Autorenseite

 << zurück weiter >> 

V

Sie waren kaum auf die Rampe des Bahnhofs getreten, als sie der Anblick des in weißer Morgensonne vor ihnen liegenden Nizza aufs tiefste verstimmte. Beide fühlten das Fehlen des Feindlichen, das auf dem Montmartre hundertköpfiger Haß und gefährliche Lebensgewohnheiten wie ein heißes Band um sie gelegt hatte. Hier war es still und heiter. Beiden war es, als entfernten sie sich von einander, als läge diese warme helle Stadt zwischen ihnen.

Sie stiegen in einem Hotel in der Nähe des Bahnhofs ab und gingen, obwohl sie fast während der ganzen Fahrt geschlafen hatten, lediglich um ihre Verstimmung vor einander zu verbergen, sofort zu Bett.

Bichette, die wie alle Frauen ihres Schlages eine leidenschaftliche Vorliebe für das Bett hatte, schlief nach wenigen Minuten gleichwohl ein. Zu jeder Zeit in ein Bett gelegt, wäre sie eingeschlafen.

Fec erwachte nach zwei Stunden aus einem halben schlechten Schlaf. Zum ersten Mal, seitdem er mit Bichette beisammen war, fühlte er sich wieder allein. Er betrachtete die neben ihm Liegende mit einer Gleichgültigkeit, die ihn fast ärgerte. Dennoch war sein erster Einfall: Bichette nur ja nicht zu wecken, um dieses Alleinsein genießen zu können. Er schob seinen Körper angenehm zurecht, die Hände in den Nacken und lauschte mit offenen Augen auf die langsam steigenden Geräusche der Straße. Aber er lauschte und lauschte. Wo war das andere? Das Gewohnte? Das dumpfe mächtige Rauschen von Paris? Er wunderte sich, daß er diese Stadt so schwer zu entbehren vermochte; und daß der Anblick Nizzas, in dem er so oft tolle Wochen verbracht hatte, ihm beinahe Widerwillen erregt hatte. Wo war jene letzte Abenteuerlust, die ihn auf der Fahrt zur Gare de Lyon geradezu pathetisch gemacht hatte? ›Was für ein Genuß doch die Gewohnheit ist!‹ sagte er sich wörtlich. Doch schon riß er die Augen weit auf und glotzte unbeweglich auf den Plafond: von welch einer müden, ja albernen Regung ließ er sich da gängeln? Zwei laue leere Jahre in Paris und seine Zähigkeit, die einst nicht nur jeden Orts-, sondern auch jeden Klimawechsel spurlos hingenommen hatte, war bereits vermindert. Aber er wußte, daß er ja nur zu wollen brauchte, um diesen Zustand aufzuheben; daß er nur zu wollen brauchte ...

Plötzlich setzte er die Zähne langsam auf einander: die Gefahr, die dem, was ihn und Bichette geeint hatte, durch diesen Stadtwechsel drohte, war von ihm bis ins Kleinste scharf erkannt worden. Er sah den Blick Bichettes nach dem Erwachen, diesen stolzen höhnischen Blick, der nur ihr eigen zu sein schien. Er sah sich mit ihr in den Straßen, den Restaurants, den Cafés. Und er sah eine fürchterliche Langeweile. Für das Leben, das sie in Paris umfeindet hatte, mußte hier sofort ein Ersatz geschaffen werden. Jede Idylle, auch nur ein Hauch von Behäbigkeit mußte alles beenden. Es mußte sofort etwas geschehen. Er mußte anfangen. Er mußte etwas machen.

Vorsichtig verließ er das Bett.

Ja, was? Was sollte geschehen? Was sollte er machen? Was durfte nicht enden?

Fec ergriff mit beiden Händen krampfhaft einen Stuhl. Er vermochte miteins nicht das Geringste zu denken. Er biß sich verzweifelt in einen Finger und preßte die Lider auf einander.

