Sophokles
Elektra
Sophokles

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Zweiter Auftritt

Klytaimnestra: Losgelassen, so scheint es, streifst du wieder
herum, kaum daß Aigisthos fort ist, der stets zurück
dich hielt, daß du nicht vor die Tore rennst,
zu schmähn die Deinen!
Jetzt, da er gegangen ist, kehrst du dich nicht zu mir,
nein, hast mich viel schon vor den Vielen angeklagt,
daß ich frech und unberechtigt herrsche und dich und
die Deinen zwinge unters Joch!
Doch liegt Gewalt mir fern, und schmäh ich dich, dann
nur weil du mich schmähest allezeit!
Zu deinem Vorwand nimmst du stets den Vater,
der durch mich gestorben sei! Durch mich! Schon recht!
Ich weiß, und leugne nichts!
Doch Dike, die Gerechtigkeit, hat ihn gefaßt,
nicht ich allein! Der du helfen solltest, wenn
du verständig wärst. Denn dieser, dein Erzeuger,
den du stets bejammerst, hat deine Schwester,
Blut von deinem Blut, gewagt zu opfern
als einzger der Hellenen. Er, der nicht
gleich mir sich hat erschöpft in Schmerzen,
als er sie säte, so wie ich, die sie gebar! –
Nun gut! Erklär mir denn, wofür und wem zulieb
er sie geopfert! Etwa für der Argeier Heer?
Doch ihnen stand's nicht zu, die Meine grad zu schlachten!
Für seinen Bruder also, Menelaos? Für ihn soll er
die Meine töten und mir nicht schuldig sein?
Hatte nicht jener selbst zwei Kinder,
die nach Recht und Billigkeit viel eher
als meine Tochter sterben mußten,
da sie von jenem Vater und der Mutter,
um derentwillen diese Seefahrt ging?
Oder lüstete es Hades wohl mehr, die
Meinen zu verschlingen als die Seinen?
Oder war das Gefühl des ganz verderbten Vaters
für die von mir gebornen Kinder ganz erschlafft
und lebte nur für die des Menelaos?
Muß schnöd und ganz von Sinnen nicht ein solcher Vater sein?
Mir scheint es so, steh ich auch gegen deinen Sinn!
Doch sagen würd es auch die Tote,
wär Stimme ihr vergönnt!
Darum beschwert das Herz mir nicht, was ich getan!
Doch scheint es dir, ich dächte schlecht,
so fasse du nur erst den rechten Sinn,
dann magst du die Deinen schelten!

Elektra: Nicht sprachst du eben, mich mit Bitterkeit
zu kränken; so hab ich dich auch angehört.
Steht es mir frei, so sag ich dir,
wie's wirklich mit dem Toten und der Schwester war.

Klytaimnestra: Es steht dir frei! Wenn immer so
zu reden du beginnen würdest,
wär's kränkend nicht, dich anzuhörn.

