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Drittes Buch.

I talk oddly, I know, said Rachel slightly colouring. I hope there is nothing wrong in that? You see I am unacquainted with the world.

The Author of »John Halifax«.


Dreizehntes Kapitel.
Herzensergießungen

In dem kleinen Hause mit dem Bildhaueratelier und dem ummauerten Hofe dahinter, welches unsere Leser kennen, saß einige Wochen später Herr Böhmer, welchen unsere Leser auch kennen, in einem saubern und freundlichen Zimmerchen, das nach vorn hinaus auf die Straße blickte.

Ihm gegenüber saß eine hübsche blasse Frau in mittlern Jahren. Sie war sehr einfach gekleidet, sehr einfach eingerichtet; auf eine anständige Dürftigkeit deutete ihre ganze Umgebung. Aber die Ordnung, der Geist der Fürsorge und Pflege, der jeglichem Dinge um sie her zugute zu kommen schien – von den frischgewaschenen weißen Gardinen vor der Glasthür in das Schlafzimmer nebenan bis zu den Gewächsen und Blumen, hinter denen sie am Fenster saß –, machten das kleine Zimmer höchst wohnlich. Und die Reste einer Schönheit, die züchtigen und leidenschaftslosen Frauennaturen so lange treu bleibt, machten die Frau zu einer noch immer anziehenden Erscheinung. In ihren Zügen lag der Ausdruck einer rückhaltlosen Aufrichtigkeit und Gutmüthigkeit, und aus ihren blauen, feuchten Augen blickte nur unbegrenztes Wohlwollen für alle Geschöpfe Gottes.

Auch für den Herrn Böhmer ihr gegenüber, der ihr doch offenbar keine sehr angenehmen Mittheilungen gemacht hatte! Es schaute etwas wie Flehen aus den Augen der armen Frau, und Thränen standen darin, welche eben begannen leise niederzuperlen.

Nun, mein Gott, was ist's denn weiter, sagte Herr Böhmer, der vornübergebeugt, die Hände zwischen den Knien faltend, und zu Boden blickend auf seinem Stuhle saß – was ist's denn weiter, als daß Sie die Last eines Umzuges haben? Weshalb so viel Aufhebens darüber machen, Frau Randheim!

Wenn es blos das wäre, Herr Böhmer, versetzte Frau Randheim, würde ich kein Wort darüber verlieren. Aber es ist mir, als nähmen Sie mir mit diesem Hause alles, was ich habe, fort, meine Vergangenheit, meine Erinnerungen, meine Heimat, als stießen Sie mich hülflos und verlassen in die Welt hinaus!

Thut mir leid, thut mir leid, Frau Randheim, daß Sie's so fassen, aber Sie begreifen, daß sich ein Geschäftsmann an solche ganz persönliche und, wenn Sie's erlauben, ein wenig übertriebene Gefühle nicht kehren kann. Ich wenigstens bin nicht in der Lage, mich daran kehren zu können. Es war auch durchaus nicht mein Wunsch, meine Thätigkeit wieder dieser Richtung von Speculation zuwenden zu müssen. Ich hatte Besseres vor, viel Besseres. Ich weiß, Sie sind eine zuverlässige und verschwiegene Frau – kann's Ihnen anvertrauen, was ich vorhatte – ich gedachte ein Bankgeschäft zu eröffnen, ein Bankgeschäft mit unerschöpflichem Fonds hinter uns – ich sage: uns, denn einige andere Herren, deren Namen die Solidität der Sache schon von vornherein verbürgten, standen mir zur Seite; es war eine sehr, sehr zukunftreiche Sache; die Sache war so gut wie fertig; wir standen im Begriffe, die Circulare und Ankündigungen zu erlassen. Da kommt mir, was man so einen Blitz aus heiterm Himmel nennt, angefahren und schlägt mir in das ganze schöne Luftschloß; die große Geldmacht, welche uns die Fonds bereit hielt, kündigt mir plötzlich, ohne viele Worte zu machen, den ganzen Handel auf und bittet sich trocken eine Liquidirung meiner in der Sache gemachten Auslagen und aufgewendeten Mühen aus – nun, damit hab' ich den Leuten aufgewartet, wahrhaftig, aber …

Das ist ja seltsam! sagte Frau Randheim.

