Theodor Storm
Ein Bekenntnis
Theodor Storm

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– – Es war nicht lange nachher, als wir beide eines Abends im Gartenssal unserer Freunde am Teetische saßen. Frau Käthe hatte gleich bei unserem Eintritt einen mütterlichen Blick auf mich geworfen und mir einen besonders bequemen Lehnstuhl angewiesen, was ich dankend annahm, da ich mich heute mehr als sonst ermüdet fühlte. Wir plauderten, aber meine Worte fielen etwas sparsamer als gewöhnlich. »Du hast wohl einen strammen Tag gehabt?« sagte Freund Lenthe; aber bevor ich antworten konnte, war meine Frau bei mir und legte beide Arme um meinen Nacken: »Franz, dir fehlt etwas!« rief sie, und ihre Stimme klang, als ob sie zürne, daß mir, der nur ihr gehörte, von andern ein Leides angetan sein könne.

Ich strich sanft über ihren Scheitel: »Geh an deinen Platz, Elsi! Mir fehlt nichts; niemand hat mich gekränkt!« Ich drückte ihr heimlich die Hand; da ging sie schweigend wieder zu ihrem Stuhl, aber mit rückgewandtem Haupte, und ihre erschreckten Augen hingen an den meinen.

»Sieh mich nicht so sorgvoll an!« sagte ich; »was mich heute mehr als billig erregt hat, ist nur ein Fall aus meiner Praxis: unsere alte Grünzeughökerin, Mutter Hinze, die ihr alle kennt, ich möchte sagen, sie leidet mehr, als ein Mensch ertragen kann; ich war zuletzt noch eine volle Stunde bei ihr, und – ein Arzt ist am Ende doch auch nur ein Mensch!«

»O«, rief Elsi und hielt sich, wie zum Schutze, ihre beiden kleinen Hände vor den Mund, »ich könnte nicht, ich würd vor Mitleid sterben!«

»Sie sollen auch nicht, liebe Frau!« sagte Lenthe lächelnd: »Sie sind kein Arzt; bei denen und den Advokaten pflegt die uns gleich überfallende Denkarbeit das Mitleid zu verzehren.«

»Ja, Lenthe«, entgegnete ich, »aber auch das hat seine Grenzen; und übrigens ist es bei uns Ärzten auch noch ein anderes als nur das Mitleid; wie oft flog es mir beim Anblick solcher Leiden durch den Kopf: Das ist menschlich, binnen heut und kurzem kannst auch du so daliegen; es ist nur ein Spiegel, in dem du dich selber siehst!

Aber das war es diesmal nicht!«

Lenthe sah mich fragend an.

»Glaub mir«, sagte ich, »ich sah nichts als die vergebens mit ihren Schmerzen ringende Alte, die mit ausgespreizten Händen in die Luft stieß und, als wolle sie sich Hülfe rufen, die Kiefern aufeinander schlug, aber nichts hervorbrachte als so grauenhafte Laute, daß ich bis jetzt sie im Umkreis des Lebendigen nicht für möglich gehalten hätte.«

Als Lenthe mich um näheres befragte, hatte ich mich ganz ihm zugewandt und teilte ihm noch mehreres über diesen mich wissenschaftlich und menschlich beschäftigenden Fall mit. Da kam Frau Käthes Stimme wie vorsichtig zu mir herüber: »Doktor«, sprach sie, »Ihre Frau!«

Als ich aufblickte, sah ich Elsi bleich und mit geschlossenen Augen in den Armen ihrer Freundin. Ich ging zu ihnen, und da es nur eine leichte Ohnmacht war, so wurde sie bald beseitigt. Da sie sich wiedergefunden hatte, brachte sie hastig ihre Lippen an mein Ohr: »Verzeih mir, Franz!« flüsterte sie, »ich kämpfte, ich konnte nicht dagegen!« Ihre Augen begleiteten mich schmerzlich, als ich nach einer beschwichtigenden Liebkosung auf meinen Platz ging.

