William Shakespeare
Troilus und Cressida
William Shakespeare

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Erster Aufzug

Erste Szene

Troja – vor Priamus' Palast: Troilus in Waffen und Pandarus

Tro. Ruft meinen Knappen: ich will mich entwaffnen.
Was führ ich drauss vor Trojas Mauern Krieg,
Der ich solch grimmen Strauss hier drinnen finde?
Mag jeder Trojer der sein Herz beherrscht
Ins Schlachtfeld ziehn: Troilus, ach, hat keins!

Pan. Wird dieses Zeug nie besser?

Tro. Ein Griech ist stark und flink bei seiner Stärke,
Wild bei der Flinkheit, bei der Wildheit kühn:
Doch ich bin schwächer als des Weibes Träne,
Zahmer als Schlaf, einfältiger als Dummheit,
Nicht kühner als die Jungfrau in der Nacht
Und minder flink als ungeübte Kinder.

Pan. Ja, ich habe euch davon genug geredet: ich für mein Teil will mich nicht mehr hineinmischen und -mengen. Wer aus dem Weizen einen Kuchen haben will der muss das Mahlen abwarten.

Tro. Hab ich nicht gewartet?

Pan. Ja, aufs Mahlen . . . aber ihr müsst das Beuteln abwarten.

Tro. Hab ich nicht gewartet?

Pan. Ja, aufs Beuteln . . . aber ihr müsst das Säuern abwarten.

Tro. Immer hab ich gewartet.

Pan. Ja, auf das Säuern . . . aber in dem Worte steckt noch hinterdrein das Kneten, das Formen, das Heizen des Ofens und das Backen – und dann müsst ihr euch noch bis zum Abkühlen gedulden, oder ihr lauft Gefahr euch den Mund zu verbrennen.

Tro. Selbst die Geduld, wie sehr sie Göttin ist,
Hält minder still im Leiden als ich tu.
Ich sitz an Priams königlichem Tisch,
Und kommt schön Cressida mir in den Sinn –
Verräter, »kommt«? – wann ist sie nicht schon da?

Pan. Ja, sie sah gestern abend schöner aus als ich je sie erblickt, oder sonst ein Weib.

Tro. Ich wollte dir erzählen . . . Als mein Herz
Zerreissen wollte, wie zerspellt vom Seufzer –
Dass Hector und mein Vater nichts bemerkten,
Begrub ich (wie wenn Sonne scheint im Sturm)
Den Seufzer in der Falte eines Lächelns.
Doch gleicht der Gram der schläft in Schein-beglücktheit
Der Lust, die jäh verkehrt wird in Bedrücktheit.

Pan. Wenn ihr Haar nicht etwas dunkler war als das Helenas (ja, lasst nur) so wäre gar kein Vergleich zwischen den Weibern – zwar was mich angeht, sie ist meine Verwandte, ich möchte nicht, wie sies ausdrücken, sie loben: aber ich wollte nur, es hätte jemand sie gestern sprechen hören, wie ich: ich will eurer Schwester Cassandra Verstand nicht herabsetzen, aber –

Tro. O Pandarus, ich sag dir, Pandarus,
Wenn ich dir sage, dort ertrank mein Hoffen,
Erwidre nicht wie viele Klafter tief
Es untersank. Ich sag dir, ich bin toll
Verliebt in Cressida: du sprichst »sie ist schön«,
Träufst in die offne Schwäre meines Herzens
Ihr Aug, ihr Haar, Gang, Stimme, Angesicht . . .
Verhandelst von o dieser ihrer Hand,
Mit der verglichen alles Weiss, als Tinte,
Die eigne Schande schreibt . . . ihr sanfter Griff
Macht Schwanendaune rauh, und Geist des Fühlens
Hart wie des Pflügers Haut. Dies nennst du mir
Wie du mich wahr nennst, wenn ich sag, ich liebe.
Doch dies dein Wort legt mir, statt Öl und Balsam,
In jede Wunde die mir Liebe schlug
Das Messer das sie machte.

Pan. Ich sage nichts als Wahrheit.

Tro. Du sagst sie nicht einmal!

Pan. Wahrhaftig, ich will mich nicht hineinmischen. Mag sie sein wie sie ist: wenn sie schön ist, um so besser für sie. Wenn sies nicht ist, so hat sie die Mittel dazu in ihrer eignen Hand.

Tro. Mein Pandarus! Was ist nun, Pandarus?

Pan. Ich habe meine Mühe mit meiner Arbeit gehabt. Beargwöhnt von ihr und beargwöhnt von euch: hinüber und herüber gelaufen, aber wenig Dank für meine Mühe.

Tro. Wie, bist du böse, Pandarus, wie? Auf mich?

Pan. Weil sie mit mir verwandt ist, deshalb ist sie nicht so schön wie Helena! Wenn sie nicht mit mir verwandt wäre, so wäre sie so schön am Freitag wie Helena am Sonntag. Aber was gehts mich an? Mich gehts nichts an, und wär sie ein schwarzer Mohr – mir ists ganz einerlei.

Tro. Sag ich, sie sei nicht schön?

Pan. Mich gehts nichts an ob ihrs tut oder nicht. Es ist eine Dummheit von ihr dass sie ihrem Vater nicht folgte . . . sie soll zu den Griechen, und das sag ich ihr, wenn ich sie das nächste Mal sehe. Was mich betrifft, ich misch und menge mich nicht mehr in die Geschichte.

Tro. Pandarus!

Pan. Lasst mich . . .

Tro. Lieber Pandarus!

