William Shakespeare
Mass für Mass
William Shakespeare

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Zweiter Aufzug

Erste Szene

Eine Halle in Angelos Haus: Angelo, Escalus, ein Richter, Schliesser, Beamte

Ang. Wir dürfen nicht das Recht zum Popanz machen,
Raubvögeln hingestellt als Schreck, ihm lassen
Die gleiche Form, bis die Gewohnheit es
Zur Stange statt zur Scheuche macht.

Esc.                                                             Doch lasst uns
Nur lieber scharf sein und ein wenig schneiden
Als fällen und zermalmen. Ach, dieser Edelmann
Für den ich eintrat stammt aus bestem Haus.
Bedenke euer Gnaden –
Den ich für äusserst streng von Sitten halte –
Ob bei dem Drängen eurer eignen Wünsche,
Wenn Zeit mit Ort gestimmt und Ort mit Wille
Und die bereite Regung unsres Bluts
Euch hätt an eures Strebens Ziel geführt:
Ob ihr nicht hättet, einst in eurem Leben,
Gefehlt in dem weshalb ihr jetzt ihn richtet,
Und dem Gesetz verfallen wärt.

Ang. Es ist ein Ding: versucht sein, Escalus,
Ein andres: fallen. Ich bestreite nicht:
Am Tisch der auf des Sträflings Tod erkennt,
Von zwölf Geschwornen sind wohl ein, zwei Diebe,
Mehr schuld als der Verklagte. Was dem Recht kund wird
Das packt das Recht. Was wissen die Gesetze
Ob Diebe Diebe richten? 's ist ganz klar:
Zum Kleinod das man findet bückt man sich
Und nimmt es, weil mans sieht. Was man nicht sieht
Da tritt man drauf und niemals denkt man dran.
Ihr dürft nicht damit seinen Frevel mindern,
Dass ich im Gleichen fehlte. Lieber sagt mir:
Wenn ich der ihn verurteilt so verstosse,
Dann präge mir mein eigner Spruch den Tod,
Und niemand sei der Fürsprech! Er muss sterben.

Esc. Wie eure Weisheit will!

Ang.                                     Wo ist der Schliesser?

Schl. Hier, mit Verlaub.

Ang.                             Sieh zu dass Claudio
Um neun Uhr morgen früh gerichtet wird.
Bring ihm den Beichtiger, dass er sich bereite.
Dies ist das Ende seiner Pilgerschaft. Schliesser ab

Esc. Nun, Gott vergeb ihm und vergeb uns allen!
Der steigt durch Frevel, den macht Tugend fallen.
Der kommt vom Sünden-wald und büsst es nicht,
Den bringt ein einziger Fehltritt ins Gericht.

Elbogen mit Gerichtsdienern, Schaum und Pompejus treten auf

Elb. Kommt, bringt sie weg. Wenn das brave Leute im Gemeinwesen sind, die nichts tun als zur Unzucht in gemeinen Häusern herumziehn, dann versteh ich nichts vom Gesetz. Bringt sie weg.

Ang. Heda, Mann! Wie heisst ihr und was gibts?

Elb. Mit euer Gnaden Verlaub, ich bin des armen Herzogs Gerichtsdiener und heisse Elbogen: ich geh die Justiz an und bring hier euer lieben Gnaden zwei stadtkundige Benefikanten.

Ang. Benefikanten! Gut. Was sind es für Benefikanten? Sind es nicht Malefikanten?

Elb. Mit euer Gnaden Verlaub, ich weiss nicht recht was sie sind. Aber peinliche Spitzbuben sind sie, dess bin ich sicher, und aller Profanation in der Welt bar die braven Christen gebührt.

Esc. Das kommt gut heraus: ein weiser Gerichtsdiener!

Ang. Vorwärts! Was sind es für Leute? Elbogen heisst ihr? Warum sprecht ihr nicht, Elbogen?

Pom. Er kann nicht, Herr, der Ellbogen ist ihm gestopft.

Ang. Was seid ihr?

Elb. Der, Herr? Ein Zapfer, Herr, Dreiviertelskuppler, einer der einem schlechten Weib dient, dessen Haus, Herr, wie's heisst, in der Vorstadt eingerissen worden ist, und jetzt betreibt sie ein Schwitzhaus, welches, glaub ich, auch ein sehr schlimmes Haus ist.

Esc. Wie wisst ihr das?

Elb. Mein Weib, Herr, das, ich verrufe vor Gott und euer Gnaden –

Esc. Wie, euer Weib?

Elb. Ja, Herr, welches Gott sei Dank eine brave Frau ist.

Ang. Verruft ihr sie deswegen?

Elb. Ich sage, Herr, ich verrufe von mir aus grad so wie von ihr aus, dass dies Haus, wenns nicht ein Kuppelhaus ist, so soll sie nimmer leben, denn es ist ein Lumpenhaus.

Esc. Wieso wisst ihr das, Konstabler?

Elb. Nun, Herr, von meiner Frau: die wenn sie ein eingefleischtes Weib gewesen wäre, so hätte sie sich der Unzucht, des Ehebruchs und jeder sonstigen Schmutzerei schuldig gemacht.

Esc. Durch Vermittlung jenes Weibs?

Elb. Ja, Herr, durch Vermittlung der Frau Brenzelig: doch wie sie ihm ins Gesicht spuckte, da hat sies ihm gewiesen.

Pom. Herr, mit Verlaub von euer Gnaden, das stimmt nicht.

