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Jenseits der Alpen

Die Gattin als Opfer der Regie-Zigarren – Zollschrecknisse – Warum es ein Glück ist, daß die Welt nicht von Malern regiert wird – Verona – Warum Italien der ewige Friede wünschenswert ist – Der Schutzengel in den Ruinen – Molto interessante – Tierkämpfe – Wilhelmine Buchholz faßt eine Idee – Julias Grab – Der Halbgare – Die Koffer

Am anderen Morgen früh reisten wir weiter. Wir waren rechtzeitig am Bahnhofe und gingen in den Wartesaal, aber die Menschheit hatte am Tage vorher Zigarren darin geraucht, und der Dunst davon hing noch an den Wänden. So etwas Furchtbares war mir nie zuvor in die Nase gekommen. Als Onkel Fritz mir erklärte, daß dies das Aroma von den Regie-Zigarren sei, bedauerte ich alle Frauen der Welt, deren Männer Regie-Tabak rauchen müssen, denn sie bringen den Gestank ja nie wieder aus den Gardinen und Möbeln heraus. Und wie kann man einen Mann liebevoll umarmen, der nach solchem Pest-Odeur riecht, gegen den die Panke Eau de Cologne ist. – Herr Spannbein riet mir jedoch, mich daran zu gewöhnen, denn in Italien sei der Tabak noch schlimmer als in Österreich. – »Nie!« antwortete ich entschieden und eilte ins Freie. Nach einer Weile folgte mein Karl mir. »Wilhelmine,« sagte er flehend, »du mußt mir helfen.« – »Wieso?« fragte ich erstaunt. – »Ich habe einen Posten Zigarren glücklich durch den österreichischen Zoll gebracht, aber Herr Spannbein sagt soeben, daß man in Ala, an der italienischen Grenze, noch viel unkulanter auf Tabak fahndet als in Kufstein. Wie wäre es, wenn du einige Pakete an dich nähmst?« – »Karl!« rief ich entsetzt, »willst du mich zu Greueltaten verleiten?« – »Bei dir sucht niemand Zigarren.« – »Ich kann den Staat nicht hintergehen.« – »Der Zoll ist so unvernünftig hoch,« erwiderte mein Karl, »und willst du, daß ich Regie-Zigarren rauchen soll?« – »Nein,« antwortete ich, »dann würde mir die ganze Reise verräuchert.« – »Also du willigst ein?« – »Kann ich anders?« seufzte ich. »Ach, ich glaubte, Italien sei ein himmlischer Blumengarten, aber jetzt schon merke ich, daß auch Brennesseln darin wachsen. Ich will tun, was ich tun kann, mein Karl!«

Der Zug lärmte heran. Wir stiegen in ein Coupé, in welchem jeder seine Fensterecke hatte. So schön auch die Natur war ... ich konnte mich ihrer doch nur halb erfreuen, denn die Zigarren machten mit Sorge. Auch mein Karl war nicht froh. Er nahm sein italienisches Lernbuch wieder vor und studierte eifrig.

Die Häuser zeigten eine andere Bauart als bisher; hin und wieder standen dunkle Zypressen in der Nähe der Kirchen und sahen aus wie ernste Ausrufungszeichen in der Natur. Alles wurde anders, und mit Schreck dachte ich daran, daß auch die Sprache bei den Menschen sich änderte, und sie kein Deutsch und ich kein Italienisch verstände. Aber ich tröstete mich, denn mein Karl lernte, daß ihm der Schweiß auf der Stinte stand. »Karl,« flüsterte ich ihm zu, »wie ist es mit den Zigarren?« Mein Karl sagte nun Onkel Fritz einige Worte ins Ohr, und dieser veranlaßte darauf Herrn Spannbein, den Kopf aus dem Waggonfenster zu stecken. Auch Onkel Fritz tat, als ob er die Landschaft notwendig betrachten müsse, und verhinderte Herrn Spannbein dadurch am Zurückschnappen. Mein Karl holte nun die eingewickelten Zigarren hervor, und ich band sie unter. Hätte Herr Spannbein sich in diesem Moment umgedreht – ich glaube, ich wäre durch den Boden gebrochen und wenn der Zug mich in Mus zermalmt hätte. Als ich wieder repräsentabel war, lächelte ich, als wenn nichts vorgefallen sei, aber innerlich war ich so unglücklich, daß ich am liebsten gleich wieder nach Hause gereist wäre, wenn es sich anstandshalber hätte machen lassen. Onkel Fritz kam aber auf die gute Idee, nach der Flasche zu sehen, und infolgedessen wurden wir wieder so guter Laune, als unter diesen peinlichen Umständen möglich war. Herr Spannbein machte mich auf die Trümmer eines Bergsturzes aufmerksam, der einst eine blühende Stadt verschüttet haben soll. Zu jeder anderen Zeit hätte ich ja gerne Mitleid mit den unschuldigen Menschen gehabt, die der Berg erschlug, aber jetzt war ich dazu nicht imstande, weil die Zigarren mich zu sehr genierten.