Pan. Bitte, sagt mir nichts mehr! Ich lass alles wie ichs gefunden habe und damit Schluss! Ab – Getümmel

Tro. Still, du unholder Lärm! still, rauhe Töne!
Narren hier und dort! Helena muss schön sein,
Wenn ihr mit eurem Blut sie täglich färbt.
Ich kann um diesen Gegenstand nicht fechten,
Zu mager ist die Sache für mein Schwert.
Doch Pandarus! . . . O Götter, quält ihr mich!
Kein Weg zu Cressida, wenn nicht durch ihn!
Er lässt so barsch sich werben dass er werbe,
Wie sie sich keusch verstockt vor jedem Flehn.
Sag mir, Apoll, bei deiner Daphne Liebe,
Was Cressida, was Pandar ist, was wir?
Ihr Bett ist Indien: dort ruht sie, die Perle.
Was unser Ilium trennt von ihrem Heim
Das nenne man die wilde wallende Flut,
Uns selbst den Kaufmann, Pandarus den Segler,
Mein schwankes Hoffen, mein Geleit, mein Boot.

Getümmel – Äneas tritt auf

Äne. Was ist, Fürst Troilus? Warum nicht im Feld?

Tro. Weil ich nicht dort bin. Die Weibsantwort passt:
Denn weibermässig ists dort weg zu sein . . .
Was gibts, Äneas, Neues heut im Feld?

Äne. Dass Paris heimgekehrt ist und verwundet.

Tro. Von wem, Äneas?

Äne.                             Troilus, von Menelaus.

Tro. Wenn Paris blutet, hör ichs ohne Zorn:
Paris durchbohrt von Menelaus' Horn!

Äne. Horcht, draussen geht ein schönes Jagen an!

Tro. Besser zu Haus, wenn »könnt ich« wär »ich kann«.
Doch auf ans Werk! Müsst ihr zu einem Streit?

Äne. In aller Eil.

Tro.                   So kommt, wir gehn zu zweit! Ab.

 

Zweite Szene

Strasse: Cressida und ihr Diener

Cres. Wer ging da vorbei?

Dien.                                   Königin Hecuba und Helena.

Cres. Und wohin gingen sie?

Dien.                                       Zum Ostturm der
Mit seiner Höh das ganze Tal beherrscht,
Die Schlacht zu sehen. Hector, dessen Ruh
So feststeht wie die Stärke, war heut wild.
Er schalt Andromache und schlug den Knappen,
Und gleich als gelt es Emsigkeit im Krieg,
Stand er, noch eh es Tag ward, hell in Waffen
Und ging ins Feld hinab, wo jede Blume
Wie ein Prophet beweinte was sie ahnte
Von Hectors Wut.

Cres.                           Was war sein Grund zum Zorn?

Dien. So geht die Mär: auf Griechen-seite kämpfte
Ein Herr aus troischem Blut, ein Neffe Hectors –
Man nennt ihn Ajax.

Cres.                               Gut, was ist mit ihm?

Dien. Man sagt, er ist ein wahrer Mann per se
Und steht allein.

Cres. Das tun alle Männer, sie wären denn betrunken, krank oder hätten keine Beine.

Dien. Dieser Mann, Fräulein, hat manche Tiere ihrer besondern Eigenschaften beraubt: er ist so tapfer wie der Löwe, plump wie der Bär, langsam wie der Elefant: ein Mann in den die Natur Launen derart gestopft hat, dass sein Mut zu Narrheit zerquetscht ist, seine Narrheit in Klugheit getunkt: kein Mensch hat eine Tugend von der er nicht einen Schimmer hätte, und kein Mensch einen Makel, ohne dass Er davon einen Flecken trägt. Er ist trübsinnig ohne Grund und vergnügt gegen den Strich. Von jedem Ding ist ihm was beigefügt, aber jedes Ding so aus den Fugen, dass er ein gichtischer Briareus ist: viele Hände und kann sie nicht brauchen . . . oder ein stockblinder Argus: lauter Augen und kein Gesicht.

Cres. Aber wie soll dieser Mann, der mich zum Lachen bringt, Hector in Wut bringen?

Dien. Man sagt, er band gestern mit Hector in der Schlacht an und schlug ihn nieder. Missmut und Scham darüber liessen seitdem Hector fasten und wachen.

Pandarus tritt auf

Cres. Wer kommt da?

Dien. Euer Onkel Pandarus.

Cres. Hector ist ein stattlicher Mann.

Dien. Wie irgendeiner in der Welt.

Pan. Was ist? Was ist?

Cres. Guten Morgen, Onkel Pandarus.

Pan. Guten Morgen, Nichte Cressida. Wovon redet ihr? . . . Guten Morgen, Alexander . . . Wie gehts, Nichte? Wann wart ihr in Ilium?

Cres. Heut morgen, Onkel.

Pan. Wovon habt ihr geredet, als ich kam? . . . War Hector in Waffen und draussen, als ihr nach Ilium kamt? . . . Und Helena, war sie nicht auf?

Cres. Hector war draussen, aber Helena war nicht auf.

Pan. Jawohl: Hector ist früh aufgestanden.

Cres. Davon war die Rede, und von seinem Zorn.

Pan. War er zornig?

Cres. Der da sagt es.

Pan. Richtig, das war er. Ich weiss auch den Grund. Er wird heute loslegen, das kann ich ihnen sagen, und Troilus wird nicht weit hinter ihm zurückbleiben. Sie sollen sich vor Troilus hüten, das kann ich ihnen auch sagen.

Cres. Wie? ist er auch zornig?

Pan. Wer? Troilus? Troilus ist der Bessere von den zweien.

Cres. O Jupiter, da ist kein Vergleich!

Pan. Was, zwischen Troilus und Hector? Erkennt ihr einen Mann, wenn ihr ihn seht?

Cres. Ja, wenn ich ihn je sah und erkannte.

Pan. Gut, ich sage, Troilus ist Troilus.

Cres. Dann sagt ihr was ich sage: denn ich bin sicher, er ist nicht Hector.

Pan. Nein, und Hector ist nicht Troilus in gewisser Hinsicht.

Cres. So ists just mit jedem von ihnen: er ist er selbst.

Pan. Er selbst? Ach, der arme Troilus! Wär ers nur!

Cres. Das ist er.

Pan. Diesesfalls ging' ich barfuss nach Indien.

Cres. Er ist nicht Hector.

