William Shakespeare
Mass für Mass
William Shakespeare

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Vierter Aufzug

Erste Szene

Zimmer Marianas: Mariana und ein Knabe

Knabe singt:
    Halt, o halt die Lippe fern
    Die so süssen Meineid schwor,
    Und das Auge – Morgenstern,
    Licht bei dem ich mich verlor . . .
    Doch die Küsse bring zurück, bring zurück
    Liebeszeichen ohne Glück, ohne Glück.

Mar. Brich ab dein Lied und eile schnell hinweg.
Hier kommt ein Mann des Todes, dessen Rat
Schon oft gestillt mein murrend Missvergnügen. Knabe ab
    Der Herzog als Mönch tritt auf
Ich bitt euch um Vergebung, Herr, und wünschte,
Ihr hättet nicht mich bei Musik betroffen.
Entschuldigt mich und glaubt, es war nur so:
Mein Frohsinn litt, mein Gram allein war froh.

Hzg. Schon recht. Doch hält Musik oft so im Bann,
Dass Böses gut und Gutes Leid tun kann.
Sagt, hat jemand heute nach mir hier gefragt. Grad um diese
Zeit wollte ich wen hier treffen.

Mar. Man hat nicht nach euch gefragt. Ich sass den ganzen Tag hier.

Hzg. Ich glaube euch unbedenklich. Jetzt ist gerade die Zeit. Ich muss euch bitten euch ein Weilchen zurückzuziehn. Vielleicht hol ich euch gleich zu einer euch dienlichen Sache.

Mar. Ich bin euch stets verbunden. Ab.

Isabella tritt auf

Hzg. Gelegen und willkommen!
Wie steht es mit dem trefflichen Verweser?

Isa. Er hat, umwallt mit Backstein, einen Garten
An den nach Westen hin ein Weinberg stösst,
Zu diesem Weinberg führt ein Brettertor,
Das öffnet man mit diesem grössern Schlüssel.
Mit diesem wird man Herr der kleinern Tür
Die aus dem Weinberg in den Garten geht.
Dort hab ich ihm versprochen zu erscheinen
Heut um die dichte Mitternacht.

Hzg. Doch findet mit der Kenntnis ihr den Weg?

Isa. Ich gab darauf mit nötiger Sorgfalt acht.
In flüsterndem, höchst schuldbewusstem Eifer,
Geschäftigst im Erklären, wies er mir
Zweimal den ganzen Weg.

Hzg.                                           Sind sonst noch Zeichen
Vereinbart zwischen euch für ihr Verhalten?

Isa. Nein, keine, nur ein Stelldichein im Dunkel.
Auch hab ich ihn verständigt dass mein Bleiben
Nur höchstens kurz sein kann: ich liess ihn wissen,
Ich sei von einer Dienerin begleitet
Die auf mich warte – deren Meinung sei,
Ich komme für den Bruder.

Hzg.                                           Gut erdacht.
Ich habe noch kein Wort von dem Mariana
Bekannt gemacht . . . He, ihr da! kommt heraus.
    Mariana tritt auf
Ich bitt euch, werdet Freund mit diesem Mädchen,
Sie will euch Gutes tun.

Isa.                                       Das wünsche ich.

Hzg. Seid ihr versichert dass ich um euch sorge?

Mar. Ich weiss es, Vater, und ich habs erprobt.

Hzg. Dann nehmt hier die Gefährtin bei der Hand,
Sie wird euch was erzählen das euch angeht.
Ich warte, bis ihr fertig seid. Doch eilt . . .
Die dunstige Nacht ist nah.

Mar. Wollt ihr mit mir dorthin gehn? Mariana und Isabella ab

Hzg. O Rang und Macht! Millionen falscher Augen
Heften sich auf dich! Bände voll Gerücht
Sind mit solch falscher und sehr strittiger Sache
Von dir im Umlauf. Tausend losen Köpfen
Bist du der Vater ihres müssigen Traums
Und wirst verzerrt in ihrem Wahn . . .
    Mariana und Isabella kommen zurück
Willkommen! Seid ihr einig?

Isa. Sie will das Unternehmen wagen, Vater,
Wenn ihr es ratet.

Hzg.                             Ich stimme nicht nur zu,
Ich dringe auch darauf.