Elb. Beweis es vor diesem Gesinde hier, du ehrenhafter Mensch, beweis es.

Esc. zu Angelo: Hört ihr seine Verdrehungen?

Pom. Herr, sie kam hochschwanger und hatte ein Gelüst (mit Respekt vor euer Gnaden) nach gekochten Pflaumen. Herr, wir hatten nur zwei im Haus welche monumentan gewissermassen auf einem Fruchtteller standen, ein Teller etwa für drei Pfennige . . . euer Gnaden kennen solche Teller, es sind keine China-teller, aber doch sehr gute Teller.

Esc. Weiter, weiter! Was liegt an dem Teller?

Pom. Nein, wirklich, Herr, keine Stecknadel, da habt ihr ganz recht. Aber zur Sache! Wie gesagt, diese Frau Elbogen, die, wie gesagt, schwanger war und einen dicken Bauch hatte und ein Gelüst, wie gesagt, nach Pflaumen, und es waren nur zwei auf dem Teller, wie gesagt . . . Meister Schaum hier, grad der Mann da, hatte die andern gegessen, wie gesagt, und wie gesagt, ganz anständig dafür bezahlt . . . denn, wie ihr wisst, Meister Schaum, ich konnte euch keinen Dreier herausgeben.

Sch. Nein, allerdings.

Pom. Also gut, ihr habt da gerade, wenn ihr euch erinnert, die Kerne aufgeknackt von den besagten Pflaumen.

Sch. Ja, das tat ich allerdings.

Pom. Nun, also gut: ich erzählte euch grad, wenn ihr euch erinnert, dass der und der unheilbar krank wäre an der bewussten Sache, wenn sie nicht sehr gute Diät hielten, wie ich euch erzählte.

Sch. Das ist alles richtig.

Pom. Nun, also sehr gut.

Esc. Geht, ihr seid ein langweiliger Narr! Zur Sache! Was geschah mit Elbogens Weib, worüber er Grund zur Klage hat? Kommt mir auf das was ihr geschah.

Pom. Herr, euer Gnaden kann noch nicht drauf kommen.

Esc. Nein, ich habe auch gar nicht die Absicht.

Pom. Herr, und ihr sollt doch drauf kommen, mit euer Gnaden Erlaubnis. Und ich bitt euch, schaut euch den Meister Schaum hier an, Herr! ein Mann von achtzig Pfund im Jahr, sein Vater starb an Allerheiligen . . . Wars nicht Allerheiligen, Meister Schaum?

Sch. Allerheiligenabend.

Pom. Also gut: ich hoffe, hier gehts mit Wahrheit zu. Er, Herr, sass, wie gesagt, in einem Schemel-stuhl, Herr . . . es war in der Stube mit den Trauben, wo ihr doch so gerne sasst, nicht wahr?

Sch. Ja, weils ein offner Raum ist und gut für den Winter.

Pom. Nun, also sehr gut . . . ich hoffe, hier gehts mit Wahrheit zu.

Ang. Das überdauert eine Nacht in Russland,
Wenn Nächte dort am längsten sind. Ich lass euch
Und lass euch das Verhör in diesem Fall
Und hoff, ihr findet Grund sie all zu peitschen.

Esc. Das glaub ich. Euer Herrlichkeit guten Morgen! . . . Angelo ab Also weiter: was geschah mit Elbogens Weib, noch einmal?

Pom. Einmal, Herr? Es geschah nichts mit ihr einmal.

Elb. Ich bitte euch, Herr, fragt ihn was dieser Mann meinem Weib tat.

Pom. Ich bitte euer Gnaden, fragt mich.

Esc. Nun, Mann, was tat ihr dieser Herr?

Pom. Ich bitte euch, seht euch dieses Mannes Gesicht an . . . Guter Meister Schaum, schaut seine Gnaden an, es ist zu einem guten Zweck . . . Betrachten euer Gnaden sein Gesicht?

Esc. Ja, ganz gut.

Pom. Nein, ich bitte euch, betrachtets euch gut.

Esc. Ja, das tu ich.

Pom. Sehn euer Gnaden irgendein Arg in seinem Gesicht?

Esc. Nein.

Pom. Ich will auf eine Bibel niedergelegt werden: sein Gesicht ist noch das Schlimmste an ihm. Gut also: wenn sein Gesicht das Schlimmste an ihm ist, wie konnte Meister Schaum des Konstablers Weib was Arges antun? Das möchte ich von euer Gnaden erfahren.

Esc. Er hat recht. Konstabler, was sagt ihr dazu?

Elb. Zuerst, wenns euch beliebt, das Haus ist ein respektierliches Haus, sodann, der da ist ein respektierlicher Bursch, und dies Weib ist ein respektierliches Weib.

Pom. Bei dieser Hand, Herr, sein Weib ist eine respektiertere Person als irgendeiner von uns allen.

Elb. Gauner, du lügst: du lügst, schuftiger Gauner! Die Stunde müsste noch kommen, dass sie jemals respektiert war mit Mann, Weib oder Kind.

Pom. Herr, sie war respektiert mit ihm, eh er sie heiratete.

Esc. Wer ist hier die Gescheitere: Frau Justizia oder Luxuria? . . . Ist das wahr?

Elb. O du Hallunke! O du Gauner! O du schuftiger Hannibale! Ich mit ihr respektiert, eh ich sie heiratete? Wenn ich je respektiert war mit ihr oder sie mit mir, dann soll euer Herrlichkeit mich nicht für des armen Herzogs Gerichtsdiener halten. Beweis das, du schuftiger Hannibale, oder ich werde meine Tätlichkeitsklage gegen dich anhängen.