Endlich kam Ala. Mir war, als wenn ich ersticken sollte. Unsere Koffer wurden gebracht und auf lange Tische gelegt. Ein Zollbeamter trat an unser Gepäck und fragte mich etwas, indem er lebhaft gestikulierte. – Ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Dieser Augenblick war schrecklich. Hilfesuchend blickte ich meinen Karl an, aber ich merkte nur zu gut, daß auch er aus dem Gerappel nicht klug werden konnte. Und er hatte doch so fleißig Italienisch gelernt.

Zum Glück war Herr Spannbein der Retter aus der Not, denn er konnte sich mit dem Zollbeamten verständigen, und dieser benahm sich netter, als wir erwartet hatten, denn, nachdem unsere Sachen flüchtig durchgesehen waren, durften wir abziehen. Onkel Fritz, der nur ein kleines Handköfferchen mit sich führte, wurde, wie mir schien, mit einem anderen Aufseher ganz gut fertig. Dies war mir rätselhaft.

Ehe wir in den Wartesaal gelangten, erlebte ich das fürchterliche Schauspiel, wie eine Dame von einem Zollbeamten in ein Zimmer genötigt wurde, wo eine Frau sie durchsuchen sollte. Die Dame sträubte sich, aber es half ihr nichts, und die Tür schloß sich hinter der Unglückseligen. Da tat ich einen Schwur, nie wieder zu schmuggeln, und mehr tot als lebendig kam ich in dem Wartesaal an. – Die Zigarren waren jedoch gerettet.

Mir klebte von all der ausgestandenen Angst die Zunge am Gaumen. »Karl,« sagte ich, »besorge mir eine Flasche Selterwasser, ich kann es vor Durst nicht mehr aushalten.« Nie vergesse ich den Blick, mit dem mein Karl mich ansah, als er mich fragte: »Weißt du denn, wie Selterwasser auf Italienisch heißt?« Ich suchte Herrn Spannbein – er war nicht da. – »Karl, ich verschmachte!« – Mein Karl faßte Mut. Er ging an die Schänke. – Ich sah, wie er mit dem Wartesaalwirt sprach und dieser ihm dann eine Flasche einhändigte. Mein Karl kam zurück. »Selterwasser konnte ich nicht bekommen,« sagte er etwas niedergeschlagen, »aber hier habe ich eine halbe Flasche Wein.« Er schenkte ein, und ich nahm einen gehörigen Durstschluck. Aber wie ward mir? – Mein Karl hatte statt Selterwasser bitteren Wermutwein ergattert! »Karl,« sagte ich, »ist dies das ganze Italienisch, was du gelernt hast? Wenn du noch mehr solche Sprachfehler machst, wirst du mich bald auf dem Kirchhof haben, denn das Zeug kann ich nicht vertragen. Gerade Selterwasser hättest du zu allererst lernen müssen, denn das gebraucht man am meisten.« Er blätterte in seinem Taschenlexikon, aber wie sich herausstellte, hatte Onkel Fritz den Band mit dem S darin mitgenommen. Der Durst wurde von Sekunde zu Sekunde quälender, zumal nach dem bitteren Getränk. Es half nicht mehr, ich faßte Mut und ging selbst und verlangte laut und deutlich: »Ein Selters!« Der Mann nickte, und der Kellner brachte mir ein Siphon. – »Siehst du, Karl,« rief ich vergnügt, »Selters heißt auf Italienisch Selters.« Dann fragte mein Karl den Kellner quanto costa? und dieser gab ihm auf einen österreichischen Gulden einige Kupfermünzen heraus. Als er fort war, sagte mein Karl: »Ich glaube, der Kellner hat mich bemogelt,« aber ich tröstete ihn, das wäre Lehrgeld, das jeder in einem fremden Lande bezahlen müßte; er sollte sich nur nicht ängstigen, wir würden schon ganz gut durchkommen.

