Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechzehntes Kapitel.
Der Baron von Montenglaut

Am andern Tage ließ Dankmar den Koffer, der seine ganze Reisehabe enthielt, von der Jacht in das Quartier auf Santa-Lucia bringen. Nachdem er sich ein wenig eingerichtet, ging er, seinem Nachbar einen Besuch zu machen. Er fand den Baron nicht daheim. Deshalb verließ er das Haus wieder und machte einen Spaziergang durch die Stadt.

Der Weg, den er einschlug, führte ihn nach der Chiaja und in die Villa-Reale. Vor einem der Pavillons in diesem Garten sah er den Baron in Gesellschaft seines Kapitäns sitzen. Beide hatten sich auf zwei Stühlen bequem ausgestreckt, dampften Cigarren, und wenn sie eine Unterredung zusammen gehabt, so mußte diese zum Abschlusse geführt sein, denn sie schauten wie mit zerstreuten Mienen und schweigend den Spaziergängern nach, welche an ihnen vorüberkamen. Dankmar gesellte sich zu ihnen, und der Kapitän sagte:

Vorzustellen brauche ich die Herren nicht, ich höre eben vom Baron, daß er Ihr Zimmernachbar ist.

In der That, entgegnete Dankmar – ich kann mich glücklich schätzen, hier so rasch eine gute Bekanntschaft gefunden zu haben.

Neapel ist, fuhr der Kapitän fort, wie ich sehe, sehr leer an Fremden. Die Eingeborenen aber zählen für unsereins nicht; mit diesem Volke ist gar nicht umzugehen; es sind lauter Polichinelle. Erst kommt der Affe und dann der Neapolitaner …

Leider will der Baron Neapel bald wieder verlassen, versetzte Dankmar; er will heimreisen und gleich darauf wieder fort nach dem Berge Athos.

Nach dem Berge Athos? Und was wollen Sie da machen, Baron? fragte Schmieder.

Nach den Affen Menschen sehen, entgegnete der Baron.

Es muß in der That ein großer Contrast sein, fiel Dankmar lächelnd ein, nach diesen ewig schwatzenden, schreienden, aufgeregten Polichinells, wie Herr Schmieder sie nennt, die stummen, weisen Anachoreten mit steinernen Gesichtern und weißen Bärten!

Der Kapitän schüttelte den Kopf. Da würde man sich doch wol bald nach diesen hier zurücksehnen; sie scheinen mir noch erträglicher – auch gibt es hier einen vortrefflichen Capri, und in der Vida di Roma gestern Abend habe ich einen Jahrgang Lacrimä Christi gefunden, der aus solch einem Anachoreten selber einen Polichinell machen könnte. Wenn man dazu noch die Feigenschnepfen von Capri und die Austern der Margellina nimmt, so muß man gestehen, derartige achtbare Culturzustände verdienen doch, daß man ihnen für eine Weile die Neigung zu weitern ethnographischen Studien opfert.

Aber der Baron will nun einmal an dieses Ziel seiner Sehnsucht – ich glaube, fuhr Dankmar fort, er ist ein wenig Misanthrop und will von den Weltüberwindern lernen, mit dieser argen Welt innerlich fertig zu werden – ist es nicht so?

Wäre die Wallfahrt zu ihnen zu weit, wenn man die Aussicht hat, das wirklich von ihnen zu lernen?

Nein, gewiß nicht, fiel Dankmar ein, und deshalb hätte ich nicht übel Lust, diese Wallfahrt mit Ihnen zu machen.

Desto besser, entgegnete der Baron; ich würde mich zu der Reisegesellschaft beglückwünschen.

Er sagte dies in einem Tone, der offenbar freundlich sein sollte, aber große Freude über Dankmar's Idee nicht ausdrückte. Der Baron schien heute überhaupt in einer noch düsterern und menschenfeindlichern Stimmung als gestern. – Dankmar fuhr, zu dem Kapitän seiner Jacht gewendet, fort:

Was meinen Sie, Herr Schmieder, wenn wir die Rückkehr des Barons aus seiner Heimat hier abwarteten, ihn dann auf unsere Jacht nähmen und mit ihm nach dem Berge Athos dampften?

Der Kapitän machte ein langes Gesicht. Das ist leichter gesagt als gethan, versetzte er zögernd; ich kenne das Jonische Meer nicht und habe auch keine ausreichenden Karten für eine solche Fahrt an Bord.

Die können wir hier finden, erwiderte Dankmar.

Aber es ist ein schwieriges Gewässer …

Sie machten mir doch selber den Vorschlag, von hier aus Athen und Konstantinopel zu besuchen …

That ich das? fragte Herr Schmieder kühl, und hatte dann mit seiner Cigarre zu schaffen, die ohne Luft zu sein schien.

Also ein Reisebegleiter wird mir auf meiner Fahrt nicht verstattet, sagte sich Dankmar ein wenig betroffen, als er so zum ersten male die Erfahrung machte, daß einer seiner Wünsche bei seinem Kapitän Widerstand fand. Oder war just dieser Reisebegleiter dem Kapitän nicht angenehm, sodaß er jene Einwürfe gemacht, die offenbar nur Vorwand waren?

Dankmar beschloß, den Kapitän geradezu darum zu fragen. Die Gelegenheit bot sich ihm bald, als der Baron nach einer Weile aufstand, um in den Pavillon einzutreten und sich eine Erfrischung zu bestellen.

Kannten Sie den Baron von früher her? sagte er, sich zu dem Kapitän wendend.

Herr Schmieder zuckte die Achseln.

Kaum, versetzte er. Ich fand ihn heute, als ich an Land ging, auf dem Molo spazierend, wo er mich anredete. Ich entsann mich seiner, als er mir sagte, daß wir uns früher wol auf der Börse zu Antwerpen gesehen, und mir seinen Namen nannte. Er ist der einzige Sohn eines Bankiers in Antwerpen, der Geschäftsverbindungen mit dem Baron Chevaudun hatte und vor einigen Monaten starb; er sagte mir, er lasse eben das Geschäft durch seine Leute liquidiren, weil er seit je einen Widerwillen gegen die Beschäftigung damit gefühlt.

Merkwürdig, daß er nicht wenigstens diese Arbeit selbst übernimmt oder beaufsichtigt, fiel Dankmar ein.

Das ist allerdings ein Zeichen, daß jener Widerwille sehr groß sein muß.

Sie wissen also sonst nichts über ihn?

Nichts; höchstens noch, was er mir sagte, daß er nämlich bei seiner Reise nach jenem Berge Athos, woher er eben kommt, einen Auftrag von meinem Patron erhalten habe.

Und doch wollten Sie ihn nicht an Bord Ihrer Jacht aufnehmen?

Von meinem Willen ist nicht die Rede, fiel Kapitän Schmieder ein; ich habe einfach keinen Befehl dazu. Ist jedoch Ihr Wunsch in dieser Beziehung sehr lebhaft, so bin ich gern bereit, zur Telegraphenstation zu gehen und durch eine Depesche daheim anzufragen.

Sie sind sehr gütig – ich danke Ihnen – es wäre dazu wol immer noch Zeit.

Uebrigens, fuhr der Kapitän fort, scheint Ihr Interesse gegenseitig zu sein; er hat mich nach Ihnen auszufragen gesucht – nur, setzte Herr Schmieder lächelnd hinzu, ein wenig versteckter, wie Sie nach ihm fragen.

Und waren Sie gegen ihn so versteckt, wie Sie es gegen mich zu sein scheinen?

Scheine ich das? Gegen ihn war ich allerdings ein wenig versteckt, weil ich meine Gründe dazu hatte; gegen Sie bin ich es nicht. Ich gebe Ihnen mein Seemannswort, daß ich nichts weiter über den Baron Jauffroi de Montenglaut zu sagen weiß …

Der Baron kam eben zurück und nahm seinen frühern Platz wieder ein. Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, bis der Baron aufstand, um heimzugehen; dabei schlug er den beiden andern Herren vor, sich zum Diner in der Villa di Roma zu treffen. Auch Dankmar brach bald nachher auf, um einen Gang ins Museum zu machen; der Kapitän lehnte seine Einladung, ihn zu begleiten, ab – er habe das alles früher schon gesehen, meinte er. –

Das Rendezvous in der Villa di Roma wurde pünktlich eingehalten, und die zwei jungen Männer ließen sich gern die Anordnung gefallen, welche Herr Schmieder, von seinen Localkenntnissen in diesem Fache berathen, für ihr Mahl traf. Nachdem dies eingenommen, schien der wackere Kapitän jedoch das Bedürfniß einer Siesta zu empfinden; er empfahl sich, um an Bord seines Schiffes zu gehen.

Dankmar und der Baron blieben zurück; sie fanden den Platz auf der unmittelbar ins Meer hineingebauten Terrasse des Gasthofes zu schön, um ihn verlassen zu mögen – wenigstens war dies bei Dankmar der Fall, und der Baron Jauffroi schien eben in der Stimmung, ihm Gesellschaft zu leisten. Doch saßen sie beide sehr lange stumm und schweigend einander gegenüber; der Baron, mit düsterer Miene und einer tiefen Falte zwischen den Brauen sich Papiercigaretten drehend; Dankmar, mit untergeschlagenen Armen auf das Meer und die Inseln, soviel sich von dieser Stelle überschauen ließ, hinausblickend.

Dieses Neapel ist doch ganz wunderbar schön! sagte er nach einer Weile mit einem tiefen, wie aus dem innersten Grunde seiner Seele kommenden Seufzer.

Und das beseufzen Sie? fragte trocken der Baron.

Weshalb soll ich nicht dabei seufzen? Muß die Schönheit denn heiter, kann sie nicht auch sehr ernst stimmen?

Freilich nach dem Charakter der Menschen; es gibt auch Charaktere, welche sie gar nicht »stimmt«.

