William Shakespeare
Troilus und Cressida
William Shakespeare

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Vierter Aufzug

Erste Szene

Eine Strasse in Troja: von der einen Seite Äneas und ein Diener mit Fackel – von der anderen Paris, Deiphobus, Antenor, Diomedes und andere mit Fackeln

Par. He, wer ist dort?

Dei.                             Es ist der Fürst Äneas.

Äne. Ist dies der Prinz in eigener Person?
Hätt ich so guten Anlass lang zu liegen
Wie ihr, Prinz Paris, dürft ein Götter-auftrag
Allein mich meinem Bettgenoss entziehn.

Dio. Das mein ich auch . . . Äneas, guten Morgen!

Par. Ein tapfrer Grieche – fasset seine Hand,
Äneas – davon zeugt die Mär die ihr
Erzählt: wie Diomed euch eine Woche
Täglich im Feld verfolgte.

Äne.                                         Heil euch, Held,
In allem Hinundher des sanften Friedens!
Doch treff ich euch in Wehr: so finstrer Trutz
Als nur ein Herz ersinnt, ein Mut verficht!

Dio. Eins wie das andre passt dem Diomed.
Jetzt ist das Blut in Ruh, und so lang: Heil!
Wenn aber Zeit mit Streit sich trifft – bei Zeus:
Dann komm ich als der Jäger deines Lebens
Mit allem meinem Eifer, Kraft und List.

Äne. Dann jagst du einen Löwen der im Fliehn
Hinten den Kopf zeigt. – Freundschaftlich und höflich
Willkomm in Troja! Bei Anchises' Leben,
Herzlich willkommen! Bei der Venus Hand:
Kein Lebender kann solcher Art das Ding
Das er zu töten trachtet besser lieben.

Dio. Ihr fühlt wie ich. Zeus, lass Äneas sehn,
Wenn meinem Schwert sein Los nicht Ehren bringt,
Den vollen Sonnenumlauf tausendmal!
Für meine Ruhmgier aber, lass ihn sterben
An jedem Glied durchbohrt, und morgen schon!

Äne. Der eine kennt den andern gut.

Dio. Ja, und wir brennen schlimmer uns zu kennen.

Par. Das ist der allergrimmste Freundes-gruss,
Der schönste Liebeshass den es je gab . . .
Was führt so früh euch her?

Äne. Ich soll zum König, doch weiss nicht warum.

Par. Sein Wunsch begegnet euch: führt diesen Griechen
Zu Calchas' Haus . . . ihr sollt für des Antenor
Lösung die schöne Cressida ihm geben.
Lasst euch begleiten oder, wenns beliebt,
Eilt hin vor uns. Ich denke sicherlich –
Vielmehr mein Glaube ist gewisse Kunde –
Mein Bruder Troilus weilt dort heut nacht.
Weckt ihn und gebt ihm Nachricht dass wir nahn,
Mit dem gesamten Grund dafür. Ich fürchte,
Wir sind sehr unwillkommen.

Äne.                                               Seid gewiss:
Troilus lässt lieber Troja zu den Griechen
Als Cressida aus Troja gehn.

Par.                                               Da hilft nichts.
Die bittere Beschaffenheit der Zeit
Verlangt es so . . . Voran! wir folgen euch.

Äne. Euch allen guten Morgen! Ab.

Par. Und sagt mir, edler Diomed, sagt wahrhaft,
Recht aus dem Herzen fester Bruderschaft:
Gebührt die schöne Helena zumeist
Mir oder Menelaus?

Dio.                                 Beiden gleich.
Wohl ihm gebührt sie der so nach ihr strebt
(Ganz unbekümmert wegen ihres Makels)
Mit solcher Hölle Leids und Welt voll Müh . . .
Und euch: sie zu behalten, der sie schützt
(Ganz ohne den Geschmack für ihre Schmach)
Mit solchem Guts-verlust von Ding und Freund.
Er, weinerlicher Hahnrei, tränke gern
Des flauen seichten Stückes Satz und Hefe.
Ihr, Buhler, wollt aus einem Hurenschoss
Euch mit Vergnügen eure Erben zeugen.
Wenn man euch wägt seid ihr gleich wert: dies nur
Macht schwerer den wie jenen: eine Hur!

Par. Zu bitter seid ihr mit der Landsmännin.

Dio. Sie ist dem Lande bitter. Hört mich, Paris:
Kein falscher Tropfe ihres geilen Bluts,
Drob nicht ein Griechen-leben sank . . . kein Gran
Von ihres faulen Fleischs Gewicht, wofür nicht
Ein Trojer starb. Seitdem sie sprechen kann,
Hat weniger gute Worte sie gemacht,
Als Griechen sie und Trojer umgebracht.

Par. Mein Diomed, ihr macht es wie ein Kunde
Und schmäht das Ding das ihr zu kaufen wünscht.
Wir schätzen solches Tun: man schweige still
Und preise nicht was man verkaufen will . . .
Hier führt der Weg. Ab.

 

Zweite Szene

Troja – Hof von Pandarus' Haus: Troilus und Cressida

Tro. Mein Lieb, bemüh dich nicht . . . die Früh ist kalt.