Ganz froh war ich jedoch erst wieder, als wir mit samt unserem Gepäck abdampften und Ala mit seinem Zoll hinter uns hatten. Nun waren wir in Italien und über alle Fährlichkeiten hinweg. Die Gegend hätte freilich schöner sein können, aber mich interessierten die Felder, auf denen das Korn grünte und die außerdem mit Maulbeerbäumen bepflanzt waren, deren Blätter die Seidenraupen bekommen. So weit das Auge reichte, erblickte es die Bäume, und von Baum zu Baum schlangen sich Weinreben wie Girlanden. Dazwischen lagen Gehöfte, und an den ländlichen Stationen sahen wir auch die Menschen, aber die gingen nicht in Seide, sondern hatten grobes Zeug an und machten nur einen ärmlichen Eindruck inmitten all der Fruchtbarkeit. Herr Spannbein fand die Gesellschaft höchst malerisch, ich aber bemerkte, daß ich doch mehr für Seife wäre. Onkel Fritz stand mir bei und erklärte die barfüßigen Kinder für ausgemachte Dreckmöpse. Es ist ein großes Glück, daß die Welt nicht von Malern regiert wird, denn sonst ginge sie wohl des malerischen Effekts wegen an Ungewaschenheit zugrunde.

Dann zeigten sich Festungswerke, die wir passierten, und dann waren wir in Verona. Ein Omnibus brachte uns nach dem Albergo S. Lorenzo, wo uns ein Kellner empfing, der fließend Deutsch sprach. Dies gefiel mir außerordentlich und meinem Karl erst recht.

Mein Karl und ich erhielten ein Zimmer mit Aussicht auf den Fluß und die fernen, schneebedeckten Alpen. Ich stellte mich an das Fenster und schwärmte gerade in diesem Anblick, als er sagte: »Wilhelmine, nun kannst du mir die Zigarren wiedergeben.« Wenn ich mich auch über diese Störung in meinen poetischen Gedanken ärgerte, so war ich doch froh, den Gegenstand der Angst loszuwerden, und ich befreite mich von den Paketen. Mein Karl freute sich, als er wieder in ihren Besitz gelangte; nur ein Paket hielt er mir vorwurfsvoll hin und sagte: »Wilhelmine, hättest du nicht vorsichtiger sein können? Gerade die besten hast du zu Krümeln gesessen!« – »Karl!« erwiderte ich, »danke der Vorsehung, daß ich sie in der Angst nicht alle miteinander zerdrückte. Ich habe für dich getan, was ich konnte!« Mein Karl umarmte mich, und wir gingen hinunter in das Restaurant.

