William Shakespeare
Mass für Mass
William Shakespeare

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Dritter Aufzug

Erste Szene

Gefängnis: Herzog als Mönch, Claudio, Schliesser

Hzg. So hofft ihr denn auf Gnade von Lord Angelo?

Clau. Unglücklichen bleibt keine Arzenei
Als nur die Hoffnung.
Ich hoff auf Leben, bin gefasst auf Tod.

Hzg. Seids unbedingt auf Tod. So Tod als Leben
Wird dadurch desto süsser. Redet so zum Leben:
Wenn ich dich lasse, lasse ich ein Ding
Dran nur ein Tor sich hinge. Ein Hauch bist du,
Gefügig all den luftigen Gewalten
Die diese Wohnung drin du weilest stündlich
Heimsuchen. Du bist bloss des Todes Narr:
Denn durch die Flucht strebst du ihm zu entgehn
Und rennst ihm stets doch zu. Du bist nicht edel:
Denn alles Angenehme was du hegst
Stammt aus Gemeinem. Du bist gar nicht mutig:
Denn dich erschreckt die zarte schmale Zunge
Des armen Wurms. Dein bestes Ruhn ist Schlaf,
Den rufst du oft, doch schreckt dich arg dein Tod,
Der auch nicht mehr ist. Du bist nicht du selbst:
Denn du bestehst aus vielen tausend Körnern
Gezeugt aus Staube. Glücklich bist du nicht:
Denn was du nicht hast strebst du stets zu fassen
Und denkst nicht was du hast. Du bist nicht fest:
Denn dein Gefüge schwankt vor fremdem Wirken
Je nach dem Mond. Wenn reich, so bist du arm:
Denn wie ein Esel den die Barren krümmen
Trägst du den schweren Schatz nur einen Tag,
Bis Tod ihn ablädt. Freunde hast du nicht:
Dein Fleisch und Blut gar, das dich Vater nennt,
Der Ausguss grade deiner eignen Lenden,
Flucht dass nicht bälder Aussatz, Gicht und Fluss
Mit dir ein Ende macht.
Du hast nicht Jugend und nicht Alter,
Nur sozusagen den Nachmittagsschlaf
Der beides träumt: all deine selige Jugend
Tut wie bejahrt und bettelt um die Gaben
Des lahmen Greistums. Bist du alt und reich,
So fehlt dir Glut und Trieb, Gelenk und Schönheit,
Des Reichtums dich zu freun. Was ist doch dies
Das Leben heissen darf? Doch birgt dies Leben
Viel tausend Tode, und wir scheun den Tod
Der all dies Schiefe gradmacht.

Clau. Ich danke euch ergeben.
Nun find ich: Leben wünschend such ich Tod . . .
Tod suchend find ich Leben. Mag es kommen!

Isa. draussen: Macht auf! Heil mit euch, Friede und gut Freund!

Schl. Wer ists? Herein! Der Wunsch verdient Willkomm.

Hzg. In kurzem, lieber Mann, komm ich zurück.

Clau. Hochheiliger Mann, ich dank euch.

Isabella tritt auf

Isa. Mein Zweck ist ein Wort oder zwei mit Claudio.

Schl. Recht gerne . . . Hier, Signor, ist eure Schwester.

Hzg. Schliesser, ein Wort mit euch.

Schl.                                                 Soviel ihr wollt.

Hzg. Bringt mich in ein Versteck wo ich sie sprechen höre.

Herzog und Schliesser ab

Clau. Nun, Schwester, was für Trost?

Isa. Wie aller Trost halt ist, sehr gut, sehr gut fürwahr!
Lord Angelo hat ein Geschäft im Himmel
Und dich zum schnellen Botschafter bestimmt,
Dort sollst du sein als ewiger Resident.
Verschaff dir schnell die beste Ausrüstung:
Denn morgen brichst du auf.

Clau.                                             Gibt es kein Mittel?

Isa. Keins ausser dem: zur Rettung eines Haupts
Ein Herz zu spalten.

Clau.                               Aber gibt es eins?

Isa. Ja, Bruder, du darfst leben.
Es ist ein teuflisch Mitleid in dem Richter
Das, wenn dus anflehst, dir das Leben löst,
Doch bis zum Tod dich fesselt.

Clau.                                                 Ewiger Kerker?