Aber die Behaglichkeit des Abends war gestört und wollte sich nicht wieder herstellen. Als wir früh nach Hause gingen, klammerte sich Elsi an meinen Arm und atmete stark, als ob sie in dem Halbdunkel der Gassen mir etwas bekennen oder anvertrauen wolle und doch nicht dazu kommen könne.

Ich wollte ihr zu Hülfe kommen, ich sagte: »Was fiel dir ein, Elsi, daß du nach deiner Ohnmacht mich um Verzeihung batest? Das hätte meine Bitte an dich sein sollen, da ich diese Schrecknisse in Frauengegenwart vorbrachte.«

Aber sie schüttelte den Kopf und lehnte sich nur fester an mich: »Nein, Franz, sprich nicht so; ich fühle eine Schuld; nicht weil es so ist, denn dafür kann ich nicht; nein, weil ich dir's nicht sagte, bevor ich des berühmten Arztes Frau wurde. Ich habe manchmal heimlich gezittert, daß es sich dir verraten möchte, und du mußt es ja doch wissen. O Franz, ich bin ein feiges Geschöpf, aber mein Leib hat nie von Schmerz gelitten, so daß ich, wenn andere klagten, mir oft als eine fast Begnadete erschienen bin; dafür aber bin ich mit einer Todesangst vor aller Körperqual behaftet. Als eine jüngere Schwester von mir geimpft werden sollte und ich den Arzt die Lanzette hervorholen sah, bin ich fortgelaufen und habe mich in einem Hinterhöfchen so tief zwischen alte Fässer versteckt, daß man erst spät am Abend mich dort auffand und halb tot vor Angst hervorzog. Als du von unserer unglücklichen Alten sprachst, da war es plötzlich nicht mehr sie, ich war es selbst, in der die schaudervollen Schmerzen wühlten; o!« und sie stand still und stöhnte, als ob das Gefühl ihr wiederkomme; »sollte in Wirklichkeit mir das bevorstehen«, rief sie, mich zum Fortgehen treibend, »ich weiß, ich glaube es bestimmt zu wissen, die Angst würde mich töten, bevor die Qualen ihre Klammern in meinen armen Körper setzten!«

»Möge das nie geschehen!« sagte ich und schlug den Arm um ihre Hüfte. »Aber was schiltst du deine Feigheit! Die übermäßige Tapferkeit der Frauen war niemals meine Leidenschaft.«

Sie antwortete nicht darauf, als hätt ich nur um ihretwillen so gesprochen; sie sagte nur: »Nun weißt du es, Franz; liebst du mich noch?«

»Nur um so mehr, Elsi, da ich dich auch hier zu schützen habe.«

Dann hatten wir unser Haus erreicht.

– – Als ich am andern Mittag in die Eßstube trat, kam mir Elsi ein wenig erregt, aber mit auffallend heiterem Angesicht entgegen.

»Nun«, rief ich, »was hast du? Ist ein Glück in unser Haus gefallen?«

»Ich habe nichts«, sagte sie, »oder – ich will nicht lügen – du darfst es noch nicht wissen!«

Ich hob drohend den Finger: »Weißt du schon nicht mehr, wie dich Geheimnisse drücken?«

»Nein, Franz, so ist es nicht; um ein paar Tage sollst du alles wissen! Vielleicht auch bin ich nur so froh, weil du gestern meine Schuld so liebreich von mir nahmst.«

»Und statt des großen hast du nun glücklich ein kleines Geheimnis dir gewonnen; o, ihr Weiber!«

Sie faßte mich um den Hals: »Laß mich's behalten; nur die paar Tage noch!«

»Nun«, sagte ich lachend, »du wirst schon wissen, wie weit meine Langmut reicht!«

Da nickte sie mir zu: »Gewiß, ich will auch gnädig sein!«

– – Ein paar Tage waren hingegangen, und diese erregte Heiterkeit hatte mich jedesmal empfangen; ich glaubte nun bald dort zu sein, wo das Siegel mir gebrochen werden sollte. Da ich aber eines Mittags ins Haus trat, fand ich Elsi weder im Wohn- noch im Eßzimmer, auch draußen nicht. Auf meine Frage an die Hausmagd wurde mir berichtet: »Frau Doktor sind unwohl und haben sich ins Bett gelegt; Frau Rechtsanwalt leisten ihr Gesellschaft.«