Isa.                                       Wenig müsst ihr sagen
Bei eurem Weggehn, ausser – sanft und leis –
»Denkt jetzt an meinen Bruder«.

Mar.                                                     Sorgt euch nicht!

Hzg. Und, liebe Tochter, sorgt auch ihr um nichts.
Er ist durch einen Vorvertrag eur Gatte.
Euch so zu einigen ist keine Sünde . . .
Zumal das Anrecht das ihr an ihn habt
Die Täuschung rein wäscht. Kommt und lasst uns gehn.
Uns reift das Korn, doch erst, ist noch zu sän. Ab.

 

Zweite Szene

Gefängnis: Schliesser und Pompejus

Schl. Kommt her, Bursch! Könnt ihr einem Mann den Kopf abhaun?

Pom. Wenn der Mann ein Junggesell ist, kann ichs. Wenn aber ein Ehemann, so ist er seiner Frau Haupt, und ich kann unmöglich einen Weiberkopf abschlagen.

Schl. Geht, lasst mir eure Schnurren und gebt mir eine grade Antwort. Morgen früh sollen Claudio und Bernardin sterben. Hier im Gefängnis ist ein gewöhnlicher Henker, der zu seiner Verrichtung einen Beistand braucht. Wenn ihrs übernehmen wollt ihm zu helfen, so wirds euch aus euren Fesseln befrein. Sonst werdet ihr eure volle Zeit absitzen und bei eurer Entlassung unbarmherzig ausgepeitscht, weil ihr ein berüchtigter Kuppler gewesen seid.

Pom. Nun, ich war ein ungesetzlicher Kuppler seit undenklicher Zeit, doch jetzt will ich meinetwegen ein gesetzlicher Henker werden. Ich würde gern von meinem Amtsbruder etwas in die Lehre genommen.

Schl. Heda, Grauslich! Wo ist Grauslich?

Grauslich tritt auf

Graus. Ruft ihr, Herr?

Schl. Hört, hier ist ein Bursch, der will euch morgen bei der Hinrichtung helfen. Wenns euch passt, so schliesst mit ihm für das Jahr ab und lasst ihn bei euch bleiben, andernfalls braucht ihn für jetzt und schickt ihn fort. Er kann nicht seinen guten Ruf bei euch geltend machen: er war ein Kuppler.

Graus. Ein Kuppler? Pfui über ihn. Er wird unsre Kunst entehren.

Schl. Ach, geht! Ihr wiegt gleich – eine Feder wird zwischen euch den Ausschlag geben. Ab.

Pom. Sagt mir, Herr, nehmts nicht für ungut (denn ihr nehmt euch ganz gut aus, nur dass ihr etwas hängt) nennt ihr euer Geschäft eine Kunst?

Graus. Jawohl, eine Kunst.

Pom. Malen, hat man mir gesagt, ist eine Kunst, und die Huren, Mitglieder meines Geschäfts, pflegen sich zu malen und machen demnach mein Geschäft zur Kunst: aber was für eine Kunst beim Hängen sein soll, wenn ich gehängt würde, das kann ich mir nicht vorstellen.

Graus. Mann, es ist eine Kunst.

Pom. Beweis?

Graus. Jedes braven Manns Zeug passt für den Dieb. Wenn es dem Dieb zu klein ist, hält es der brave Mann für gross genug. Wenns dem Dieb zu gross ist, hälts der Dieb für klein genug. So passt jedes braven Manns Zeug für den Dieb.

Schliesser kommt zurück

Schl. Seid ihr einig?

Pom. Ja, ich will ihm dienen, denn ich finde, so ein Henker ist ein bussfertigeres Gewerb als so ein Kuppler: er bittet öfter um Vergebung.

Schl. Ihr, Bursch, sorgt für Block und Axt auf morgen vier Uhr.

Graus. Kommt, Kuppler, ich will euch in meinem Beruf unterweisen. Folgt mir.

Pom. Ich lasse mich gern belehren und hoffe, wenn ihr meinen Dienst für euch selber braucht, werdet ihr mich hurtig finden . . . denn für eure Gefälligkeit schuld ich euch wirklich meinen guten Dienst.