Elektra: So sag ich dies: den Vater ermordet zu haben
gestehst du! Welch Wort könnte schamloser
sein als dieses? Ob es gerecht nun war, ob nicht!
Doch sag ich dir, daß du ihn nicht des Rechtes wegen hast getötet,
nein, die Verlockung riß dich hin an jenes schlechten Mannes Seite,
mit dem du nun zusammenlebst!
Die Jägerin Artemis befrage doch, um welche Schuld
sie streng in Aulis alle Winde hemmte. Oder, ich
will's sagen, da sie zu fragen sich nicht ziemt!
Ich hörte, daß mein Vater einst, als er im
Hain der Göttin sich erging, erjagte einen buntgefleckt
gehörnten Hirsch, ob dessen Tod er sich mit großen
Worten rühmte. Darob erzürnt, hielt Letos
Tochter die Achaier fest, damit der Vater
als Sühne für das wilde Tier die eigne Tochter opfere.
So stand's um dieses Opfer!
Nichts löste sonst des Heeres Bann
zurückzukehren oder auf nach Ilion zu ziehen!
Deshalb hat er sie, widerstrebend und gezwungen,
dem Opfer preisgegeben, nicht des Menelaos wegen!
Jedoch, gesetzt, er hätte dies getan, weil er –
ich spreche auch in deinem Sinn – dem Bruder
helfen wollte, mußt' er deshalb fallen durch deine Hand?
Mit welchem Recht? Sieh nur zu, wofern du solches
Recht den Menschen setzt, daß du nicht selbst
dir Leid und Reue schaffst! Denn wenn wir einen
töten für den andern, dann stirbst als erste du,
wenn es nach diesem Rechte geht! Drum sieh,
ob nicht einen Grund du setzt, der keiner ist!
Denn, wenn du willst, dann lehre, wie du so rächend
nun selbst in allerunehrbarster Tat befunden wirst, du,
die mit dem Mordbefleckten schläft, mit dem vereint
du meinen Vater mordetest und Kinder zeugst und
jene die der rechte Mann gezeugt, verworfen hast!
Wie sollt ich das wohl achten? Oder sagst du auch
von diesem, es sei Vergeltung für der Tochter Opfertod?
Schmachvoll, wenn du's sagst! Denn unrecht ist's dem
Feind sich zu vermählen um der Tochter willen! –
Doch freilich darf ich dich nicht tadeln, die mit
ungehemmter Zunge schreit, es schmähe frech
mein Mund die Mutter!
Auch seh ich mehr in dir die Herrin denn die Mutter,
die ich mühevoll und übel lebe durch dich
und deinen Bettgenossen!
Doch er, der andere da draußen, deiner
Hand mit Mühe nur entflohn, der arme Orest,
reibt auf in Ungemach sein Leben;
von dem du oftmals mir schon vorgeworfen,
ich zög ihn auf als Rächer gegen dich. – Ja, das wohl!
Ich täte es, hätt' ich die Kraft, des sei gewiß!
Drum schrei mich aus vor allem Volk,
als schlecht, als schamlos und verdorben!
Kaum mach ich dann Schande deiner Art!

Chor: Der Zorn beflügelt ihren Atem! Ob sie im Recht
jedoch, das bleibt noch zu erwägen!

Klytaimnestra: Was soll ich denn bei dieser noch erwägen,
die so die Mutter schmäht, und das
in solchem Alter! Scheint sie dir nicht
schamlos und ohne Scheu zu jeder bösen Tat bereit?

Elektra: So wisse wohl, daß ich mich schäme,
wenn's dir auch nicht so scheint!
Ich weiß, ich tue Dinge, die mir zu tun nicht geziemt.
Jedoch dein böser Wille und deine böse Tat
erzwingen gewaltsam, daß ich' s tue.
Schandbare Dinge lehren schandbares Tun!

Klytaimnestra: (heftig)
Schamloses Gezücht! Also ich und meine Worte
und meine Werke wirken, daß
du redest ohne Maß und Ziel!

Elektra: Du redest so, nicht ich! Du tust das Werk!
Und deine Werke zeugen solche Worte!

Klytaimnestra: (sehr heftig)
Nein, bei der Herrin Artemis! Dieser Frechheit
entrinnst du nicht, wenn erst Aigisthos wiederkehrt!

Elektra: Sieh nur! Jähzorn reißt dich hin,
wiewohl du mir das Wort gewährtest!
Doch es anzuhören weißt du nicht!

Klytaimnestra: (sich mühsam fassend, nach langer Pause mit rauher Stimme)
So willst du nicht einmal mit heiligem Schweigen
mich opfern lassen, nachdem ich dir gewährte,
frei auszusprechen, was du willst!

Elektra: Ich lasse dich, heiße es dich! Opfere!
Beschwere dich nicht weiter über meinen Mund.
Ich rede nicht mehr weiter!