Esc. Wenn er euch eine Ohrfeige gegeben hätte, so könntet ihr auch wegen Verleumdung klagen.

Elb. Wirklich, ich danke euer Herrlichkeit dafür. Was ist euer Herrlichkeit Meinung dass ich mit diesem schuftigen Hallunken tun soll?

Esc. Wahrhaftig, Gerichtsdiener, zumal er einige Vergehen auf sich hat die ihr gern herausbrächtet, wenn ihr könntet, so lasst ihn in seinem Wandel fortfahren, bis ihr wisst welches sie sind.

Elb. Wirklich, ich danke euer Herrlichkeit dafür . . . Du siehst, du schuftiger Gauner, jetzt, was über dich kommt: du hast fortzufahren, du Gauner, du hast fortzufahren.

Esc. Wo seid ihr geboren, Freund?

Sch. Hier in Wien.

Esc. Habt ihr achtzig Pfund im Jahr?

Sch. Ja, wenns euch beliebt, Herr.

Esc. So . . . Welches Gewerbe treibt ihr?

Pom. Ein Zapfer, einer armen Witwe Zapfer.

Esc. Eurer Herrin Name?

Pom. Frau Brenzelig.

Esc. Hat sie mehr als einen Mann gehabt?

Pom. Neun, Herrn Brenzelig zuletzt.

Esc. Neun! Kommt her zu mir, Meister Schaum. Meister Schaum, ich wollte, ihr wärt nicht vertraut mit Zapfern, sie werden euch ausziehn, Meister Schaum, und ihr werdet sie aufhängen. Geht eures Wegs und lasst mich nichts mehr von euch hören.

Sch. Ich dank euer Gnaden. Was mich selbst angeht, so bin ich noch nie in ein Bierhaus gekommen, ohne dass es mich hereingezogen hätte.

Esc. Gut . . . Genug davon, Meister Schaum! Lebt wohl! Schaum ab. Kommt her zu mir, Meister Zapfer. Euer Name, Meister Zapfer?

Pom. Pompejus . . .

Esc. Wie noch?

Pom. Bux, Herr.

Esc. Meiner Treu, eure Buxen ist das Grösste an euch, und so seid ihr im ekligsten Sinn Pompejus der Grosse. Pompejus, ihr seid ein halber Kuppler, Pompejus, wenn ihrs auch damit bemäntelt dass ihr ein Zapfer seid. Nicht wahr? Kommt, sagt mir die Wahrheit: es wird besser für euch sein.

Pom. Wahrhaftig, Herr, ich bin ein armer Kerl der leben will.

Esc. Wie wollt ihr leben, Pompejus? Als Kuppler? Was haltet ihr von dem Gewerb? Ists ein rechtliches Gewerb?

Pom. Wenns das Recht erlaubte, Herr.

Esc. Doch das Recht erlaubt es nicht, Pompejus, und es soll auch in Wien nicht erlaubt sein.

Pom. Wollen euer Herrlichkeit alle jungen Leute der Stadt hammeln und gelten?

Esc. Nein, Pompejus.

Pom. Wahrhaftig, Herr, meiner armen Meinung nach machen sies dann. Wenn euer Gnaden Anstalt treffen will für die Schlumpen und die Kerle, braucht sie die Kuppler nicht zu fürchten.

Esc. Es sind hübsche Verfügungen in Aussicht, kann ich euch sagen: es gibt bloss Köpfen und Hängen.

Pom. Wenn ihr alle köpft und hängt die auf diese Art sündigen, auch nur zehn Jahre hintereinander, könnt ihr ruhig einen Erlass publizieren wegen weiterer Köpfe. Wenn dies Gesetz zehn Jahre in Wien herrscht, will ich das schönste Haus drin für einen Dreier den Stock mieten. Wenn ihrs erlebt dass es soweit kommt, denkt, Pompejus habs euch gesagt.

Esc. Danke, lieber Pompejus, und zum Dank für eure Weissagung vernehmt: ich rate euch, lasst euch nicht wieder vor mir betreffen, einerlei in was für einer Klage, auch nicht wegen eurer Wohnung. Dann, Pompejus, werd ich euch ins Lager zurückschlagen und euch ein schlimmer Caesar sein. Geradeheraus, Pompejus, ich werde euch peitschen lassen. So, für diesmal, Pompejus, lebt wohl.

Pom. Ich danke euer Gnaden für euren guten Rat . . . beiseit: aber ich werd ihn nach der bessern Verordnung des Fleisches und der Fügung befolgen.
Mich peitschen? Nein. Der Kärrner peitscht den Gaul.
Den wackern Handwerksmann peitscht man nicht faul. Ab.

Esc. Kommt her zu mir, Meister Elbogen, kommt her, Meister Konstabel. Wie lang habt ihr diesen Konstabelposten schon inne?

Elb. Siebenundeinhalb Jahr, Herr.

Esc. Mir schien nach eurer Geschicklichkeit im Dienst, ihr hättet ihn schon eine lange Zeit. Ihr sagt, sieben Jahre hintereinander?

Elb. Und ein halbes, Herr.

Esc. Ach, es hat euch grosse Müh gemacht. Man tut euch unrecht, euch so oft dazu anzuhalten. Gibts denn nicht Leute in eurem Bezirk die zu dem Dienste taugen?