Isa. Ja, eben! ewiger Kerker – eine Haft
(Und hättest du der Welt Geräumigkeit)
In abgesperrtem Platz.

Clau.                                   Doch welcher Art?

Isa. Von solcher, wenn du dich dazu verstehst,
Dass sie von deinem Rumpf die Ehre schält
Und dich nackt lässt.

Clau.                                 Lass mich die Sache wissen.

Isa. O Claudio, mir bangt für dich. Ich zittre,
Du könntest ein verseuchtes Leben hegen
Und sechs bis sieben Winter höher schätzen
Als ewige Ehre. Traust du dich zu sterben?
Man fühlt den Tod meist in der Einbildung,
Und der von uns zertretne arme Käfer
Erduldet körperlich so grosse Qual
Als wenn ein Riese stirbt.

Clau.                                       Warum mich so beschämen?
Glaubst du, ich müsse Festigkeit mir holen
Aus blumiger Zartheit? Wenn ich sterben muss,
Nah ich der Finsternis wie einer Braut
Und drücke sie an meine Brust.

Isa. Das sprach mein Bruder. Aus des Vaters Grab
Drang diese Stimme her. Ja, du musst sterben.
Du stehst zu hoch, dein Leben zu bewahren
Durch niedre Griffe. Dieser aussen-heilige Vogt,
Dess züchtiges Antlitz und gesetztes Wort
Auf Jugend loshackt und die Streiche zingelt
So wie der Falk die Vögel, ist ein Teufel.
Sein innrer Schmutz gerüttelt zeigte ihn
Als höllentiefen Sumpf.

Clau.                                   Der sittige Angelo?

Isa. O das ist die arglistige Tracht der Hölle,
Wenn der verruchteste Leib sich hüllt und deckt
Mit sittigem Aufputz. Glaubst dus, Claudio:
Wenn ich mein Mädchentum ihm überliesse,
Du kämest frei!

Clau.                       O Gott, es kann nicht sein!

Isa. Doch, nach solch geilem Frevel gab er zu
Dass du vor ihm ein Frevler bleibst. Heut nacht
Da sollt ich tun was ich mit Schauder nenne,
Sonst stirbst du morgen früh.

Clau.                                             Du sollst es nicht.

Isa. O wär es nur mein Leben:
Für deine Rettung würf ichs hin so leicht
Wie eine Nadel!

Clau.                         Dank, teure Isabella!

Isa. Bereite, Claudio, dich zum Tod für morgen!

Clau. Ja . . . hat er Triebe in sich
Die ihn das Recht ins Antlitz schlagen heissen
Wo er es schärfen will? Traun, 's ist nicht Sünde,
Und wenn, der sieben tödlichen geringste.

Isa. Was ist die geringste?

Clau. Wenn es verdammlich war, er – so ein Weiser:
Wie möcht er einen flüchtigen Mutwill büssen
In alle Ewigkeit? O Isabella!

Isa. Was sagt mein Bruder?

Clau. Tod ist ein schrecklich Ding.

Isa. Und ehrlos Leben ist ein hässliches.

Clau. Ja, aber sterben! Gehn wer weiss wohin!
In kalter Starre liegen und verfaulen,
Verwandeln diese fühlsam warme Bildung
Zum teigigen Klumpen und den frohen Geist
In flüssigem Feuer baden oder wohnen
In frostigen Weiten von dickscholligem Eis . . .
Gefangen sein im undurchsichtigen Wind,
Geweht mit rastloser Gewalt rund um
Die schwebende Welt . . . ja, schlimmer als die Schlimmsten
Dran sein die ruchlos flatternden Gedanken
Heulend ersinnen: 's ist zu fürchterlich!
Das schwerste, ekelvollste irdische Leben
Das Alter, Siechtum, Elend, Haft dem Fleisch
Kann auferlegen ist ein Paradies
Vor dem was mit dem Tod uns droht.

Isa. Ach! ach!

Clau.               Geliebte Schwester, lass mich leben!
Was du auch sündigst für des Bruders Rettung,
Natur entlastet dich der Tat so sehr,
Dass daraus eine Tugend wird.

