Theodor Storm
Ein Bekenntnis
Theodor Storm

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Als mein Assistent sich entfernt hatte, fühlte ich eine Unruhe in mir, die mich dies und jenes anzufassen trieb; so kam ich auch über die Schublade, in der meine medizinischen Zeitschriften lagen. Es war ein ganzer Haufen, und ich begann die einzelnen Hefte nach ihrer Ordnung zusammenzusuchen; vielleicht dachte ich gar daran, sie zum Binden fortzuschicken; zugleich blätterte ich und las die Überschriften und den Beginn von einzelnen Artikeln. Da fielen meine Augen auf eine Mitteilung, die mit dem Namen einer unserer bedeutendsten Autoritäten als Verfasser bezeichnet war, eines Mannes, der sich nur selten gedruckt vernehmen ließ. Ich warf mich mit dem Heft aufs Sofa und begann zu lesen und las immer weiter, bis meine Hände flogen und ein Todeschreck mich einem Beilfall gleich getroffen hatte. Der Verfasser schrieb über die Abdominalkrankheiten der Frauen, und bald las ich auf diesen Blättern die Krankheit meines Weibes, Schritt für Schritt, bis zu dem Gipfel, wo ich den zitternden Lebensfaden selbst durchschnitten hatte. Dann kam ein Satz, und wie mit glühenden Lettern hat er sich mir eingebrannt: ›Man hat bisher‹ – so las ich zwei- und dreimal wieder –, ›dies Leiden für absolut tödlich gehalten; ich aber bin imstande, in nachstehendem ein Verfahren mitzuteilen, wodurch es mir möglich wurde, von fünf Frauen drei dem Leben und ihrer Familie wiederzugeben.‹

Das übrige las ich nicht; meine Augen flogen nur darüber hin. Es war auch so genug: der Verfasser jenes Satzes war mein akademischer Lehrer gewesen, zu dem ich damals, und auch jetzt noch ein fast abergläubisches Vertrauen hatte.

Ich blätterte bis zu dem Umschlage des Heftes zurück und las noch einmal den Monatsnamen, der darauf gedruckt stand; es war unzweifelhaft dasselbe, welches ich vierzehn Tage vor Elsis Tod dem Postboten abgenommen und dann ahnungslos in die Schublade geworfen hatte. – Lange lag ich, ohne die auf mich eindringenden Gedanken fassen zu können. Er hat es gesagt! – das ging zuerst in meinem Kopf herum; er ist kein Schwindler, auch kein Renommist. – – ›Mörder!‹ sprach ich zu mir selbst, ›o allweiser Mörder!‹

Wo ich an dem Rest des Tages mich befand, wie er zu Ende ging, ich kann es dir nicht sagen. Es war am Ende eine alltägliche Geschichte, man konnte sie alle Monat und noch öfter in den Zeitungen lesen: ein Mann hatte Weib und Kinder, ein Weib hatte ihre Kinder umgebracht; verzweifelnde Liebe hatte ihre wie meine Hand geführt. Aber ich hatte in meinem Hochmut diese Väter und Mütter bisher verachtet, ja gehaßt, denn das Leben, dem gegenüber sie verzagten, mußte trotz alledem bestanden werden; sie waren feige gewesen, und ich gönnte ihnen Beil und Block, dem sie verfallen waren; ich selbst, ich hatte nur nachgedrückt auf die Sense des Todes, die ich mit der Hand zu fühlen glaubte, damit sie auf einmal töte, nicht nur in grausamem Spiel zuvor erbarmungslos verwunde. Jetzt aber zeigte mir ein alter Lehrer, daß sie noch gar nicht vorhanden war und daß nur meine eigene gottverlassene Hand mein Weib getötet hatte. – Glaub aber nicht, es sei mir in den Sinn gekommen, mich den Gerichten zu übergeben und nach dem Strafrecht mein Verbrechen abzubüßen; nein, Hans, ich bin ein zu guter Protestant, ich weiß zu wohl, weder Richter noch Priester können mich erlösen; mein war die Tat, und ich allein habe die Verantwortlichkeit dafür; soll eine Sühne sein, so muß ich sie selber finden. Überdies – bei dem furchtbaren Ernst, in dem ich lebte, erschien's mir wie ein Possenspiel, wenn ich mich auf dem Schafott dachte.