Cres. Dann, Holder, ruf ich meinen Ohm herunter . . .
Er öffne dir das Tor.

Tro.                                 Bemüh ihn nicht.
Zu Bett, zu Bett! Dein holdes Aug ermatte
Der Schlaf und banne deine Sinne sanft
Wie bei dem Kind das noch nichts denkt.

Cres. Nun, guten Morgen!

Tro. Ich bitte jetzt, zu Bett!

Cres.                                   Habt ihr mich satt?

Tro. O Cressida, schon weckt den emsigen Tag
Die Lerche, und er scheucht die wüsten Krähn.
Der Traum der Nacht birgt nicht mehr unser Glück –
Sonst ging ich nicht.

Cres.                               Die Nacht war allzu kurz.

Tro. Die arge Hexe! Giftigen Schelmen währt sie
Lang wie die Hölle . . . doch der Liebe Arm
Entwischt sie blitzschnell auf Gedanken-schwingen . . .
Ihr werdet euch erkälten und mir fluchen.

Cres. Nein, wartet noch! Ihr Männer wollt nie warten.
O törige Cressida! Hätt ich spröd getan,
So hättet ihr gewartet . . . Horch 's ist jemand auf!

Pandarus tritt auf

Pan. Was, sind hier alle Türen offen?

Tro. 's ist euer Oheim.

Cres. Die Pest auf ihn! Jetzt wird er immer spotten.
Es wird mir schön ergehn.

Pan. Sieh da, sieh da, wie stehn die Jungfernschaften? Heda, ihr
Jungfer, wo ist meine Nichte Cressida?

Cres. Geht, hängt euch auf, ihr garstiger, spöttischer Ohm!
Ihr heisst michs tun und hänselt mich hernach.

Pan. Was zu tun? was zu tun? Sie soll sagen, was! Was zu tun hab ich sie veranlasst?

Cres. Geht, pfui der Schande! Niemals seid ihr gut
Noch lasst ihrs andre sein.

Pan. Haha! Ach, armer Schelm, armes Püppchen! Hast heut nacht nicht geschlafen? Wollte dich der garstige Mensch nicht schlafen lassen? Hol ihn der Butzemann! Es klopft

Cres. Sagt ichs euch nicht? Hätt er ein Loch im Kopf! . . .
Wer ist am Tor? Geht, lieber Onkel, schaut . . .
Mein Prinz, kommt doch zurück zu mir ins Zimmer! . . .
Ihr lächelt spottend, als wärs schlimm gemeint.

Tro. Haha!

Cres. Geht doch, ihr täuscht euch – daran denk ich nicht . . .
Wie stark man klopft! . . . Ich bitte, kommt herein.
Nicht für halb Troja soll man euch hier finden.

Troilus und Cressida ab

Pan. Wer ist da? Was gibts? Wollt ihr die Tür einschlagen? Nun, was gibts?

Äneas tritt auf

Äne. Guten Morgen, guten Morgen!

Pan. Wer ists? Der Fürst Äneas, meiner Treu! Ich kannt euch nicht. Was bringt ihr uns so früh?

Äne. Ist nicht Prinz Troilus hier?

Pan. Hier? Was sollte er hier tun?

Äne. Geht, er ist hier. Verleugnet ihn nicht, Herr!
Es ist für ihn sehr wichtig mich zu sprechen.

Pan. Ist er hier, meint ihr? Das ist mehr als ich weiss, ich schwör es euch. Ich selber kam spät nach Haus. Was sollte er hier tun?

Äne. Wer? Nein, genug! Flink, flink! Ihr fügt ihm Schaden zu, eh ihrs merkt. Ihr wollt so ehrlich gegen ihn sein, dass ihr falsch gegen ihn werdet. Ihr braucht nichts von ihm zu wissen, sondern holt ihn nur her. Geht!

Troilus kommt zurück

Tro. Sieh da! Was gibts?

Äne. Ich habe kaum die Musse euch zu grüssen,
So eilig ist das Ding: hier kommen her
Eur Bruder Paris und Deiphobus,
Der Grieche Diomedes und Antenor,
Den man zurückgab . . . und statt seiner müssen
Vorm ersten Opfer binnen dieser Stunde
Wir Diomedes' Händen überliefern
Das Fräulein Cressida.

Tro.                                     Ist das bestimmt?

Äne. Von Priamus und Trojas ganzem Staat.
Sie kommen her, bereit es auszuführen.

Tro. Wie die Erlangung meiner spottet! . . .
Ich will entgegengehn . . . und wir, Äneas,
Sahn uns durch Zufall . . . ihr traft mich nicht hier.

Äne. Gut, gut, mein Freund . . . die Rätsel der Natur
Sind mehr nicht mit Verschwiegenheit begabt.

Äneas und Troilus ab

Pan. Ists möglich – nicht rascher gewonnen als verloren? Der Teufel hole Antenor! Der junge Prinz wird toll werden. Die Pest auf Antenor! Hätten sie ihm doch den Hals gebrochen!

Cressida tritt auf

Cres. Was ist? Was gibt es? Wer ist hier gewesen?

