Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zwischen zwei Feuern.

Novelle.


I.

Der Kaufmann Markvort in einer großen und wohlhabenden Handelsstadt machte eines der angenehmsten Häuser dort aus. Er war ein großgebauter starker Mann; mit einem gewaltigen Organ begabt, war er stets geneigt, mit liebenswürdiger Berücksichtigung aller etwa Schwerhörigen in einer Gesellschaft beim Sprechen und Discuriren den ganzen Umfang der Töne, welche in seiner breiten Brust ruhten, zu entwickeln. Deshalb war es denn freilich auch nicht leicht, sich mit Herrn Markvort in einen Wortkampf einzulassen; er ging gewöhnlich siegreich aus allen Debatten hervor, Dank seinen vortrefflichen Lungen, welche ihm erlaubten, seine Fahne stets triumphirend hoch oben zu halten über den zum Schweigen gebrachten Argumenten seiner Gegner.

Eine solche Gabe ist die größte und beneidenswertheste Gnade des Himmels. Daß ein Mann, welcher so wacker zu sprechen wußte und bei allen Discussionen das letzte Wort behielt, in unbedingter Achtung bei seinen Mitbürgern stand, war natürlich; ebenso gern wird man uns glauben, daß man ihn im Stadtverordneten-Collegio gar nicht entbehren konnte; daß er einen sehr gewichtigen Einfluß bei allen Abgeordnetenwahlen und anderen öffentlichen Angelegenheiten übte; daß man ihn jedesmal unter die Zahl der Deputirten kor, welche ein durchreisendes hohes Haupt oder gar den Landesfürsten selbst zu becomplimentiren hatten; sowie daß er in Folge davon zwei Orden erhalten und den Titel Commerzienrath und die Generalconsulwürde von einem benachbarten Staate obendrein.

Herr Franz Hugo Markvort, der ursprünglich sehr klein begonnen hatte, zeigte sich dem Schöpfer nicht undankbar dafür, daß es ihm im Handel und Wandel und im ganzen Leben so gut ergangen. Er lobte den Herrn durch eine fortwährende große Heiterkeit, einen offenen Sinn für Alles, was des Menschen Herz erfreut, und ein expansives Wesen, das da lebte und leben ließ.

Vor der Stadt besaß Herr Markvort einen schönen großen Garten mit einem geräumigen, als Sommerwohnung eingerichteten Pavillon darin, wo er sehr häufig kleine Diners gab und fröhliche Abendgesellschaften versammelte. Er sorgte dabei immer, daß der Kreis seiner Gäste recht gemischt war: Bureaukratie und Militair, Wissenschaft und Kunst, Literatur und Theater mußte dabei vertreten sein, die Collegen vom Stadtverordnetencorps und von der Kaufmannschaft nicht zu vergessen.

Und wie konnte es auch anders sein, da es dem gegen Alle gleich zuvorkommenden Wirthe nur ein angenehmes Bewußtsein erwecken konnte, wenn er so mitten zwischen Gästen jedes Berufs und jeder Geistesrichtung saß und sich sagen durfte, daß er doch eigentlich der über Alle dominirende Geist sei, vor dem der Officier und der Regierungsrath, der Schriftsteller und der Generaldirector der großen Lebensversicherung Harmonia am Ende gern schweigend die Segel strich, ja vor dem sogar der redsame Professor Bretzer, der doch sonst ein Mann wie ein Conversationslexikon war, verstummte.

Auch heute hatte der Generalconsul und Commerzienrath Markvort eine und zwar eine ziemlich zahlreiche Versammlung in seiner »Villa« um sich geschaart. Es war in der That außerordentlich hübsch da. Man saß im Freien um einen großen runden Tisch versammelt und nahm eben das Souper ein, das aus allen möglichen guten Dingen bestand, nur mit Ausschluß dessen, was die Jahreszeit brachte und was wohl schmackhaft aber nicht theuer und nicht ausländisch war.

Ueber die Gebüsche des Gartens weg blickte man auf einen prachtvollen breiten Strom, auf welchem von Zeit zu Zeit brausend und rauschend ein Dampfboot vorüberzog; drüben dehnte sich eine weite Hügellandschaft aus, über die eben die blauen Abendtinten sich ergossen.

Es ist aber wirklich zauberhaft schön hier in Ihrem Garten, sagte eine junge Dame, die neben dem Wirthe saß – es geht doch gar nichts in der Welt über den Genuß der freien Natur!

Der freien Natur, Fräulein? fiel Herr Markvort ein, ja, es ist allerdings ganz schön, wenn in der freien Natur solch eine Festvorstellung wie heute Statt findet – sonst aber brauchen Sie nicht zu glauben, daß Sie hier in diesem Garten sich in einem schönen Gegensatz zu ihrer »geschminkten und unechten Welt der Coulissen,« wie die Philosophen sagen, befinden – es ist nichts wie eine andere Art Theatervorstellung, was Sie sehen, das glauben Sie mir!

Das heißt meinen Glauben doch zu stark in, Anspruch nehmen, lächelte die junge Dame, die etwas auffallend geputzt war und mit einer coquetten Armbewegung die Mantille von weißem Cashmirstoff, die von ihrer runden Schulter geglitten, wieder in die Höhe zog, das heißt meinem Glauben viel zumuthen, ehe Sie wissen, ob ich einen so starken Glauben habe! Gründe wären mir lieber!

Gründe? Herr Markvort war nicht der Mann, die irgend Jemandem in der Welt schuldig zu bleiben; denn sein Geschäft mochte sich, zuerst en détail und dann später en gros, erstreckt haben, über welche Dinge es wollte, es war zu wetten, daß er nie von irgend einem Gegenstande – und wären es Kaffeebohnen gewesen – nur halb so viel auf seinen Speichern gehabt hätte, als er immer Gründe für das, was er sagte, besaß.

Sehen Sie, versetzte er, Sie denken, wenn Sie sich hier im Garten umschauen, das ist alles reizend und himmlisch, wie es die Natur hervortreibt, wie milder Mairegen es aus der Erde lockt und die Sonne mit ihren goldenen Strahlen wach küßt. Nichts als Täuschung. Schöner Irrthum eines schwärmerischen Stadtgemüths. Die Sache ist ganz anders. Das muß alles mit Mühe und Arbeit gezogen, geschult und getrieben werden, bei kaltem Wind und bei rauhem Wetter: da wird gerecht und begossen, gegraben und beschnitten – Arbeit Jahr aus Jahr ein, und immer, so oft man hinaus geht, um sich der Sache zu erfreuen, ist der Himmel bewölkt oder es herrscht Regen oder scheuslicher Wind, und die schöne Natur sieht dabei gerade so langweilig aus wie Ihre Theater-Coulissen bei Tage. Endlich kommt dann einmal ausnahmsweise solch ein schöner freudestrahlender Tag, – Herr Markvort warf seiner Nachbarin einen bedeutsamen Blick zu, – wie heute: freilich, dann sieht's hübsch aus, sowie die Alpenlandschaft im Tell beim Lampenlicht – es ist große Aufführung, Festvorstellung, für welche die Decorateurs und Requisiteurs und Maschinisten, die geplagten Gärtner, das ganze lange Jahr hindurch haben arbeiten müssen.

Aber es ist doch sehr oft Reprise während des Sommers, lachte die junge Dame.

Wahrhaftig nicht so oft als zum Beispiel in der italienischen Oper: ich dankte Gott, wenn während der Sommerstagione bei Sonnenschein und Wärme so oft meine Gartendecoration im rechten Lichte erschiene, als ich während der Winterstagione in Florenz habe Verdi's Nabucco hören müssen! –

Der jungen Dame, welche neben Herrn Markvort saß, zu Ehren war eigentlich die heutige Gesellschaft von dem Handelsherrn zusammengebeten. Fräulein Ulrike Kellhorn gehörte dem Theater an; sie war Sängerin und hatte eine hübsche Sopranstimme, mit welcher sie das Publicum der Stadt in ersten Rollen enthusiasmirte. Die Tochter eines früh gestorbenen Stabsofficiers, hatte sie von ihrer Mutter eine sorgfältige Erziehung genossen und dann vor mehreren Jahren schon die Bühne betreten, um durch Ausbeutung dessen, was die Natur ihr an Talent verliehen, das zu ersetzen, was das Schicksal ihr an äußeren Glücksgütern versagt hatte.

Auch fühlte sie sich in diesem Berufe jetzt längst heimisch und befriedigt. Sie war von kleineren Rollen folgerecht allmählich zu großen und bedeutenden aufgestiegen; sie hatte in unsrer Provinzialstadt seit dem vorigen Herbst endlich als Prima-Donna ein gutes Engagement gefunden, und das launenhafte, schwer zu befriedigende Publikum, welches sonst hier wie überall in seinen Urtheilen gern zeigte, daß es – wie Göthe sagt: »sie haben schrecklich viel gelesen« – so hier: schrecklich viel gesehen und gehört, ließ sich mit den Leistungen von Fräulein Kellhorn völlig genügen. Dazu war die Dame jung, hübsch, anmuthig in ihren Bewegungen – kurz alles ließ sie eine recht glänzende Laufbahn hoffen.

Die junge Sängerin hatte freilich auch Meinungen gegen sich, welche in die allgemeine Anerkennung nicht so ganz unbedingt einstimmten. Es gab Leute, welche grämlich genug waren, sie affectirt und coquett zu nennen – ein Vorwurf, der freilich nicht schwer ins Gewicht fallen konnte, denn eine leise Tinte, ein kleiner liebenswürdiger Anhauch von diesen beiden Eigenschaften gehört ja doch wohl zum Handwerk. Auch ist kaum je eine Künstlerin auf irgend einer Bühne der Welt aufgetreten, der einzelne Splitterrichter nicht so etwas vorgeworfen hätten; selbst die natürlichste und einfachste muß das zuweilen erfahren.

Andere fanden ihre Stimme nicht umfangreich genug und machten ihr einen Vorwurf daraus, daß das Schauspielhaus, in welchem sie jetzt auftrat, nicht sehr groß sei, daß sie es mit ihrer Stimme ausfüllen könne, daß es ihr jedoch ganz anders ergehen werde, wenn sie einmal versuche, in einem der ungeheuren Säle unserer Residenz-Theater aufzutreten. Wieder Andre fanden ihre Stimme in den höheren Tönen zu scharf und zu grell und was des Redens mehr war. –

Wer sich jedoch davon ganz und gar nicht irre machen ließ, sondern der jungen schönen Sängerin eine unbedingte Bewunderung und Verehrung widmete, das war Herr Markvort; er schwärmte für sie, er redete Jedermann, der in seiner Gegenwart solche Kritikasterweisheit laut werden ließ, sofort so mundtodt zu Boden, daß der unglückliche Kritiker es sicherlich angenehm gefunden hätte, unter den nächsten mit langen Teppichen überhängten Tisch kriechen zu können, falls es irgend anständig gewesen wäre, sich auf solche Art zu empfehlen.

Nur eine Person war da, welche sich von Herrn Markvort weder in dieser Beziehung noch in jeder andern so leicht zum Schweigen bringen ließ, und das war Fräulein Clementine, seine eigene Tochter und, außer seinem Sohne, der sich gegenwärtig in Häutehandelsgeschäften in Buenos-Ayres aufhielt, sein einziges Kind. Clementine, welche heute an der anderen Seite des Tisches neben ihrem Vater saß, machte seit der Mutter Tode die Honneurs seines Hauses; sie vertrat überhaupt mit vollkommenster kluger Ueberlegung und musterhafter Ordnungsliebe die Stelle der Frau in dem großen, lebhaft bewegten, viel kostenden Hauswesen des Generalconsuls. Und da Clementine einen Geist von seltener Bildung, ein Gemüth von besonnenster Ruhe, die sie nie etwas thun oder sagen ließ, wessen sie sich hätte zu schämen brauchen, besaß, so waren über sie die Stimmen nicht getheilt, und Fräulein Markvort galt in der ganzen Stadt für eine vollendete junge Dame.

Sie war etwas älter als Fräulein Ulrike Kellhorn; sie bildete mit dem hübschen, immer lebendig bewegten Wesen zur Rechten ihres Vaters einen interessanten Contrast: groß, ruhig in ihren Bewegungen, von hoher Gestalt und schlankem Wuchs, würde sie mit ihren edlen, etwas bleichen Zügen die Schauspielerin wohl ganz in den Schatten gestellt haben, wären Beide nicht im Aeußern wie im Charakter so gar verschieden gewesen, daß man nicht leicht daran dachte sie zu vergleichen. Und eben um dieser Verschiedenheit willen hätte man auch voraussetzen sollen, daß die beiden jungen Damen, die sich hier im Kreise der Gäste so nahe saßen, vortrefflich zusammen harmonirt hätten.

