Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vorwärts

Im Schlafwagen – Herr Oehmichen – Die Antike vom Standpunkte der Nützlichkeit – Der erste Skat – Herr Spannbein und die Kunstbrahminen – Adam und Eva – Warum die Festung Kufstein nicht eingenommen werden kann – Wie Gebirgslandschaften gemalt werden – Bozen – Warum Herr Buchholz um eine Gardinenpredigt kam

Berlin lag hinter uns, auch Lichterfelde mit der Kadettenfabrik war unseren Blicken längst entschwunden, und rastlos ging es in die weite Welt hinein. Ich dachte an die Kinder, und mir ward ganz weich ums Herz. »Nein,« sagte ich zu mir selber, »meine beiden sehen nicht aus den Fenstern nach jungen Männern. Die Bergfeldten ist ein alter verleumderischer Ekel-Drache!« –

Wir saßen sehr gemütlich in dem Schlafwagen, der ja wirklich wie ein kleines Hotel eingerichtet ist. Der Kondukteur – er hieß Stoll – machte uns einen delikaten Kaffee, und da es Bier auf Eis und andere labende Feuchtigkeiten gab, konnte jeder haben, was er wünschte, und meinem Karl tat ein Glas Warmes sehr gut.

»Wenn wir nur einen Skat spielen könnten, ständen wir gar nichts aus,« meinte Onkel Fritz.

»Pfui!« rief ich, »wie profan! Wir reisen dem klassischen Lande entgegen, und du kannst an dein verruchtes Kartenspiel denken.«

»Wilhelmine,« entgegnete Onkel Fritz, »wenn die alten Griechen und Römer den Skat gekannt hätten, würden sie nicht so dämlich zugrunde gegangen sein, denn Skatspielen hält munter.« – »Weiß Gott,« seufzte ich, »vor Mitternacht könnt ihr euch ja nie von den vier Wenzeln wegfinden!« – »Wie wäre es, Mienchen, wenn wir eine Partie Sechsundsechzig zu Dritt spielten?«

Onkel Fritz hielt meinem Karl ein nagelneues Spiel Karten unter die Augen, indem er sagte: »Das soll uns in Italien über manche langweilige Stunde hinweghelfen.« Tief beleidigt wandte ich mich ab und blickte, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Fenster in die Landschaft. Diese aber gewährte mir wenig Unterhaltung, denn sie bleibt sich meilenweit immer gleich und ist nur Oberfläche, ohne irgendeine anständige Höhe, wie der Kreuzberg. Als daher mein Karl mich nach einiger Zeit wieder zum Mitspielen einlud, sagte ich nicht nein, und als wir in Leipzig anlangten, hatte ich den beiden eine Mark und zwanzig Pfennig abgenommen, wofür ich auf dem Bahnhofe belegte Stullen einkaufte, die uns nachher sehr gut mundeten, da sie durchaus nicht abgelagert waren.

In Leipzig stieg ein Herr ein, mit dem wir gar bald bekannt wurden. Es war Herr Oehmichen, gemusterter Hosenstofffabrikant aus Glauchau, der nach Italien reiste, um dort zu studieren, wie er sich ausdrückte. Als ich mich darauf mit ihm in ein gebildetes Gespräch über die Antike einlassen wollte, von der ich zuletzt sehr viel Belehrendes gelesen hatte, sagte er: »Nee, mein gutes Madamchen, die Antike ist nichts für mich. Warum? Weil sie so absolut wenig an hat. Aber es müßte ganz merkwürdig zugehen, wenn ich in Italien nicht ein bis mehrere Motive zu Hosenstoffmustern fände. Warum? Weil die alten Meister doch auch Geschmack gehabt haben müssen, denn sonst wären sie wohl nicht berühmt geworden.« – Auf die neueren Maler war Herr Oehmichen durchaus nicht gut zu sprechen. Er sagte, sie hätten nicht die Spur von Phantasie; man könne die ganzen Kunstausstellungen durchrennen, ohne auch nur eine Andeutung von einem Motiv zu finden. »Warum? Weil sie immer nur solche Stoffe malen, die schon vor Jahren Mode waren, mit denen natürlich kein Geschäft mehr zu machen ist. Und welchen Reiz würden die Bilder haben, wenn die Maler sich Mühe geben wollten, neue Stoffmuster darzustellen. Da reden sie immer von Kolorit, aber auf das Muster geben sie gar nichts.«