Pan. Ah, ah!

Cres. Was seufzt ihr denn so tief? Wo ist er? Fort?
Sagt, lieber Onkel, was es gibt?

Pan. Wär ich nur so tief unter der Erde als ich drüber bin!

Cres. Götter, was gibts?

Pan. Bitte, geh hinein! Wärst du doch nie geboren! Ich wusste, du würdest sein Tod werden. Der arme junge Herr! Die Pest auf Antenor!

Cres. Mein lieber Ohm, ich bitt euch auf den Knien,
Ich bitte euch: was gibts?

Pan. Du musst fort, Mädel, du musst fort! Du bist ausgetauscht gegen Antenor. Du musst zu deinem Vater und weg von Troja. Das wird sein Tod sein, das wird sein Verderben sein, das hält er nicht aus.

Cres. O ihr Unsterblichen! ich will nicht gehn.

Pan. Du musst.

Cres. Ich will nicht, Ohm. Ich weiss nichts mehr vom Vater.
Ich kenne keine Regung von Verwandtschaft.
Mir steht kein Haus, kein Freund, kein Blut, kein Herz
Nah wie mein süsser Troilus. Heilige Götter,
Macht Cressida zur Krone alles Trugs,
Wenn sie je lässt von Troilus. Zeit, Not und Tod,
Tut diesem Leib das Schlimmste was ihr könnt:
Doch meiner Liebe fester Grund und Bau
Ist ganz so wie der Erde Mittelpunkt,
Der alles anzieht . . . Ich will hinein und weinen . . .

Pan. Tu das.

Cres.             Ich will mein glänzend Haar zerraufen,
Gepriesne Wangen schürfen, Schluchzen breche
Die helle Stimme und mein Herz zerberste
Vom Rufe »Troilus«. Nein, nicht fort von Troja! Ab.

 

Dritte Szene

Vor Pandarus' Haus: Paris, Troilus, Äneas, Deiphobus, Diomedes

Par. 's ist heller Morgen, und die Stunde dafür
Sie auszuliefern diesem tapfern Griechen
Naht eilig. Lieber Bruder Troilus,
Sagt ihr dem Fräulein was geschehen muss
Und drängt sie demgemäss.

Tro.                                               Geht in ihr Haus.
Ich bringe sie sogleich dem Griechen her,
Und geb ich sie in seine Hände: wisst,
Sie sind der Altar und dein Bruder Troilus
Ein Priester der sein eignes Herz dort weiht.

Par. Ich weiss was Lieben ist und würde gern
Dir so sehr helfen wie es mich erbarmt.
Bitte hinein, ihr Herrn! Ab.

 

Vierte Szene

Pandarus' Haus: Pandarus und Cressida

Pan. Mässigt euch, mässigt euch!

Cres. Was sprecht ihr mir von Mässigung? Der Schmerz
Ist fein, gefüllt, vollkommen, den ich schmecke,
Und überwältigend in so starker Art
Wie das was ihn hervorruft. Wie ihn mässigen?
Wenn mein Gefühl sich anbequemen könnte,
Für schwachen kältern Gaum sich liesse brau'n,
So fänd ich gleiche Dünnung für mein Leid.
Mein Lieben duldet keinen Bodensatz,
Noch auch mein Leid beim Raub von solchem Schatz.

Troilus tritt auf

Pan. Hier, hier, hier kommt er . . . Ach, das süsse Hühnchen!

Cres. umarmt ihn: O Troilus! Troilus!

Pan. Was für ein schönes Pärchen nasser Augen! Lasst mich euch auch umarmen!
        O Herz
(wie das hübsche Lied heisst)
                    – Herz, schweres Herz,
        Was seufzest du ohne zu brechen?
wo er wiederum antwortet:
        Du linderst nicht den Schmerz
        Durch Freundschaft oder durch Sprechen.
Das ist der wahrste Reim den es gibt. Lasst uns nichts wegwerfen, denn wir können so einen Vers vielleicht noch einmal im Leben brauchen. Da sieht mans, da sieht mans . . . Was nun, Lämmchen?

Tro. Ich lieb dich, Teure, mit so klarer Reine
Dass die Glückseligen – bös auf meine Glut,
Die frömmer strahlt als kalter Lippen Andacht
Zu ihrer Gottheit aufsteigt – dich mir nehmen.

Cres. Sind Götter neidisch?

Pan. Ja, ja, ja, ja . . . Der Fall ist zu offenkundig.

Cres. Und ist es wahr dass ich aus Troja muss?

Tro. Verhasste Wahrheit!

Cres.                                 Wie, und auch von Troilus?

Tro. Von Troja und von Troilus.

Cres.                                           Ists möglich!

Tro. Und jählings: so dass Unbill des Geschicks
Den Abschied unterdrückt, die ruhige Frist
Barsch überrennt, roh unsren Mund betrügt
Um alle Neu-vereinung, heftig trennt
Der Arme Klammern, unsre Schwüre würgt
Bei der Geburt schon unsres Hauchs in Wehn.
Wir zwei, die für so viele tausend Seufzer
Uns kauften, müssen ärmlich uns veräussern
Für eines einzigen Ausbruch und Gestürz.
Die tückische Zeit stopft mit des Diebes Hast
Jetzt ihren reichen Raub, sie weiss nicht wie.
So viele Lebewohls als Sterne im Himmel,
Jed einzeln Wort mit beigedrückten Küssen,
Knüllt sie zusammen in ein los Ade
Und speist uns ab mit einem Hunger-kuss,
Der widert durch das Salz erstickter Tränen.