Auf dem Flur lagen auf einem Tische die köstlichsten Gemüse ausgebreitet und Wildpret und allerlei Geflügel, damit man sich aussuchen konnte, wozu man Appetit verspürte, aber da Herr Spannbein und Onkel Fritz bereits warteten, hielten wir uns nicht lange auf. Wir setzten uns und ließen uns auf Herrn Spannbeins Rat nach Veroneser Art servieren. Die Suppe war sehr merkwürdig, denn sämtliche Gemüsestengel der Welt waren hineingeschnitten, und noch merkwürdiger wurde sie, als wir geriebenen Parmesankäse hineinstreuten, der aufgeweicht ganz lange Fäden zog. Wir haben später noch oft solche Suppe gegessen, aber erst als ich auf den schlauen Gedanken kam, ein Töpfchen Fleischextrakt zu kaufen und bei Gelegenheit ein wenig davon an das Kräuterwasser zu rühren, das sie Suppe nennen, wurde es für uns genießbar. Dann kam Spargel. Mein Karl hatte sich sehr darauf gespitzt, denn Kotelett mit Spargel ist sein Leibgericht, aber als man uns lange grüne Stangen brachte, die schon in Saat schießen wollten und obendrein bitter schmeckten wie Galle und zäh waren wie Bindfaden, da sagte er: »Wilhelmine, Italien mag ja sehr schön sein, aber von Spargel haben sie hier keine Ahnung.« – Nachher hielten wir uns an Makkaroni, die sehr gut waren, und speisten gebratene junge Hühner. Delikat, sage ich. Und der Salat war exzellent. »Hat man hier auch keine Berliner Küche,« bemerkte ich, »so läßt sich doch auch ganz gut leben!« Unser Mahl schloß fideler, als es begann, und in bester Stimmung machten wir uns auf, Verona zu besehen.

Sonderbar ist diese Stadt, man möchte meinen, sie sei einmal eingeschlafen und könnte nun nicht wieder aufwachen. In den Straßen stehen große Paläste, aber niemand wohnt darin, und die Fenster sind mit Brettern vernagelt. Neben den Palästen stehen andere Häuser, aus denen arme Leute herausschauen. Mitten in einer Straße steht ein alter Triumphbogen, aber es zieht niemand mehr mit Glanz und Pracht da hindurch, und wenn man weiter geht, trifft man endlich auf den verzauberten Platz, wo die Vergangenheit Veronas schläft. Das sind die Denkmäler der Scaliger, unter deren Herrschaft Verona zum letzten Male blühte und glücklich war. Auf hohen Postamenten stehen die Sarkophage, umgeben von Figuren, die sich ebensowenig rühren wie die Toten, die sie bewachen, und rund herum schließt ein wunderbares Geflecht von Eisen den Platz ein, wie die Dornenhecke das verzauberte Schloß. Aber wer hatte die Schuld, daß es so kommen mußte? Der eine Bruder ermordete den anderen auf offener Straße, und da war es vorbei mit der Herrlichkeit, und wenn die beiden nun auch von demselben Gitterwerk umhegt sind und derselbe Sonnenschein ihre Särge bescheint: die gräßliche Tat läßt sich nicht ungeschehen machen, und seit jener Zeit schläft Verona.

In den modernen Häusern wohnen auch moderne Leute, und das ist das neue Verona, das uns natürlich weniger reizte, weil unser Interesse doch hauptsächlich auf den historischen Boden gerichtet war.

Sehr angenehm in jeder Beziehung ist der Bädeker, den Onkel Fritz bei sich trug und mit dessen Hilfe wir uns prachtvoll zurechtfinden konnten. Auch steht alles darin, was man zu besehen hat und eine Menge Gelehrsamkeit, so daß man immer gleich weiß, ob man sich für einen Gegenstand begeistern muß oder nicht, wodurch das Studium der Merkwürdigkeiten sehr erleichtert wird. Onkel Fritz nannte den Bädeker daher kurzweg das Rezeptbuch zum Reisen.

Wir spazierten auf gut Glück durch die Straßen und wunderten uns über die Männer, die sich malerisch in eine Art von Radmantel drapieren, über die Frauen, welche keine Hüte tragen, sondern nur einen Spitzenschleier um den Kopf binden, und über die Soldaten, die einen Büschel von Hahnenfedern auf dem Hut haben, daß mein Karl gar nicht begriff, wie sie zielen könnten, da ihnen doch die Federn immer vor den Augen flurrten. Die Offiziere trugen schwarze Handschuhe, und beinig waren sie alle wie die Eichhörnchen. Einen so strammen Eindruck wie unser Militär machten sie nicht, aber wenn der Krieg in den Bergen losgeht, sollen sie klettern können wie die Gemsen und haben dann einen Vorteil vor den anderen, die nicht so springig sind. Onkel Fritz war jedoch der Meinung, das Beste für Italien sei der ewige Friede.