Wollen Sie damit andeuten, daß Sie zu diesen Charakteren gehören, Baron? Sind Sie zu stolz, sich als ein Instrument zu fühlen, welches gestimmt werden kann? Oder sind Ihre Nerven nicht blos wider Hitze und Kälte gestählt, sondern …

Weder meine Nerven noch mein Stolz haben etwas damit zu thun, unterbrach ihn Baron Jauffroi. Das Schöne übt einfach keine Macht auf mich, die Natur, die Kunst sind für mich inhaltleere Worte; in die Welt in mir, in mein inneres Sein greifen sie nicht ein; sie haben keine Arme, die da hineinlangen, und es ist für mich völlig dasselbe, ob ich am Golf von Neapel oder auf einer Düne der Nordsee sitze, ob ich die Flora im Museum drüben vor mir sehe oder eine Dirne mit einem Milcheimer auf einer Wiese in Flandern!

Seltsam! Ist Ihr inneres Sein so todt, daß kein Reiz dasselbe mehr erweckt, oder ist es so gewaltig lebendig, daß es alles zurückstößt, was sich ihm von außen aufdrängen will?

Es ist beides. Ein übergewaltiges Leben hat neben sich den Tod. Es ist wie eine Flamme, die allem feindlich ist, was nicht sie ist, und alles, was an sie herankommt, verzehrt.

Eine Kunst wird doch auf Sie wirken, die, worin das Schöne am allermateriellsten unsere Sinne ergreift – die Musik? sagte Dankmar nach einer Pause.

Die Musik! Ja, sie wirkt auf mich; es überkommt mich dabei wol ein Gefühl, daß man sehr glücklich sein müßte, wenn man zerschmelzen könnte; es liegt offenbar in der Musik etwas von einer Kraft, welche von diesem Zerschmelzen eine Ahnung gibt, sozusagen den allerersten Anfang. Aber auch nicht mehr – es bleibt alles bei der ersten, blassen Ahnung.

So müßte Hamlet eigentlich zu Musikbegleitung in die Worte ausbrechen:

O that this too, too solid flesh would melt!
Thaw, and resolve itself into a dew!

sagte Dankmar lächelnd.

Die Musik ist ein treuloses, kokettes Weib, schloß der Baron. Wenn sie uns am stärksten ergriffen hat, verstummt sie, wendet uns den Rücken, und nichts ist uns geblieben.

Dankmar schwieg. Der »reisende Selbstmörder« an seiner Seite wurde immer wunderlicher. Nach einer Weile sagte jener:

Sie sprachen von einem »übergewaltigen Leben«. Hat man dafür nicht auch einen andern Ausdruck – den: »Leidenschaft«?

Gewiß.

Sie räumen also eine Leidenschaft, eine unglückliche Leidenschaft, die Sie in sich tragen, ein …?

Und wenn ich das thäte, versetzte der Baron mit einem spöttischen Lächeln, würden Sie mich dann mit deutscher Philosophie heilen wollen?

Nein. Ich würde Sie dann besser verstehen.

Sie – mich?

Ja. Ich würde dann einen Schlüssel haben …

Was wissen Sie von Leidenschaft! unterbrach ihn fast zornig der Baron. Auf Ihrer jungen, glatten Stirn liegt nichts als der sehr natürliche Ernst, den das Glück gibt!

Und doch… sagte Dankmar tief aufseufzend.

Weshalb reden Sie nicht weiter? fragte der Baron, sich eigenthümlich heftig Dankmar zuwendend und mit einem flammenden Blicke ihn wie verzehrend. Ich war gegen Sie so offen, wie ich es gegen irgendeinen Menschen je gewesen; weshalb sind Sie so versteckt gegen mich?

Der Zorn, mit welchem der Baron diese Worte sprach, war in hohem Grade auffallend und unerklärlich für Dankmar.

Dieser antwortete ruhig:

Sie scheinen mir ein herrschsüchtiger Mensch, Baron, der Vertrauen gebieten will. Uebrigens bin ich durchaus nicht versteckt: um es Ihnen zu beweisen, will ich Ihnen ganz offen gestehen, daß von dem Augenblicke an, wo Sie mir sagten, Sie kännten den Eigenthümer meiner Jacht, mir eine Frage an Sie auf dem Herzen, auf den Lippen gelegen hat …

Und diese Frage ist? rief der Baron aus.

Kennen Sie ein Fräulein Anna Morell, das die Stellung einer Gouvernante in einer Familie meiner Heimat einnahm und trotzdem mit dem Baron Chevaudun in einer so nahen Verbindung stehen muß, daß sie über dessen Eigenthum, diese Jacht Miranda; verfügen kann? Denn sie ist es, die mir in einem Augenblicke, wo ich meine Heimat als Flüchtling verlassen mußte …

Als Flüchtling? unterbrach ihn der Baron, der ihm mit allen Zeichen größter Spannung zuhörte.

Nehmen Sie an, warf Dankmar leicht hin, daß mich ein Ehrenhandel dazu zwang – genug, dieses Fräulein Morell ließ mich das sicherste Asyl, welches sich erdenken läßt, auf jener Jacht finden, und die Jacht gehorcht jetzt meinen Befehlen, als ob jenes Fräulein sie mir geschenkt habe. Das ist das Räthsel. Lösen Sie es mir, wenn Sie es vermögen, wenn Sie Chevaudun und diejenigen, welche ihm nahe stehen, kennen.

Der Baron fuhr mit der Hand über sein Gesicht und wandte dieses ab, als er antwortete:

Der Name – Anna Morell – ist mir völlig unbekannt; ich habe ihn nie gehört; obwol ich mehrmals im Hause des Barons Chevaudun war, habe ich ihn nie aussprechen hören. Ich muß deshalb voraussetzen, daß er ein angenommener Name ist. Beschreiben Sie mir diese Gouvernante, und ich will in meinem Gedächtnisse forschen, ob ich einem Wesen, wie Sie es schildern, begegnet bin.

Der Baron sprach dies, ganz im Gegensatze zu seiner frühern zornigen Erregung, langsam, mit einer wahren oder erzwungenen kühlen Ruhe.

Fräulein Morell ist eine Erscheinung, antwortete Dankmar, welche man nicht wieder vergißt, wenn man sie einmal gesehen. Sie hat eine große, schlanke Gestalt. Ihr Haar ist dunkel, ihre Auge blau, ihr Teint von einem warmen Tone, ohne das, was man helle Farben nennt; aber der Kopf mit der schönen, schmalen und hohen Stirn, der feinen und geraden Nase, die sich mit leiser Einbiegung fast unmittelbar an die Stirn ansetzt, hat dadurch nur etwas desto Edleres, Vornehmeres. In ihren Bewegungen, in ihrem Reden und Wesen liegt etwas, das ganz mit dieser äußern Erscheinung übereinstimmt; es liegt etwas Festes, in sich Abgeschlossenes darin; doch nichts, was abwehrend, spröde, steif genannt werden könnte. Die ganze Erscheinung trägt das Bewußtsein, zur hoch dazu zu stehen, die Unbefangenheit eines Wesens, dem nichts Unlauteres nahen kann. Und das Eigenthümliche ist, daß sich kein Ausdruck von mädchenhaftem Stolze oder jugendlichem Trotze mit diesem Wesen verbindet; es verträgt sich mit stiller Bescheidenheit. Es liegt wie ein stummes Räthsel über sie ausgegossen; aber ihr klarer, ruhiger Blick sagt nicht herausfordernd: Du wirst mir das Geheimniß nicht entreißen, du wirst und sollst das Räthsel nicht lösen, sondern er spricht einfach von einer Natur, der gegenüber wir uns sagen müssen: es ist unsere eigene Schuld, unsere eigene Kleinheit, wenn wir sie nicht verstehen …

Der Baron Jauffroi hatte Dankmar ein eigenthümlich bewegtes Gesicht zugewendet, während dieser so sprach; wäre Dankmar nicht in die Züge des Bildes, welches er schilderte, so versunken gewesen, er hätte wahrgenommen, daß das Antlitz seines Zuhörers um einen Ton bleicher geworden war und daß seine Augen mit einem scharfen, beinahe unheimlichen Feuer, in welchem etwas wie Haß funkelte, auf ihm lagen.

Und diese Dame, erwiderte er jetzt mit einem sarkastischen Tone, hat Sie dazu verführt, sich ihretwegen in einen verhängnißvollen Ehrenhandel zu stürzen?

Von diesem Ehrenhandel möchte ich schweigen, entgegnete Dankmar; ich möchte Ihre Antwort auf meine Frage: Kennen Sie diese Dame? – hören.

Der Baron Jauffroi von Montenglaut wandte wieder seinen Kopf ab und sprach dann in derselben kühlen Weise wie früher: Ich kenne sie nicht – nein – doch – ich glaube, von ihr gehört zu haben – von einer solchen Dame, wie Sie sie beschreiben, welche lange Jahre dem Baron von Chevaudun nahe stand – und sich auch wol herausnahm, über sein Eigenthum zu verfügen. Der Baron ist seit vielen Jahren Witwer; er hat sich jedoch trotz seiner fünfzig Jahre vor einigen Monaten mit der neunzehnjährigen Tochter des Herzogs von Larive-Dusserant verheirathet. Vor einem solchen Schritte hat man Verhältnisse jener Art, auf die ich deutete, zu lösen; man hat dabei ansehnliche Opfer zu bringen; und wenn Ihr Fräulein Anna Morell sich jetzt entschlossen hat, sich als Gouvernante nützlich zu machen, so ist das sehr achtbar von ihr – es ist aber auch sehr natürlich, daß sie sich in ein gewisses Geheimniß hüllt, wie Sie es schilderten, daß sie einen andern Namen annimmt und Schweigen breitet über ihre Vergangenheit. Der Baron Chevaudun macht, wie ich gehört habe, eine Reise mit seiner jungen Gattin in Deutschland. Unterdeß bleibt seine Jacht beschäftigungslos und unnütz – weshalb sie da nicht zur Verfügung einer alten Freundin lassen, die ihrer bedarf für einen neuen Freund!