Ich lief schnell die Treppen hinauf nach unserem Schlafzimmer und sah beim Eintritt schon Frau Käthe an Elsis Bette sitzen. »Ja, Doktor«, rief sie mir entgegen, »da liegt unser junger Übermut! Ich denk, Ihr Anblick wird sie wohl am schnellsten heilen.«

»Den Übermut«, sagte ich, »müssen Sie zuerst an meinem zaghaften Weibe entdeckt haben!«

»Das wäre möglich, Doktor; aber haben Sie Lateiner nicht ein Sprichwort, daß die Natur selbst mit der Furke nicht herauszutreiben sei?«

»Nun, und?«

»Und? – Ja, wart nur, Elsi«, unterbrach sie sich und ergriff deren beide Hände, die sie vom Bett aus mir entgegenstrecken wollte, »ich will es schon erzählen: Sie müssen nämlich wissen, Doktor, dies junge zarte Geschöpf ist seit jenem Ohnmachtsabend in unserem Hause an jedem Vormittage und – nicht wahr, Elsi? – hinter dem Rücken ihres ärztlichen Ehemannes bei jener schrecklichen Patientin, der alten Hinz, gewesen, um sie zu trösten, zu erquicken – vor allem aber, um diesem Ehemann zuliebe eine Radikalkur gegen die Weichheit ihrer eigenen Seele zu vollbringen; da hat nun aber die arme Alte heute ihren Anfall bekommen und diese Kur damit ihr vorschnelles Ende gefunden. Sehen Sie nun selber, wie Sie mit ein wenig Kunst und Liebe den Schaden heilen, den die Rache der Natur unserem Kinde zugefügt hat.«

Ich hatte mich indessen auf den Rand des Bettes gesetzt; ich sah, daß Else stark geweint hatte, und ihr Puls schlug wie im Fieber. Sie legte ihre heiße Stirn auf meine Hände: »Es ist so, Franz, wie Käthe es dir gesagt hat, und das ist die traurige Lösung meines Geheimnisses; ich wollt dir eine Freud machen, und es ist nun Trübsal.«

Ich suchte sie zu beruhigen, da sie wieder in Tränen ausbrechen wollte. »Du bist in die Gefahr hineingegangen«, sagte ich, »und das war Tapferkeit genug; was du mehr wolltest, lag außer den Grenzen deiner Kraft. Daß du es mir zuliebe gewollt hast, dafür lieb ich dich um so mehr, aber versuchen wollen wir es nicht wieder. Bleib nur heute ruhig, so kannst du morgen schon das lateinische Sprichwort von der Furke lernen!«

Und Elsi lächelte mich dankbar an.

– – Den lateinischen Vers, ich meine: des Horaz, lernte sie wirklich am andern Tage schon, während wir beide miteinander im Garten auf und ab wandelten; sie lernte ihn sogar auswendig.

»Naturam expellas furca, tamen usque recurret. Siehst du«, sagte sie, »nun kann ich's auch!«

Nach diesem Scherze gab ich ihr Ersatz für die verlorene Liebesmühe; statt der endlich verstorbenen Mutter Hinze wies ich ihr eine Anzahl ungefährlicherer und doch gleich hülfsbedürftiger Kranken zu, an denen sie nun ihr Erbarmen übte. Und es ward ihr bald zu Stolz und Freude. »Aber Elsi«, rief ich eines Tages, da die Suppe eher auf den Tisch als sie ins Haus kam, »du läßt ja heut lange warten!«

»Ja, Franz«, und es klang wie eine amtliche Wichtigkeit aus ihren Worten: »ich habe auch drei kranken Kindern vorgelesen: Fanferlieschen Schönefüßchen, von den Bremer Stadtmusikanten und dann das wirklich wahre Märchen von Jorinde und Joringel!«

»Das ist ein anderes«, sagte ich; »dann laß uns zu Tische gehen!« und ich nahm den lieben Arm in den meinen.