Indem wir nun so weiter wanderten, trat ein kleines Mädchen auf uns zu und sagte etwas. Das Kind war natürlich nicht zu verstehen, aber nach einer Weile brachte Herr Spannbein heraus, daß es fragte, ob wir ein in der Nähe befindliches antikes Theater in Augenschein nehmen wollten.

Als wir dies bejahten, streckte die Kleine die Hand aus, und mein Karl gab ihr eine Kupfermünze. Da sprang sie mit leuchtenden Augen davon und rief laut: » aprile, aprile!« – »Sie hat uns in den April geschickt!« sagte mein Karl, »denn April heißt auf Italienisch aprile.« – Ich wollte mich schon über das heimtückische barfüßige, kleine Geschöpf erbosen, als es jedoch in Begleitung zweier ruppig aussehender Männer zurückkam, von denen einer uns zu folgen winkte und eine Art von Scheuntor aufschloß, durch das wir in die Ruinen des alten Theaters traten. Viel zu sehen war allerdings nicht, und aus den Höhlen und Gängen konnte ich für mein Teil nicht klug werden. Mir fehlte auch die Gemütsruhe zur richtigen Würdigung der Trümmer, denn durch die Türe waren noch zwei banditenhafte Kerle eingeschlichen, und als sie drinnen waren, schloß der erste Mann das Tor zu. – »So,« dachte ich, »nun sind wir geliefert, und das Abmurksen geht los.« Ich hatte in meinem Leben genug Schaudergeschichten über Italien gelesen und sah uns schon als ausgeraubte Leichen in den verfallenen Gängen des alten Theaters liegen. Da aber fielen meine Blicke auf das Kind. – »Nein,« sagte ich mir, »in Gegenwart des Kindes können sie uns unmöglich hinschlachten,« und als die Kleine kam und mir einen Strauß von schönen Farnkräutern und wilden Blumen brachte, die sie hoch oben auf den Trümmern gepflückt hatte, da nahm ich sie und küßte sie; es war mir, als hielte ich einen von den kleinen Engeln in meinen Armen, wie sie die Maler auf ihren Bildern abgemalt haben. So oft ich später neben all den griesgrämigen Heiligen und Heiliginnen einen Engel auf den alten Meisterwerken sah, sagte ich: »Das ist das Kind von Verona.«

Die Männer taten uns auch nichts. Sie erhielten ihr Trinkgeld und waren ungemein höflich; ich hatte mich umsonst geängstigt. Warum wird aber auch so viel dummes Zeug über Italien zusammengeschrieben? Man muß doch die Leute nicht graulich machen.

Herr Spannbein schleppte uns darauf in verschiedene Kirchen, wo mich die Art und Weise, wie man die Bilder besieht, sehr amüsierte. Die meisten Bilder hängen nämlich in so dunklen Nischen und Seitenkapellen, daß man nichts erkennen kann. Deshalb zündet der Meßner eine kleine Wachskerze an, die er an einer langen Stange befestigt und mit der er die einzelnen Köpfe beleuchtet. Manche Gesichter sind durch dies Verfahren schon derart mit Ruß angesiehlt, daß, wie Herr Spannbein meinte, ein Moderner, der Schornsteinfarbe hat, sie auch gemalt haben könnte, aber die Gemälde hatten einen Stern im Bädeker und sind demnach sehr schön oder wie die Küster sagen: molto bello, oder wenn so gut wie nichts mehr darauf zu erkennen ist: molto interessante.

In der einen Kirche – sie hieß S. Maria in Organo – sahen wir im Chor und in der Sakristei Holzschnitzwert, das ein Mönch namens Fra Giovanni zwischen dem Beten durch angefertigt hat. Dies ist so schön, daß es sich allein der Reise verlohnt. In Berlin machen sie ja auch an Decken und Wänden prachtvolle Holzschnitzarbeiten, aber die sind meistens aus Gips.