Schl. Ruft Bernardin und Claudio hierher.
    Pompejus und Grauslich ab
Der tut mir leid, und der – ein Mörder ist er –
Auch nicht die Spur . . . und wären wir Geschwister.
    Claudio tritt auf
Hier, Claudio, der Befehl zu deinem Tod.
Jetzt ist es tiefe Mittnacht. Früh um acht
Musst du unsterblich werden . . . Wo ist Bernardin?

Clau. So fest in Schlaf versenkt wie schuldlos Mühsal
Das starr in eines Wandrers Gliedern liegt.
Er wacht nicht auf.

Schl.                             Wer kann dem Gutes tun?
Wohl! Geht, bereitet euch . . . Horcht, welch ein Lärm.
Der Himmel stärke euren Mut! Claudio ab Sogleich!
Ich hoff, es ist Begnadigung oder Frist
Für diesen braven Claudio.
    Der Herzog als Mönch tritt auf
                                            Seid willkommen, Vater.

Hzg. Der Nacht wohltätigste und beste Geister
Umwehn euch, lieber Schliesser! . . . War jemand hier?

Schl. Niemand seit Abendläuten.

Hzg.                                             Isabella?

Schl. Nein.

Hzg. Sie kommen dann wohl bald.

Schl. Gibts Trost für Claudio?

Hzg.                                         In der Hoffnung, ja.

Schl. Das ist ein bittrer Statthalter!

Hzg. Nein, nein! Sein Leben richtet sich genau
Nach Strich und Linie seines grossen Rechts.
Er unterjocht in sich mit heiliger Zucht
Was er mit aller Macht in anderen
Zu dämpfen drängt. War er bekleckt mit dem
Was er bestraft, dann war er ein Tyrann.
Doch wie es ist, ist er gerecht . . . Man kommt!
    Klopfen – Schliesser ab
Ein braver Kerkermeister. Selten zeigt
Der eherne Schliesser Menschen sich geneigt . . .
Nun, welch ein Lärmen! Eile treibt den Gast
Der so das störrische Tor mit Schlägen trifft.

Der Schliesser kommt zurück

Schl. zur Tür hinaus: Hier muss er warten, bis der Diener aufsteht,
Ihn einzulassen . . . er ist schon geweckt.

Hzg. Habt ihr noch immer keinen Gegenauftrag?
Muss Claudio morgen sterben?

Schl. Nein, Herr, nichts.

Hzg. Schliesser, so nah auch schon die Dämmrung ist,
Bevor es Tag wird, hört ihr mehr.

Schl. Vielleicht
Wisst ihr etwas. Doch glaube ich, es kommt
Kein Gegenauftrag. Dafür gibts kein Beispiel.
Zudem hat von dem Richterstuhl herab
Lord Angelo vor aller Leute Ohr
Das Gegenteil verkündet . . .
    Bote tritt auf
                                              Hier seiner Lordschaft Diener.

Hzg. Und Claudios Begnadigung!

Bote. Mein Herr sendet euch dieses Blatt und beauftragt euch ferner durch mich dass ihr davon auch nicht im kleinsten Punkt abweicht, weder in Zeit, Sache noch sonstigem Umstand. Guten Morgen, denn ich vermute, es ist beinah Tag.

Schl. Ich werde ihm gehorchen, Bote ab

Hzg. Dies ist Begnadigung, erkauft durch Schmach
Die dem Begnadiger selbst das Urteil sprach.
Dort hat der Frevel leichte Schnelligkeit
Wo er gehegt wird von der Obrigkeit.
So wirkt die Huld, wenn Laster Huld entscheidet,
Dass man der Schuld zulieb den Frevler leidet . . .
Nun, Mann, was ist?

Schl. Ich sagt es euch ja. Lord Angelo, der mich vielleicht säumig in meinem Dienst glaubte, rüttelt mich auf mit dieser ungewohnten Aufmunterung . . . das dünkt mir seltsam, denn er pflegte es sonst nicht so zu halten.

Hzg. Ich bitt euch, lasst mich hören!