›Ich ... ich will also doch noch etwas,‹ sagte er sich endlich verächtlich und fühlte, wie es ihn beruhigte. ›Ja, aber warum will ich etwas? Weil ich Bichette nicht verlieren will?‹ Er stellte sich die Schlafende als Tote vor und empfand diese Vorstellung wie eine erfreuliche Lösung. ›Oder, weil ich mit dem Kapital, das diese Frau ist, mir später ein ruhiges gesichertes Leben verschaffen will?‹ Er roch ein wohldurchwärmtes Zimmer und fühlte sich in einem weichen Fauteuil vor Langeweile in Wut geraten. ›Oder, weil ich Millionen will und ihre Macht? Hatte ich sie nicht beinahe schon besessen?‹ Er sah sich in Rom und eine Frau auf einem Teppich ... und auf dem Speicher des Hauses in der Rue de Chéroy, wo er die Nacht vor dem ersten Rencontre mit Bichette zugebracht hatte, sich erwachen, ohne einen Sou und lächelnd über seine Wunschlosigkeit. ‹Zum Teufel also warum? Warum? Warum? Warum? ... Etwa bloß, um diese famose Abmachung zu halten? Famos! Wirklich famos!‹

Er hielt immer noch krampfhaft den Stuhl.

Bichette wälzte sich schnurrend auf die andere Seite.

Ängstlich ließ Fec den Stuhl los. Und sah mit einem Mal ganz klar. So klar, daß er für Sekunden genießend die Augen schloß. ›Es ist mein letztes Abenteuer. Mein allerletztes. Und es wird enden wie alle Abenteuer. Banal und grotesk.‹

»Wie alle Abenteuer,« wiederholte er halblaut, während er die Treppe hinabstieg

*

Erst um sieben Uhr abends kehrte Fec ins Hotel zurück.

Bichette schlief noch.

Nachdem er mit größter Vorsicht alle Vorbereitungen getroffen hatte, drehte Fec das Licht an. Aber er mußte Bichette wecken. Ohne sie weiter zu beachten, begann er sich umzukleiden.

»Aber ... O ... Ja, was ist denn das ...« hörte er hinter sich ganz schwach die Stimme Bichettes.

»Zieh das Kleid an, das auf dem Bett liegt! Dort ist der Mantel, hier die Schuhe und der Hut. Beeil dich! Wir müssen in einer Stunde im Casino sein.«

»Ja, was ist denn nur los ... Und du. Was ziehst du denn da an?« Bichettes Gesicht drückte unbeschreiblich komisches Entsetzen aus.

Fec zog die Brauen fest zusammen, um bei diesem Anblick nicht aufzulachen. »Ich vermute, daß es ein Smoking ist. Bitte frage jetzt nicht! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Reden während des Ankleidens ist ein furchtbarer Unsinn. Man verliert Zeit, Charme und den Verstand. Also gedulde dich! Unterwegs wirst du alles Nötige erfahren.«

»Cahin caha.« Bichette tat, den Kopf leise hin und her bewegend, einen außerordentlich tiefen Atemzug.

Fec, der beim Binden der Krawatte sich unversehens sehr gefiel, hörte Bichette ein paar schnelle Schritte machen.

»Und was soll denn dieser Létsch da, hein?« Bichette wies mit dem Kinn verächtlich auf die Bijous, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen.

Fec drehte sich blitzschnell um und sah ihr, innerlich lächelnd, aber gleichwohl fest in die Augen. »Diesen Létsch da wirst du anlegen.«

»Und wenn ich es nicht tu, was dann, hein?«

»Du wirst es!« Die Finger Fecs schlössen sich langsam zur Faust.

»Und wenn nicht ...?«

»Du wirst es!« Fecs Faust hob sich ein wenig.

»Schlingue!« Bichette spie aus.

Fec mußte nun doch lächeln. »Bichette, ich bitte dich zum letzten Mal ...«

Bichette pfiff frech vor sich hin.

»Oder ...« schrie Fec, jetzt wirklich wütend.

»Oder? Oder?« Bichette schrie gleichfalls.

Fec, der zu seinem Vergnügen fühlte, daß alles zu Ende sein könnte, wenn er weiterginge, ließ sich von einer boshaften Neugierde besänftigen. Er wandte sich schnell ab und begann mit größter Behutsamkeit, seine Krawatte fertig zu knoten.