Isa.                                                   O Tier!
O falsche Memme! o ehrloser Wicht!
Willst du zum Leben kommen durch mein Laster?
Ists nicht Blutschande fast, wenn du erstehst
Aus deiner Schwester Schmach? Was soll ich glauben?
Hilf Gott! die Mutter triebs dem Vater schön,
Denn solch verkrüppelt und verwildert Reis
Sprang nie aus seinem Blut. Nimm meine Feindschaft,
Stirb und verdirb! Könnt ich durch Kniefall schon
Dein Schicksal wenden, liess' ich ihm den Lauf.
Ich bete tausendmal für deinen Tod,
Kein Wort, um dich zu retten.

Clau. Nein, hör mich, Isabella!

Isa.                                           Pfui, pfui, pfui!
Dein Sündigen war nicht Zufall, nein, Beruf.
Die Gnade wird an dir zur Kupplerin:
Am besten stirbst du schnell.

Clau. O hör mich, Isabella!

Herzog kommt zurück

Hzg. Gewährt ein Wort, junge Schwester, nur ein einziges Wort.

Isa. Was ist euer Wunsch?

Hzg. Wenn ihr über eure Zeit verfügt, so hätt ich gern nachher ein Gespräch mit euch. Die Befriedigung meiner Bitte kommt auch euch selber zugut.

Isa. Ich habe keine überflüssige Zeit. Meinen Aufenthalt muss ich anderen Geschäften stehlen. Aber ich will für euch eine Weile bereit sein.

Hzg. zu Claudio: Sohn, ich habe angehört was zwischen euch und eurer Schwester vorging. Angelo hatte nie die Absicht sie zu verführen. Er hat nur ihre Tugend auf die Probe gestellt, um sein Urteil an menschlichen Eigenschaften zu üben. Sie – erfüllt von wirklicher Ehre – hat ihm die gottgefällige Absage erteilt die er sehr froh ist zu empfangen. Ich bin Angelos Beichtiger und weiss, es ist wahr. Drum bereitet euch zum Tod vor. Nährt eure Festigkeit nicht mit Hoffnungen die trügerisch sind. Morgen müsst ihr sterben. Fallt auf die Knie und macht euch fertig.

Clau. Lasst mich meine Schwester um Verzeihung bitten. Ich habe die Liebe zum Leben so verloren dass ich darum flehe es loszuwerden.

Hzg. Bleibt dabei! Lebt wohl!
    Claudio ab – Schliesser kommt zurück
Schliesser, ein Wort mit euch!

Schl. Was ist euer Wunsch, Vater?

Hzg. Dass ihr jetzt da ihr gekommen seid gehn mögt. Lasst mich eine Weile bei dem Mädchen. Mein Sinn verspricht gleich meiner Tracht dass ihr nichts Böses widerfährt in meiner Gesellschaft.

Schl. Ganz recht! Ab.

Hzg. Die Hand die euch schön geschaffen hat hat euch gut geschaffen. Die Güte die der Schönheit feil ist lässt der Schönheit nur kurz die Güte. Aber Frömmigkeit, die Seele eures Wesens, erhält seinen Leib für immer schön. Den Angriff Angelos auf euch hat mir der Zufall zur Kenntnis gebracht, und wenn unsre Schwachheit nicht Vorbilder für sein Straucheln böte, würde ich über Angelo erstaunen. Was wollt ihr tun, um diesen Statthalter zufriedenzustellen und euren Bruder zu retten?

Isa. Ich bin auf dem Weg ihm Bescheid zu geben. Lieber lasse ich meinen Bruder durch das Recht sterben als meinen Sohn unrechtlich geboren werden . . . Doch o wie sehr täuscht sich der gute Herzog in Angelo! Falls er einmal zurückkehrt und ich ihn sprechen kann, will ich nie mehr den Mund auftun, wenn ich nicht sein Gebaren enthülle.

Hzg. Daran werdet ihr gar nicht unrecht tun. Doch wie die Sache nun steht, wird er eurer Anklage ausweichen: er habe euch nur auf die Probe gestellt. Drum schenkt meinem Rat Gehör! Denn meiner Neigung Gutes zu tun bietet sich ein Mittel. Ich bin überzeugt dass ihr aufs rechtschaffenste einem armen gekränkten Fräulein eine verdiente Wohltat erweisen, euren Bruder dem erzürnten Gesetz entziehen, eure eigne fromme Person unbefleckt erhalten und den abwesenden Herzog sehr erfreuen könnt, wenn er etwa einmal zurückkehren und von dieser Sache hören sollte.

Isa. Lasst mich weiter hören. Ich bin gesonnen alles zu tun was vor der Wahrheit meiner Gesinnung nicht schlecht erscheint.