Von all dem Herumwandern waren wir schließlich müde geworden und machten uns daher nach einem Café auf. Es ist merkwürdig, wie die Kaffeehäuser sich überall gleichen. Marmortische, langweilige Menschen, Zeitungen und Trinkgeld, und das Café ist fertig. Hier aber hatten wir die Arena vor uns, und kaum fühlte ich mich wieder munter, als ich zum Aufbruch mahnte, um dieselbe zu besichtigen. Es war echter historischer Boden, den wir jetzt betraten, denn in der Arena wurden früher Tierkämpfe abgehalten. Man sieht noch die Käfige, in denen die Löwen aufbewahrt wurden, und die Gefängnisse für die Menschen, die mit jenen fechten mußten. Oben auf den Marmorbänken saßen Tausende von Zuschauern. Nun ließ man die Gefangenen in den Zirkus. Sie grüßten das Publikum mit Anstand und Todesverachtung, weil sie doch wußten, daß ihr letztes Brot gebacken war. Auf ein Zeichen vom Magistrat, der mit den Stadtverordneten in einer besonderen Loge saß, öffneten sich die Gitter, und die wilden Tiere stürzten heraus. Meistens blieben die Löwen Sieger und ließen sich dann ihre Opfer gut schmecken, und das Publikum rief Bravo. Wenn die wilden Tiere satt waren, gingen sie in ihren Stall zurück und sagten, es sei ein angenehmer Nachmittag für sie gewesen. Die Arena wurde hierauf von dem übrig gebliebenen Menschenklein gesäubert und das Blut mit Wasser aus einem Brunnen fortgespült, der noch vorhanden ist. Mich überlief eine Gänsehaut, als ich diese Spuren früherer Grausamkeiten sah.

Wie human ist doch unsere Zeit gegen das Altertum, wenn ich auch nicht sicher bin, ob nicht eine solche Tier- und Menschenhetze heutzutage volle Häuser bei erhöhten Preisen machen würde.

Auf die Herren hatten die schauerlichen Erinnerungen an die Vergangenheit jedoch keinen veredelnden Einfluß ausgeübt, denn kaum hatten wir im Hotel zu Nacht gespeist, als das Skatklopfen wieder seinen Anfang nahm und ich wie Trumpf-Sieben dabeisitzen konnte.

Aussprechen durfte ich mich nicht, ausweinen wie manche, ist nicht meine Manier, aber schreiben – das vermochte ich. Ich ließ mir daher Tinte und Feder geben und fing an, meine Erlebnisse dem Papier anzuvertrauen. – Nach einer Weile fragte mein Karl: »Wilhelmine, was hast denn du da vor?« – »Ich beginne ein Buch über Italien!« – »Sei nicht töricht, es ist ja schon so viel über Italien geschrieben!« – »Du spielst Skat zu deinem Vergnügen, und ich schreibe zu meinem Vergnügen!« erwiderte ich. Mein Karl sagte einen Grand mit Vieren an, und ich wanderte im Geiste auf dem blutgetränkten Sande der Arena. – –