Aber dies war keineswegs der Fall, so oft und so beredsam auch Herr Markvort der Einen die Tugenden der Andern pries, und soviel er auch anwandte, sie einander nahe zu bringen. Er mühte sich ohne Erfolg – zum Theil vielleicht gerade deshalb, weil er sich zu viel mühte! Clementine konnte eine gezwungene und steife Kälte nicht verbergen, so oft sie mit der Künstlerin redete, und diese letztere war dagegen im Umgang mit Fräulein Markvort von einer doppelten und übertriebenen, nicht natürlichen Lebhaftigkeit. Und wie man, wenn man eine innere antipathische Regung gegen Jemanden empfindet, auch sehr geneigt ist, diese auf Gegenstände und Meinungen zu übertragen, – je nachdem sie sich zu der fraglichen uns unliebsamen Person verhalten, so war Fräulein Clementine gewöhnlich auch anderer Meinung als Fräulein Ulrike, Fräulein Ulrike anderer als Fräulein Clementine, bis Beide oft in einen kleinen Streit geriethen, in welchem sie sich mit großem Aufwand an Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit allerlei spitze Dinge sagten.

Als die junge Künstlerin jetzt Herrn Markvort's Auseinandersetzung von seinem Gartentheater sehr belachte und charmant fand, meinte Clementine kopfschüttelnd, der Vergleich ihres Vaters sei denn doch eigentlich nicht zutreffend.

Die Natur ist doch Gott Lob noch kein Theater, sagte sie, nicht ganz laut, aber mit ihrem sanften bestimmten Tone sehr hörbar. Es muß ja auch, fuhr sie fort, wenigstens eine Region im Leben geben, wo die Darstellung und der Schein aufhört und die Dinge sich geben wie sie sind.

Aber ist es denn nicht wahr, fiel Ulrike ein – ist nicht in der That all' die Arbeit Jahr aus Jahr ein, wie Ihr Herr Vater es beschreibt, nur da, auf daß es an einem schönen Tage sich hübsch ausnimmt, damit man ein paar Mal im Sommer seine Freude daran hat und es im Sonnenschein seinen Freunden präsentirt und nachher, wenn die Sonne sich wieder hinter den Wolken verkriecht, nach Hause geht?

Es ist ganz richtig für Leute, welchen die Natur nur bei Sonnenschein gefällt! meinte Clementine.

Was ist Natur und Leben ohne Sonnenschein! fiel die Künstlerin beinahe übermüthig ein.

Noch immer sehr viel, versetzte Clementine, wenn man die Sonne in seinem eigenen Geist und Herzen hat und deshalb nicht unbedingt des Sonnenlichts von außen her bedarf!

Wer möchte denn aber von sich sagen, daß sein Herz eine Sonne sei, und dabei auf die weniger sublimen Gemüther, die nicht das Glück haben, so mächtig viel Glanz und Licht in sich zu fühlen, herabblicken?! versetzte die junge Schauspielerin.

Das ist nun so recht einmal wieder ein Streit um des Kaisers Bart, wahrhaftig, um nichts andres, hob hier der Generalconsul Markvort an – bei dem Du übrigens Unrecht hast, Clementine, für meinen Garten die Beleidigte zu spielen – der kann sich eine Ehre daraus machen, daß ich ihn mit dem Theater vergleiche; es gibt noch viel vornehmere, viel bessere Orte, wo auch nur Theater gespielt wird – in der That Komödie wird überall gespielt. Nicht wahr, Herr Doctor Königsfeld? wandte sich Markvort hier an einen seine Gäste. Citiren Sie einmal ein halb Dutzend schöne Sentenzen und Verse aus alten oder neuen Dichtern, die das schon längst gesagt haben, daß das ganze Leben ein Schauspiel ist … und, da mein' ich, kann sich mein Garten denn auch dabei beruhigen, um so mehr, da nicht er die Schuld hat, sondern das abscheuliche Wetter, das nun schon seit Jahren nicht besser wird!

Der vorhin Angeredete war ein hochgewachsener junger Mann mit anziehenden, wenn auch nicht gerade schönen Zügen, welche ein ziemlich starker dunkler Bart umrahmte, und mit einem Paar überaus glänzender tief dunkler Augen, aus denen Geist und Phantasie leuchtete.

» This life is all a fleeting show« – sagt Lord Byron, Thomas Moore oder doch jedenfalls ein Engländer, antwortete er keck, um Markvorts Aufforderung zu entsprechen und sicher, daß die verehrte Gesellschaft nicht sattelfest genug in der Sprache Byrons sein werde, um zu merken, daß das Citat doch eigentlich nicht paßte. Aber, fuhr er fort, ich bin deshalb doch noch nicht Ihrer Meinung, Herr Markvort; die Menschen spielen freilich sehr viel Komödie gegen einander, da haben Sie Recht; das Leben ist deshalb jedoch noch kein Theater, denn gerade wenn der Mensch sich sagen kann, daß er einmal lebt, wirklich und wahrhaft lebt, so ist ihm auch immer sehr ernst und aufrichtig zu Muthe!

Bei diesen Worten des jungen Mannes streifte ein eigenthümlicher Blick seiner schönen Augen die Gestalt Clementinens, welche diesen Blick mit einem stillen Lächeln erwiederte. –

Uebrigens, fuhr er dann fort, ist es doch eigentlich sehr ungalant von Ihnen, daß Sie so auf das Wetter losziehen, Herr Markvort, da Sie ja neben sich haben – qui fait la pluis et le beau temps, hier, wie überall, wo es erscheint! –

Und dabei machte der junge Mann der Sängerin eine leise Verbeugung mit einem Lächeln, das sich eben so gut als Ironie wie als Ernst auslegen ließ.

O schweigen Sie, Sie böser Mensch, fiel Ulrike hier ein und drohte dem Doctor Königsfeld mit dem Finger, wobei sie ein wenig den Mund zum Schmollen verzog, was ihr ganz allerliebst zu Gesicht stand – was verstehen Sie denn überhaupt davon und vom ganzen Theater, obwohl Sie immer sehr geistreiche Artikel darüber schreiben und mich dabei regelmäßig ein klein wenig schlecht machen – ja, ja, ich weiß recht gut, wer der X. in unsrer Zeitung ist.

Ist das der Doctor? fiel hier lebhaft Markvort ein – nun, Clementine, so weißt Du doch, wandte er sich an seine Tochter, wer der Gegenstand Deiner Bewunderung ist; denn ich höre immer heraus, wenn Du über das Theater sprichst, daß Du dies maliciöse X. fleißig gelesen und gläubig in einem feinen Herzen aufgenommen hast; – also wirklich, Doctor, Sie sind die unbekannte Größe?! –

Baare, entsetzliche Verläumdung! betheuerte Königsfeld mit komischem Pathos.

Clementine war leise erröthet.

Der Doctor, glaube ich, schwebt viel zu sehr in den höheren Regionen der Politik, – sagte sie, als …

Als um sich um Theatergenüsse zu kümmern? unterbrach Ulrike; – o glauben Sie das ja nicht, Fräulein Clementine; er ist lange nicht so ganz und allein in seine Zeitungen versunken, wie er aussieht; er macht ganz wie ein andres schwaches Menschenkind Ansprüche darauf, zu leben. Haben Sie nicht eben gehört, wie poetisch er versichert hat, daß das Leben ihm über den Scherz gehe und daß es keine Komödie bei ihm sei? Nun, er mag Recht haben – wenn nur nicht eine Zeit kommt, wo er sich wie viele andere Sterbliche am Ende sagt: es wäre besser gewesen, du hättest es nicht so ernst genommen, du hättest dabei auch nur Komödie gespielt!

Bei diesen offenbar mit einer gewissen Bedeutung gesprochenen Worten erröthete Clementine abermals leicht und senkte die Augen auf ihren Teller; Königsfeld warf einen offenbar nicht sehr freundlichen Blick rasch auf die Sängerin. War er überrascht, daß diese so gut verstanden zu haben schien, was er vorhin hatte sagen wollen, als er Clementine bedeutsam anblickte; oder war er verletzt durch die versteckte Drohung, die in Ulrikens letzten Worten zu liegen schien?

Sie fallen aus der Rolle, Fräulein, sagte er etwas spitzig. Sie dürfen nur Glück verkünden, als liebenswürdige Preciosa – die Kassandra machen, das gehört nicht in die Oper …

O, ich werde mich nächstens auch im Schauspiel versuchen – fiel Ulrike ein, lachend und offenbar innerlich sehr erheitert, daß es ihr so gut gelungen, dahin zu treffen, wo sie es gewollt.

Ich weiß, versetzte der Doctor Königsfeld mit großer Ruhe und einem so aufrichtigen Tone gleichgültigen Hinwerfens, daß Niemand die Malice ahnte, welche sich hinter seinen Worten barg – ich weiß, Sie wollen nächstens als Prinzessin in »Liebesmüh' umsonst« auftreten! –

Auch Herr Markvort hielt dies für baare Münze, und während die Reihe zu erröthen an Fräulein Ulrike gekommen war, begann er sehr hübsche Gemeinplätze über William Shakespeare zum Besten zu geben und war überzeugt, daß Fräulein Kellhorn entzückend in der Rolle sein werde.

Ich bitte Sie, lieber Doctor, dies jedoch noch nicht in Ihren X-Artikeln der Welt anzukündigen – schaltete Ulrike mit etwas gedämpfter Stimme dazwischen, – es könnte eine »verfrühte« Nachricht sein, wie die Herren von der Journalistik sich auszudrücken pflegen.

Der ehrenwerthen Gesellschaft, welche die Tafelrunde um die Sprechenden bildete, waren die kleinen maliciösen Anzüglichkeiten dieser ganzen Conversation natürlich unverstanden geblieben; auch hatte man nur zum Theil darauf hingehorcht und erging sich in ganz anderen Gesprächen. Clementine hob nach einer Weile als Dame vom Hause die Tafel auf, die Gaste gruppirten sich in kleineren Partien zusammen, die Männer zogen ihre Cigarren hervor und begannen durch die Gebüsche und Anlagen des Gartens zu wandeln.

Ein Theil war dabei um Herrn Markvort geschaart, der Fräulein Ulrike am Arme führte, um ihr ein neu angelegtes Gewächshaus zu zeigen. Ein andrer war dem beredten Professor Bretzer zugesellt, der das weißlockige Haar seines gelehrten Kopfes baarhaupt den Abendwinden zum Spiele bot und mit dem Hute in der Hand, wie seine Gewohnheit war, schwerfälligen Ganges daherruderte, mit seiner gebückten Gestalt und dem aufwärts lauernden Blick das leibhafte Bild des: Date obolum Belisario darstellend, – aber sonst ohne jede Ähnlichkeit mit dem sanften Griechen, denn seine Zunge erging sich wie immer gegen Gott und die Welt.

Unser Amphitryon hat heute einmal wieder splendid aufgetischt, bemerkte Einer aus diesem letzten Bruchtheil der Gesellschaft, ein blonder junger »Volontair,« – das Häutegeschäft muß dieses Jahr etwas Erkleckliches abwerfen!

Ja, ja, das Häutegeschäft! bemerkte halblaut ein Anderer. Aber ich glaube, es war Alles nur, um den Banquier Fortwage zu ärgern, der jetzt hinter dem Zuge dort drüben so kleinlaut einherschreitet – Alles nur, um den mit dem kolossalen silbernen Tafelaufsatz, dem er nichts Aehnliches bei seinen Festen an die Seite zu stellen hat, und mit dem vortrefflichen echten Constantiawein zum Neid zu stacheln, den Herr Fortwage eben so wenig im Keller besitzt.

Ja, fiel hier ein Dritter lachend ein – Sie wissen noch nicht, junger Mann, wozu man hier so großartigen Luxus entfaltet; wenn Sie glauben, das sei zu Ehren des großen Haufens der geladenen Gäste und à votre honneur – so irren Sie gewaltig!

Nun, so ganz eingeweiht, redete Professor Bretzer dazwischen, sind Sie selbst aber auch noch nicht – das Ding hat noch seine weiteren Bezüge – das schöne Fräulein hat auch seine Bedeutung dabei und das wird der Welt demnächst noch einmal klarer werden. –

Wer? Fräulein Kellhorn? fragte der blonde junge Mann.

Dixisti – Du hast es gesagt, antwortete der Professor – unser Herr Amphitryon liegt willenlos in ihren Banden gefesselt, experto crede Ruperto, und – aber wo sind sie denn jetzt?