Klytaimnestra: Erhebe denn die Opfergaben
von Früchten aller Art, daß ich hinauf
zu diesem Herrscher entsende mein Gebet,
zu lösen meine Ängste, die jüngst sich mir erregt!
Beschützer Phoibos, verborgener Apoll,
höre mein verhülltes Wort! Denn nicht vor Freunden
kann ich sprechen, alles nicht dem Licht enthüllen,
wenn diese mir zur Seite steht, daß sie voll
Mißgunst nicht und tausendzüngigem Geschrei
leeres Gerede säte in der ganzen Stadt!
Darum höre! Denn auch so geb ich mich kund!
Was diese Nacht ich schaute, Traumgesichte
zweifelhafter Art, Lykeios, Fürst Apoll, gib,
wenn sie heilsam sind, Erfüllung mir, sonst laß
sie zurück auf meine Feinde fallen.
Und wenn manche mich aus meinem Glück
verstoßen wollen, laß es nicht zu.
Nein, laß mich unversehrt und froh über
die Häuser der Atriden und dieses Zepter walten,
vereint den Freunden, die bei mir sind,
in heitren Tagen, unter Kindern, von denen
keines mir ein Übel will noch bittres Leid!
Dies, o Lykischer Apoll, höre gnädig an
und gib uns allen, was wir uns erflehn!
Das andere, das ich verschweigen muß,
wirst du als göttlicher Daimon wohl wissen,
denn die von Zeus sind, schauen alles!

(Klytaimnestra verharrt stumm am Altar, während der Alte hereintritt)

Der Alte: Ihr fremden Fraun! Wie könnte ich gewiß erfahren,
ob hier Aigisthos Haus, des Fürsten, ist?

Eine der Frauen: Hier ist es, Fremder! Du vermutest recht!

Der Alte: Vermute ich auch recht, daß dies seine Gattin sei?
Wie eine Fürstin ist sie anzusehn.

Eine der Frauen: So ist es! Dies ist seine Frau!

Der Alte: Heil dir, Fürstin! Frohe Kunde bring
ich dir von deinem und Aigisthos Freund.

Klytaimnestra: Freudig hör ich deine Worte, doch
sage mir, wer dich gesandt.

Der Alte: Aus Phokis schickt mich Phanoteus in einer großen Sache.

Klytaimnestra: In welcher, Fremder? Sprich! Da du
von einem Freunde kommst, bringst
du gewiß, ich weiß, ein frohes Wort.

Der Alte: Tot ist Orest! sag ich ganz kurz gefaßt!

Elektra: O weh, ich Arme! Dieser Tag vernichtet mich!

Klytaimnestra: Was sagst du, Fremder? Hör nicht auf diese!

Der Alte: Tot ist Orest! ich sag es abermals!

Elektra: Vernichtet bin ich Unglückselige, vernichtet ganz!

Klytaimnestra: Bleibe du nur ganz für dich! Du aber, Fremder,
berichte mir der Wahrheit nach: wie ging er zugrund?

