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Kölnisch-Wasser.

Novellette.


Unter den Fremden von »Distinction«, welche im verflossenen Sommer das weltberühmte F., einen der besuchtesten Badeorte Böhmens, mit ihrer Gegenwart beehrten, war eine junge Dame, die mit einem Söhnchen von vier Jahren und ihrer Kammerfrau aus Steyermark gekommen war, um Heilung für ihre leidenden Nerven zu suchen.

Daß Frau von Abensberg eine Leidende sei, war in ihrem Aeußern eigentlich sehr wenig zu erkennen; ihre schlanke und anmuthige Gestalt hatte alle die elastischen Bewegungen, welche sonst nur die Gesundheit verleiht; sie trug dabei ihren schönen, ausdrucksvollen Kopf ziemlich hoch und selbstbewußt aufrecht. Nur waren ihre Züge von einer sanften und interessanten Blässe angehaucht – jedoch immer nur so lange, bis in ihrer Umgebung oder im Gespräche etwas auftauchte, was sie anregte oder unterhielt; denn dann rötheten sich ihre Wangen, und sie nahm mit einer Leibhaftigkeit und einem Feuer an der Unterhaltung Theil, daß die Männer, welche die Ehre dieser anziehenden Badebekanntschaft hatten, sich oft lächelnd und verwundert über die merkwürdige Heilkraft, welche das Amüsement über die Leiden einer »nervösen« Frau ausübt, ansahen.

Unter diesen Männern, welche so glücklich waren, die erwähnte Ehre zu genießen, befanden sich vorzüglich drei Herren, die es sich angelegen sein ließen, bei der jungen Wittwe, denn das war Frau von Abensberg, Alles für diese Art von Kurmethode aufzuwenden, welche so viel rascher wirksam schien, als der heilkräftige Brunnen. Herr von Sorgau war Großherzoglich X'scher Kammerherr und Hoftheater-Intendant; Baron Kalesky nahm den Rang eines kaiserlich-königlichen Marine-Lieutenants ein und der Dritte, Baron von Busch endlich war ein – wie man ihm nachsagte, seit einiger Zeit in Ungnade befindlicher – Hofcavalier aus Süddeutschland, der sich mit unbestimmtem Urlaub schon lange auf Reisen befand, im Frühjahr – seiner Gesundheit wegen, wie er versicherte – in Paris gewesen war, und jetzt in den böhmischen Bädern mit außerordentlicher Gewissenhaftigkeit der Kur oblag.

Alle Drei, obwohl über die dreißig hinaus, waren – wenigstens nach der Schmucklosigkeit der linken Hand zu rechnen, unverheirathet. Und Frau von Abensberg war jung, war schön, war reich – sie war mit ihrem kleinen Sohne die einzige Erbin ihres verstorbenen Mannes, der hübsche Besitzungen in der Steyermark hinterlassen hatte, … die Aufmerksamkeit der drei Herren für die junge Frau war also offenbar nicht ganz unverfänglich und rein harmloser Art!

Doch Frau von Abensberg sorgte dafür, allen wetteifernden Galanterien durch ihre Art, dieselben aufzunehmen, den Charakter der Harmlosigkeit zurückzugeben. Ja, sie mißhandelte eigentlich ihre Verehrer sammt und sonders. Sie setzte ihren Ergebenheits-Betheuerungen eine großartige Geringschätzung entgegen: sie hatte täglich, schien es, neue Peinigungen für ihre getreuen Sklaven in Bereitschaft. Denn ihre getreuen Sklaven blieben sie einmal doch, Frau von Abensberg mochte es anstellen, wie sie wollte.

Sie hatte nun einmal das Unglück, voll amüsanter Einfälle, lebhaft und voll Geist zu sein: sie hielt dadurch ihre Verehrer fortwährend in Athem; sie mochte sagen, auf's Tapet bringen, um zu necken und zu quälen, was und wie immer es ihrem erfinderischen und schlagfertigen Geiste einfiel – sie spornte dadurch nur um so mehr das Verlangen ihrer Anbeter an, ihr eine bessere Meinung von sich beizubringen, und jeder der drei Herren schien diese Lebens- oder besser Badelebens-Angelegenheit um so hoffnungsvoller zu betreiben, je mehr ihm die Eitelkeit sagte, daß das bei einer so gescheidten Frau doch am Ende durchzusetzen sein müsse, und daß seine Verdienste zuletzt doch ihre glänzende Anerkennung finden würden.

Man hatte eine kleine Parthie zu Fuß und zu Esel in die Berge unternommen und ruhte jetzt bei einigen Erfrischungen in der Rebenlaube eines Dorfwirthshauses aus, welches das Ziel des Ausflugs bildete. Außer Frau von Abensberg waren noch zwei andere Damen von der Parthie, und unsere drei den Hof machenden Herren bildeten den Rest der Gesellschaft.

Man hatte von der Laube aus eine prachtvolle Aussicht auf das weite, grüne, von rothen Dächern und weißen Häusern durchsprenkelte Thalgelände, in dessen Mitte der Badeort mit all' seinen Kur- und Brunnenhäusern und herrschaftlichen Etablissements lag. Duftige blaue, in immer violetteren Tinten verschwimmende Höhenzüge schlossen den Horizont.

Eine der anwesenden Damen ergoß sich in Entzückungen über diese Gegend.

Man sieht, daß Sie in Norddeutschland, in der flachen Ebene daheim sind, Fräulein von Bork, fiel Frau von Abensberg endlich ein, sonst würden Sie über diese Berglandschaft en miniature nicht so in Entzücken gerathen.

Und ist sie denn nicht schön? fragte die junge Dame.

Wer die Steyerschen Alpen zu sehen gewohnt ist, dem schlägt das Blut schon ruhiger dabei, meinte Frau von Abensberg. Aber Sie, Herr von Sorgau, – Sie sind ja auch aus dem Norden –, warum schwärmen Sie nicht mit Fräulein von Bork im selben Enthusiasmus?

Sorgau blickte mit einem komisch-sentimentalen Ausdrucke zu Frau von Abensberg auf und sagte mit pathetischem Tone:

Wissen Sie denn, ob nicht auch meine Schwärmerei sich mehr, als mit diesen Thälern, mit den Steyerschen Alpen zu schaffen macht?