»Wieso?« fragte ich Herrn Oehmichen. – »Nun,« sagte er, »die modernen Künstler vernachlässigen das Detail in unverantwortlicher Weise. Seh'n Sie sich bloß ein Porträt von Lenbachen an. Der steckt die Hände mehrstens hinter den Rücken, und wenn er sie schon malt, dann sehen sie aus wie ein Bündel Frankfurter Würste in Rembrandtschem Halbdunkel.« – Ich erwiderte: »Auf die Hände kommt es wohl nicht an, sondern auf den idealen Geist.« – »Na ja,« antwortete er, »auf den ooch, aber so'n Geist muß doch Hände und Füße und was anhaben.«

Herr Oehmichen war als Sachse ein geborener Skatspieler, und so wurde die ersehnte Partie denn auch komplett. Die Herren spielten, bis wir in Reichenbach ganz verhältnismäßig zur Nacht aßen und dann in die Koje gingen.

Herr Kleines von dem Schlafwagenbureau hatte dafür gesorgt, daß mein Karl und ich ein reizendes Kabinett für zwei Personen bekamen. Die Betten waren so einladend, daß ich es vorzog, mich gleich zur Ruhe zu begeben, und da ich meinem Karl wegen seines Rheumatismus keine Gymnastik zumuten konnte, so nahm ich das obere Bett für mich. Ich kam viel bequemer hinauf, als ich mir vorgestellt hatte, und als ich lag, sagte ich zu mir: »Besser kannst du es gar nicht haben, Wilhelmine. Der Länge nach im Bett liegen und dennoch nach Italien zu kommen ... dies ist förmlich überirdisch.« – –

Am andern Morgen waren wir in München, aber da wir im Schlafwagen uns nicht nur vortrefflich ausgeruht, sondern auch Toilette gemacht und Kaffee getrunken hatten, so konnten wir ohne Anstrengung gleich weiterrutschen. Ein Tag Aufenthalt und das Hotel waren gespart. – Außerdem lud das Wetter auch nicht zum Bleiben ein. Was wir von München sehen konnten, das lag im Schnee, und der Himmel machte ein Gesicht, als wenn er selbst nicht wüßte, ob er für den Tag lächeln oder maulen wollte.

So gemütlich wie in dem Schlafwagen war es in dem Coupé des Zuges nun nicht, den wir benutzen mußten, aber es ging doch. Herr Oehmichen blieb vorläufig in München, um zu versuchen, dort einige Motive aufzugabeln, was mir sehr leid tat, da er im ganzen sehr verständige und gediegene Ansichten hatte. Dafür machten wir die Bekanntschaft eines jungen Malers, der in unser Coupé einstieg und dem man sofort die höhere Bildung anmerkte, denn er trug Glacéhandschuhe und war nobel in der Frisur, was Maler sonst doch nicht an sich haben. Die Unterhaltung kam bald in guten Fluß, denn ich bin dafür, meine Mitreisenden anzureden, weil ich das vornehme Abschließen unterwegs für langweilig halte. Man will doch auch andere Menschen kennen lernen, und wer nicht fragt, der bekommt keinen Bescheid. Herr Spannbein entpuppte sich als ein charmanter junger Mann, so daß Onkel Fritz ihn sehr bald zur Zulassung an die Kognakflasche würdigte.

Ich fragte, um dem Gespräch eine sachgemäße Wendung zu geben, ob die Münchener Malerschule sehr in Flor sei? Herr Spannbein bejahte die Frage und fügte hinzu, daß in München alljährlich ein Dutzend berühmter Künstler entdeckt würde, namentlich Polen und Russen, daß aber nach fünf Jahren die Entdecker die Namen jener nicht mehr wüßten. An Kunstbrahminen fehle es München jedoch ebensowenig wie anderwärts.

