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Siebzehntes Kapitel.
Eine Leidenschaft

Fürs erste freilich bedurfte Dankmar keiner Philosophie, sondern nur ernster Ruhe, um diesen Baron Jauffroi zur Rechenschaft für die Verleumdung zu ziehen, die er wissentlich gegen Eugenie ausgesprochen hatte.

Er packte seine Briefe zusammen, steckte sie zu sich und verließ damit die Kajüte. Auf dem Verdecke angekommen, drückte er den Wunsch aus, rasch zum Lande gerudert zu werden, und kaum eine Viertelstunde später landete er an dem Kai von Santa-Lucia.

In seiner Wohnung angekommen, fand er den Baron zu Hause. Als er bei ihm eintrat, saß Montenglaut in einem der vor der geöffneten Balkonthür stehenden Lehnstühle, auf den Hafen hinausschauend. Er erhob sich bei Dankmar's Eintreten nicht, sondern blickte nur wie forschend in seine Züge, und dann wieder sein Gesicht dem Hafen zuwendend, deutete er schweigend auf den leeren Stuhl neben sich.

Dankmar nahm diesen Stuhl ein und sagte:

Ich finde Sie in nachdenklicher Stimmung; es thut mir leid, daß ich Sie derselben entreißen muß, um sehr ernst eine Erklärung von Ihnen zu verlangen.

Und welche? fragte der Baron fühl.

Eine Erklärung, was Sie zu der Verleumdung bewog, welche Sie wissentlich wider Fräulein Eugenie von Chevaudun aussprachen?

Wider Fräulein Eugenie von Chevaudun?

So sagte ich.

Nun ja, so sagten Sie, und das ist es eben, was mich in Erstaunen setzt. Soviel ich weiß, ist der Name bisher nicht zwischen uns ausgesprochen, und deshalb weiß ich nicht, wie ich wider diese Dame eine Verleumdung habe aussprechen können.

Wozu diese Ausflüchte! Ich bin, seit ich Sie verließ, über alles unterrichtet; Sie wußten, als ich Ihnen von Fräulein Anna Morell sprach, daß Anna Morell Eugenie von Chevaudun sei, und Sie hatten die unglaubliche Niedrigkeit, die Schlechtigkeit, Herr Baron …

Sachte, sachte, mein Herr von Gohr, beginnen wir die Unterhaltung nicht auf eine Weise, welche sie endet, ehe sie noch angefangen hat. Ich will Ihre Worte, die Sie zurücknehmen werden, vorläufig nicht gehört haben, um Sie zu fragen: wer hat Sie unterrichtet und was ist es, das Sie veranlaßt, sich zum Ritter einer Dame aufzuwerfen, die unmöglich solch einen Dienst von Ihnen verlangen kann, da sie Ihnen nicht einmal ihren Namen anvertraut hat?

Ich weiß jetzt, weshalb sie dies that, und ehre ihre Gründe. Aber ich bin ihr Gast ich lebe sozusagen in ihrem Hause. Sie hat mir dadurch, daß sie mich verpflichtete, das Recht gegeben, für die Ehre ihres Namens, er mag lauten wie er will, einzutreten! Und so wiederhole ich peremtorisch meine Frage. Sie wußten, als ich von Fräulein Anna Morell sprach, daß dies niemand anderes als Eugenie von Chevaudun sein könne, und die böse Absicht Ihrer Verleumdung geht am besten daraus hervor, daß Sie mir die Existenz einer Tochter des Barons von Chevaudun völlig verschwiegen.

Ich leugne die böse Absicht; aber bevor ich antworte, bitte ich um Antwort auf meine Frage, woher Sie jetzt plötzlich so genau unterrichtet sind.

Auf sehr einfachem Wege. Auf meiner Jacht drüben habe ich eine Anzahl Briefe von Fräulein Eugenie gefunden. Ich habe sie soeben gelesen.

Sie haben sie gelesen, Briefe, welche nicht für Sie bestimmt waren?

Ja – ich habe sie gelesen, weil ich die Schreiberin dieser Briefe vor mir gerechtfertigt sehen und auch Sie überzeugen wollte, daß Sie die Unwahrheit gesprochen. Ich bin bereit, Sie die Stelle des ersten Briefes sehen zu lassen, worin Eugenie von ihrem Vater spricht.

Wollen Sie mich die Briefe ganz lesen lassen?

Nein. Nur so viel, wie hinreicht, um Ihnen zu beweisen, daß Sie eine Lüge sprachen.

Werfen Sie nicht mit so schwerwiegenden Worten um sich, Herr von Gohr – als Sie mir von einem Fräulein Morell sprachen, konnte ich nicht daran denken, diese Dame sei Eugenie von Chevaudun, denn von dieser hatte man mir gesagt, sie sei aus Spanien weiter gereist, und zwar in den Orient. Der Baron von Chevaudun hatte mir dies selber bestätigt, als ich ihn das letzte mal sprach und ihm meinen Entschluß mittheilte, ebenfalls auf Reisen zu gehen …

Geben Sie die Hoffnung auf, mich zu täuschen, Baron, fiel Dankmar ein – ich habe, wie ich Ihnen sage, jene Briefe gelesen, und ich habe daraus gesehen, daß Sie, gerade Sie am wenigsten sich irren konnten, wer die Dame sei, welche ich Ihnen beschrieb und welche mir die Jacht des Barons Chevaudun zur Verfügung stellte.

Ich werde doch nicht etwa eine Rolle in diesen Briefen spielen? versuchte Baron Jauffroi hinzuwerfen, während sein Blick und ein rasches Aufwogen seiner Brust verrieth, wie schwer erheuchelt der gleichgültige Ton seiner Worte war.

Es geschieht Ihrer, antwortete Dankmar ruhig, in diesen Briefen, welche Eugeniens ganzes Seelenleben aussprechen, hinreichend Erwähnung, um mich zu der Behauptung zu berechtigen, daß Sie mich wissentlich belogen.

Nun, zum Teufel, rief der Baron, aufspringend und wie mit einem vulkanischen Ausbruche von Leidenschaft all die erheuchelte Kälte und Ruhe von sich schleudernd, aus – ich belog Sie, und werde Aergeres an Ihnen thun als das, wenn …

Er endete nicht, er schien sich gewaltsam zu bezwingen und schritt rasch, aber schweigend einigemale im Zimmer auf und ab.

Herr von Gohr, sagte er dann mit erzwungener Mäßigung, ich bitte Sie darum, mich diese Briefe sehen zu lassen! Ich glaube ein Recht, ein besseres Recht darauf zu haben als Sie.

Es kann keine Rede davon sein, daß ich diese Briefe in andere Hände kommen lasse, versetzte Dankmar. Kehren wir zur Sache zurück. Weshalb belogen Sie mich?

Weshalb? Weil ich endlich klar sehen, weil ich wissen wollte, ob Sie Eugenie lieben – seit dem Augenblicke, wo die Miranda in diesen Hafen einlief, leide ich die Qualen der Hölle – ich hoffte im ersten Augenblicke, als ich das mir wohlbekannte Schiff sah, es bringe Eugenie von ihrer Reise zurück – aber nein, Sie kamen mit dieser Miranda – Sie – wer waren Sie – liebte Eugenie Sie – Sie Eugenie? Um der Qual dieser Fragen endlich ein Ende zu machen, verleumdete ich Ihre »Anna Morell« – wenn Sie sie liebten, mußten Sie sich bei meinen Worten verrathen. Sie haben sich verrathen – wir sind Nebenbuhler, Herr von Gohr, mögen Sie das wissen – es kommt auf Ihre Ritterlichkeit an, ob wir nur das – oder auch Feinde auf Tod und Leben sein sollen!

Nebenbuhler? Sie wollen Mönch werden und …

Mönch, nun ja, ich wollte es – weil ich ruinirt bin – weil ich alle Hoffnung verloren hatte – aber …

Der Baron schwieg wieder; dann rief er aus:

Lassen Sie in dem Kampfe um Eugeniens Hand Sonne und Wind gleichgetheilt, die Waffen gleich sein – lassen Sie auch mich die Briefe Eugeniens lesen!

In dem Kampfe? Ich werde nicht kämpfen darum.

Sie verzichten darauf?

Nein – nur sehe ich nichts von einem Kampfe, wenn ich auch wagen sollte, um jene Hand zu werben.

Der Baron lachte gezwungen laut auf.

Sie sind ein Kind! sagte er – Sie glauben die Hand eines solchen Weibes zu erringen ohne Kampf? Nun, es ist nicht meine Sache, Sie aufzuklären – wenigstens werden Sie begreifen, daß Sie mit mir einen Kampf zu bestehen haben werden!

Ich fühle mich nicht als Ihren Feind; ich fühle im Gegentheil Mitleid mit Ihnen!