– – Zum Unglück, oder soll ich sagen zum Glück, trat an jenem Abend auch noch Freund Lenthe zu mir ins Zimmer, den ich seit dem Begräbnis nicht gesehen hatte. »Was treibst du?« rief er mir zu; »ich mußte doch endlich einmal nachsehen!«

Ich reichte ihm die Hand, aber als er in mein Gesicht sah, mochte er freilich wohl erschrecken. »Du siehst übel aus«, sagte er ernst, »als ob du dein Leben ganz der Toten hingegeben hättest. Das ist Frevel, Franz! Die Stadt draußen ist in Not und Schrecken um ihre Söhne und Töchter, und du, der sonst der Helfer war, sperrst dich ab in deinem Hause und läßt von deinem eigenen Gram dich fressen!«

So fuhr er eine Weile fort; aber seine Reden gingen über mich weg; was er sprach, klang mir wie Unsinn, ›Blech‹, wie wir zu sagen pflegten. Freilich, wer immer zu mir hätte reden mögen – es wär wohl ebenso gewesen, denn ich hatte das Verhältnis zu den Menschen verloren; mein Innerstes war eine Welt für sich. – Als ich endlich sagte, daß ich mit meinem Assistenten am Nachmittage eine Konferenz gehalten, daß wir in dieser über die Behandlung der neuen Krankheit uns vereinbart hätten, wurde er ganz beruhigt. »Und nun komm mit zu uns«, sagte er, indem er seine Uhr zog, »zu meiner Frau und zu unserer Teestunde; da wirst du morgen frischer in die Praxis gehen!«

Mit seinen herzlichen Worten überwand er allmählich meinen Widerstand, ich folgte ihm mechanisch; als wir aber in das Haus traten, durchschütterte mich der Klang der Türglocke, ich hätte fast gesagt, als läute das Armensünderglöcklein über mir; es war zum ersten Mal, daß ich seit Elsis Sterben ihren Klang vernahm.

Wir gingen in die helle warme Stube, und ich hörte deutlich die Teemaschine sausen. »Gottlob, daß wir Sie endlich wieder haben!« sagte Frau Käthe, herzlich mir entgegenkommend, und drückte meine Hand.

Ich nickte: »Ja, liebe Freundin, wir drei sind wiederum zusammen.«

»O nein«, erwiderte die gute Frau, »so dürfen Sie nicht sprechen – die diese Zahl so lieblich einst durch sich vermehrte, sie ist noch mitten unter uns; sie war keine, die so leicht verschwindet.«

Ich setzte mich stumm auf meinen alten Sofaplatz, aber es war jetzt trübe auch im Haus der Freunde: die Worte, die sie über Elsi sprachen, auch die tiefempfundensten, und gerade die am meisten, sie quälten mich; ich kam mir herzlos und undankbar vor, aber ich konnte nichts darauf erwidern.

 

Am andern Tage war ich zum ersten Mal wieder in der Praxis und kassierte die entsetzlichen Beileidsreden meiner Patienten ein, von denen einige mich dazu mißtrauisch von der Seite ansahen, ob ich denn noch ihnen würde helfen können. Der neuen Krankheit traten wir mit Glück gegenüber; wenigstens so unerwartet schnell, wie sie gekommen, so rasch war die Epidemie nach einiger Zeit verschwunden.

– – Ich sagte dir schon, wenn wieder der Herbst kommt, sind es drei Jahre seit Elsis Tod. Ich habe aus diesem Zeitraum nur noch eines mitzuteilen; das übrige ging so hin, ich tat, was ich mußte oder auch nicht lassen konnte, aber ohne Anteil oder wissenschaftlichen Eifer. Mein Ruf als Arzt, wie ich mit Erstaunen wahrnahm, war noch im Steigen.

Also vernimm noch dieses eine; dann werden wir da sein, wo wir uns heut befinden.«

»Sprich nur!« sagte ich, »ich kann jetzt alles hören.«

»Nein, Hans«, erwiderte er, »es ist doch anders, als du denkst! – – Es mag vor reichlich einem Vierteljahr gewesen sein, als ich zu einer mir nur dem Namen nach bekannten Frau Etatsrätin Roden gerufen wurde; die Magd, die das bestellte, hatte hinzugefügt, gebeten werde, daß ich selber komme.