Pan. Er selbst: nein, er ist nicht er selbst . . . Wär er nur er selbst! Wohl, die Götter sind im Himmel. Zeit muss wenden oder enden. Wohl, Troilus, wohl! . . . Hätte sie nur mein Herz im Leib! . . . Nein, Hector ist kein bessrer Mann als Troilus.

Cres. Mit Verlaub.

Pan. Er ist älter.

Cres. Verzeiht, verzeiht!

Pan. Der andre ist noch nicht so weit, ihr werdet schon anders reden, wenn der andre so weit ist: Hector wird zu dieser Zeit nicht dem seinen Verstand haben.

Cres. Er braucht ihn nicht, wenn er seinen eignen hat.

Pan. Auch seine Gaben nicht.

Cres. Gleichgültig.

Pan. Auch seine Schönheit nicht.

Cres. Die stünde ihm nicht: seine eigne ist besser.

Pan. Ihr habt kein Urteil, Nichte. Helena selbst schwor neulich dass Troilus, für ein braunes Gesicht (denn das ists allerdings) . . . nicht grade braun –

Cres. Nein, aber braun.

Pan. Meiner Treu, um die Wahrheit zu sagen, braun und nicht braun . . .

Cres. Die Wahrheit zu sagen, wahr und nicht wahr.

Pan. Sie zog seine Haut der des Paris vor.

Cres. Nun, Paris hat Farbe genug.

Pan. Das hat er.

Cres. Dann hätte Troilus zuviel . . . wenn sie ihn vorzog, dann ist seine Farbe stärker als die des andern: denn wenn der eine genug hat und der andre noch mehr, das wär ein zu flammendes Lob für eine schöne Haut. Grad so gut hätte Helenas Goldzunge Troilus rühmen können wegen einer Kupfernase.

Pan. Ich schwör euch, ich glaube, Helena liebt ihn mehr als Paris.

Cres. Dann ist sie wirklich eine rechte Spartanerin.

Pan. Nein, ich bin sicher, es ist so. Sie kam neulich zu ihm an das Erkerfenster – und ihr wisst, er hat noch nicht über drei oder vier Haare am Kinn.

Cres. Freilich, eines Zapfers Rechenkunst brächte seine entsprechenden Posten leicht in eine Summe.

Pan. Nun, er ist sehr jung, und doch wird er, bis auf drei Pfund, so viel stemmen wie sein Bruder Hector.

Cres. So ein junger Mensch und so ein alter Stemmer?

Pan. Aber zum Beweis dass Helena ihn liebt: sie kam und legte ihre weisse Hand an sein gespaltenes Kinn.

Cres. Barmherzige Juno! Wie wurde es gespalten?

Pan. Nun, ihr wisst, er hat ein Grübchen. Ich meine, sein Lächeln steht ihm besser als irgendeinem Mann in Phrygien.

Cres. O, er lächelt tüchtig.

Pan. Nicht wahr?

Cres. O ja, als wärs eine Wolke im Herbst.

Pan. Ach, so geht doch! . . . Aber zum Beweis dass Helena Troilus liebt . . .

Cres. Troilus wird Stich halten, wenn ihrs beweist.

Pan. Troilus? Nun, er schätzt sie nicht mehr wie ich ein schlechtes Ei.

Cres. Wenn ihr ein schlechtes Ei so liebt wie ihr einen schlichten Kopf liebt, mögt ihr Kücken in der Schale essen.

Pan. Ich muss einfach lachen, wenn ich denke wie sie sein Kinn kitzelte. Wirklich, sie hat eine wunderbar weisse Hand, das muss ich gestehen.

Cres. Ohne Folter.

Pan. Und sie macht sich anheischig ein weisses Haar auf seinem Kinn zu entdecken.

Cres. Ach, das arme Kinn! Manche Warze ist reicher.

Pan. Aber das gab ein Gelächter! Königin Hecuba lachte dass ihr die Augen überliefen.

Cres. Von Mühlsteinen.

Pan. Und Cassandra lachte.

Cres. Aber es war ein gelinderes Feuer unter dem Topf ihrer Augen: liefen ihr auch die Augen über?

Pan. Und Hector lachte.

Cres. Und was sollte all dies Lachen?

Pan. Nun, das weisse Haar das Helena auf Troilus' Kinn entdeckte.

Cres. Wenn das Haar grün gewesen wäre, hätte ich auch gelacht.

Pan. Sie lachten nicht so sehr über das Haar als über seine hübsche Antwort.

Cres. Was war seine Antwort?

Pan. Sagt sie »Hier sind nur zweiundfünfzig Haare auf eurem Kinn, und eins davon ist weiss«.

Cres. Das ist ihre Frage.

Pan. Ja, gewiss . . . ohne zu fragen . . . »Zweiundfünfzig Haare« sagt er »und eins weiss: das weisse Haar ist mein Vater, und die übrigen sind seine Söhne.« »Jupiter« sagt sie »welches von diesen Haaren ist Paris, mein Gemahl?« »Das gespaltne« sagt er »reisst es aus und gebt es ihm.« Da gabs doch solch ein Gelächter, und Helena wurde so rot und Paris so wild, und alle übrigen lachten, dass es kein Ende nehmen wollte.

Cres. Lasst es gut sein, denn es ist schon eine ganze Weile vorüber.

Pan. Gut, Nichte: ich hab euch gestern was gesagt, denkt dran!

Cres. Das tu ich.

Pan. Ich will schwören, es ist wahr: er wird über euch weinen als wär er ein Mensch aus dem April.

Cres. Und ich will von seinen Tränen aufschiessen als würd ich eine Nessel im Mai. Man bläst zum Rückzug

Pan. Horch, sie kommen aus dem Feld. Sollen wir uns hier aufstellen und sehen wie sie nach Ilium ziehen? Liebe Nichte, tuts, süsse Nichte Cressida.

Cres. Wie ihr wünscht.

Pan. Hier, hier . . . hier ist ein ausgezeichneter Platz. Hier können wir ganz trefflich sehen. Ich nenne sie euch alle bei Namen, wenn sie vorbeigehn. Aber gebt auf Troilus besonders acht!