Äne. draussen: Herr, ist das Fräulein fertig?

Tro. Man ruft euch. Horcht! – Es heisst, so ruft der Genius
Dem Menschen »Komme« der bald sterben soll . . .
Man möge sich gedulden: sie kommt gleich.

Pan. Wo sind meine Tränen? Regnet, damit dieser Sturm sich legt, oder mein Herz wird aus den Wurzeln gerissen.

Cres. So muss ich zu den Griechen?

Tro.                                                     Kein Entrinnen!

Cres. Traurige Cressida bei muntren Griechen.
Wann sehen wir uns wieder?

Tro. Hör mich, mein Lieb. Sei du nur treuen Herzens –

Cres. Ich treu? Wie das? Welch ruchloser Verdacht!

Tro. Nein, lass die Frage liebreich uns behandeln:
Es geht für uns ans Scheiden.
Ich sage nicht »Sei treu«, als bange mir.
Ich werfe selbst dem Tod den Handschuh hin,
Dass sich kein Fehl in deinem Herzen findet.
Doch »Sei du treu« sag ich, um einzukleiden
Mein folgendes Versprechen: »Sei du treu,
Dann komme ich zu dir.«

Cres. O Herr, dann setzt ihr euch Gefahren aus
Vielfach und fürchterlich. Doch bleib ich treu.

Tro. Dann lieb ich die Gefahren. Trag dies Band.

Cres. Und ihr den Handschuh. Wann werd ich euch sehn?

Tro. Die griechischen Schildwachen will ich bestechen
Zu einem nächtlichen Besuch bei dir.
Und doch: sei treu!

Cres.                               O Gott! »Sei treu« nochmals!

Tro. Vernimm warum ichs sage, Lieb:
Die jungen Griechen sind voll hohen Werts,
Sind liebend, wohlbestellt von der Natur,
In Übungen und Künsten überquellend.
Dass Neuheit wirke, Gaben wie Figur –
Ach, eine Art von heiliger Eifersucht
(Nenn sie, ich bitte, eine fromme Sünde)
Setzt mich in Angst.

Cres.                               O Gott, ihr liebt mich nicht.

Tro. Dann will ich als eine Schurke sterben!
Hier stell ich deine Treue nicht in Frage,
Nur höchstens meinen Wert. Ich kann nicht singen,
Nicht Sprünge machen, nicht mit Schwatz erfreun
Noch weiss ich feine Spiele – lauter Künste
Worin die Griechen flink und fertig sind.
Doch weiss ich dass in jeder solchen Zier
Ein Teufel lauert, still und stumm beredt,
Der lockt mit arger List . . . lass dich nicht locken.

Cres. Denkt ihr, das wollt ich?

Tro. Nein.
Doch manches kann geschehn das man nicht will,
Und manchmal sind wir Teufel für uns selbst,
Wenn wir die Schwachheit unsrer Kräfte locken
Im Trutz auf ihre schwanke Festigkeit.

Äne. draussen: Nein, lieber Herr –

Tro.                                               Ein Kuss, und lasst uns scheiden!

Par. draussen: Bruder Troilus!

Tro.                                         Mein Bruder, kommt herein
Und bringt Äneas und die Griechen mit.

Cres. Wollt ihr mir treu sein?

Tro. Wer, ich? Ach, das ist meine Schuld, mein Fehl!
Ein andrer fischt mit Schlauheit hohen Ruhm,
Da ich mit grosser Treu nur Einfalt fange.
Schlau legt der Gold auf seine Kupferkronen:
Ich trage schmucklos meine, grad und treu.
Trau meiner Treue! Meine Weisheit spricht
Den Satz nur: »Grad und treu« . . . mehr fasst sie nicht.
    Äneas, Paris, Antenor, Deiphobus, Diomedes treten auf
Willkommen, Diomed! Hier ist das Fräulein,
Die wir euch für Antenor überliefern.
Am Tor, Herr, geb ich sie in eure Hand
Und teil euch mit im Gehen was sie ist.
Haltet sie gut! und wahrlich, edler Grieche,
Wenn ihr je meinem Schwert verfallen seid,
Nennt Cressida: so ist eur Leib geschützt
Wie Priamus in Ilion.

Dio.                                   Schönes Fräulein,
Erlaubt – auch ohne dieses Prinzen Dank,
Mahnt eurer Augen Licht, der Wangen Himmel
Zu zarter Pflege, und für Diomed
Seid ihr die Herrin die ihm ganz befiehlt.