Elb. Meiner Treu, wenige mit Verstand für dergleichen. Wenn man sie wählt, wählen sie lieber mich an ihrer Statt. Ich tus für ein Stück Geld und mache es für alle ab.

Esc. Bringt mir doch die Namen von sechs oder sieben der Tauglichsten in euerm Kirchspiel.

Elb. In euer Gnaden Haus, Herr?

Esc. In mein Haus. Lebt wohl. Elbogen ab
Was ist die Zeit?

Richter. Elf, Herr.

Esc. Ich bitte, kommt mit mir zum Essen.

Richter. Ich dank euch ergebenst.

Esc. Mir tut der Tod des armen Claudio leid.
Doch gibts kein Mittel.

Richter. Lord Angelo ist streng.

Esc.                                           Es ist nur nötig.
Die oft sich zeigt ist keine rechte Huld.
Verzeihn ist stets der Schoss für weitere Schuld.
Und doch, der arme Claudio . . . 's gibt kein Mittel.
Kommt, Herr. Ab.

 

Zweite Szene

Anderes Zimmer ebenda: Schliesser und Diener

Dien. Er hält grad ein Verhör. Er wird gleich kommen.
Ich meld euch.

Schl.                       Bitte, tut das. Diener ab Ich will wissen
Was er befiehlt. Vielleicht erweicht man ihn . . .
Ach, er hat nur gesündigt wie im Traum!
Dies Laster schmeckt aus jedem Stand und Alter –
Und er drum sterben!

Angelo tritt auf

Ang.                                 Nun, was gibt es, Schliesser?

Schl. Ists euer Wunsch dass Claudio morgen stirbt?

Ang. Sagt ich nicht ja? Habt ihr nicht den Befehl?
Was fragt ihr noch?

Schl.                               Dass ich nichts übereile.
Mit eurem Vorbehalt – ich hab erlebt
Dass das Gericht den Spruch nach dem Vollzug
Bereut hat.

Ang.                 Vorwärts! Überlasst das mir.
Tut eure Pflicht . . . Sonst geht aus eurem Amt,
Und man entbehrt euch leicht.

Schl.                                               Verzeihn eur Gnaden . . .
Was wird aus Julia die in Wehen liegt?
Sie hat bald ihre Stunde.

Ang.                                       Bringe sie
An einen passenderen Platz, und schnell!

Diener kommt zurück

Dien. Hier ist die Schwester des Verurteilten
Und bittet Einlass.

Ang.                             Hat er eine Schwester?

Schl. Ja, bester Herr . . . ein äusserst frommes Mädchen –
Sie tritt demnächst in eine Schwesterschaft,
Wenn sie es nicht schon tat.

Ang.                                             Gut, lasst sie vor . . .
Seht zu dass man die Buhlerin entfernt,
Gebt ihr die nötigen, doch nicht üppige Mittel.
Es wird dafür gesorgt.

Lucio und Isabella treten auf

Schl.                                   Gott schütz eur Gnaden!

Ang. Bleibt noch . . .
zu Isabella: ihr seid willkommen. Was verlangt ihr?

Isa. Ich bring ein trüb Gesuch vor euer Gnaden.
Mög euer Gnaden mich nur hören!

Ang. Gut, was ist eure Bitte?

Isa. Ein Laster dem mein grösster Abscheu gilt,
Dem ich den Schlag des Rechtes am meisten gönne –
Ich mag dafür nicht flehen, doch ich muss . . .
Ich muss dafür nicht flehen, doch ich steh
Im Krieg von Will und Will-nicht.

Ang.                                                   Gut, was ists?

Isa. Mein Bruder, der zum Tod verurteilt ist –
Ich bitt euch, lasst es seinen Fehler sein,
Nicht meinen Bruder!

Schl. zu Isabella:                 Gott leih euch Kraft zu rühren.

Ang. Tod für die Schuld, und nicht für ihren Täter!
Ei, jede Schuld verwirkt ihn, vor der Tat.
Mein wäre bloss ein Amt auf dem Papier,
Straft ich den Fehler der im Buch gestraft wird
Und liesse frei den Täter!

Isa. O billiges, doch gestrenges Recht!
So war ein Bruder mein . . . Gott schütz eur Gnaden!

Luc. zu Isa.: Gebts nicht so auf! Nochmals zu ihm, bestürmt ihn!
Kniet vor ihm nieder, hängt euch an sein Kleid!
Ihr seid zu kalt. Wenn ihr 'ne Nadel wünschtet,
Ihr könntet nicht mit lahmrer Zunge fordern.
Nochmals, zu ihm!

Isa. So muss er durchaus sterben?

Ang.                                                 Kind, es hilft nichts.

Isa. Gewiss, mir deucht, ihr dürftet ihm verzeihn,
Und weder Gott noch Menschen kränkt die Gnade.

Ang. Ich wills nicht tun.

Isa.                               Doch könnt ihr, wenn ihr wolltet?

Ang. Seht, das was ich nicht will das kann ich nicht.

Isa. Doch dürft ihrs ohne Schaden für die Welt,
War euer Herz gerührt von dem Erbarmen
Wie meins um ihn?

Ang.                               Er ist verurteilt, 's ist zu spät.

Luc. zu Isabella: Ihr seid zu kalt.