Cres. Sprecht nicht so laut. Äneas geht vorüber

Pan. Das ist Äneas. Ist das nicht ein tapfrer Mann? Er ist eine von Trojas Blüten, kann ich euch sagen. Aber gebt auf Troilus acht. Ihr sollt gleich sehn.

Cres. Wer ist das? Antenor geht vorüber

Pan. Das ist Antenor: er hat einen scharfen Witz, kann ich euch sagen . . . und er steht seinen Mann ziemlich gut: er ist einer der allergescheitesten Köpfe in Troja, auf jeden Fall, und ein Mann von hübschem Ansehn . . . Wann kommt Troilus? Ich werd euch Troilus gleich zeigen . . . Wenn er mich sieht, werdet ihr sehen wie er mir zunickt.

Cres. Wird er euch zunicken?

Pan. Ihr werdet sehn.

Cres. Was tut ihr denn mit seinem Genick? Hector geht vorüber

Pan. Da ist Hector, da, da . . . seht ihr, da . . . Das ist ein Bursch! Geh deines Wegs, Hector! . . . Das ist ein tapfrer Mann, Nichte! O tapfrer Hector! Seht wie er dreinschaut: das ist eine Miene! Ists nicht ein tapfrer Mann?

Cres. O, ein tapfrer Mann!

Pan. Nicht wahr? Es lacht einem das Herz im Leibe. Seht ihr was er für Scharten auf dem Helm hat! Schaut dorthin, seht ihr? Schaut ihr dort? Das ist kein Kinderspiel, das sitzt . . . nehms auf sich wer will, wie es heisst . . . das nenn ich Scharten!

Cres. Kommen sie von Schwertern? Paris geht vorüber

Pan. Schwerter? Von was sie auch kommen, ihm ists gleich . . . und wenn der Teufel zu ihm kommt, es schert ihn nicht. Potz Blitz, das Herz lacht einem im Leibe . . . Dort kommt Paris, dort kommt Paris! Schaut dort, Nichte! Ists nicht auch ein stattlicher Mann, gelt? Ja, der ist schon tapfer! Wer sagte, er sei heut verwundet heimgekommen? Er ist nicht verwundet: nun, das wird Helena herzlich wohl tun . . . He, wenn ich nur Troilus sehn könnte! Ihr sollt Troilus gleich sehn. Helenus geht vorüber

Cres. Wer ist das?

Pan. Das ist Helenus . . . Ich wundre mich wo Troilus ist. Das ist Helenus . . . Ich glaube, er zog heut nicht aus . . . Das ist Helenus.

Cres. Kann Helenus fechten, Onkel?

Pan. Helenus? Nein . . . doch, er ficht ganz leidlich . . . Ich wundre mich wo Troilus ist . . . Horcht . . . hört ihr die Leute nicht rufen »Troilus«? . . . Helenus ist ein Priester.

Cres. Was für ein Bursch kommt dort geschlichen? Troilus geht vorüber

Pan. Wo? dort? Das ist Deiphobus . . . s'ist Troilus! Das ist ein Mann, Nichte! Hm! Tapfrer Troilus, der Fürst der Ritterschaft!

Cres. Still, schämt euch, still!

Pan. Betrachtet ihn! Gebt acht auf ihn! O tapfrer Troilus! Schaut ihn euch gut an, Nichte! Schaut wie sein Schwert blutig ist, und sein Helm mehr zerhackt als dem Hector seiner . . . und wie er blickt und wie er geht! O wundervoller Jüngling! er ist noch keine dreiundzwanzig . . . Geh deines Wegs, Troilus, geh deines Wegs . . . Hätt ich eine Grazie zur Schwester oder eine Göttin zur Tochter, er sollte seine Wahl schon treffen. O wundervoller Mann! Paris? Paris ist Dreck gegen ihn, und ich steh euch dafür, könnte Helena tauschen, sie gäb ein Aug in Kauf. Soldaten gehen vorüber

Cres. Da kommen noch andre.

Pan. Esel, Narren, Tölpel, Kaff und Spreu, Kaff und Spreu: Suppe nach dem Fleisch . . . Ich könnte leben und sterben unter den Augen des Troilus. Schaut nicht mehr, schaut nicht mehr . . . die Adler sind vorbei. Krähn und Dohlen, Krähn und Dohlen! Ich wär lieber so ein Mann wie Troilus, als Agamemnon und ganz Griechenland.

Cres. Unter den Griechen ist Achilles, ein bessrer Mann als Troilus . . .

Pan. Achilles? Ein Kärrner, ein Packträger, ein wahres Kamel.

Cres. Ja, ja! . . .

Pan. Ja, ja? Nun, habt ihr überhaupt Verstand? Habt ihr überhaupt Augen? Wisst ihr was ein Mann ist? Ist nicht Geburt, Schönheit, Wohlgestalt, Redegabe, Mannheit, Bildung, Feinheit, Tüchtigkeit, Jugend, Freigebigkeit und so weiter Gewürz und Salz das einen Mann schmackhaft macht?

Cres. Ja, einen zusammengewürfelten Mann, den man ohne Fett in die Pastete backen kann: denn er hat sein Fett.

Pan. Ihr seid mir auch ein Weib! Man weiss nicht mit welchen Wällen ihr euch umgebt.

Cres. Mit meinem Buckel, um meinen Bauch zu schützen, mit meinem Witz, um meine Wünsche zu schützen, mit meiner Schweigsamkeit, um meine Ehrsamkeit zu schützen, mit meiner Maske, um meine Schönheit zu schützen, und mit euch, um all das zu schützen: hinter all diesen Wällen lieg ich mit tausend Wachen.

Pan. Sagt mir eine eurer Wachen.

Cres. Nein, ich will euch bewachen, und das ist eine der wichtigsten. Wenn ich nicht decken kann was ich nicht getroffen wünsche, so kann ich doch drüber wachen dass ihr nicht sagt wie ich den Stoss empfing, bis er über alles Verbergen hinausschwillt, und dann ists über alles Bewachen hinaus,

Pan. Ihr seid mir eine! . . .