Tro. Grieche, du fährst mit mir nicht ritterlich,
Den Eifer meiner Bitte zu beschämen
Durch dies ihr Lob. Ich sag dir, griechischer Fürst,
Sie schwingt so hoch hin über all dein Lob,
Als du unwürdig bist ihr Knecht zu sein.
Dich heiss ich »Halt sie gut«, nur weil ichs heisse:
Denn, bei dem grausen Pluto, tust dus nicht –
Und wär der mächtige Wall Achill dein Schutz –
Schneid ich den Hals dir ab.

Dio.                                             O nicht so wild, Prinz Troilus!
Lasst mich berechtigt sein durch Rang und Amt
Zu freiem Wort: wenn ich von hinnen bin,
Tu ich wie mir gelüstet, Herr, und wisst:
Nichts auf Geheiss. Nach ihrem eignen Wert
Sei sie geschätzt. Doch sagt ihr »Es soll sein«
Wird Mut und Ehre aus mir sprechen »Nein«.

Tro. Kommt zu dem Tor. Und Diomedes, glaubt:
Für dieses Drohn verbergt ihr noch das Haupt . . .
Fräulein, gebt mir die Hand, und sei beim Gang
An uns gerichtet unsrer Rede Drang!

Troilus, Cressida, Diomedes ab

Par. Hectors Trompete! Horcht!

Äne.                                           Wie ging der Morgen hin!
Der Prinz muss mich für träg und säumig halten,
Da ich ihm schwor vor ihm im Feld zu sein.

Par. Des Troilus Schuld! Kommt, kommt, ins Feld mit ihm!

Dei. Wir wollen uns eilig rüsten.

Äne. Ja, lasst mit Bräutigams frischer Munterkeit
An Hectors Fersen uns zu Werke gehn!
An diesem Tag liegt unsres Troja Ruhm
In seinem Wert und einzigen Rittertum. Ab.

 

Fünfte Szene

Das griechische Lager – Schranken: Ajax in Rüstung, Agamemnon, Achilles, Menelaus, Patroclus, Ulysses, Nestor und andere

Aga. Hier bist du in Bereitschaft, frisch und schön,
Und eilst der Zeit voraus mit wachem Mut.
Lass die Trompete laut nach Troja schmettern,
Du dräuender Ajax! dass die Luft entsetzt
Durchs Haupt des grossen Streiters fährt und ihn
Hierherreisst.

Ajax.                     Da, Trompeter, meine Börse!
Spreng deine Lunge, brich dein ehern Rohr,
Blas, Kerl, bis deine kuglig dicke Backe
Des Püstrichs Nordwind Blähung überschwillt!
Heraus die Brust, treib dir das Blut ins Aug!
Du bläst für Hector.

Ulys. Kein Stoss gibt Antwort.

Ach.                                         's ist noch früh am Tag.

Aga. Kommt dort nicht Diomed mit Calchas' Tochter?

Ulys. Er ists: an seiner Gangart kenn ich ihn.
Er wiegt sich auf den Zehen: dies sein Wesen
Hebt ihn im Streben hoch vom Boden auf.

Diomedes mit Cressida tritt auf

Aga. Ist dies das Fräulein Cressida?

Dio.                                                   Just sie.

Aga. Schönstens willkommen bei den Griechen, Fräulein!

Nes. Es grüsst der Feldherr euch mit einem Kuss.

Ulys. Doch ist dies zu besondre Freundlichkeit:
Besser, sie wird geküsst vom ganzen Feld.

Nes. Ein ritterlicher Rat . . . ich fange an.
So viel für Nestor!

Ach. Ich nehm euch diesen Winter von den Lippen,
Schöne: Achill heisst euch willkommen.

Men. Ich hatte guten Grund zum Küssen einst.

Pat. Doch wäre dies kein Grund zum Küssen jetzt.
Denn so fuhr Paris dreist euch übern Mund
Und hat euch so getrennt von eurem Grund.

Ulys. O Bitternis und Stoff für unsren Zorn:
Wir brechen unsre Hälse für sein Horn!

Pat. Der war für Menelaus, der ist von mir:
Patroclus küsst euch.

Men.                                   Aber passt das sich!

Pat. Paris und ich, wir küssen stets für dich.

Men. Ich fordre meinen Kuss. Fräulein, erlaubt!

Cres. Sagt ob den Kuss ihr kriegt, ob ihr ihn raubt?

Men. Der nimmt, der gibt.

Cres.                                 So wahr man gerne lebt:
Der den ihr nehmt taugt mehr als den ihr gebt.
Drum keinen Kuss!

Men. Ich biet euch Zugab an: nehmt drei für eins.

Cres. Ungrader Mann, macht draus ein Paar – sonst keins.

Men. Ungrade, Fräulein? das ist jedermann.

Cres. Nein, Paris nicht – ihr wisst ja, es ist wahr
Dass ihr nur ungrad seid, Er macht ein Paar.

Men. Ihr stosst mich vor den Kopf.

Cres.                                               Nein, seis geschworn!

Ulys. Ungleicher Streit: eur Nagel für sein Horn!
Darf ich um einen Kuss euch bitten, Süsse?

Cres. Ihr dürft.

Ulys.                 Ich wünsche ihn.

Cres.                                             So bittet drum.

Ulys. Nun, bei der Venus, wollt ihn mir verleihn!