Es ist seltsam und ich müßte ein Kind sein, wenn ich nicht begriffe, daß da etwas hinter den Coulissen spielen muß – irgendein guter Freund, der uns beim Chef jener Geldgroßmacht einen Liebesdienst geleistet hat, irgendein tückischer Freimaurer, der das große Netz ahnte, von dem wir einige Fäden festhalten, an uns ziehen wollten – o, die Welt ist arg, arg, arg, Frau Randheim – Sie in Ihrem stillen, ruhigen Stübchen werden es nicht gewahr, aber unsereins erfährt es!

Sie mögen leider nur zu recht haben, Herr Böhmer, versetzte die Frau, deren bekümmerter Blick während seiner Worte auf ihm gehaftet hatte – aber wie dieses Misgeschick Sie nun zwingen kann, mich aus diesem Hause zu weisen, das vermag ich nicht einzusehen!

Nun, mein Gott, ich muß doch etwas thun, um mich ehrlich durchzubringen! Ist es mit der Creditbank nichts, so muß ich zu meinen Bauspeculationen zurückkehren. Das Haus hat dreißig Fuß Breite, der Weg daneben fünfzehn, macht fünfundvierzig, und wenn ich den Hof, das Gärtchen dahinter, wo jetzt Ihr Sohn arbeitet, dazunehme, so sind es in allem fünfundneunzig Fuß Tiefe. Welches Haus kann da aufgeführt werden! Ich denke Souterrains und drei Stock zu bauen; das gibt für den ersten Stock eine herrschaftliche Wohnung und dann oben noch zwei Wohnungen für mehr bürgerliche Haushaltungen – ich rechne auf sechshundertfünfzig Thaler jährlichen Miethertrag, und wenn ich die Baukosten auf neuntausend Thaler anschlage – höher kommt mir die Sache nicht zu stehen …

Aber, mein Himmel, unterbrach Frau Randheim ihn, mit einem tiefen und schmerzlichen Seufzer ihre Hände schlaff in den Schos sinken lassend, es ist doch ganz entsetzlich, daß ich darum nun dieses Haus, diese Räume, die der Vernichtung geweiht sein sollen, verlassen muß! Sie sind zwar genau und scharf im Rechnen, Herr Böhmer …

Muß ich sein, muß ich sein – ohne das geht ein armer Geschäftsmann zu Grunde!

Mag sein, aber sonst sind Sie ja ein gottesfürchtiger Mann und haben mir immer mit Ihrer Theilnahme und Ihrem guten Rathe beigestanden, wenn ich einmal zu Ihnen gekommen bin – haben Sie bei Ihrem Bauplane denn gar nicht an mich gedacht? Ich will nicht von dem reden, was ich aufgewendet habe, um Ludwig's Atelier herrichten zu lassen …

Liebe Frau Randheim, fiel hier Herr Böhmer ein, diese Herrichtung hätten Sie bleiben lassen sollen; Sie hätten Ihrem verzogenen Herrn Ludwig darin nicht nachgeben sollen; wäre der junge Mensch als Gehülfe im Atelier eines in guter Kundschaft stehenden Meisters geblieben, so wäre das nicht nöthig gewesen und er hätte einen sichern Verdienst gehabt.

Mein Gott, der arme Junge war es so müde, immer Apostel und die Mutter Gottes für die Kirchen und Engel für Grabmäler auszuhauen, daß er mir davongelaufen wäre, wenn ich ihm das bischen Selbstständigkeit nicht gegönnt hätte!

Er ist damit auf dem unrechten Wege, Frau Randheim, auf dem unrechten Wege, ich sag's Ihnen. Es ist eine seltsame Forderung von den Herren Künstlern, daß sie's besser haben wollen wie andere Leute. Das will seinem Genius folgen, das verschmäht, die bestellte und gutbezahlte Arbeit auszuführen, weil es irgendein Ideal im Kopfe hat, das es gestalten will – dummer Schnack, Frau Randheim, ich versichere Ihnen, ein königlicher Regierungsrath selber ist nicht so gestellt, daß er seinem Genius folgen und ein Ideal im Kopfe haben kann; er muß die Acten erledigen, die vor ihm liegen.

Sagen Sie das dem Ludwig nicht, versetzte Frau Randheim, den Kopf schüttelnd, Sie würden ihn unendlich beleidigen!

Das ist eben sein verrückter Hochmuth!