Troilus' Page tritt auf

Page. Mein Herr möchte sofort mit euch sprechen.

Pan. Wo?

Page. In eurem eignen Haus, dort entwaffnet er sich.

Pan. Lieber Junge, sag ihm, ich komme. Ich fürchte, er ist verwundet. Lebt wohl, liebe Nichte.

Cres. Adieu, Onkel!

Pan. Ich stelle mich gleich bei euch ein, Nichte . . .

Cres. Mit was, Onkel?

Pan. Ei, mit einem Pfand von Troilus. Ab.

Cres. Bei eben diesem Pfand, ihr seid ein Kuppler . . .
Geschenk, Wort, Träne, Eid und Liebesfeuer
Beut er für eines Andern Abenteuer.
Zwar ist mir Troilus tausendmal mehr Mann
Als sich in Pandars Lobe spiegeln kann.
Doch zögr ich: Fraun sind Engel für den Freier.
Getanes blasst, im Tun nur liegt die Feier.
Die Liebste weiss noch nichts die dies nicht weiss:
Der Mann schätzt Nicht-erreichtes übern Preis.
Noch keine gabs die Liebe nach der Tat
So süss wie damals fand, als Wunsch noch bat.
Drum diesen Satz lehrt Liebe mich verstehn:
Erfüllung ist Befehl, Nichthaben Flehn.
Und wieviel Liebe auch mein Herz verwahrt:
Nichts sei davon durchs Auge offenbart. Ab.

 

Dritte Szene

Das griechische Lager – Vor Agamemnons Zelt: Agamemnon, Nestor, Ulysses, Menelaus und andere

Aga. Fürsten,
Welch Leid treibt euch die Gelbsucht ins Gesicht?
Dem weiten Vorschlag, den die Hoffnung macht
Bei jedem Werk das man beginnt auf Erden,
Fehlt die verheissne Fülle. Stockend Unheil
Wächst in den Adern höchstgeschwungner Taten:
So Knorren, bei des stauenden Saftes Drang,
Entstellen grade Tannen und verdrehn
Den Bau abseits und krumm vom rechten Wuchs.
Auch, Fürsten, ist der Fall für uns nicht neu,
Wenn wir uns so in der Erwartung täuschten,
Dass, sieben Jahr bestürmt, Troja noch steht.
Denn jeden Kriegszug aus vergangner Zeit
Wovon uns Kunde ward trieb der Versuch
Die Kreuz und Quer, dem Ziele nicht entsprechend
Und jenem körperlosen Bild im Geist
Das einen Wahnleib schuf. Warum nun, Fürsten,
Schaut ihr mit Scham im Antlitz unser Werk
Und haltet das für Schmach was doch nichts ist
Als prüfender Hinhalt des grossen Zeus
Ob es beharrende Stete gibt in Menschen?
Die Echtheit solchen Erzes zeigt sich nicht
Bei Gunst des Glücks: denn dann scheint Held und Memme,
Weiser und Dummer, Kunst und Ungeschick
Und Hart und Weich verbrüdert und verwandt . . .
Doch in dem Sturm und Wetter seines Grolls
Fegt Unterschied, mit breiter mächtiger Schwinge
Das Ganze pustend, alle Leichten fort,
Und das was Kern und Kraft hat durch sich selbst
Liegt reich in seinem Wert und unvermischt.

Nes. Mit schuldiger Scheu vor deinem hehren Stuhl,
Gottgleicher Agamemnon, deutet Nestor
Dein letztes Wort. Die Abwehr des Geschicks
Bewährt den echten Mann. Bei glatter See –
Wie manches flache Schifflein wagt zu segeln
Auf ihrer ruhigen Brust den gleichen Weg
Wie solche edlern Baus!
Doch wann der Raufbold Boreas erst erzürnt
Die sanfte Thetis, schau, dann spaltet flugs
Das starkgerippte Boot die Flutgebirge,
Hinspringend durch zwei nasse Elemente
Wie Perseus' Pferd. Wo bleibt der dreiste Kahn
Dess schwachgefugte Flanken eben noch
Wetteiferten mit Grossem? Schnell zur Bucht,
Sonst eine Schnitte für Neptun! Grad so
Wird Schein der Kraft und Wert der Kraft getrennt
Im Sturm des Glücks. Denn wenn es strahlt und glänzt,
Dann hat das Vieh mehr vor der Bremse Angst
Als vor dem Tiger. Doch wenn krachender Wind
Das Knie der knorrigen Eiche beugt, und Fliegen
Zum Obdach fliehn, dann geht das mutige Ding,
Empört durch Wut, zusammen mit der Wut
Und ruft auf gleichen Ton gestimmt zurück
Das Grollen des Geschickes.

Ulys.                                               Agamemnon,
Du grosser Feldherr, Nerv und Mark der Griechen,
Herz unsrer Scharen, Seele und einziger Geist,
Der die Gemüter und die Sinne aller
Umschliessen soll: hör was Ulysses spricht.
Den Beifall und die Billigung beiseit
zu Agamemnon: Die – Mächtigster nach Ansehn und Gewalt!
zu Nestor: Und du, Ehrwürdigster durch Lebens Länge! –
Ich euren Reden zolle, die so waren,
Dass Agamemnon und der Griechen Hand
Sie sollt in Erz erhöhn, und wieder so,
Dass der verehrte Nestor, Bild in Silber,
Mit seines Odems Band, fest wie die Achse
Des Himmels, knüpfen sollt jed griechisch Ohr
An seinen kundigen Mund – verstattet beide,
Grosser und Weiser, dass Ulysses spricht.

Aga. Sprich, Fürst von Ithaka, und minder bangt uns
Dass unnütz Ding von ungewichtiger Last
Den Mund dir öffne als wir sicher sind
Dass aus Thersites' eklen Köterbacken
Musik hervorgeht, Witz und Weissagung.