Lassen Sie ihm diese Declaration nicht hingehen, meine Gnädigste, fiel hier rasch der Marine-Lieutenant ein – er hat die Steyerschen Alpen nie gesehen!

Doch, doch, entgegnete Frau von Abensberg, denken Sie nur an sein Großherzogliches Hoftheater, da müssen sie ja sein, schon grün und rosenroth abgemalt, und weil Baron Sorgau einmal in die Theater-Reminiscensen gefallen ist, hat er gleich eine schöne poetische Declaration hinzugefügt – ist's nicht so, Herr Hoftheater-Intendant?

In der That nicht, Sie boshafte Frau – ich bin wahrhaftig klug genug, einer Dame wie Sie gegenüber, nicht Komödie spielen zu wollen – denn, sagt der Dichter:

Berechnest Du auch ganz genau
Die Rolle, so Du übernommen –
Bei einer schönen, klugen Frau
Wirst Du aus dem Concepte kommen!

Darum, fuhr der Kammerherr, die Hand auf das Herz legend, fort, werden Sie mich nie Ihnen gegenüber Komödie spielen sehen.

Also Tragediante! fiel Frau von Abensberg lachend ein, indem sie mit ihrem Fächer nach einer Mücke schlug, welche vor ihr umhersummte.

Aber, fuhr sie dann lebhaft fort – diese abscheulichen Mückenschwärme – Herr von Kalesky, weshalb rauchen Sie denn heute nicht, um sie uns fern zu halten?

Ich glaubte, es sei Ihnen nicht unangenehm, ein klein wenig umschwärmt zu sein, gnädige Frau, antwortete etwas ironisch der Marine-Offizier – deshalb habe ich meine Cigarren zu Hause gelassen.

Frecher Hohn der Wahrheit, sagte jetzt lachend Sorgau, vergnügt, daß er sich an Kalesky revanchiren konnte – wissen Sie, weshalb die Cigarren zu Hause geblieben sind? Blos, weil Sie, meine Gnädigste, ihm nachgesagt haben, er verbreite einen unausstehlichen Tabakparfüm um sich. Sein weiches Matrosengemüth hat dies so tief empfunden, daß er in demselben Augenblicke ein Gelübde gethan hat, nie wieder zu rauchen!

Herr von Kalesky erröthete etwas.

Ich habe darin nur das Beispiel des Herrn von Busch nachgeahmt, sagte er, der seine viel in Anspruch genommene Tabatière als Opfer zu den Füßen einer gewissen, mit einem äußerst sensitiven Riechorgan begabten Dame niedergelegt hat!

Ist das wahr, Herr von Busch – Sie schnupfen nicht mehr? Und Sie, Herr von Kalesky … nun wahrhaftig, sagte Frau von Abensberg lachend – Sie bringen mich in einen schönen Ruf, Sie werden mich für eine Mitverschworene von Ernst Mahner Ernst Mahner war um die Mitte des 19. Jh. ein Naturheilkundler, Asket und »Gesundheitsapostel«, der als Vortragsreisender seine Ideen verkündete; er wurde von den einen als Scharlatan verspottet, von anderen als Lehrer einer »heilbringenden Urgesundheitskunst« verehrt (so der ›Wasserarzt‹ Dr. Lorenz Gleich in einer Verteidigungsschrift Mahners, ›Über die Nothwendigkeit einer gänzlichen Umgestaltung der sogenannten Heilwissenschaft unserer Tage‹, Augsburg 1848, S. 1). – Anm.d.Hrsg. gelten machen! Das ist abscheulich.

Was sagen Sie dazu, fiel Herr von Sorgau hier, den Kopf wiegend, ein – ist das nicht stark, Ihr Herren: das größte Opfer –

Dessen ein Mann fähig ist! schaltete Frau von Abensberg dazwischen.

Das größte Opfer gebracht zu haben und zum Lohn noch Vorwürfe zu bekommen!

Herr von Kalesky und Herr von Busch waren offenbar etwas beschämt und verlegen, das Opfer ihrer Leidenschaft hier so offen und vor aller Welt ausgeplaudert zu sehen; jedoch faßte sich der in Ungnade schwebende Cavalier am ersten wieder.

Undank ist nun einmal der Welt Lohn, sagte er. Als Ulrich von Lichtenstein seiner Gebieterin den kleinen Finger opferte, warf sie ihm vor, daß er ja noch die neun übrigen habe! Wer nicht darauf gefaßt ist, …

Daß seine treuen Dienste mit Undank belohnt werden, neckte die junge Wittwe, der geht zur Herstellung seiner Gesundheit nach Paris und reist dann in die böhmischen Bäder, um sein Metier als verkannte Größe dort zu treiben!

Und dabei immer dasselbe Schicksal, die …

Nun, was wollen Sie sagen, fragte Frau von Abensberg, als Herr von Busch schwieg.

Und dabei immer dasselbe Schicksal: Ungnade zu finden! war der Hofcavalier zu sagen im Begriff gewesen – aber es hatte ihm der frivole Scherz nicht über die Lippen wollen – als ächtem Hofmann war ihm doch die Sache zu ernst und heilig, als daß er darüber scherzen konnte.

Herr von Busch hat offenbar einen großen Gedanken, dessen er uns nicht für würdig hält, fuhr die unbarmherzige junge Frau fort.

In der That, antwortete der Hofcavalier, es war auch ein großer Gedanke, ein Gedanke, der mein ganzes Schicksal umfaßte, und deshalb habe ich ihn nicht ausgesprochen, weil ich ja weiß, daß dies Schicksal nirgends weniger Sympathie, nirgends eine kältere und grausamere Theilnahmlosigkeit findet, als bei einer gewissen ruchlosen, bösen, unverantwortlichen kleinen Dame.

In dem scherzhaften und leichten Tone, womit Herr von Busch diese Worte sprach, lag etwas wie ein Ausdruck tieferer Empfindung, das Frau von Abensberg nicht entging. Sie sah ihn einen Augenblick beinahe verwundert an – aber gerade um jenes Ausdrucks willen war es vielleicht, daß sie nur desto lebhafter und rascher in ihrem früheren moquanten Tone fortfuhr:

Und weshalb sollte man Theilnahme für Ihr Schicksal empfinden – das Herz einer Frau ist zu Besserem geschaffen, als sich um etwas zu grämen, was immer nur in der Eitelkeit seinen Grund hat, denn aus ihrer Eitelkeit kommen alle Schicksale der Männer.