Der Baron von Montenglaut warf ihm einen grimmen Blick des Zornes zu; gewiß, er hätte Dankmar für das Wort zermalmen mögen, aber er bezwang sich und sagte nur spöttisch:

Und geht Ihr Mitleid nicht so weit, mir jene Briefe zu geben?

Nein – das darf ich nicht; Sie sind nicht für Sie geschrieben!

Auch für Sie nicht!

Es ist wahr, und ich bereue, was ich gethan habe. Aber Ihre Verleumdung verführte mich zu einer nicht zu rechtfertigenden Handlung, und ich hoffe deshalb Vergebung dafür zu finden.

Sie werden mir die Briefe auch nicht geben, wenn ich trotz aller Worte, die zwischen uns gefallen sind, Sie darum bitte, flehentlich bitte?

Auch dann darf ich es nicht!

Der Baron schlang die Arme auf der Brust zusammen und in seiner ganzen mächtigen Gestalt sich vor Dankmar hinstellend, blickte er mit halbgeschlossenen Lidern, drohend, mit einem Ausdruck der Verachtung um die Lippen, auf ihn nieder.

Nun wohl denn – sagte er leise zwischen den Zähnen – Sie also, Sie wollen wirklich mit einem Willen wie dem meinen um dieses Weib ringen … Motte, die mit einer Flamme um den Holzstoß, welkes Blatt, das mit dem Sturm um den Baum, den er niederreißt, ringen will!

Ich will nicht ringen – um ein Weib zu ringen ist Thorheit – aber ich will um die Liebe eines Mädchens werben, von der ich weiß, daß es Sie nicht liebt, daß es Sie nur fürchtet.

Das wissen Sie … aus jenen Briefen?

Ja, und auch, daß es entsetzlich thöricht von Ihnen ist, Herr von Montenglaut, alle Entschlüsse des Verzichtens und Entsagens, von denen Sie früher erfüllt schienen, so plötzlich fahren zu lassen, und neue Hoffnungen zu fassen, an ein neues Ringen zu denken … ich begreife dies in der That gar nicht …

Sie begreifen es nicht! lachte Montenglaut bitter auf … freilich, wie sollten Sie das begreifen! Was faßt ein junger Mensch mit Milch in den Adern wie Sie davon! Sie haben mich einen Lügner genannt. Nun wohl, ich bin's. Ich log mir selber das Entsagenwollen vor. Die Wahrheit ist, daß eine Leidenschaft nie entsagt! Der Name, den Sie ausgesprochen, der Gedanke an die Briefe in Ihren Händen, an das was über mich darin gesagt ist, ja der bloße Anblick jenes Wimpels dort, der vom Maste der Miranda flattert, ist genug, einen Sturm in mir heraufzubeschwören, der Verzichten und Entsagen in denselben Abgrund schleudert, in den ich – mögen Sie, der Sie so viel wissen, auch das wissen – in den ich Stück nach Stück Verstand und Ehre und Seele und Gewissen geschleudert habe. Es ist ihr Werk … ihr Werk allein … o, wenn Sie es kennten, das Werk dieses Mädchens an mir! … Sie ist der Dämon, der mein gebrochenes Leben halb wie ein Engel und halb wie eine verfolgende Furie beherrscht; sie der Gedanke, an den ich geschmiedet bin wie der Galerensklave an seine Kette – o fluchen könnte ich ihr, fluchen für diese Knechtschaft, für die Vernichtung meines ganzen Daseins, ich könnte Gift und Dolch aufrufen, mich an ihr zu rächen dafür – aber wenn Gift und Dolch sich meines Elends erbarmten, wenn sie den Vampyr tödteten, der mich verfolgt und mir das Dasein zur Hölle macht, ich würde mich auf seine Leiche werfen, und mein letztes Blut hergeben, um sie und mein Elend wieder ins Leben zu rufen!

Montenglaut hatte diese Worte, diesen furchtbaren Ausbruch seiner Leidenschaft nicht laut gerufen, er hatte ihn leise, halblaut hervorgestoßen, und jetzt wandte er sich ab und schritt von neuem auf und nieder, wie um seine Selbstherrschaft wiederzufinden.

Dankmar folgte ihm entsetzt, erschüttert mit den Augen. Er fühlte in der That Mitleid mit dem Manne, dem er doch kein Wort zur Erwiderung zu geben hatte.

Der Baron schien nach einer Weile seine äußere Ruhe wiedergefunden zu haben.

Lassen Sie uns zu Ende kommen, sagte er. Sie wollen mein Verlangen, meine Bitten nicht erfüllen?

Ich kann und darf und will es nicht! entgegnete Dankmar.

Nun dann, fuhr der Baron fort, können wir, denke ich, diese Unterredung enden!

Das können wir, versetzte Dankmar, sich erhebend. Leben Sie wohl, Baron – ich meine, wir werden von diesem Augenblicke an nicht mehr uns suchen, es sei denn, daß Sie von mir Genugthuung verlangten wegen dessen, was ich gesprochen und nicht widerrufen kann. Ich bin dazu bereit, Ihnen jede zu geben!

Ich danke Ihnen, entgegnete der Baron kalt. Ich bin zu indolent gegen das, was man in Kreisen gedankenloser junger Männer Ehre nennt, geworden, um Vergnügen daran zu finden, mich mit Ihnen zu schießen. Und Sie zu erschießen, paßt nicht in meine Plane. Ich danke Ihnen deshalb für Ihr Anerbieten. Leben Sie wohl!

Die beiden Männer trennten sich mit einer kühlen Abschiedsverbeugung.

Es war Abend geworden. Unter dem Eindrucke der eben gehabten Unterredung sagte sich Dankmar, daß er am besten thue, sofort wieder an Bord der Jacht zu gehen, um die Briefe in Sicherheit zu bringen. Dieser Baron von Montenglaut schien ihm fähig, einen gewaltsamen Versuch zu machen, um sich ihrer zu bemächtigen, wenn er sie in seiner nächsten Nähe, in dem an das seine stoßenden Zimmer Dankmar's wußte.

Am Kai von Santa-Lucia aber fand er keinen Schiffer mehr; er mußte zum großen Hafen gehen, um deren noch zu finden. Auf dem Wege dahin kam er am Postgebäude vorüber, wo eben Briefe ausgegeben wurden. Dankmar beschloß, zu fragen, ob ein Brief für ihn da sei – er erwartete eine Antwort Herminens auf seinen letzten aus Genua abgeschickten Brief. Dankmar's Name hatte den Vortheil, auch einem italienischen Ohre verständlich zu sein.

Gohr, Gohr, murmelte der Postbeamte, indem er einen Pack Briefe durchmusterte – si c'è una.

Dankmar erhielt seinen Brief und öffnete ihn im Fortgehen. Ueber den Cargo di Castello schreitend, las er ihn, so gut es in dem sich steigernden Abenddunkel gelang. Hermine schrieb, daß sie sich der Nachrichten von ihrem Bruder erfreut habe, daß sie von Fräulein Anna Morell einen Auftrag an ihn erhalten und daß sich eine Hoffnung eröffnet habe, den Proceß Gundobald's zu seinen Gunsten entschieden zu sehen. Der Auftrag Anna's bestehe darin, ihm die Bemerkung zu machen, er sei discreter, als es von einem einsam und beschäftigungslos übers Meer fahrenden jungen Manne gefordert werden könne; die Jacht Miranda mit allem, was sich darauf befinde, sei zu seiner Verfügung gestellt. Das seien Fräulein Morell's Worte – Dankmar müsse sie sich selbst zu deuten wissen; sie, Hermine, könne ihm keinen Commentar dazu geben, nur den Rath, alle Versteckwinkel, Spinden und Wandschränke der Jacht ein wenig genauer zu durchstöbern.

Was den Proceß betreffe, so sei die Lage der Dinge folgende: man habe sich an das Bankhaus zu Antwerpen, bei dem die Gundobald bestimmte Summe deponirt gewesen, um alle die Aufklärungen gewandt, welche dort gegeben werden könnten – es sei darauf eine sehr freundliche Antwort angelangt, in der die Mittheilung gemacht worden, daß die letzte in den Büchern des Hauses vorfindliche Notiz über den Baron Nesselbrook eine Eintragung unter Debet von 4000 Francs sei, gezahlt auf Anweisung de dato Kloster Laura auf dem Berge Athos vom 7. October 18**. Es sei also zu vermuthen, daß der Baron Nesselbrook, der in jenem Kloster seinen Entschluß, sich aus der Welt zurückzuziehen, zur Ausführung gebracht, auch dort gestorben sei. Bei dem persönlichen Interesse, welches der Chef des Hauses für die Angelegenheit nehme, die ihm so sehr empfohlen worden, habe derselbe einen die Reise in den Orient machenden Bekannten allbereits ersucht, den Berg Athos zu besuchen und in dem Kloster Laura Nachforschungen anzustellen, ob sich dort das Testament oder hinterlassene Papiere des Barons vorfänden, aus denen eine Bekräftigung seiner Willensmeinung hervorgehe, daß das bislang aufbewahrte Kapital dem Baron Burghaus und nicht den Ederns zufallen solle. Gundobald sei nun bester Hoffnung, daß diese Nachforschung zu guten Erfolgen für seine Sache führen würde.