Hzg. Tugend ist kühn und Güte nimmer ängstlich . . . Habt ihr nicht gehört von Mariana, der Schwester Friedrichs, des grossen Kriegsmanns der auf See verunglückt ist?

Isa. Ich habe von dem Fräulein gehört und sie wurde in Verbindung mit Gutem genannt.

Hzg. Sie hätte diesen Angelo heiraten sollen: er war mit ihr feierlich verlobt und die Hochzeit angesetzt. Zwischen Verlöbnis und Vermählungstag scheiterte ihr Bruder Friedrich auf See und hatte in dem gesunkenen Schiff die Mitgift seiner Schwester. Doch hört wie schwer das arme Fräulein davon betroffen wurde: sie verlor dabei einen edlen und berühmten Bruder der sie immer sehr herzlich und geschwisterlich liebte, zugleich mit ihm den Hauptteil ihres Vermögens, ihr Heiratsgut . . . mit beidem ihren zugedachten Gatten, diesen sich gut ausnehmenden Angelo.

Isa. Kann das sein? Hat Angelo sie so verlassen?

Hzg. Liess sie in ihren Tränen und trocknete ihr nicht eine mit seinem Trost, steckte seine ganzen Gelübde wieder ein, indem er Entdeckungen ihrer Unehre vorgab, kurz, überlieferte sie ihrem eignen Jammer, den sie seinethalben jetzt noch trägt, und er, ein Marmorblock bei ihren Tränen, wird von ihnen genetzt, aber nicht erweicht.

Isa. Welch ein Verdienst wäre es vom Tod dies arme Mädchen aus der Welt zu nehmen! Welch eine Niedertracht vom Leben dass es diesen Menschen leben lässt! Doch was kann sie hieraus für Nutzen ziehn?

Hzg. Es ist ein Riss den ihr leicht heilen könnt, und diese Kur rettet nicht nur euren Bruder, sondern bewahrt euch dabei vor der Entehrung.

Isa. Zeigt mir wie, lieber Vater!

Hzg. Das besagte Fräulein hegt noch immer ihre erste Neigung: seine unbillige Härte, die aller Vernunft nach ihre Liebe hätte löschen müssen, hat sie wie eine Stauung im Strom heftiger und unbändiger gemacht. Geht ihr zu Angelo: erwidert seinem Antrag mit scheinbarer Willfährigkeit, fügt euch seiner Forderung im wesentlichen, nur sichert euch die Vergünstigung: erstens dass ihr nicht lang bei ihm zu weilen braucht, dass die Stunde ganz Dunkel und Schweigen sei, und dass der Ort den Umständen entspreche. Wenn das richtig gewährt ist, dann ergibt sich alles: wir veranlassen das gekränkte Mädchen eure Tracht anzunehmen und an eurer Stelle zu gehn. Wenn das Stelldichein sich bemerkbar macht, kann es ihn zu ihrer Entschädigung zwingen: und damit ist euer Bruder gerettet, eure Ehre bewahrt, der armen Mariana geholfen und der schlimme Statthalter gekennzeichnet. Das Mädchen will ich stimmen und vorbereiten für die Begegnung mit ihm. Wenn ihr glaubt dass ihr dies gut durchführt (und ihr könnt es) so schützt die Verdopplung des Nutzens den Trug vor Tadel. Was haltet ihr davon?

Isa. Schon die Vorstellung davon gefällt mir, und ich vertraue dass es zum glücklichen Erfolg führt.

Hzg. Es kommt viel auf eure Haltung dabei an. Eilt geschwind zu Angelo: wenn er euch für heut nacht zu sich einlädt, so versprecht ihm zu willfahren. Ich will sofort nach Sankt Lukas, dort auf dem umhegten Gehöft wohnt die verlassne Mariana. Dort holt mich ab und richtet es so mit Angelo ein, dass es schnell geht.

Isa. Ich dank euch für diesen Trost. Lebt wohl, lieber Vater. Ab.

 

Zweite Szene

Strasse vor dem Gefängnis: der Herzog als Mönch von der einen Seite – Elbogen, Pompejus und Gerichtsdiener von der andern

Elb. Nein, wenn dem nicht abgeholfen wird und ihr durchaus Mann und Weib verhandeln wollt wie das Vieh, dann wird alle Welt braunen und roten Bastard trinken.