Während der Baron von Montenglaut dies ruhig, langsam, mit eigenthümlich hartem Tone der Stimme aussprach, hatte Dankmar's Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck angenommen. Er sah den Sprechenden mit einem Blicke an, der in seiner Betroffenheit, seinem schmerzlichen Staunen fast etwas Hülfloses, Rettungsuchendes hatte; er sah ihn an, als ob er sagen wolle: Um des Heiles unserer Seelen willen, sprich nicht weiter – sprich nicht so! Er athmete tief auf, mehrmals, seine Brust wogte – dann rief er aus:

Baron, dies ist eine ganz entsetzliche, ganz unerhörte Lüge, für die ich Sie erdrosseln könnte, oder …!

Es ist keine Lüge, unterbrach ihn der Baron Jauffroi, seine Blicke mit dem scharfen Ausdrucke von eben auf Dankmars Züge heftend – aber ich werde Ihnen nicht übelnehmen, wenn Sie sagen: Es ist entweder ein Irrthum oder eine Verwechselung. Auch habe ich meinerseits durchaus kein Interesse, mit Ihnen darüber zu streiten, wenn's Ihnen wohlthut, eins oder das andere anzunehmen. Ich bitte Sie nur, diesen Entschluß nicht in einer für mich unhöflichen Weise zu äußern!

Damit warf der Baron seine halbverzehrte Cigarette ins Meer, stand auf und sagte mit einem kühlen Worte, daß er Dankmar jetzt verlassen müsse und ihn morgen wiederzusehen hoffe.

Er ging und ließ Dankmar in einer ganz unbeschreiblichen Aufregung zurück.

Es war Dankmar zu Muthe wie jemand, der auf das Antlitz des liebsten Freundes die Vorboten des Todes treten oder der eine Flut, welche ihn verschlingen wird, sich heranwälzen sieht – er kann nicht glauben an das Unvermeidliche, seine ganze Seele sträubt sich, bäumt sich auf wider die Wirklichkeit der Thatsache, die ihn vernichtet; das Gefühl des Lebens ist zu stark, zu ausschließlich mächtig in ihm, als daß er die Gefahr begreifen, den wirklichen wahrhaftigen Tod fassen könnte. Und doch, die Woge, die ihn verschlingen wird, rollt unaufhaltsam heran und wächst und wächst, und der Schreckensblick des starren Auges, das ihr entgegenschaut, hält ihren Gang nicht auf.

Dankmar faßte, glaubte nichts von dem, was der Baron ihm gesagt hatte, sein innerstes Herz bäumte sich dagegen auf – aber sein starrer Blick war auf die Woge gerichtet, die dahergerollt kam, die ihn zu vernichten drohte – die kommende Ueberzeugung, daß der Baron die Wahrheit gesprochen. Denn das eben war das Schreckliche in seinem Unglauben, der darunterliegende Glaube, der sich mit jeder Minute stärker in die Höhe drängte.

Er war aufgestanden und hatte eine lange Zeit, starr und an den Boden geheftet, auf das schäumend an die Terrasse plätschernde Wasser geschaut. Dann, wie mit einem plötzlichen Entschlusse, war er gegangen. Er schritt durch das Hotel, wandte sich links der Marine zu und nach wenigen Augenblicken war er in eins der Boote gesprungen, welche sich hier stets in großer Zahl an die Stufen des Kais drängen. Dem Burschen in der braunen Fischermütze, welcher am Steuerende auf einer Decke ausgestreckt lag und bei dem raschen Einspringen des Forestiere aus seinem Schlummer emporfuhr, machte er begreiflich, daß er ihn schnell an die Nacht Miranda im Hafen drüben rudern solle.

Der Mensch ergriff seine Ruder. Zehn Minuten später legte das Boot an der Seite des Schiffes an; dieses ließ seine Treppe nieder, und Dankmar eilte, über die Stufen derselben an Bord zu kommen.

Sie kommen so eilig, Herr, sagte der alte Bootsmann, oben ihm entgegentretend – ist Ihnen etwas zugestoßen – sollen wir unter Segel gehen? Der Kapitän …

Nein, nein, Lukas; da habt Ihr meine Börse, lohnt damit den Marinaro im Boote ab – und dann laßt mich ungestört in der Kajüte, ich habe in der Kajüte zu thun – ist der Kapitän an Bord?

Der Kapitän schläft und der Steuermann ist an Land, versetzte der Bootsmann.

Es ist gut, fiel Dankmar ein und schritt davon, dem Eingange in der Kajüte zu.

Als er in dem kleinen Salon mit der üppig reichen Einrichtung, die von Gold- und Sammt- und Seidenstoffen glänzte, angekommen war, schob er zuerst den Riegel an der Thür vor. Dann schritt er über den weichen türkischen Teppich an das entgegengesetzte Ende des Raumes. Hier war eine mit einer Sammtportière verhangene schmale Thür angebracht, welche in eine reizende kleine Schlafcabine führte, halb mit Mahagoniholz getäfelt, über dem Getäfel mit dunkelgrüner, schwerer Seide ausgeschlagen, im Hintergrunde das von Vorhängen desselben Seidenstoffes verhüllte Lager.

Neben dem Fußende des Bettes, über dem Waschtische mit der silbernen Toiletteeinrichtung, befand sich ein Wandschrank. Dankmar zog einen Schlüssel hervor und öffnete ihn. Im Innern war der Schrein in mehrere Fächer getheilt. Aus dem einen nahm Dankmar zuerst ein paar Bücher – er kannte sie, er hatte während seiner Fahrt manche Stunde lang darin gelesen; es waren Chateaubriand's »Génie du Christianisme«, »Atala« und ein neuer Roman: »Le Comte Kostia«, von Cherbuliez; unter den Büchern lag eine angefangene Straminstickerei und Knäuel und Flocken verschiedenfarbiger Wolle; und unter dieser Wolle lag ein in ein rosafarbenes Papier geschlagenes Convolut von Briefen, welches Dankmar an sich nahm.

Er ging damit in den Salon zurück, warf sich hier auf eine Causeuse und legte das Päckchen auf den kleinen Marmortisch, der davorstand, um mit zitternden Händen die Schnur zu lösen, die es zusammenhielt.

Er war sich vollkommen des Unrechts bewußt, welches er im Begriffe war, zu begehen. Er hatte, nachdem er von der Kajüte Besitz genommen, welche Kapitän Schmieder ihm zum Quartier angewiesen, eines Tages in der Muße der Seefahrt die ganze Einrichtung seiner kleinen Wohnung durchmustert und auch jenen Schrein untersucht. Im Innern des kleinen Schrankes fand er die genannten Gegenstände. Das Convolut Papiere enthielt Briefe, welche von einer Frauenhand geschrieben waren. Dankmar hatte sie mit einer Art respectvoller Scheu wieder an ihre Stelle gelegt; die Bücher hatte er gebraucht; den im Schlosse steckenden Schlüssel des Schreins hatte er jedoch abgezogen und an sich genommen; es konnten Augen, die weniger discret als die seinen waren, auf jene Papiere fallen.

Daß die Briefe von der Hand Anna's seien, wußte Dankmar. Sie zeigten dieselbe große und klare Handschrift wie die Adresse des Briefes, den sie ihm vor seiner Flucht für den Kapitän Schmieder gegeben. Aber sein Blick hatte, als er sie zuerst entdeckte, nicht lange genug darauf geweilt, um zu sehen, an wen sie gerichtet waren. Er war entschlossen, diese Briefe jetzt zu lesen. Mochte es unedel, mochte es niedrig, mochte es abscheulich sein, Briefe zu lesen, die nicht für ihn bestimmt, die offenbar von dem Besitzer oder der Besitzerin beim Verlassen des Schiffes dort vergessen waren – er war entschlossen dazu. Diese Briefe mußten ihm Aufklärung verschaffen. Sie mußten ihm irgendeinen Einblick in die Verhältnisse Chevaudun's oder Anna's gewähren. Er mußte dann vor den Baron Montenglaut treten können mit dem festen, bestimmten Worte: Sie haben eine Lüge gesprochen! oder er mußte sich überzeugen können, daß jener die Wahrheit gesagt; und dann, dann war er es seiner Ehre schuldig, daß er nicht länger die Wohlthaten einer Person annahm, welche eine Heuchlerin war, welche sich in die Stellung geschwindelt hatte, die sie zuletzt eingenommen – ja, seine Ehre gebot ihm, diese Briefe Anna's zu durch lesen; und wenn sie verleumdet war, gebot es ihm ja auch ihre Ehre, die er nur dann ritterlich schützen konnte, wenn er sich mit eigenen Augen Ueberzeugung geschöpft. Wäre sie anwesend gewesen, würde sie nicht vielleicht selber gesprochen haben: Da, nehmen und lesen Sie; sehen Sie selber, ob die Vermuthungen, welche der Baron Jauffroi von Montenglaut wider mich ausgesprochen hat, trotz allem, was für sie zu zu sprechen scheint, Lügen sind oder nicht?

In namenloser Spannung suchte er jetzt in den ersten Zeilen des zu oberst liegenden Briefes die Anrede – sie mußte zunächst entscheiden, ob die Briefe an den Baron Chevaudun gerichtet waren, der sie, von einer Reise auf seiner Jacht heimkehrend, hier konnte vergessen haben.

