eröffnung abgenommen, und meine Kranke hatte ich gefaßt gefunden. Ich will es kurz machen, Hans – die furchtbare Operation ging einige Tage später nach sorgfältigster Vorbereitung, unter Zuziehung meines Assistenten und eines besonders geschickten jüngeren Arztes aus einer Nachbarstadt, nach den Gesetzen unserer Wissenschaft vorüber. Hilda – das hatte ich ausbedungen – durfte nicht zugegen sein; aber in allem, was sie außerdem zu leisten hatte, war sie, wenn auch totenblaß, das feste zuverlässige Mädchen, worauf ich gerechnet hatte.

Und so blieb es; unter ihrer zugleich liebevollen und strengen Pflege ging die Heilung wider mein Erwarten und – trotz des furchtbaren Vergleiches – ich kann dennoch sagen: zu meiner Freude, rasch vonstatten, so daß mir bald die Aussicht auf Genesung sicher wurde und, bei dem rechtzeitigen Eingreifen, auch die Furcht vor einem Rückfall immer mehr zurücktrat. Von der Wärterin erfuhr ich freilich, daß Fräulein Hilda zwar noch ihre Schlafkammer oben im Hause habe, aber gegen die Nacht, wenn das Befinden der Mutter ihr das geringste Bedenken errege, von dem Stuhl an deren Bett nicht fortzubringen sei: die unruhigen Augen nach der Kranken, verbringe sie dort die Nacht in halbem Schlummer, und erst bei Anbruch des Morgens schleiche sie fröstelnd für ein Stündchen nach der eigenen Kammer.

Ich sah wohl, daß das Mädchen bleicher wurde, je mehr die Mutter sich erholte; und so eines Tages, als sie mich wieder aus dem Krankenzimmer geleitet hatte, faßte ich ihre Hand, und während ihre schönen verwachten Augen zu mir aufsahen, sprach ich und war selbst nicht ohne tiefere Bewegung: »Von heut an, Fräulein Hilda, sollen Sie ruhig in Ihrem Bette schlafen; ich stehe Ihnen dafür, Ihre Mutter ist gerettet.«

Wie durch ein Wunder erhellte sich bei diesen Worten ihr junges Antlitz; in Wahrheit, sie war plötzlich wunderschön geworden. »Gerettet?« frug sie noch halb im Zagen; »o Gott, gerettet!« – Dann noch ein paar tiefe Atemzüge, und ein entzückendes Lachen, als ob's die Brust nicht bergen könne, brach aus ihren Lippen. »Gerettet!« wiederholte sie noch einmal. »O Doktor, mir ist, als trüg ich plötzlich einen Rosenkranz! Aber Sie« – und ihre Augen sahen mich wie heftig flehend an – »gleich einer Trauerkunde haben Sie die Himmelsbotschaft mir verkündet! Und Sie haben mir das Leben – o, verstehen Sie es doch! das Leben meiner Mutter haben Sie gerettet!«

Ich glaube fast, sie wollte mir zu Füßen sinken, aber ich faßte ihre Hand: »Lassen Sie das, Hilda!« sagte ich; »es hat wohl jeder sein eigenes Geschick, und was an Freude einmal hinzukommt, nimmt dessen Farbe an!«

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte sie, plötzlich still werdend, »Sie haben Ihre Frau so sehr geliebt und haben sie verloren!«

»Es war die Krankheit Ihrer Mutter«, fügte ich hinzu; »ich vermochte sie nicht zu retten« – – nur zu töten! hätte ich fast hinzugesetzt, denn mich überkam ein fast unabweisbarer Drang, diesem jungen Wesen meine Seele preiszugeben, ihr alles, was mich zu Boden drückte, bloßzulegen, so wie ich es heute vor dir getan habe. – Aber ich bezwang mich; sie hätte darunter zusammenbrechen müssen.

Die Augen voll Tränen, mir beide Hände hingegeben, stand sie vor mir. »Es tut mir so leid, daß Sie nicht froh sein können«, stammelte sie endlich.