Hzg. O Himmel, was ist das für Kram!

Pom. Es ist nicht mehr lustig in der Welt, seit von den zwei Wuchern der lustigere abgeschafft ist und dem schlimmeren von Rechts wegen erlaubt ist sich mit gefüttertem Rock zu wärmen, und noch dazu gefüttert mit Fuchs- und Lammfell, zum Zeichen dass Schlauheit, weil reicher als Unschuld, nach aussen gekehrt ist.

Elb. Geht eures Wegs, Mann . . . Gott schütz euch, lieber Vater Bruder!

Hzg. Und euch, lieber Bruder Vater! . . . Womit hat dieser Mann euch beleidigt?

Elb. Nun, Herr, er hat das Gesetz beleidigt, und wir halten ihn obendrein für einen Dieb, Herr, denn wir haben bei ihm einen eigentümlichen Dietrich gefunden den wir dem Statthalter geschickt haben.

Hzg. Pfui, Bursch, ein Kuppler, ein verruchter Kuppler!
Das Übel das durch deine Schuld geschieht,
Das ist dein Unterhalt. Denk nur, was heisst
Die Backen stopfen und den Buckel kleiden
Mit solchem schmutzigen Laster! Sag dir selbst:
Aus ihrem scheusslichen und viehischen Treiben
Bekomm ich Speise, Trank, Gewand und Leben.
Kannst du ein Leben deine Lebzucht nennen
So stinkiger Herkunft? Bessre, bessre dich!

Pom. Freilich, sie stinkt gewissermassen, Herr – und doch, Herr, könnt ich sie rechtfertigen.

Hzg. Ja, gab der Teufel dir das Recht zur Sünde,
Hat er ein Recht auf dich . . . Sperr ihn ein, Büttel.
Bestrafung und Belehrung müssen wirken,
Eh diesem stumpfen Tier geholfen wird.

Elb. Er muss vor den Statthalter, Herr, der hat ihn verwarnt. Der Statthalter kann einen Hurenweibel nicht ausstehn. Wenn er ein Hurenhändler ist und kommt ihm vor Augen, so wär ihm besser, er hätte eine Meile weit davon zu schaffen.

Hzg. Wär jeder doch (was mancher scheint zu sein)
Von seiner Schuld und Schuld vom Scheinen rein!

Elb. Seinem Hals wird es gehn wie eurem Rumpf: ein Strick, Herr!

Pom. Ich seh Hilfe kommen! Hurra, ein Bürge! Da ist ein Edelmann und ein Freund von mir.

Lucio tritt auf

Luc. Sieh da, edler Pompejus! Was! am Wagen des Cäsar? Wirst du im Triumph aufgeführt? Was! Ist keine der Pygmalionstatuen die jüngst Weiber geworden zur Stelle, die einem die Hand in die Tasche stecken und sie geballt herausziehn? Deine Antwort, he? Was sagst du zu dieser Sache, Melodie und Methode? Ist sie nicht im letzten Regen ersoffen? He? Was meinst du, Luder? Ist die Welt wie sie war, Bursch? Wie läuft sie? Traurig und wenig Worte, wie? Was ist der Spass?

Hzg. Immer weiter so, immer schlimmer!

Luc. Was macht mein liebes Stückchen, deine Herrin? Vermakelt sie noch, he?

Pom. Meiner Treu, sie hat all ihr Fleisch aufgegessen und steckt jetzt selbst in der Tonne.

Luc. Nun, es ist gut. Das gehört sich so. Es muss so sein: die Hure immer frisch und die Kupplerin immer eingesalzen, ein unvermeidlicher Schluss. Das muss so sein. Gehst du ins Gefängnis, Pompejus?

Pom. Ja, meiner Treu, Herr!

Luc. Nun, das ist kein Fehler, Pompejus. Leb wohl! Geh! sag, ich schick dich. Schuldenhalber, Pompejus, oder wie?

Elb. Kuppeleihalber, kuppeleihalber.

Luc. Gut, dann sperr ihn ein. Wenn Einsperrung einem Kuppler gebührt, nun, dann ists recht. Kuppler ist er fraglos, und das seit jeher, geborner Kuppler. Leb wohl, lieber Pompejus, empfiehl mich dem Gefängnis, Pompejus. Du wirst jetzt ein guter Hausvater werden, Pompejus: du wirst das Haus hüten.