Cres. Wenn Helena wieder Jungfrau ist – und sein.
Ich bleib eur Schuldner, bis ich zahlen muss.

Ulys. So komm ich erst am jüngsten Tag zum Kuss.

Dio. Fräulein, ein Wort! ich bring euch eurem Vater.

Ab mit Cressida

Nes. Ein Weib von flinkem Geist.

Ulys.                                             Pfui, pfui auf sie!
Es reden ihre Wangen, Augen, Lippen,
Ihr Fuss gar spricht. Ihr spähn die lockern Geister
Aus jedem Glied und Muskel ihres Leibs.
O die Entgegenläufer, glatt von Zunge,
Die einer Anfahrt winken, eh sie kommt,
Weit aufgeklappt die Tafeln ihres Sinns
Für jedes Lesers Kitzel! Stellt sie hin
Als kotige Beute der Gelegenheit
Und Töchter des Gewinns.

Alle. Trojas Trompeten!

Aga.                               Dorther kommt die Schar.

Hector in Rüstung, Äneas, Troilus und andere Trojaner treten auf

Äne. Heil, allen hohen Griechen! Was erlangt
Er der dem Sieg gebietet? Oder wünscht ihr
Dass man den Sieger kund macht? Sollen sich
Die Ritter bis zum Rand des Äussersten
Verfolgen oder werden sie getrennt
Durch einen Zuruf, ein Turniergesetz?
Hector lässt fragen.

Aga.                               Wie ist Hectors Wunsch?

Äne. Ihm ist es gleich, er fügt sich dem Beding.

Ach. Das heisst wie Hector tun, doch trutzig tun,
Mit etwas Hochmut und recht viel Missachtung
Des Gegenritters.

Äne.                             Herr, wenn nicht Achilles,
Wie nennt ihr euch?

Ach.                                 Wenn nicht Achilles, gar nicht.

Äne. Also Achill . . . doch wie auch immer, hört:
Im weitesten Abstand zwischen Gross und Klein
Zeichnet sich Stolz und Mut bei Hector aus:
Der eine fast unendlich wie das All,
Der andre hohl wie Nichts. Wägt ihn gerecht,
Und was euch stolz erscheint ist ritterlich.
Der Ajax hier ist halb von Hectors Blut,
Und dem zulieb blieb Hector halb zu Haus.
Halb Herz halb Hand, der halbe Hector sucht
Den Herrn halb griechischer, halb troischer Zucht.

Diomedes kommt zurück

Ach. Ein Jungfern-streit demnach? O, ich versteh euch.

Aga. Hier kommt Herr Diomed. Geht, edler Ritter,
Stellt euch zu Ajax. Wie ihr und Äneas
Euch eint betreffs der Ordnung ihres Kampfs,
So soll es sein: ob bis aufs Äusserste,
Ob nur ein Ruck. Die Kämpen sind verwandt:
Das hemmt den Streit, noch eh sie sich berannt.

Ulys. Sie stehn schon gegenüber.

Aga. Wer ist der Trojer der so trübe schaut?

Ulys. Des Priams jüngster Sohn, ein echter Ritter,
Nicht reif, doch unvergleichlich . . . fest von Wort,
In Taten redend, tatlos mit der Zunge . . .
Nicht leicht gereizt . . . gereizt, nicht leicht beruhigt . . .
So offen Herz als Hand und beides frei.
Er gibt das was er hat, zeigt was er denkt,
Doch gibt nicht, eh Vernunft sein Spenden leitet
Und würdigt unfein Denken keines Hauchs.
Mannhaft wie Hector, doch gefährlicher . . .
Denn Hector, in des Zornes Lodern, neigt
Sich zartem Bild: doch er, im Brand der Tat,
Ist rachbegieriger als Eifersucht.
Man nennt ihn Troilus und türmt auf ihn
Ein zweites Hoffen, schön gebaut wie Hectors.
Das sagt Äneas, der den Jüngling kennt
In jedem Zoll und mit Vertraulichkeit
Im grossen Ilion mir ihn so beschrieb.

Aga. Sie sind am Werk.

Nes. Nun, Ajax, tu das Deine!

Tro. Hector, du schläfst. Wach auf!

Aga. Wohl ausgeteilte Hiebe. Ajax, zu!

Dio. Ihr dürft nicht mehr.

Äne.                                 Fürsten, genug, beliebs euch!

Ajax. Ich bin kaum warm . . . noch einen zweiten Gang!

Dio. Wenn Hector wünscht.

Hec.                                     Nun, dann will ich nicht mehr.
Du bist, Held, meines Vaters Schwestersohn,
Der König-Priamsprossen echter Vetter:
Die Pflicht der Blutsverwandtschaft lässt nicht zu
Das mörderische Ringen von uns Zwein.
Wenn Grieche sich und Trojer in dir mischten,
So dass du wüsstest: griechisch ist die Hand,
Und die ganz troisch . . . Sehnen dieses Beins
Ganz griechisch, troisch jenes . . . Blut der Mutter
Rinnt durch die rechte Wange, in der linken
Wallt das des Vaters: beim grossmächtigen Zeus,
Du nähmst von hier kein griechisch Glied nach Haus
Wo nicht mein Schwert von unsrem gierigen Streit
Das Mal liess. Doch der Götter Recht befiehlt
Dass nicht ein Tropfen Blutes deiner Mutter,
Der seligen Muhme, durch mein tödlich Schwert
Vergossen wird. Lass dich umfangen, Ajax!
Bei Ihm der donnert, du hast rüstige Arme:
Hector ist gern von ihnen so gepackt.
Vetter, dir alle Ehre!