Er zeigt ihr eben das Gewächshaus …

Er zeigt ihr, sagte der Professor schmunzelnd, alle seine Herrlichkeiten und sagt dabei: »Das Alles will ich Dir gewähren, wenn Du erlaubst, daß ich vor Dir hinkniee und Dich anbete!«

Alle brachen hier in ein Gelächter über Professor Bretzer's Paraphrase aus und fuhren dann fort, sich über den Wirth zu belustigen, der sie eben so glänzend regalirt hatte!

Unterdeß und während so Alles sich zerstreute, hatte ganz unbeachtet eine Gruppe sich zusammen gefunden, welche die kleinste von allen war, denn sie bestand nur aus zwei Personen. Es waren Norbert Königsfeld und Clementine. War es Absicht gewesen, was sie zusammen führte? Dann hatten sie es scheinbar sehr unbefangen zu arrangiren gewußt, denn sie waren einfach geblieben, wo sie gewesen waren, auf der Terrasse vor der Villa, wo man getafelt hatte: – Clementine, anfangs beschäftigt, der abräumenden Dienerschaft einige Weisungen zu geben; Norbert Königsfeld in den Anblick der immer mehr dunkelnden Landschaft versunken, welche man von der Terrasse aus überschaute; bis Clementine zu ihm trat und Beide nun den breiten Mittelpfad des Gartens hinabschritten.

Wir haben heute Abend wunderbare Fortschritte auf dem Wege zur Bildung eines schönen und innig harmonischen Verwandtenkreises gemacht! sagte Norbert hier lachend, sobald sie außerhalb jedes Gehörkreises waren.

O scherzen Sie nicht darüber, Norbert, erwiederte Clementine – mir ist das Herz schwer!

Weshalb, mein theures Fräulein – wir sind ja auf dem besten Wege, scheint es. Wenn die Sachen so weit gediehen sind, wie wir offenbar schließen müssen, wenn Fräulein Ulrike sich schon so sicher in ihrer dereinstigen Rolle als »Seine Gemahlin« – wie es auf den Theaterzetteln heißt – fühlt, daß sie sich nicht mehr fürchtet, uns eine kleine warnende Drohung zuzurufen – dann ist Alles gut! Sobald das Haus Markvort einen solchen Bund mit dem Theater eingeht, kann es consequenter Weise doch auch der Journalistik keinen Geld- oder Familienstolz mehr entgegensetzen!

O glauben Sie das nicht! Reicht mein Vater einer Schauspielerin die Hand, wie er offenbar beabsichtigt und mich nur zu deutlich ahnen läßt, so ist das kein Grund, auf die Absichten und Hoffnungen zu verzichten, welche er mit der Verbindung seiner einzigen Tochter verknüpft. Die Männer haben überhaupt von einer zweiten Ehe ganz eigenthümliche Ansichten. Bei der ersten haben sie einen soliden, ernsten, pflichtgemäßen Bund geschlossen, gewählt mit Rücksicht auf Interesse und Stand, auf der Eltern Wunsch und auf Gleichheit der Verhältnisse. Hat der Tod eine solche Ehe in der ernsten Bedeutung des Worts, eine rechte Ehe im großen und strengen Style gelöst, dann wollen sie von der zweiten nur zu oft ein heiteres Nachspiel, etwas, worin sie sich ganz gehen lassen können, worin sie nach erfüllter Pflicht den Lohn finden wollen; bei meinem Vater wenigstens ist es ganz sicherlich so, und deshalb würde er sich nie die erste Ehe seiner Tochter mit seiner eigenen zweiten in eine Kategorie stellen lassen.

Sagen Sie dies doch Fräulein Ulrike, antwortete Norbert lachend – es dient vielleicht dazu, ihren Triumph etwas abzukühlen!

Was würde das helfen? Wir haben leider schon genug gethan, um sie zu reizen und – glauben Sie mir, Norbert, – das ist sehr schlimm. Es bedurfte gar nicht dieser fatalen Entdeckung, welche sie gemacht hat, daß Sie nämlich der Kritiker X sind – sie wird Ihnen dafür bei meinem Vater üble Dienste erweisen, und vielleicht ist sie im Stande, ihn auf unser Verhältniß, das sie, fürchte ich, durchschaut, aufmerksam zu machen. –

Soll ich da nicht lieber zuvorkommen, Clementine? fragte Norbert – soll ich nicht lieber offen mit ihm reden?

Clementine schüttelte den Kopf.

Nein, nein, noch nicht!

Vielleicht werden Sie anders denken, Clementine, wenn ich Ihnen sage, daß sich mir eben eine sehr glänzende Aussicht geboten hat. Man hat mir den Antrag gemacht, die Hauptredaction eines der größten Blätter der Residenz zu übernehmen – eine Stellung, welche auch äußerlich sehr gut dotirt ist

Nehmen Sie sie an, Norbert, nehmen Sie sie an, sagte Clementine lebhaft; lassen Sie ja nicht meinetwegen sich abhalten …

Sie wissen am besten, was mich hier fesselt, unterbrach er sie. Aber ich denke nicht an eine Ablehnung, wenn Sie mir erlauben, mich bei Ihrem Vater offen auszusprechen – –.

Nicht jetzt, nicht jetzt, fiel Clementine rasch ein – Sie müssen das ja selbst fühlen, daß nicht jetzt die Zeit dazu ist, wo mein Vater offenbar selbst Pläne zu einer, milde ausgedrückt, auffallenden Verbindung hegt. Glauben Sie, daß dies der Augenblick sei, ihm eine Einwilligung zu einer zweiten Verbindung in seinem Hause von ebenfalls auffallendem Charakter zuzumuthen? Nein, nein, gerade jetzt wird mein Vater auf's allerbestimmteste von seiner Tochter verlangen, daß sie nur eine Verbindung eingeht von allerrespectabelstem Ernste, von goldschwerster Solidität!

Was ist da zu thun? sagte Norbert seufzend.

Eines, nur Eines! Fräulein Ulrike darf ihr Ziel nicht erreichen! Mein Vater soll diese thörichte Heirath aufgeben!

Wer wird ihn davon abhalten?

»Ich!« sagte Clementine, und sie sagte es mit einer so festen und entschlossenen Bestimmtheit, daß Norbert beinahe verwundert sie anblickte und dann kein Wort mehr einwarf. Auch hätte er kaum Zeit dazu gehabt, denn eben trat Professor Bretzer aus einer Nebenallee und kam mit seiner Gesellschaft in dem Hauptpfade herauf, so daß Clementine und Königsfeld sich ihnen anschließen mußten.


Es war elf Uhr geworden; die Gesellschaft trat allmälig den Heimweg in die Stadt an, zu Fuß und in Wagen – die Blume seiner Gäste, die schöne Künstlerin führte Herr Markvort in seinem eigenen Wagen nach Hause, während Clementine in der Villa zurückblieb, wo sie während der schönen Monate ganz wohnte. Ihr Vater kam Mittags zu Tische heraus, er schlief, um seinen Geschäftslocalen gleich in der Morgenfrühe nahe zu sein, in seinem Hause in der Stadt.

Als Ulrikens Mutter, welche eines Unwohlseins wegen an dem Feste nicht Theil genommen hatte, an ihrer Thüre den Wagen vorrollen hörte, ging sie ihrer Tochter mit einem Licht in der Hand entgegen. Ulrike kam ihr mit geröthetem Gesicht und aufgeregt auf der Treppe entgegengesprungen.

Mein Töchterchen, wie hast Du Dich amüsirt? vortrefflich, das sehe ich Dir an! sagte die würdige Dame.

O, geht an, geht an, versetzte Ulrike mit einem etwas wegwerfenden Tone – Herr Markvort war die Galanterie selbst.

Prächtiger, lieber Mann! meinte die Mama, aber Ulrike ließ sie nicht weiter reden.

Die ganze Cabale liegt mir jetzt klar vor Augen, sagte sie, indem sie im Wohnzimmer ihren Hut abnahm und behutsam auf das Sopha legte – es ist Alles, wie ich es ahnte; Alles in Ordnung und abgekartet zwischen den beiden Leutchen, und es ist nun wahrhaft lustig zu sehen, wie sie fürchten, daß Herr Markvort den thörichten Streich begehe, dem armen Fräulein Ulrike Kellhorn seine Hand zu reichen und dadurch eine so ärgerliche Verwirrung in den angenehmen generalconsularischen Vermögensverhältnissen hervorzubringen, auf welche Herr Doctor Königsfeld sich spitzt! O unnütze Furcht, Ihr lieben Leute – aber das gelobe ich Euch – aus Eurer Heirath wird nichts, nun und nimmermehr!

Ja, wer wird das hintertreiben können, liebe Ulrike? sagte die Mama, während sie den Shawl der Sängerin sorgfältig zusammenlegte.

Ich, Mama, versetzte die junge Dame mit großem Aplomb, und dann zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück.


II.

Es war merkwürdig, wie oft seit diesem Abende, an welchem zwei so verhängnißvolle Vorsätze ausgesprochen wurden, der sonst so heitere Herr Markvort von Anwandlungen, übler Laune geplagt wurde. Kam er von seinem gewöhnlichen Besuche, den er um die Mittagsstunde bei der Sängerin abzustatten pflegte, zum Diner in seine Villa, so sah Clementine meist schon von fern die Wolken auf seiner Stirn; kam er gegen fünf Uhr von seiner Villa in die Stadt heim, so fand er beim Eintreten in die Comptoire seine Commis sämmtlich mit erstaunlichem Eifer und Fleiß über ihre Correspondenzen und großen Bücher gebückt, denn sie wußten alle, daß er seit einiger Zeit von den Diners in der Villa auffallend wenig Frohsinn und nachsichtige Stimmung mitbringe. Und doch waren beide Damen, von denen er jedesmal kam, immer nur Huld und Freundlichkeit für ihn gewesen.

Clementine hatte ihre Sorge für alle seine Bequemlichkeiten verdoppelt, ja, sie schien ganz aufzugehen in der Sorge für ihn.

Wenn Dein Töchterchen nicht über Dich wachte, wer sollte es sonst thun? sagte sie oft – Du sollst mir die Hausfrau nicht durch meine Schuld entbehren – Du sollst Dich in Deinen vier Wänden heimisch fühlen – wenn das ein Mann nicht thut, so ist es immer seiner weiblichen Hausgenossen Schuld, besonders wenn die Männer zu den Jahren kommen, in denen sie Ruhe und Behaglichkeit lieben, wo sie also auch nicht dem Vergnügen anderswo nachjagen, insofern die Verhältnisse des Hauses sie nicht dazu treiben!

Das ist Alles sehr schön und wahr, liebe Clementine; Du bist aber seit einiger Zeit etwas sehr stark beflissen, mich daran zu erinnern, daß ich nicht mehr auf der Militair-Aushebungsliste für das laufende Jahr stehe – als wenn ich darum nun auch gleich ganz und gar zu den Invaliden gehörte!

Zu den Invaliden! Wer redet davon, mon cher papa! Nein, Gott Lob bist Du noch von einer beneidenswerten Rüstigkeit, immer blühend und wohlgemuth, den Jüngsten ein Muster an Lebenslust, und machst sogar noch coquetten kleinen Sängerinnen den Hof, bloß, damit sich die junge Welt von heute daran spiegele, wie Ihr Herren von ehemals galant zu sein verstandet!

Hm! machte der Generalconsul und zog die kleine gestickte Sammetkappe, welche er zu Hause zu tragen pflegte, etwas tief auf seine Brauen herunter und sodann eben so tief wieder über den Hinterkopf.

Aber freilich, sagte Clementine, indem sie näher kam und ihren Vater von hintenher umarmte und ihre Wange schmeichelnd an seine Schläfe legte, – es haben auch nicht viel Väter die Pflege so aufopferungsvoller Töchter, welche sich selbst vergessen, um für den Papa zu sorgen, und die das feste Gelübde abgelegt haben, daß sie nun und nimmer sich von ihm trennen und die Erfüllung ihrer Kindespflicht Andern überlassen wollen!

Nun, das ist freilich sehr schön und lieb von Dir, meine Tochter – aber dabei habe ich doch auch ein Wort mit zu reden. Glaubst Du denn, ich wäre so egoistisch, daß ich ein so großes Opfer von Dir annähme? Nein, mein Kind, daraus wird nichts – und wahrhaftig, es scheint mir jetzt – da doch einmal die Rede darauf kommt – plötzlich so, als ob ich schon viel zu lange diesen Egoismus gehabt hätte. Du bist in dem Alter, Clementine, wo Du an eine Verbindung denken mußt!

O nimmermehr – was würdest Du denn anfangen, wenn Du mich nicht mehr um Dich hättest?