Der Alte: Dies zu berichten, bin ich gesandt.
Nach Delphi kam Orest, den Preis
im edlen Kampfspiel zu erringen,
und als die helle Heroldsstimme
zum Wettlauf rief, um den
als ersten die Entscheidung ging,
da trat er strahlend in die Schranken
zum Erstaunen aller, die sich hier versammelt.
Und als er dann auf edle Art in
raschem Lauf durchs Ziel gegangen war,
da schritt er aus der Bahn,
den Siegespreis in Händen.
Um vieles in wenig Worten auszusprechen:
Keinen gab's, der ihm an Kraft und Taten glich!
Was auch der Kampfesrichter ausrief:
Wettlauf, Doppellauf und Fünfkampf –
er trug jeden Siegespreis davon,
ruhmvoll gepriesen als Mann von Argos,
genannt Orest, des Agamemnons Sohn,
der Hellas ganzes Heer um sich versammelt hat.
So begann es! – Doch wenn die Götter
Unheil verhängen, entgeht der Stärkste nicht.
Als andern Tags, als sich die Sonne hob,
der schnellfüß'ge Wagenlauf begann,
da trat er auf mit vielen Wagenlenkern.
Einer war Achaier, der andere von Sparta,
zwei des bejochten Wagens wohlerfahrne Libyer,
und mit Thessaler-Stuten Orest als Fünfter.
Sechster war einer aus Aitolien mit falben Füllen,
einer aus Magnesia der Siebente, mit weißen
Rossen der Achte ein Ainianer, der Neunte
aus der gotterbauten Stadt Athen,
ein Böoter endlich machte die Zahl
der zehn Gespanne voll.
So aufgereiht, wie die bestellten Kampfesrichter
die Lose warfen, stürmten sie beim
Stoß der ehernen Trompete los.
Zurufend ihren Rossen schwangen sie die Zügel
und die ganze Bahn erfüllte sich vom dem Getöse
der rasenden Wagen, der Staub flog auf,
und wie in eins vermengt, sparten sie die Geißeln
nicht, daß einer des anderen Nabe überrunde
und der Pferde schnaubende Nüstern.
Denn um der Lenker Rücken, wie um der Räder Kränze,
dampfte der Rosse Atemhauch.
Doch jener, sich hart an die letzte Wendesäule drängend,
die Nabe dicht daran, dem rechten Pferd die Zügel lassend,
hielt kurz das innere.
Aufrecht standen alle Wagen noch, da geht des Ainianers
Füllen durch, und aus der Kehre, wo die sechste Runde
sich zur siebten schon vollendet, pralln sie mit grader
Stirn auf das barkäische Gefährt.
Und, als Folge dieses Fehlers, rasen alle ineinander
und vom Schiffbruch der Gespanne erfüllt
sich das Krisäische Gefild.
Als Athens meisterlicher Wagenlenker
dieses sah, zieht er außen dran vorbei,
verhält die Fahrt und läßt beiseit
die Woge, wo sich Pferd auf Pferd
inmitten durcheinander wälzt.
Hinter ihm Orest, sein Ross zum
Ziellauf spornend; und wie er sieht,
daß jener nur verblieb, läßt er der Peitsche
scharfen Knall den Füllen in die Ohren
schallen und setzt nach.
Joch an Joch fahrn sie dahin,
bald der eine, bald der andere das
Haupt nach vorne werfend.
Ungestört durchstand der Arme glücklich
alle andern Läufe, aufrecht auf festem Wagen.
Da stieß er, wie er den linken Zügel
dem wendenden Rosse freigab, unvermerkt
die Wendesäule an und es brach der Achse
Nabe mittendurch. Er glitt vom Wagensitz,
verstrickte in die Riemen sich und wurde mitgeschleift.
Die Füllen stoben auseinander, als er zu Boden fiel.
Hellauf schrie das Volk, als es ihn stürzen sah,
welch Unheil ihn nach solchem Ruhm ergriff,
zu Boden bald geschleudert, bald weit empor
gerissen mit hochgereckten Beinen, bis ihn die
Wagenlenker, mit Mühe nur die Pferde haltend,
vom Blut ganz überströmt befreiten, daß selbst
die Freunde den entstellten Leib nicht mehr erkennen konnten.
Und da sie ihn alsbald verbrannten, so bringen nun
die Männer Phokis den mächt'gen Leib als kümmerliche
Asche in enges Erz gegossen, daß er im väterlichen
Land sein Grab erhält. – Ja, so geschah es!
Schrecklich schon in Worten, doch schrecklicher
noch denen, die es selbst geschaut!

Chor: Weh! Weh! So ist dem alten Herrscherhaus
mit der Wurzel, scheint es, ausgetilgt der ganze Stamm!

Klytaimnestra: O Zeus, soll ich dies glücklich nennen, oder
furchtbar zwar, und doch Gewinn? Denn bitter ist's,
wenn ich mit eignem Leid mein Leben retten muß!

Der Alte: Was schlägt dich dieses Wort so nieder?

Klytaimnestra: Mutterblut ist stark! Auch durch böse Tat
wird gegen Kinder niemals Haß erregt.

Der Alte: So sind wir denn vergeblich, wie es scheint, hierher geeilt!

Klytaimnestra: Doch nicht vergeblich! Wie kannst du es vergeblich
nennen, wenn du mir dessen Tod beweist, der,
meinem Schoß entstammend wohl, früh entrissen
meiner Brust und Pflege, dies Land verließ
und mir den Mord an seinem Vater
furchtbar zu rächen droht, so daß
mich weder nachts noch tags der
süße Schlaf umfängt und die heran
eilende Zeit mir nur den Tod erwarten ließ!
Doch jetzt, da ich der Furcht vor dieser (auf Elektra weisend)
und vor ihm entledigt bin –
denn sie, vereint mit mir im selben Haus,
war mir die größre Plage, die mir das
reine Herzensblut begierig ausgesogen hat –
jetzt werden wir gedeihn, von ihrer Drohung
ferner nicht geängstigt!

Elektra: O weh mir Armen! Wehschrein muß ich nun,
Orest, über dein Geschick und daß die eigne
Mutter dich verhöhnt! Wurde so dir recht getan?