»Was sind denn eigentlich Kunstbrahminen?« fragte ich ihn. – »Das sind Leute, die über Kunst schreiben und keinen Dunst davon haben,« antwortete er. »Lesen Sie nie ein Buch über die Kunst, verehrte Frau. Sehen Sie selbst, empfinden Sie selbst und kaufen Sie die Bilder, die Ihnen gefallen. Das ist der wahre Kunstsinn.« – »Aber man muß sich doch unterrichten!« warf ich ein. – »Unterrichteten sich die alten Griechen? Hatte Phidias ein Buch, aus dem er lernte? Haben die alten Meister nach der Kunstgeschichte gemalt, oder ist die Kunstgeschichte nach ihren Werken gemacht worden? Nein, die Kunst war eher da, als die Kritik, ebenso wie die Kochkunst eher da war, als das Kochbuch!«

Ich mußte gestehen, daß ich die Kunst von dieser Seite noch nicht betrachtet hatte, und auch noch mit niemand zusammengekommen war, der sich so sicher und allgemein faßlich über ein so schweres Thema auszusprechen imstande war wie Herr Spannbein. »Wer nach einem Kochbuch kochen will, ist verloren,« antwortete ich. »Bloß allein schon die Eier. Eine praktische Hausfrau braucht nur die Hälfte.« –

»Ganz wie die Auffassung in der Malerei,« entgegnete Herr Spannbein, »man kommt mit viel weniger aus, als allgemein angenommen wird. Ich kenne Maler, deren Bilder vor lauter Auffassung nicht anzusehen sind. Keine Farbe ist drin, keine Zeichnung, keine Technik ... aber Auffassung. Und vor so eine Krute stellen sich die Kunstbrahminen hin und verdrehen die Augen und wollen vor Wonne zerfließen. Anständig gemalte Bilder aber reißen sie herunter; davon kann ich ein Lied singen!«

Ich lieh die Flasche vom Onkel Fritz, der mit ihrer Verwaltung betraut war, und stärkte Herrn Spannbein, der sich mächtig in Eifer geredet hatte. – Dann fragte ich ihn: »Woher soll unsereins aber ein Urteil über die Kunst hernehmen, wenn nicht aus Geschriebenem?«

»Sehen Sie die Natur an und dann die Kunstwerke,« rief Herr Spannbein. »Finden Sie die Natur in den Werken der Künstler wieder, dann sind dieselben gut.« – Hierauf entgegnete ich, daß manches in der Natur doch nicht schicklich zu betrachten sei, wie meinetwegen Adam und Eva, und teilte ihm in bezug auf die Antike Herrn Oehmichens Meinung mit. Herr Spannbein lächelte mitleidsvoll und sagte: »In der Kunst ist alles schicklich. Übrigens brauchen Sie sich vor den Antiken in Italien nicht zu fürchten, denn der prüden Engländerinnen wegen sind die Statuen in den Sammlungen und Museen alle mit Feigenblättern dekoriert, als hätten sie einen Sündenfall getan. Es war auch eine Sünde, sich von Leuten ausgraben zu lassen, welche die Götterbilder ihrer Vorfahren bekleiden, damit sie von Pensionsfräuleins nicht shocking gefunden werden!«

Meinem Karl, der bis jetzt fleißig in seinem italienischen Sprachbuche gelernt hatte, schien der Dialog über die Intimitäten der Kunst nicht zu behagen und fragte Herrn Spannbein daher, ob er Skat spiele? Kaum hatte dieser die Frage bejaht, so war auch die Partie schon arrangiert. Diesmal kam mir die Unterbrechung sehr gelegen, beim Herrn Spannbeins Ansichten stimmten mit denen, welche ich kürzlich aus den Büchern geschöpft hatte, durchaus nicht überein, weshalb mir so wirr zu Sinn war, daß ich der Ruhe bedurfte und meinen aufgeregten Geist durch Betrachten der Landschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen suchte.

Der Schnee hörte allmählich auf. Feld und Anger zeigten die ersten Spuren von neuem Grün, wenn auch die Bäume noch unbelaubt standen und nur die Tannen in ihrem dunklen Nadelgewande andeuteten, wie ungefähr sich das Ganze ausnehmen würde, wenn es wieder Sommer geworden. Die Berge rechts und links wurden immer höher. Die meisten waren noch vom Winterschnee bedeckt, aber unten im Tal, durch das wir fuhren, ganz hart am Bahngeleise blühten schon die Schlüsselblumen. Das war der erste Gruß vom Frühling, der hinter den Alpen weilte und dem wir entgegenzogen, da er zu uns noch nicht kommen konnte, weil es ihm droben im Norden nicht warm genug war, denn nach den neuesten Untersuchungen der Gelehrten bringt, wie ich kürzlich in der Hausfrauenzeitung las, nicht der Frühling die Wärme, sondern die Wärme bringt den Frühling. Wie ganz anders erscheint doch die Natur, wenn man sie durch die Lorgnette der Wissenschaft betrachtet!