O das muß sich finden. Mein Gott, so viele Wittwer müssen sich dareinschicken! Wer weiß, wie es sich arrangirt! Ich suche irgend eine gewandte Person als Haushälterin, oder …

Eine Haushälterin, der es gleichgültig ist, wie viel oder wie wenig darauf geht, die mit der Köchin complottirt und Dich betrügt – nein, mein Papa, das wäre beinahe so thöricht, als wenn Du in Deinem Alter – ha ha ha – noch einmal eine Frau nähmst!

Und fändest Du das so unerhört thöricht und lächerlich? fiel hier Herr Markvort ein, indem er dabei etwas gezwungen und deshalb desto lauter lachte.

Wenn Du noch eine zweite Frau nähmst – Du, mit Deinem Schönheitssinn, Deiner Lebhaftigkeit, Deinen Neigungen! O unermeßlich! denn ohne allen Zweifel würdest Du eine ganz verkehrte Wahl treffen: statt einer passenden soliden Partie würdest Du eine schöne junge, sehr lebenslustige Dame freien, die Dich dann freilich nähme, weil Du reich und ein gar so jovialer alter Herr bist – aber die ganze Stadt würde darüber den Kopf schütteln, und Du würdest von da an in Jedes Zügen zu lesen glauben, daß er Dich jetzt ganz anders beurtheilt, ganz anders von Dir denkt, als früher. Deine muntere junge Frau aber würde dafür, daß sie Dich genommen, sich erschreckliche Privilegia herausnehmen – es würde aus Eurer Ehe ein unausstehliches Treiben und Schwimmen in fortwährenden hohlen und leeren Lebensgenüssen werden – wobei denn mein armer Papa mehr würde thun und leisten wollen, als seine Zeit, seine Kräfte, sein Bedürfniß nach Ruhe ihm erlaubten – und dabei –

Nun, was ist noch dabei?

O, davon will ich lieber gar nicht einmal reden, daß derselbe arme Schelm von vielgeplagtem Papa dann sehr bald vielleicht einige andre bittre Tropfen in den Kelch seines jungen Eheglücks geträufelt sehen würde: Tropfen, welche der Arzt nicht zu verschreiben braucht, weil die Apotheker, welche den Leuten diese Medicin wider alles und jedes Leiden an zu großem Vertrauen und zu harmloser Großherzigkeit bereiten, hübschgekräuselte blonde Schnauzbärte und kurze galonnirte Jacken mit Pelzbesatz und goldnen Schnüren tragen!

Es geht doch nichts über die Beredtsamkeit einer klugen Tochter, welche ihren Papa auf den Weg der Vernunft und Tugend leiten will! sagte Herr Markvort hier, indem er hastig aufstand, um seinen Wagen vorfahren zu lassen und in die Stadt zurückzukehren.

Wirst Du den Abend mich zum Theater abholen? fragte er seine Tochter, bevor er ging.

Wenn es Dir einerlei ist, Papa, so bleibe ich zu Hause; Doctor Königsfeld hat mir einen neuen Roman gebracht, über den er mein Urtheil wünscht, und ich möchte den Abend dazu anwenden, um das Buch zu durchblättern.

Ah, Königsfeld! versetzte der Generalconsul und nahm dann Abschied mit einem trockenen: Adieu, Kind!

Clementine sah ihm etwas erschrocken nach. Was sollte der Ton bedeuten, womit ihr Vater dies: »Ah, Königsfeld!« heraus stieß? Hatte Ulrike ihm bereits das Geheimniß verrathen? Es schien offenbar! Clementine war sehr davon betroffen, obwohl sie darauf hatte gefaßt sein müssen. Wie fragte sie sich, auf welche perfide Art und Weise mochte Ulrike das gethan haben! Wie mochte sie ihrem getreuen Verehrer im unvortheilhaftesten Lichte Alles dargestellt haben, was sich auf Clementinens Verhältniß zu einem Manne bezog, mit dem die Letztere sich anfangs auf dem Gebiete rein geistiger Interessen, gemeinsamer Anschauungen und Empfindungen und endlich einer reinen und innigen Neigung zusammengefunden hatte – in einer Umgebung, in welcher Beide sich nicht heimisch fühlten und die ihre Seelen desto mächtiger auf einander anwies!

Es ist ein unendlich verwundendes Gefühl, die verborgene und vor aller Welt Augen schamhaft gehütete Neigung des Herzens fremdem Blicke, fremder Zunge Preis gegeben zu sehn; aber dies Gefühl steigert sich zu einer unaussprechlichen Bitterkeit, wenn diese fremde Zunge, welche unser tiefstes Geheimniß verräth, die eines Feindes oder einer Feindin ist! Auch Clementine empfand das: es steigerte ihre Abneigung gegen Ulrike aufs Höchste; sie war so bewegt, daß sie eine Weile sich gar nicht fassen konnte, bald diese, bald jene Arbeit ergriff und sie gleich wieder von sich warf, mit raschen Schritten durch die Gartengebüsche eilte, unstet sich dann auf dieser, dann auf jener Bank niederließ und endlich mit zusammengepreßten Händen ausrief: »Und wenn ich, und wenn auch Alles darüber zu Grunde gehen müßte – Du sollst meine Stiefmutter nicht werden!« – –

Am Abend stattete Herr Markvort im Theater der schönen Sängerin einen Besuch in deren Loge ab. Er wurde sehr freundlich empfangen.

Sie sind heute allein im Theater, Herr Generalconsul? Ihre Fräulein Tochter verschmäht es?

Meine Tochter macht sich heute ein apartes Vergnügen – sie ist mit einem neuen Buche daheimgeblieben.

O, das ist sehr gewissenlos von Fräulein Clementine, daß sie ihren jugendlichen Papa sich so ohne Aufsicht in den Strudel der Welt stürzen läßt! lachte Ulrike.

Sie böse Zunge!

Hab' ich nicht Recht? oder vielmehr hat Fräulein Clementine nicht Recht, daß sie ihn bisher immer scharf bewacht hat, den leichtsinnigen Jüngling? Und weshalb sollte sie auch nicht? Es ist immer eine Tugend, auch bei den leichtsinnigsten Männern, daß sie ihre Schwächen einsehn und eingestehn und im Grunde des Herzens dankbar sind, wenn man mit etwas liebevoller Strenge das Regiment über sie führt!

Also sie führt das Regiment über mich?

Freilich – das ist ja eine Liebenswürdigkeit von ihr, welche Jedermann rühmt! fuhr Ulrike in ihrer Rede, die so harmlos scherzend aussah und doch so viel Stacheln hatte, fort.

Jedermann – nicht blos eine kleine perfide junge Dame, die Freude daran findet, ihren treuesten Anbeter zu necken? fragte Markvort, nicht allein geärgert, sondern auch etwas erschrocken über die Rolle als bevormundeter Papa, welche er in den Augen der Welt spielen sollte.

Necken? ich spreche in vollem Ernste – und wissen Sie, daß es recht undankbar von Ihnen ist, daß Sie widersprechen? Wenn man eine so gute, sorgsame, vernünftige Tochter hat, so soll man das auch mit tiefgerührtem Herzen anerkennen. Habe ich da nicht Recht? Kann es einen besseren Vormund geben, als Fräulein Clementine, ist? Lebt sie nicht ganz für den Papa und verläßt ihn nie? Und wenn sie einmal wählt, dann treibt sie sicherlich die Aufopferung so weit, daß sie nur einem recht gediegenen, recht entschiedenen und über Alles soliden Charakter die Hand reicht, der ihr in ihrem löblichen Eifer eine ausreichende Stütze gewährt! Sie wissen ja, was ich Ihnen sagte, es ist schon so etwas längst im Werke – nun, nehmen Sie sich in Acht, Herr Markvort, wenn Sie mir dann zu leichtsinnig den Hof machen, so sag' ich es Ihrem zukünftigen Herrn Schwiegersohn! …

So böse wie heute habe ich Sie noch nie gesehen, Ulrike, sagte Markvort mit einem Lachen, das etwas sehr Erzwungenes hatte.

Böse! Wer ist böse? versetzte die Sängerin mit ihrem allerliebsten Schmollen, aber wir Frauen müssen nun einmal einander treulich beistehen wider die Männer!

Und damit schlug Ulrike leise mit ihrem Fächer nach dem Generalconsul, indem sie hinzusetzte:

Und jetzt stören sie mich nicht länger, dieser wundervollen Komödie zu folgen!

Wahrhaftig, es thäte Noth, dachte Markvort, während Ulrike sich der Bühne zuwandte, es thäte Noth, daß ich mir mein Taufzeugniß aus dem Kirchenbuche ausziehen ließe und es immer in der Tasche herumtrüge, um jeden Augenblick sehen zu können, wie alt ich denn eigentlich bin. Zu Hause komm' ich mir vor wie ein alter Mann und hier werde ich dann in einen leichtsinnigen Springinsfeld umgewandelt, daß ich jedesmal in Versuchung gerathe, mir selber aus Vorsicht die Schlüssel zu meiner Kasse fortzunehmen.

Herr Markvort war förmlich zwischen zwei Feuer gerathen – er stand inmitten zweier, nach entgegengesetzten Richtungen hin arbeitender Frauenpolitiken, welche doch alle beide nur ihn zum Ziele hatten. Hätte ihn nur die verführerische Ulrike nicht so gewaltig und unlösbar gefesselt, er hätte es gar nicht ausgehalten. Und sie hatte ja eigentlich und im Grunde auch ganz vollkommen Recht, wenn sie ihn aufzog und ein klein wenig lächerlich machte!

Was anders hielt ihn denn, wenn er offen gegen sich selber war, zurück, dem bezaubernden Fräulein Herz und Hand anzutragen, und sich den Lebensabend mit den frischen Rosen eines neuen und süßen Glückes zu umgeben – was anders hielt ihn von dem letzten entscheidenden Schritt ab, den er doch längst beschlossen hatte, als die Scheu vor Clementine? Wer nahm ihm durch ihre Reden und Bemerkungen und ihr ganzes Wesen immer so völlig den Muth, damit herauszurücken, als eben Clementine?

Ja, er war ein Papa, der unter dem Pantoffel seiner eigenen Tochter stand. Er war ein Hasenfuß, der sich vor seinem Kinde fürchtete; es war eine lächerliche verkehrte Welt, worin nicht das Kind aus Scheu vor dem Unwillen der Eltern dem Zuge seines Herzens widerstrebt, sondern der Vater aus Angst vor der Tochter an unglücklicher Liebe leidet.

Und wenn Herr Markvort sich einer solchen Gedankenreihe hingab, dann sagte er sich jedesmal am Schlusse:

Nun, es soll anders werden. Ich werde mit Clementine reden! Wenn sie etwas dagegen hat und nicht bleiben mag, wo eine Stiefmutter einzieht – dann in Gottes Namen! Ich verdenke es ihr ja nicht – auch ist es ja leicht, ihr außerhalb des Vaterhauses einen passenden und ihren Neigungen zusagenden Aufenthalt zu verschaffen, wenn auch nur auf kurze Zeit: Ulrike wird sie sicherlich bald mit sich aussöhnen; Ulrike ist ja so liebenswürdig und von so großer Herzensgüte; es wird gewiß nicht lange dauern, bis sie ausgesöhnt und gleich einem Paare treuer Schwestern sind.

Und doch verging ein Tag nach dem andern und Herr Markvort kam nicht dazu, »mit Clementinen zu reden!«

Wenn das Mädchen doch, statt ihrer fixen Idee, daß sie ihr Leben lang meine treue Pflegerin bleiben müsse, sich nach irgend einer passenden Partie umgesehen hätte! sagte er dann wohl, wenn er einmal wieder verstimmt von seiner Villa nach der Stadt zurückkehrte. Sie ist doch wahrhaftig in dem Alter! Aber nein, – immer marmorkalt gegen alle jungen Männer; bis ihr jetzt diese romantisch-sentimentale Schwärmerei für den Schriftsteller gekommen ist, der nichts ist, der nichts hat …

Nun ist freilich förmlich und vollständig alle Hoffnung verloren; daß sie meine Einwilligung zu einer solchen Heirath nicht bekommt, wird sie sich schon selbst sagen; denn in der That, das wäre ein schöner Schwiegersohn für mich, den Ordensritter und B***schen Generalconsul, solch ein in Opposition machender Journalist! – Jetzt wird sie alle schönen Entsagungsromane von der Schopenhauer und Hanke in ihr Herz aufnehmen und wundervolle Gedanken in ihr Tagebuch schreiben, wie süß die Resignation und ein aufopferungsvolles, nur der Pflichterfüllung gewidmetes Leben sei, das alle eigenen Ansprüche auf Glück der Pflege des theuren Vaters opfere – ach, du lieber Gott, wie ist die Welt so voll Selbstbetrug! Aber ich werde mit Clementinen reden!