Ich schüttelte den Kopf: »Ich danke Ihnen, Hilda!« sagte ich; dann ging ich fort. Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen.

– – Am Abend saß ich bei den Freunden Lenthes, und, wie so oft, wandte sich das Gespräch darauf, wie meinem unverhehlbar trüben Zustand wieder aufzuhelfen sei. »Täusche dich nicht, Franz«, sagte der Freund, »als ob die Begier nach Leben in dir erloschen wäre; du mußt trotz alledem wieder heiraten und dein Haus aufs neue bauen!«

»Ich bin zu alt geworden, Wilm«, erwiderte ich abwehrend.

– »Ei was! Du hast nur deine Jugend mit Kirchhofsrasen zugedeckt; wenn du ein Weib hast, tragt ihr sie mit einander wieder ab!«

»Am Ende«, sagte ich wie scherzend, »habt ihr meine Künftige schon hinter einem Vorhang? Wer sollte mich denn heiraten?«

Frau Käthe sah mich halb schelmisch, halb zaghaft an. »Hilda Roden?« frug sie leise. »Oder hab ich fehl geraten?«

Es durchfuhr mich doch. »Was wissen Sie von Hilda Roden?« rief ich.

»O«, erwiderte sie schon mutiger, »ich weiß von ihr; Sie würden keinen Korb bekommen, und sie ist gut, die Hilda!«

Und Lenthe nickte dazu:« Überhör nicht, was die weise Frau dir rät!« sagte er lächelnd.

Ich aber dachte: Jetzt wird es Zeit zu gehen! – Laut sagte ich: »Ich überhör es nicht und will tun, was danach geschehen muß. Jetzt aber – reden wir von andern Dingen!«

 

Bereits am anderen Tage sandte ich meinen Assistenten zur Etatsrätin, bei der übrigens ein täglicher Besuch schon kaum mehr nötig war. Die junge hübsche Dame, meinte bei seiner Rückkunft der junge Mann, habe bei seinem Eintritt ihn so erschrocken angesehen, daß er schier darüber außer Fassung gekommen wäre. Ich will dir nicht verhehlen, Hans, daß bei diesen Worten sich mein Herz zusammenzog. Gleichwohl, nach drei weiteren Tagen, nachdem ich mein Haus bestellt hatte, nahm ich Abschied von den Freunden, die, da ich mit einer Hochzeit nichts zu tun haben wollte, auch mit dieser Badereise zufrieden waren, auf die sie, Gott weiß, welche Hoffnung setzten. – Und so, mein alter, mein ältester Freund«, schloß er, mir seine Hand hinüber reichend, »sitze ich denn hier bei dir wie einst vor manchen Jahren; es ist mir wie ein Ring, der sich geschlossen hat.«

Er hatte eine Weile geschwiegen; den Kopf geneigt, daß meine Augen auf sein ergrauendes Haar sahen, so saß er vor mir; dann begann er noch einmal, ohne aufzublicken: »Daß ich meiner Elsi den Tod gegeben, während ich nach dieser neuen Vorschrift vielleicht ihr Leben hätte erhalten können, das liegt nicht mehr auf mir; es ist ein Schwereres, an dem ich trage – so mühselig, daß ich, wäre es möglich, an den Rand der Erde laufen würde, um es in den leeren Himmelsraum hinab zu werfen. Laß es dir sagen, Hans, es gibt etwas, von dem nur wenige Ärzte wissen, auch ich wußte nicht davon, obgleich ihr mich zum Arzt geboren glaubtet, bis ich daran zum Verbrecher wurde.«

Er atmete tief auf. »Das ist die Heiligkeit des Lebens«, sprach er. »Das Leben ist die Flamme, die über allem leuchtet, in der die Welt ersteht und untergeht; nach dem Mysterium soll kein Mensch, kein Mann der Wissenschaft seine Hand ausstrecken, wenn er's nur tut im Dienst des Todes, denn sie wird ruchlos gleich der des Mörders!«

Ich ergriff seine Hand: »Schmähe dich nicht selber, Franz! Du hast auch so genug zu tragen!«

»Du hast recht«, sagte er aufstehend; »es taugt auch nicht, davon zu reden; nur die eine Frage ist zurück: Was nun?« Er war auf gestanden und ging im Zimmer hin und wider.