Unser Zug fuhr in den Bahnhof von Kufstein ein. Dieses Kufstein liegt reizend an dem Flusse mit seinen schlanken Türmen, über die hoch hinaus schroffe Felsen ragen, auf denen man eine Festung erblickt, welche außer durch Dynamit nicht einzunehmen ist, wie mir nachher auf dem Perron ein niedlicher österreichischer Offizier versicherte. Nur wenn man unmittelbar unterhalb der Festung ein Loch in den Felsen bohren und dieses, nachdem es mit einer genügenden Menge Dynamit gefüllt worden, mittels eines Zündfadens explodieren lassen würde, sei der Feind imstande, die unüberwindbare Festung in die Luft zu sprengen. Dies sei aber wiederum unmöglich, weil draußen eine Schildwache stände, welche jeden Bohrversuch unverzüglich dem Kommandanten zu melden habe. Das Häuschen der Schildwache habe ich auch mit meinen eigenen Augen gesehen.

Trotz der schönen Lage gefiel mir Kufstein doch nicht in dem Maße, wie es mir hätte gefallen müssen, denn dort ist der österreichische Zoll, und eine Zollrevision verdirbt das beste Amüsement. Da muß man mit seinen Koffern und Taschen antreten, dieselben öffnen und den männlichen Zollbeamten Einblicke in die vertraulichsten Garderobeverhältnisse gestatten. Nun, ich bin gottlob eine ordentliche Frau und kann überall sehen lassen, was ich über den Leib ziehe, aber es war mir doch ein sehr peinliches Gefühl, als der junge Mann mich fragte, ob ich Waffen und Tabak in meinem Gepäck hätte, und zwischen meinen Nachtgewändern nach Revolvern und Zigarren suchte. »Ne,« sagte ich, »Männecken! Ich rauche weder im Bett, noch schieße ich; so emanzipiert ist die Buchholzen nicht!«

Nachdem wir die Zollrevision glücklich überstanden, Begaben wir uns in die Restauration, um uns zu stärken, aber ich hatte mich doch so aufgeregt, daß es mir nicht ordentlich schmecken wollte, und war deshalb froh, als wir wieder in den Zug stiegen und einen Ort verließen, wo mein Zartgefühl durch die Schranken der Zollpolitik auf das tiefste gekränkt worden war.

Wir bekamen nun bereits italienische Wagen. Die erste Klasse gleicht unserer zweiten, und die zweite unterscheidet sich von unserer dritten hauptsächlich durch Wachstuchüberzüge der Sitze. Daraus machten wir uns jedoch nicht viel, sondern waren vergnügt, zu viert ein Coupé für uns allein zu haben. Herr Spannbein schloß sich uns nämlich wieder an.

Nun ging es in das Land Tirol hinein. Ich hätte nie geglaubt, daß es so viel Berge in der Welt gibt, und konnte nicht umhin, meiner Freude darüber wiederholt Ausdruck zu geben. Herr Spannbein sagte, er begriffe meine Exaltation gar nicht, wenn ich in der Schweiz gewesen wäre, würde ich wegen dieser Maulwurfshaufen kein Aufheben machen.

Eine solche Arroganz verdroß mich. »Ich freue mich an dem, was ich habe, und nicht an den Dingen, die andere Leute für besser halten und die ich nicht kenne,« sagte ich scharf. »Außerdem will ich Ihnen nur bemerken, daß ich aus dem Flachlande komme, wo es außer dem Kreuzberge und den Pichelsbergen an der Havel keine anständige meßbare Höhe gibt. Hier erblicke ich eine für mich neue Welt. Das graue Felsgestein, die dunklen Tannenwälder, die vielen vergnügten Ortschaften mit den bunt bemalten Häusern gefallen mir zu gut. Wenn nun der Wind die Nebelwolken zerstreut und plötzlich hoch oben in den blauen Wolkenlücken sonnenbestrahlte glänzende Schneegipfel erscheinen, dann möchte ich sogar dem Zuge zurufen, daß er einen Augenblick halte. Und den Genuß wollen Sie mir verekeln?«