Herr Markvort sagte dies mit großer Entschiedenheit: er war wirklich entschlossen, sich heute offen gegen seine Tochter auszusprechen. Als er jedoch zu ihr kam, fand er sie etwas blässer aussehend als gewöhnlich. Sie klagte auch über ein klein wenig Kopfschmerz. Es war heute offenbar nicht der Tag, um eine so verhängnißvolle Unterredung zu beginnen, obwohl Clementine selbst ziemlich gesprächig war und trotz ihres Unwohlseins – das arme Mädchen! – Alles aufbot um ihren Vater zu unterhalten. Sie hatte ihm ein paar Lieblingsgerichte auftragen lassen und weihte ihn gründlich in die Zubereitung derselben ein, wobei sie alle ihre unübertrefflichen Hausfrauentalente leuchten ließ.

Als ihr Vater ziemlich stumm dabei blieb, erzählte sie ihm die Fabel des neuen Romans, den sie neulich gelesen hatte. Es war eine sehr rührende und erschütternde Geschichte; eine moderne Ehestandsgeschichte von einem Grafen und einer Gräfin; er ein sehr liebenswürdiger braver Herr und etwas weit über die erste Jugend hinaus; sie ebenfalls sehr liebenswürdig, aber noch in der ersten Blüthe und dabei sehr lebhaft, feurig und sehr talentvoll. Sie ist eine bedeutende Malerin und leidenschaftlich vom Studium interessanter Männerköpfe eingenommen, besonders dann, wenn diese recht düster leidenschaftliche Augen und einen schönen Mund mit weltverachtenden Zügen umher haben. Die Gräfin hat ein Album mit einer großen Anzahl solcher denkwürdigen Köpfe, welche sich geduldig dazu hergegeben haben, von ihren kleinen kunstbegabten Händen aufs Papier gezaubert zu werden. Ein jüngerer Bruder des Grafen kommt von seinen Reisen im Orient zurück: die Sonne des Südens hat seinen Teint gebräunt, seine Augen haben etwas Blitzendes und Verzehrendes und doch auch wieder so Sanftes und Träumerisches wie die Augen der Gazelle; um seinen kleinen Mund spielt das gedankenvolle Lächeln des Welt- und Menschenkenners … es versteht sich von selbst, daß die Gräfin einen so bezaubernden Kopf sich nicht entgehen läßt. Sie zeichnet ihn zuerst mit Silberstift in ihr Album; dann zeichnet sie ihn mit Kreide in vergrößertem Maßstabe und zuletzt malt sie ihn in ganzer Größe in Oel. Auch begleitet sie den liebenswürdigen Schwager mit ihrem Clavierspiel, wenn er seine prächtigen illyrischen und serbischen Volkslieder singt … bis eines schönen Tages der ältliche Herr Graf die unangenehme Entdeckung macht, daß seine jugendliche Gattin und sein interessanter Bruder in den dem Malen gewidmeten Stunden sich einander die Zustände ihrer leidenschaftlichen Herzen ausmalen und in den Singübungen sich ihre flammenden Gefühle mit unnachahmlicher Kraft des Ausdrucks vorsingen …

Die Geschichte ist doch eigentlich schon oft dagewesen! unterbrach der Generalconsul hier seine eifrig erzählende Tochter.

Leider, Vater, antwortete Clementine; sie ist schon oft da gewesen und wird sich auch immer wiederholen, wenn eine junge Frau ohne den tiefen sittlichen Ernst eines festen Charakters nur aus äußern Rücksichten eine Verbindung mit einem älteren Manne eingeht …

Herr Markvort machte ein sehr griesgrämiges Gesicht, so sehr, daß Clementine sich nicht bewogen fand, ihre literarischen Mittheilungen weiter fortzusetzen. Auch wäre der Generalconsul ihr keineswegs dankbar dafür gewesen. Die ganze Literatur kam ihm in diesem Augenblicke außerordentlich unnütz und überflüssig vor; es war ihm beinahe, als ob sie nur erfunden sei, ältere Männer vom Heirathen abzuhalten, oder überklugen Töchtern ein Material zur Belehrung ihrer Väter darzubieten!

So schied er denn auch heute wieder ganz verstimmt aus seiner schönen »Villa« – leider jedoch nur, um beim nächsten Besuch, den er Ulriken machte, in ein noch ärgeres Feuer zu gerathen. Diesmal war es eine Nachricht, welche sie erhalten hatte und die den Generalconsul aufs Aeußerste unangenehm überraschte.

Lebhaft bewegt kam ihm nämlich Ulrike, als er um die gewohnte Stunde am andern Morgen bei ihr eintrat, entgegen. Ihre Züge strahlten, ihr Gesicht war von Erregung geröthet.

Denken Sie sich, sagte sie, ich habe von der Intendanz des Königlichen Hoftheaters in der Residenz die Erlaubniß zu einem Cyklus von Gastrollen erhalten! Unter ganz hübschen Bedingungen. Ich soll acht Mal auftreten, als Alice, als Norma, als …

Acht Mal? rief Herr Markvort aus – das scheint mir beinahe auf ein Engagement am Hoftheater hinauszulaufen …

Möglich allerdings, versetzte lachend Ulrike; wenn ich gefalle …

Und wie sollten Sie das nicht! fiel Markvort mit einem unbeschreiblich trostlosen Tone ein.

Nun, das ist schön, rief Ulrike aus – Sie sprechen das, als ob Sie sich bei dem Gedanken, daß ich gefallen würde, die Haare aus Verzweiflung ausraufen müßten! Galanter Mann!!

O Ulrike, spotten Sie nicht so herzlos, antwortete Markvort … Sie wissen recht gut, was ich bei dem Gedanken empfinde, Sie hier verlieren zu sollen. Nein, Ulrike, das geht über meine Kräfte – das werden Sie mir nicht anthun … sprechen Sie, unbarmherziges Geschöpf, das nur seine Freude daran findet mich zu quälen, könnte denn nichts, gar nichts Sie diesen Gastspielplan aufgeben machen – könnte nichts Sie hier fesseln?

Der verliebte Generalconsul zog bei diesen Worten ihre Hand an seine Lippen und blickte sie mit einem unsäglich innigen Blicke an.

Ulrike begegnete diesem Blicke offen und klar und – schwieg.

Sie wissen ja längst, fuhr Markvort fort, daß ich ohne Sie nicht leben kann! Entsagen Sie dieser Künstlerlaufbahn, neben der bei allem Glanz und aller Verlockung so viel bittere Täuschungen, so viel aufreibende Erregungen, so viel erdrückende Anstrengungen liegen. Nehmen Sie die Hand und die treue, starke Neigung eines Mannes zum Ersatz dafür an …

Das ist viel, sehr viel verlangt, Herr Markvort, versetzte Ulrike, aber sie sagte es in ernstem und aufrichtigem Tone. Doch es wäre undankbar von mir, fuhr sie nach einer Pause fort, während welcher sie ihre Rechte in der Hand Markvorts gelassen hatte – es wäre undankbar von mir, wenn ich sagte, es ist zu viel verlangt! Aber dringen Sie heute nicht weiter in mich, verlangen Sie heute keinen Entschluß von mir. Ich bin zu wenig vorbereitet auf Ihren Antrag. Die Nachricht, welche ich bekommen habe, hat mich so eingenommen, daß es nicht die Stunde ist, mich ernsthaft etwas ganz Anderem hinzugeben. Nein, nein, ich kann Ihnen heute nichts weiter sagen. Lassen Sie mir die Freude dieses Gastspiels. Lassen Sie mich mit voller Seelenruhe mich darauf vorbereiten. Wenn es vorüber ist, dann – dann fragen Sie mich wieder und ich antworte Ihnen dann!

Markvort bedeckte ihre Hand mit Küssen. Er war völlig mit dieser Erklärung befriedigt. Er deutete sie auf die günstigste Weise.

Aber, sagte Ulrike, wieder in ihren neckenden Ton fallend – was sagt denn Ihr Töchterchen dazu? ahnt denn Fräulein Clementine auch, was der Papa für Streiche begeht?

O, fiel Markvort mit großer Energie ein – mit Clementine werde ich noch heute reden!

Weshalb noch heute – hat das nicht Zeit bis nachher, bis nach dem Gastspiel? – Weshalb wollen Sie etwas thun, was ja vielleicht ganz überflüssig ist? Warten Sie doch, bis Sie wissen, ob Sie nicht einen Korb bekommen!

Nein, nein, noch heute!

Nun, grand bien vous fasse! Nehmen Sie sich nur ein wenig in Acht! lachte die Sängerin, etwas schadenfroh in dem Gedanken an den Schrecken, den er Clementinen zu bereiten ging.

Es soll augenblicklich geordnet werden! sagte Herr Markvort und warf sich stolz in die Brust.


III.

Und in der That, heute redete Herr Markvort mit Clementinen.

Mein Kind, sagte er mit überaus mildem Tone nach Tisch und als die Tafel abgeräumt war – weißt Du, daß ich eigentlich längst ein Hühnchen mit Dir zu pflücken habe?

Mit mir, Papa? antwortete Clementine ruhig, indem sie ihm seine Tasse Kaffee einschenkte.

Oder eigentlich, fuhr Herr Markvort, sehr lebhaft an seiner Cigarre saugend, die ohne Luft zu sein schien, fort – eigentlich mehr als das: ich habe einen Kummer, welchen Du mir machst.

Du sprichst in Räthseln, versetzte das junge Mädchen, indem sie jetzt leise die Farbe wechselte.

Weshalb, fuhr der Generalconsul fort, hast Du kein Vertrauen zu mir? Du hast etwas auf dem Herzen und sagst es mir nicht. Du hast einen Schmerz und mit einem Wort einen Liebesgram, und zwar deshalb allein, weil Du keinen Muth hast, offen mit Deinem Vater zu reden. Ist das Recht von Dir? Bist Du darum meine Tochter, daß Du keinen Muth haben solltest? Nur immer Muth, mein Kind, und wir können neun Zehntel aller unsrer Schmerzen damit vermeiden!

Clementine war jetzt roth geworden bis unter die Haarwurzeln. Ihre Hand zitterte, als sie ihrem Vater die gefüllte Tasse reichte.

Er nahm die Tasse und dann diese zitternde Hand, die er sanft streichelte.

Sieh, Töchterchen, fuhr er fort. Du hast noch dazu umsonst geschwiegen und mir diesen Kummer gemacht, Dich ohne Vertrauen zu Deinem besten Freunde zu sehen. Das Auge eines Papa's sieht dennoch, wie es um das Herz seines Kindes steht, auch wenn man es ihm verbergen will!

Ich weiß nicht, Vater …

O leg' Dich nicht am Ende gar noch aufs Leugnen – Du hast Dich in den Königsfeld verliebt – das ist es!

Clementine wandte sich schweigend ab, um ihre Verwirrung zu verbergen.

Nun sieh, fuhr Herr Markvort fort – der Mann ist recht brav, gelehrt und gescheut und ehrenhaft: aber sein Metier, ein verdammt schlechtes und undankbares Geschäft, gefällt mir allerdings nicht, wie Du ganz richtig vermuthet zu haben scheinst. Doch – was ist da zu machen? es läßt sich immer nicht Alles vereinigen, und ich bin kein harter und eigensinniger Mensch, der dem Glücke seines Kindes aus bloßen äußeren Ansichten entgegen treten will. Was soll ich da also den Oger, den hartherzigen Papa in der Komödie spielen? – Was nicht zu ändern ist – und ich meine, was sich in solch einem kleinen Weiberkopf einmal festgesetzt hat, das gehört ein wenig dahin – das ist nicht zu ändern; und deshalb, Clementine, wenn Du wirklich eine tiefe und wahre Neigung zu diesem Manne fühlst und ohne ihn nicht glaubst glücklich werden zu können, – nun so gebe ich Dir in Gottes Namen meinen Segen zu dieser Verbindung! He, was sagst Du nun? Schämst Du Dich jetzt ein klein wenig, daß Du gegen Deinen guten Papa so mißtrauisch warst?

Dies war die Art und Weise, wie Herr Markvort heute mit Clementinen redete.