Nein, er ist nicht hochmüthig; er ist ein guter, anspruchsloser, bescheidener Junge; aber er ist stolz und selbstbewußt, Herr Böhmer, Sie glauben es gar nicht, was für einen wunderlichen Stolz er hat. In wie vielen Dingen könnt' ich mich mehr einschränken, wenn der Ludwig nicht wäre. Ich darf alle die kleinen Hausarbeiten nicht verrichten, welche ich so gut besorgen könnte und in meiner Aeltern Haus auch besorgt habe. Ich darf nicht waschen, nicht die Betten machen, nicht Holz spalten; wir hätten die Aufwartefrau gar nicht nöthig, wenn es nicht um des Ludwig willen wäre. Und wissen Sie, was er sagt? Er sagt, ich könne das alles thun; aber er werde dann nie wieder mit mir in die Messe oder am Sonntag auf einen Vergnügungsort gehen; er werde, wenn ich dann in einem seidenen Kleide und mit meinem kleinen Diamantenschmucke und im weißen seidenen Capothute einherstolzire, das Gefühl haben, er ginge neben einer Komödiantin, einer Person, welche vor der Welt als Dame auftrete und zu Hause – die Betten mache und das Holz klein spalte …

Seltsam! fiel hier Herr Böhmer aufhorchend ein.

Er kann ordentlich boshaft werden, Herr Böhmer, fuhr die Frau in ihrem Geplauder fort, wenn er darauf zu reden kommt. Haben wir einmal einen Besuch, ist einer seiner Bekannten bei uns, so will er nie, daß ich besondere Anstalten mache, den Gast zu bewirthen; weil ein anständiger Mensch vor allem sich selber achtet, sagt er, und sich selber gewährt, was und wie viel ihm seine Verhältnisse verstatten, und zum Gaste spricht: Lass' dir's gefallen, wie du's bei mir findest; genügt dir nicht, was mir genügt, so geh!

Seltsam, seltsam, seltsam! rief Herr Böhmer, immer gespannter zuhorchend, aus.

Sie finden, das sind seltsame Künstlerideen, Herr Böhmer – aber so ist er, und ich muß ihm wol nachgeben, wenn er mir vorpredigt und seine arme Mama erzieht. Eine vornehme Natur erniedrigt sich nicht, sagt er, und es ist eine Erniedrigung, wenn ein Mensch, der für eine höhere Arbeit geschaffen ist, sich in der Misère, in der Sorge um den rein thierischen Theil der Existenz verbraucht; eine Frau zumal, die durch körperliche Arbeit unschön wird. Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken; je niedriger aber seine Zwecke, desto mehr verkleinert er sich und verdummt und verthiert!

Wissen Sie, fuhr jetzt Herr Böhmer plötzlich auf, daß das just dieselben Redensarten sind, die meine Helene zuweilen – er stockte, und wie wenn er sich besänne, setzte er zögernd hinzu:

Aber ich will nicht auch noch von meiner Helene anfangen; wir fänden dann wol sobald kein Ende. Das Haus also müssen Sie verlassen, Frau Randheim, am ersten Januar.

O, mein Gott, ist denn das wirklich Ihr Ernst – und vorhin sagten Sie ja doch, erst zum ersten April?

Ja, ja, ja, aber ich hatte mich versprochen; ich dachte nicht daran, daß die Kündigungsfrist halbjährlich ist; wir haben noch nicht den ersten Juli, ich kündige also zum ersten Januar.

Nach dem, was ich gehört habe, sagte sich Herr Böhmer im stillen dabei, wäre es wahrscheinlich gut, ich könnte mir diesen stolzen Künstler schon morgen aus der Nachbarschaft fortschaffen!

Frau Randheim war unterdeß abermals in Thränen ausgebrochen und bejammerte jetzt ihr Schicksal, ein Haus verlassen zu sollen, in dem sie nun seit achtzehn Jahren gelebt; es kam der guten Frau vor, als müsse ihr das Herz dabei brechen.

Dem Ludwig wage ich es gar nicht zu sagen, rief sie aus, der arme Junge würde mir in die hellste Verzweiflung gerathen!

Hängt er so an diesem Hause? fragte Herr Böhmer mit einem mistrauisch spähenden Blicke.

Ad Gott, ja, er hängt daran, er ist darin groß geworden unter den Augen seiner armen Mutter, und das einzige Glück, das er gefunden, sagt er, hat er in seinem stillen Atelier, in seinem von der Welt abgeschiedenen kleinen Arbeitshofe gefunden.