Da ich annahm, daß der Fall von einiger Bedeutung sei, ging ich kurz danach in das Haus, welches die verwitwete Dame allein mit einer Tochter bewohnte. Ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren kam mir bei meinem Eintritt entgegen; frisch, aufrecht, ein Bild der Gesundheit. »Fräulein Roden?« frug ich aufs Geratewohl, und sie nickte: »Hilda Roden!« fügte sie hinzu.

Dann stellte ich mich als Doktor Jebe vor.

»O, wie gut von Ihnen«, rief sie, »daß Sie selber kommen!«

»Glaubten Sie das nicht?«

»Ich wußte nicht, wie Sie es damit halten«, sprach sie, »aber nun freue ich mich; wir Frauen dürfen nicht zu viel verlangen!«

– »Sind Sie so überaus bescheiden?« frug ich und blickte das hübsche Mädchen mit etwas festeren Augen an.

Ein leichtes Rot überzog sekundenlang ihr Antlitz; sie schloß ihre weißen Zähne aufeinander und schüttelte so lebhaft den Kopf, daß der dunkle Zopf, der ihr im Nacken hing, zu beiden Seiten flog; und dabei zuckte aus den braunen Augen, die je zur Seite des feinen Stumpfnäschens saßen, ein fast übermütiges Leuchten. Doch war das nur für einen Augenblick. »O nein«, sagte sie plötzlich ernst; »ich wünschte nur so lebhaft, daß Sie selber kämen, und zitterte doch, Sie würden es nicht tun, denn meine Mutter, ich fürchte, sie ist recht krank, und sie mußte doch den besten Arzt haben!«

»Vertrauen Sie diesem Arzte nicht zu sehr!« erwiderte ich.

»O doch!« Und damit war sie fort; aber nach kurzer Weile, während ich, in meine Teilnahmlosigkeit zurückgefallen, das Muster der Tapete studiert hatte, sah schon ihr junges Antlitz wieder durch die geöffnete Tür des anliegenden Zimmers. »Meine Mutter läßt bitten!« sprach sie.

Dann stand ich am Krankenbett. »Mein gutes Kind«, sagte die noch fast jugendliche Dame, die den Kopf aus ihren Kissen hob, »hat Sie selber herbemüht; doch hoffe ich, Sie werden das Übel kleiner finden, als die Sorge meiner Tochter.«

Ich begann dann mein Examen, beschäftigte mich näher mit der Kranken und fand am Ende, daß ich dasselbe Leiden wie bei Elsi vor mir hatte. Und gerade hier sollte ich es selber sein! – Eine Finsternis schien über mich zu fallen, und wirre Gedanken, wie ich mich losmachen und ferner dennoch meinen Assistenten schicken könne, kreuzten durch meinen Kopf; als ich dann aber in die erschreckten Augen der Tochter sah, die unbemerkt mir näher getreten war, wurde plötzlich alles anders: ich allein, sagte ich mir, sei der Arzt für diesen Fall, und mein Gehirn war nach langer Zeit zum ersten Mal im selben Augenblicke schon beschäftigt, sich die Art der verzweifelten Kur zurecht zu legen. Ob die Hülflosigkeit der Kindesliebe oder ob Anmut und Jugend diese Sinnesänderung bewirkten, ich weiß es nicht.

Als ich mit dem jungen Mädchen wieder in das Wohnzimmer getreten war, sah ich ihre Erregung an dem Zittern ihrer Lippen. »Darf ich Sie fragen«, sagte sie stammelnd – »Ihre Augen wurden vorhin mit einem Mal so finster – steht es so schlimm mit meiner Mutter?«

Ich besann mich einen Augenblick. »Es ist eben eine ernste Krankheit«, entgegnete ich; »aber was Sie in meinem Antlitz etwa gelesen haben, war nur ein Widerschein aus der eigenen Vergangenheit.«

Sie schien verwirrt zu werden: »Verzeihen Sie mir«, sagte sie, und ein flüchtiger Blick ihrer Augen traf in die meinen »daß ich aufs neu daran gerührt habe; man denkt bei dem Arzt nur zu selten daran, daß er auch selber leiden könne.«

Mir war, als flösse aus diesen einfachen Worten ein Strom von Mitleid zu mir herüber, so warm war ihre Stimme.