Schl. »Was ihr auch Gegenteiliges hören mögt, lasst Claudio um vier Uhr hinrichten und am Nachmittag Bernardin. Zu meiner besseren Befriedigung sendet mir Claudios Kopf um fünf. Lasst das ordentlich ausführen und denkt dabei dass mehr davon abhängt als wir noch mitteilen dürfen. Verfehlt also nicht eure Pflicht zu tun, da ihr mit eigner Gefahr dafür steht.« Was sagt ihr dazu, Herr?

Hzg. Wer ist der Bernardin der am Nachmittag hingerichtet werden soll?

Schl. Ein geborner Zigeuner, aber hier aufgezogen und aufgewachsen, schon seit neun Jahren Gefangner.

Hzg. Wie kam es dass der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freiheit gesetzt oder hingerichtet hat? Ich habe gehört, das war stets seine Art.

Schl. Seine Freunde erwirkten stets Aufschub für ihn, und allerdings ist seine Tat bis jetzt zur Regierung des Lord Angelo noch nicht unzweideutig bewiesen.

Hzg. Ist sie jetzt aufgeklärt?

Schl. Ganz offenkundig und von ihm selbst nicht geleugnet.

Hzg. Hat er sich bussfertig im Gefängnis betragen? Wie steht es mit seinem Innern?

Schl. Ein Mensch dem der Tod nicht schrecklicher vorkommt als das Einschlafen im Rausch . . . sorglos, achtlos und furchtlos wegen des Vergangnen, Gegenwärtigen und Künftigen: ohne Gefühl für Sterblichkeit und rettungslos sterblich.

Hzg. Er braucht Unterweisung.

Schl. Er will keine hören. Er hat jederzeit die Freiheit des Gefängnisses gehabt. Wollte man ihn entwischen lassen, er täte es nicht. Mehrmals im Tag betrunken, wenn nicht ganze Tage betrunken. Wir haben ihn oft geweckt, wie um ihn zur Hinrichtung zu führen, und ihm einen Scheinbefehl dazu gezeigt: es hat ihn gar nicht berührt.

Hzg. Nachher mehr von ihm . . . Auf eurer Stirn, Schliesser, steht Redlichkeit und Verlässigkeit. Wenn ich das nicht richtig lese, so täuscht mich meine alte Erfahrung. Aber im Vertrauen auf meine Kenntnis will ich mich in das Wagnis einlassen. Claudio, den ihr Befehl habt hinzurichten, ist dem Gesetz nicht mehr verfallen als Angelo, der ihn verurteilt hat. Um euch das als offenkundige Tatsache begreiflich zu machen, verlange ich nur vier Tage Frist, während der ihr mir einen ebenso dringlichen als gefährlichen Gefallen erweisen sollt.

Schl. Womit denn, Herr?

Hzg. Indem ihr den Tod verschiebt.

Schl. Ach, Herr, wie kann ich das tun, da mir die Stunde vorgeschrieben ist und der ausdrückliche Befehl, bei Strafe seinen Kopf dem Angelo zu Gesicht zu bringen. Es wird mir ergehen wie Claudio, wenn ich im Geringsten zuwiderhandle.

Hzg. Beim Gelübde meines Ordens, ich stell euch sicher, wenn ihr meine Weisungen zum Führer nehmt. Lasst diesen Bernardin morgen früh hinrichten und seinen Kopf dem Angelo bringen.

Schl. Angelo hat sie beide gesehn und wird das Gesicht erkennen.

Hzg. O, der Tod ist ein grosser Verwandler, und ihr könnt noch dazutun. Schert den Kopf und stutzt den Bart und sagt, es war der Wunsch des Sträflings so vor seinem Tod barbiert zu werden. Ihr wisst, das kommt häufig vor. Wenn daraus euch etwas anderes zufällt als Dank und Glück: bei dem Heiligen meines Ordens, so werd ich mich mit meinem Leben dagegen einsetzen.

Schl. Verzeiht mir, lieber Vater, es ist gegen meinen Eid.

Hzg. Habt ihr dem Herzog geschworen oder dem Statthalter?

Schl. Ihm und seinen Vertretern.

Hzg. Ihr werdet euch keines Vergehns schuldig glauben, wenn der Herzog die Rechtlichkeit eures Verfahrens anerkennt?

Schl. Doch welche Wahrscheinlichkeit spricht dafür?