Sagt er das – in der That? Bei seinen Thonknetereien, bei den anstößigen nackten Göttinnen wol, die er da als Gartenfiguren aushaut und die ihm niemand abkauft?

Herr Böhmer sagte das mit einem äußerst kaustischen und verächtlichen Tone, durch den etwas wie Unruhe klang. Frau Randheim fuhr, ohne dies wahrzunehmen, fort:

Ich darf es ihm wirklich nicht sagen – wenn man doch so reich wäre, das Haus kaufen zu können – was würde es kosten, Herr Böhmer, was würden Sie einer armen Frau wie mir abverlangen, wenn ich es Ihnen nun abkaufen wollte?

Kaufen – Sie? Wie könnten Sie das? Ich weiß ja doch, wie es um Ihr Vermögen steht. Sie haben Ihr kleines Kapital beinahe aufgezehrt – wenn der Ludwig in ein paar Jahren nicht tüchtig zu verdienen anfängt, dann weiß ich nicht, wie es Ihnen später gehen soll!

Das ist wahr, das ist leider wahr, aber sagen Sie immerhin …

Was sollen wir leeres Stroh dreschen! versetzte Herr Böhmer ungeduldig und barsch. Ich muß gehen, ich habe mehr zu thun.

Nun, mein Gott, Sie könnten sich doch aussprechen, entgegnete Frau Randheim, von dieser Antwort gereizt. Wenn ich nun eine Hoffnung hätte?

Sie? Eine Hoffnung, ein eigenes Haus zu kaufen? Wie sollte das zugehen?

Frau Randheim war offenbar geärgert durch den verachtungsvollen Ton, mit dem Herr Böhmer dies sprach, und so sagte sie:

Das kann ganz einfach so zugehen, daß ich oder daß Ludwig eine Erbschaft machen.

Ei, das wäre! lachte Herr Böhmer.

Sie lächeln darüber und zucken die Achseln? fiel die Frau immer gereizter ein. Meinethalb! Warten wir's ab, nur noch ein paar Wochen, dann wird sich's ja entscheiden!

Ein paar Wochen? Hoffen Sie, daß jemand stirbt in dieser Zeit, der …

Ich hoffe auf niemandes Tod. Das wäre sündlich, Herr Böhmer, und schlecht!

Dann begreife ich in der That nicht…

O, es gibt auch Testamente und letzte Willenserklärungen, die erst zu einem gewissen Tage eröffnet werden dürfen! sprudelte Frau Randheim, durch Böhmer's Ton immer zorniger gemacht, hervor.

Darin haben Sie vollkommen recht, antwortete Herr Böhmer es gibt deren. Also Sie haben, fuhr er, offenbar höchst betroffen und mit dem Ausdrucke der Spannung fort – Sie haben ein Testament, welches erst in einigen Wochen eröffnet wird – vielleicht erst nach dem ersten Juli dieses Jahres?

Wie – Sie wissen doch nicht etwa – Sie, Herr Böhmer?

Nichts weiß ich, gar nichts, fiel dieser aufgeregt ein – aber falls Sie mir in dieser Sache Ihr Vertrauen schenken wollen, so – so bin ich nicht abgeneigt, Ihnen eine ernstliche Antwort auf Ihre Frage nach dem Preise dieses Hauses zu geben. Sie können einem Geschäftsmanne nicht übel nehmen, wenn er durch Gespräche, die zu nichts führen können und ganz inhaltsleer sind, seine gute Zeit nicht todtschlagen mag. Wenn Sie mir aber nachweisen, daß Sie vielleicht wirklich in die Lage kommen können, ein solches Geschäft mit mir zu machen, liegt die Sache anders. Das Haus, welches Sie so lange bewohnt, dessen Miethe Sie mir immer pünktlich bezahlt haben, würde ich Ihnen gewiß auch zu verkaufen geneigt sein, obwol ich dann die Bauspeculation, zu der ich schon Einleitungen getroffen, aufgeben müßte. Sie müßten mir aber wirklich etwas mehr über die Sache anvertrauen. Sie können nicht verlangen, daß ich auf ganz leere und vielleicht sehr sanguinische Hoffnungen hin, welche Sie sich machen, mit mir über die Sache zu Rathe gehe, Berechnungen aufstelle und vielleicht auch vortheilhafte Ankäufe von Baumaterialien unterlasse, wozu die Gelegenheit sich mir in den nächsten Tagen bieten würde.

Darin haben Sie recht, Herr Böhmer; es ist mir aber leider über die Angelegenheit strenges Schweigen auferlegt.

