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VII

Als Fec mittags das Hotel verlassen wollte, um Einkäufe zu machen, lief ihm ein Groom nach und übergab ihm einen Brief, der soeben eingetroffen war.

Fec fuhr sofort in sein Appartement zurück: der Brief war an Bichette Thaller adressiert und aus Paris.

Fec beobachtete Bichette, während sie las, mit lauernder Aufmerksamkeit. Kaum hatte sie geendet, als er auch schon grob fragte: »Von wem?«

Bichette zog den Mund schief. »Von Pimpi.«

»Pimpi? Wie ist das möglich?«

»Ich hab ihm gestern depeschiert.«

Fec hieb sich die Faust in die Hand. »Was hattest du ihm zu depeschieren, zum Teufel! Ah ...!«

»Bah.« Bichette verzerrte die Lippen in geradezu unmöglicher Weise. »Wollte wissen, was los ist.«

»Das ist, das ist ...« Fec knetete, schnell atmend, seine Finger. »Nichts habe ich dir doch so sehr eingeschärft, als keine Briefe zu schreiben.«

»Geschrieben hab ich ja nicht. Und auf Pimpi kann ich mich verlassen.«

»Du! Aber nicht ich!« Fec zwang mit größter Anstrengung sein Gesicht zur Ruhe.

»Außerdem gab ich ihm die richtige Adresse. Hab nichts zu verheimlichen.«

»Das heißt nichts. Zeig her!«

Bichette reichte ihm wortlos den Brief. Ihre Schultern zuckten mehrmals verächtlich, während Fec las.

»Wer ist – Ralix?«

Bichette lächelte mühsam. Dann sagte sie gedehnt: »Ein Verströmter.«

»Was?« Plötzlich glättete sich Fecs Gesicht nachsinnend. »Ah, ich erinnere mich, daß Pimpi dich vor ihm warnte. Daß er Grund dazu gehabt hat, beweisen diese Drohungen.«

»Bavardagen.« Bichette hüstelte nachlässig. »Maboul.«

»Hm. Ich kenne ein wenig, wie du wohl zugeben wirst, die Gewohnheiten dieser Herren. Wenn Ralix bei ›Léon‹ vor Zeugen prahlte, dich zu finden, und wärst du auf dem Nordpol, so wird er unter allen Umständen versuchen, Wort zu halten.«

»Ein Grund mehr, von einem vertrauenswürdigen Menschen wie Pimpi auf dem Laufenden gehalten zu werden.«

»Wie stehen die beiden zusammen?« fragte Fec nach einer Pause verbissen.

»Pimpi und Ralix?« Bichette klatschte unsicher in die Hände. »Wie man sich dort eben so kennt.«

Fec dachte angestrengt nach. »Harry? Diesen Namen höre ich auch nicht zum ersten Mal.«

»Bah. Dieselbe Sache in beige. Auch einer. Da hätte ich viel zu tun.« Bichette warf sich auf den Teppich und wühlte die Hände in ein glitzerndes Seehundsfell. »Aber daß Gaby so was tun könnte, hätte ich ihr doch nicht zugetraut.«

Fecs Gesicht verschob sich. »Das war vorauszusehen. Die springen alle zum Fenster hinaus, wenn sie nicht noch luftiger enden.« Er setzte sich, dumpf über sich selber wütend. »Erzähl mir, was du mit Ralix hattest!«

»Schrei doch nicht so! ... Nein. Ich bin jetzt nicht in der Laune. Und du bist mir zu großartig.«

Fec biß die Zähne auf einander und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen.