Hzg. Keine Glaublichkeit, sondern eine Gewissheit. Aber da ich euch furchtsam sehe, dass weder mein Kleid noch meine Lauterkeit noch meine Überredung euch ohne weiteres bestimmen, so will ich über das was ich vorhatte hinausgehn, um euch alle Furcht zu nehmen. Seht hier: da ist die Hand und das Siegel des Herzogs. Ihr kennt zweifellos die Schrift, und der Namenszug ist euch nicht fremd.

Schl. Ich kenne beides.

Hzg. Dies enthält die Rückkehr des Herzogs. Ihr sollt es nachher gemächlich durchlesen und werdet finden dass er binnen zwei Tagen hier sein wird. Das ist etwas wovon Angelo nicht weiss, denn er empfing gerade heute Briefe von merkwürdigem Inhalt, vielleicht von des Herzogs Tod, vielleicht von seinem Eintritt ins Kloster, aber zufällig nichts von dem was hier steht. Seht, der Morgenstern ruft den Schäfer. Geratet nicht in Erstaunen wie diese Sachen stehn. Alle Schwierigkeiten sind leicht, wenn man sie erst kennt. Ruft euren Scharfrichter, und herunter mit Bernardins Kopf! Ich will ihm sogleich die Beichte abnehmen und ihn für einen bessern Ort vorbereiten. Zwar seid ihr erstaunt, doch dies soll euch unbedingt ermutigen. Kommt, es ist schon helle Dämmerung. Ab.

 

Dritte Szene

Anderer Raum im Gefängnis: Pompejus

Pom. Ich bin hier so heimisch wie ich in unsrem Geschäftshaus war. Man könnte meinen, es wäre Frau Brenzeligs eignes Haus . . . denn hier sind viele ihrer alten Kunden. Zunächst ist da der junge Herr Rasch: er ist hier für eine Partie von braunem Packpapier und altem Ingwer, hundertundsiebenundneunzig Pfund, womit er fünf Mark bares Geld gemacht hat. Freilich, Ingwer war nicht sehr gesucht, denn die alten Weiber waren alle tot. Dann ist hier ein Herr Hops, wegen des Herrn Dreihaar, Schnittwarenhändler, eingezogen für ein paar pfirsichfarbne Atlasanzüge die ihn jetzt zum Lumpen machen. Dann haben wir da den jungen Wackelig und den jungen Herrn Donnerwetter und Herrn Kupfersporn und Herrn Schmalhans, den Stech- und Haubruder, und den jungen Mauser, der den lustigen Gugelhupf totschlug, und Herrn Frischauf, den Raufbold, und den stattlichen Meister Stiefler, den grossen Reisenden, und den tollen Halbeimer, der den Topp erstach, und ich denke noch etliche vierzig, lauter tüchtige Arbeiter in unsrem Gewerb, und sind jetzt hinterm Gitter.

Grauslich tritt auf

Graus. Bursch, bring den Bernardin her!

Pom. Herr Bernardin, ihr müsst aufstehn und euch hängen lassen, Herr Bernardin!

Graus. Holla, Bernardin!

Ber. drinnen: Die Pest an euren Hals! Wer lärmt da? Wer seid ihr?

Pom. Eure Freunde, Mann, der Henker! Ihr müsst so gut sein aufzustehn und euch hinrichten zu lassen.

Ber. Fort, ihr Schuft, fort! Ich hab Schlaf!

Graus. Sagt ihm, er müsse aufwachen, und das geschwind.

Pom. Bitte, Herr Bernardin, bleibt wach, bis ihr hingerichtet seid, und schlaft nachher.

Graus. Geht hinein und holt ihn heraus.

Pom. Eben kommt er, eben kommt er, ich hör sein Stroh rascheln.

Bernardin tritt auf

Graus. Ist die Axt auf dem Block, Bursch?

Pom. Fix und fertig.

Ber. Nun, Grauslich, was habt ihr Neues?

Graus. Wahrhaftig, ich wollte, ihr trolltet euch an euer Gebet. Denn seht, der Befehl ist da.

Ber. Ihr Schuft, ich hab die ganze Nacht getrunken. Ich bin nicht bereit dazu.

Pom. O um so besser! Denn wer die ganze Nacht trinkt und zeitig am Morgen gehängt wird, schläft den ganzen nächsten Tag um so fester.

