William Shakespeare
Mass für Mass
William Shakespeare

 << zurück weiter >> 

Erster Aufzug

Erste Szene

Ein Zimmer im Schlosse des Herzogs: Herzog, Escalus, Herren, Gefolge

Hzg. Escalus!

Esc. Herr . . .

Hzg. Aufs Wesen der Regierung einzugehn
Erschien' an mir wie Hang zu Spruch und Rede,
Zumal ich wissen darf dass eure Einsicht
Hierin die Schranken jedes Rates sprengt
Den meine Kraft euch geben kann. So fehlt
Nur dies zu eurer Fertigkeit . . . Geste (denn fähig seid ihr)
Und dass ihrs wirken lasst. Art unsres Volks,
Verfassung unsres Staates und Gesetze
Gemeinen Rechtes sind euch so vertraut
Wie Kunst und Übung irgendwen erhöht
Dess wir gedenken. Hier ist unsre Vollmacht,
Von der ihr nichts abbiegen sollt. Ruft her –
Ich mein, entbietet zu uns Angelo. Diener ab
Wie glaubt ihr dass ihm unsre Form wird stehn?
Denn wisst, wir haben ihn besondren Sinns
Erwählt, uns zu ersetzen, ihn belehnt
Mit unsrem Dräun, umhängt mit unsrer Huld,
Geschenkt ihm als Verweser alle Mittel
Zu unsrer eignen Macht. Wie dünkt euch das?

Esc. Wenn irgendwer in Wien es würdig ist
Solch weite Gunst und Ehre zu empfahn,
Ist es Lord Angelo.

Hzg.                               Sieh da, er kommt.

Angelo tritt auf

Ang. Stets euer Hoheit Willen Untertan,
Komm ich zu euren Diensten.

Hzg. Angelo,
In deinem Leben gibt es gleichsam Zeichen
Die vor dem Aufmerksamen dein Geschick
Genau enthüllen. Du und deine Tugend
Gehören dir nicht ganz bis zum Verbrauch
Der Kraft durch dich, und deiner selbst durch sie.
Gott tut mit uns wie wir mit Fackeln tun:
Sie leuchten nicht für sich. Wenn unsre Tugend
Nicht aus uns tritt, dann ist es grad so gut
Als hätten wir sie nicht. Kein Geist schwingt schön
Als schöner Wirkung halb . . . und nie verleiht
Natur den kleinsten Skrupel ihres Werts,
Dass sie – haushältige Göttin – nicht sich selbst
Die Ehre eines Gläubigers ausbedänge,
So Dank als Zins. Doch wende ich mein Wort
An den der lehren kann wie man mich spielt.
Sieh also, Angelo:
Bei unsrem Weggang sei du ganz wir selbst . . .
Bestrafung und Begnadung leb in Wien
In deinem Mund und Herz. Alt Escalus,
Zwar erster in Betracht, ist dein Gehilfe . . .
Nimm deine Vollmacht.

Ang.                                     Doch mein gütiger Herr,
Stellt stärkre Proben an mit meinem Erz,
Bevor solch edles und solch grosses Bild
Darauf geprägt wird.

Hzg.                                 Keine Ausflucht mehr!
Wir sind nach reifer und gewiegter Wahl
Zu euch geschritten. Nehmt drum eure Würden.
Der Abfahrt Eile ist so schleuniger Art,
Dass sie sich selbst vorzieht und offen lässt
Dringend gewichtige Sachen. Wir schreiben euch,
Wenn uns die Zeit und unser Absehn mahnen,
Wie's mit uns steht, und warten auf Bericht
Was vorfällt bei euch hier. So fahrt denn wohl!
Ich lasse euch zu glücklichem Vollzug
Unsrer Befehle.

Ang.                         Doch verstattet, Herr,
Dass wir euch ein Stück Wegs begleiten mögen.

Hzg. Die Eile lässts nicht zu . . .
Auch müsst ihr, mir zu Ehren, euch mit Skrupeln
Gar nicht bemühn. Ihr seid befugt wie ich
Zu schärfen und zu mildern das Gesetz
Wie's gut dünkt eurem Sinn. Gebt mir die Hand.
Ich gehe heimlich weg. Ich lieb das Volk,
Doch nicht agier ich gern vor seinen Augen.
Tut es auch recht, so mundet mir nicht recht
Sein lauter Beifall und sein tosend Hoch.
Auch trau ich dem kein sichres Urteil zu
Dem dies behagt . . . Nochmals, gehabt euch wohl.