Ulys. Troja, noch in den Vesten, wär gestürzt,
Des grossen Hector Schwert wär ohne Herrn,
Doch hindern diese Gründe:
Das Wesen der Regierung ward versäumt,
Denn schaut, soviel hier griechische Zelte stehn
Luftig im Feld, so viele luftige Sippen.
Gleicht die Gesamtheit nicht dem Bienenstock
Zu dem die Futtersucher alle kehren –
Wie soll man Honig hoffen? Wenn sich der Rang vermummt,
Erscheint der Niedrigste durch Larve schön.
Der Himmel, die Planeten, diese Mitte,
Sie sehen selbst auf Rang, Abstand und Platz,
Beruhung, Lauf, Verhältnis, Stunde, Form,
Amt und Gewohnheit in der Reihenfolge.
Darum ist Sol, der herrliche Planet,
In edler Höhe thronend und umkreist
Von allen andren, dessen heilsam Aug
Die Missaspekte schlimmer Sterne richtet
Und wie Gebot des Königs ungehemmt
Gute und Böse treibt. Doch wenn die Sterne
In schlimmer Mischung durcheinander schweifen,
Welch Heer von Seuchen, Greueln, welcher Aufruhr,
Welch Wüten auf der See, Getös der Erde,
Getob der Winde, Schrecknis, Wechsel, Graun
Verdreht und knickt, entwurzelt und zerreisst
Die Einheit und vermählte Ruh der Staaten
Ganz aus den Vesten. O, ist Rang erschüttert,
Der Treppe ist zu allen hohen Planen,
Dann wankt das Werk. Wie stünden die Gemeinden,
Grade der Schulen, Zünfte in der Stadt,
Friedliche Kauffahrt zu geschiednen Küsten,
Die Erstgeburt und die Gebühr des Bluts,
Vorrecht von Alter, Krone, Zepter, Kranz,
Wenn nicht durch Rang an ihrem rechten Ort?
Entfernt den Rang, verstimmt nur diese Saite,
Und horcht welch Schrillen folgt! Es trifft sich alles
In Widerstreit: die eingefasste Flut
Hebt ihren Busen höher als der Strand
Und macht zum Brei das ganze feste Rund.
Die Stärke würde Herr der Schwächlichkeit,
Der rohe Sohn erschlüge seinen Vater,
Gewalt wär Recht . . . nein, Recht und Unrecht (deren
Unendlich Pendeln das Gesetz umfasst)
Verlören ihren Sinn . . . wie das Gesetz.
Dann hüllte jeglich Ding sich in die Macht,
Die Macht in Willkür, Willkür in Begier,
Und die Begier, ein allgemeiner Wolf,
Zwiefach von Macht und Willkür unterstützt,
Schafft unumgänglich allgemeinen Raub
Und frisst sich schliesslich selbst. Fürst Agamemnon,
Dies Wirrsal, wenn den Rang man unterdrückt,
Ist Folge der Erwürgung . . .
Und dies Verabsäumen des Ranges ists,
Was schrittweis rückwärts geht bei seinem Zweck
Zu steigen. Seinen Oberfeldherrn höhnt
Der eine Staffel Tiefre, den der Nächste,
Den Nächsten der Nächstniedre: so in Stufen,
Berechtigt durch des Ersten Tritt der leidet
An seinem Obern, wächst ein tückisch Fieber
Von bleicher blutentleerter Eifersucht.
Dies Fieber ists das Troja aufrecht hält,
Nicht eignes Mark. Kurz, sie ist dauerhaft
Durch unsre Krankheit, nicht durch ihre Kraft.

Nes. Sehr weise hat Ulyss hier aufgedeckt
Das Fieber dran all unsre Stärke krankt.

Aga. Das Wesen dieser Krankheit klar, Ulyss:
Was ist das Mittel?

Ulys. Der Held Achilles, den die Meinung krönt
Zur Oberhand und Sehne unsres Heers,
Trägt voll sein Ohr mit seinem luftigen Ruhm . . .
Verwöhnt von seinem Wert, liegt er im Zelt
Und spottet unsres Plans. Bei ihm Patroclus
Auf trägem Bett den lieben langen Tag
Macht närrische Spässe.
Mit lächerlicher linkischer Gebärde
(Die er, der Lästerer, Nachahmung nennt)
Führt er uns vor. Oft, grosser Agamemnon,
Legt er dein überstrahlend Amt sich an:
Wie ein gespreizter Mime, dessen Geist
In seinem Bein liegt und dem herrlich deucht
Den Ton des holzenen Gesprächs zu hören
Das sein Gestampfe mit den Brettern führt –
Solch mitleidwürdig und verzerrt Getu
Spielt er als deine Grösse . . . und sein Sprechen
Ist wie verstimmt Geläute: plumpe Sätze
Die aus des Brüllers Typhon Mund wie Schwulst
Vorkämen. Bei solch muffigem Plunder räkelt
Sich breit Achilles auf zerknülltem Bett,
Lacht Beifall laut heraus mit vollem Hals,
Ruft »Herrlich! Agamemnon ganz genau!
Jetzt spiel mir Nestor! Räuspre, streich den Bart
Wie er, wenn er an eine Predigt geht!«
Er tuts, so nah wie äusserste zwei Punkte
Sich sind – so gleich wie Vulcan und sein Weib.
Doch Gott Achill schreit immerwährend: »Herrlich!
Grad so wie Nestor! . . . Spiel ihn jetzt, Patroclus,
Wie er bei nächtlichem Alarm sich wappnet.«
Und dann muss gar des Greisentums Gebrest
Zum lustigen Auftritt dienen: Hüsteln, Spein
Und wie er zittrig tappend sich am Hals
Die Haken auf- und zumacht. Bei dem Spass
Stirbt der Herr Siegreich . . . »O genug, Patroclus!«
Schreit er »Gib Rippen mir von Stahl! Es springt
Mir sonst vor Lust das Zwerchfell!« So geschiehts:
All unsre Künste, Gaben, Formen, Mienen,
Persönlichste und allgemeinste Zier,
Verrichtung, Plan, Befehl und Vorbereitung,
Antrieb ins Schlachtfeld oder Ruf zur Rast,
Sieg und Verlust, was ist und nicht ist, dient
Als Stoff den zweien zu Alfanzerei.