Isa. Zu spät? O nein! ich, die ein Wort gesprochen,
Kanns widerrufen. Glauben dürft ihr dies:
Kein Pomp der zu den Mächtigen gehört,
Nicht Königs Krone noch Verwesers Schwert,
Nicht Stab des Marschalls noch Talar des Richters
Bekleidet sie mit halb so herrlicher Huld
Wie Gnade tut.
Wärt ihr wie er gewesen, er wie ihr:
Ihr straucheltet gleich ihm. Doch er, gleich euch,
Er wäre nicht so starr.

Ang.                                   Ich bitte, geht.

Isa. Bei Gott, ich wollt, ich hätte eure Macht,
Und ihr wärt Isabella. Wärs dann so?
Dann zeigt ich was es heisse: Richter sein
Und was Gefangner.

Luc. zu Isabella: Das ist die Stelle! rührt ihn so!

Ang. Das Leben eures Bruders ist verwirkt,
Und ihr vergeudet eure Worte.

Isa.                                                   Weh mir!
Seht, alle Seelen waren einst verwirkt,
Und Er, dem erst es zustand vorzugehn,
Fand eine Hilfe aus. Wie ging' es euch,
Wenn Er, des Rechtes Gipfel, über euch
Recht spräche wie ihr seid. O daran denkt
Und Gnade atmet dann in eurem Mund
Wie bei dem ersten Menschen.

Ang.                                                   Fasst euch, Schöne!
Das Recht, nicht ich, verurteilt euren Bruder.
Wär er mein Vetter, Bruder, ja mein Sohn –
Es ging ihm also: morgen muss er sterben.

Isa. Morgen? O das ist hastig! Schont ihn! Schont ihn!
Er ist nicht reif zum Tod. Selbst Köche schlachten
Geflügel nur zur Zeit, und soll man Gott
Mit mindrer Rücksicht dienen als man sorgt
Fürs niedre Selbst? Lieb-lieber Herr, bedenkt euch –
Wer litt denn je den Tod um solche Schuld?
Es haben viele sie begangen.

Luc. zu Isabella:                               Brav!

Ang. Das Recht war noch nicht tot, obwohl es schlief.
Das Böse hätten viele nicht gewagt,
Wenn gleich der Erste der die Satzung brach
Gestraft ward für die Tat. Jetzt ist es wach,
Merkt sich was vorgeht, und wie ein Prophet
Sieht es in einem Spiegel künftige Schandtat –
Neu oder durch Erlassung neu gezeugt
Und so stets fort gebrütet und geboren –
Die nun kein Erbgefolge haben wird,
Nein, endet, eh sie lebt.

Isa.                                       Zeigt dennoch Mitleid!

Ang. Das zeig ich mehr, zeig ich Gerechtigkeit.
So heg ich Mitleid mit dem Unbekannten,
Der durch entschlüpfte Frevel nachher litte,
Und tu dem recht der, eine Schandtat büssend,
Zu keiner zweiten kommt. Lassts euch genügen.
Morgen stirbt euer Bruder. Gebt euch drein.

Isa. So müsst als Erster ihr dies Urteil fällen
Und er es leiden. O vorzüglich ist
Des Riesen Stärke haben, doch ist grausam
Sie nutzen wie ein Riese.

Luc. zu Isabella:                       Das ist brav.

Isa. Könnten Grosse donnern
Wie Zeus, Zeus selber hätte nimmer Ruh,
Denn jeder winzige, wacklige Beamte
Benutzte seinen Himmel zum Gedonner,
Nichts als Gedonner! Du, barmherziger Gott,
Mit deinem schwefligen und scharfen Keil,
Spellst eher unzerschneidbar knorrige Eichen
Als sanfte Myrten. Doch der stolze Mensch,
Geschmückt mit weniger, kurzer Obrigkeit,
Vergessend ganz was ihm ganz sicher ist –
Sein gläsern Dasein: wie ein zorniger Aff
Treibt solches närrische Spiel vorm hohen Himmel,
Dass Engel weinen, die – gelaunt wie wir –
Sich sterblich lachen würden.

Luc. zu Isabella: Nur zu, nur zu, mein Kind! Er gibt schon nach . . .
Ich merk, es kommt ihm.

Schl. für sich:                           Himmel, lass sie siegen!

Isa. Man kann den Nächsten nicht nach sich bemessen.
Der Grosse scherzt mit Heiligen: es heisst Geist
Bei ihm, beim Kleinen hässliche Entweihung.

Luc. zu Isabella: Du hast recht, Mädchen! Nur so weiter!

Isa. Was bei dem Feldherrn bloss ein rasches Wort
Ist beim Soldaten rohe Lästerung.

Luc. zu Isabella: Wo hast du das gelernt? Nur zu!

Ang. Was hältst du diese Sprüche mir entgegen?

Isa. Weil Obrigkeit, wenn sie auch irrt wie andre,
Doch eine Art von Arzenei enthält
Die Laster oben zuheilt. Haltet Einkehr!
Klopft dort, fragt euer Herz ob es nichts kennt
Gleich meines Bruders Sünde. Beichtet es
Solch fleischliches Verschulden wie das seine,
Lasst es kein Wort auf eure Zunge tönen
Von meines Bruders Tod.

Ang. beiseit:                             Sie spricht, und Sinn
Ist drin, der zeugt in meinem Sinn . . . laut: Lebt wohl!

Isa. Mein edler Herr, kehrt um.

Ang. Ich wills erwägen. Kommt noch einmal morgen.

Isa. Hört wie ich euch besteche! Herr, kehrt um!

Ang. Wie, mich bestechen?

Isa. Ja, mit Geschenken die Gott mit euch teile.