Herr Spannbein entschuldigte sich und entgegnete, er habe mir durchaus die Freude nicht verderben wollen, aber er könne nicht dafür, daß die Schweizer Gebirge nun einmal höher geraten seien als die Tiroler. Schließlich bleibe es einem Maler auch einerlei, wie hoch ein Berg sei, auf die Leinwand kriegte er ihn dennoch. Ich fragte, ob er das auch besorgen könne? – »Nichts ist leichter als eine Gebirgslandschaft,« erwiderte er. »Man mischt den Lokalton, streicht rauf und runter, oben Kremser Weiß darauf und flapp, flapp mit dem Pinsel die Fichten hineingeworfen. Hat man nicht Lust, den ganzen Berg auszuführen, dann malt man Wolken und Dunst darüber. Die Gebirgsmaler können sich mit den Wolken ebensogut helfen wie die Schlachtenmaler mit dem Pulverdampf. Geht ihnen die Kunst aus, dann machen sie Qualm!«

»Und was malen Sie eigentlich?« fragte mein Karl.

»Genrebilder,« entgegnete Herr Spannbein mit Selbstbewußtsein. Etwas gedrückt fügte er dann hinzu: »Aber das ist gerade das Feld, das die Kunstbrahminen sich zum Herunterreißen ausgesucht haben. Entweder ihnen paßt der Stoff nicht, oder die Farbe nicht, oder die Ausführung nicht. Auffassung finden sie nie darin.«

»Das ist ja sehr betrübend,« tröstete ich ihn.

Nun wurde er ganz zutunlich und erzählte von einem Bilde, das er gemalt habe, eine ›Edeldame mit einem Papagei‹ und das von einem Kunstbrahminen so scheußlich schlecht in einer Kritik gemacht worden sei, daß er kaum gewagt habe, sich vor Menschen sehen zu lassen. Und alle seine Kollegen hätten das Bild gelobt. Und es sei gut gewesen, das hätten sie alle gesagt. – Er war ganz zerklüftet, wie frisch verprügelt.

Onkel Fritz erinnerte daran, daß wir lange keinen genommen hätten. Auch Herr Spannbein durfte wieder an dem Kognak partizipieren. –

Ehe wir es merkten, waren wir in Innsbruck. Wie schön die Stadt liegt! Wir sahen die Zillertaler Alpen, wo die Natursänger herkommen, in der Ferne, und die Berge, welche das breite Tal umschließen, durch das der Inn strömt. Wäre mein Karl nicht leidend gewesen, ich hätte vorgeschlagen, einen Tag zu bleiben, aber er sagte: »Wilhelmine, der Doktor hat mit den Süden verordnet, und der soll ja noch viel schöner sein als das Land diesseits der Alpen.« –

»Das wird schwer halten,« antwortete ich. – »Sie haben die Schweiz noch nicht gesehen,« fiel mir der Maler wieder in die Rede. – »Was versteht ein Genremaler von Landschaft?« donnerte ich ihn nieder. Da war er still.

Wir alle schwiegen überhaupt, bis mir die Gegend anfing sehr bedenklich zu werden. »Wo will der Zug nun hin?« fragte ich, »über das Gebirge da vor uns kann er doch nicht.« –

»O, er muß wohl,« rief Onkel Fritz, »du sollst sehen, wie sie ihm das Klettern beigebracht haben.«