Was zu beweisen wäre! meinte Kalesky, der Marine-Offizier, mit trocken-kaustischem Tone.

Den Beweis will ich Ihnen gleich geben, Herr von Kalesky – fuhr die junge Wittwe eifrig fort; – unser, der Frauen Unglück rühre daher, daß wir uns »unverstanden« wähnten, sagen die Männer. Nun wohl, ich sage, der Männer Unglück rührt daher, daß sie sich selbst nicht verstehen, oder sich nicht nach dem richtigen Werth zu schätzen wissen. Nennen Sie mir Ihre Schicksale und …

O, unser Schicksal ist bald genannt! fiel Sorgau hier ein – wir schmachten alle Drei nach der Gnade einer grausamen Dame und werden alle Drei gleich schlecht behandelt!

Wenn Sie sich nun sagten, daß diese Art der Behandlung ganz und gar mit dem Niveau der intellectuellen und moralischen Höhe in Harmonie stehe, welche die drei Herren auf der Stufenleiter der Vollkommenheit bis jetzt erklommen haben – wäre da nicht gleich Ihren Klagen ein ganz befriedigendes Ende gesetzt? Was ist es denn, was Ihnen mit so dämonischer Lust am Irreführen zuflüstert, Sie verdienten etwas Besseres, und was Ihnen einen andern und chimärischen Maßstab Ihres Werthes in die Hand giebt?

Aber Agnes, Agnes, fiel hier Fräulein von Bork, welche vorhin die Gegend so bewundert hatte, ein – Sie haben eine colossale Aufrichtigkeit –

Aufrichtigkeit – also solche Complimente, wie sie uns gemacht werden, nennen Sie aufrichtig, mein Fräulein? versetzte Herr von Busch; in der That, Sie haben noch nöthig, so die böse Zunge dieser schonungslosen Frau zu unterstützen!

Fräulein von Bork wollte antworten, aber Frau von Abensberg hatte schon wieder das Wort ergriffen:

Soll ich in meinen Beweisen fortfahren, Herr von Kalesky? sagte sie. Die Männer wollen immer etwas haben oder etwas sein, und wenn sie das nicht bekommen oder das nicht werden, so ist, klagen sie bitter, die Härte ihres Schicksals daran Schuld. Aber fiele nicht von selbst zusammen, was ihren bittern Lebensschmerz bildet, sobald sie sich sagten, daß sie ja im Grunde gar nicht verdienten, vom Schicksal anders behandelt zu werden, ihr sehnsüchtig erstrebtes Ziel zu erreichen? Sie z. B., Herr von Kalesky, brauchen sich nur zu sagen, daß Sie eigentlich wohl nicht im Stande seien, als gestrenger Kapitain eine »Marianna« oder »Elisabeth« oder »Bellona« oder wie sie heißen, diese gefährlichen Damen, denen Ihre Pagendienste gewidmet sind, zu commandiren; daß solch ein schönes Schiff ganz gewiß von Ihnen recht unverständig geführt werden, daß es von Ihnen ohne Zweifel in Untiefen und zwischen Klippen gebracht werden würde; daß Sie dann sicherlich ganz verkehrte Manöver befehlen würden; daß Sie darüber den Kopf verlieren würden und die Mannschaft den Muth, nachdem die armen Matrosen sich so bitter in ihrem Vertrauen auf ihren unzuverlässigen Führer getäuscht gesehen; daß die unausbleibliche Folge sodann der Untergang des vortrefflichen Schiffes mit Mann und Maus sein würde – sehen Sie, das Alles brauchen Sie sich nur recht oft zu sagen, und Sie sind zeitlebens ein glücklicher Mensch, zufrieden mit dem Loose eines perennirenden Marine-Lieutenants, und voll Dank zum Himmel, daß er Ihnen die Kapitäns-Epauletten nicht verliehen hat.

Alle lachten und Frau von Abensberg fuhr deshalb mit demselben Muthwillen fort:

Und mag Jeder sich prüfen von den stolzen Herren Männern – ihr Unglück liegt immer in der Eitelkeit – ja auch bei Ihnen ist es so, Herr von Busch – Sie dürfen sich nur sagen, daß Sie, als ein leichtsinniger Mensch, der vielleicht den Frevel so weit getrieben hat, in Gegenwart seines gnädigsten Herrn mit der Hofdame geschäkert zu haben, nichts Besseres verdienen, als in allerhöchster Ungnade zu stehen und zeitlebens darin zu verbleiben – und ihr Gemüth wird augenblicklich vom stillen Frieden der Ergebung und von aller innern Heiterkeit überschattet werden, welche der Weise genießt.

Sie sind heute wieder so boshaft, daß gar kein Auskommen mit Ihnen ist! sagte Busch mit einem tiefen Seufzer.

Ihre Philosophie ist eigentlich doch etwas, in dem ein sehr großer Fond von Wahrheit steckt – meinte Fräulein von Bork – nur sollten Sie auch uns Frauen solch eine Panacee für allen Lebensschmerz geben!

O, bei uns Frauen ist das so leicht nicht. Wir wollen nicht wie die Männer etwas haben oder werden – wir wollen nur fühlen: aber es ist unser Schicksal, daß wir keine Gegenstände finden, die würdige Objekte eines Gefühls sind – sehen Sie, das ist es, weshalb es heißt:

»Der Frauen Schicksal ist beklagenswerth!«

Immer schlagfertig! sagte Herr von Kalesky – und deshalb ist es auch nichts mit dem Trost, den Sie mir eben für mein Schicksal, noch immer nicht mein eigenes Schiff zu haben, gegeben; ich muß ja denken, wenn du sähest, daß du in der That in einer Gefahr damit nicht mehr aus noch ein wüßtest, würdest du Frau von Abensberg das Commando übertragen – die verlöre sicher den Kopf nicht!

Vorausgesetzt, Frau von Abensberg hätte vorher Lust gehabt, mit Ihnen sich in ein Schiff zu setzen und sich einem launigen, trügerischen, treulosen Elemente anzuvertrauen, versetzte die junge Wittwe mit Betonung.