Ang. Der Himmel sende euren Plänen Heil –

Esc. Leit euch hinaus und bring euch heim in Glück!

Hzg. Dank euch! gehabt euch wohl! Ab.

Esc. Lasst euch ersuchen, Herr, mir zu gestatten
Ein frei Gespräch mit euch . . . und mir kommt zu
Bis auf den Boden meines Amts zu sehn.
Gewalt ist mein, doch welcher Kraft und Art
Bin ich noch nicht berichtet.

Ang. So gehts auch mir. Zieht euch mit mir zurück,
Dann mögen wir alsbald befriedigt werden
Betreffs des Punktes . . .

Esc.                                       Ich erwart eur Gnaden! Ab.

 

Zweite Szene

Straße: Lucio und zwei Edelleute

Luc. Wenn der Herzog, nebst den andren Herzögen, sich nicht verträgt mit dem König von Ungarn, nun, dann überfallen all die Herzöge den König.

1. Edelm. Gott schenk uns seinen Frieden, aber nicht den des Königs von Ungarn.

2. Edelm. Amen.

Luc. Du schliesst wie der gottselige Seeräuber der an Bord ging mit den zehn Geboten – nur eins kratzte er von der Tafel.

2. Edelm. »Du sollst nicht stehlen«?

Luc. Ja, das schabte er weg.

1. Edelm. Freilich, das war ein Gebot um den Kapitän und die andern aus ihrem Beruf zu gebieten. Sie zogen aus um zu stehlen. Es ist kein Soldat unter uns dem beim Tischgebet die Bitte schmeckte die um Frieden fleht.

2. Edelm. Ich hörte noch keinen Soldaten sie schelten.

Luc. Ich glaub dir: du warst ja wohl noch nie dabei wo man Gratias sagte.

2. Edelm. Ich? ein dutzendmal mindestens.

1.Edelm. Was? im Takt?

Luc. Auf jedem Fuss und in allen Zungen.

1. Edelm. Ich glaub, auch in jeder Religion.

Luc. Nun, warum nicht? Gratias ist Gratias, allem Gezänk zum Trotz . . . wie du zum Beispiel ein arger Schuft bist, aller Gnade zum Trotz.

1. Edelm. Nun, wir sind aus gleichem Stoff geschnitten.

Luc. Mag sein . . . der Schnitt ging zwischen Saum und Sammt: du bist der Saum.

1. Edelm. Und du der Sammt . . . du bist guter Sammt. Du bist dreihaariger Sammt, verlass dich drauf. Mir wärs lieber der Saum von englischer Leinwand, als haarig zu sein wie du haarig bist – als französischer Sammt. Spürst du meinen Stich?

Luc. Ich glaube schon dass dichs sehr schmerzhaft sticht. Ich werde nach deinem Bekenntnis deine Gesundheit ausbringen, aber mein Lebtag vergessen nach dir zu trinken.

1. Edelm. Da hab ich mich wohl selbst gekränkt, nicht wahr?

2. Edelm. Ja, das hast du, ob du nun krank bist oder frei.

Luc. Sieh da, sieh da, hier kommt Frau Abkühler! Ich hab mir soviel Übel unter ihrem Dach geholt, die kosten mich –

2. Edelm. Bitte, was?

Luc. Rate!

2. Edelm. Eine Unsumme Quecksilber.

1. Edelm. Ja, und obendrein –

Luc. Ein französisches Kopfstück.

1. Edelm. Du bildest dir immer Übel bei mir ein. Doch du steckst im Irrtum: ich bin gesund bis auf die Knochen!

Luc. Ja, das kann man sagen: bis auf die Knochen! denn deine Knochen sind hohl: Sünde hat sie angefressen.

Frau Brenzelig tritt auf

1. Edelm. Holla, welche von euren Hüften hat denn jetzt das gründlichste Reissen?

Bren. Schon gut . . . Da hat man einen festgenommen und eingesperrt, der war fünftausend von euch zusammen wert.