Die Anrede war eine andere. Der erste Brief lautete:

 

»Es freut mich, meine theuere Marie, daß Dir die deutschen Bücher, welche ich Dir sandte, so viele Freude gemacht haben. Nicht wahr, es ist so viel Einfacheres, Schlichteres, Wahreres in dem Tone dieser deutschen Werke, als in den gespreizten, auf Stelzen einherschreitenden, nach jeder schönen Phrase unsere Bewunderung herausfordernden französischen Herren vom Geist? Solch ein französischer Autor schreibt mit dem Bewußtsein, ein großer Magus zu sein; er behandelt seinen Stil wie ein Gewand und ist fortwährend darauf bedacht, daß es recht rauschende, pomphafte Falten werfe, üppig strotzende Atlas- und Damastfalten. Wie anspruchslos und einfach und natürlich ist dagegen der Stil der Deutschen, dieser Stil Goethe's z. B., diese feine Batistleinwand gegen gleißende Seide Victor Hugo's und Lamartine's! Bei diesen ist jeder Gedanke ein König, der von uns die Huldigung fordert, jede Empfindung eine Königin, die von uns verlangt, daß wir ihr unterthänig die lange Schleppe ihres Hermelinmantels tragen. Die Gedanken und Gefühle eines deutschen Schriftstellers aber treten an uns heran wie Freunde, die uns treu bleiben wollen, wie Vertraute unsers Schicksals, die sich uns ans Herz legen – o, ich liebe Deutschland mit seinem tiefen, innigen Gemüthe, seinen sanften Dichtern und seinen bösen, wüsten Philosophen, denen man so viel Uebles nachsagt! Wer versteht sie, diese Philosophen? Aber es ist gewiß, daß sie Männer sind; die alten germanischen Schwerter haben die Welt erobert, die neuen germanischen Gedanken erobern sich heute den geistigen Kern dieser Welt.

Man sieht, das deutsche Blut macht sich in Dir geltend, wirst Du sagen – nun ja, es ist so, ich fühle, daß das beste Stück meiner Natur von der deutschen Mutter auf mich gekommen ist, von der armen Mutter, die ich so früh verlor und die Du nie gekannt hast! –

Du schilderst mir Deine jetzigen Verhältnisse so, daß ich Dich beneiden könnte. Dein Leben ist äußerlich umgeben von all den Annehmlichkeiten, welche Du im Hause Deiner Aeltern hattest, Herr und Frau von W. behandeln Dich wie eine Tochter, und zugleich hast Du das Gefühl, daß Dein Leben einen höhern Werth bekommen hat, weil Du eine Pflicht darin übernommen hast, eine Stellung ausfüllst und Dich der Kraft, Gutes zu wirken, bewußt wirst. Wirklich, Marie, Du würdest mich auslachen, wenn ich Dir schilderte, wie ich Dich um dieses Bewußtsein beneide, wie Deine Lorbern mich nicht schlafen lassen! Deshalb will ich eine solche Schilderung auch lieber gar nicht beginnen. Ich will Dir lieber sagen, daß ich jetzt völlig versöhnt bin mit Deinem Entschlusse, den ich früher so eifrig bekämpfte. Es war Egoismus von mir; ich wollte Dich bei mir behalten, ich wollte das Glück haben, für Dich sorgen zu können – meine Liebe sollte Dir alles ersetzen, was Du verloren – aber Du warst stolz und wolltest unabhängig sein und alles Deiner eigenen Kraft verdanken. Wie zagte ich für Dich, als Du von mir gingst, und es ist doch so thöricht, zu zagen, da im Muthe allein der Schlüssel des Glückes liegt! Ist das nicht wahr? Eine gelehrte Gouvernante wie Du wird den alten lateinischen Spruch kennen, der das schon vor zweitausend Jahren ausdrückte.

Ich bin allein – das heißt, mein Vater ist in Dusserant bei dem Herzoge von Larive, mit dem er sehr wichtige Geschäfte haben muß, denn er ist schon seit acht Tagen auf seinem Landhause im Hennegau – wie wenig ich sonst allein bin, das kennst Du ja! Ich hatte heute achtzehn Besuche und erhielt gestern Gelegenheit, den sechsundfünfzigsten Korb auszutheilen. Es ist heiter, ein solches Leben, nicht wahr? Küsse mir Deine beiden herzigen Zöglinge in meinem Namen auf ihre weiße Stirnen und behalte lieb

Deine Eugenie

 

Nachdem Dankmar diesen Brief gelesen, verschlungen, fuhr er wie elektrisirt empor. Er athmete tief auf, er hätte in einem Gefühle überströmender Freude auf seine Knie fallen und Gott danken mögen. Anna Morell war niemand anders, als die Tochter des Barons von Chevaudun – das war klar, unwiderleglich klar – der Baron Jauffroi hatte ihm ja selbst gesagt, daß der Baron Chevaudun eine Tochter des Herzogs von Larive-Dusserant geheirathet habe – und Anna, die gar nicht Anna, sondern Eugenie hieß, nannte ihn, den Gast des Herzogs, ihren Vater – das ließ gar keinen Zweifel mehr zu!

Aber weshalb hatte dieser Baron Jauffroi gar nichts von einer Tochter Chevaudun's erwähnt – weshalb hatte er jene furchtbare Verleumdung ausgesprochen – steckte hinter dem seltsamen Wesen dieses Menschen eine Verrücktheit, war er ein böser Narr, der darauf ausging, ganz zwecklos wehe zu thun? Und weshalb nannte sich Eugenie von Chevaudun Anna Morell, weshalb trug sie eine Maske, weshalb war die Tochter eines solchen Mannes Gouvernante geworden …? Welche Räthsel mußten noch eine Lösung in den folgenden Blättern finden! Dankmar eilte, zu dem zweiten zu kommen. Er las:

»Was habe ich Dir anzukündigen, liebe Marie! Ich könnte den ganzen Brief der Marquise de Sévigny abschreiben, je vous le donne en trois, en dix, en vingt u. s. w., wenn ich nicht viel zu sehr brennte, Dir meine Neuigkeiten auszuschütten – denk' Dir, denk' Dir – aber was soll ich Dir zuerst sagen, soll zuerst die Stiefmutter, oder sollen zuerst meine Millionen oder gar der Baron Jauffroi kommen? Ich denke, ich beginne mit der Stiefmutter – also mein Vater ist mit Jolanthe von Larive-Dusserant verlobt, und in drei Wochen wird die Trauung sein. Mein Vater hat es mir vor einer Stunde mitgetheilt, und dieser Stunde habe ich bedurft, um zu ein wenig Klarheit über meine eigenen Gefühle und Gedanken zu kommen und um Dir ruhig schreiben zu können. Sage nicht, ich sei eine schlechte Tochter, wenn ich Dir gestehe, daß es mich furchtbar unglücklich macht. Ich würde meinem Vater sein Glück aus tiefster Seele gönnen; ich würde mich freuen der Befriedigung, welche sein Ehrgeiz in der Verbindung mit einem großen historischen Namen findet, sowie in dem Glanze, den eine große Dame auf die Salons wirft, deren Honneurs sie macht; ich würde mich demüthig unterordnen; ich würde mir vorhalten, wie wenig meinem Vater eigentlich immer die Tochter gewesen ist, die ein so ganz anderes Gedankenleben führt, so durchaus verschiedene Sympathien hegt wie dieser stolze, den Erdball sich dienstbar machen wollende Mann, dieser große Magus des Jahrhunderts. Aber, aber, aber – Jolanthe de Larive ist neunzehn Jahre alt und ich fast vierundzwanzig. Wie muß ich ihr da im Wege stehen! Und wenn ich sie mit der demüthigsten Demuth aufnehme, könnte sie sich in die vier bis fünf Jahre ältere Tochter finden? Und kann ich mich zum Schatten machen, den sie gar nicht bemerkt? Und wenn ich es könnte, würde ich nicht dann noch immer der Schatten bleiben, der sich über ihr Glück legt? Habe ich nicht die Pflicht, damit meines Vaters Glück ganz ungetrübt sei, sein Haus zu verlassen? Aber wohin wohin? Hilf mir, rathe mir, liebe Marie, ich habe ja nur Dich! O, ich bin sehr unglücklich!

Deine Eugenie

 

Der folgende Brief war einen Tag später datirt. Er lautete:

»Wenn Du nicht so stolz wärest, Marie, wie Du bist, wie glücklich könntest Du mich machen! Ach, nimm mir meine fürchterlichen, meine entsetzlichen Schätze ab! Ich komme mir vollständig bejammernswerth darunter vor, die Pactolusflut droht mir bis an die Kehle zu steigen und mich zu ersticken. Mein Vater hat mir gesagt, daß er mir jetzt bei seiner Wiederverheirathung das Vermögen meiner Mutter auszuzahlen und einen Theil des seinigen zu verschreiben habe. Du weißt, welcher Mann er ist … das Vermögen meiner Mutter hat er so verwaltet und ›arbeiten‹ lassen, wie er es nennt, daß aus der bescheidenen Summe von einigen Hunderttausenden im Laufe von fünfundzwanzig Jahren Millionen geworden sind. Mit dem, was mir von seinem eigenen Vermögen zukommt, habe ich über mehr als zehn Millionen Francs zu verfügen. Die beruhen in seinen Banken hier und in Oesterreich, und ich kann damit machen, was ich will. Ich kann Dir einen Wechsel auf zehn Millionen ausstellen, si cela vous rejouit! Mein Gott, wie gern thäte ich es – wie gern auch gäbe ich die zehn Millionen her, wenn ich meiner künftigen Stiefmutter zehn Lebensjahre mehr erkaufen könnte – ich fürchte jedoch, sie würde eine solche Verwendung eine sehr thörichte Verschwendung nennen!