Man sieht, er hatte sich kurz und gut entschlossen; er hatte sich gesagt: Ei was, was liegt denn daran? zäumen wir das Pferd am rechten Ende. Dieser Herr Königsfeld wird das erste Journal in der Residenz leiten. Er kann Ulrikens Gastspiel in die Welt posaunen; er kann sie dadurch in die beste Stimmung versetzen. Damit geräth Alles ins schönste Geleise und löst sich in Wohlgefallen auf, oder besser ausgedrückt, verbindet sich darin! Und mit diesem Entschlusse, den Herr Markvort gefaßt hatte, als er, von dem Besuche bei Ulrike kommend, seiner Villa immer näher gelangt war und immer lebhafter Clementinens schöne und ruhig ernste, aber auch etwas strenge Züge sich vergegenwärtigt hatte, sowie das Gesicht welches sie machen würde, wenn er ihr erklärte, daß er entschlossen sei, Ulrike zu heirathen – mit diesem vortrefflichen Entschlusse hatte er denn nun auch richtig sein Gelöbniß gelöst und – mit Clementinen geredet!

Seine Tochter hatte sich bei seinen letzten Worten ihm wieder zugewandt. Ihre Züge, noch immer geröthet, waren in eigenthümlicher Weise bewegt. Ueberraschung und Verschämtheit, Freude und Unentschlossenheit schienen daraus zu sprechen.

O mein Vater! sagte sie – wie kannst Du voraussetzen, daß ich zu Dir kein Vertrauen …

Herr Markvort machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er das Alles ganz vollständig auswendig wisse, was sie jetzt sagen werde.

Königsfeld hat, sagte er, eine ganz hübsche Anstellung, höre ich, eine Anstellung in der Residenz angenommen – 2000 Thaler Gehalt. Nun, so viel könnte denn der Papa ja auch, wenn er sich einmal recht anstrengte, fürs erste jährlich in die junge Haushaltung stiften. –

Clementine hatte sich, während der Generalconsul dies sprach, von rückwärts dem Stuhle ihres Vaters genaht und legte ihre beiden Arme weich um seinen Nacken, während sie ihre Wange an das Haupt ihres Vaters drückte.

Es versteht sich, fuhr Markvort fort, daß der Musje Königsfeld seine kritischen Bosheiten etwas mäßigt und sich nicht mehr einfallen läßt, als Recensent Fräulein Kellhorn schlecht zu machen, was sehr taktlos von ihm war, da er wußte, daß sie mir eine liebe Freundin ist – sie geht auch in die Residenz, gibt Gastrollen dort – wenn er dort Hauptredacteur des angesehensten Blattes ist, so bitte ich mir sogar aus, daß er seine Autorität für sie in die Wagschale wirft und ihr einen hübschen Erfolg macht – nun, das versteht sich von selbst – also Punctum und abgemacht! Nun, was meinst Du, Tinchen? Und wann soll die Hochzeit sein? Das soll ganz bei Dir stehen; sobald Du willst, sobald es angeht, je eher desto besser!

Während der letzten Worte hatte Markvort gefühlt, wie Clementine ihre Arme von seinen Schultern fortnahm, wie ihr Kopf sich von dem seinen leise entfernt hatte. Er blickte jetzt mit zurückgewendetem Gesichte zu ihr auf, sicher, in ein von innerem Glück und Jubel strahlendes Antlitz zu sehen. Aber Clementine hatte sich wieder von ihm abgewandt und so nahm er nicht wahr, daß ganz im Gegentheil ihre Züge leichenblaß waren und daß zwei volle Thränen in ihren Augen standen.

Nun, Du antwortest nicht?

Ich bin gerührt, lieber Vater, erwiederte sie und ihre Stimme zitterte dabei, ich bin gerührt, daß Du so vertrauensvoll mein Lebensglück ganz von meiner eigenen Einsicht und Entscheidung willst abhängig machen. Ich nehme diese Erlaubniß auch an und behalte sie mir vor. Aber heute –

Nun, heute?

Wer hat Dir von meiner Neigung zu Königsfeld gesagt? fuhr Clementine fort, ohne jene Frage zu beantworten.

O sie brauchte mir gar nicht gesagt zu werden, mein Kind, versetzte Markvort lächelnd.

Mit schonungsloser Nichtberücksichtigung dieser Behauptung sagte Clementine:

Wer Dir davon gesagt hat, der hat sich ganz und gar in dem Charakter dieses Verhältnisses geirrt. Ich habe Königsfeld gern, das ist wahr. Ich hege eine aufrichtige Freundschaft für ihn. Ich stimme in allen Ansichten und Urtheilen mit ihm überein. Auch ist Niemand, mit welchem ich mich lieber unterhalte, weil ich Königsfeld über Alles unterrichtet und immer gleich freundlich bereit finde, meine mädchenhaften Vorstellungen zu berichtigen ohne herablassenden Schulmeisterton, wie ihn Herr Professor Bretzer und wie ihn fast alle gelehrten Männer gegen Frauen annehmen, wenn sie einige Brosamen ihrer Weisheit auf uns niederfallen lassen. Ja, ich habe Königsfeld sehr gern – aber seine Frau werden –

Nun? Du willst etwa nicht?

Clementine schüttelte den Kopf.

Aber, Mädchen, entweder bist Du jetzt unwahr gegen mich, oder …

Du bist getäuscht, Vater!

Getäuscht? Wer sollte mich getäuscht haben?!

Clementine zuckte die Achseln. Sie schien noch etwas hinzusetzen zu wollen; aber ihre Stimme zitterte zu sehr, sie führte ihr Taschentuch an ihre Augen und verließ weinend das Zimmer.

Der Generalconsul sprang auf. Er schleuderte zornig seine Cigarre in die Ecke.

Nun werde Einer aus dem Geschöpfe klug! rief er aus. Sie will ihn gar nicht! Ich meine, ich habe den gordischen Knoten durch einen genialen Entschluß durchhauen, und jetzt sitzt er erst recht fest! Wahrhaftig, solch ein Frauenzimmer kann einen Mann aus dem Concepte bringen, daß er nicht mehr aus noch ein weiß.

Markvort schritt heftig eine Weile in dem Zimmer auf und ab. Was sollte er thun? Jetzt noch Clementinen offen gestehen, was er vorhatte, das wagte er gar nicht mehr, denn er gestand ja dann auch zugleich, daß er mit seiner großmüthigen Einwilligung nur beabsichtigt hatte, seine Tochter aus dem Vaterhause zu entfernen!

Endlich beschloß er, noch heute Abend Ulrike zu sprechen, bevor er weitere Schritte thue. Er begab sich deshalb in die Stadt zurück, kramte eine Weile auf seinem Comptoir zerstreut in den Briefen, die eingelaufen waren, und in den Coursnotirungen umher, zankte fürchterlich mit einem unglücklichen Commis, den er über dem Verbrechen betraf, wie er in einem der Bücher eine falsch geschriebene Zahl radirte, und nachdem er auf solch angenehme Weise den Nachmittag zugebracht hatte, begab er sich in die öffentlichen Anlagen, welche einen Theil der Stadt umgaben, weil er wußte, daß Ulrike täglich mit ihrer Mutter hier einen Spaziergang machte, wenn sie nicht im Theater war.

Nachdem er eine Weile dort auf und ab gewandelt, begegnete er denn auch richtig den Damen; aber sie waren sehr »entourirt«; zwei Cavallerie-Officiere und der erste Tenor des Stadttheaters begleiteten sie; Scherz und Gelächter kündigten schon von weitem die heitere Gruppe an. Nichts konnte für den Generalconsul verdrießlicher sein, als die Gegenwart dieser überflüssigen jungen Courmacher, die ihn hinderten, mit Ulriken auch nur ein einziges Wort unter vier Augen zu sprechen. Er wünschte die beiden Cavalleristen mit ihren Säbeln und Schlepptaschen auf den Grund der tiefsten Trichtermine vor Sebastopol und den blassen lyrischen Tenor noch weiter, in's Wiegenland aller blassen Lyrik, auf den Mond fort. Aber da ein hartherziges Schicksal diese Wünsche völlig unberücksichtigt ließ, so machte er gute Miene zum bösen Spiel, schloß sich der weit weniger in Anspruch genommenen Mama der Sängerin an und begann diese so laut mit seinem sonoren Redeorgane zu unterhalten, daß er zehn gegen eins wetten durfte, binnen fünf Minuten waren die jungen Schwätzer, die vor ihm Ulrike umgaben, zum Schweigen gebracht.

Doch es war offenbar heute ein Unglückstag für Herrn Markvort: denn die einzige Folge davon, daß er so eifrig und laut seine Begleiterin unterhielt, war die, daß nun die drei Herren die ihrige desto leiser unterhielten, als benutzten sie den Lärm, den der Generalconsul machte, um ungehört mit der jungen Sängerin plaudern zu können. Dies war dem Herrn Markvort noch viel unheimlicher.

Endlich war der Spaziergang beendet und man kehrte nach Hause zurück. Markvort erbat sich die Erlaubniß, auf ein paar Augenblicke mit eintreten zu dürfen. Frau Kellhorn lud ihn freundlichst dazu ein, Ulrike sagte nichts und ging voraus; als Markvort oben in den Wohnzimmern der Damen ankam, schlüpfte Ulrike in ihr Cabinet, und es dauerte sehr lange, bis sie wieder erschien, um ihrem Besuche Gesellschaft zu leisten.

Dies Betragen war nicht sehr ermuthigend für ihren Verehrer; aber sein Herz war zu voll von dem, was es bewegte, als daß er sich hätte abschrecken lassen. Er theilte Ulrike sogleich mit, was er hatte erleben müssen. Es war ja auch am besten geeignet, ihre rosigste Huld gegen ihn wieder zu gewinnen: wie konnte er ihr seiner Leidenschaft ganze Größe besser zeigen, als wenn er ihr sagte, daß er um dieser Leidenschaft willen sich entschlossen habe, seine Tochter aus dem väterlichen Hause ziehen zu lassen und sie zu einer Verbindung zu autorisiren, welche unter andern Umständen gewiß nicht seine Billigung gefunden haben würde.

Zu seiner Verwunderung jedoch zeigte Ulrike bei seiner Mittheilung ein Gesicht, auf welchem sich eine keineswegs angenehme Ueberraschung malte. Daß die unmittelbare Folge von dem, was sie am Morgen Markvort gesagt hatte, das Glück Königsfelds und Clementinens sein sollte – das hatte Ulrike nicht erwartet und nicht vorausgesetzt. Beide waren ihr viel zu unausstehlich, ja verhaßt, als daß sie das beabsichtigt hätte!

Nun, das nenne ich vorschnell! sagte sie mit erzwungenem Lächeln – ich glaube, Sie machen schon jetzt Arrangements und beginnen damit, Ihre Tochter an den Ersten Besten fortzugeben – Sie haben sich meine Worte von heute Morgen sehr vortheilhaft ausgelegt, mein vortrefflichster Generalconsul.

Sie werden sie doch nicht etwa widerrufen?!

Ich wüßte nicht, was ich zu widerrufen brauchte, versetzte Ulrike schneidend kalt. Ich habe nichts gesagt, als daß ich erst nach meinem Gastspiel Ihnen antworten würde, und wenn Sie darauf hin so wichtige Schritte thun …

Aber, mein Gott, Ulrike –

Still, still, suchen Sie jetzt nicht mehr von mir zu erlangen; und was Fräulein Clementine angeht –

Was mache ich da? fragte Markvort, mit großer Niedergeschlagenheit die Hände faltend.

Danken Sie Gott, antwortete Ulrike ironisch, daß Ihre vortreffliche Tochter nicht auf die Stimme ihres Mädchenherzens, sondern nur auf die ihrer Pflicht gegen ihren unbesonnenen Papa gehört hat, der sie von einem vorschnellen und verhängnißvollen Schritt zurückhalten mußte. Ich finde Ihre Tochter von einem anbetungswürdigen Heroismus. Das wäre ja ein Stoff für eine Tragödie. Gewiß schreibt Königsfeld ein Trauerspiel darüber, wenn er es je erfährt!

Sie haben nur Spott für mich! antwortete Markvort. Sie haben kein Herz! Ich bin außer mir über Sie und über Clementine!

Undankbarer Mensch – frohlocken sollten Sie, daß aus dieser schönen Partie, die Sie da arrangiren wollten, nichts wird. Ein armer Journalist – das ist ein passender Schwiegersohn für einen Mann wie Sie! Sie müssen ja erwarten, daß man Ihnen Ihren prächtigen langen Titel Generalconsul nimmt, wenn Sie sich so mit der Opposition liiren!

Hoho! rief Markvort aus – weshalb nicht gar; Königsfeld ist in seinen Meinungen sehr gemäßigt, sehr respectirt bei allen Parteien. –

Ach, was denken Sie – solch ein Zeitungsschreiber ist Allen ein Dorn im Auge! –

Und nach einigem ferneren Hin- und Herreden sandte Ulrike ihren Verehrer fort, ohne daß er Weiteres von ihr vernommen hätte, woran sein verzagendes Herz sich hätte aufrichten können.