Am anderen Morgen war Markt auf der Piazza dell' Erbe. Herr Spannbein schwelgte in der malerischen Erscheinung des Platzes. An den Häusern sind allerdings noch die Spuren alter Freskogemälde sichtbar: ein bißchen rot, ein bißchen blau, und hin und wieder etwas, das einem menschlichen Rumpf oder einem Angesicht gleicht, aber nichts Ordentliches. Sie sind also molto interessante. Der Markt selber behagte mir dagegen um so besser. Bude stand an Bude, und unter großen leinenen Schirmen saßen die Verkäufer mit Apfelsinen, radgroßen Käsen, Eiern, Gemüsen, Fischen und allen möglichen Eßwaren. Das Geflügel wurde auch im Ausschnitt verkauft. Einer kaufte die eine, ein anderer die andere Keule von einer Henne, ein Dritter die Brust, ein Vierter ein halbes Hinterteil, ein Fünfter die Leber und ein armes Weib den Hals. So hatte jeder ein wenig Huhn für seinen Topf. Die jungen Zicklein werden in derselben Weise stückweise aus dem Fell heraus verkauft, das der Händler wie einen Schrank zumacht, damit die Fliegen nicht an das Fleisch kommen und es schön saftig bleibt. Männer gehen ebensowohl auf den Markt, wie die Frauen, und das handelt und feilscht, gestikuliert und ist vergnügt, als lägen die Schätze Indiens auf dem Marktplatze ausgebreitet und jeder wäre ein Nabob. – Für mich war der Markt viel mehr molto interessante als die bunten Flecken an den Häusern, die jetzt wieder aufgemuntert werden. Onkel Fritz sagte: sie sollten nur Jacobsens Caseïnfirnis zum Malen nehmen, der hielte gegen Wind und Wetter.

Geht man den Gemüsemarkt herunter, so kommt man in die Straße, in der das elterliche Haus der Julia Capuletti steht. In dieser Straße ging das holde Geschöpf mit dem bildschönen Romeo durch, in diesen schmalen Gassen schlugen sich die Leute tot, und nun sollte ich das Haus sehen, in dem Julia wohnte und die Nachtigall flöten hörte, als die beiden nach der heimlichen Trauung ebenso zum ersten Male allein waren wie Lohengrin und Elsa. Das Haus machte aber einen sehr kummervollen Eindruck auf mich. Oben vor den Fenstern des alten Palastes trocknete ein veronesisches Weib fette durchlöcherte Wäsche. Unten im Hof, wo damals der Granatbaum stand und der Strahl des Springbrunnens im Mondschein tanzte, lag ein großer Misthaufen, und in dem weiten Stall, der früher wohl der Ballsaal war, wo Romeo sich in Julietten verliebte, kampierten zwei Maultiere, die das Material zu jenem Haufen lieferten. Dann war noch eine erbärmlich elende Weinschenke in einem der auf den Hof mündenden verödeten Prunkgemächer, die mehr einer Räuberhöhle als einer Wirtschaft glich, und in dem ehemaligen Boudoir der alten Capuletti hauste ein armseliger Bildhauer. – »Hinweg!« rief ich. »Das Haus Julias mag ich nicht mehr sehen. Laßt uns nun ihr Grab besuchen, denn mich interessiert das Mädchen.« – Niemand spielt den Romeo so entzückend wie Ludwig. Es gibt keine schönere Leiche als ihn, wenn er neben der Bahre liegt und Julia nun hochkommt, ohne zu wissen, daß sie bereits Witwe des Mannes ist, den sie durch den genau auf die Sekunde gehenden Schlaftrunk zum künstlichen Witwer machte. So wie sie dies erfährt, wird sie wahnsinnig und bringt sich um. Ich bat die Buchholz, diesen Kommentar streichen zu dürfen, aber sie wollte durchaus nicht. Da über Shakespeare jedoch schon unmenschlich viel Blech zusammengeschrieben worden ist und noch wird, so ließ ich auch diese Auslegung stehen und bemerke nur, daß die Buchholz weder Professor ist, noch den Schwan vom Avon in Generalentreprise genommen hat. Anm. d. Herausgebers.