Ich ging unter dem Versprechen, mich am andern Vormittag zeitig wieder einzustellen; halb in erneutem Weh, doch auch, als hauche mir ein milder West ins Antlitz. Nicht ohne Scheu holte ich, zu Hause angekommen, das erwähnte Heft aus meiner Schublade und studierte den Artikel meines einstigen Lehrers. Das von dem Verfasser angewandte Verfahren bestand in einer Operation, die im Falle des Gelingens – das war einleuchtend – eine vollständige Heilung, aber widrigenfalls und, wie ich fürchtete, ebenso oft einen schnellen Tod würde bringen können; denn freilich, das erkrankte Organ mußte mit dem Messer völlig entfernt werden. Doch wie es immer sein mochte, ich durfte nicht zurückstehen! Der Tod – ich konnte nicht zweifeln – war ohne diese furchtbare Kur auch hier gewiß; auf der andern Seite aber stand das Leben, und nur eine gütige Absicht der Natur wurde vernichtet, auf die es hier schon nicht mehr ankam. Das noch kräftige Alter meiner Patientin und ihre sonst günstige Organisation ermutigten mich noch mehr. Ich war entschlossen, gleich am andern Vormittage der Kranken diesen schweren und mir noch zweifelhaften Schritt zur Rettung vorzuschlagen.

Doch bevor ich dazu kam, am Morgen in der ersten Frühe schon, wurde ich zu der Etatsrätin gerufen. Ich fand die Tochter allein bei ihr: blaß, aber hoch aufgerichtet hielt sie die Mutter in ihren Armen; so hatte Elsi dereinst an meiner Brust gelegen. »Der Anfall ist vorüber«, sagte das Mädchen, indem sie die Kranke sanft auf ihre Kissen legte, um mir den Platz am Bette zu überlassen.

Sie hatte recht, und die Schmerzen mußten stark gewesen sein.

»Aber wo ist Ihre Wärterin?« frug ich.

Ein Zucken flog um den Mund des Mädchens: »Ich denk, sie hat im ersten Schreck die Flucht ergriffen«, sagte sie; »sie wollte, ich weiß nicht was, aus ihrer Wohnung holen, aber sie wird nicht wiederkommen.«

– »Und da sind Sie allein geblieben?«

»Ich blieb allein bei meiner Mutter; ich werde es auch späterhin schon können!«

Aber die Kranke hob sich auf in ihrem Bette: »Hör, Hilda«, sagte sie mit schwerer Stimme, »ich will, wenn ich gesund werde – und Gott und unser Doktor werden dazu helfen –, nicht gleich ein krankes Kind zu pflegen haben; helfen Sie mir, Herr Doktor, ich kenne den Eigensinn der Liebe in diesem jungen Kopfe.«

Ich beruhigte die Frau und versprach, dieser Liebe zum Trotz eine festere Wärterin zu besorgen, aber nur mit Mühe wurde der Opfermut der Tochter besiegt. Ich verließ die Kranke für jetzt, mit dem Versprechen, am Nachmittage wieder nachzusehen, und war mit der Tochter dann allein im Wohnzimmer. »Fräulein Hilda«, sagte ich, »ich weiß jetzt, Sie sind stark; ich kann es Ihnen schon jetzt sagen, mit Ihrer Mutter werde ich heute nachmittag reden, wenn sie von ihrer schlimmen Nacht sich etwas erholt hat –«

Sie unterbrach mich und sah mich mit ihren großen Augen fast zornig an. »Was ist?« rief sie, »um Gottes willen, was haben Sie vor?«

»Sie müssen ruhig sein, Sie müssen mir helfen, Fräulein Hilda«, sagte ich; »so schwer es sein mag, ich weiß, Sie können es.« Und dann eröffnete ich ihr, welches Leid, welche Gefahr, doch auch welche Hoffnung für ihre Mutter da sei.

Sie stand atemlos, mit zitternden Lippen, vor mir. Als ich ausgesprochen hatte, stürzte ein Strom von Tränen aus ihren Augen. »Muß es denn sein?« frug sie noch.

»Es muß«, erwiderte ich.

Dann fühlte ich einen kräftigen Druck ihrer Hand in der meinen. »Ich vertraue Ihnen«, sagte das Mädchen; »Sie sind so gut; ich will auch nicht wieder weinen – ach, hilf uns, lieber Gott!«

»Ja, Hilda«, erwiderte ich, »möge er uns helfen; aber wir selber stehen doch in erster Reihe.«

Sie ließ ihre Augen auf mir ruhen: »Kommen Sie nur heut nachmittag«, sagte sie, »ich werde, was ich kann, für meine Mutter tun.«


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