Nach einer langen Pause sagte Bichette leise: »Ist ja großartig. Das ist ja einfach riche. Wenn ich mich nicht täusche, – maffelt es.«

»Du täuschst dich nicht.«

Bichette machte sich wortlos und mit stürmischer Gewissenhaftigkeit an die Toilette. Nach zehn Minuten nähte sie sogar.

*

Im Taxi kräuselte Bichette schmollend die Oberlippe. »Schade, daß ich diese entzückenden Schuhe nicht anziehen konnte. Aber es war die richtige Nummer.«

Fec schmatzte besorgt. »Paßt das Kleid wirklich?«

»Wie du ja gesehen hast, bis auf Kleinigkeiten.« Bichette schlug ihm, glücklich lachend, auf die Hand. »Aber sag mir jetzt bloß, wie du die richtigen Nummern, wie du immer ...«

»Jetzt sag ich dir bloß ...« Fec sprach so schnell, wie er nur konnte, um das, was er sagen mußte, vor einer Komik zu bewahren, die er selbst bereits empfand. »Jetzt sag ich dir bloß, daß du wunderschön bist. Eine junge Herzogin sieht in der Regel beträchtlich miserabler aus. Daß du meine mich schweres Geld kostende Geliebte bist. Und daß du den ganzen Abend zu schweigen hast. Nur Kopf- und Handbewegungen sind dir gestattet. Das ist ein Leichtes für dich. Unorientiert wirst du dich am sichersten gestalten. Vergiß nur keinen Augenblick, scharf aufzupassen, und daß du eine vollendete Dame bist.«

»Merci.« Bichette stieß ihm mit dem Zeigefinger das Kinn hoch. »Fängst ja louche an. Es wird doch nicht geschossen?«

»Das Ende weiß man nie.« Fec, den ihre Lustigkeit nun doch ein wenig beleidigte, wollte sie an Gefahr glauben machen.

»Bah.« Bichette nahm kichernd seine Lippen zwischen zwei Finger. »Das Ende ist immer eine Art von – Duft, mein verehrter Meister.«

Fec, überrascht und ärgerlich zugleich, schneuzte sich.

Plötzlich sagte Bichette mit gänzlich veränderter Stimme: »Möchtest du mir jetzt nicht endlich sagen, um was es sich eigentlich handelt?«

»Nein.«

Bichette schwieg nur, weil sie eben in die lärmende Rue de la Gare einbogen.

Es war spät nach Mitternacht, als sie zurückfuhren.

*

Im Wagen warf Bichette so heftig Fec sich an den Hals, daß sie fast vom Sitz rutschte. »O, Fec, das war ganz riche! Das war ja richissimo, wie Gaby sagen würde. Wer ist dieser Patapouf denn eigentlich?«

»Ein alter Bekannter von mir. Er heißt tatsächlich Jacques Laugier und besitzt tatsächlich ein Dutzend Häuser. Es war ein Zufall, daß er da war. Oder auch nicht.« Fec beobachtete Bichette verstohlen.

»Ja, war es denn nicht seinetwegen

»Nein.«

»Versteh ich nicht. Der ganze Saal war doch voll. Und nur elegantester Panam. Warum sollten denn gerade wir solches Aufsehen gemacht haben?«

»Sehr einfach. Weil ich es gemacht habe.«

»Du?« Bichettes Gesicht verfinsterte sich, als wäre sie beschimpft worden.

»Gewiß.« Fec betrachtete schmunzelnd den Rücken des Chauffeurs. »Nachdem die Einkäufe besorgt waren, telefonierte ich nämlich als Portier des Hotel Ruhl der Direktion des Casino Jetée-Promenade, man möge einen Fronttisch für den Baron Punschoff reservieren. Dann der Redaktion des ›Eclaireur‹ daß Mistinguett in Nizza sei und abends das Casino Jetée zu besuchen beabsichtige. Und schließlich ließ ich dem Orchester-Dirigenten der Salle privée durch einen Messenger-Boy eine kleine Enveloppe zustellen, in der sich eine Fünfhundertfrancs-Note befand und ein paar eigenhändige Zeilen.«

Bichettes Augen wurden ganz groß und feucht. » Deshalb also diese wilde Farfouille?«

»Diese fünfhundert Francs werden sich noch wilder lohnen.«

Bichette warf sich ihm von neuem an den Hals. Dann stellte sie tausend Fragen, küßte ihn wahllos, lachte, kniff und biß und schien gar nicht zu bemerken, daß Fec sie verwundert lächelnd anstarrte.