Ich bin ein verschwiegener, zuverlässiger Mann, Frau Randheim, versetzte Herr Böhmer.

Gewiß, gewiß, ich weiß es und Sie fragen nicht aus eitler Neugier, aber …

Ich denke mir, fiel Herr Böhmer, innerlich vor Spannung und Ungeduld zitternd, aber mit dem Anscheine der kühlsten Ruhe ein, von der Seite Ihrer Familie kann die Sache nicht kommen. Ihr Vater war ein armer Musiklehrer und Ihre Mutter eines Buchbinders Tochter. Du liebe Zeit, woher sollte da eine Erbschaft kommen! Es muß schon von der Seite eines gewissen adelichen Herrn herkommen nun, mein Himmel, Frau Randheim, Sie wissen ja, daß ich so ziemlich eingeweiht bin, daß ich nie übel von Ihnen gedacht habe, und daß, wenn ich es je gethan hätte, Sie durch Ihr ganzes Betragen meine Achtung erworben haben. Also sprechen wir ganz offen über die Sache. Die letzte Willenserklärung, von der Sie reden, kommt also von seiten des Vaters Ludwig's – des Junkers Rudolf – und soll gerichtlich eröffnet werden nach dem ersten Juli dieses Jahres?

Das nicht, sagte Frau Randheim, die während dieser Rede den Kopf abgewendet und zum Fenster hinausgeblickt hatte.

Es soll nicht gerichtlich geöffnet werden?

Nein, es soll an eine Privatperson überliefert werden.

An eine Privatperson? Das ist ja auffallend. Darf ich nicht wissen, wer diese Privatperson ist? Etwa – etwa der Herr Rath Zander?

Nein, versetzte Frau Randheim der nicht.

Nicht? Kenne ich die Persönlichkeit?

Fragen Sie mich nicht, Herr Böhmer – ich dürfte Ihnen doch nichts sagen.

Nun, versetzte Herr Böhmer, meine Vermuthungen darf ich doch aussprechen; zum Beispiel, daß Ihnen das Testament aus weiter Ferne zugeschickt ist und daß es nach dem ersten Juli übergeben werden soll – an – vielleicht an Herrn Gundobald von Burghaus – mein Gott, erschrecken Sie doch nicht so, Frau Randheim!

Barmherziger Himmel, woher wissen Sie, Sie, Herr Böhmer …

Nur meine Vermuthungen, liebe Frau Randheim, weiter nichts – es ist Ihnen vielleicht bekannt, oder auch nicht bekannt, fuhr Herr Böhmer in äußerst gleichmüthigem Tone fort, daß ich mit allen Familiengeschichten im Lande so ziemlich vertraut bin; mein Gott, die Leute haben nun einmal Vertrauen zu mir; sie kommen zu mir, der eine will eine Vermittelung in dieser, der andere einen Rath in jener Sache, und so erfährt man so manches; schon durch meinen Vater, der Secretär und langjähriger Vertrauter des alten Herrn von Nesselbrook war, stehe ich noch in Verbindung mit so manchen Menschen, Dingen und Angelegenheiten – nun ja, und so habe ich denn auch etwas erfahren von einem Testamente des alten Nesselbrook, das nach dem ersten Juli erst in Kraft treten sollte; ich höre, die Edern führen über die Sache einen Proceß mit dem Herrn Gundobald von Burghaus; sie haben darin schon so viel gewonnen, daß das Gericht eine große Summe, welche der Herr von Burghaus bereits in Besitz hatte, in Beschlag und an sich genommen hat. – Aber da haben Sie auch alles, was ich sagen kann, um Ihnen zu erklären, daß ich Ihr kleines Geheimniß errieth – nun, es freut mich von Herzen, von Herzen, liebe Frau Randheim, wenn Sie solche Aussichten haben – und damit wollen wir es gut sein lassen, ich will weiter nicht hineindringen – was unser Geschäft angeht, so wollen wir weiter nicht darauf zurückkommen; ich müßte denn doch Ihr Testament, von dem Sie reden, ein wenig näher ansehen, und da Sie es mir nicht zeigen dürfen – ich glaube, Sie sagten so – war es nicht so? – so, fuhr Herr Böhmer nach einer kleinen Pause fort, müssen wir uns schon an den heutigen Stand der Dinge halten, das heißt, Frau Randheim, Sie müssen meine Kündigung annehmen und dieses Haus am ersten Januar künftigen Jahres verlassen!