Nicht verschweigen will ich, daß Elsis neue Liebesmühen meinem Heilverfahren oft nicht unwesentlich zu Hülfe kamen.

 

So waren drei Jahre etwa uns vergangen; schnell, wie das Glück es an sich hat. Immer wieder tauchte von Zeit zu Zeit von dem nur ihr so Eigenen auf, aber es war stets anmutig, und wenn ich eben aus der nüchternen Welt zurückkam, so war mir oft, als stamme es aus andern Existenzen.

So, als ich sie an einem sonnigen Oktobermorgen zwischen unseren Tannen wandeln fand, wo sie, wie in ihr Werk versunken, die Fäden der über den Weg hängenden Herbstgespinste auf ein zusammengelegtes Rosakärtchen wickelte und mir dabei, nicht einmal ihre Augen hebend, entgegenrief: »O bitte, Franz, geh doch den andere Weg!« oder wenn sie mich bat, einer ungeheuren Kröte, die in unserem Garten ihre Höhle hatte, doch kein Leids geschehen zu lassen, denn wer wisse, was hinter jenen goldenen Augen stecke! Und einmal – ich hatte noch nie mit meiner Frau getanzt; ein Arzt wird manchem abgewandt, auch wenn er es früher leidenschaftlich betrieben hat; einmal aber kam ein großer öffentlicher Ball, bei dem, wie ich meinte, auch wir beide nicht fehlen durften. Die Damen der ganzen Stadt waren in Aufregung; in welche Tür mein ärztlicher Schritt mich führen mochte, überall sah ich Wolken weißer oder lichtfarbiger Stoffe auf den Tischen, und oftmals störte ich die heiligsten Toilettengespräche. – Nur in meinem Hause war nichts dergleichen; nicht einmal ein Wort darüber hörte ich. »Nun, Elsi«, frug ich endlich, »willst du nicht auch beginnen?«

»Ich? O, ich werde leicht fertig!«

– »Und brauchst du kein Geld dazu? Ich hab gesehen, daß unsere andern Damen es nicht sparen!«

»Wenn du mir geben willst: ich brauch nicht viel!«

Ich hatte vier doppelte Friedrichsdors vor ihr auf den Tisch gelegt, aber sie strich lächelnd drei davon in ihre Hand und gab sie mir zurück; dann nahm sie den letzten: »Der reicht«, sagte sie, »laß mich nur machen!«

Am Ballabend bat sie mich: »Franzele, du kleidest dich unten in deinem Zimmer an?«

»Willst du uns scheiden, Elsi?«

»Nur für ein Stündchen!«

– – Und es war noch nicht verflossen, da pochte ihr Finger schon an meine Tür. »Herein, holde Elfe!« rief ich, und da stand sie vor mir mit all ihren Toilettenkünsten; ich hatte nicht gedacht, daß sie so einfach waren. Ein möglichst schlichtes Kleid, lichtgrau, von einem weichen durchsichtigen Stoffe, ging bis zum Hals hinauf; als einziger Schmuck umgab ihn eine Schnur von echten Perlen, das einzige Angedenken von ihrer längst verstorbenen Mutter; über den Hüften umschloß ein silbernbrokatener Gürtel die schlanke Gestalt. Das war alles – wenn du den blonden Knoten ihres seidenen Haares nicht rechnen willst, der das schöngeformte Haupt fast in den Nacken zog. Ich betrachtete sie lange, während ihre Augen zärtlich fragend nach den meinen suchten.

»Ja, Elsi«, rief ich, und ich konnte es nicht lassen, sie stürmisch in meine Arme zu schließen, »du bist schön, zu schön fast für ein Menschenkind! Aber – ist das ein Ballanzug?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie lächelnd; »ich hab mich nun so angezogen, und da du sagst, daß es schön ist...«

»Laß doch«, rief ich, »mir ist es recht; aber was werden die Damen sagen?«

In diesem Augenblick hörte ich den Wagen vorfahren, und wir rollten nach dem Saal der Harmonie.


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