»Die Lenthes«, sagte ich, »haben dir ein derbes Mittel angeraten!«

»Für einen Unschuldigen«, erwiderte er, »vielleicht nicht unrecht; und doch« – er war stehen geblieben – »pfui, pfui! Dies edle Geschöpf zum Mittel einer Heilung zu erniedrigen, es würde nur ein neues Verbrechen sein!«

Ich blickte aus dem Banne dieser furchtbaren Erzählung in dem Zimmer umher; von dem engen Hofe fiel schon die Dämmerung herein, es regnete draußen. »Laß uns ein Weiteres auf morgen sparen«, sagte ich; »das Ungeheure, das ich gehört habe, verwirrt mich noch; ich komme morgen schon in der Frühe zu dir!«

Er nickte und reichte mir die Hand. »Tu das, Hans, und schlafe gesund, wenn dein treues Herz dich schlafen läßt!«

– – Ich ging und fand im Hotel meine alte Verwandte ungeduldig meiner harrend. »Wo bleibst du, Hans? Ich sitze hier schon stundenlang, die Hände im Schoß, und der Tee ist längst bitter!«

Meine Entschuldigung, daß ich einen alten Freund, mit hartem Schicksal beladen, wiedergefunden, wollte kaum verschlagen; ob aber der Tee bitter war, habe ich damals nicht geschmeckt.

 

Nach einer freilich meist schlaflosen und in vergeblichem Sinnen verbrachten Nacht machte ich mich – es war doch schon gegen sieben Uhr geworden – zu meinem Freunde auf den Weg. Als ich in das Haus trat, sah ich, daß dessen Zimmertür weit offen stand, und eine alte Magd schien drinnen aufzuräumen, als ob dort kein Bewohner mehr vorhanden sei; selbst die Fenster nach dem Hofe waren aufgesperrt.

»Ist denn der Herr Doktor schon ausgegangen?« frug ich näher tretend.

Aber das Frauenzimmer schlug mit gespreizter Hand einen Halbkreis durch die Luft: »Fortgefahren ist er, schon um vier Uhr; er kommt nit wieder!«

In meiner Bestürzung sah ich, wie einen Anhalt suchend, durch das Fenster auf den Hof und gewahrte dort die Dohle noch wie gestern auf dem Holunderbusche hucken. Die Magd hatte sich auf ihren Scheuerbesen gestemmt und schaute gleichfalls dahin. »Ja«, sagte sie, »den ruppigen Vogel, den hat der Herr Doktor meiner Herrschaft hier gelassen!«

»Hatte die denn das Tier so gern?«

Die Alte schneuzte die Nase in ihren Schürzenzipfel; dann schüttelte sie grinsend ihren Kopf: »Aber eine Handvoll Gulden hat er draufgegeben, der Herr Doktor, und gesagt, das sei das Kostgeld.«

In diesem Augenblick gewahrte ich einen Brief mit meiner Adresse auf einem Tische liegen; es war die mir noch wohlbekannte Handschrift meines Freundes. Ich nahm ihn und sagte: »Der Brief ist an mich!«

Das Weib sah mich an: »Ja, wer sind's denn eigentlich?«

Ich nannte meinen Namen und fügte hinzu: »Habt Ihr mich nicht gesehen? Ich war doch gestern den ganzen Nachmittag bei dem Herrn Doktor!«

»Ach ja, da wird's scho richtig sein; wissen's, ich hätt nachher doch den Brief Ihnen sollen bringen.«

So ging ich denn mit klopfenden Pulsen, aber wie mit einem gewonnenen Schatze in mein Hotelzimmer und las, was, wie ich jetzt glaube, Franz mir schon gestern hätte sagen können.