Herminens Mittheilungen versetzten Dankmar in eine große Aufregung. Es unterlag nicht dem mindesten Zweifel, daß Baron Jauffroi der Mann war, welchem diese Nachforschungen anvertraut waren – daß der Auftrag, von welchem dieser gesprochen, im Interesse Gundobald's ausgeführt worden, und dieser Auftrag, den ihm Chevaudun gegeben, hatte in dem düstern, menschenfeindlichen Baron Jauffroi den Gedanken entstehen lassen, sein Leben im Einsiedlerthum des heiligen Berges zu enden, wie der alte, weltmüde Baron Nesselbrook es dort begraben hatte.

Aber weit heftiger bewegte Dankmar's Seele der Auftrag, den ihm Hermine von Anna Morell ausrichtete. Was konnte anderes sein Sinn sein, als: weshalb lasest du die Blätter nicht, von denen ich wohl wußte, daß sie in der Kajüte meines Schiffes beruhten? Sie also wollte, sie erwartete, daß er diese Briefe lese, sie wollte ihn in diese Ergüsse blicken lassen, die sie ihrer vertrautesten Freundin gemacht – sie stellte ihn in ihrem Vertrauen auf dieselbe Stufe mit dieser Freundin – sie hatte keine Geheimnisse mehr für ihn – in ihr innerstes Seelenleben sollte er blicken – in der That, das war zu viel des Glückes – zu viel! Dankmar fühlte sich heiß überströmt – es schwindelte ihm – er hätte aufjubeln mögen – in jenen Worten, welche ihm schon heute, so wunderbarerweise gerade heute schon, die volle Verzeihung für das, was er auf seiner Seele lasten fühlte, gewährten, lag etwas, das ihn völlig berauschte. Sie hatte ihm damit gesagt: lies, sieh', wie ich bin, unverhüllt, urtheile und sei, wenn du es willst, mein Freund!

Und Dankmar hatte ihr ja ausgesprochen, wie er für sie fühlte – sie kannte seine Leidenschaft für sie – sie mußte ermessen können, welche Tragweite diese Worte für sie beide hatten – sie hatte sie dennoch gesprochen und – Dankmar hätte auf sein Schiff eilen, die Maschinen seiner Miranda heizen, ihre Ruder mit der gesteigertsten Kraft in die Wellen schlagen lassen mögen, um auf ihr zurück der Heimat zuzufliegen!

Mit diesem Sturme in seinem Innern wanderte Dankmar heim. Er hatte es aufgegeben, noch die Fahrt zur Miranda hinüber zu machen; er wollte sich jetzt nicht so rasch von den Briefen Eugeniens trennen, er hatte ja jetzt ein Recht auf dieselben bekommen, er wollte sie in voller Ruhe und Muße noch einmal lesen.

Als er auf dem Largo di Castello, Herminens Brief lesend, langsam vorwärts geschritten, hatte er nicht wahrgenommen, daß er beobachtet worden war. Es waren ein Herr und eine Dame, die ihn im Auge behalten hatten und allen seinen Bewegungen gefolgt waren. Sie folgten ihm auch jetzt, als er den Heimweg nach seiner Wohnung einschlug.

Ich weiß nicht, sagte die Dame, eine feine, schlanke Gestalt mittlerer Größe, in einem eleganten Reiseanzug von dunkler Seide, einem Strohhute und grünem Schleier – ich weiß nicht, wie es dich interessiren kann, wo dieser Mensch wohnt! –

Sie sagte diese Worte in deutscher Sprache.

Wenn ich es auch nur wissen möchte, damit wir nicht morgen in dasselbe Hotel ziehen, wo er wohnt, versetzte der junge Mann, an dessen Arm die Dame hing.

Ach, wie könnte das zu fürchten sein, fiel die Dame ein. Neapel ist groß. Und ich bin müde. Komm', führe mich heim.

Nur noch eine kleine Strecke laß uns folgen, versetzte der Herr, seine Schritte beeilend, um Dankmar nicht im Gedränge aus dem Gesichte zu verlieren.

Ich glaube, fuhr die Dame fort, du willst nur sehen, wo er bleibt, um die Gegend zu vermeiden. Du fürchtest dich vor ihm; du bist solch ein Hasenherz. Laß uns endlich umkehren. Er wird dich nicht verschlingen, wenn er dich sieht. Er wird dir eine kühle Verbeugung machen und dir sagen: Es freut mich, Sie so wohl zu sehen, mein Herr! Erholen Sie sich nur ja recht in diesem vortrefflichen Klima und geben Sie sich keinen Ausschweifungen hin, die Ihrem noch so geschwächten Zustande schaden könnten! – Was fürchtest du davon?

Ich fürchte nichts, antwortete der junge Mann, als höchstens, daß er mir entschlüpft, ehe ich ihm vergolten habe, was er gethan!

Ach, du fängst an, mich zu dauern – du und vergelten – du wirst ihm nie mit einer Waffe unters Auge treten!

Kann man nur Vergeltung üben mit der Waffe in der Hand?

Willst du Banditen dazu anwenden, Bravos gegen ihn bewaffnen? Dummes Zeug! Ich habe nicht Lust, in böse Händel verflochten zu werden!

Weshalb nicht - wenn ich dich nun bäte, Fanny, auf seine Eroberung auszugehen und ihn dann in einen Hinterhalt zu locken, wo ihn der Dolch der Rache träfe? Ich denke mir, eine Rolle in irgendeinem Romane zu spielen ist nicht das, wogegen du dich sträuben würdest!

Darin hast du recht; nur muß der Roman einen anziehendern, liebenswürdigern Helden haben, als du bist! sagte Fanny lachend.

Ich danke dir – sieh' dort – er ist in dem Thorwege des Hauses da verschwunden!

Er ist darin verschwunden – du weißt es jetzt, und das Haus ist auch, denke ich, leicht wiederzufinden. Oder willst du dir noch die Nummer merken, um sie deinen Bravos angeben zu können? Dazu ist es zu dunkel. Also gib für heute Abend deine blutdürstigen Plane auf und laß uns heimgehen!

Der junge Mann, welcher so eigensinnig Dankmar bis hierher gefolgt war, wollte sich eben mit seiner Begleiterin wenden, als er dicht neben sich eine hohe, dunkle Männergestalt sah, welche ihn in seiner Sprache anredete:

Und welche blutdürstigen Plane schmieden Sie im Anblicke dieses Hauses, in welchem mein Quartier ist? sagte er.

Der junge Mann war erschrocken und suchte nach einer Antwort, die er aber nicht gleich fand. Die junge Dame versetzte statt seiner, den Fremden musternd, leichthin:

O, nur ein Scherz – wir glaubten einen Bekannten in jenes Haus treten zu sehen, und die blutdürstigen Plane bestanden nur in der Absicht, ihm morgen vielleicht durch einen Besuch seine Zeit zu rauben!

Dieser Bekannte heißt Dankmar von Gohr?

Ja – kennen Sie ihn? fragte der junge Mann, sich fassend.

Wie man einen Zimmernachbar kennt. Darf ich Sie auf Ihrem Heimwege einige Schritte weit begleiten? Ich bin allein in Neapel, und es ist dann immer eine Freude, mit Landsleuten ein paar Worte in der Muttersprache plaudern zu können.

Bitte, es wird uns angenehm sein! sagte der junge Mann, mit der Dame vorwärts schreitend.

Die letztere bemerkte mit einem Tone von Argwohn: Sind Sie denn ein Landsmann? Das Deutsch, welches Sie reden, klingt nicht so.

Ich war lange im Auslande, entgegnete der Fremde ausweichend – aber wo liegt Ihr Hotel? – in der Richtung, welche Sie einschlagen, schwerlich.

Wir wohnen im Hotel Victoria auf der Chiaja.

Dann erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie auf völlig falschem Wege sind – wir müssen wenden und den Weg zurückgehen, den wir kamen. Ich werde Sie zum Hotel Victoria bringen.