Was soll ich beginnen mit all dem Golde? Ich versinke darin, ich richte einen wahren Noth- und Hülfeschrei zu Dir! Ist es nicht entsetzlich? Nie mehr habe ich empfunden, wie man dazu kommen konnte, zu sagen, das Eigenthum ist Diebstahl. Sind die Millionen, welche meine Hand hält, nicht tausend Dürftigen gestohlen, nicht jedem Waisenhause, das keine Mittel hat, die hungernden Kleinen, die sich an seine Thür drängen, aufzunehmen, nicht diesem Hospital, welches kein Geld besitzt zu den noch nöthigen hundert Betten, nicht jener armen Gemeinde, die kein Schulhaus bauen kann? Und wenn man gibt, austheilt, aus vollen Händen um sich wirft – gibt man dann richtig, fördert man das Gute, läßt man Segen entstehen oder Fluch durch das Gold? – Ich habe heute einem Paar Nonnen, welche bei mir waren, um für die Errichtung eines neuen Pensionats zu sammeln, zehntausend Francs bewilligt. Habe ich recht gehandelt? Soll ich befördern, daß man die Mädchen in den Klöstern erzieht oder soll ich nicht? War die Bildung, welche wir beide dort erhielten, die richtige? Kannst Du es mir sagen, Marie? Unsere Erziehung, war sie nicht weniger darauf berechnet, uns etwas zu lehren, als uns zu hindern, etwas zu lernen? – Ach, wir armen Mädchen! Weshalb gibt man uns eine ungeheure Verantwortlichkeit und erzieht uns nicht zu der Unabhängigkeit im Denken und im Urtheilen und zeigt uns nicht die Welt, wie sie wirklich ist, um uns fähig zu machen, diese Verantwortlichkeit zu tragen? –

Ein anderes mal mehr davon – ich habe Dir noch etwas anderes zu erzählen. Eine Last wenigstens ist mir von der Seele genommen. Du weißt, wie viele Mühe sich die Männer geben, mich zu zwingen, sie zu verachten. Du weißt, daß ich nicht das geringste Interesse an der Unterhaltung mit irgendeinem Manne zeigen darf, ohne daß er den Gedanken faßt, meine Hand zu begehren, daß Menschen, welche ich kaum kennen gelernt habe, mich mit Anträgen beleidigen – ich habe mir die schwere Kunst erwerben müssen, das alles von mir abzuweisen, wie man lästige Fliegen abwehrt, und keine Bitterkeit mehr darüber zu empfinden, nicht mehr darin zu sehen als die Seelenlosigkeit, Hohlheit und Eitelkeit der einzelnen, und nicht die Jämmerlichkeit aller.

Nur Einer war unter ihnen, der wenigstens die Charakterstärke und die Willenskraft hatte, es mir schwer zu machen, der mir wenigstens Furcht einzuflößen wußte und statt bloßer Verachtung fast etwas wie Haß abzugewinnen verstand. Sein tolles, hartnäckiges Werben um mich, das mehr wie Feindschaft als Liebe aussah, hatte doch wenigstens eine Leidenschaft, wenn vielleicht auch eine böse zum Grunde. Er liebte mich nicht, er haßte mich sogar, glaube ich, weil ich mich seiner Leidenschaft nicht beugte, aber er that mir doch wenigstens die Ehre an, eine ganze, volle Manneskraft, alle zehnfach gesteigerte Energie seiner Leidenschaft einzusetzen in dem wahnsinnigen Kriege, den er mit mir um meine Hand führte. Hätte er gesiegt, hätte er die Hand erobert, wäre ich sein Weib geworden, ich glaube, er hätte mich dann geschlagen, mishandelt – mich für alles Leid, das mein Widerstand ihm verursacht, grausam bestraft. Er ist ein entsetzlicher Mensch, vor dem mir graut … Dieses Grauen hat mich vielleicht am meisten davor behütet, daß er mich nicht unterjocht hat mit seinen bösen, düstern Augen, welche eine Welt in Flammen setzen zu können scheinen.

Es ist etwas Dämonisch-Unterjochendes in solch einem Männerwillen … Wenn ich Dein gläubiges Gemüth damit nicht verletzte, ich würde behaupten, es sei ganz verkehrt, daß die Schöpfungsgeschichte beim Sündenfalle den Teufel sich hinter die arme Eva stecken läßt; beim Sündigen ist der Teufel viel mehr auf der Männer Seite, der bestrickende und starr machende Blick der Schlange flammt aus ihren wilden Augen heraus. Eins der verzweifelten Mittel, zu denen die Leidenschaft den Baron Jauffroi trieb, war eine ganz entsetzliche Verschwendung. Er setzte in mir den Glauben voraus, daß er, wie alle die andern Männer, welche um meine Hand werben, nur nach den Reichthümern strebe, welche diese Hand vergibt. Um mir diesen Glauben zu nehmen, zeigte er eine grenzenlose Verachtung gegen das Geld; er stürzte sich in die tollsten Vergeudungen; er warf das Geld zum Fenster hinaus auf eine Weise, daß alle Welt davon sprach; er schien nur Eine Lebensaufgabe noch zu haben, die, sich in möglichst kurzer Zeit zum Bettler zu machen, brachte es vorerst aber nur dahin, daß der Credit seines Vaters darunter litt und man argwöhnisch gegen das Haus wurde, dessen Chef der letztere ist. Infolge dessen hat der alte Baron Montenglaut, wie ich höre, seinem Sohne die Wahl gelassen, ob er gerichtlich als Verschwender erklärt werden oder für eine Zeit lang nach Amerika auswandern wolle, um dort, dem Gegenstande seiner Leidenschaft fern, zu einer geregelten Thätigkeit als Agent des Hauses in Neuyork zurückzukehren. Jauffroi hat das letztere erwählt und wird nächstens abreisen. Die Nachricht hat mir den schwersten Stein vom Herzen gewälzt, der je darauf lastete.

Ich schließe diesen langen Brief und harre sehnlich Deiner Antwort auf alles dieses, liebe Marie.

Deine treue Eugenie

 

Dankmar legte den Brief, der ihm so merkwürdige Aufschlüsse über den Baron Montenglaut gab, nieder und griff begierig nach dem nächsten.

»Du schiltst mich, meine gute Marie«, lautete dieser nächste Brief; »Du sagst, es klinge ein Ton von Hochmuth durch alles das, was ich Dir von meinen Freiern sage, ich soll endlich ernstlich mein Herz befragen und, da es doch einmal die Bestimmung des Mädchens sei, das Steuer seines Lebensschiffes in die Hände eines Mannes zu legen, einen solchen Steuermann in meinen Kahn aufnehmen – dann sei ja alle Unruhe zu Ende, alle wildflatternden Jugendträume würden in einem Erwachen zu einem klaren Morgenlichte und einem mit Gottes Hülfe auch sonnigen Tage enden.

Herz, Du bist rührend in der Einfachheit, womit Du die Dinge nimmst! Glaube mir, hochmüthig bin ich nicht. Ich hasse nichts mehr als den Hochmuth. Gott weiß es, wie ich mich nach einem bescheidenen, friedlichen, von allen Seiten umschirmten Dasein, wie das Deine ist, sehne! Ich träume davon, Marie; ja, wirklich, ich träumte neulich, ich wäre eine arme Lehrerin, ich säße über ein dickes Buch gebeugt und zwei kleine Knaben ständen vor mir, denen ich die Bilder darin erklärte; aber die Bilder waren häßlich, sie wurden immer greulicher, zuletzt kam ein Kampf zwischen Geiern und Schlangen um einen todten Körper, und als ich aufsah, waren die beiden Knaben vor mir auch Schlangen, deren Köpfe mir über den Schos fort nach den Geiern im Bilde züngelten, und mit einer wahnsinnigen Angst, daß ich ein paar Schlangen erzogen hätte, erwachte ich.

Aber ich wollte von andern Träumen reden, von den Jugendträumen, von denen Du sprichst und aus denen ich erwachen soll. Ach ja, vielleicht wäre es gut, wenn ich sie endlich abschütteln könnte! – Ich habe seit je zu sehr allein gestanden, ohne Geschwister, mit einem Vater, der einzig seinen Geschäften hingegeben ist, ohne nahe Verwandte, ohne eine Erzieherin, die mir Freundin geworden wäre, ohne ernste Lebensaufgabe, die sich mir dargeboten hätte, – einem armen Mädchen, das so reich ist wie ich, muthet man nichts zu, vertraut man nichts an – will sie die geringste Arbeit selbst übernehmen, so hat sie solche erst der Dienerschaft abzuerobern und die Kammerjungfer in Verzweiflung zu setzen, welche ein Mistrauen darin sieht, daß es nicht ihr überlassen bleibt – und so habe ich denn träumen können, müßig träumen, und ein Ehrliches darin geleistet. Du weißt das ja – Du weißt, worüber unsere Gespräche handelten, wenn wir zusammen im Garten unserer Englischen Fräulein spazieren gingen, und mit meinen Träumen, fürchte ich, bin ich endlich ein Geschöpf geworden, das keinen Mann in seinen Lebenskahn aufnehmen darf, wenn es auch wollte, weil es keinen glücklich machen würde.

Wirfst Du mir nun noch Hochmuth vor?

Nach und nach sind aus meinen Träumen Gedanken geworden, und ich will sie Dir ohne Rückhalt aussprechen – Du sollst mir dann sagen, ob ich recht habe. Sieh, ich könnte niemals meine Neigung einem Manne von untergeordnetem Geiste und schwachem Charakter schenken, weil etwa seine Güte mich rührte, sein Gemüth mich eroberte. Er müßte an Geist die andern überragen, durch seinen Charakter sie zu beherrschen wissen und dazu ein tiefes Seelenleben haben – mit Einem Worte, er müßte eine ganze, volle, ausgeprägte Mannesnatur sein. Aber was wird aus uns, wenn wir uns einer solchen Natur zum Eigenthum, wenn wir uns in die Hände eines geborenen Herrn geben? Unser Wesen soll dann von seinem aufgesogen werden, unser eigenes Sein untergehen in dem seinigen, wir sollen geistig aufhören, zu sein; wir dürfen nur noch das Echo seiner Gedanken, der Schatten, den seine Gefühle werfen, sein.

