Sophokles
Elektra
Sophokles

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Prolog

Vor dem Königshaus in Mykene. Vorne ein Altar des Apollon. Die Sonne geht eben auf. Orest kommt mit einem alten Diener.

Der Alte: Du, der das Heer geführt vor Troja einst,
des Agamemnon Sohn, du schaue nur,
was du zu schauen immer dir ersehnt.
Hier angelangt, magst du nun sagen, daß
Mykene du erblickst, das goldene,
und das verderbte Haus der Pelopiden dort,
wo ich dich einst, als dir erschlagen ward der Vater,
von deiner Schwester gleichen Bluts empfing
und schützend forttrug und erzog
zum Mann, bereit zu rächen deines Vaters Fall.
Doch nun, Orest,
laß eiligst uns beraten, was zu tun sei.
Denn schon erregt der Sonne heller Glanz
der Vögel morgendlichen Sang, und
es schwand die schwarze Sternennacht.
Drum, eh im Haus sich einer regt
und auf den Weg sich macht, beratet euch,
da wo wir stehen, die Zeit zu säumen nicht,
doch reif für Taten ist.

Orest: Du, liebster aller Männer mir und Diener!
Du zeigst es deutlich mir, wie edel du geartet bist.
Ein edles Ross von guter Zucht,
auch wenn es alt geworden,
in den Gefahren nie den Mut verliert
und aufrecht es das Ohr noch stellt, so treibst auch du
uns an und gehst der ersten einer mit!
So höre denn und lausche, was beschlossen ist,
mit scharfem Ohr und wäge meine Worte,
und treff ich nicht das Rechte, form es um! –
Als zu der Pythia Sehersitz ich kam,
zu forschen, wie des Vaters Mörder büßen sollen
für ihre frevelhafte Tat, gebot
Apollos Sonnengeist es mir, wie gleich du hören sollst,
daß ungerüstet ich und ganz allein,
mit Schild nicht, noch mit Heer,
doch listig insgeheim sie richten soll
mit eigner Hand.
Drum, da wir diesen Götterspruch gehört,
so gehe du, sobald Gelegenheit sich schickt,
in dieses Haus und merk auf alles, was man tut,
damit du, wissend, uns genau berichten kannst.
Nicht sorge, daß in deinem Alter
und nach der langen Zeit man dich erkennt –
Nichts ahnen wird man, da in vielen Jahren
dein Haar zu edlem Grau gereift! – Sprich so:
Ein Fremder seiest du, aus Phokis her,
gesandt von Phanoteus,
dem größten ihrer Speergenossen.
Berichte unter Eid, gewaltsam sei Orest gefallen
in Pythias Kampfspiel, geschleudert aus
des rollenden Wagens Sitz.
Genau so meld es ihnen! Doch wir,
wenn wir des Vaters Grab, wie er befohlen,
zuerst mit Opfergüssen und vom Haupt
geschnittner Haarespracht versehn,
kehren uns zurück, den erzgetriebnen
Aschekrug in Händen tragend,
der, wie du weißt, im nahen Laub versteckt,
auf daß, mit Worten trügend, süße Kunde
wir ihnen bringen, daß mein Leib bereits
in Flammen aufgegangen und zerstäubt.
Denn mich bekümmert's nicht, daß ich dem Wort nach tot,
doch unsterblich durch Tat gewinne Ruhm! So scheint
kein Wort wohl, verbunden mit Gewinn, mir schlecht.
Wieviel Totgesagte sah ich wiederkehren, und
man ehrte sie nur um so mehr.
Wie freu ich mich, aus dem vermeinten Grab
als heller Stern zu strahlen meinen Feinden noch! –
Väterliche Erde, und ihr, Götter dieses Lands,
empfangt beglückt auf meinen Wegen mich!
Und so auch du, väterliches Haus,
denn für dich bin ich gekommen,
dich rechtens zu reinen, von Göttern erregt;
nicht ehrlos sende mich fort!
Nein, laß mich dein künftiges Heil begründen
und erneuern deinen stolzen Bau! –
Hier enden meine Worte: geh nun, mein
alter Freund, und kehr mit List bei ihnen ein.
Auf jetzt! Der Augenblick ist da, zu lenken uns
zu unsrem großen Werk!

Elektra: (mit lange nachhallendem Schrei aus dem Haus)
Weh! Weh mir, Unglückseliger!

Der Alte: Habt acht! Eine Dienerin, scheint mir, hört ich klagen!

Orest: Wär Elektra die Unglückselige? Willst du,
daß wir hier warten, ihr Klagen anzuhören?

Der Alte: Nein! Nichts laßt uns unternehmen,
bis des verborgenen Apolls Gebot erfüllt ist.
Das Totenopfer laßt uns dem Vater spenden,
dann wird uns Kraft und Sieg gedeihen.

(Alle ab)


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