Sehr dienstbeflissen! sagte die junge Dame. Haben Sie vorhin unser ganzes Gespräch behorcht? Wir führten es laut genug, denn wir konnten nicht annehmen, daß unsere deutsche Unterhaltung in den Straßen von Neapel das Ohr eines ›Landsmannes‹, wie Sie sich nennen, erreiche.«

Der Fremde antwortete nicht gleich auf diese Frage. Sie waren wieder vor Dankmar's und Jauffroi's Hotel auf Santa-Lucia angekommen, da sie daran vorüber mußten, um zur Chiaja zu gelangen. Aus den Fenstern Dankmar's oben brach jetzt ein Lichtschimmer hervor. Der Fremde blickte hinauf – nach einer Weile erst erwiderte er:

Ich habe, in Ihrer Nähe schreitend, Ihre Unterhaltung nicht behorcht, Madame, aber zufällig so viel davon aufgefaßt, daß ich schließen muß, Sie folgten dem Herrn dort oben – er wies nach Dankmar's Fenstern empor – nicht mit der freundschaftlichen Absicht, welche Sie mir angaben. Das ist meine offene Antwort auf Ihre sehr offene Frage.

Wollen Sie noch mehr Offenheit, so setze ich hinzu: Darin liegt eben der Grund der – wie Sie sich ein wenig ironisch ausdrückten – Dienstbeflissenheit, womit ich Ihnen jetzt den Weg nach dem Hotel Victoria zeige.

Sie sind nicht ganz so verständlich, wie Sie offen zu sein behaupten, mein Herr! entgegnete Fanny; ich wenigstens verstehe nicht, was Sie sagen wollen!

Meines Freundes Freunde sind meine Freunde, antwortete mit ironischem Tone der Fremde – werde ich Ihnen durch dieses Sprichwort verständlicher?

Allerdings – wenn man es umkehrt in: meines Freundes Feinde sind auch meine Feinde, so wird mir das verständlich, daß Sie es vielleicht zweckmäßig finden, im Interesse eines Freundes seine Feinde zu überlisten und auszuhorchen.

Der Fremde stieß ein gezwungenes Lachen hervor.

Ich finde Ihre rückhaltslose Offenheit anbetungswürdig, Madame, sagte er. Aber ich meine, wenn Sie alte Sprichwörter umkehren, könnten Sie ein wenig gründlicher zu Werke gehen. Herr Dankmar von Gohr ist nicht mein Freund, sondern mein Feind, wie er der Ihre zu sein scheint.

Und weshalb sind Sie sein Feind? fragte der junge Mann jetzt.

Man darf auch seine Tugenden nicht übertreiben, entgegnete der Fremde; nachdem wir an Offenheit so viel geleistet, ist es vielleicht besser, unsern Wettstreit in dieser Tugend ein wenig ruhen zu lassen und von andern Dingen zu reden …

Zum Beispiel von uns selber! fiel hier Fanny ein.

Man kann nicht auf feinere Weise Auskunft über einen Unbekannten, den der Zufall uns in den Weg führt, verlangen, erwiderte der Fremde lächelnd – Sie wünschen zu wissen wer ich bin, Madame. Ich heiße Baron Montenglaut, bin aus Antwerpen, fünfunddreißig Jahre alt, Sohn des Chefs eines Bankhauses und seit einigen Tagen in Neapel … auf einer Vergnügungsreise, wenn Sie wollen.

O, ich danke Ihnen, antwortete Fanny lachend, meine Neugier ging nicht so weit! Und da Sie mir die Ehre angethan haben, sich mir vorzustellen, Herr Baron, erlauben Sie mir dagegen, Ihnen meinen Mann vorzustellen, es ist der Baron Erich von Beltram aus Preußen – übrige Prädicate fehlen, falls Sie nicht etwa das eines großen Dichters und Besingers von Frauenhuld und weiblicher Tugend als ein solches gelten lassen wollen, wenn es auch in der Gesellschaft nicht gerade eine überwiegende Stellung gibt.

Es klang etwas so Satirisches durch Fanny's Worte, daß der Baron Jauffroi einen forschenden Blick auf das Pärchen warf, jedoch ohne, der Dunkelheit wegen, in ihren Zügen lesen zu können. Nur so viel sah er, daß die junge Dame sehr hübsch war und daß sie ihr ein wenig aufgeworfenes Näschen ebenso keck aufrecht trug, wie sie ihre Zunge sich keck bewegen ließ.

Wer sollte in solchem Glücke wie Baron Beltram – gewiß auch noch einem jungen Glücke – nicht zum Dichter der Frauenhuld werden, sagte er – Sie sind doch wol auf der Hochzeitsreise durch Italien?

Es ist nicht just eine Hochzeitsreise, antwortete Fanny, welcher Baron Beltram die Unterhaltung immer mehr überließ – es ist eine Gesundheitsreise; Baron Beltram ist eben von einer schweren Verwundung, die er erhalten hat, genesen, und wir beabsichtigen, uns nach Sorrent zu begeben, um dort den Sommer zuzubringen.

Italien, sagt man, heilt alle Wunden des Gemüthes, fiel Jauffroi ein – und von einer solchen reden Sie auch wol, von der, welche Ihre Liebenswürdigkeit dem Sänger der Frauenhuld schlagen mußte!

Man muß Complimente nicht in einem so sarkastischen Tone machen, mein Herr, fiel das Dämchen ein – es handelt sich um eine sehr ernste Schußwunde!

Ah, ich begreife – erhalten in einem Pistolenduell gegen einen Nebenbuhler um Ihre Gunst!

Sie errathen auch diesmal nicht das Rechte; es handelte sich nicht um mich in diesem Duell, sondern um eine ganz andere Dame. Baron Beltram lag damals, wie er mir gebeichtet hat, in den Ketten einer liebenswürdigen kleinen Gouvernante, der auch, wie es scheint, Herr von Gohr seine Huldigungen zuwandte.

Einer Gouvernante? rief Baron Jauffroi aufhorchend aus. In welchem Theile Ihres Landes spielt die Geschichte, wenn ich fragen darf?

Fanny gab Auskunft, und Baron Montenglaut hatte infolge weiterer Fragen sehr bald heraus, daß Dankmar von Gohr der Mann sei, der Beltram »in einem Duell«, wie dieser sagte und auch seine Fanny glauben gemacht hatte, die schwere Wunde beigebracht, und das um Eugeniens von Chevaudun willen!

Dann, rief Jauffroi von Montenglaut überrascht aus, steht nichts im Wege, daß wir zur Uebung in jener Tugend zurückkehren, von der wir vorhin uns abwandten – ich meine die Offenheit. Dankmar von Gohr ist mein Feind, und Sie haben die gegründetste Ursache, ihm alles mögliche Böse zur Vergeltung zu wünschen!

Wer mir nur die Mittel dazu böte, versetzte Baron Beltram ingrimmig, für den würde ich durchs Feuer gehen!

Ad, hören Sie nicht auf ihn, er ist ein Kind! rief Fanny dazwischen. Wie kann Beltram bei seiner geschwächten Gesundheit sich hier in der Fremde auf Händel einlassen! Sie, mein Herr, machen mir gar keinen guten Eindruck, wissen Sie das!

Wir stehen im Kapitel der Offenheit – fahren Sie fort, Madame! Welchen Eindruck mache ich Ihnen?

Einen solchen, daß ich von Ihrem düstern Gesichte über Ihre ganze schwarze Figur auf Ihre Füße niederblicke, um zu sehen, ob Sie nicht mit dem einen Fuße – ein wenig hinken.

Montenglaut lachte.

Also den des Versuchers; ich dächte, als solcher müßte ich für ein Complot zuerst gerade Ihre Bundesgenossenschaft finden, schöne Frau; der Teufel wendet sich immer zuerst an die Frauen, die von alters her, seit er Eva so erfolgreich den Hof machte, eine Schwäche für ihn gehabt haben sollen.

Meine Bundesgenossenschaft haben Sie aber gar nicht, mein Herr ich beiße nicht in den Apfel, oder besser: auf den Zopf, den Sie uns vorhalten.

Sie hätten recht, wenn es » la queue du diable« wäre. Um aber aufrichtig gegen Sie zu sein, ich bin der Teufel gar nicht, sondern nichts als ein gutmüthiger armer Ritter, voll Ergebenheit und Verehrung gegen alle hübschen Frauen. Und deshalb darf ich wol hoffen, daß Sie mir verstatten, Ihnen morgen früh einen Besuch zu machen, denn wir müssen uns jetzt trennen, weil wir hier am Hotel Victoria angelangt sind.

Uns einen Besuch zu machen, werden wir Ihnen erst dann erlauben, rief lachend Fanny aus, wenn wir uns überzeugt haben, daß Sie wirklich nicht der sind, für den ich Sie gehalten habe. Kommen Sie deshalb mit uns in das Hotel, soupiren wir dort zusammen und lassen Sie sich da bei Lichte besehen. Ich sende voraus, daß ich vor und nach dem Souper mein Tischgebet spreche und mich mit dem Kreuze segne – was sagen Sie nun zu meinem Vorschlage?