Ach, wer so unterwerfungsfroh, so jochsüchtig wäre! Es mag Mädchen geben, welche darin eine gewisse Seligkeit finden. Das Echo braucht nicht zu denken, nicht zu sorgen; es kann ruhig träumen, bis es geweckt wird. Es gibt ja auch Menschenseelen, welche die ewige Seligkeit nach dem Tode auffassen als ein süßes Zerfließen, ein Aufgelöstwerden in das göttliche All. Mir ist das geradezu ein grauenhafter Gedanke, und dieser ›Pantheismus‹ scheint mir eine Philosophie für Schnecken, die, wenn man Salz über sie streut, auch ins Zerfließen gerathen und sich in Schleim und Verdunstung auflösen.

Mich lassen meine Träume von dem Jenseits etwas ganz anderes verlangen, etwas ganz anderes ahnen; statt eines solchen unbewußten Nichts-mehr-Seins ein bewußtes Alles-Haben; statt des Todes ein unendlich gesteigertes Leben! Wirst Du mich auslachen, wenn ich Dir ganz sage, wie ich's mir denke? Sieh, ich versenke mich erst lange und ernstlich in den Gedanken, wie mir zu Muthe wäre, wenn ich liebte, so ganz aus tiefster Seelenfülle liebte; der geliebte Gegenstand hätte dann für mich ein gegen alles andere lebende tausendfach gesteigertes Leben; dieses Gefühl, daß ein Wesen für uns ein tausendfach gesteigertes Leben, alles an und in ihm eine tausendfach gesteigerte Bedeutung hat, ist die Liebe; dieses Gefühl gibt das unsagliche Glück der Liebe.

Dieses unsagliche Glück aber, welches uns jetzt, hier auf Erden, das Erkennen des Lebens in dem einen geliebten Gegenstande bereitet, wird uns in unendlicher Vergrößerung im Jenseits zutheil, wenn wir dort plötzlich das ganze All in tausendfach gesteigertem Leben, in tausendfach gesteigerter Bedeutung vor uns erblicken – und das muß ja der Fall sein, weil wir dort das All erkennen werden in seiner ganzen Größe und Schöne. Und Erkennen ist ja Lieben. Die Braut liebt den Geliebten, den sie in seiner ganzen Schönheit und Güte erkennt, so, daß sie sein ganzes Leben erschaut. Wenn uns der Tod das Auge schließt, geht uns das große Seelenauge auf, wir erschauen das All in all seinem Leben, und wie eine überselige Braut in die Arme des Geliebten, wirft sich unsere Seele an die Brust dieses All und schwelgt nun ewig im höchsten Liebesrausche. Der Tod also ist das Hochzeitsfest der von Liebe entzündeten Seele mit dem Unendlichen; das jenseitige Glück liegt in dem Verliebtsein in das All.

Ich werde unterbrochen und will Dir morgen weiter schreiben. – – Wo stand ich gestern in meinen Herzensergüssen? Ich mag all mein eifriges Gekritzel nicht wieder durchlesen, aber ich habe das Gefühl, daß ich das, was man den logischen Faden nennt, in vollständige Verwickelung gebracht habe. Ich wollte Dir sagen, daß man, wenn man so lange auf sich allein angewiesen war, wie ich es gewesen bin, nach und nach auch ein Selbst, vielleicht auch ein ziemlich eigensinniges Selbst geworden ist, das sich nicht aufgeben mag und kann. Man hat sich Ansichten gewonnen, Neigungen in sich ausgebildet, Ueberzeugungen in sich aufgenommen und vor allem die Gewohnheit des Selbstdenkens und Selbstbeschließen so lange geübt, daß man ein viel zu harter und spröder Stoff für einen Mann geworden ist, der verlangt, daß unser Sein in dem seinen aufgehe und daß wir mit seinen Augen sehen, mit seinen Sinnen hören und fühlen.

Du siehst also, liebe Marie, der Schritt, den Du mir anräthst, hat seine Schwierigkeiten. Ja, ich möchte wählen, aber auch frei dabei bleiben; mich verschenken und doch mich dabei behalten; ich möchte meine ganze Seele dahingeben, aber ich müßte die Gewißheit haben, daß diese Seele sie selber bliebe und daß ihr kein Opfer ihres Selbst abgeherrscht würde; und einen Mann, der nicht zu herrschen verstände, könnte ich doch wieder nicht lieben!

Ach, ich muß enden, ich gebe Dir sonst nur Stoff, mich wieder wegen meiner Ueberspannung und Unvernunft zu schelten! Aber bitte, halte Deine Scheltworte zurück, bis ich Dir noch einmal geschrieben habe; ich muß Dir noch mehr sagen von alle diesem, sonst verstehst Du mich nicht und wirst mich falsch beurtheilen später freilich vielleicht noch härter schelten!«

 

»Ach, liebe Marie«, so begann Eugeniens nächster Brief, hättest Du etwas weniger Milch der frommen Denkungsart in Dir, etwas mehr von jenem Widerspruchsgeiste und jener Oppositionsluft, die wol mit dem streitsüchtigen deutschen Blute in mich gekommen sein müssen, so könnte ich hoffen, Dir eher verständlich zu werden, wenn ich Dir sage, was mich unglücklich macht und mich stachelt, aus der Welt, die mich umgibt, fortzulaufen! – ja, fortlaufen, auf- und davongehen möchte ich aus ihr – schon um dieses entsetzlichen Barons Jauffroi willen, der gestern Abend plötzlich in meiner Loge in der Oper hinter mir stand, um mir mit einer drohenden Gelassenheit zu erklären, daß er nicht daran denke, den Ort, wo ich athme, zu verlassen daß, wenn er darüber zum Bettler und von aller Welt ausgestoßen werde, er lieber die Nächte auf der Schwelle meines Hauses zubringen wolle, als fern von mir zu sein! Angenehme Aussicht!

Ist ein solcher Wille, der uns geradezu sagt, daß er uns unterjochen, zu seiner Sklavin machen zu können glaubt, lächerlich oder ist er empörend? In diesem Augenblicke empört er mich sammt allem allem andern rund um mich her, was mich durchaus unterjochen und mein ganzes Wesen bestimmen will, und mir eine Herrschaft aufdrängt, wie der Magnetiseur sie über die Magnetisirte übt …

Sieh, was mich bedrückt, schon seit langer Zeit, mich in eine innere Unruhe und Gereiztheit versetzt, das ist der tyrannische Einfluß, den der Kreis, in welchem wir leben, auf uns ausübt, während wir selbst nicht in uns die Kraft, die Mittel, die Kenntnisse haben, diesen Einflusse, der uns zu einseitigen Geschöpfen stempelt, zu widerstehen. Du kennst den Kreis, in welchem ich lebe, und die kirchliche Richtung, die ihn beherrscht. Hinter allem, was ich höre, steht immer dieselbe Moral, dieselbe Auffassung, dieselbe Beurtheilung, mag es sich um Charaktere oder Ereignisse, um wissenschaftliche Dinge, um Kunst oder um Politik handeln. Diesen Gedanken darf ich denken und jenen darf ich nicht denken; dieses Buch muß ich sehr schön finden, denn es ist sehr gläubig und fromm, und jenes muß ich schlecht, geistlos, hohl nennen, denn es widerspricht dem, was eine devote Seele verehren muß; dieses Bild muß ich bewundern, denn es ist in dem Stile, für den wir schwärmen, gemalt, und jenes ist schlecht, geschmacklos, bornirt, denn es zeigt die Dinge so, wie sie sich vielleicht wirklich zugetragen, die Menschen, wie sie wirklich ausgesehen haben; aber so wollen wir sie ja nicht sehen! Wir wollen sie, wir wollen die Welt verhimmelt sehen; nun, ich hätte dagegen nicht so viel, wenn ich nur den Himmel und das Geistige nicht so gründlich vererdigt sehen sollte!

So muß ich jedes Einzelne nach demselben Gesichtspunkte beurtheilen, jeden handelnden Charakter nach demselben Maßstabe messen lernen und doch wird nach diesem Maßstabe oft das, was mir klein erscheint, groß, das, was mir groß erscheint, klein und verdammlich genannt – o, wie oft!

Ich würde weniger davon berührt sein und mir mein unabhängiges Urtheil bewahren, meine Neigungen mit meinen Gründen für mich rechtfertigen und meinen eigenen Weg gehen – wenn ich stark genug dazu wäre! Aber das ist das Schlimme, daß ich nicht stark genug dazu bin! Hat ein junges Mädchen ein eigenes Urtheil? Hat man ihr so viel Kenntnisse beigebracht, hat man ihre Denkkraft so gestärkt, daß sie eins haben kann? Darf sie nach den Begriffen unserer Welt überhaupt eins haben? Nein, es schickt sich nicht einmal für sie! Und sieh, wenn ich die Männer, die klugen alten Damen reden höre, dann muß ich einräumen, daß die Gründe, welche sie für ihre Grundsätze entwickeln, gute sind, daß vieles so sei, wie sie sagen, daß, was sie verurtheilen, in der That oft gefährlich und verdammlich, was sie glauben, in der That oft auf Beweise der Wahrheit gestützt sei.