Graus. Schaut, da kommt euer geistlicher Vater – meint ihr noch dass wir scherzen?

Der Herzog als Mönch tritt auf

Hzg. Aus Barmherzigkeit und auf die Nachricht wie schnell ihr von hinnen müsst bin ich gekommen euch zu unterweisen, zu trösten und mit euch zu beten.

Ber. Bruder, nein. Ich hab die ganze Nacht fest getrunken und ich will mehr Zeit haben um mich vorzubereiten, oder man soll mir das Hirn mit Keulen ausschlagen. Es passt mir nicht heut zu sterben, soviel ist sicher.

Hzg. O Mann, ihr müsst, und deshalb bitt ich euch,
Blickt vor euch auf den Weg den ihr sollt gehn.

Ber. Ich schwöre, ich will heut nicht sterben, auf keines Menschen Zureden.

Hzg. Doch hört nur –

Ber. Kein Wort! Wenn ihr mir was zu sagen habt, kommt in meine Zelle, denn dort geh ich heut nicht heraus. Ab.

Schliesser tritt auf

Hzg. Gleich schlecht für Tod wie Leben! Herz von Stein! . . . Ihm nach, Gesellen, schafft ihn auf den Block!

Grauslich und Pompejus ab

Schl. Nun, Herr, wie traft ihr den Gefangnen an?

Hzg. Ein unbereit Geschöpf, unreif fürs Sterben . . .
Und ihn in diesem Zustand zu befördern,
Das wär verdammlich.

Schl.                                   Hier im Kerker, Vater,
Starb heute früh an einem bösen Fieber
Ein sehr verrufener Kaperer, Ragozin,
Ein Mann in Claudios Alter . . . Bart und Haar
Genau von seiner Farbe. Wenn wir nun
Den Sünder lassen, bis er sich gefasst,
Und unsern Herrn befriedigen mit dem Kopf
Des Ragozin, der mehr dem Claudio gleicht?

Hzg. O diesen Zufall sendet uns der Himmel!
Sorgt gleich dafür! Die Stunde rückt heran
Die Angelo bestimmt. Lasst dies vollziehn
Und schicken wie befohlen ist, bis ich
Den rohen Wicht berede gern zu sterben.

Schl. Es soll geschehn, mein Vater, unverzüglich.
Doch Bernardin muss heut nachmittag sterben.
Und was soll ich mit Claudio weiter tun,
Mich vor der drohenden Gefahr zu schützen,
Wenn man ihn lebend weiss?

Hzg.                                               Das haltet so:
Setzt beide heimlich fest, Claudio und Bernardin . . .
Bevor die Sonne zweimal ihren Tags-gruss
Entbot den Menschen drüben, seht ihr euch
In offenbarer Sicherheit.

Schl. Ich bin euch ganz ergeben.

Hzg.                                               Schnell, macht fort
Und schickt das Haupt an Angelo. Schliesser ab
Jetzt schreib ich Briefe an den Angelo –
Der Schliesser soll sie bringen – deren Inhalt
Bezeugen soll, ich komme bald nach Haus
Und dass mich wichtiges Gebot bestimmt
Zu öffentlichem Einzug. Ihn ersuch ich
Mich an dem heiligen Brunnen einzuholen,
'ne Meile vor der Stadt. Dann wollen wir
Kühl nach und nach, in wohlerwogner Form,
Mit Angelo verfahren.

Schliesser kommt zurück

Schl. Hier ist der Kopf: ich bring ihn selber hin.

Hzg. Das ist das Richtige. Kehrt geschwind zurück . . .
Denn Dinge will ich euch vertraun die keiner
Als ihr zu hören braucht.

Schl.                                       Ich will mich sputen. Ab.

Isa. draussen: Friede sei mit euch!

Hzg. Die Stimme Isabellas. Sie will wissen
Ob die Begnadigung ihres Bruders kam.
Doch will ich noch ihr Glück ihr vorenthalten
Und Himmelstrost ihr aus Verzweiflung bringen,
Wenn er nie mehr erhofft wird.

Isabella tritt auf

Isa.                                                   Ihr erlaubt.

Hzg. Nehmt guten Morgen, schön und fromme Tochter.