Nes. Und schon sind durch Nachahmung dieser zwei
(Die, wie Ulysses sagt, die Meinung krönt
Mit herrischer Stimme) viele angesteckt.
Ajax voll Eigendünkel trägt den Kopf
Genau so aufgeschirrt, genau so hoch
Wie Duns Achilles, bleibt im Zelt wie er,
Gibt Sonderschmäuse, schilt auf unsre Führung
Kühn wie Orakelwort und hetzt Thersites
(Ein Sklav dess Galle Schmähung nur so münzt)
Uns mit dem Schmutz in eine Reih zu stellen,
Uns, unsre Blösse mehrend, zu verschrein,
Wie dicht wir auch umringt sind von Gefahr.

Ulys. Sie schmähn als Feigheit unsre Politik
Und Klugheit zählen sie nicht mit im Krieg.
Beschränkten Vorblicks schätzen sie kein Tun
Als das der Hand: die stillen geistigen Kräfte
Die denken wieviel Hände schlagen müssen,
Wenn sie der Anlass ruft, und nach dem Mass
Wachsamer Müh des Feindes Stärke kennen,
Ja, diese sind nicht einen Finger wert.
Das heisst Papier- und Bettwerk, Kammerkrieg.
So gilt der Sturmbock der die Mauern bricht
Für sie durch Schwung und Härte seiner Wucht
Mehr als die Hand die das Gerät gebaut
Und mehr als sie die mit des Geistes Schärfe
Nach der Berechnung seine Arbeit lenken.

Nes. Gibt man dies zu, so steht Achilles' Ross
Für viele Thetis-söhne.

Aga. Trompeten? Seht doch, Menelaus.

Men. Von Troja.

Äneas tritt auf

Aga.                   Was sucht ihr vor unsrem Zelt?

Äne. Ist dies des grossen Agamemnon Zelt?

Aga. Ja, eben.

Äne. Kann man als Prinz und Herold schöne Botschaft
Vor seine königlichen Ohren bringen?

Aga. Mit stärkrer Sichrung als Achilles' Arm,
Vor allen Griechenhäuptern die einstimmig
Den Agamemnon Haupt und Feldherr nennen.

Äne. Schöne Erlaubnis, volle Bürgschaft! Wie
Erkennt ein diesen Herrscherblicken Fremder
Sie unter andern Sterblichen?

Aga.                                                 Wie?

Äne.                                                           Ja,
Ich frage, dass ich meine Ehrfurcht wecke,
Die Wangen vorbereite für ein Rot,
Scheu wie die Frühe, wenn sie kühl beäugt
Den jungen Phöbus.
Wer ist der Gott im Amt, ihr Führenden?
Wer ist der hohe, mächtige Agamemnon?

Aga. Der Trojer höhnt uns, oder die Trojaner
Sind höfische Ritter.

Äne. Ritter, so frei und artig unbewehrt,
Geneigten Engeln gleich – so heissts im Frieden.
Doch kommen sie als Krieger, sind sie grimmig,
Stark Arm und Knie, das Schwert gut, und, mit Zeus,
Ist nichts so brav wie sie. Doch still, Äneas!
Still, Trojer, leg den Finger auf den Mund!
Das Wertvolle des Lobs verliert an Wert,
Wenn der Belobte selbst sich Lob beschert.
Doch wenns der widerwillige Feind bezeigt:
Dies Wort bringt Ruhm, dies Lob, ganz rein nur, steigt.

Aga. Ihr, Herr aus Troja, nennt ihr euch Äneas?

Äne. Dies, Grieche, ist mein Name.

Aga. Ich bitte euch, was führt euch her?

Äne. Verzeiht, es ist für Agamemnons Ohr.

Aga. Er hört nichts heimlich was von Troja kommt.

Äne. Ich kam auch nicht von Troja, um zu flüstern.
Ich bring Trompeten-weckruf für sein Ohr,
Um seinen Sinn in Spannung zu versetzen
Und dann zu sprechen.

Aga.                                     Sprich frei wie der Wind.
Es ist nicht Agamemnons Schlafenszeit.
Auf dass du wissest, Trojer, er ist wach,
Sagt ers dir selbst.

Äne.                               Trompete, blase laut,
Mit eherner Stimme, durch das träge Lager,
Und jeder Grieche von Geblüt mag wissen:
Was Troja redlich meint das töne laut! Trompeten
Es lebt, Held Agamemnon, hier in Troja
Ein Fürst mit Namen Hector, Priams Sohn,
Den diese dumpfe und langwierige Ruh
Verrostet hat. Der schickt mich mit Trompeten,
Euch dies zu sagen: Könige, Fürsten, Herrn!
Wenn einer da ist von den besten Griechen
Der seinen Ruhm mehr schätzt als seine Ruh,
Mehr seine Ehre sucht als Wunden scheut,
Der seine Kühnheit kennt, nicht seine Furcht,
Der seine Herrin liebt mehr als durch Worte
Mit müssigem Schwur auf der Geliebten Mund
Und ihren Reiz und Wert in stärkerm Arm
Bezeugen will – ihm diese Forderung:
Hector, im Angesicht von Grieche und Trojer
Beweist, will alles tun, dass ers beweist:
Ein Weib besitz er, weiser, schöner, treuer
Als je ein Grieche in die Arme schloss,
Und morgen weckt er mit Trompetenruf
Halbwegs von Trojas Wall und eurem Lager
Den Griechen auf der treu im Lieben sei.
Wenn einer kommt, gibt Hector ihm die Ehre,
Wenn keiner, sagt er, heimgekehrt, in Troja:
Die griechischen Fraun sind sonnverbrannt, nicht wert
Den Splitter einer Lanze. Dies war alles.