C'est pour vous, Kalesky! fiel lachend Sorgau ein.

Sollte denn wirklich Nichts Sie aus der Fassung bringen können? fragte Herr von Busch.

Es käme auf den Versuch an! meinte Sorgau.

Schwer würde es allerdings sein, es fertig zu bringen, sagte Kalesky, und jedenfalls müßte Frau von Abensberg irgend eine kleine Prämie für die Mühe aussetzen.

Würden Sie, wenn ich es fertig brächte, mir erlauben, fragte der Hoftheater-Intendant, auf Ihrem Gute in der Steyermark meine Begriffe über die Alpen zu berichtigen und danach meine Theaterdekorationen zum Tell und der Schweizerfamilie verbessern zu lassen?

Und uns ebenfalls dieselbe Gunst gewähren, Sie in Ihrem chez soi wiederzusehen? fragte Kalesky.

Frau von Abensberg hatte sich so in eine heitere und muthwillige Laune hineingeredet, daß sie lachend ausrief:

O, weshalb nicht? Strengen Sie nur Ihre Erfindungsgabe an, um mich aus der Fassung zu bringen. Aber wohlgemerkt, Sie dürfen nichts thun, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen, denn eine nervenschwache Frau, wie ich bin, zu erschrecken – das ist leicht – Sie dürfen nur etwas sagen und müssen sich als gute Unterthanen dabei strenge nach unsern alten Censurvorschriften richten –

Nichts gegen Moral, gute Sitten und vom Staate anerkannte Religions-Gesellschaften! fiel Sorgau ein.

Nun wohlan, der Pact ist geschlossen! sagte Kalesky.

Sie sagen das so kaustisch, daß ich mich schon vor Ihnen fürchte – es ist gut, daß ich alle praktischen Späße ausgeschlossen habe; Herr von Kalesky würde sonst heute noch im Schatze seiner Erinnerungen alle zarten Matrosen-Neckereien aufwühlen!

Und vor mir fürchten Sie sich nicht? fragte Herr von Sorgau?

Glauben Sie, Sie hätten ein Privileg, zu erschrecken, weil die Tragödie da ist, um Furcht und Mitleiden zu erregen? O nein, bei mir hat, Theaterscenen gegenüber, immer stilles Mitleid die Furcht überwogen!

Herr von Sorgau wechselte in diesem Augenblick etwas die Farbe.

Boshafte Frau! sagte er, und setzte im Stillen pikirt hinzu: das sollst du mir büßen.

Auf dem Heimwege, welchen man jetzt antrat, war Herr von Busch gleichwohl noch verstimmter und schweigsamer als Sorgau. Von den drei Herren, welche so offen und unumwunden ihre Bewunderung für Frau von Abensberg eingestanden, war er eigentlich der Einzige, dessen Bewerbungen ein tieferer Ernst zu Grunde lag. War auch von keiner eigentlichen Leidenschaft bei dem in Ungnade gefallenen Hofmanne die Rede, so lag es doch schon in seiner jetzigen Stimmung, in dem Ueberdruß an seinem nun schon monatelangen ziellosen Umherschweifen in der Welt, in dem Wunsch, an einem warmen häuslichen Heerde ein Asyl zu finden, was ihm die Hand der schönen jungen Frau höchst begehrenswerth erscheinen ließ; wozu denn freilich das Herz, das sich von der Schönheit und dem elastischen Geiste, dem Witz und der Lebhaftigkeit der Frau von Abensberg gefesselt fühlte, auch seine und zwar ziemlich laute Stimme mischte. Und gerade deshalb war er verstimmt.

Herr von Busch besaß in ganz gehörigem Maße das, was die junge Wittwe die Grundursache alles Männerunglücks nannte, nämlich Eitelkeit; dennoch, auch wenn er Alles aufbot, was davon in ihm lag und dann geleitet davon das Betragen der schönen Frau deutete – er vermochte nichts zu entdecken, kein Wort, keinen Blick, keine Miene, woraus er Hoffnungen für sich ziehen oder was er auf eine Weise auslegen konnte, als ob sie ihm vor den zwei andern Bewerbern nur den leisesten Vorzug gebe.

Deshalb war er heute denn auch niedergeschlagen, mißvergnügt und gereizt; und als man sich unten im Badeorte auf der großen Promenade trennte, um in seine respectiven Wohnungen zurückzukehren, nahm er keinen Theil an den eifrigen Versicherungen der beiden andern Herren, daß sie ihrerseits Alles thun würden, die Aufgabe zu lösen, welcher ein so schöner Preis gesetzt sei.

Nur Alles innerhalb der Schranken respectvoller Galanterie! sagte lachend Frau von Abensberg.

Das versteht sich!

Herr von Busch hat schon seinen Plan vollständig fertig, fuhr sie fort – deshalb ist er so stille und sagt kein Wort! –

Nicht doch, meine Gnädigste – Sie sind vollständig im Irrthum – ich werde gar nicht um den von diesen Herren so heiß begehrten Preis ringen!

O sieh doch, versetzte die junge Frau etwas betreten – sehen Sie die Trauben hangen an den – Steyerschen Alpen?

Vielleicht – vielleicht ziehe ich auch vor, Sie gerade so zu erblicken, wie Sie immer sind, und sehne mich nicht danach, Sie außer Fassung gebracht zu sehen!

Wenn das Ihr Ernst, Herr von Busch, so haben Sie zwar noch nicht mich, aber jedenfalls diese zwei andern Herren durch solche Zartheit der Gesinnung außer Fassung gebracht!

Damit grüßte die junge Frau mit einer lächelnden Kopfbewegung und verließ am Arme der Fräulein von Bork die Gruppe.

Sie ist gar bös, die kleine Frau, sagte Herr von Kalesky, als die drei Männer allein ihres Weges wandelten, der sie eine Strecke weit noch zusammen hielt.

Und klug, lieber Kalesky, fiel Herr von Sorgau ein, bei Der ist alle Ihre Mühe reine Verschwendung – Die weiß längst, daß Ihr Seeleute in jedem Haupthafen, wo Ihr vor Anker zu gehen pflegt, eine Frau habt …

Was hätten wir? unterbrach ihn der Marine-Lieutenant, stehen bleibend und mit dem aufrichtigsten Tone der Verwunderung von der Welt.