Ich nehme Ihren Vorschlag mit großer Freude an.

So bin ich beruhigt – Sie haben die erste Probe überstanden.

Werden mich mehrere erwarten?

Wir werden drei Lichter anzünden, und ich werde unsere Schüsseln in Form eines Pentagramma auf dem Tische ordnen.

Auch dem trotze ich, erwiderte Jauffroi lächelnd.

Auch, wenn wir so lange zusammenbleiben, dem ersten Hahnenschrei?

Dieser Probe in Ihrer Gesellschaft am liebsten.

Nun, dann kommen Sie.

Sie traten in das Portal des großen Hotels ein, und als sie die Zimmer erreicht hatten, welche die beiden jungen Leute im zweiten Stock einnahmen, gab Fanny dem Kellner, der ihnen vorgeleuchtet hatte, ihre Aufträge wegen des Soupers. Dann verschwand sie im Nebenzimmer und ließ die beiden Männer allein, um nach einer Weile in einer sehr hübschen und bequemen Hausrobe von leichtem, hellem Stoffe, die auf der linken Schulter zusammengenestelt und um die Taille mit einer Schnur mit schweren Quasten befestigt war, zurückzukehren – es schien, Fanny verschmähte nicht, auch ein wenig die Eroberung des Teufels zu machen, wenn dieser in einer so interessanten Gestalt erschien, wie die des düstern Barons von Montenglaut war.

Beltram blieb den Abend hindurch ziemlich schweigsam, er schien müde und abgespannt, desto mehr zum Plaudern geneigt war Fanny, und man war noch nicht bis zum Dessert des kleinen Soupers gekommen, als Montenglaut nach einigen schlau gestellten Fragen bereits auch in das beiderseitige Verhältniß der jungen Leute eingeweiht war und, was mehr seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, die Verhältnisse der Familie Edern, bei welcher Eugenie lebte, und die Dankmar's von Gohr kannte, soweit Fanny durch Beltram nur irgend davon wußte. Dankmar von Gohr, erzählte sie, hatte eine Schwester, welche Hermine hieß und verlobt war mit einem Herrn von Burghaus …

Mit einem Herrn Gundobald Burghaus? rief hier Montenglaut lebhaft aus.

Ich denke, so ist der Name, antwortete Fanny sich an Beltram wendend – sagtest du nicht so?

Gundobald, ja, versetzte Beltram –

Und verlobt mit der Schwester des Herrn von Gohr?

Ueberrascht Sie das so? fragte Beltram – man hat es mir so erzählt, als ich in Edern krank lag – man sagte, Fräulein Hermine habe nach der Flucht ihres Bruders sehr bald einen andern Beschützer bekommen, der Herr von Burghaus, der früher stets in Edern zu treffen war, weiche nicht mehr vom Hause Gohr fort, er gelte als Verlobter Herminens … aber kennen Sie diesen Burghaus?

Dies nicht, doch der Name ist mir nicht neu – antwortete Jauffroi zerstreut und ausweichend … aber bitte, fuhr er sich an Fanny wendend fort, erzählen Sie mir weiter von all diesen Leuten – Sie verstehen mit reizender Anmuth zu plaudern!

Fanny ließ sich nicht zweimal darum bitten. Bei ihrem Geplauder vergaß sie übrigens durchaus nicht, die falschen Voraussetzungen zu zerstreuen, die in dem neuen Bekannten aus ihrem Zusammenreisen mit Beltram entstehen mußten; sie war sehr beflissen, zu zeigen, daß nicht Beltram, sondern sie die Mittel zu dieser Reise bestritt, und Jauffroi schloß endlich aus allem, daß sie einen Lotteriegewinn gemacht haben müsse, den das Pärchen jetzt zu verjubeln beschäftigt war.

Als er darauf anspielte, fiel jedoch Fanny, in welcher der starke Capriwein immer mehr die eitle und kokette Redseligkeit steigerte, sehr lebhaft ein:

Sie sind sehr ungalant, Herr Baron, nichts Besseres voraussetzen zu wollen! Kann eine Künstlerin nicht irgendeinen Millionär so durch ihr Spiel entzücken, daß er ihr aus bloßem, reinem Kunstenthusiasmus einen Theil seiner Schätze zu Füßen legt?

Solcher Enthusiasmus ist nicht häufig, entgegnete Jauffroi, Sie dürfen mir also nicht zürnen, wenn ich ihn nicht voraussetzte.

Und doch hat man Beweise davon, antwortete Fanny; ich könnte Ihnen einen überzeugenden Beweis davon geben, und sogar, daß es Damen gibt, welche sich so hinreißen und begeistern lassen.

Damen? fragte Jauffroi kopfschüttelnd. Damen, die durch das Spiel einer Künstlerin so enthusiasmirt würden?

So sagte ich. Wollen Sie, wenn ich Ihnen den Beweis gebe, mir versprechen, eine ganz ungeheuer hohe Meinung von meinem Künstlertalente zu bekommen?

Ich besitze sie bereits in einem Maße, das keine Steigerung zuläßt.

Galante Redensarten, mein Herr Baron, die uns nicht täuschen! Nein, Sie sollen den Beweis mit eigenen Augen sehen!

Fanny stand auf, ging an einen Schreibtisch und holte ihre Mappe daraus hervor; aus den Blättern derselben nahm sie den Brief Eugeniens, den wir kennen, und reichte ihn dem Baron Montenglaut.

Da haben Sie ihn, den Beweis, sagte sie; Sie werden erkennen, daß diese Zeilen von einer Dame geschrieben sind; Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß sie von einer Anweisung auf eine sehr große Summe Geldes begleitet waren, und Sie werden mir einräumen, daß ich das Interesse, welches diese gütige Unbekannte mir beweist, nur durch mein unvergleichliches Spiel ihr abgewonnen haben kann. Sind Sie überführt?

Der Baron von Montenglaut hatte unterdeß höchst überrascht die Zeilen Eugeniens angestarrt. Er fuhr schweigend mit der Hand über das Gesicht und starrte dann wieder auf das Blatt.

Nun? Sie schweigen? Was sagen Sie dazu?

Daß dies etwas sehr Seltsames ist, antwortete der Baron; dann setzte er in sehr nachdenklichem Tone und immer noch auf das Blatt schauend, hinzu: Die Dame, welche diese Zeilen schrieb, mag nun aus Enthusiasmus für Ihre Kunst oder aus andern Gründen so gehandelt haben – jedenfalls sind Sie ihr zu einer großen Dankbarkeit verpflichtet!

Wer leugnet das? versetzte Fanny.

Wohl denn, Sie können diese Dankbarkeit gerade jetzt ihr erzeigen – wollen Sie es?

Wie wäre das möglich? Ich, dieser Dame? Hier, in Neapel?

Gerade hier Sie können mir beistehen, ihr einen höchst wesentlichen Dienst zu leisten!

Aber erklären Sie doch …

Ich kenne die Hand, welche diese Zeilen schrieb …

Sie kennen sie? Sie, Baron?

Ja – diese Hand ist die der Gouvernante auf Haus Edern; und diese Gouvernante ist niemand anders als eine der reichsten Erbinnen in Europa, die einzige Tochter des großen Finanzmannes Chevaudun.

Unmöglich! fuhr Beltram hier plötzlich wie elektrisirt auf.

Aber ums Himmels willen, woher wissen Sie … rief Fanny dazwischen.

Ich bin in dem Hause des Herrn von Chevaudun bekannt, ich weiß, daß seine einzige Tochter den überspannten Gedanken faßte und ausführte, einmal die Welt sehen zu wollen, wie sie sich den Augen einer armen Gouvernante darstelle …

Welch abenteuerliche Idee! fiel Fanny ein.

Hören Sie weiter, fuhr Jauffroi fort. Es liegt ein Schiff, eine Privatjacht, hier im Hafen, welche dem Herrn von Chevaudun gehört. Auf diesem Schiffe ist Herr von Gohr gekommen – man hat ihm erlaubt, es zu einer Reise zu benutzen, mit derselben Großmuth, womit man Ihnen jene Summe, von der Sie mir erzählen, geschenkt hat. Herr von Gohr hat aber diese Großmuth schlecht gelohnt. Unglücklicherweise hat Fräulein von Chevaudun eine Anzahl von Briefen, die sie früher an eine Freundin schrieb und sich – vielleicht als gar zu intime Herzensergüsse – zurückgeben ließ, auf dem Schiffe liegen lassen, vergessen – was weiß ich! Diese Briefe nun hat Herr von Gohr gefunden, gelesen, an sich genommen; er betrachtet sie als eine Art Pfand, welches er besitzt, daß Eugenie von Chevaudun seinen Bewerbungen um ihre Hand williges Ohr leihen müsse, als einen Schlüssel zu ihrem Herzen …

Das wäre abscheulich! sagte Fanny.