Um dieselbe Stunde, in welcher Markvort die Sängerin auf der Promenade getroffen, hatte Doctor Königsfeld einen Besuch auf der Villa draußen gemacht. Er fand Clementine in einer so gedrückten und zugleich bitteren Stimmung, daß er umsonst grübelte, was sich ereignet haben könne, und, anfangs eben so umsonst, mit Fragen in sie drang, welcher Kummer auf ihrem Herzen laste.

Weshalb vertrauen Sie mir nicht mehr, Clementine? sagte er endlich mit einem so beweglichen und innigen Tone, daß das junge Mädchen sanft ihre Hand in die seine legte und antwortete:

Wer sagt Ihnen, daß ich Ihnen nicht mehr vertraue?

Ihre Verschlossenheit!

Ich vertraue Ihnen – ich fürchte Sie aber auch, Norbert!

Mich?

Ja, Sie! – Wollen Sie mir versprechen, feierlich versprechen, daß Sie mich nicht schelten wollen?

Brauche ich das?

Ja, ja, recht fest und heilig müssen Sie es mir versprechen!

Nun wohl, ich thue es hiermit; – aber wozu? Was könnten Sie gethan haben, was zu schelten wäre?

Sie werden es gleich hören. Denken Sie sich – mein Vater hat mir seine Einwilligung zu einer Verbindung mit Ihnen gegeben.

Ist das wahr? rief Königsfeld entzückt aus.

Heute, vor wenig Stunden. Aber ich – –

Sie?

Ich habe sie nicht angenommen, ich habe sie abgelehnt!

Clementine! – – Nein, das ist nicht wahr. – Sie wollen Ihren Scherz mit mir treiben – einen grausamen, abscheulichen Scherz!

Es ist wahr, Königsfeld – es ist wahr, denn ich konnte nicht anders!

Bei diesen Worten erstickten Thränen ihre Stimme und sie warf sich schluchzend an seine Brust.

Er suchte sie mit den süßesten Schmeicheleien dahin zu bringen, daß sie sich faßte. Endlich gelang ihm dies, sie trocknete ihre Augen und erzählte ihm die ganze Unterredung, welche sie mit ihrem Vater gehabt hatte.

Sprechen Sie nun selbst, sagte sie dann – konnte ich eine solche Einwilligung annehmen – die nichts bezweckte, als Sie zu gewinnen, daß Sie Ulrike als zweite Pasta ausposaunen, und mich aus dem Hause zu entfernen, damit eine Stiefmutter hineinziehen könne, welche meinen Vater für den Rest seines Lebens unglücklich machen wird? – das sehe ich ja nur zu gut voraus.

Aber, um Gotteswillen, fiel Königsfeld hier ein, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und wenn Ihr Vater nun durchaus und fest entschlossen ist, diese Verbindung einzugehen –

O nein, nein, nein – er soll sie nicht schließen, nun und nimmermehr! versetzte Clementine mit aufwallender Heftigkeit.

Ich entdecke etwas in Ihnen, was ich nicht kannte, Clementine, sagte Königsfeld mit traurigem Tone.

Und das ist?

Eigensinn! Und über diesen Eigensinn schlagen Sie mein Glück in die Schanze, lassen Sie mein Herz sich verbluten!

Würden Sie denn selbst gewollt haben, Norbert, daß ich in eine solche Erniedrigung willigte, wie mein Vater sie beabsichtigte? – Was war es eigentlich anders, was er wollte, als mich zu einer Art Bestechung bei Ihnen verwenden, damit Sie Ihren Einfluß für den Triumph jener Person, die mir so unleidlich ist, aufbieten? Sollte ich mich so demüthigen lassen?

Königsfeld schüttelte den Kopf.

Die Ihnen so unleidlich ist, sagen Sie, – begann er dann.

Nun, ist sie das Ihnen etwa nicht?

Lassen wir das heute – sagen Sie mir lieber offen, spielt nicht diese Antipathie bei dem, was Sie gethan haben, eine große Rolle?

Weshalb soll ich das nicht gestehen?

Weil dann Ihre Ablehnung nicht blos die Folge Ihrer kindlichen Liebe ist, mit der Sie über dem wahren Glücke Ihres Vaters wachen wollen. Weil dann ich mir sagen muß, daß Sie mich nicht lieben, Clementine; denn wenn Sie mich wahrhaft liebten, dann hätte diese Liebe Sie gar nicht an eine solche Antipathie denken lassen!

Norbert! sagte das junge Mädchen und sah ihn mit einem tiefen und innigen Blick ihrer thränenfeuchten Augen an.

Aber Königsfeld, schien es, war für die Beredsamkeit dieser Blicke unzugänglich. Er sah düster schweigend vor sich hin. Umsonst wiederholte ihm Clementine alle Gründe ihres Betragens, umsonst schilderte sie ihm alle Empfindungen, welche ihres Vaters Rede in ihr wach gerufen hatte. Auch daß sie ihm versicherte, sie habe ja nur für den Augenblick die gewährte Einwilligung abgelehnt und durchaus nicht für immer – auch das erhellte seine düstere Stirne nicht.

Er brach endlich ganz ab und sprach kalt und mit gleichgültigem Tone von seiner bevorstehenden Abreise nach der Residenz. Verletzt und tief verwundet suchte Clementine allen ihren jungfräulichen Stolz zusammen, um mit gleicher anscheinender Kälte in diesen Ton einzustimmen. Sie trennten sich endlich – ohne Versöhnung.

Als Königsfeld dann gegangen war, blickte Clementine ihm mit einem Strom von Thränen nach. Es kam ihr vor, als würde sie ihn nie wieder sehen, und eine Centnerlast lagerte sich auf ihr armes, von den widerstrebendsten Gefühlen zerrissenes Herz. Sie war ohne Trost – denn nicht einmal den Trost ihres Bewußtseins hatte sie. Königsfeld hatte sie darin erschüttert. Sie konnte kein klares und festes: Ja! mehr sprechen, wenn sie sich selbst fragte, ob sie auch recht gehandelt habe.


IV.

Es waren sechs Wochen verflossen seit dieser Unterredung Clementinens mit Königsfeld. Der Letztere war längst, um seinen neuen Wirkungskreis anzutreten, abgereist; er hatte Clementine nicht mehr allein gesprochen, sondern nur noch einen kurzen, flüchtigen Besuch zum Abschiede gemacht, bei welchem ein paar andere Besucher zugegen gewesen waren. Auch kein schriftliches Lebewohl hatte er ihr gesagt. Er war, schien es, unversöhnt gegangen!

Auch Ulrike war abgereist, um ihren Cyklus von Gastrollen zu beginnen. Sie feierte in der Residenz den vollständigsten Erfolg. Die Hauptblätter der Hauptstadt, auf welche der Generalconsul sämmtlich abonnirt hatte, waren voll ihres Lobes. Sie hatten bei jedesmaligem Auftreten von Fräulein Kellhorn nur Triumphe zu »constatiren.« Hervorruf bei offener Scene war etwas Gewöhnliches geworden und Bouquets und Kränze regneten auf sie herab.

Nach diesen Zeitungsberichten mußte Ulrike die sonst so schwer zu befriedigende, gehässige Kritik der Hauptstadt ganz zum Verstummen gebracht haben: sie mußte durch ihr Spiel und ihren Gesang jenen Enthusiasmus der Ueberspannung, welchem man die Bevölkerung derselben Stadt zuweilen paroxismusartig anheimfallen sieht, geweckt haben.

Clementine hätte Ulriken diesen Triumph gern gegönnt; aber nicht überwinden konnte sie es, daß gerade das Blatt, welches unter der Leitung Königsfeld's stand, den Chorführer bei diesen Lobgesängen auf das neue Phänomen, welches am Kunsthimmel der Residenz aufgegangen war, machte. Und das war noch dazu in Feuilletonartikeln der Fall, in denen sie deutlich und klar die Schreibart Königsfeld's selber erkannte. Wie war das zu erklären? Hatte Ulrike auch ihn jetzt für sich eingenommen und in der That bezaubert? Oder grollte Königsfeld unversöhnlich und wollte durch diese Huldigungen für Ulrike sie, Clementine, verwunden? Wenn das der Fall war, so erreichte er sicherlich seinen Zweck. Denn Clementine fühlte sich im tiefsten Herzen krank und verwundet. Sie ging bleich und verstört im Hause umher.

In desto heitrerer Stimmung war ihr Vater. Er las mit dem gespanntesten Eifer jede Zeile, welche über die Theaterzustände der Residenz Nachricht brachte, und die glänzenden Erfolge Ulrikens schienen für ihn eine tägliche Quelle von neuem Glück. Er perorirte, er sang, er lachte doppelt so laut, wie sonst in seinen vergnügtesten Tagen, und endlich schien er es fern von allen den Herrlichkeiten, von denen er täglich las, nicht mehr aushalten zu können. Er erklärte eines Abends, nach einigem Räuspern, seiner Tochter, daß er einen Brief aus der Hauptstadt erhalten habe, wonach seine persönliche Anwesenheit dort in dringenden Geschäften nöthig sei.

Clementine quälte ihn nicht mit Fragen nach der Natur dieser Geschäfte. Sie ging ohne alle Bemerkungen, dem Diener Anweisung zu geben, welche Gegenstände aus der Garderobe ihres Vaters er einzupacken habe. Am andern Morgen in der frühesten Frühe saß denn Herr Markvort auch schon auf dem ersten abgehenden Zuge.

Clementine war nun ganz allein, und das Ende dieser Einsamkeit durfte sie nicht einmal herbeisehnen. Denn kam ihr Vater zurück – welche Nachricht mußte sie dann nicht vielleicht von ihm entgegen nehmen! Dieser Triumph Ulrikens mußte ja ihres Vaters Schwäche für das verführerische Geschöpf aufs höchste steigern! Das war eben das Bitterste in dem vielen Bittern, welches Clementinens Seele erfüllte, daß sie sich sagen mußte, ihr Opfer, ihre heldenmüthige Verleugnung ihres eigenen Selbst, sei ganz vergeblich gewesen. Was hatte sie damit gewonnen, daß sie ihr eigenes Glück von sich gestoßen, um nicht von hier zu weichen und dadurch ihrem Vater eine Stätte frei zu geben, auf welcher er sein Unglück aufbauen könne! Sie hatte nichts damit gewonnen; die Gefahr schwebte drohender als je über seinem Haupte.

Und war denn wirklich so gewiß, was sie so fester Ueberzeugung angenommen, daß Ulrike ihren Vater unglücklich machen werde? Wenn er nun so leidenschaftlich an der Sängerin hing, konnte er denn nicht wirklich auch ein junges Lebensglück und eine dauernde Befriedigung an der Seite Ulrikens finden? War ihr Vater nicht ein Charakter, der nur das verlangte, was Ulrike gewähren konnte, äußeren Glanz, gesellschaftliche Talente, Repräsentation? Mußte er nicht selbst am besten darüber entscheiden können, was ihm genügte?

Doch nein – gegen diese Annahmen sträubte Clementine sich mit allen Kräften ihrer Seele. Hätte sie dies zugegeben, so würde sie ja allen Halt in sich selber verloren haben. Sie mußte wenigstens sich sagen können, daß sie um des wahren Besten ihres Vaters willen gehandelt habe und leide.

Eines Abends ließ sich Professor Bretzer bei ihr, anmelden. Er kam direct aus der Hauptstadt, von einer Philologen-Versammlung, an welcher er Theil genommen hatte, und überbrachte Clementinen die schönsten Grüße von ihrem Vater.

Und Briefe haben Sie nicht? fragte Clementine, welche von dem Generalconsul erst einige flüchtige Zeilen mit der Nachricht seiner glücklichen Ankunft und weiter noch gar nichts erhalten hatte.

Briefe – nein, die habe ich nicht, versetzte der Professor. Das müssen Sie auch nicht verlangen, Fräulein, von dem Herrn Papa, daß er viel Briefe schreibt – der ist ganz gewaltig in Anspruch genommen –

Von seinen Geschäften wohl? Ich hoffe, er wird sich alle Mühe geben, sie rasch zu erledigen, um hierher zurückkehren zu können, wo im Comptoir seine Anwesenheit auch so nöthig ist.

Nun, versetzte der Professor, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich ihn immer im Frack und à quatre épingles, wie der Franzose sagt, gesehen habe, immer munter und wohlauf – am letzten Tage meiner Anwesenheit habe ich bei'm Restaurant mit ihm gefrühstückt, zum Diner war er in eine lustige Künstlergesellschaft geladen, und den Abend hatte er vor, in einer Soirée bei unserer Fräulein Kellhorn zuzubringen. –

Sie macht Glück, Fräulein Kellhorn, warf Clementine dazwischen, gewaltsam die Bewegung, die sie bei diesem Namen ergriffen hatte, verbergend.