Nun kommen Sie nur, das ist ja eine altbekannte Geschichte – Ihr Seewölfe lebt alle in drei- oder vierfacher Polygamie; deshalb schlagen Sie sich auch nur Frau von Abensberg getrost aus dem Kopf, die nimmt keinen Seemann!

Nun, das muß ich sagen! rief der ehrliche Marine-Lieutenant aus, der sich noch immer nicht von seinem Entsetzen über die perfide Anschuldigung erholen konnte.

Und, fuhr lachend Herr von Sorgau fort, da Herrn von Busch nun einmal das Schicksal verfolgt, beim Hofmachen kein Glück zu haben, so solltet Ihr Herren Euch Beide die unnütze Mühe ersparen und mir freies Spiel lassen!

Ach, seien Sie nicht übermüthig, Sorgau, fiel Herr von Busch ihm in die Rede – um sich hinter die Coulissen Ihres Hauswesens schieben zu lassen, dazu ist sie auch zu klug! Aber hier ist meine Wohnung. Adieu, Ihr Herren!

Ma foi! sagte der Hoftheater-Intendant – haben Sie gehört, Kalesky, in welchem bittern, beinahe beleidigenden Tone Busch das vorbrachte? Wahrhaftig, ich fange an, etwas zu begreifen. Der Mann ist ernstlich verliebt!

Und Beide brachen in ein lautes Gelächter aus.

Als Busch seine Wohnung erreichte, fand er seinen Bedienten im Gespräch mit einem Manne, der sich nicht zurückweisen lassen und den Herrn sprechen wollte, obwohl ihm der Diener versicherte, derselbe sei nicht zu Hause. Der Fremde hatte ein kleines in Wachstuch gehülltes Paquet unter dem Arme, das er jetzt, bei dem Anblick des rückkehrenden Herrn, rasch aufzuknüpfen begann, während er zugleich mit großer Unterwürfigkeit um die Ehre bat, den gnädigen »Herrn Grafen« allein sprechen zu dürfen. Auch befand er sich mit Busch schon in dessen Zimmer, bevor dieser noch ein Wort auf seinen Redestrom hatte antworten können. Drinnen war der Inhalt des Paquets alsbald auf dem nächsten Trumeautische ausgepackt – es waren mehrere Cigarrenproben und ein Paar Kistchen mit Kölnischem Wasser, was der Mann bei sich führte.

Ach, geht mir mit Eurer geschmuggelten Waare, sagte Herr von Busch mißmuthig – ich brauche nichts, durchaus nichts!

Aber sie sind ächt, ganz ächt, Herr Graf, kann Sie versichern, ächte Havannah, direkt aus Hamburg bezogen – unsern schlechten Ungarischen Dreikönig werden doch ein solcher Herr nicht rauchen …

Ich rauche aber gar nicht, mein lieber Mann, und kümmere mich den Henker um die Reiseroute Ihrer Cigarren –

Ja freilich, sagte der Händler, dann freilich – aber von diesem Eau de Cologne nehmen mir der gnädige Herr Graf sicher was ab – wahrhaftig, Eure Gnaden, es ist vom ächtesten, ältesten Johann Maria Farina, der nur in der Welt zu finden ist, zum bloßen billigsten Fabrikpreise …

Ach, lassen Sie mich, ich mag mit Ihrem heimlichen Schmuggelhandel nichts zu schaffen haben! versetzte Busch sich abwendend.

Aber der hartnäckige Colporteur, der in dem weniger streng abweisenden Tone des »Herrn Grafen« bereits eine Einwilligung desselben zu erblicken schien, ergriff rasch ein reines Foulardtuch, welches auf dem Trumeautische lag, und goß aus einem großen Flacon, das er aus der Tasche hervorzog, eine Fluth der duftigen Essenz auf die weiche Seide.

Bitte gar schön, Eure Gnaden, versuchen's halt einmal! sagte der geschäftige Mann jetzt, und Herr von Busch mußte ohne Gnade sein Geruchsorgan zur Prüfung des Odeurs hergeben, da ihm im nächsten Augenblicke schon das Tuch dicht unter die Nase gehalten wurde.

Um den zudringlichen Menschen nur fortzuschaffen, sagte er:

Lassen Sie in Gottes Namen eins von den beiden Kästchen hier – draußen wird mein Diener Ihnen den Preis zahlen.

Der Mann machte eine tiefe Verbeugung, schlug sein Paquet so hastig wieder zusammen, als er es entfaltet hatte und verließ rücklings mit vielen Reverenzen und sich für das nächste Mal empfehlend das Zimmer. –


Zwei oder drei Tage vergingen. Das Wetter war schlecht geworden und da es Jedermann in seiner Wohnung zurückhielt, so sah man sich weniger. Herr von Kalesky vertrieb sich die Zeit durch fleißiges Billardspiel; Herr von Sorgau ließ sich am wenigsten blicken, er widmete alle Zeit, wie Kalesky behauptete, dem Nachsinnen, wie er Frau von Abensberg aus der Fassung bringen könne, was doch, – meinte der Marine-Lieutenant, – so leicht sei, er solle ihr nur drei Tage lang die Leitung seines Hoftheaters übergeben, da werde sie oft genug aus der Fassung kommen. –

Herr von Busch ging fleißig mit dem Regenschirm spazieren. An zwei Abenden hatte er Frau von Abensberg auf ein paar Stunden bei befreundeten Familien gefunden. Sie schien dann abgespannt, nervös, und war, gegen ihre Gewohnheit, theilnahmlos gegen das Meiste, was gesprochen wurde. Sollte Busch es zu seinen Gunsten deuten, daß er zuweilen bei plötzlichem Aufblicken wahr nahm, wie ihr Auge auf ihm ruhte? Er durfte es nicht, denn sie wandte ihren Blick dann nicht rasch und verlegen von ihm ab, sondern so ruhig, kalt und langsam, wie ein Maler, der eine Gesichtslinie studirt hat. Und ihre apathische Stimmung hatte etwas Ansteckendes, Niederdrückendes für ihn; so kam es, daß Herr von Busch endlich sich sagte: wozu eigentlich bin ich hier und lasse mich immer tiefer in die Bande dieser Circe verstricken? Den hoffnungslosen, schwärmerischen Anbeter zu spielen, der in platonischer Begeisterung sein: »Wenn ich Dich liebe, was geht's Dich an?« spricht, und glücklich ist, wenn er »erröthend ihren Spuren folgen« darf – das ist keine Rolle, in die ich mich zu schicken Lust habe!