Luc. zu Isabella: Ihr hättets ganz verdorben ohne das.

Isa. Nicht mit armseligen Sekeln echten Golds
Noch Steinen reich bewertet oder arm
Je nach der Mode: nein, mit treuen Bitten
Empor zum Himmel, wo sie Einlass finden
Vor Sonnenaufgang, Bitten lautrer Seelen,
Fastender Mädchen die im Herzen tragen
Kein zeitlich Ding.

Ang.                             Wohlan, kommt morgen her.

Luc. zu Isabella: Nur zu . . . 's ist gut, geht weg.

Isa. Gott schütze euer Gnaden!

Ang. für sich:                               Amen!
Denn dieses Weges geh ich zur Versuchung –
Wo sich Gebete kreuzen.

Isa.                                           Um welche Stunde morgen
Empfängt mich euer Gnaden?

Ang.                                                 Irgendwann vor Mittag.

Isa. Gott schütze euer Gnaden. Alle ab ausser Angelo

Ang. Vor dir! und selbst vor deiner Tugend!
Was ist? Was ist? Ist sie schuld oder ich?
Wer sündigt: der Versucher? der Versuchte?
Ha!
Nicht sie! Und sie versucht nicht! Doch bin ichs,
Der bei dem Veilchen liegend in der Sonne,
So wie das Aas, nicht wie die Blume tut,
Verfault in der gedeihnden Luft. Kann sein
Dass Keuschheit unsre Sinne mehr verführt
Als Weibes Lockung? Fehlts an wüstem Land,
Dass es uns treibt das Heiligtum zu schleifen
Und unsre Greuel dort zu baun? O pfui, pfui!
Was tust du und was bist du, Angelo?
Begehrst du ihrer hässlich wegen dem
Was sie verschönt? Lass ihren Bruder leben!
Erlaubnis hat der Dieb zu seinem Raub,
Wenn selbst der Richter stiehlt. Wie, lieb ich sie,
Dass ich sie wieder reden hören möchte,
An ihrem Aug mich weiden? Wovon träum ich?
O listiger Feind, der du den Heiligen fängst
Mit Heiligen als Köder! Höchst gefährlich
Ist die Versuchung, wenn uns Tugend-liebe
Zur Sünde stachelt. Keine Hure könnte
Mit aller Doppelkraft, Natur und Kunst,
Mein Blut erregen: doch dies züchtige Mädchen
Bezwingt mich ganz. Bis heut, wenn ich erfuhr
Von Liebschaft, lächelt ich und staunt ich nur. Ab.

 

Dritte Szene

Raum im Gefängnis: der Herzog als Mönch verkleidet – der Schliesser

Hzg. Gott grüss euch, Schliesser . . . denn der seid ihr wohl.

Schl. Ich bin der Schliesser. Was begehrt ihr, Bruder.

Hzg. Kraft meiner Christenlieb und heiligen Regel
Komm ich hier ins Gefängnis zum Besuch
Betrübter Seelen. Nach gemeinem Brauch
Lasst mich sie sehn und wissen welcher Art
Sie sich vergangen, dass ich dementsprechend
Mich ihnen widmen kann.

Schl. Ich täte mehr, wenn mehr vonnöten wär.
    Julia tritt auf
Seht, ihrer eine kommt: ein Edelfräulein
Die in dem Sturm der eignen Jugend fiel
Und ihren Ruf befleckte. Sie ist schwanger,
Und ders getan des Tods . . . ein junger Mann,
Geschickter solchen Fehltritt zu erneun
Als drum zu sterben.

Hzg. Wann muss er sterben?

Schl.                                       Wie ich glaube, morgen.
Zu Julia: Ich hab für euch gesorgt. Verweilt ein wenig,
Dann wird man euch begleiten.

Hzg. Bereut ihr, Kind, die Sünde die euch drückt?

Jul. Ja, und die Schande trag ich voll Geduld.

Hzg. Ich lehr euch das Gewissen vorzufordern
Und eure Reu zu prüfen ob sie fest
Ob locker sitzt.

Jul.                         Ich werde willig lernen.

Hzg. Liebt ihr den Mann der euch verdarb?

Jul. Ich lieb ihn wie die Frau die ihn verdarb.

Hzg. So scheint es, eure höchst verworfne Tat
War beiderseits gewollt?

Jul.                                         Ja, beiderseits.

Hzg. Dann habt ihr eine schwerere Schuld als er.

Jul. Ja, ich bekenn es und bereu es, Vater.

Hzg. 's ist recht so, Tochter. Doch bereuet nicht,
Sofern die Sünde euch die Schmach gebracht.
Dies Leid gilt stets uns selber und nicht Gott,
Zeigt dass wir Gottes achten nicht aus Liebe,
Nur weil wir fürchten.

Jul. Ich hege Reue, weil es unrecht ist,
Und trage froh die Schande.

Hzg.                                             Bleibt dabei!
Eur Partner, höre ich, muss morgen sterben.
Ich gehe hin zu seiner Unterweisung.
Gnade sei mit euch! Benedicite! Ab.

Jul. Muss morgen sterben! O verruchte Liebe
Die mir ein Leben fristet dessen Trost
Nichts ist als sterbend Grauen.

Schl.                                                 Schad um ihn. Ab.