Aga. Dies künd ich unsren Liebenden, Äneas.
Und ist bei uns kein so gestimmtes Herz,
So sind sie all daheim. Doch wir sind Krieger,
Und solch ein Krieger gelte als ein Wicht,
Gewann er, möcht er, hat er Liebe nicht.
Doch wenn sie einer möchte, hat, gewann,
Stellt er sich Hector – sonst bin ich der Mann.

Nes. Sag ihm: ein Mann war Nestor, als der Ahn
Des Hector Milch bekam. Er ist jetzt alt,
Doch wenn in unsrem griechischen Heere nicht
Ein edler Mann mit einem Funken Glut
Für seine Liebe stritte (sag ihm dies)
Berg ich den Silberbart im Goldvisier,
In Schienen leg ich diese dürren Muskeln
Und sag ihm ins Gesicht dass meine Frau
Schöner als seine Ahnin war und keusch
Wie jemals eine. Seiner Jugend-flut
Bezeug ichs hier mit den drei Tröpfchen Blut.

Äne. Verhüte Zeus die Dürftigkeit von Jugend!

Ulys. Amen.

Aga. Teurer Äneas, gebt mir eure Hand.
Zu unsrem Dach geleit ich euch zuerst.
Die Botschaft werde dem Achill bestellt
Und jedem griechischen Herrn von Zelt zu Zelt.
Ihr schmaust mit uns, bevor ihr uns verlasst,
Als edler Feind uns ein willkommner Gast.

Alle ab ausser Nestor und Ulysses

Ulys. Nestor!

Nes. Was sagt Ulyss?

Ulys. Ein junger Einfall ist in meinem Hirn:
Seid ihr mein Jahr das zur Gestalt ihm hilft.

Nes. Was ists?

Ulys. Dies ist es:
Der grobe Keil spellt groben Klotz. Den Stolz,
Der aus dem Samen so zur Reife wuchs
Beim üppigen Achill, muss man jetzt mähn,
Sonst streut er eine Saat von gleichem Übel
Das all uns überwuchert.

Nes.                                         Gut, und wie?

Ulys. Die Fordrung die der Recke Hector schickt,
Wie sehr sie sich auch kehrt an alle Namen,
Zweckt eigentlich auf keinen als Achill.

Nes. Der Zweck ist zu durchschaun wie eine Masse
Die ihr Gesamt aus kleinen Ziffern häuft . . .
Und wird es kundgemacht, so seid beruhigt:
Achilles, wäre auch sein Hirn so trocken
Wie Dünen Lybiens (zwar Apollo weiss,
's ist dürr genug) wird mit behendem Urteil,
Ja, wird mit Blitzesschnelle Hectors Plan
Auf sich beziehn.

Ulys. Und zur Erwidrung sich erheben, meint ihr?

Nes. So kommts gewiss. Wen stellt ihr sonst entgegen
Der sich bei Hector Ruhm erwerben kann,
Wenn nicht Achill? Zwar ists nur Waffenspiel,
Doch wohnt dem Zweikampf viel Bedeutung bei:
Denn Troja schmeckt hier unsren besten Ruf
Mit seinem feinsten Gaumen. Glaubt, Ulyss,
Dass unsre Geltung sich nach unten neigt
Bei diesem tollen Tun: denn der Erfolg,
Wenn auch nur Einzelfall, wird Probe sein
Von Gutem oder Schlechtem fürs Gesamt,
Und solch ein Vorvermerk (zwar schwache Zeilen,
Verglichen mit dem Band der folgt) enthüllt
Das Puppenbild des riesenhaften Leibs
Von künftigen grössern Dingen. Man nimmt an,
Er, der sich Hectorn stellt, sei unsre Wahl,
Und Wahl, vereintes Werk all unsrer Seelen,
Erkiese das Verdienst und koche so
Gleichsam aus allen einen Mann, gebraut
Aus unsren Tugenden. Missglückt es dem,
Wie wächst daraus der Mut der Siegerseite
Und stählt den starken Glauben an sich selbst!
Wird der gehegt, bewaffnet er die Glieder
Mit nicht geringrer Macht als Schwert und Pfeil
Gelenkt wird von den Gliedern.

Ulys.                                                 Entschuldigt meine Rede!
Triftig ists drum, Achill trifft Hector nicht.
Wie Krämer zeigen wir die schlechtsten Waren,
Man nimmt vielleicht sie doch. Wenn nicht, soll so
Der Glanz des Bessern, noch zu Zeigenden
Sich besser zeigen. Willigt nicht darein
Dass sich Achill dem Hector jemals stellt:
Denn unsrer Ehr und unsrer Schmach sind dann
Zwei lästige Verfolger auf den Fersen.

Nes. Mein altes Auge kann nicht sehen wer.

Ulys. Am Ruhm den sich Achill bei Hector holt,
Wär er nicht stolz, nähmen wir alle teil.
Er aber ist bereits zu unverschämt,
Und besser dörr uns afrikanische Sonne
Als seiner Augen Stolz und bissiger Hohn,
Kommt er gut heim von Hector. Wenn er fällt,
Nun, dann war unser aller Ruf zermalmt
Mit unsres Besten Schande. Nein, lasst losen
Und Anstalt treffen dass dem Rüpel Ajax
Der Kampf mit Hector zufällt. Unter uns
Gesteht ihm zu, er sei der Würdigste.
Denn das kuriert den grossen Myrmidonen
Der schwelgt im Beifall, und duckt ihm den Kamm
Der stolzer als die blaue Iris ragt.
Kommt der Erzdummkopf Ajax heil davon,
Dann putzt ihn auf mit Lobspruch. Gehts ihm schlecht,
So bleiben wir doch immer im Geruch,
Wir härten Bessre. Doch obs trifft, ob fehlt –
So wird mein Plan verkörpert mit Verstand:
Achilles' Federn rupft des Ajax Hand.

Nes. Nun fängt, Ulyss, dein Plan mir an zu munden,
Und seinen Vorgeschmack geb ich sogleich
Dem Agamemnon. Gehn wir flugs zu ihm!
Ein Köter zähmt den andern. Stolz allein
Kann für die Doggen wie ein Knochen sein. Ab.

 


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