Herr von Busch beschloß demnach abzureisen und sprach diesen Entschluß auch in Gegenwart von Frau von Abensberg aus.

Sie wollen in der That fort, Herr von Busch? fragte sie lebhaft.

Nach Venedig, meine Gnädigste.

Nach Venedig! wiederholte sie nachdenklich, als ob das Wort eine eigenthümlich anziehende Ideen-Verbindung in ihr erwecke, oder als ob es gar eine Sehnsucht, einen Wunsch in ihr heraufbeschwöre.

Was wollte sie mit ihrem: Nach Venedig! sagen, fragte Herr von Busch sich etwas betroffen, als er Abends aus der kleinen Gesellschaft heimkehrte – lautete das nicht beinahe wie ein sehnsüchtiger Stoßseufzer? Er war nahe daran, seine Reise doch noch auf ein paar Tage auszusetzen – am andern Morgen war jedoch der kaltblütige Verstand in ihm wieder wach und stark genug, um ihn von etwas zurückzuhalten, was ihn, wie er sich jetzt sagte, vielleicht nach vierundzwanzig Stunden schon zum Gegenstande des eigenen Spottes gemacht haben würde. Und doch sollten ihm diese nächsten vierundzwanzig Stunden eine so ganz andere Ansicht der Sache bringen!

Ein großer Theil der vornehmen Badegäste speiste zu Mittag in einem großen Hotel, in welchem Frau von Abensberg ihre Wohnung genommen hatte; auch Herr von Busch, Kalesky und Sorgau versammelten sich dort zur Tafel, obwohl sie nicht im Hause wohnten. Als Busch am andern Tage um die Eßstunde sich hierhin begab, und den großen Speisesaal betrat, fand er, daß er einer der zuerst Erscheinenden war; am obern Ende des Raumes waren einige Männer versammelt, die sich lebhaft in ein politisches Gespräch vertieft hatten. Busch ging an ihnen vorüber, an das entgegengesetzte untere Ende des Saales, wo sein und seines Bekanntenkreises gewöhnlicher Platz war.

Er nahm hier zum Zeitvertreib, bis der Augenblick des Servirens gekommen, ein Tageblatt von einem Nebentisch und setzte sich damit auf eines der kleinen Tabourets, die in der Brüstung der Fenster standen, von den grünen Damastfalten der Vorhänge so verdeckt und verhüllt, daß man vom Saale aus ihn nicht wahrnahm. Hier mochte er etwa zehn Minuten gesessen haben; oben in dem langen Räume waren nach und nach einige Gäste mehr eingetreten; im untern Theile noch Niemand – jetzt aber öffnete sich auch hier die Flügelthüre und Frau von Abensberg, ihren kleinen Sohn, ein blasses blondlockiges, sehr hübsches, aber ängstlich zartes Kind, an der Hand, trat ein. Busch blickte, ohne sich zu rühren, von seinem Blatt auf und beobachtete sie. Sie nahm ihr Augenglas und warf einen Blick, der sehr rasch und gleichgültig wieder zurückkehrte, auf die Gruppe der Gäste fern am obern Ende des Saales. Dann schritt sie langsam an dem gedeckten Tische und an der Reihe der Couverts bis zu dem ihrigen hinab. Hier beugte sie ihr Gesicht etwas über die Serviettenbänder, welche rechts und links die nächsten bei ihrem Platze waren, wie um zu sehen, welche Nachbarn bei ihrem heutigen Diner der Zufall oder das Belieben des Kellners ihr gegeben.

Drei Couverts von dem ihrigen entfernt sah Busch sein eigenes, aus leichtem Silber getriebenes und mit seinem Namen versehenes Serviettenband liegen; er sah, wie Frau von Abensberg den Namen darauf las – dann das Gesicht emporhob und einen Blick nach dem obern Theile des Saales warf, gewiß um zu sehen, ob sie beobachtet werde – und dann, wie sie – wahrhaftig, Busch sah es mit seinen eigenen guten, hellen Augen, denn sonst würde er es in der That nicht geglaubt haben – dann sah er, wie Frau von Abensberg seine Serviette nahm und sie rasch vertauschte mit derjenigen, welche ihrem eigenen Couverte rechts zunächst lag.

Dem hinter der Fenstergardine versteckten Beobachter schlug laut das Herz bei diesem Anblick. Er hätte es nicht wagen dürfen, jetzt gleich hervorzutreten, denn es wäre ihm nicht möglich gewesen, den innern Jubel, der seine Seele erfüllte, unter der Maske alltäglicher Stimmung zu verbergen. Er blieb sitzen und wartete, in Gedanken und Träumereien von unaussprechlich angenehmer Art versunken, bis der Saal sich mehr gefüllt haben werde.

Dies war übrigens jetzt sehr bald der Fall, und als die meisten Sessel von den herbeiströmenden Gästen eingenommen waren, tauchte nun auch Busch auf, gab sich mit der gleichmüthigsten Miene von der Welt den Anschein, als ob er sein Couvert suche, und setzte sich dann, wo er es fand, das heißt zur Rechten der schönen Frau, welche links neben sich ihren kleinen Sohn hatte.

Frau von Abensberg erwiederte seine Verbeugung mit ruhiger Freundlichkeit – Herr von Busch aber begann das Gespräch mit einem solchen Gefühl inneren Triumphs, in einer solch übermüthigen Stimmung, daß alle Schwingfedern seines Geistes in ihre lebhafteste Thätigkeit geriethen und seine Unterhaltung heute »moussirte«, wie der trefflichste Schaumwein.

Frau von Abensberg wurde von dieser anregenden Conversation immer mehr in Heiterkeit gebracht und endlich lachte sie oft über die Einfälle und witzigen Bemerkungen oder drolligen Redewendungen ihres Nachbars beinahe lauter als es schicklich war. Als die Tafel zu Ende war und sie aufstand, um in ihre Zimmer zurückzukehren, fragte sie:

Wollen Sie wirklich nach Venedig reisen, Herr von Busch?