 

Vierte Szene

Zimmer in Angelos Haus: Angelo

Ang. Sobald ich bet und denke, denk und bet ich
In Zwiespalt. Gott empfängt mein hohles Wort,
Indes mein Trachten, nicht die Zunge hörend,
In Isabella ankert. Gott im Mund,
Als ob ich einzig seinen Namen kaute,
Und in dem Herzen meines Planens stark
Und schwellend Gift. Der Staat, für den ich sann,
Ist wie ein gutes Werk, zu oft gelesen,
Zum Graus und Ekel worden. Ja, mein Amt,
Worauf ich stolz bin (dass mich keiner höre!)
Gab ich mit in den Kauf für leeren Flaum
Der ziellos treibt im Wind. O Rang! o Form!
Wie oft mit deiner Hülse, deinem Kleid
Erzwingst du Scheu von Narren, schnürst die Klügern
An deinen falschen Schein! Blut, du bist Blut.
Schreibt »guter Engel« hin auf Teufels Horn,
Es wird nicht Teufels Wahlspruch.
    Ein Diener tritt auf
Was ist? Wer kommt?

Dien.                                   Die Schwester Isabella
Bittet um Vorlassung.

Ang.                                   Zeig ihr den Weg.
O Himmel!
Was sammelt sich mein Blut so um mein Herz,
Macht es zugleich unfähig seiner selbst
Und nimmt all meinen andren Gliedern weg
Das nötige Geschick.
So machts der törige Schwarm, wenn Einem schwindelt –
Ringsum springt man ihm bei und sperrt die Luft
Die ihn beleben sollte . . . so verlässt
Das Volk, das dem verehrten König huldigt,
Den eignen Platz und in beflissnem Schwärmen
Drängt es in seine Näh, dass täppische Liebe
Verstoss erscheinen muss.
    Isabella tritt auf
                                            Nun, schönes Kind?

Isa. Ich komm, um euern Wunsch zu hören.

Ang. Dass ihr ihn wüsstet, wäre mir willkommner
Als dass ihr fragt. Eur Bruder darf nicht leben.

Isa. Nun gut! Gott schütze euer Gnaden!

Ang. Noch etwas mag er leben – und, mag sein,
So lang wie ihr, wie ich: er muss doch sterben.

Isa. Durch euren Spruch?

Ang. Ja.

Isa. Wann? – bitt ich euch. Damit in seiner Frist,
Lang oder kurz, er so bereitet sei,
Dass er nicht siecht an seiner Seele.

Ang. Ah, pfui dies schmutzige Laster! Grad so gut
Wärs zu verzeihn dem der ein fertig Wesen
Der Schöpfung stahl, als einem nachzusehn
Die lose Lust die mit verbotnen Stempeln
Das Abbild Gottes prägt. Es ist nichts Leichtres
Ein wahres Leben falscherweis zu rauben,
Als auf verwehrten Weg den Guss zu leiten
Zur Schaffung eines falschen.

Isa. Das steht im Himmel so, doch nicht auf Erden.

Ang. Sagt ihr das? Nun, ich werde schnell euch dämpfen:
Was zögt ihr vor: ein höchst gerecht Gesetz
Nimmt eures Bruders Leben – ihr, zur Lösung,
Gebt euren Leib solch süssem Makel preis
Wie sie die er befleckt?

Isa.                                       Herr, glaubt mir das:
Eh gäb ich meinen Leib als meine Seele.

Ang. Von Seele red ich nicht. Erzwungene Sünden
Sind nur gezählt und nicht gerechnet.

Isa.                                                             Wie?

Ang. Nein, das vertret ich nicht. Ich kann bestreiten
Was ich gesagt. Antwortet mir auf das:
Ich, jetzt die Stimme des geschriebnen Rechts,
Erkenne gegen eures Bruders Leben.
Kann gutes Werk nicht in der Sünde sein
Die dieses Leben rettet?

Isa.                                         Tut ihr das:
Ich nehme die Gefahr auf meine Seele,
Gar keine Sünde ists, nur gutes Werk.

Ang. Tut ihr das, mit Gefahr für eure Seele,
Ist gleich gewogen Sünd und gutes Werk.

Isa. Wenn um sein Leben bitten Sünde ist,
Gott, lass michs tragen! Dass ihr mir willfahrt –
Wenn dieses Sünd ist, sei mein Frühgebet
Dass es zu meiner Schuld gerechnet werde
Und ihr dafür nicht büsst!

Ang.                                         Nein, hört mich doch!
Ihr geht nicht auf mich ein. Seid ihr nicht blöd,
Dann scheint ihr klüglich so: das ist nicht gut.

Isa. So lasst mich blöd sein und bloss darin gut
Dass ich ergeben weiss, ich bin nicht besser.

Ang. So wünscht die Weisheit möglichst hell zu scheinen,
Wenn sie sich selber rügt: wie schwarze Masken
Verschanzte Schönheit zehnmal lauter preisen
Als die entblösste Schönheit kann. Doch merkt!
Dass man mich deutlich fasse, red ich derber:
Eur Bruder steht vorm Tod.

Isa. Wohl.

Ang. Und sein Vergehn ist derart dass es klar
Sich laut Gesetz mit dieser Strafe deckt.

Isa. Wahr.

Ang. Nehmt an, es sei kein Weg um ihn zu retten –
Zwar bürg ich nicht für den noch einen sonst –
Als dass, im Fall der Not, ihr, seine Schwester,
Euch selbst umworben säht von einem Mann
Dess Gunst beim Richter oder eigner Rang
Den Bruder reissen könnte aus den Fesseln
Allgründigen Gesetzes, und es gäb
Zu seinem Heil kein irdisch Mittel: ausser
Dass ihr den Schatz erstattet eures Leibs
An den Besagten . . . oder er muss leiden . . .
Was tätet ihr?