Bichette machte geärgerte Augen und rutschte ihm auf dem Teppich nach. »Fec, was soll ich denn jetzt anfangen.«

Fec betrachtete sie, überhaupt ein wenig ratlos. »Geh wieder ins Bett! Ich bin sicher, daß du in fünf Minuten schläfst.« Er packte sie unter den Achseln, zerrte sie hoch und trug sie auf den Armen ins Schlafzimmer. Langsam zog er mit zwei Fingern ihre Unterlippe, sie flüchtig küssend, nach vorn. »Au revoir.«

»Fec, Fec ...« Bichette hielt ihn mit beiden Armen fest, leckte, heiß atmend, seine Lippen, sein Zahnfleisch, seine Zunge und rieb ihren Körper in einer gewissen Weise an dem seinen, bis sie fühlte, daß es ihn straffte und trieb. Dann schlug sie mit einem Griff ihren grünseidenen Kimono aus einander und drückte Fecs Gesicht zwischen ihre Brüste ... dann weiter hinab ... weiter hinab ... wo es sich stöhnend vergrub ...

*

Um vier Uhr promenierte Bichette allein auf dem Quai.

Laugier kam, wieder verspätet, mit roten Backen angerannt und entschuldigte sich aufgeregt eine Viertelstunde lang.

Da erschien plötzlich Flinsparker.

Nach zehn Minuten eines sehr peinigenden Gesprächs gefiel Bichette eine Verbene über alle Maßen.

Laugier stürmte in den Laden.

Diese Gelegenheit benützte Bichette, um sich über die zufällige Anwesenheit Laugiers sehr verstimmt zu zeigen.

Flinsparker führte sie deshalb, als Laugier süß lächelnd seine Blume überreicht hatte, zu seinem prächtigen Rolls Royce-Tourenwagen, der in einer Seitenstraße wartete und vorne auf der Maschine, wo in der Regel ein Fähnchen sich befindet, ein Broncefigürchen trug, darstellend eine verschämt die Arme über dem Busen schließende nackte Frau.

Bichette gehabte sich hingerissen.

Flinsparker strahlte. Und nahm seinen Chauffeur geschickt beiseite.

Laugier bebte.

Flinsparker half Bichette in das Coupé, ließ den Wagenflügel offen und setzte sich hastig neben den Chauffeur.

Laugier hatte kaum begriffen, was vor sich ging, als das Auto auch schon anzog und mit offenem Wagenflügel geräuschlos davonglitt.

*

Abends, während des Diners in der Jetée, erwies sich Fec von perfekter Ahnungslosigkeit und scherzte derart gewissenhaft, daß es Bichette schwer wurde, die ihm gegenüber erforderliche Teilnahmslosigkeit aufzubringen.

Nach dem Dessert ging Fec, der bisher nur mit Bichette getanzt hatte, schnurgerade auf den Tisch unterhalb des Orchesters zu, an dem der Ballett-Star, die rote Bia, mit zwei Berufstänzern saß, und forderte sie zum Tanz auf.

Diesmal ließ man ihn wieder solo tanzen.

Die rote Bia, welche die Sachlage zu durchschauen glaubte, ließ sich in stattliche Erregung geraten und zwang Fec, dem sie damit lediglich entgegenkam, so innig mit ihr zu steppen, daß es angesichts der Gesellschaft, welche an Bichettes Tisch saß, schlechtweg ein Skandal war.

Der ganze Saal zeigte sich sichtlich indigniert.

Bichette, obwohl von Fecs Vorgehen unterrichtet, hatte sich doch, sie wußte selbst nicht recht weshalb, geärgert und empfing den Zurückkehrenden fast bissig.

Fec begriff nicht, was sie, derart extemporierend, beabsichtige, und wurde unwillig.

Kurz, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre das kleine Geplänkel ausgeartet. Das Stattgefundene aber genügte immerhin, um die von Fec projektierte Wirkung noch um das Dreifache zu überbieten.

Flinsparker war es, der diesmal die Note beglich.

Auf der Treppe entschuldigte er sich, den der Verlauf des Abends in die heiterste Stimmung versetzt hatte, Laugier gegenüber nochmals sehr herzlich: er wäre fest davon überzeugt gewesen, daß er eingestiegen wäre; hätte leider viel zu spät die offene Wagentür bemerkt; und Madame Thaller wäre selbstverständlich der Meinung, daß es sich um ein Mißverständnis handle.