Klytaimnestra: Dir nicht! Ihm aber ward in allem recht getan!

Elektra: O hör es, Nemesis, Rachegeist des so Gestorbenen!

Klytaimnestra: Sie hat gehört, wen sie sollte, und recht entschieden!

Elektra: Höhne nur! Denn glücklich trafst du's jetzt!

Klytaimnestra: Was du und dein Orest nun nicht mehr hemmen solln!

Elektra: Ja, denn selbst gehemmt, hemmen wir dich beide nicht.

Klytaimnestra: (zu dem Alten)
Viel, Fremder, hättest du verdient,
setztest du dieser da eine Ende
mit ihrem tausendzüngigen Geschrei!

Der Alte: So geh ich, da es recht hier steht!

Klytaimnestra: O nein! Das hieße weder meiner würdig
handeln noch des Freunds, der dich gesandt!
Drum geh hinein! Die aber laß draußen klagen
um ihres und der Ihren Leid!

(Beide gehen in das Haus)

Elektra: Meint ihr, daß sie, die Elende, voll Schmerz
und Kummer weint und jammert um den Sohn?
Nein, lachend ist sie fort! O ich Ärmste!
Geliebter Orest, wie hast du mich vernichtet,
da du starbst! Du bist gegangen und hast die
Hoffnung mir aus meinem Herz gerissen,
die einzig mir verblieben war, daß du lebend
wiederkämst als Rächer für den Vater und für mich,
die ganz Verlorene. – Doch nun, wohin soll ich mich wenden?
Einsam bin ich, deiner beraubt wie auch des Vaters,
und dienen muß ich wieder den mir zumeist verhaßten Menschen,
den Mördern meines Vaters! Hab ich's nicht gut getroffen?
Doch nein! Nie werd ich künftig unter einem Dach mit
diesen wohnen, und hier am Tor dahingesunken möge
mein Leben freudlos verwelken! –
Drum, ihr da drinnen, erschlagt mich nur,
wenn's euch beschwert! Denn eine Wohltat wär's
erschlüg man mich, und Qual ist's nur, zu leben!
Zu leben verlangt's mich länger nicht!

Chor: Wo sind deine Blitze Zeus?
wo deine Strahlen Helios?
wenn ihr dies schaut
und euch verbergt?

Elektra: Weh, o weh!

Chor: Kind! was weinst du so?

Elektra: Weh!

Chor: Bezähme deine Klage!

Elektra: Ihr richtet mich zugrund!

Chor: Wie?

Elektra: Wenn du für die mich hoffen läßt,
die gewiß der Hades hat verschlungen,
so trittst du mich, die hinschmilzt,
nur noch tiefer nieder!

Chor: Weilt doch Amphiaras, der Seher,
durch goldbestrickende Umgarnungen
des Weibes in sein Grab gestürzt,
noch jetzt in tiefer Erde ...

Elektra: Ach weh! O weh!

Chor: ... und lebt dort voller Kraft!

Elektra: Wehe!

Chor: Wehe! Ja, denn die mörderische Frau ...

Elektra: Sie fiel!

Chor: Ja!

Elektra: Ja, ja, ich weiß! Denn ein Rächer
erschien dem Toten in der Not!
Mir aber blieb keiner mehr!
Denn, der mir noch war, ist fort,
hinweggerafft!

Chor: Elend schon, trifft Elend dich!

Elektra: Auch dies ist mir nur allzusehr bewußt,
denn endlos häuft sich mir das Leid
durch viele Monde hin!

Chor: Wir sehen es wie du!

Elektra: Darum beredet nimmer mich, da ...

Chor: Was meinst du?

Elektra: ... ich auf Hilfe nicht mehr hoffen darf,
durch meinen edlen Bruder!

Chor: Allen Sterblichen erwuchs der Tod!

Elektra: Um im schnellhuf'gen Wettlauf,
unglückselig so wie er
ins Zaumzeug zu geraten?

Chor: O welche Not!

Elektra: Wie nicht? Da in der Fremde er,
fern meinen Armen ...

Chor: O weh!

Elektra: ... entschwand, bestattet nicht
und nicht von uns beklagt!


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