2. Edelm. Wer denn, ich bitt euch?

Bren. Ei, Claudio, Signor Claudio.

1. Edelm. Claudio eingesperrt? Unmöglich!

Bren. Doch, ich weiss es sicher. Ich sah ihn festgenommen und abgeführt, und das Schlimmste, er soll in drei Tagen geköpft werden.

Luc. Nein, allen Spass beiseit . . . das war mir nicht lieb. Bist dus gewiss?

Bren. Ich bins nur zu gewiss. Und es geschieht, weil er Fräulein Julie ein Kind gemacht hat.

Luc. Glaubt mir, das kann sein. Er versprach mich vor zwei Stunden zu treffen und seine Versprechen hielt er immer pünktlich.

2. Edelm. Ausserdem, wisst ihr, passt es gut zu dem Gespräch das wir über dergleichen Sachen hatten.

1. Edelm. Doch am allermeisten stimmt es zu dem Erlass.

Luc. Fort! wir wollen die Wahrheit darüber erfahren. Lucio und Edelleute ab

Bren. So, teils vom Krieg, teils vom Schwitzen, teils vom Galgen und teils vom Elend, geht meine Kundschaft ein.
    Pompejus tritt auf
Nun, was bringt ihr Neues?

Pom. Der dort wird eingesperrt.

Bren. Ja, was hat er gehabt?

Pom. Eine Frauensperson.

Bren. Doch was ist sein Vergehn?

Pom. Forellen fischen im verbotenen Bach.

Bren. Was, hat er mit einem Mädchen ein Kind gemacht?

Pom. Nein, aber er hat aus einem Mädchen ein Weib gemacht . . . Habt ihr denn nicht von dem Erlass gehört?

Bren. Was für ein Erlass, Mann?

Pom. Alle Häuser in den Vororten von Wien müssen niedergerissen werden.

Bren. Und was soll aus denen in der Stadt werden?

Pom. Die bleiben stehen zur Saat. Man hätte sie auch niedergelegt, aber ein weiser Bürger trat für sie ein.

Bren. Aber sollen denn all unsre Gasthäuser in den Vororten geschleift werden?

Pom. Bis auf den Grund, Frau.

Bren. Wahrhaftig, das ist eine Veränderung im Staat! Was soll aus mir werden?

Pom. Kommt, habt ihr keine Angst: guten Anwälten fehlts nicht an Kunden. Ändert ihr auch den Platz, so braucht ihr doch das Gewerb nicht zu ändern. Ich bleib immer eurer Zapfer. Mut! Man wird Mitleid mit euch haben. Ihr habt eure Augen im Dienst fast verbraucht: man wird ein Einsehn mit euch haben.

Bren. Was soll man da tun, Zapfer Thomas? Gehn wir beiseite.

Pom. Da kommt Signor Claudio . . . der Schliesser führt ihn ins Gefängnis, und da ist auch Fräulein Julia. Ab.

Schliesser, Claudio, Julia und Gerichtsdiener treten auf

Clau. Bursch, warum zeigst du mich so vor der Welt?
Bring mich zum Kerker den man mir bestimmt!

Schl. Ich tu das nicht aus feindlicher Gesinnung,
Nur auf Lord Angelos besondren Willen.

Clau. So kann uns denn der Halbgott Obrigkeit
Für Sünde zahlen lassen nach Ermessen
Des Himmels Worte »Wen ich wähl den wähl ich . . .
Wen nicht, den nicht«. Doch immer ists gerecht.

Lucio und die beiden Edelleute kommen zurück

Luc. Ei, sieh da, Claudio? Woher diese Haft?

Clau. Von zuviel Freiheit, lieber Lucio, Freiheit:
Wie Völlerei zur Mutter vielen Fastens,
Wird jede Lockrung durch unmässigen Brauch
In Haft verwandelt. Unser Fleisch erstrebt –
Wie Ratten sich ihr eignes Gift ergattern –
Ein durstig Übel . . . und wer trinkt der stirbt.

Luc. Wenn ich bei der Festnahme so weise reden könnte, so würd ich einige von meinen Gläubigern holen lassen. Und doch, offen gestanden, mir war das Narrentum der Freiheit grad so lieb als die Sittlichkeit der Gefängnis. Was hast du begangen, Claudio?