Dieser Meinung war sie, als sie Laugier wieder in der Hall gegenübersaß, nun durchaus nicht; vielmehr im höchsten Grade peinlich berührt, daß Flinsparker es gewagt hatte, eines solch frechen Kniffs sich zu bedienen, um einige Zeit mit ihr allein zu sein.

Laugier schnaubte.

Dann erhielt er ein Rendez-vous für den nächsten Nachmittag und wurde mit dem sehr à propos erscheinenden Fec noch ein wenig allein gelassen.

Fec appellierte an ihre alte Freundschaft und bat um Rat: er wolle Flinsparker nicht affrontieren, könne aber doch keinesfalls die Art dulden, auf welche er seiner Freundin den Hof mache; das, was er sich auf dem Quai erlaubt habe, sei für einen Mann von seiner Stellung geradezu unglaublich.

Laugier verließ Fec mit dem feierlichen Versprechen, Flinsparker einen energischen Wink zu geben.

*

Noch unter der Tür ihres Appartements fragte Fec Bichette schon nach dem Grund ihres Verhaltens in der Jetée.

Bichette schob sich gepeinigt hin und her. »Weiß ich selbst nicht ... Schließlich hat es ja weiter nicht geschadet.«

»Bichette!« Fec legte ihr die Hand auf die nackte Schulter und drehte sie mit einem Ruck sich zu. »Was war das?«

Bichette blickte zur Seite. Sie schien zu überlegen. Dann aber machte sie eine kurze Kopfbewegung, als wäre es ihr gleichgültig, was sie sage. »Es war mir eben plötzlich einfach ... So schlaß kam ich mir vor mit diesem blèschen Laugier und diesem bidoschen Watt-Wayler und diesem Rasoir von einem Flins von einem Parker ... während du ... Ja, ja, weiß ich. Es ist blödsinnig. Louf. Was du willst. Aber es war stärker als ich. Ich konnte mich ganz einfach nicht beherrschen. Und jetzt laß mich in Ruh!«

Fec bereitete es, obwohl ihm dieses ganze Gespräch wie in der Luft hing, hämisches Vergnügen, seinerseits ein Geständnis zu machen. »Hör, Bichette!« Er trat schnell weg von ihr, um zu verhindern, daß er sich verriet. »Während ich Pimpis Brief las, hatte ich ... hatte ich ähnlich geartete Zustände.«

Bichette ließ den Mantel von den Armen sinken und blickte Fec forschend an. »V'lan. Schon gestern auf dem Balkon hatte ich das Gefühl. Es scheint uns zu gelingen. Unsere Liebe macht sich.«

Fec tat, als hätte er nichts gehört: er wollte es später hervorholen, später einmal, wenn es günstiger wäre ... Dann riß er den Kopf herum. »Ha, ist es nicht wirklich amüsant, daß man alles machen muß? Wenn du zart und schlicht, so ganz ohne Reklame, eines Abends in der Jetée erschienen wärst, hätte sich vermutlich irgendein in jeder Hinsicht stiller Herr in dich verknallt oder sogar der Oberkellner. Aber man hätte sich nicht um dich gerissen. Man muß der Eitelkeit Kulissen besorgen und eine Galerie, damit sie blind macht. Blind dem eigenen Egoismus gegenüber. Der Egoismus ist gar nicht der letzte Impuls. Sondern der Effekt. Und den muß man eben machen.«

Bichette kniete, die Augen geschlossen, in einem Fauteuil. Es ging wie Spott um ihren Mund, als sie schläfrig sagte: »So hast du schon zweimal geredet. Erinnerst du dich? Als wir das erste Mal ins Aëro gingen. Und als du besoffen warst.«

Fec, den ihre zusammengesunkenen Formen miteins sehr erregten, trat hinter sie, ergriff ihre Brüste und drückte sie fest und fester.

Bichette begann weich zu lächeln und hielt ihm den Mund hin. Als seine Lippen ihn wühlend umschlossen, rollten ihre Augen nach oben. Nur das bläuliche Weiß war zu sehen.


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