Welch elender Mensch! rief Beltram aus und machte sich damit ein wenig Luft, denn der Gedanke, wozu ihn Boto verführt, lag nach diesen Eröffnungen Montenglaut's mit Centnerschwere und höchst beschämend und demüthigend auf seiner Brust.

Gewiß, es ist abscheulich, sprach Jauffroi weiter. Als Freund des Hauses Chevaudun glaube ich nun das Recht zu haben, dem Herrn von Gohr die Briefe zu entwinden und Fräulein Eugenie damit den höchsten Dienst zu leisten.

Gewiß haben Sie das – es ist nur Ritterpflicht, sagte Fanny pathetisch.

Mich freut, daß Sie das anerkennen, fiel Jauffroi ein, und ich hoffe nun, Sie schlagen mir nicht zum zweiten male die Bundesgenossenschaft ab, die Sie mir vorhin weigerten …

Gewiß nicht! sagte Fanny eifrig. Aber was können wir dabei thun?

Vielleicht, erwiderte Jauffroi nachdenklich, können Sie mir ein wenig in der Richtung Ihres Berufes dabei helfen, Fräulein – ich bin überzeugt, daß Sie vortrefflich die Rolle einer Freundin von Fräulein Eugenie von Chevaudun spielen würden – abgesandt, um jene Briefe an sich zu nehmen und in Sicherheit zu bringen – aus diesen Zeilen da ließe sich vielleicht eine Art Beglaubigungsschreiben für Sie machen – würden Sie dazu bereit sein … aus aus Dankbarkeit für die Großmuth der Dame, die sich Ihnen gewiß tief verpflichtet fühlen würde?

Wie können Sie fragen? versetzte Fanny.

Nun wohl, entgegnete Montenglaut, so lassen Sie mich mit mir zu Rathe gehen. Ich werde vorher mit unserm Widerpart noch eine Unterredung haben. Ich habe vielleicht ein Mittel in Händen, ihm ohne das die Briefe abzugewinnen – ich habe ihm einen Kaufpreis zu bieten, dem er vielleicht nicht widersteht – wo nicht, so müssen Sie helfen, Fräulein Fanny.

Ich werde helfen!

So sage ich Ihnen den wärmsten Dank! Ich bin überzeugt, ich kann auf Sie zählen, schloß der Baron, aufstehend; ich werde mich morgen um Mittag bei Ihnen einstellen, um nöthigenfalls den Kriegsplan genehmigen zu lassen, den ich mir ausdenken werde.

Wir werden alles genehmigen, was Sie festlegen! entgegnete Fanny eifrig.

Es war spät geworden, und nach einigem Hin- und Widerreden bemerkte der Baron Montenglaut, nachdem man sich so gut kennen gelernt, werde Fräulein Fanny wol nicht darauf bestehen, den Hahnenschrei abzuwarten, und sie erwiderte lachend, daß sie ganz einverstanden sei, diese Probe bis auf einen andern Tag aufzuschieben. So trennte man sich. –

 

Es war am andern Morgen. Dankmar hatte sich entschlossen, noch diesen oder den folgenden Tag den Sehenswürdigkeiten Neapels zu widmen. Am dritten Tage wollte er die Heimreise antreten. Er hatte keine Ruhe mehr in der Fremde. Er vermochte es nicht mehr, seine Gedanken zu fesseln an das, was ihn umgab, er sah, ohne zu sehen – seine ganze Seele war daheim, und in die Heimat zog es ihn unwiderstehlich zurück.

Er hatte eben ein Billet geschrieben, worin er dem Kapitän Schmieder seinen Wunsch mittheilte, am dritten Tage die Rückreise antreten zu können, und wollte sich nun zu einer Fahrt nach Pompeji, die den Tag ausfüllen sollte, rüsten, als es an seiner Thür klopfte und zu seiner Verwunderung auf sein Herein! der Baron Jauffroi von Montenglaut eintrat.

Nach der Weise, in welcher wir uns gestern getrennt haben, ist es Ihnen unerwartet, mich noch einmal zu sehen, sagte der Baron sehr ruhig und gehalten.

Das ist es allerdings, versetzte Dankmar kühl.

Dennoch hoffe ich, daß Sie mir ein kurzes Gehör schenken, fuhr Montenglaut fort, auch wenn ich Ihnen sogleich offen gestehe, daß ich in derselben Angelegenheit und in der Hoffnung, jene Briefe von Ihnen zu erhalten, zu Ihnen komme.

Dankmar deutete auf einer Stuhl, den er herbeischob.

Ihnen in dieser Angelegenheit Gehör zu schenken, Herr Baron, sagte er, sehen Sie mich vollständig bereit, wenn ich Ihnen auch mit gleicher Offenheit gestehe, daß ich nicht absehe, wozu eine erneute Verhandlung darüber führen soll.

Der Baron setzte sich, und während Dankmar ihm gegenüber Platz nahm, erwiderte er:

Ich hoffe dagegen, daß eine erneute Verhandlung darüber uns zum vollständigen Einvernehmen führen wird. Ich war gestern ein wenig stürmisch und heftig in meinem Begehren – ich vergaß, indem ich von Ihnen forderte, dagegen auch zu bieten – und doch ist in meinem Besitze ein Preis, den ich Ihnen bieten kann und der Ihnen vielleicht der Annahme werth erscheint …

Ein Preis? Und was könnten Sie mir bieten, was mich verführte, etwas zu thun, was ich nicht thun dürfte, nicht thun würde, wenn mir die ganze Welt geboten würde?

So hoch schätzen Sie diese Correspondenz Eugeniens von Chevaudun? sagte der Baron sarkastisch mit einem giftigen Blicke seiner dunkeln Augen.

Wie hoch ich diese Correspondenz schätze, kann zunächst unerörtert bleiben; es reicht hin, wenn ich Ihnen sage, daß kein Preis mich zu einem unwürdigen Handel verführen würde …

Ziehen Sie nicht vor, ehe Sie solche Betheuerungen machen, erst anzuhören, worin denn der Preis, der Ihnen geboten wird, besteht?

Nun, wenn Sie durchaus wollen – ich höre!

Es ist ein Document in meinem Besitze, welches für Sie vom höchsten Werthe sein muß. Sie sind Nachbar der Familie Edern, Freund eines Herrn von Burghaus, nicht wahr?

Allerdings.

Dieser Herr von Burghaus verkehrte in letzter Zeit so viel in Ihrem Hause, daß man in Ihrer Gegend ihn für den Verlobten Ihrer Schwester hält?

Auch das mag wahr sein, und ich staune über die Genauigkeit, womit Sie sich über meine Verhältnisse zu unterrichten gewußt haben …

So hören Sie weiter!

Sie haben mich in der That gespannt gemacht …

Als ich das letzte mal den Baron Chevaudun sprach, fuhr Montenglaut fort, und ihm meine Absicht ausdrückte, auf einer weitern Reise, für welche ich kein bestimmtes Ziel anzugeben wußte als etwa Kairo oder Konstantinopel, Zerstreuung zu suchen, sagte er mir, daß er mir ein bestimmtes Ziel dafür geben wolle, wenn mir daran gelegen sei, ihn auf eine Weise zu verpflichten, die für mich mit keinem Opfer irgendeines vorherbestimmten Reiseplanes verbunden sei. Wenn es Ihnen einerlei ist, wohin Sie gehen, sagte er, so können Sie auch, um mir einen Gefallen zu thun, zum Berge Athos gehen.

Gewiß, versetzte ich – aber was ums Himmels willen soll ich auf dem Berge Athos, von dem ich bis auf diese Stunde kaum die Existenz gekannt habe?

Sie sollen, antwortete mir der Baron, auf diesem Berge, und zwar in einem der daraufliegenden Klöster, deren es dort ein ganzes Schock, glaub ich, gibt, nach dem Nachlasse eines deutschen Barons forschen. Das Kloster heißt die Abtei Laura, der Baron hieß Nesselbrook, und der Nachlaß enthält vielleicht eine letztwillige Verfügung oder ein Testament des alten Herrn, für dessen Herbeischaffung sich meine Tochter Eugenie lebhaft interessirt. Sie verlangt von mir, ich solle dort Nachforschungen anstellen lassen – aber wie kann ich das? Ich halte keinen Gesandten in Athen oder Konstantinopel, den ich hinschicken könnte!

Und weshalb, fragte ich, interessirt sich Fräulein Eugenie dafür in so hohem Maße?

Nicht um ihretwillen, erwiderte der Baron Chevaudun, aber sie hat eine Familie kennen gelernt, deren Schicksal davon abhängt, daß ein solches Testament aufgefunden wird – also wollen Sie, wenn Sie etwa Konstantinopel zu Ihrem Reiseziele machen, mir den Gefallen thun, den Berg Athos zu berühren, das Kloster Laura zu besuchen, nach dem Nachlasse des Barons Nesselbrook zu forschen und, wenn Sie glücklich in diesen Nachforschungen sind, das gesuchte Document zurückzubringen? Empfehlungsschreiben kann ich Ihnen besorgen.