Clau. Es nur zu sagen wär ein neu Vergehn.

Luc. Wie, ist es Mord?

Clau. Nein . . .

Luc. Buhlerei?

Clau. Nenn es so.

Schl. Fort, Herr, ihr müsst gehn.

Clau. Ein Wort, mein Freund! . . . Lucio, ein Wort mit euch!

Luc. Einhundert, wenn sie euch was Gutes tun! . . .
Wird Buhlerei so überwacht?

Clau. So stehts mit mir: Nach ehrlichem Verspruch
Erlangte ich Besitz von Julias Bett.
Ihr kennt die Dame. Sie ist ganz mein Weib,
Nur dass wir noch der Kundmachung entbehren
Und äussrer Form. Wir kamen dazu nicht
Bloss der Vermehrung einer Mitgift halb,
Die noch zurückblieb im Verschluss der Ihren –
Vor diesen wollten wir den Bund verhehlen,
Bis Zeit sie für uns stimmte. Leider stehn
Die Schliche unsres höchst vertrauten Umgangs
Auf Julien in allzu dicker Schrift.

Luc. Schwanger etwa?

Clau.                             Zum Unglück eben das.
Und jetzt, des Herzogs neuer Stellvertreter,
Mag es der Neuheit Schuld und Blendung sein . . .
Mag sein, das öffentliche Wesen ist
Ein Pferd auf welchem der Gebieter reitet,
Der – neu im Sitz – damit es gleich erfahre,
Er sei der Herr, die Sporen fühlen lässt . . .
Mag sein, die Härte liegt in seinem Platz,
Vielleicht in dessen Grossheit der ihn füllt –
Ich schwanke noch: doch dieser neue Herr
Erweckt mir all die eingerollten Strafen
Die gleich verstaubter Rüstung abseits hingen
Solang, dass neunzehn Tierkreis-läufe durch
Nicht eine angewandt ward . . . und um Ruhm
Passt er den schläfrigen verlassnen Akt
Nun frisch auf mich . . . es ist gewiss um Ruhm.

Luc. Ich bürge dir, so ists . . . und dein Kopf steht so wacklig auf deinen Schultern, dass ein Milchmädchen, wenn es verliebt ist, ihn wegseufzen kann. Sende zum Herzog und appelliere an ihn.

Clau. Das tat ich schon, doch ist er nicht zu finden.
Tu bitte, Lucio, mir den Liebesdienst:
Heut sollte meine Schwester in das Kloster,
Um ihre Probezeit dort anzutreten.
Mach sie bekannt mit meiner drohenden Lage,
Dräng sie, von mir aus, dass sie Freunde schafft
Beim strengen Amtmann, ja ihn selbst bestürmt.
Ich hoffe viel davon: in ihrer Jugend
Liegt eine dringlich lautelose Sprache
Die rührt . . . auch hat sie die erwünschte Kunst,
Wenn sie mit Wort und Gründen wirken will,
Und überredet gut.

Luc. Ich bete darum . . . sowohl um Ähnliche zu ermutigen, die sonst unter schweren Belastungen ständen, als damit du dich deines Lebens freust, das mir leid täte, wenn es so albern bei einer Partie Tricktrack verloren ginge. Ich will zu ihr.

Clau. Ich dank dir, mein Freund Lucio.

Luc. In zwei Stunden.

Clau. Kommt, Schliesser, fort! Ab.

 

Dritte Szene

Ein Kloster: der Herzog und Bruder Thomas

Hzg. Nein, frommer Vater! Fort mit dem Gedanken!
Glaubt nicht, das schlotternde Geschoss der Liebe
Durchdring ein tüchtig Herz. Dass ich euch bat
Um stille Unterkunft hat einen Grund
Gestreng und faltig wie kein Wunsch und Zweck
Der glühenden Jugend.

Tho.                                     Darfs euer Hoheit sagen?