Pom. Ich hoffe, Herr, euer Edeln werden für mich bürgen.

Luc. Nein, das werde ich wahrhaftig nicht, Pompejus . . . es ist nicht Mode. Ich werde beten dass deine Haft verlängert wird: wenn du das nicht geduldig hinnimmst, so ist dein Temperament um so stärker. Ade, ehrenfester Pompejus . . . Gottes Segen mit euch, Bruder!

Hzg. Mit euch auch.

Luc. Malt sich Gretchen noch, Pompejus, he?

Elb. Geht eures Weges, Herr, geht.

Pom. Ihr werdet demnach nicht für mich bürgen, Herr?

Luc. Weder jetzt, Pompejus, noch demnach . . . Was gibts Neues draussen, Bruder, was gibts Neues?

Elb. Geht eures Weges, geht.

Luc. Geh ins Loch, Pompejus, geh. Elbogen mit Pompejus und Gerichtsdiener ab Was gibts Neues, Bruder, vom Herzog?

Hzg. Ich weiss nichts. Könnt ihr mir was erzählen?

Luc. Bald heissts, er sei beim Kaiser von Russland, bald, er sei in Rom, aber wo meint ihr dass er ist?

Hzg. Ich weiss nicht wo . . . aber wo auch immer, ich wünsche ihm Gutes.

Luc. Das war ein toller, wunderlicher Streich von ihm, sich aus dem Staat wegzustehlen und sich die Bettelei anzumassen für die er nicht geboren war. Lord Angelo herzogt gut in seiner Abwesenheit: er setzt der Ausschweifung zu.

Hzg. Er tut wohl daran.

Luc. Etwas mehr Nachsicht mit der Buhlerei würd ihm nichts schaden. Etwas zu griesgrämig darin, Mönch.

Hzg. Es ist ein zu häufiges Laster, und Strenge muss es heilen.

Luc. Ja, meiner Treu, das Laster hat eine grosse Verwandtschaft, es hat hohe Verbindungen, aber man kann es unmöglich ganz ausrotten, Mönch, bis das Essen und Trinken abgeschafft wird. Es heisst, dieser Angelo ward nicht von Mann und Weib gemacht auf dem graden Weg der Schöpfung. Haltet ihr das für wahr?

Hzg. Wie sollte er denn gemacht sein?

Luc. Einige berichten, eine Seejungfer laichte ihn, einige, er sei von zwei Stockfischen geneckt. Aber das ist sicher, wenn er sein Wasser abschlägt, gefriert sein Harn zu Eis. Das ist mir als wahr bekannt, und er ist ein gezeugtes Gestell, das ist unbestreitbar.

Hzg. Ihr seid scherzhaft, Herr, und redet darauf los.

Luc. Nein, was ist das für eine unbarmherzige Sache von ihm, für den Aufstand eines Hosenlatzes einem Menschen das Leben zu nehmen. Hätte der Herzog, der abwesend ist, das getan? Eh der einen Menschen gehängt hätte für das Zeugen von hundert Bankerten, hätte er bezahlt für das Säugen von tausend. Er hatte ein Gefühl für das Spiel, er kannte den Dienst und das stimmte ihn zum Mitleid.

Hzg. Ich hörte nie dass der Herzog sich mit Weibern besonders blossgestellt hätte. Er hatte keinen Hang dazu.

Luc. O Herr, da täuscht ihr euch.

Hzg. Unmöglich!

Luc. Was, der Herzog? Doch . . . kam da ein Bettelweib von fünfzig, so pflegte er einen Dukaten in ihre Klapperbüchse zu stecken. Der Herzog hatte seine Naupen. Er liebte auch den Trunk, das kann ich euch sagen.

Hzg. Ihr tut ihm sicherlich unrecht.

Luc. Ich war vertraut mit ihm. Ein Duckmäuser war der Herzog, und ich glaube, ich weiss auch den Grund seiner Entfernung.

Hzg. Was kann denn wohl der Grund sein?

Luc. Nein, verzeiht! Dies Geheimnis muss man zwischen Zähnen und Lippen verschliessen. Doch das kann ich euch zu verstehen geben . . . die Mehrzahl der Untertanen hielt den Herzog für weise.

Hzg. Weise? Keine Frage, das war er.

Luc. Ein ganz flacher, unwissender, unbedeutender Kerl!