Morgen in aller Frühe, versetzte er, und dabei leuchtete etwas in seinen Augen und spielte um seinen Mund, was die junge Wittwe auch nicht im Entferntesten als das, was es war, nämlich ein klein wenig eitelster Schadenfreude zu deuten sich einfallen ließ. Sie antwortete nicht, denn Fräulein von Bork, welche in einiger Entfernung von unserem Paare ihr Couvert gehabt hatte, kam in diesem Augenblick heran, um mit Frau von Abensberg auf ihre Zimmer zu gehen.

Unser Hofcavalier pflegte nach dem Diner, zusammen mit Kalesky und Sorgau, seinen Kaffee in dem großen Conversationshause zu nehmen. Heute wurde er dieser Gewohnheit untreu. Er begab sich sofort in seine Wohnung und befahl seinem Bedienten, die bereits gepackten Koffer wieder auszupacken, da er nicht reisen werde.

Es mochte fünf Uhr sein, die langweiligste Tagesstunde bei diesem müßigen Badeleben, wo die Nachmittagbeschäftigung glücklich zu Ende gebracht, aber der Abendzeitvertreib noch nicht begonnen, ja noch nicht einmal zweifellos gesichert ist. Busch wollte eben ausgehen, als sein Diener die Zofe von Frau von Abensberg bei ihm einführte. Die gnädige Frau, lautete die Meldung, lasse den Herrn Baron ersuchen, vor seiner Abreise noch ihr auf einen Augenblick die Ehre seines Besuches zu schenken.

Herr von Busch sprang auf, er ließ mit sehr großer Lebhaftigkeit Frau von Abensberg seine Empfehlungen melden, mit dem Zusatz, daß er sehr bald aufwarten werde.

Das geschah denn auch, sobald eine äußerst sorgfältige Revision seiner Toilette, die Busch alsogleich vornahm, beendet war. Als er bei Frau von Abensberg eintrat, fand er die heitere Stimmung, in welche seine Tischconversation sie gesetzt hatte, dem Anschein nach völlig verschwunden. Auf ihren schönen blassen Zügen lag etwas wie innerlicher Frost, ja noch mehr, beinahe wie Unruhe. Dem Hofcavalier wallte das Herz über bei dem Gedanken, woher diese Unruhe entspringe; eine Unterredung, wie die, welcher sie entgegen ging, ein Geständniß – wie schwer mußte das einer Frau von dem Naturell der jungen Wittwe werden – in der That, trotz allen Triumphes, trotz der kleinen Schadenfreude, welche sich in diesen Triumph über eine Frau mischte, die ihn so lange und so arg gemißhandelt hatte – trotz alles dessen bekam in Busch augenblicklich das gute Herz und seine wirklich aufrichtige Neigung für die junge Wittwe die Oberhand und er beschloß, ihr großmüthig entgegenzukommen.

Ich habe Sie bitten lassen, Herr von Busch, begann sie, nachdem sie ihm angedeutet hatte, zu ihrer Seite in einem Fauteuil Platz nehmen – um mit Ihnen, bevor Sie abreisen, noch einen Augenblick ungestört zu reden.

Herr von Busch erwiederte diese Einleitung des verhängnißvollen Gesprächs durch eine stumme Verbeugung.

Sie wissen, fuhr Frau von Abensberg fort, ich bin eine alleinstehende Frau, und wenn die Unabhängigkeit, welche mit diesem Alleinstehen verbunden ist, auch wie ein großes Glück aussieht, so sind doch auf der andern Seite damit Sorgen und Aufgaben verknüpft, denen eine Frau wieder oft kaum gewachsen ist – aber weshalb sehen Sie mich dabei so schalkhaft lächelnd an?

Herr von Busch ergriff ihre über die Lehne ihres Sopha's niederhängende Hand und führte sie an seine Lippen.

Weil ich die kluge Wendung bewundere, womit Ihr spröder Geist selbst das Glück, welches er gewähren will, noch in eine Grausamkeit zu hüllen weiß! Julie – ich liebe Sie zu aufrichtig, meine Leidenschaft für Sie ist zu tief und zu innig, als daß ich nicht ahnte, nicht wüßte, was dieses stolze Herz mir zu gestehen über sich gewonnen hat! Aber weshalb nun nicht gleich gestehen, daß ein unendlich wahres und mächtiges Gefühl Ihren harten Sinn rührte und daß es endlich ein Echo in Ihrer Brust zu wecken verstand – weshalb mir sagen, daß es die Sorgen einer schutzlosen, vereinsamten Frauenexistenz sind, welche Sie bewegen, meine Huldigungen aufzunehmen?

Frau von Abensbergs schöne Züge waren noch blässer geworden, als sie vorhin gewesen und bei den letzten Worten des Hofcavaliers war sie wie erschrocken und mit weit geöffneten, verwunderten Augen rasch von ihm fortgerückt.

Herr von Busch hatte sich dadurch nicht irre machen lassen; er ließ sich auf ein Knie vor der schönen Frau nieder und indem er abermals ihre Hand ergriff, fuhr er fort:

Julie – machen Sie mich gleich ganz glücklich, indem Sie mir sagen, was ich ja doch weiß, – daß Sie mich doch ein klein wenig wieder lieben!

Die junge Frau sprang auf und nahm jetzt vor ihrem knieenden Verehrer vollständig die Flucht.

Aber um des Himmels willen, rief sie aus und Thränen traten in ihre Augen – was habe ich gethan, Herr von Busch, um Sie zu dieser Annahme zu berechtigen? Oder spielen Sie Komödie und ist dies nur eine Folge meiner unbesonnenen und übermüthigen Herausforderung, daß mich nichts aus der Fassung bringen werde – dann, wahrhaftig, sind Sie nahe daran, ihre Wette vollständig gewonnen zu haben.

Herr von Busch glaubte sich seiner Sache zu sicher, als daß er sich so rasch hätte irre machen lassen –

Nun, so hören Sie denn, Sie indomptable kleine Frau, daß ich Sie beobachtet habe, und daß Sie sich heute verrathen haben …

Ich? verrathen?