Hzg. Mein frommer Bruder, keiner weiss wie ihr
Wie sehr ich stets ein Leben abseits liebte
Und wenig schätzte den Besuch von Festen
Wo Jugend, Pomp und ödes Prahlen herrscht.
Ich übertrug auf den Lord Angelo –
Ein Mann von Festigkeit und strenger Sitte –
Mein volles Herrschertum und Amt in Wien,
Und er vermutet mich verreist nach Polen.
Denn das hab ich dem Volk ins Ohr gesät
Und das nimmt man auch an. Nun, frommer Freund,
Wollt ihr mich fragen was mich dazu treibt?

Tho. Gerne, mein Fürst.

Hzg. Wir haben strenge Tafeln, schärfste Sätze
(Notwendiger Zaum und Trense störrischer Pferde)
Die liessen wir seit vierzehn Jahren ruhn . . .
Wie in der Höhl ein eingesponnener Leu
Der nicht auf Raub geht. Ja, wie weiche Väter
Nur binden das bedrohende Birkenreis,
Damit es hängt vor ihrer Kinder Blick
Zum Schreck, nicht zum Gebrauch – bald wird die Rute
Verspottet statt gescheut: so sind Beschlüsse,
Wenn tot für Strafe, für sich selber tot,
Und Frechheit zupft die Richter an der Nase . . .
Das Bübchen schlägt die Amme, und ganz quer
Geht alle Würde.

Tho.                           Es stand bei euer Gnaden
Nach Wunsch zu lösen dies gebundne Recht,
Es hätt an euch gewaltiger gewirkt
Als an Lord Angelo.

Hzg.                               Zu gewaltig, fürcht ich.
Da meine Schuld den Leuten Spielraum liess,
War mein die Härte, schlug und quält ich sie
Für was ich tun hiess. Denn man heisst dies tun,
Wenn üble Taten freien Durchgang haben,
Und nicht die Strafe. Eben drum, mein Vater,
Hab ich dies Amt auf Angelo gelegt:
Der greife durch, gedeckt von meinem Namen,
Und lasse als Person mich aus dem Kampf –
Was Schmähung nach sich zöge. Und sein Walten
Zu schaun, will ich als Bruder eures Ordens
So Fürst als Volk besuchen. Deshalb bitte,
Verseht mich mit der Tracht und lehret mich
Wie ich im Äussern mich betrage
Als echter Mönch. Mehr Gründe für dies Tun
Geb ich euch noch bei bessrer Musse an.
Nur dieses noch: Lord Angelo ist peinlich,
Ist auf der Hut vor Missgunst. Kaum bekennt er
Dass sein Blut wallt, noch dass sein Hunger mehr
Nach Brot geht als nach Stein. Bald kommt ans Licht
Was an uns Maske ist, wenn Macht besticht. Ab.

 

Vierte Szene

Ein Nonnenkloster: Isabella und Francisca

Isa. Und habt ihr Nonnen keine andren Rechte?

Fran. Sind diese noch nicht weit genug?

Isa. Ja, freilich . . . nicht dass ich noch mehr verlangte,
Sag ichs . . . ich wünsche vielmehr straffern Zwang
Der Schwesternschaft, den Nonnen von Sankt Clara.

Luc. draussen: He! Frieden diesem Ort!

Isa.                                                         Wer ists der ruft?

Fran. 'ne Männerstimme. Edle Isabella,
Dreht ihr den Schlüssel um, fragt was er wünscht.
Ihr könnt, ich nicht: ihr habt noch nicht geschworen.
Nach dem Profess dürft ihr mit Männern nie
Als in dem Beisein der Äbtissin sprechen.
Dann, sprecht ihr, dürft ihr das Gesicht nicht zeigen,
Und zeigt ihr das Gesicht, dürft ihr nicht sprechen . . .
Er ruft aufs neu . . . ich bitt euch, gebt ihm Antwort. Ab.

Isa. Friede und Freude sei mit euch! Wer ruft?

Lucio tritt auf

Luc. Heil, Jungfrau, wenn ihrs seid: die Rosenwangen
Verkünden nichts Geringers. Könnt ihr mir
Verhelfen vor die Augen Isabellas,
Die hier Novizin ist, die schöne Schwester
Von ihrem unglückseligen Bruder Claudio?

Isa. Warum ihr »unglückseliger Bruder« frag ich,
Und um so mehr als ich euch melden muss:
Ich bin die Isabella, seine Schwester.