Isa. Der beste kommt von solchem heiligen Mann . . .
Hat der Regent den Bruder schon begnadigt?

Hzg. Er hat ihn, Tochter, von der Welt erlöst:
Sein Kopf ist ab und Angelo gesandt.

Isa. Nein, das kann doch nicht sein!

Hzg.                                                   Es ist nicht anders.
Zeigt eure Weisheit, Kind, in stillem Dulden.

Isa. Ich will zu ihm . . . reiss ihm die Augen aus.

Hzg. Ihr werdet nicht bis vor sein Antlitz kommen.

Isa. Unseliger Claudio! Ärmste Isabella!
Ruchlose Welt! Verdammter Angelo!

Hzg. Dies schmerzt ihn nicht und hilft euch keinen Deut.
Lasst davon ab und stellt es Gott anheim.
Merkt was ich sage, und ihr werdet es
In jeder Silbe lautre Wahrheit finden.
Der Fürst kehrt morgen heim. – Nein, trocknet eure Tränen! –
Ein Mann aus unsrem Kloster und sein Beichtiger
Gibt mir den Anhalt: Nachricht hat er schon
Gesandt an Escalus und Angelo,
Die sich bereiten ihn am Tor zu treffen
Zur Niederlegung ihrer Macht. Wenns geht, lenkt eure Weisheit
Den guten Weg worauf ich gern sie sähe:
Ihr habt dann euren Willen mit dem Wicht,
Des Herzogs Gnade, Rache für eur Herz
Und allgemeinen Ruhm.

Isa.                                         Seid ihr mein Lenker!

Hzg. Gebt also diesen Brief dem Bruder Peter:
Er ists der mir des Herzogs Rückkehr meldet.
Sagt, durch dies Zeichen bitt ich ihn heut nacht
Ins Haus Marianas. Ihren Fall und euren
Mach ich ihm ganz bekannt, und er bringt euch
Zum Herzog. Und dem Angelo ins Gesicht
Verklagt ihn fest drauf los . . . Mein armes Selbst –
Ich bin gebunden durch ein fromm Gelübd
Und bleibe fern. Geht weg mit diesem Brief,
Verbannt solch ätzend Nass mit leichtem Herzen
Aus eurem Aug. Traut meinem heiligen Orden,
Ich führe euch nicht irre . . . Wer ist da?

Lucio tritt auf

Luc. Guten Abend. Wo ist der Schliesser, Bruder?

Hzg. Nicht drinnen, Herr.

Luc. O hübsche Isabella, es macht mich bleich bis ins Herz, deine Augen so rot zu sehn. Du musst geduldig sein. Ich muss schon mittag- und nachtmahlen mit Wasser und Brot, ich wag nicht, um meines Kopfs willen, mir den Bauch zu füllen: eine üppige Mahlzeit würde mich so weit bringen. Aber es heisst, der Herzog wird morgen hier sein. Meiner Treu, Isabella, ich liebte deinen Bruder – wenn der alte närrische Herzog mit seinen dunkeln Winkeln zu Haus geblieben wäre, wär er am Leben. Isabella ab

Hzg. Herr, der Herzog ist euch merkwürdig wenig verbunden für eure Reden. Aber zum Glück lebt er nicht darin.

Luc. Bruder, du kennst den Herzog nicht so gut wie ich. Er ist ein bessrer Waidmann als du meinst.

Hzg. Gut, ihr werdet dafür eines Tages einstehen. Gehabt euch wohl.

Luc. Nein, warte. Ich geh mit. Ich kann dir hübsche Geschichten vom Herzog erzählen.

Hzg. Ihr habt mir schon zu viele Geschichten von ihm erzählt, wenn sie wahr sind . . . wenn unwahr, war gar keine schon genug.

Luc. Ich kam einmal vor ihn, weil ich ein Weib geschwängert hatte.

Hzg. Habt ihr so was gemacht?

Luc. Ja, freilich hab ichs gemacht. Aber ich musste die Sache abschwören: sie hätten mich sonst mit der faulen Mispel verheiratet.

Hzg. Herr, eure Gesellschaft ist mehr angenehm als ehrbar. Lassts euch gut gehn.