Ajax.                               Dank dir, Hector!
Du bist ein Mann, zu edel und zu frei.
Dich wollt ich töten, Vetter, und mir holen
Ein weitres Ehrenblatt durch deinen Tod.

Hec. Nicht Neoptolemus, der Wunderbare,
Dess blanken Helm mit lautestem Hallo
Die Fama grüsst »Er ists«, verspräche sich
Ein Fetzchen weitren Ruhms, Hectorn entpflückt.

Äne. Es herrscht Erwartung hier auf beiden Seiten
Was ihr noch tun wollt.

Hec.                                     Wir entsprechen ihr:
Umarmung ist der Schluss. Ajax, leb wohl.

Ajax. Wenn ich durch Bitten was erreichen darf –
Was selten mir gelingt – so lüd ich gern
Den hohen Vetter zu den griechischen Zelten.

Dio. 's ist Agamemnons Wunsch, und Held Achill
Möcht unbewehrt den tapfren Hector sehn.

Hec. Äneas, ruf mir Bruder Troilus
Und mach dies freundliche Beisammensein
Den Wartenden auf unsrer Seite kund.
Entlass sie heim . . . Gib mir die Hand, mein Vetter.
Nimm mich zum Mahl mit dir, zu euren Helden.

Ajax. Der hohe Agamemnon trifft uns hier.

Hec. Führt mir die Besten all mit Namen vor.
Doch den Achilles späh ich selbst heraus
Mit seiner breiten stattlichen Gestalt.

Aga. Du Kampfes-zier: willkommen mir als Einem
Der gerne ledig wäre solchen Feinds.
Doch das ist kein Willkomm . . . vernimm mich klar:
Was war, was sein wird sei bedeckt mit Spreu
Und des Vergessens ungestaltem Schutt.
Doch jetzt im Augenblick heisst Treu und Glaube,
Rein abgelöst von falsch parteiischem Hang,
Dich mit ganz priesterlicher Lauterkeit
Aus Herzensgrund willkommen, grosser Hector.

Hec. Ich danke dir, grossmächtiger Agamemnon.

Aga. zu Troilus: Mein hochberühmter Trojer, euch nicht minder.

Men. Lasst meines hohen Bruders Gruss mich stützen:
Ihr Paar von reisigen Brüdern, hier willkommen!

Hec. Wem darf ich danken?

Äne.                                     Dem edlen Menelaus.

Hec. O ihr, Fürst? Dank! bei des Mars Panzerfaust!
Lacht meinen ungeläufigen Schwur nicht aus.
Eur quondam Weib schwört noch bei Venus' Handschuh . . .
Es geht ihr gut, doch lässt sie euch nicht grüssen.

Men. Jetzt nichts von ihr . . . das ist ein wunder Punkt.

Hec. Vergebt, wenn ich verletzt.

Nes. Dich hab ich, tapfrer Trojer, oft gesehn
Als Schicksals Werkmann grausam Wege haun
Durch Reihen griechischer Jugend . . . dich gesehn
Dein phrygisch Ross, so heiss wie Perseus, spornen,
All des Verwirkten und Bezwungnen lachend –
Und wie dein Schwert gezückt in Schwebe blieb,
Nicht auf die Hingesunknen niedersank.
Da rief ich jenen zu die um mich standen:
Seht, Jupiter ist dort und spendet Leben.
Dann hab ich dich luftschöpfend rasten sehn,
Wenn dich ein Kreis von Griechen eingesäumt
Wie beim olympischen Ringen . . . solches wohl –
Doch dies dein Antlitz, immer stahl-umschient,
Sah ich noch nie. Ich kannte deinen Ahn
Und focht einmal mit ihm: ein wackrer Krieger,
Doch beim Gott Mars, dem Feldherrn von uns allen,
Nicht so wie du! Lass einen Greis dich küssen,
Und würdiger Held, Gruss dir bei uns im Zelt!

Äne. Das ist der alte Nestor.

Hec. Lass mich dich küssen, gute alte Chronik,
Die so lang Hand in Hand ging mit der Zeit!
Ehrwürdiger Nestor, freudig fass ich dich.

Nes. O mässe sich mit dir im Streit mein Arm
Wie er mit dir in Freundlichkeiten streitet.

Hec. Ich wünscht, er könnt es.

Nes. Bei meinem weissen Bart, ich föchte mit dir morgen!
Gut, Willkomm, Willkomm! . . . Es gab eine Zeit – –

Ulys. Mich wundert dass die Stadt noch drüben steht,
Da hier bei uns ihr Pfeiler weilt, ihr Grund.