Luc. Holde und Schöne, euer Bruder grüsst euch.
Um kurz mit euch zu sein: er ist im Kerker.

Isa. Weh mir! Wofür?

Luc. Für etwas – wenn ich selbst sein Richter wär,
Empfinge er als Strafe dafür Dank:
Sein Liebchen hat ein Kind von ihm.

Isa. Herr, macht euch keinen Scherz mit mir!

Luc.                                                                 's ist wahr.
Ich will nicht – ists auch meine häufige Sünde:
Mit Mädchen Kiebitz spielen, Spässe machen,
Mund weit von Herz – dies allen Jungfraun tun.
Ihr seid mir etwas Heiliges, Wolkenhohes,
Durch eure Abkehr ein unirdischer Geist,
Nur anzureden in Wahrhaftigkeit
Wie eine Heilige.

Isa. Das Gute lästert ihr, da ihr mich höhnt.

Luc. Wollt das nicht glauben! Knapp und wahr, so ists:
Eur Bruder und sein Liebchen paarten sich.
Wie man durch Nahrung wächst . . . wie Blütenzeit
Die kahle Brache durch Besämung bringt
Zu schwellendem Ertrag, so strotzt ihr Schoss
Von seinem tüchtigen Pflügen und Bebaun.

Isa. Schwanger von ihm war meine Base Julia?

Luc. Ist sie denn eure Base?

Isa. Aus Wahl – wie Schülerinnen Namen tauschen
In Spiel, doch richtiger Neigung.

Luc.                                                   Diese ists.

Isa. O nehm er sie zum Weib!

Luc.                                         Das ist der Punkt:
Der Herzog ist sehr seltsam abgereist,
Und manchen Edelmann, dabei auch ich,
Der auf ein Amt hofft, hält er hin. Doch hör ich
Von solchen die des Staates Triebwerk kennen,
Sein Vorwand sei unendlich weit entfernt
Von seinem wahren Plan. An seiner Statt
Und in dem vollen Umfang seiner Würde
Regiert Lord Angelo, ein Mann dess Blut
Die reine Schneebrüh ist, der niemals fühlt
Den muntren Drang und Kitzel des Geblüts,
Nein, seines Fleisches Stachel dämpft und stumpft
Durch den Gewinn des Geistes, Fleiss und Fasten.
Der – um zu schrecken Brauch und Lockerkeit,
Die längst das greuliche Gesetz umhüpft
Wie Mäuse Löwen – stöbert Akten aus
Kraft deren Schwere eures Bruders Leben
Verfallen ist. Er nimmt ihn darauf fest
Und folgt genau der Strenge des Gesetzes –
Ein drohend Beispiel. Alle Hoffnung schwand,
Ihr hättet denn die Huld durch schönes Bitten
Den Angelo zu stimmen. Und das ist der Kern
Der Sache zwischen mir und euerm Bruder.

Isa. Will er ihm so ans Leben?

Luc.                                         Sprach sein Urteil
Und gab dem Schliesser, hör ich, schon Befehl
Zur Hinrichtung.

Isa. Ach, was hab ich für arme Fähigkeit
Zu seinem Heil!

Luc.                           Wagt die Kraft die ihr habt!

Isa. Ach, meine Kraft!
Ich zweifle . . .

Luc.                       Unsre Zweifel sind Verräter:
Sie rauben oft ein Gut, das wir gewönnen,
Durch Furcht vor dem Versuch. Geht zu Lord Angelo,
Lehrt ihn: wenn Mädchen flehn, so geben Männer
Gleich Göttern . . . aber wenn sie knien und weinen,
Dann wird so reichlich ihnen jed Gesuch
Als ob sie selbst gewährten.

Isa. Ich sehe was ich tun kann.

Luc.                                           Doch geschwind!

Isa. Ich mach mich gleich daran.
Kein längerer Verzug als um der Mutter
Die Sache mitzuteilen. Tiefen Dank!
Empfehlt mich meinem Bruder. Gleich am Abend
Schick ich ihm sichre Nachricht vom Erfolg.

Luc. Ich nehme Abschied.

Isa.                                     Lieber Herr, lebt wohl! Ab.

 


 << zurück weiter >>