Sie können denken, daß ich den Auftrag des Barons mit der größten Bereitwilligkeit annahm. Ich machte sofort den Berg Athos zu meinem ausschließlichen Reiseziele. Ich erreichte ihn über Athen und Thessalonich, und, mit einer Empfehlung des Patriarchen von Athen versehen, fand ich in der Abtei Laura die zuvorkommendste Aufnahme von seiten der Väter des heiligen Basilius.

Man erzählte mir von dem deutschen Baron, von seinen Lebensgewohnheiten, seiner Gelehrsamkeit, seiner Güte für die Brüder, und da man sah, daß es mir nicht darum zu thun war, das zu reclamiren, was in seinem Nachlasse etwa von reellem Werthe gewesen, sondern nur seine Schriften, so öffnete man mir bereitwillig die drei kleinen Zellen, welche einst seine Wohnung gebildet; sie hatten unbewohnt gestanden seit seinem Tode, sie sahen nackt, dürftig, trist genug aus, denn in das, was sie einst wohnlich und behaglich gemacht, hatten sich die frommen Weltüberwinder längst getheilt; aber auf dem Steinboden der mittlern Zelle lag ein kleiner, wirr durcheinandergeworfener Haufen von Briefen, Büchern, Schriften, von einer dicken Staublage bedeckt, von Mäusen benagt und von Insekten durchkrochen.

Dieser Theil des Nachlasses des guten Barons wurde mir zur freien Verfügung gestellt, und nachdem man mir ein paar Teppiche danebengelegt, begann ich die Untersuchung dieses kleinen Chaos, die mich sehr bald zu dem führte, um was es sich handelte. Es war ein leichtes, auf irgendeinem Mauthbureau eröffnetes und dann wieder eingesiegeltes, also vom Empfänger noch unerbrochenes Päckchen, nach den Poststempeln und den Bemerkungen auf der Adresse über Triest und durch die Hände des österreichischen Consuls in Thessalonich gekommen – wahrscheinlich hatte es das Kloster Laura erst erreicht, als der alte Herr schon gestorben war.

Als ich es erbrach, fand ich darin ein paar lange, über theologische und philosophische Fragen handelnde Briefe – der Name eines Bischofs stand am Ende des einen – und daneben das gesuchte Testament. Dieses Testament erinnert ein wenig an das des Königs Richard Löwenherz, der seine Laster sehr großmüthig als Legate aussetzte – der alte Baron vererbt darin zunächst seine Gedanken und seine Ueberzeugungen, die mancher fromme Mann nicht anstehen würde, schlimmer zu nennen als König Richard's Laster – endlich zum Schlusse sein Vermögen und zwar an einen Enkel des Namens Gundobald Burghaus. Das Testament scheint mir alle Erfordernisse der Gültigkeit zu haben, es ist eigenhändig geschrieben und von sieben Zeugen mit unterschrieben und gesiegelt …

Und dieses Testament also haben Sie? unterbrach hier Dankmar die Erzählung des Barons Montenglaut.

Dieses Testament habe ich, versetzte er. Ich habe es an mich genommen und wollte es dem Baron Chevaudun übergeben, sobald ich daheim war – in die Heimat mußte ich ohnehin noch einmal zurück, wenn ich auch den Gedanken, der mir auf jenem heiligen Berge kam, dort mein Leben zu beschließen, ausführte –, nun aber will ich dieses Testament, welches hier in meiner Brusttasche steckt, Ihnen übergeben – es ist der Preis für Eugeniens Briefe, und den Werth, den dieser Preis für den Verlobten Ihrer Schwester, also auch für Ihre Schwester und für Sie hat, werden Sie am besten selbst schätzen können.

Dankmar von Gohr sah ihn eine Weile mit großen und fast erschrockenen Augen an. Ich kann den Werth des Documents schätzen, sagte er; darin haben Sie recht! Aber es annehmen kann ich nicht!

Sprechen Sie Ihren Entschluß nicht zu rasch aus, nicht ohne nachgedacht zu haben, was Sie thun! Fragen Sie sich, ob Sie das Recht haben, das Glück Ihrer Schwester so kurzweg für immer zu vernichten! Denn vernichtet ist es damit – ich werde, wenn Sie bei Ihrer Weigerung verharren, das Testament verbrennen und Chevaudun sagen, ich hätte es nicht gefunden!

Ich glaube in der That, Sie wären dazu im Stande, Baron, versetzte Dankmar, und ich würde Sie nicht hindern können, wenn Sie eine solche frevelhafte That vor sich verantworten zu können glauben …

Zweifeln Sie nicht daran, daß ich es thun würde! fiel Jauffroi mit gerunzelter Stirn ein.

Aber diese Rücksicht darf mich nicht irremachen, darüber bin ich mir vollständig klar!

Also Sie opfern in dem rücksichtslosesten Egoismus das Glück Ihres Freundes, Ihrer Schwester, die ganze Zukunft dieser zwei Menschen der Sorge, Fräulein Eugenie von Chevaudun zu misfallen, der leeren Hoffnung, ihr Herz zu erobern, mit Einem Worte, Ihrer verliebten Thorheit auf? Es ist das sehr brüderlich, sehr vernünftig, sehr edel gehandelt!

Wie es gehandelt ist, darüber müssen Sie mich entscheiden lassen – Sie sind nicht mein Gewissensrath!

Nein, leider nicht; leider sind Sie ohne Gewissensrath in einem Augenblicke, wo Sie eines solchen in hohem Grade bedürften!

Auch das ist nicht Ihre Sache, Herr von Montenglaut, und so, glaube ich, können wir unsere Unterhandlung beenden!

Dankmar stand auf.

Auch der Baron Montenglaut erhob sich. Wir können sie beenden, sagte er; doch bin ich nicht abgeneigt, Ihnen eine Frist zu geben, sich über meinen Vorschlag zu besinnen.

Auch das ist unnöthig; Sie werden nie eine andere Antwort von mir erhalten, als die ich gegeben habe.

Sie sind ein hartnäckiger Mensch, Herr von Gohr – ich fürchte, Sie werden Ihre Hartnäckigkeit eher bereuen, als Sie denken!

Dankmar antwortete nicht. Er machte eine stumme Abschiedsverbeugung, welche hinreichend andeutete, daß er eine weitere Unterhaltung nicht wünsche.

Montenglaut nahm langsam und zögernd seinen Hut; doch schien er zu unterdrücken, was er noch sagen wollte, verbeugte sich leicht und stolz und ging.

Er ließ Dankmar in nicht geringer Aufregung zurück. Aber war es denn für ihn möglich gewesen, sich anders zu entscheiden? Er durfte die Briefe Eugeniens nicht Montenglaut verkaufen; er hatte kein Recht dazu, es wäre ein Verrath gewesen – und an dieser Thatsache änderte die Höhe des Kaufpreises, der ihm geboten wurde, nichts, gar nichts. Hätte man ihm eine Krone geboten für jene Briefe, er hätte sie nicht nehmen dürfen und er hätte sie also auch nicht genommen.

Nichtsdestoweniger hatte die Sache ihn innerlich aufs tiefste erschüttert und erregt; er verhehlte sich die Folgen seines Entschlusses nicht, nicht, daß der Baron Montenglaut wirklich schlecht genug sein könne, seine Drohung auszuführen und das Testament zu vernichten. Der Gedanke daran verließ ihn den ganzen Tag nicht. Er gab den Ausflug, den er zu machen im Begriffe gewesen, nicht auf; er fuhr zu der merkwürdigen Todtenstadt, welche er sich heute zu sehen vorgenommen. Aber alle seine Sinne waren befangen, jeder Schlag seines Herzens bedrückt an diesem heißen, schweren, peinvollen Tage; und müde, abgespannt, eine Menge verworrener Bilder im Kopfe, die mehr aus einem Traume wie aus der Wirklichkeit herübergenommen zu sein schienen, kehrte er endlich in die Stadt zurück.

Er fühlte nichts von dem Glücke in sich, welches das Bewußtsein, einer großen Versuchung widerstanden zu haben, geben soll.

Die Briefe hatte er bei sich behalten. Er hielt sie nach reiferer Ueberlegung so für gesicherter, als wenn er sie nach dem Schiffe zurückbrachte. Wer würde sie dort so hüten wie er selber? Auch hatte er jetzt, nach Herminens letzter Mittheilung, ja ein Recht auf diese Briefe!