Und so war es auch. Ich habe bei Renz und in der Walhalla manche halsbrecherische Arbeit von Menschen und unvernünftigen Kreaturen gesehen, z. B. von Elefanten, die auf Flaschen gehen, und ganz kleinen Kindern, die ihren Vätern wie Maikäfer auf dem Kopfe herumturnen, aber als ich sah, wie eine absolut sinnlose Lokomotive ihren Weg bis oben auf ein Gebirge hinauf findet, respektierte ich doch den menschlichen Geist, der so etwas überhaupt möglich macht. Je höher wir hinaufkamen, um so winterlicher wurde es wieder, denn der Brenner war ganz mit Schnee bedeckt. Oben auf der Station wurde Halt gemacht. Wir sahen den Brennersee mit seinem grünen Gewässer inmitten der Schneegipfel und die Eisack, die sich als Wasserfall herunterstürzt. Wenn man ganz einsam dort wohnte, hörte man Tag und Nacht nur das Rauschen des Wassers, allein nun kommt die Lokomotive täglich ein paarmal zu Besuch und pfeift und schreit und verdirbt den poetischen Eindruck. Aber ist es nicht überall ähnlich so? Die Menschheit tobt und hastet durch das Leben, als sei die Erde nichts als eine Eisenbahnstation, und man muß sich wundern, daß es überhaupt noch Poeten gibt, die Ruhe zum Dichten finden. Deshalb ist es gut, wenn die jungen Talente so hart wie möglich behandelt werden, damit ihre feine Empfindung sich verliert und sie in dem allgemeinen Skandal arbeiten können, als wäre die Dichtkunst eine Art von Chausseesteinklopfen.

Nachdem wir uns die Füße ein wenig in dem Schnee vertreten hatten, stiegen wir wieder ein, und nun gings bergab. Bald hatten wir die weißen Gipfel über uns, und wärmer und wärmer wurde es. Und nun kamen grüne Bäume, und als wir wieder unten im Tal waren und der Zug seine natürliche Geschwindigkeit annahm, da sausten wir durch den herrlichsten Frühling. Und welch ein Frühling! Alles war Baumblüte – statt Winterschnee Blütenschnee.

»Karl,« sagte ich zu meinem Manne, »mir ist gerade so zumute wie damals, als ich mit der Großmutter zum erstenmal in Werder war und die Kirschen blühten. Nur ist es hier felsiger und großartiger, und statt der Weinstöcke haben sie dort Kartoffeln auf den Feldern; sonst ist es ziemlich dasselbe.«

Wie die Orte alle heißen, an denen wir vorbei kamen, das konnte ich nicht erfahren, denn Herrn Spannbeins geographische Kenntnisse erwiesen sich als sehr mangelhaft. Ich freute mich aber an all den Städtchen und an den sauberen Dörfern, besonders an den schmucken Kirchen, die daliegen wie die Gluckhennen, an die sich die Grabsteine anschmiegen wie schutzsuchende Küchlein, wenn es Abend wird. Das Leben ist freilich angenehmer in der Stadt, das Begraben dagegen auf dem Lande. Gegen das Verbrennen bin ich ganz und gar, denn der Mensch wird nicht zum Schmoren in die Welt gesetzt. –

Am Spätnachmittag erreichten wir Bozen, das wegen seiner eingemachten Früchte berühmt ist. Nun, wo so viel Obst wächst, ist das Einmachen keine Kunst. Aber was sollen wir bei uns anfangen, wie im vorigen Jahre, wo die Zwetschen nicht ordentlich reif wurden? – Man macht Essigpflaumen daraus.

In Bozen blieben wir, da mein Karl sich erholen mußte. Es war aber so milde Luft, daß wir, zu später Abendzeit, noch einen langen Spaziergang im Mondenschein unternehmen konnten. Onkel Fritz fand eine Bierwirtschaft auf, in die er uns hineinzerrte. »Für die nächste Zeit gibt es kein Bier mehr,« sagte er. – Ich war empört.

Als ich aber sah, wie auch Herr Spannbein, der doch ein Künstler ist, sich gut tat, trank ich auch mein Töpfchen, obgleich ich mir wohl bewußt war, daß ich die Reise nicht unternommen hatte, um in einem räucherigen Lokale zu kneipen und zuzusehen, wie die Herren Skat spielten. So war ich, wie schon so oft im Leben, unter Larven die einzige fühlende Brust, und mit einer gewissen Schadenfreude dachte ich daran, daß Onkel Fritz auf einige Wochen dem Biere entsagen müßte, dem er so sehr nachhängt, daß er darüber immer noch nicht zum Heiraten gekommen ist. Für meinen Karl präparierte ich eine kleine abendliche Mahnrede, aber da sein Rheumatismus ihn wieder stark marterte, verschonte ich ihn vorläufig damit. Es muß eben alles seine Zeit haben.


 << zurück weiter >>