Und doch, doch fühle ich, daß die Sache auch ganz, ganz anders und just umgekehrt sein könnte, und wenn ich ihnen beigestimmt habe, dann ist mir oft zu Muthe, als ob ich einen Verrath an einer guten Sache geübt, eine böse Verleumdung von etwas, das mir auch edel und groß erscheinen könnte, unterschrieben hätte – ich möchte dann oft hinauslaufen und den ersten besten Mann, den Arbeiter in der Bluse, den Künstler, den Studenten befragen: was glaubst du, wie urtheilst du aus deinen Gedanken, aus deinen Kenntnissen, aus deinem Lebenskreise heraus, der so weit, weit verschieden ist vom meinen? Wo liegt die Wahrheit? Sollen wir unbedingt abhängig sein und uns gefangen geben in das, was man uns lehrt, so wie alles, was mich umgibt, mir predigt oder sollen unsere Gedanken so frei sein, wie ihr wilden Söhne einer Zeit, die sich ganz neu aufbauen will, behauptet? Sollen wir zum ewigen Dienste unter den Feststellungen früherer Jahrhunderte geborene Geschöpfe sein, oder sollen wir nach dem Wissen und der Thätigkeit streben, welche Erkenntniß und Herrschaft gibt? Wo soll der Glaube aufhören und das eigene, freie Urtheil beginnen?

Und was ich dann fühle, wenn solche Fragen furchtbar quälend auf mich eindringen, das ist, daß ich nie zur Klarheit kommen werde inmitten der Welt, in der ich lebe, inmitten des Einflusses, der mich umgibt und meine arme, schwache Seele, meine erbärmliche Urtheilskraft gefangen nimmt. Und dann möchte ich hinaus, hinaus, ich möchte eine andere Welt kennen, ich möchte das Leben kennen lernen, wie es aussieht, wenn man arm, verlassen, unbedeutend in ihm dasteht, wenn man durch eigene Thätigkeit darin sich erhalten muß und für diese Arbeit gesteigerte Kraft, erhöhtes Selbstvertrauen und den großen, großen Lohn, die Unabhängigkeit erhält.

Und danach dürfte ich, nach Unabhängigkeit von dieser Gesellschaft, die mich umgibt, von diesen geldsuchenden Grafen, die mit meinem Vater Geschäfte und mir den Hof machen, diesen Marquisen und Chanoinessen und Abbés, diesen Financiers und Bankiers – ach, sie sind alle gute und gescheite Leute und haben so viel gesehen und wissen so viel – aber alle reden dieselbe Sprache und alle haben dasselbe Recht, jedem Dinge mit dem Prägstocke ihres streng conservativen und orthodoxen Systems seine Geltung und seinen Werth aufzudrücken. Und solange ich darunter bin, drückt dieser Prägstock auf meine schwache, elastische Seele sein Gepräge und preßt mich zu einer in dieser Welt Curs und Geltung habenden Münze!

Du begreifst jetzt, liebe Marie, weshalb ich Dir schrieb, ich schrecke vor dem Gedanken zurück, den stillen Rest von Unabhängigkeit, den ich mir noch bewahrt habe, vollends dahinzugeben, indem ich meine Hand dahingebe. Wen könnte ich anders wählen als einen Mann aus meiner Umgebung, und wenn diese Umgebung mich jetzt nur mit einer douce violence in ihrem Kreise, in ihrer geistigen Sphäre festhält, so würde ein Mann mit harter Gewalt aus meiner Seele alles, was mein eigen ist, ausreißen, wegtilgen wollen, damit sie ein blanker, farbloser Spiegel werde, in welchem nur noch sein Wesen sich abspiegelte!

So, nun habe ich Dir mein Herz ausgeschüttet – nun beginne, mich zu schelten.

Deine Eugenie.«

 

Der herausgeforderte Scheltbrief der Freundin lag nicht bei; statt dessen folgte ein anderer Eugeniens. Er war datirt aus Medina-Celi in Spanien.

»Ich kann Dir nicht helfen, liebe Marie«, lautete er, »trotz allem, was Du mir gesagt hast, fühle ich mich – wie Du es nennen würdest – immer schlimmer werden; ich fürchte, wenn ich Dir alles sagte, würdest Du erschrecken, welch eine wachsende Verwilderung über mich kommt. Ich habe Dir angekündigt, daß ich gleich nach der Verheirathung meines Vaters einer Einladung einer guten Bekannten, die ich im Herbste in Paris kennen lernte, der Herzogin von Medina-Celi, gefolgt bin. Da bin ich nun in diesem schönen, furchtbar düstern Spanien – in einer ganz andern Welt, und finde, daß diese Welt eigentlich tout comme chez nous ist – nur daß sie böser, verdrießlicher und noch tyrannischer, noch zwanghafter mich ansieht. Und unter dem Einflusse dieses zwanghaften Wesens, das überall herrscht, ist jede Rede langsamer, pathetischer, jede Bewegung gedämpfter, jedes Kleid wirft steifere Falten, ich glaube sogar, die Stärke, womit man die Wäsche steift, ist stärker als bei uns, und alle Aeußerungen der Menschen um mich her sind mit dieser Stärke gesteift. Der prächtige alte Palast mit seinen Thürmen, in welchem ich wohne, ist voll Romantik; er gehört dem 17. Jahrhundert an, und ich kann es diesem Jahrhundert nicht verdenken, daß es dieses sein stolzes und schönes Eigenthum nicht verlassen und sich aus ihm nicht zurückziehen mag und sich darin hält, solange es kann – es residirt noch in voller Glorie darin, es schaut aus allen Ecken heraus, es mischt in alle Unterhaltungen seine stumme Sprache und man kommt von ihm keinen Augenblick los: man kann keinen Trunk Wasser verlangen, ohne daß es sein alterthümlich geformtes Flügelglas darbietet, nicht in die frische Luft hinausfahren, ohne daß es die Pferde mit seinem barocken Riemenzeuge angeschirrt und dem Kutscher seine lange gepuderte Perrüke aufgestülpt hat.

Die Menschen rundumher aber, draußen, das Land, die Hütten sind arm, daß es zum Entsetzen ist! Stolz und Lumpen, hochklingende Namen und Ruin! Königthum und Bettel!

Kann es eine romantischere Welt geben? Gewiß nicht! Auch schwelge ich in dieser Romantik. In meinem Thurmzimmer spukt es, glaube ich. Ich bilde mir ein, es ist eine eingemauerte Nonne, die da umgeht. Eine Tochter des Herzogs von Medina-Celi, die einen Majo liebte, vor zweihundert, dreihundert Jahren! Die man deshalb ins Kloster steckte und, weil sie das Einverständniß mit ihrem Majo hartnäckig fortsetzte, einmauerte. Ich denke dann, daß ich heute einen Majo liebte; daß man mich dann nicht einmauern, aber mishandeln und, wenn ich nicht aufhörte, an meinem schönen, armen, verachteten Majo zu hangen, endlich gar in ein Irrenhaus sperren würde. Ich träume mir – denke Dir –, wenn ich mitten unter all der steifen Grandezza unserer von einem Haushofmeister mit goldener Brustkette geleiteten Mahlzeiten sitze, ich spräche plötzlich aus, Garibaldi sei doch ein großer Patriot, wie alle auffahren, wie sie mich für toll halten, wie sie mich vernichten würden; und wie ich mit einer brennenden Kerze öffentlich Kirchenbuße thun müßte, wenn sie wüßten, daß ich ›Nathan der Weise‹ gelesen habe – und liebe! Und dann kommt mir diese ganze Welt, die mich so behandeln würde, so innerlich feindlich und böse vor, daß ich vor Trotz wider sie weinen möchte. – Und doch kommt sie mir mit der größten Beflissenheit entgegen, ja, das 17. Jahrhundert hat, scheint es, seinen ritterlichsten und elegantesten Cavalier beauftragt, mir die Honneurs seines Schlosses zu machen; es ist Don Ramiro, der Bruder meiner Herzogin, Oberst und Adjutant der Königin, Günstling der Donna Patrocinio, Legitimist vom Wirbel bis zur Sohle, ein Bild castilianischer Chevalerie mit dem Motto:

A Dieu mon âme,
Mon bras au roi,
Mon coeur aux dames,
L'honneur pour moi!

Mir wäre freilich lieber, er hielte sich auch an den alten Reim ich glaube, Kaiser Friedrich's II.:

Platz mi cavalher francès –
E la dona Castillana,

und er hielte seine majestätischen Huldigungen seinen anmuthigen castilianischen Landsmänninnen bevor – statt sie an mich stammbaumlose, aber reiche Bankierstochter zu vergeuden – es thut das seiner Grandezza ein wenig Eintrag! Nebenbei gesagt, meine Freundin, die Herzogin, scheint mir nicht ganz uneigennützig gewesen zu sein, als sie mich so lebhaft zu sich einlud – damit ich Spanien kennen lerne! Ja, Spanien und vor allem Don Ramiro!

Ich scherze, aber innerlich bin ich doch empört über dieses ewige, grundhäßliche Ringen nach meinem Gelde – ja ich bin in tiefster Seele empört, und ich erkläre es Dir, Marie, ich halte es nicht mehr aus, wohin auch immer ich komme, sofort auf erlogene, falsche, heuchlerische Liebeserklärungen stoßen zu müssen – nein, ich ertrage es nicht mehr – ich will, noch bevor mir Don Ramiro zu Füßen fällt und mir erklärt, daß er mir die Bewahrung seiner castilianischen Ehre anvertraue, auf- und davongehen. Ich will in die Welt, in die Fremde gehen; ich will einmal, wenn auch nur kurze Zeit, arm sein und allein stehen, ich will meine Millionen von mir werfen und sehen, wer alsdann kommt, um die arme Eugenie zu werben.