Hec. Ich kenn euch, Herr Ulyss, gut von Gesicht.
O, mancher Grieche und Trojaner starb,
Seit ich zuerst euch sah und Diomed
In Ilion – als die Boten Griechenlands.

Ulys. Da sagt ich, wie es käme, euch voraus.
Die Prophezeiung ging erst halb den Weg;
Die Mauern dort die schmuck die Stadt umziehn,
Die Türme, keck gen Himmel züngelnd, küssen
Dereinst den eignen Fuss.

Hec.                                           Ich glaub euch nicht.
Sie stehn noch und mir deucht bescheidentlich,
Den Einsturz jedes phrygischen Steins bezahlt
Ein Tropfe Griechen-blut. Das End krönt alles . . .
Und jene alte Alles-schlichterin Zeit
Macht eines Tags ein End.

Ulys.                                           So lassen wir das ihr . . .
Willkomm, höchst edler und höchst tapfrer Hector . . .
Nach unsrem Feldherrn bitt ich euch als Nächster
Zum Schmaus und zum Besuche in mein Zelt.

Ach. Ich komme dir zuvor, Ulysses, du . . .
Jetzt, Hector, hab ich mich an dir geweidet.
Ich ging dich durch mit scharfen Blicken, Hector,
Und merkte Glied um Glied.

Hec.                                             Ist dies Achill?

Ach. Ich bin Achill.

Hec. Ich bitte, stell dich recht, lass dich beschaun.

Ach. Sieh dich nur satt!

Hec.                               Nein, ich bin schon zu End.

Ach. Das ist zu kurz, ich will dich nochmals anschaun,
Als wollte ich dich kaufen, Stück um Stück.

Hec. O wie ein lustig Buch liest du mich durch!
Doch steht noch mehr in mir als du begreifst.
Was dringst du mit dem Blick so auf mich ein?

Ach. Sagt, Götter, mir, an welchem Körperteil
Vertilg ich ihn, ob dort, dort oder dort?
Dass ich die Wunde örtlich nennen kann
Und grad die Lücke deutlich mache, draus
Des Hector grosse Seele floh! Sagt, Götter!

Hec. Den Seligen stand es schlecht, du stolzer Mann,
Auf solche Frage was zu sagen. Warte!
Meinst du, du fängst mein Leben so im Scherz,
Dass du mit nichtigem Wähnen vorbestimmst
Wo du mich tödlich triffst?

Ach.                                         Ich sag dir: ja.

Hec. Und wenn du dies mir als Orakel sagtest,
Ich glaubt es nicht. Fortan sei auf der Hut!
Ich töte dich nicht dort und dort und dort,
Nein, bei der Esse die Mars' Helm geschmiedet,
Dich töt ich überall, ja ganz und gar . . .
Vergebt mir, weise Griechen, dies Geprahle.
Sein Hochmut lockt mir Torheit aus dem Mund.
Doch will ich Tat bestehn dem Wort gemäss . . .
Sonst mag ich nie –

Ajax.                               Kommt nicht in Hitze, Vetter!
Und ihr, Achill, lasst dieses Drohen sein,
Bis Zufall oder Absicht dahin führt.
Ihr könnt genug von Hector täglich haben,
Wenns euch verlangt. Der ganze Stab, so fürcht ich,
Bewegt euch kaum dass ihr euch mit ihm schlagt.

Hec. Ich bitte, lass dich wiedersehn im Feld.
Es gab nur Puppenkrieg, seit du der Griechen
Partei verliessest.

Ach.                             Bittest du mich, Hector?
Früh morgen treff ich dich, grimm wie der Tod –
Heut nacht gut Freund!

Hec.                                     Gib mir die Hand darauf.

Aga. Erst, all ihr Griechenhelden, in mein Zelt!
Dort schmausen wir vereint . . . dann, je nachdem
Des Hector Zeit mit eurer Gastlichkeit
Zusammengeht, lädt jeder ihn zu sich . . .
Trompeten blast, die Trommeln laut gerührt,
Dass dieser grosse Held den Willkomm spürt!

Alle ab ausser Ulysses und Troilus

Tro. Ihr, Fürst Ulysses, sagt mir, ich ersuch euch,
In welchem Teil des Lagers Calchas wohnt.

Ulys. Bei Menelaus' Zelt, hochedler Troilus.
Dort speist heut abend Diomed mit ihm,
Der nicht zum Himmel, nicht zur Erde sieht –
Er weiht nur alle Schau und Liebesblicke
Der schönen Cressida.

Tro. Wollt ihr mich, teurer Herr, so weit verpflichten
Nach Aufbruch aus des Agamemnon Zelt
Mich hinzubringen?

Ulys.                               Ihr dürft nur befehlen . . .
Sagt mir gefällig, welchen Ruf besass
Die Cressida in Troja? Weint kein Buhle
Dort über ihren Weggang?

Tro. O Herr, wer prahlend seine Wunden zeigt
Verdient den Spott . . . Wollt ihr nicht gehn, mein Fürst? . . .
Sie liebte, ward geliebt, sie tuts, sie ist,
Wenn Schicksals Zahn nicht süsse Liebe frisst. Ab.

 


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