*

Im Zimmer nahm Bichette sich nicht einmal Zeit, den Mantel abzulegen. »Fec, du bist wirklich großartig! Aber das kommt doch heraus. Ganz bestimmt kommt das heraus, Fec.«

»Keineswegs.« Fee knöpfelte kokett seine Glacéhandschuhe auf. »Daß man dich für Mistinguett hielt, war ein Irrtum. Du heißt ... hm, sagen wir – Thaller. Bichette Thaller. Im Grunde fliegen sie ja doch auch auf alles Fremde. Es wird einen ganz vortrefflichen Eindruck machen, daß man dich für jene Dame hielt. Ich aber bin der Baron Punschoff. Das ist nämlich der Name, unter dem ich außerhalb von Paris einigermaßen bekannt bin und den ich erst vor zwei Jahren ablegte, als ich an der großen Appetitlosigkeit zu leiden begann.« Fec zog bedeutsam die Brauen hoch und entledigte sich mit nonchalantem Wurf seiner Glacéhandschuhe.

Bichette, die unbeweglich zugehört hatte, ließ sich in ein Fauteuil fallen und musterte Fec mit einem schweren gläsernen Blick.

Fec tänzelte durchs Zimmer. Er wußte nicht recht, sollte er sich überlegen vorkommen oder nicht. Aber er war doch sehr vergnügt. »Morgen kaufe ich den Rest der nötigen Garderobe, internationale Hotel-Etiketten und große Koffer. Gut beklebt und geschickt zerkratzt und beschmiert, sehen sie jahrealt aus. So werden sie in die Aufbewahrungshalle des Bahnhofs gebracht und zwei Stunden später vom Hotel Ruhl abgeholt, in welches sehr angenehme Haus ich mit dir überzusiedeln gedenke.«

Bichette folgte ihm mit taumelnden Blicken. »Und das heißt man – sich in die Wälder zurückziehen.«

Fec tat einen gewaltigen Luftsprung vor Bichette hin, ließ sich zu ihren Füßen in die Knie sinken und dozierte, die Hände auf ihre Hüften gepreßt, steif und affektiert: »Denn die Landstraße verheißt den sichersten Erfolg, wenn man aus den Wäldern hervorbricht.«

»V'lan.« Bichette riß ihm mit einem Ruck die Krawatte auf. »Armer Panam!«

»Nein. Die Promenade des Anglais wird unsere Landstraße sein.«

Bichette packte ihn bei den Ohren, zog ihn jauchzend zu sich empor und sprudelte: »Bichon, hast einen guten Griff gemacht mit diesem Gouapard!«

»Augenblicklich nicht,« quietschte Fec und befreite seine brennenden Ohren.

»Aber jetzt erzähl mir alles!« Bichette nahm seinen Kopf in die Hände und drückte ihre Wange zärtlich auf seine Stirn. »Alles.«

»Alles?« Fec schnalzte mit der Zunge und versuchte, aufzustehen.

Aber Bichette hielt ihn mit einem unzüchtigen Griff fest und fragte ohne Unterlaß.

Fec genoß dieses Fragen und ihre Hände, die plötzlich mit noch unverwendeten Zärtlichkeiten aufwarteten. Von ihnen erregt und den atemlos wartenden Lippen fast noch süßer gezwungen, begann er zu antworten und schließlich zu erzählen ...

Auch im Bett sprachen sie noch. Nicht weniger lebhaft.

Der Bewohner des Nebenzimmers schleuderte fluchend viermal einen harten Gegenstand an die Wand. Ohne jeden Erfolg.

Als sie müde wurde, legte Bichette den Kopf auf Fecs Brust, der sofort schwieg. Und kurz darauf huben andere Geräusche an.

Noch einmal krachte im Nebenzimmer etwas an die Wand. Ohne jeden Erfolg.


 << zurück weiter >>