Verrathen – durch ein ganz kleines Zeichen, aber ein Zeichen, worüber Sie mich beinahe vor lauter Glück hätten den Verstand verlieren machen … wer hat heute durch eine heimliche Kriegslist einen gleichgültigen Tischnachbar von sich entfernt, und sich dafür einen Andern an die Seite practicirt, der …

O, mein Gott! sagte Frau von Abensberg, wie aus den Wolken gefallen – und das haben Sie gesehen? Nun freilich, da muß ich mit einem Geständniß heraus – das habe ich allerdings gethan – ich fand einen alten verabschiedeten Oberstlieutenant mir zur Seite placirt, der nach einem mir entsetzlichen Odeur, nach Moschus riecht – da wechselte ich denn die Servietten um, und legte die Ihrige mir zur Seite, weil Sie seit einigen Tagen nach dem allerächtesten Kölnischen Wasser duften, für das ich schwärme – Sie kennen ja meine schwache Seite, was Parfüms angeht!

Die Reihe, aus den Wolken zu fallen, war jetzt an Herrn von Busch gekommen.

Das war es? sagte er unbeschreiblich kleinlaut – das? Aber, um's Himmels willen, wozu denn diese Unterredung vor meiner Abreise, zu welcher Sie mich bitten ließen und die Sie so feierlich begannen?

Ganz einfach, weil ich Sie um einen kleinen Dienst in Venedig, wohin Sie reisen wollen, zu bitten beabsichtigte. Ich wollte Ihnen mittheilen, daß mein Mann mir die Sorge um eine beträchtliche Erbschaft, welche ihm in Venedig heimgefallen ist, hinterlassen hat; daß diese Angelegenheit dort den Händen eines Geschäftsmannes anvertraut ist, aber nun seit Jahren schon nicht weiter rückt; daß mir ein Mißtrauen wider den mit der Sache Beauftragten gekommen, und daß ich, weil ich mir nicht anders zu helfen weiß, Sie bitten wollte, in Venedig eine kleine Erkundigung nach dem Rufe, dem Charakter und den Verhältnissen dieses Mannes anstellen und mir ein paar Zeilen darüber schreiben zu wollen! –

Herr von Busch hatte alle seine im Hofdienst geübte Geistesgewandtheit nöthig, um den Schein einer gewissen Ruhe zu behaupten. Und doch gelang es ihm kaum.

Ich habe mich also grausam getäuscht, sagte er, sich in seinen Fauteuil werfend und mit außerordentlich niedergeschlagener Miene den Kopf auf die Hand stützend; und das Bitterste ist, daß ich Ihnen ja jetzt nicht einmal mehr sagen darf, wie grausam!

In dem Tone äußerster Zerknirschung, womit Busch diesen Stoßseufzer eines tiefgedemüthigten Herzens begleitete, schien etwas zu liegen, was Frau von Abensberg rührte. Schloß sie daraus, daß doch in dem Herzen dieses Mannes etwas für sie lebe, was mehr verdiene, als ihren bisherigen Uebermuth und ihre spöttische Zurückweisung? Eine Weile schwieg sie. Wahrhaftig, sagte sie dann mit einer bedeutsamen Betonung und einem ganz eigenthümlichen Blick auf ihren niedergeschmetterten Anbeter – wahrhaftig, Herr von Busch, Sie haben es zu Stande gebracht, mich außer Fassung zu setzen!

Busch blickte rasch und betroffen auf. Ihr Blick begegnete groß und wohlwollend dem seinen. Er ergriff noch einmal ihre Hand.

Nun, dann wohl, rief er aus. Dann verlange ich mein Recht! Sie haben Ihr Wort gegeben! Diese Unterredung ist dann nicht die letzte zwischen uns – ich darf in Ihre Heimath kommen und darf dort Sie wieder sehen?

Wenn Sie meinen Auftrag in Venedig ausgerichtet haben, wird es mich freuen, wollen Sie mir mündlich das Ergebniß mittheilen, antwortete Frau von Abensberg mit leiserem Tone und indem sie erröthend ihrem Verehrer ihre Hand entzog. Und nun ergriff sie rasch als Auskunftsmittel, um sich vor der Verlegenheit des Augenblicks zu retten, die Gelegenheit, Herrn von Busch ausführlich die näheren Umstände der Angelegenheit mitzutheilen, worin er ihr einen Dienst leisten sollte.


Es war am Abende dieses Tages eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft von, unsern Helden mehr oder weniger bekannten, Badegästen in den Zimmern der Fräulein von Bork versammelt. Als Frau von Abensberg eintrat, kamen beinahe die sämmtlichen Damen und mehrere der Herren ihr lebhaft entgegen – nur Herr von Sorgau blieb mit einem maliciösen Lächeln beobachtend im Hintergrunde stehen.

Ist es wahr? rief es ihr von allen Seiten entgegen – man darf Ihnen Glück wünschen?

Wozu? fragte Frau von Abensberg verwundert.

Herr von Sorgau versichert es – Sie seien mit Herrn von Busch verlobt und würden in den nächsten Tagen ihm in die Seebäder von Venedig folgen!

Frau von Abensberg schüttelte ruhig lächelnd und mit der Hand abwehrend den Kopf.

Nichts wie ein schlechter Spaß! sagte sie, womit Herr von Sorgau eine Wette gewinnen will – aber, mein Herr von Sorgau, setzte sie hinzu, indem sie diesem näher trat und ihre Stimme etwas dämpfte – damit bringen Sie mich nicht ans der Fassung, auf diese Wendung bin ich wirklich gefaßt!

Herr von Sorgau ärgerte sich über den unbeschreiblich moquanten Ton, womit Frau von Abensberg ihn für seine mißlungene Kriegslist bestrafte. Den eigentlichen Sinn ihrer Worte begriff er erst nach einem halben Jahre, als er längst wieder daheim und mitten in seiner Noth und Last mit dem Großherzoglich X'schen Hoftheater war. Er erhielt nämlich eine kleine goldgeränderte Karte mit der lakonischen und doch so vielsagenden Aufschrift:

 

Julie von Abensberg, geborene
von Streber.
Baron Ernst von Busch,
Verlobte.

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