Ein Wägelchen führte uns nach dem alten Klostergemüsegarten, wo in einem gräßlichen Loch von Kapelle der Sarg Julias gezeigt wird. Wir mußten erst eine Lira (achtzig Pfennig!) abladen, ehe wir die geweihte Truhe ansehen durften, in der die Gebeine des liebreizenden Geschöpfes bestattet wurden, und die zu meinem Schreck leer war und ohne Deckel! – Als ich mich hierüber wunderte, erklärte Herr Spannbein, daß dieses Behältnis nie einen Deckel gehabt habe und auch niemals ein Sarg gewesen sei, sondern ein ganz gewöhnlicher Schweinetrog. – »Unmöglich!« rief ich, »man macht doch keine marmornen Viehtröge?« – »Sie werden in Italien noch ganz andere Sachen aus Marmor erleben,« entgegnete Herr Spannbein Der » Nuova Guida in Verona. 1880. Giovanni Nardini« bestätigt Herrn Spannbeins Ansicht Seite 77: La tomba di Giulietta ( Ohimè: potrebbe ben essere un abbeveratojo pel bestiame!) é posta in an piccolo giardino etc. etc. Man bedenke, daß auch in Berlin im Café National die Tische von Marmor sind. Anm. d. Herausgebers.. – »Und für solchen Mumpitz wird einem Geld abgenommen? Wer bekommt denn eigentlich die Groschen, die man für diesen Schwindel bezahlt?« rief ich aufgebracht. – »Ich vermute, Shakespeares Erben ziehen ihre Tantiemen davon,« sagte Onkel Fritz, »denn ohne ihn wäre das Troggeschäft hier jedenfalls nicht in Gang gekommen!«

In der Tat blühte der Unfug; die Torglocke hörte nicht auf zu bimmeln, und immer neue Fremde näherten sich mit erwartungsvollen Gesichtern dem Troge, und sahen ihn so traurig an, als hätten sie das Schwein, das zum letztenmale daraus gefressen, besonders lieb gehabt.

Ein junges Paar erregte namentlich meine Aufmerksamkeit. Er war noch blutjung und schaute ziemlich dämlich mit seinen wasserblauen Augen in die Welt hinein, und da er in einem gelbgrauen Reiseanzug ging, helle Flachshaare und einen milchweißen Schnurrbart hatte, sah er aus, als wenn er nicht ordentlich gar geworden wäre und sein Lebelang halbgebacken bleiben müßte. Sie dagegen war, was man gewöhnlich interessant nennt: brünett, mit dunklen Ringen unter den Augen, flusigen schwarzen Haaren, dünnen Lippen und geisterhaft bleich. Die beiden stellten sich vor den Trog. – »Dies ist er!« flüsterte sie und brachte das Taschentuch an ihre Augen. »O, Julia, wer wurde je so geliebt wie du?« Sie weinte wirklich. – »Fehlt dir was?« fragte er. »Ach nein. Du verstehst mich noch nicht ganz, du Lieber, aber du wirst mich noch verstehen lernen.« Sie ging aus den Trog zu und blickte ihn wehmütig an und drückte einen Kuß auf seine Marmorwand. Mir wurde ganz eklig dabei zu Sinn, denn das Geküsse von leblosen Dingen, sowie von Hunden und Katzen kann ich überhaupt nicht ausstehen, und nun erst hier! – Onkel Fritz wollte vor zurückgeklemmtem Lachen bersten.

Die Flusige erhob sich wieder. »Laß uns gehen!« hauchte sie, »dieser Anblick hat mich tief erschüttert.« – »Wir hätten lieber im Hotel bleiben sollen,« sagte er zärtlich. Sie warf ihm einen schmerzlich-lächelnden Blick zu und wandte sich noch einmal seufzend nach dem Troge um. Dann gingen sie.

Wir hatten auch genug, und obgleich Herr Spannbein behauptete, daß in Verona noch vieles zu sehen sei, so entschloß ich mich doch für die Weiterreise: »Verona läuft nicht weg, und Italien ist noch ein langes Ende auf der Landkarte. Den Rest besehen wir uns, wenn wir retour kommen.«

Am Mittag fuhren wir mit dem Schnellzuge nach Mailand ab. Wir waren früh genug am Bahnhof, aber die Nuddelei mit dem Gepäck war schrecklich. Onkel Fritz riet mir, die Koffer in Verona zu lassen, und wenn es nötig sei, lieber neue Sachen zu kaufen. Ich wollte, ich hätte ihm gefolgt. Doch davon später. Diesmal waren die Koffer schuld daran, daß wir erst im äußersten Abrutsch ein Coupé erwischten. In demselben saßen bereits der Halbgare und seine Donna. – Die vermaledeiten Koffer.


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