Als er am Abende ziemlich spät seine Wohnung wieder erreicht hatte, gab er, um das Haus nicht noch einmal verlassen zu müssen, seiner Wirthin den Auftrag, ihm einige Erfrischungen zu senden. Dann war er noch eine lange Zeit auf- und abgegangen und hatte endlich sich zur Ruhe begeben.

Daß die Thür zwischen seinem und des Barons Zimmer fest abgeschlossen sei; davon hatte er sich bereits am gestrigen Abende überzeugt. Die Thür auf dem Corridor verschloß er so gut es sich thun ließ, und die Briefe Eugeniens legte er unter sein Kopfkissen.

Er lag noch lange, trotz seiner Müdigkeit, ohne einschlummern zu können, und hörte die Mitternachtsglocken schlagen. Dann entschlief er und erwachte nach einer Pause, über deren Länge er sich keine Rechenschaft geben konnte, wieder. Er glaubte, im Nebenzimmer, in dem, welches der Baron Jauffroi von Montenglaut bewohnte, Geräusch zu hören. Es war, als ob dort leise geflüstert würde; es schien, als ob eine Frauenstimme unter den andern vernehmbar sei.

Dankmar richtete sich ein wenig auf, um besser zu hören. In diesem Augenblicke wurde an seine Thür geklopft, an die Thür, welche auf den gemeinsamen Corridor ging. Ohne zu antworten, griff Dankmar nach dem Feuerzeuge auf seinem Nachttische, um Licht zu machen. Bevor er es zu Stande gebracht, wurde – es schien mit Hülfe eines Hauptschlüssels – die Thür geöffnet, und zu seiner größten Ueberraschung trat eine junge Dame in sein Zimmer, eine ihm völlig unbekannte Gestalt, in einem dunkeln Seidenkleide und einem Strohhute mit zurückgeworfenem Schleier; zwei Männer, von denen jeder einen Leuchter mit brennender Kerze trug, füllten hinter ihr den Rahmen der Thür; als Dankmar's Auge auf sie fiel, erkannte er in dem ersten den Baron Jauffroi.

Die Dame trat sehr entschlossen auf sein Bett zu und sagte mit einer hellen, kecken und doch nicht ganz sichern Stimme:

Mein Herr, es ist eine sehr späte Stunde, um einen Besuch zu machen, aber ich habe einen Auftrag an Sie, der keinen Aufschub leidet! Ich bin von meiner Freundin, Fräulein Eugenie von Chevaudun, abgesendet, mir eine Anzahl von Briefen aushändigen zu lassen, welche, wie sie sich plötzlich zu ihrer Beunruhigung entsonnen hat, bei ihrer letzten Fahrt auf ihrer Jacht zurückgeblieben sind und die sie das dringendste Verlangen hegt, wieder in ihrem Besitze zu wissen. Zufällig vernahm ich von dem Baron von Montenglaut, einem Bekannten, dem ich hier begegnete und der die Güte hatte, mich hierher zu begleiten, daß diese Briefe von Ihnen aus dem Schiffe fortgenommen sind. Haben Sie die Güte, dieselben mir zu übergeben.

Dankmar hatte nach der ersten Ueberraschung Zeit gefunden, sich vollständig zu fassen. Die lange Rede der fremden Dame gewährte sie ihm. In das Antlitz des hinter dem Baron Jauffroi jetzt ins Zimmer getretenen Mannes blickend, sagte er:

Wer ist der zweite Herr dort? Wenn ich nicht irre, Herr von Beltram? – Sie erscheinen, Madame, mit zwei Zeugen für die Wahrheit Ihres Vorgehens, die nicht sehr gut gewählt sind! Ich kann in der That nicht annehmen, daß Fräulein Eugenie von Chevaudun geheime Aufträge an Leute wie die Herren von Beltram und Montenglaut und Damen, die ich mit ihnen verbündet sehe, gibt!

Ich weiß nicht, welchen Einfluß es auf die Sache haben kann, wenn diese Herren die Güte hatten, mich zu begleiten! versetzte Fanny schnippisch. Ich konnte in der Nacht nicht allein kommen, und doch mußte ich noch in dieser Nacht kommen, weil ich von Baron Montenglaut vernommen, daß Sie vielleicht in der Frühe abreisen würden!

Dann hat Herr von Montenglaut Ihnen etwas gesagt, was gerade so wahr ist wie das, was Sie mir eben gesagt haben.

Wie, mein Herr, Sie …

Ich glaube nicht an Ihren Auftrag!

So glauben Sie an die schriftliche Vollmacht, welche ich bei mir führe!

Lassen Sie sie sehen! versetzte Dankmar.

Fanny zog ein Papier aus einer Falte ihres Kleides hervor und hielt es Dankmar hin.

Da ist sie!

Dankmar nahm das Blatt; es war ein ziemlich zerknittertes Billet, worauf mit Eugeniens Schriftzügen geschrieben stand:

»Wenn Sie das eingeschlossene Papier einem Bankhause in Ihrer Stadt vorzeigen, so wird man Ihnen das Geld, welches Sie zu Ihrer Reise ins Land des ewigen Sonnenscheins, der goldenen Früchte, winkend zwischen dunklem Laub, bedürfen, auszahlen. Gott geleite Sie – denken Sie an ihn, und er wird Sie schützen. Bringen Sie mir nur um jeden Preis meine Briefe zurück!

Anna Morell

Das Billet hatte keinen Ort, kein Datum.

Das Billet ist falsch, sagte Dankmar ruhig, nach: dem er es überflogen.

Herr von Gohr, rief jetzt Montenglaut vortretend aus, ich kann nicht dulden, daß Sie diese Dame, die unter meinem Schutze steht, beleidigen! Liefern Sie ihr die Briefe aus, die sie ein Recht hat, zu fordern!

Sie hat kein Recht, ich weiß das infolge von Nachrichten, die ich erst gestern erhielt! Ich durch schaue den ganzen Anschlag, der von Ihnen ausgeht, und Sie werden die Briefe nicht erhalten, mein Herr Baron!

Auch Beltram war jetzt vorgetreten, während ihm Fanny den Leuchter aus der Hand genommen. Die beiden Männer standen mit drohenden Mienen vor Dankmar, der aufgerichtet auf seinem Lager saß; Fanny suchte mit dem Lichte in der Hand auf dem Schreibtische Dankmar's und riß hastig die Schubladen, welche sich darin befanden, auf; Baron Jauffroi aber rief im nächsten Augenblicke aus:

Hier sind die Briefe!

Er griff unter das Kopfkissen Dankmar's, das bei einer Bewegung des letztern sich verrückt hatte und die darunterliegenden Papiere zeigte.

Dankmar fuhr mit der Kraft eines Löwen auf; er erfaßte Montenglaut's Oberarm mit der einen, seine Brust mit der andern Hand und schleuderte ihn fünf Schritte weit in das Zimmer zurück. Im selben Augenblicke sprang er aus dem Bette und stürzte sich auf Beltram, der den Moment dieses Ringens benutzen und sich der Briefe bemächtigen wollte; er faßte ihn an der Gurgel und warf die zerbrechliche Gestalt wie ein Kind zu Boden. Dann griff er, als der nächsten Waffe, welche in seinem Bereiche war, nach dem großen, schweren Leuchter auf seinem Nachttische – aber im selben Augenblicke auch fühlte er in der rechten Seite einen gelinden Schmerz, sah etwas zu Boden fallen – Montenglaut stand wieder dicht vor ihm, mit der Rechten nach seinem Halse fahrend.

Dankmar führte noch einen heftigen Schlag mit dem Leuchter nach ihm – Montenglaut wich dem Schlage geschickt aus – Dankmar aber sah plötzlich alles vor seinen Augen in Dunkel und Nacht verschwimmen – seine Augenlider schlossen, seine Sinne verwirrten sich, auf den Bettteppich niedersinkend, hatte er nur noch ein Gefühl von etwas Feuchtem, in das seine Hand faßte – dann waren seine Sinne dahin; er lag auf dem Teppich, die Hand, der die Waffe, der Leuchter, entglitten war, krampfhaft in die rechte Seite gedrückt, aus welcher ein Blutstrom hervorquoll. – –

Als er nach einer Weile wieder zur Besinnung kam, begann die erste Helle des Morgens in sein Zimmer zu dämmern. Er war allein und alles um ihn her war still. Der wüste Lärm der vorhergegangenen Scene hatte niemand in dem großen, leerstehenden Hause beunruhigt oder erweckt. Die Padrona, Donna Teresa, schlief mit ihrer Dienerin oben, ein Stockwerk höher; eine Art von Hausknecht oder Portier ganz unten; kein Wunder, daß Dankmar hülflos geblieben!

Er schleppte sich jetzt zu der Klingelschnur, um seine Wirthin zu seiner Hülfe herbeizuziehen.

Die Briefe Eugeniens waren verschwunden.


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