Hzg. Das ist von euch entweder Neid, Torheit oder Irrtum. Der ganze Lauf seines Lebens und die Geschäfte die er gelenkt hat dürfen ihm mit verbürgter Notwendigkeit einen besseren Ruf eintragen. Stellt ihm nur sein Zeugnis aus nach seinen eignen Kundgebungen, und er wird selbst dem Neider als Gelehrter, als Staatsmann und als Soldat erscheinen. Drum sprecht ihr wie ein Unerfahrner, oder wenn ihr bessere Kenntnis habt, so ist sie sehr verdunkelt durch eure Bosheit.

Luc. Herr, ich kenne ihn und ich liebe ihn.

Hzg. Liebe spricht mit bessrer Kenntnis und Kenntnis mit wärmerer Liebe.

Luc. Geht, Herr, ich weiss was ich weiss.

Hzg. Das kann ich schwerlich glauben, da ihr nicht wisst was ihr sagt. Aber wenn der Herzog einmal zurückkehrt – wofür wir beten – so wünsch ich, ihr müsstet euch vor ihm verantworten. Wenns redlich ist was ihr gesagt habt, so habt ihr den Mut es aufrechtzuerhalten. Ich bin verpflichtet euch aufzufordern und bitte um euren Namen.

Luc. Mein Name ist Lucio, dem Herzog wohlbekannt.

Hzg. Er soll euch noch besser kennen, Herr, wenn ich dazu komme von euch zu erzählen.

Luc. Ihr macht mir nicht bange.

Hzg. O, ihr hofft, der Herzog kehre nicht mehr zurück, oder ihr haltet mich für einen zu unschädlichen Gegner. Aber freilich, ich kann euch wenig Böses antun. Ihr werdet das wieder abschwören.

Luc. Eher will ich mich hängen lassen. Ihr täuscht euch in mir, Mönch. Doch genug davon. Könnt ihr mir sagen ob Claudio morgen sterben muss oder nicht?

Hzg. Warum sollte er sterben?

Luc. Warum? Weil er eine Flasche durch einen Trichter gefüllt hat. Ich wollte, der besagte Herzog wär wieder zurück. Dieser ungeschlechtige Statthalter wird die Provinz mit Enthaltsamkeit entvölkern. Spatzen dürfen nicht in seinen Dachrinnen nisten, weil sie buhlerisch sind. Der Herzog wollte wenigstens dunkle Sachen dunkel gebüsst haben. Er würde sie nie ans Licht bringen. Wär er doch zurück! Herrje, dieser Claudio ist verurteilt fürs Aufknöpfen. Lebt wohl, lieber Mönch, ich bitte euch, betet für mich. Der Herzog, sag ich euch nochmals, hat auch am Freitag Schnepfen gegessen. Er ist jetzt über die Jahre hinaus, und doch sag ich euch, er würde mit einem Bettelweib schnäbeln, auch wenn sie nach Schwarzbrot und Knoblauch röche. Sagt, ich habs gesagt. Lebt wohl. Ab.

Hzg. Kein Sterblicher ist stark und gross genug
Dem Kriftel zu entgehn. Heimtückischer Lug
Trifft reinste Tugend. Welches Königs Kraft
Hält der Verleumderzunge Gift in Haft?
Doch wer kommt da?

Escalus, Schliesser und Gerichtsdiener mit Frau Brenzelig treten auf

Esc. Geht, fort mit ihr ins Gefängnis!

Bren. Guter Herr, seid gut gegen mich! Euer Gnaden gelten für einen barmherzigen Mann, guter Herr.

Esc. Doppelte und dreifache Vermahnung, und doch Vergehn der gleichen Art! Da könnte die Barmherzigkeit selber fluchen und zum Unmenschen werden.

Schl. Eine Kupplerin, elf volle Jahre hindurch, mit euer Gnaden Verlaub.

Bren. Mein Herr, das ist eines gewissen Lucio Anzeige gegen mich. Fräulein Käthchen Niederhalt war schwanger von ihm in des Herzogs Zeit. Er versprach ihr die Eh. Sein Kind ist fünfviertel Jahr alt nächsten Philippi-Jakobi. Ich hab es selbst gepflegt, und seht, nun geht er hin und misshandelt mich so.