»Lebe wohl, mein Freund«, – so schrieb er, und es dauerte eine Weile, bevor ich weiterlesen konnte – »wir werden uns nicht wiedersehen. Daß Du zur rechten Zeit mich fandest, daß ich zu Dir das Ungeheure von der Seele sprechen konnte, hat meinen Geist befreit; ich bin jetzt fest entschlossen: ich gehe fort, weit fort, für immer, nach Orten, wo mehr die Unwissenheit als Krankheit und Seuche den Tod der Menschen herbeiführt. Dort will ich in Demut mit meiner Wissenschaft dem Leben dienen; ob mir dann selber Heilung oder nur der letzte Herzschlag bevorsteht, will ich dort erwarten. – Noch einmal lebe wohl, geliebter Freund!«

*

Seitdem, fast dreißig Jahre lang, hörte ich nichts mehr von Franz Jebe, nur durch Lenthes, mit denen ich später in nähere Verbindung trat, daß sein Assistent wirklich das Erbe seiner Praxis angetreten habe, wozu Franz ihm aus der Ferne noch behülflich gewesen sei. Dann, im Herbste 1884, gelangte ein Schreiben aus Ostafrika an mich, dessen Adresse von einer mir fremden Hand war. Als ich es geöffnet hatte, fielen zwei Briefe heraus, der eine, leicht erkennbar, von der Hand meines lang verschollenen Freundes, der andere von der Feder, welche die Adresse an mich geschrieben hatte. Ich las diesen letzteren zuerst; er war nach der Unterschrift von einem Missionar:

»Gruß in Christo Jesu zuvor!

In der Nacht vom 16. Mai d. J. ist hier der stets hülfreiche und, obwohl er den rechten Weg des Heils verschmähte, dennoch von der Liebe Gottes erfüllte Dr. med. Herr Franz Jebe unter meinen Gebeten zum wahren Gott-Schauen entschlafen, infolge einer schweren Seuche, von der er zwar nicht befallen worden, deren treue Bekämpfung aber den ohnehin schon schwachen Rest seiner dem Dienste der Menschenliebe gewidmeten Kräfte aufgerieben hat.

Diese Nachricht an Sie, werter Herr, und die Übersendung seiner Abschiedsworte habe ich ihm in seiner letzten Stunde zugesichert.

Möge der große Gott mit unserem Toten und auch mit Ihnen sein!«

Dann nahm ich den Brief meines Freundes:

»Noch einmal, Hans«, so schrieb er, »greife ich nach Deiner Hand und hoffe, Du wirst die meine fassen können; nur ein Wort noch, damit Du von mir wissest und meiner in Frieden gedenken mögest!

Ich habe ehrlich ausgehalten; mitunter nicht ohne Ungeduld, so daß mir die Gedanken kamen: Was bist du doch der Narr? Der Weg hinaus ist ja so leicht! – Aber ich hatte damals noch die Kraft, mich abzuwenden, daß ich an mir selber nicht zum Frevler würde. Jetzt endlich geht die Zeit der furchtbaren Einsamkeit, in der ich hier die zweite Hälfte meines Lebens hingebracht habe, ihrem Ende zu. Die Kräfte sinken rasch; ich wundere mich, daß ich noch lebe, zugleich aber sehe ich vor mir das Tor zur Freiheit von anderer, ich weiß nicht, von welcher Hand geöffnet – – o, meine Elsi! möchte es die deine sein!

Lebe wohl, Hans, mein Freund: ich fühl's, das Sterben kommt!«

 

– – So war sein Leiden denn zu Ende – Ob eine solche Buße nötig, ob es die rechte war, darüber mag ein jeder nach seinem Innern urteilen; daß mein Freund ein ernster und ein rechter Mann gewesen ist, daran wird niemand zweifeln.


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