Wirst Du mich verdammen? Ich kann Dir nicht helfen. Ich thue es dennoch – ich will nicht bleiben im 17. Jahrhundert, den Paladin Don Ramiro mit den Grundsätzen über Staatsklugheit und Völkerbeglückung, welche ihm die Nonne Patrocinio beibringt, an meinen Fersen, mit der Empörung, daß man mich meinen armen Majo nicht heirathen lassen will, im Herzen, mit dem Schrecken, daß man mich Kirchenbuße thun lassen wird, in allen Gliedern. – Aber wohin? – Heim? Heim zu meiner jungen Mutter, um in ihren Augen zu lesen, wie mein Kommen sie erschreckt, wie ich sie beängstige, wie meine Gegenwart sie befangen und gezwungen macht – wie sie sich peinigt und quält, etwas für mich zu empfinden und es nicht zu Stande bringt – und wie sie im Grunde mich tausend Meilen weit fern wünscht? Heim zu meinen Chanoinessen, die mir erklären, wie die Freimaurer an der Auflösung der sittlichen Weltordnung Schuld tragen und in ihren Logen den Teufel anbeten, und die Misernten hervorbringen, um das Volk zur Empörung zu stacheln? Heim zu all ihren frommen Bosheiten und zu Jauffroi Baron von Montenglaut, der mich, wie Wallenstein Stralsund, erobern will, auch wenn ich ›mit Ketten an den Himmel geschlossen wäre‹? –

Ach, ich bin nicht an den Himmel, sondern mit Ketten an die arme, arbeitende, sich sehnende Erde geschlossen! Aber sonst bin ich ja frei, völlig frei; mein Vater bedarf meiner nicht, er hat mir, wenn auch widerstrebend und ein wenig verdrossen über meine Ueberspanntheit, wie er es nennt, seine Einwilligung gegeben, daß ich an eine Dame, die große Verpflichtungen gegen ihn und allerlei Verbindungen in Deutschland hat, schreibe – und weißt Du, wozu? Sie soll mir eine Stellung verschaffen, wie Du sie hast, ich will wie Du eine Erzieherin werden und einen Wirkungskreis, eine mich beschränkende, klärende, ernste Thätigkeit suchen, die zugleich meinem Herzen wohlthut, indem sie mir eine Art Mütterlichkeit über junge und reine Kinderseelen gibt – o ich denke mir das so schön, solch ein zu uns Heraufbilden eines warmen empfänglichen weichen Kinderherzens, solch einen Verkehr mit einem Gemüth, das sich uns noch öffnet, und eine solche Stelle will ich annehmen in einer würdigen, geachteten Familie, in einem Lande voll frischer, naturwüchsiger Menschen, wo man frei denkt und jeder nach seiner Weise sich auslebt, auch wenn er darüber ein Original wird; wo man vielleicht unsere Sittenfeinheit nicht hat, aber auch nicht unsere saubergescheitelte, salbungduftende, weichgeölte, kokette Tücke wider jeden Gedanken, der sich sträubt und nicht gleich niederduckt, wenn man den Deckel der heiligen Schachtel, in die man unser Seelenleben verpackt, über ihm zuschieben will.«

 

An dieser Stelle war der Brief Eugeniens abgeschnitten. Das letzte Blatt fehlte – es war auch der letzte der Briefe Eugeniens an ihre Freundin.

Dankmar legte das Heft vor sich nieder auf den Tisch.

Das Gefühl der ersten Freude, die er empfunden, Anna oder vielmehr Eugenie so völlig gerechtfertigt zu sehen, war über der Lektüre dieser Briefe einem andern, mächtigern und noch ausschließlichern Gefühle gewichen. Einen Verdacht, einen Argwohn niedrigster Art gegen ein Wesen wie das, welches sich in diesen Briefen aussprach, gehegt zu haben – das war jetzt freilich etwas tief Beschämendes; es erfüllte Dankmar mit Haß gegen den Baron Jauffroi, mit einem innern Widerwillen gegen eine Leidenschaft, an die man nur zu stoßen brauchte, um sofort von ihr in solche Abgründe gerissen zu werden – Dankmar gab empört dieser Leidenschaft auch die Schuld seines eigenen Vergehens, diese Briefe gelesen zu haben.

Aber nicht dabei verweilten Dankmar's Gedanken lange Zeit – sie waren bei Eugenie, sie flogen ihr zu mit einer namenlosen Sehnsucht; er hatte eine Welt auf dem Herzen, die er ihr jetzt, nachdem er einen solchen Blick in ihr Herz geworfen, hätte sagen, vor ihr ausströmen mögen. Er fühlte, daß er sie verstanden habe, wie sie von niemand in der Welt besser verstanden werden könne, daß niemand tiefer mit ihr alles durchfühlen könne, was sie gesagt und was sie nicht gesagt, was Dankmar blos zwischen den Zeilen las.

Denn ganz gewiß, Eugenie hatte unendlich viel, was in ihr vorging, was sie dachte und was sie glaubte, verschwiegen, weil sie ihrer milden, gläubigen, sich resignirenden Freundin wehe zu thun, ihr den Frieden zu stören oder ihr gar zu »verwildert« zu erscheinen fürchtete.

Und am Ende seines Verständnisses dieser Herzensergießungen stand für Dankmar ein aus Freude und aus Niedergeschlagenheit, aus Hoffnung und Furcht gemischtes stürmisches Gefühl – er begriff, was dieser Mädchenseele, die im Grunde, trotz all ihres Unabhängigkeitstriebes, doch auch nur die »Lianenranke« war, welche sich nach dem Stamme, den sie umschlingen könne, sehnte, was dieser Mädchenseele entgegenkommen müsse, um ihr Sehnen zu erfüllen.

Sie mußte eine Natur finden, welche groß genug war, über die geistige Sphäre hinauszuragen, aus der sie sich zu befreien strebte, aber eine Natur, die doch selbst noch suchte, wie sie, die mit ihr die Pfade nach der Wahrheit und dem Ewigen ging, statt das Bewußtsein zu hegen, diese Ziele aufgefunden zu haben, und statt tyrannisch und ausschließlich mit dem Stolze eines in sich Fertigen ihr das von ihm Gefundene oder Ausgemachte als Gesetz auferlegen zu wollen. Wer sie gewinnen wollte, mußte ihr nicht geben, sondern nur zusammen mit ihr finden wollen. Er mußte ein Suchender sein wie sie, nur mit weiterm Blicke, mit höherm Muthe begabt, als der Blick und der Muth eines Weibes ist; er mußte, wie sie, alles opfern können, sich durch nichts hemmen lassen auf dem Pfade nach dem verschleierten Sais-Bilde, dessen Schleier zu lüften tödtet, aber dessen Schatten das Menschenauge erfassen mag.

Eugenie war vor dieser Wanderung nicht zurückgebebt, sie suchte nach dem Muthe, von sich zu werfen, was sie dabei hindern konnte – und er, Dankmar, hatte er nicht ebenfalls als Suchender alles geopfert, alles von sich geworfen, was ihn hindern konnte? Zwar nicht äußere Schätze und Lebensglanz und nicht Millionen, wie Eugenie, denn die besaß er nicht, aber innere Schätze, den frommen Glauben, die schmeichelnden Gefühle kindlicher Erregungen, die Zuversicht auf das Ueberlieferte, die Ruhe auf dem weichen Kissen des Gewährleisteten, alles das hatte er weggeworfen, um dafür das Bewußtsein einzukaufen, vor einer langen – schweren Gedankenaufgabe zu stehen.

Und war das, was Eugenie aus dem reichen, glänzenden, schirmenden Vaterhause in ihre Verhüllung, in die freiwillige Dienstbarkeit getrieben, nicht zehnfach stärker, schärfer, schonungsloser und bewußter in ihm thätig? Gewiß, er durfte jetzt zu ihr sprechen: Ich kenne das Geheimniß deines Herzens – die Magnetnabel meiner Seele weist nach demselben Pole, den dein Auge sucht – laß mich der Freund sein, dessen du bedarfst auf deiner Wanderschaft!

Aber auch eine tiefe Niedergeschlagenheit mischte sich in diese Gedanken. Dankmar's Natur war eine zu große, ritterliche, als daß er nur einen Augenblick an Eugeniens Millionen und seine eigene Armuth als etwas Trennendes hätte denken können. Aber die Liebe macht demüthig. Er stellte sich Eugenie im vollen Glanze ihrer Erscheinung wie die Fürstin eines Kreises vor, der sich dem Höchsten, das es gab, ebenbürtig hielt. Die Bildungselemente der ganzen Welt waren ihr nahe gebracht. Sie hatte die halbe Welt auf ihren Reisen gesehen. Was war sie nicht gewohnt zu fordern, wenn etwas sie anziehen oder erregen sollte? Was vermochte sie zu fesseln? Was konnte ihr genügen? War nicht ein Geist, der das Höchste beanspruchte, in diesen Briefen? Und konnte es anders sein bei einem Wesen, dem sich, wohin sie kam, alles zu Füßen legte?

In diesen Betrachtungen war viel, sehr viel, was Dankmar trotz alles männlichen Selbstbewußtseins schwer bedrücken mußte – was ihn mit Wehmuth an den eigenen kleinen und engen Lebenskreis gedenken ließ, an die eigene Unkraft, durch Talent und Entschlossenheit diesen Lebenskreis zu überragen – was konnte er, so fragte er sich endlich demüthig, was konnte er an geistiger Mitgabe auf dem gemeinsamen Lebenswege Großes und Werthvolles bieten, daß ein Wesen wie Eugenie sich entschließen sollte, sich seine Begleitung gefallen zu lassen?

Er neidete in diesem Augenblicke keinen Fürsten um seinen Glanz, keinen Antinous um seine Schönheit, keinen Tasso um seinen Ruhm – aber den ersten besten deutschen Philosophen um die Tiefe und Kraft und Neuheit seiner Gedanken! Er verstand es nicht, daß die Philosophie, welche ein Mädchenherz erobert, doch immer die ist, die von dem Herzen, das am wärmsten für sie schlägt, erfunden wird – die Philosophie des Gemüths, das in seiner Brust lag, ein reicherer Schatz an echtem Gold, als ihn alle Weisen aller Zeiten je aus dem goldhaltigen Sande ihres Denkens gewaschen haben.


 << zurück weiter >>