Esc. Der Bursch ist ein Bursch von grosser Frechheit. Lasst ihn vor uns rufen . . . Fort mit ihr ins Gefängnis! Geht, kein Wort mehr! Gerichtsdiener mit Frau Brenzelig ab Schliesser, mein Bruder Angelo lässt sich nicht umwandeln. Claudio muss morgen sterben. Versorgt ihn mit einem Priester und lasst ihm alle geistliche Vorbereitung angedeihn. Liesse sich mein Bruder durch mein Mitleid bewegen, dann erginge es ihm nicht so.

Schl. Mit eurer Erlaubnis, dieser Mönch ist bei ihm gewesen und hat ihn beraten zum Empfang des Todes.

Esc. Guten Abend, lieber Vater.

Hzg. Heil und Segen mit euch.

Esc. Woher seid ihr?

Hzg. Nicht dieses Landes, wenn ich auch wohl jetzt
Drin eine Zeitlang bleibe. Ich bin Bruder
Aus frommem Orden, jüngst von Rom gekommen
In eignem Auftrag seiner Heiligkeit.

Esc. Was gibts draussen Neues in der Welt?

Hzg. Nichts als dass das Gute von einem so starken Fieber befallen ist, dass seine Auflösung es heilen muss. Das Neue allein wird verlangt, und es ist ebenso gefährlich in irgendeinem Verlauf alt zu werden, als es sonst tugendhaft ist in irgendeinem Unternehmen beständig zu sein. Es ist kaum Wahrhaftigkeit genug am Leben um den Bestand der Gesellschaft zu verbürgen, aber Bürgschaften genug um gute Freunde zu verfluchen. Zumeist um dies Rätsel dreht sich die Weisheit der Welt. Dies Neue ist alt genug, und doch ist es jeden Tag neu . . . Sagt mir doch, Herr, von welcher Art war der Herzog?

Esc. Von einer die, vor allem andern Trachten, besonders danach strebte sich selbst zu kennen.

Hzg. Welchen Vergnügen war er ergeben?

Esc. Mehr erfreut andre froh zu sehn als froh über etwas das ihn erfreuen sollte: ein Edelmann von vollkommenem Gleichmass. Aber überlasst ihn seinen Geschicken, mit Gebet für ihren glücklichen Ausgang, und vergönnt mir zu wissen wie ihr Claudio zum Tod vorbereitet findet. Man hat mir berichtet dass ihr ihm euren Besuch abgestattet habt.

Hzg. Er bekennt dass sein Richter kein verkehrtes Mass auf ihn angewandt habe, vielmehr unterwirft er sich ganz demütig dem Spruch der Gerechtigkeit. Doch hat er sich unter Eingebung seiner Schwachheit irrige Hoffnung auf Leben gemacht, die ich ihm zuguterletzt ausgeredet habe, und jetzt ist er entschlossen zum Tod.

Esc. Ihr habt dem Himmel eure Kraft entrichtet und dem Gefangnen die volle Schuld eures Berufs. Ich habe mich für den armen Edelmann bemüht bis an die äusserste Grenze meiner Zurückhaltung, aber meinen Bruder im Recht hab ich so streng gefunden, dass er mich zwang ihm zu sagen, er sei wirklich – das Recht.

Hzg. Wenn sein eignes Leben der Straffheit seines Vorgehens entspricht, so wird es ihn ehren. Wenn er aber fallen sollte, so hat er sich selbst verurteilt.

Esc. Ich will den Gefangnen besuchen. Lebt wohl.

Hzg. Friede sei mit euch! Escalus und Schliesser ab
Wer das Schwert des Himmels führt
Sei so streng als unberührt:
Selber Vorbild, lass er sehn
Der Gnade Stehn, der Tugend Gehn.
Keinen darf er anders richten
Als nach eigner Schuld Gewichten.
Schmach ihm, dessen harter Streich
Sünden rächt die seinen gleich . . .
Angelo, der – zehnmal Schmach! –
Andre straft wo er verbrach.
Oh, was verbirgt der Mensch oft drin,
Ob Engel auch nach aussen hin!
Wie kann Anschein, bös verstellt,
So betrügen in der Welt,
Dass oft am dünnen Spinnweb hing
Wichtigstes und wertestes Ding . . .
Für Laster hab ich List erdacht:
Angelo küsst diese Nacht
Die Verschmähte, einst Erwählte.
So wird ein Hehl durch die Verhehlte
Mit Falschheit falschen Wunsch berichten
Und erfüllen alte Pflichten. Ab.

 


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