Glück – freilich und Glück muß man's nennen; denn ihr Verdienst ist's wahrhaftig nicht; ja, ja, es ist ein leichtes Völkchen in solch einer großen Residenz, und wenn ihnen Jemand nur recht laut und frech den Ton angiebt, so singen sie Alle die Weise nach, die er haben will!

Was wollen Sie damit sagen? fragte Clementine.

O, Fräulein Kellhorn hat gute Freunde unter den Journalisten, unsern Herrn Doctor Königsfeld oben an – ja, wenn der nicht gewesen wäre – bei dem mag sie sich bedanken: der hat schon vorher fürchterlich in die Posaune gestoßen, noch bevor sie einmal aufgetreten war – tuba magnum tonans sonum, wie der Lateiner sagt: und da er weiß, wie man die Dinge angreift, so haben die andern Herrn von der Gänsefeder andächtig auf ihn gehorcht und laut miteingestimmt, und Fräulein Ulrikens Erfolg war gemacht! Ja, mein gnädiges Fräulein, so geht das in der Welt – da wird intriguirt und complottirt, da werden Schlachtpläne gemacht und das mot d'ordre gegeben, und wer's versteht, der kann Alles zu Stande bringen: »lobst Du die Meine, so lob' ich die Deine; schlägst Du meinen Juden, so schlag ich Deinen Juden« …

Wollen Sie damit sagen, daß Doctor Königsfeld seine Collegen von den übrigen Journalen gewonnen habe, Fräulein Kellhorn einstimmig dem Publicum als große Künstlerin darzustellen?

Daß er gar gewaltig für sie Propaganda gemacht hat, das habe ich gehört, ja, das habe ich gehört! schrie in seiner lauten derben Weise und lachend der Professor.

Clementine hatte unsägliche Mühe, in der weiteren Unterhaltung mit diesem Bringer von Hiobsposten die nöthige Haltung und den Anschein von Gleichgültigkeit zu bewahren.

Endlich verabschiedete sich der Professor. Sie holte tief Athem, als er das Zimmer verlassen hatte.

Mein Gott, sagte sie, ich glaube, ich könnte über alles dieses den Verstand verlieren … daß Königsfeld das Alles gethan haben solle aus wirklicher Bewunderung Ulrikens – das ist undenkbar, dazu war sein Urtheil über sie hier viel zu klar – also nur um mich zu kränken?! Ist das möglich, ist so viel Falschheit, Grausamkeit möglich?!

Und sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und versank in ein unsäglich schmerzliches Sinnen. Wohl kam ihr der Gedanke, daß Königsfeld vielleicht nur aus Politik so handle und durch das, was er gethan, ihres Vaters Gunst erwerben und festhalten wolle; aber es war doch jedenfalls ein Verleugnen seiner Meinung, eine Unredlichkeit dabei – und sollte Königsfeld die ihretwegen jetzt noch begehen wollen? Sie schüttelte traurig den Kopf und fühlte sich bodenlos unglücklich.

Noch einige Tage vergingen, Tage, welche Clementinen keinen Trost brachten, im Gegentheil nur ihr Leid mehrten durch die fortwährende Angst, die ihr jedesmal stürmisch das Herz schlagen machte, wenn sie, wie zweimal täglich geschah, den Comptoirdiener durch den Garten heraufkommen sah, um ihr zu überbringen, was an Zeitungen und Briefen von den Posteinläufen an sie abgegeben werden mußte. Sie zitterte jedes Mal bei dem Gedanken, daß ein Brief von ihrem Vater mit der verhängnißvollen Ankündigung seiner Verlobung mit Fräulein Ulrike Kellhorn dabei sei.

Es war am Nachmittage des vierten Tages, nachdem Professor Bretzer ihr einen so tiefen Stachel in die Seele gesenkt, als Clementine langsam durch die schattigen Gebüsche der Gartenanlagen wandelte. Sie dachte darüber nach, wohin sie sich wenden, bei welcher verwandten und befreundeten Familie sie eine Zuflucht suchen und eine neue Heimath sich schaffen solle, wenn wirklich das Gefürchtete einträfe – denn mit einer Stiefmutter wie Ulrike konnte und wollte sie nicht im väterlichen Hause ein erträglich sich gestaltendes friedliches Verhältniß hoffen.

Da hörte sie auf den weichen Kieswegen rasche feste Schritte sich entgegenkommen, während ihr von den Gebüschen die Gestalt des Nahenden noch verborgen wurde. Aber sie glaubte diesen Schritt zu kennen, und erschrocken, wie angewurzelt, blieb sie stehen und fuhr mit der Hand zu ihrem Herzen.

Sie hatte sich nicht getäuscht. Wenige Augenblicke noch, und – Königsfeld stand vor ihr. Er war im vollen Reise-Anzuge, bestaubt, mit von der Eisenbahnfahrt am heißen Tage gerötheten Zügen.

Clementine! rief er fröhlich und unbefangen aus, und streckte ihr seine Rechte entgegen.

Sie nahm sie nicht.

Sie hier?! sagte sie tonlos – Sie, Königsfeld?

Reichen Sie mir Ihre Hand nicht? Zürnen Sie mir?

Sie sah ihn groß und voll an, ohne zu antworten.

Es mußte etwas in diesem Blicke sein, was eine schelmische Heiterkeit in dem jungen Manne erweckte. Er begegnete ihm mit dem fröhlichsten Ausdruck von der Welt in seinen Zügen.

Sie grollen mir, Clementine, ich weiß es. Aber Sie werden mir nicht mehr grollen, sobald ich Ihnen meine Neuigkeiten ausgepackt habe. Also zuerst die schönsten Grüße vom Vater. Er ist gestern Morgen nach Helgoland abgereist – Professor Bretzer würde die maliciöse Bemerkung machen, um aus Verzweiflung unter die Soldaten zu gehn, und sich in der englisch-deutschen Legion anwerben zu lassen … so schlimm ist es aber nicht, er will nur von allen den residenzlichen Gemüthsbewegungen sich in den Armen des ewigen Meeres erholen … Aber kommen Sie, setzen wir uns dort, damit ich Ihnen Alles der Reihe nach und in Ruhe erzähle, und damit nahm Königsfeld, ohne ihre kalte Zurückhaltung weiter zu beachten, ihre Hand und führte das junge Mädchen, welches nur mit Mühe und wankenden Schrittes ihm folgte, zu der nächsten Gartenbank.

Alles ist gut, Clementine, sagte er hier – alle Ihre töchterlichen frommen Sorgen sind zu Ende. Ihr Vater und Fräulein Ulrike sind geschiedene Leute und Sie, Sie sind jetzt doch ein Journalistenhonorar geworden – mein Honorar für die vortrefflichen, unsterblichen Artikel, womit ich dies erreicht habe!

Sie?! fragte Clementine, während er ihre Hand ergriffen und auf sein Herz gedrückt hatte.

Niemand anders. Was Ihr kleiner Eigensinn durchzusetzen nicht mehr hoffen konnte – das habe ich durchgesetzt.

Und womit? Wodurch?

Mit der Macht der Presse, der allmächtigen, alles beherrschenden Presse, welche die Herzen der Menschen lenkt wie Wasserbäche. – Sehen Sie, ich sagte mir, daß alles darauf ankomme, Fräulein Ulrike einen recht glänzenden Erfolg in der Hauptstadt zu sichern. Sie mußte in einen Taumel des Triumphs versetzt werden – dann war für uns alles gewonnen – und dieses schwache Köpfchen in einen Taumel zu versetzen, das war ja leicht! Also um ihr den Triumph zu verschaffen – große Verschwörung der befreundeten Journalistik! … Auch die war leicht zu Stande zu bringen. Den Herren von der musikalischen Kritik und den Berichterstattern über das Theater, welche nichts von der Sache verstanden, versicherte ich mit der ernstesten Miene von der Welt, Fräulein Kellhorn habe die Anlagen einer Malibran. Nur sei sie auch so schüchtern wie die Malibran, welche ja noch in ihren letzten Jahren bei jedem Auftreten das Lampenfieber bekam; und, sagte ich weiter, die Humanität verlange, daß man auf alle Weise Ulrike ermuthige, um eine so verheißungsreiche Kunstknospe zu ermuntern, alle ihre Blätterpracht glorreich zu entfalten. Nun, Humanität ist gottlob auf dieser bösen Welt noch außerordentlich weit verbreitet, besonders wenn man sie bei gebildeten Männern für ein hübsches junges Mädchen sucht! Bei den andern meiner Collegen von der Presse, welche mir aussahen, als seien sie im Stande selbst zu prüfen, selbst zu urtheilen und unbilliger Weise größeres Gewicht auf das, was Ulrike singen würde, als auf das, was ich sagte, zu legen – bei denen schlug ich einen andern Weg ein.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß gewisse Verhältnisse mein Glück von dem Erfolge der neuen Sängerin abhängig machten. Ich nahm flehentlich ihre Rücksicht für mich in Anspruch. Ich versprach ihnen alle möglichen Gegendienste, sobald sie verlangen würden. Sie können denken, Clementine, wie leicht diese Herren mit dem leisen spöttischen Lächeln um die Mundwinkel mich begriffen! O, sie waren sammt und sonders augenblicklich eingeweiht. Und da ich als Neuangekommener noch keine Feinde unter ihnen hatte, so war auch Niemand da, dessen gutes Herz sich nicht durch solche besondere Verhältnisse hätte rühren und erweichen lassen. Sie wollten alle, so versicherten sie mir, das nach Lage der Sache nur immer Mögliche und Erlaubte thun! Gott segne sie dafür. Es gab einen rührend harmonischen Chorus. Ich selbst gab den Ton an. So oft Fräulein Kellhorn auftrat, war es wie in Shakespeare's Stücken: Enters the King. Flourish!

Und nun? fragte Clementine.

Nun ist erreicht, was ich wollte. Die Theater-Intendanz hat sich gezwungen gesehen, Ulriken ein glänzendes Engagement zu bieten. Ulrike hat es auf drei Jahre abgeschlossen. Sie denkt nicht im Traume daran, die Bühnenlaufbahn, welche ihr jetzt Ruhm und Schätze und die Lorbeern der Lind und der Sontag verheißt, zu verlassen. Sie hat Ihrem Vater den entschiedensten Korb gegeben. Es ist geschehen, was ich voraussah. Mißlang ihr Versuch, den Forderungen des Residenz-Publicums zu genügen – dann hätte sie freilich in bescheidener Klugheit anders gewählt. Dann wäre ihr der Titel Frau General-Consul sehr lockend gewesen und sie hätte nichts dagegen gehabt, in eine Provinzialstadt zurückzukehren – so aber …

O mein Gott, sagte Clementine tief bewegt und noch zu erschüttert, um sich ganz der Freude über diese Lösung hingeben zu können, – aber weshalb erfuhr ich denn keine Silbe von Ihnen und von allem dem – weshalb ließen Sie mich in einer so peinvollen Lage, so in der Verzweiflung zurück?

In der Verzweiflung? fragte Königsfeld gerührt und fast erschüttert durch den Ton tiefen Schmerzes, womit Clementine diese Worte sprach.

Sie nickte nur leise und vor sich hinsehend mit dem Kopfe.

Mein süßes Mädchen, sagte er, ihre beiden Hände in die seinen fassend. Wer etwas Strafe hattest Du verdient und dazu, – setzte er lächelnd, aber mit innigem Tone hinzu – dazu sollte es sein! Du hattest mir zu wehe gethan!

Sie blickte zu ihm auf, mit glänzenden leuchtenden Blicken Vergebung flehend und – gewährend.

Und der Vater? fragte sie dann.

Hat keine Ahnung von der perfiden Politik seines Schwiegersohnes, beehrt ihn mit seiner vollen Gunst und hat ihm auf eine feierliche Werbung erklärt, daß er sich gegen seine Tochter bereits erschöpfend über diese Angelegenheit ausgesprochen habe!

Clementine legte ihr Haupt, das jetzt von Freude verklärt war, an die Schulter ihres Geliebten.

Aber einen recht falschen, ruchlosen Mann bekomm' ich doch! sagte sie. Es war doch Unrecht!

Unrecht? versetzte Königsfeld. Wo fängt Unrecht eigentlich an?

Wo Einer dem Andern wehe gethan!

Und ich habe doch nur Glückliche gemacht! Uns zwei zuerst, dann Fräulein Kellhorn und zuletzt auch – den Vater!

.


 << zurück weiter >>