Isa. Soviel dem armen Bruder wie mir selbst!
Das heisst: wär ich im Fall des Tods, ich trüge
Der scharfen Geissel Male wie Rubinen,
Entkleidete zum Tod mich wie zum Bett
Nach dem ich krank gelechzt, eh ich den Leib
Der Schande böte.

Ang.                             Dann muss eur Bruder sterben.

Isa. Es wär der billigere Kauf.
Besser, der Bruder stirbt ein einzigmal,
Als dass die Schwester, um ihn zu befrein,
Für immer sterbe.

Ang. Wärt ihr dann nicht so grausam wie der Spruch
Den ihr so schmähtet.

Isa. Schmach im Erkauf und freie Gnade
Sind von verschiednem Haus. Gesetzlich Mitleid
Ist mit abscheulicher Lösung nicht verwandt.

Ang. Ihr nanntet eben doch das Recht Tyrann
Und saht in eures Bruders Fehltritt fast
Mehr Spiel als Laster.

Isa. Vergebt mir, o mein Herr! Oft kommt es vor
Dass wer was will nicht redet was er meint.
Ich mildere ein wenig was ich hasse
Zum Vorteil dessen den ich herzlich liebe.

Ang. Wir all sind schwach.

Isa.                                     Mag denn mein Bruder sterben,
Wenn kein Genosse ausser ihm allein
Von deiner Schwäche hat und erbt!

Ang. Nun, Frauen auch sind schwach.

Isa. Ja, wie die Spiegel drin sie sich beschaun,
So leicht zerbrechend wie sie Bilder geben.
Die Frauen! Himmel! sein Geschöpf beschmutzt
Der Mann, da er sie nützt. Ja, nennt uns zehnmal schwach,
Denn wir sind weich wie unsre Haut, empfänglich
Für falschen Eindruck.

Ang.                                   Gerne glaub ich das,
Und auf dies eigne Zeugnis des Geschlechts –
Denn stärker, dünkt mir, sollen wir nicht sein
Als Fehler an uns rütteln – red ich frei:
Ich nehme euch beim Wort. Seid was ihr seid,
Das heisst, ein Weib. Seid mehr, so seid ihr keins.
Wenn ihr eins seid – wie ihr es wohl bezeugt
Durch jedes äussre Merkmal – zeigt es jetzt
Und kleidet euch in die beschiedne Tracht.

Isa. Ich hab nur eine Zunge, edler Herr:
Lasst euch erflehn und führt die frühre Sprache!

Ang. Begreift es klar: ich lieb euch.

Isa. Mein Bruder liebte Julia, und ihr sagt mir
Dass er drum sterben muss.

Ang. Nein, Isabella, nicht, wenn ihr mich liebt.

Isa. Ich weiss es, eurer Tugend steht die Kühnheit –
Sie scheint ein wenig schnöder als sie ist
Die andren zu versuchen.

Ang.                                         Traut mir, bei meiner Ehre,
Mein Wort zeigt meine Absicht.

Isa. Ah! Kleine Ehre um ihr viel zu traun
Und niederträchtige Absicht! Täuschung! Täuschung!
Ich mach dich ruchbar, Angelo! Sieh zu!
Schreib mir sofort Begnadigung für den Bruder,
Sonst ruf ichs in die Welt aus vollem Hals
Was für ein Mensch du bist.

Ang.                                             Wer wird euch glauben, Isabella
Mein lautrer Ruf, die Strenge meines Lebens,
Mein Zeugnis wider euch, mein Rang im Staat
Wird die Bezichtigung so überwiegen,
Dass ihr erstickt in eurem eignen Wort
Und der Verleumdung Dunst. Ich fing es an
Und jetzt entzügl ich meiner Sinne Drang.
Zeigt euch willfährig meiner heissen Lust.
Lasst all die Sprödigkeit und müssige Röte,
Die was sie heischt verbannt. Befreit den Bruder
Und bietet euren Körper meinem Wunsch:
Sonst muss er nicht allein des Todes sterben,
Nein, eure Härte dehne seinen Tod
In qualvoll Schmachten. Gebt mir morgen Antwort,
Sonst, beim Gefühl das jetzt mich ganz beherrscht,
Werd ich an ihm zum Unmensch! Und ihr – sprecht
Soviel ihr mögt! mein Falsch bricht euer Recht. Ab.

Isa. Wem soll ich klagen? Wenn ich dies erzählte,
Wer glaubte mir? O fürchterlicher Mund,
Der eine und dieselbe Zunge trägt
So zur Verwerfung wie zur Billigung!
Der seinem Wunsch das Recht sich bücken heisst
Und Gut und Bös an die Begierde hakt,
Zu folgen wie sie schleppt! Ich will zum Bruder.
Wenn er auch fiel durch Eingebung des Bluts,
Wohnt doch in ihm ein solcher Geist der Ehre –
Hätt er auch zwanzig Köpfe hinzulegen
Auf zwanzig blutige Blöcke, gäb er sie,
Eh seine Schwester ihren Leib hinwirft
Solch grässlicher Befleckung.
Stirb, Bruder! Isabella, bleibe rein!
Mehr als der Bruder muss die Reinheit sein!
Doch sprech ich ihm von Angelos Befehle,
Stärk ihm den Sinn zum Tod fürs Heil der Seele. Ab.

 


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