Luc. Meiner Treu, ich geh mit dir bis ans End der Gasse. Wenn unzüchtige Geschichten dich verletzen, so wollen wir dir nur ganz wenige vorsetzen. Ja, Mönch, ich bin eine Art Klette, ich bleibe hängen. Ab.

 

Vierte Szene

Zimmer in Angelos Haus: Angelo und Escalus

Esc. Jeder Brief den er schrieb widerrief den andern.

Ang. Auf ganz ungleiche und verworrne Weise. Seine Handlungen sehn sehr nach Wahnsinn aus. Gebe Gott dass seine Vernunft nicht getrübt ist. Und warum ihn am Tor empfangen und unsre Ämter dort niederlegen?

Esc. Ich errate es nicht.

Ang. Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug kundmachen dass jeder der Abhilfe für erlittenes Unrecht fordert sein Gesuch auf offner Strasse einreichen soll?

Esc. Er führt seinen Grund dafür an: um die Klagen schleunig zu erledigen und uns spätere Bezichtigungen zu ersparen, die dann nicht mehr gegen uns können geltend gemacht werden.

Ang. Gut, ich ersuche euch es kundzumachen.
Früh morgen hol ich euch in eurem Haus.
Weist solche Leute an von Ruf und Rang
Die ihn empfangen sollen.

Esc.                                           Gut. Lebt wohl. Ab.

Ang. Gut Nacht . . .
Die Tat entstellt mich ganz, macht mich unfähig
Und stumpf zu allem Wirken. Ein geschändet Mädchen –
Durch eine Staatsperson die wider solches
Das Recht verschärft! Wenn ihre zarte Scham
Bekennen wollte ihr verlornes Magdtum:
Sie könnte mich verschrein! Doch Klugheit heischt ihr Nein.
Denn solche Wucht von Ansehn hat mein Amt,
Dass Einzel-schmähung nie es treffen kann
Die nicht den Rufer stürzt. . . . Er mochte leben,
Wenn seine stürmische Jugend, drohenden Sinns,
Nicht künftig hätte Rache nehmen können
Für den Empfang entehrten Lebens, das er
So schmählich kaufte. Wär er doch am Leben!
Ach, wenns an Gnade einmal uns gebricht,
Geht nichts mehr recht: man will und will doch nicht. Ab.

 

Fünfte Szene

Feld vor der Stadt: Herzog und Bruder Peter

Hzg. Gib diesen Brief ab zu gelegner Zeit.
Der Schliesser weiss von unsrem Zweck und Plan . . .
Und ist das Ding in Gang, bleib bei der Weisung
Und halte dich im dir bestimmten Weg,
Wenn du auch jeweils lenkst von dem zu dem,
Wie es der Sache dient. Such Flavius auf
Und sag ihm wo ich weile. Gleiche Nachricht
Gib dem Valentius, Roland und dem Crassus
Und heiss ans Tor sie die Trompeten bringen.
Doch Flavius schick zuerst.

Pet. Es wird sogleich geschehn. Ab.

Varrius tritt auf

Hzg. Dank, Varrius . . . du hast dich brav geeilt.
Komm, lass uns auf und ab gehn. Weitre Freunde
Begrüssen gleich uns hier, mein lieber Varrius. Ab.

 

Sechste Szene

Strasse beim Stadttor: Isabella und Mariana

Isa. So hinterhältig sprechen fällt mir schwer,
Ich möchte wahr sein. Ihn so anzuklagen
Ist euer Teil, doch wies man mir es zu . . .
Er sagt, aus triftigem Grund.

Mar.                                             Folgt seinem Rat.

Isa. Auch sagt er mir, es möge, wenn vielleicht
Er wider mich und für den Gegner spreche,
Mich nicht befremden. Dieser Trank sei bitter
Zu süssem End.

Mar. Ich wollte, Bruder Peter –

Isa.                                             Still, der Bruder kommt.

Bruder Peter tritt auf

Pet. Kommt mit, ich fand euch eine gute Stelle –
Sie hat den Vorteil dass der Herzog nicht
An euch vorbei kann. Zweimal blies es schon . . .
Die Edelsten und Würdigsten der Stadt
Durchschritten schon das Tor, und gleich erfolgt
Des Herzogs Einzug. Also dorthin, fort! Ab.

 


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