Herr Böhmer machte Anstalten, zu gehen; er zog seine Handschuhe an, aber die Handschuhe machten ihm einige Mühe; er nahm seinen Hut, aber der Hut schien ihm in einem Zustande zu sein, daß er erst sehr lange mit dem Aermel glatt gestrichen werden mußte. Und dann nahm Herr Böhmer feinen in der Ecke stehenden Stock mit einem sehr düster zusammengezogenen und verdrießlichen Gesichte, denn es schien nicht, daß die Schlußwendung, welche er seiner letzten Rede gegeben, auf die gute Frau Randheim den erwünschten Eindruck hervorbrachte und sie geneigter machte, mit weitern Aufschlüssen herauszurücken.

Also, sagte Herr Böhmer fragend und sich wendend, um mit heiter geglätteter Miene zu Frau Randheim aufzuschauen, das wäre abgemacht?

Ich kann Sie nicht hindern, versetzte Frau Randheim, zum dritten mal in Thränen ausbrechend – ich kann Sie nicht hindern, es als abgemacht zu betrachten, Herr Böhmer!

Wenn Sie sich vielleicht besinnen und berechtigt halten sollten, mir einen genauern Einblick in …

O nein, nein, davon kann keine Rede sein, Herr Böhmer! Es ist mir strenges Schweigen auferlegt, und es war schon sehr unrecht von mir, Sie so viel errathen und mir abfragen zu lassen – aber, mein Gott, Sie wußten ja selbst schon mehr als die Hälfte und Sie sind ein zuverlässiger Mann – Sie werden gewiß, ganz gewiß keinen übeln Gebrauch davon machen – wenn in dem Testamente stände, ich solle mein Legat nur im Falle ich streng verschwiegen gewesen, erhalten – und wie leicht könnte es darin stehen! Sie sehen ein, Herr Böhmer, was für mich davon abhängt, daß …

Daß ich nicht davon rede? Frau Randheim, wie sollte ich dazu kommen? Was haben Sie von mir zu befürchten? Ich denke, so viel können Sie mir zutrauen! Adieu, liebe Frau – adieu!

Leben Sie wohl, Herr Böhmer!

Herr Böhmer verließ das Haus der Frau Randheim und schritt eilig dem eigenen, dicht daranliegenden zu. Seine Miene hatte sich merkwürdig verfinstert; der Ausdruck von zornigem Verdruß, der auf seinem Gerichte lag, war noch viel ausgeprägter, als er in dem Augenblicke gewesen, wo Herr Böhmer, von Frau Randheim abgewendet, seinen Hut glatt gestrichen und seinen Stock genommen hatte.

Er schritt unten durch den langen Flur seines Hauses bis an die Hinterthür, welche in den hübschen großen Garten führte, und betrat diesen. Hier wandte er sich nach der Seite, an welcher das Haus der Frau Randheim lag, und nahm eine sehr genaue Besichtigung der alten, hinter Gesträuch verborgenen Thür vor, welche in den Arbeitshof Ludwig's führte.

Diese Besichtigung schien kein Ergebniß zu haben, welches befriedigend genug gewesen wäre, um seine Miene zu erhellen. Erregt, leise Worte vor sich hinmurmelnd, eilte er ins Haus zurück und in sein zu ebener Erde nach vorn hinaus liegendes großes Arbeits- und Geschäftszimmer. Hier warf er heftig Hut und Handschuhe und Stock von sich und erfaßte die Klingelschnur.

Aber er ließ die Hand wieder sinken.

Ueberlegen wir uns die Sachen erst ein wenig, sagte er sich. Es ist nicht eben Gefahr im Verzuge – leider nicht – nicht mehr – du hast dich schön hintergehen lassen, alter Schlaukopf Böhmer – sieh wenigstens jetzt zu, daß du auf die richtige Manier dazwischenfährst – und was die andere Sache, dieses Testament angeht, so ließe sich ja vielleicht gerade dadurch, daß Helene und dieser verdammte Thonkneter hinter meinem Rücken … vielleicht gerade dadurch – dadurch …

Herr Böhmer versank so tief in Nachdenken, daß die Laute auf seinen Lippen erstarben. Mit untergeschlagenen Armen setzte er sich auf den Drehstuhl vor seinem hohen Schreibpulte und blickte zum Fenster hinaus.

Ein Zweifel kann da gar nicht sein, begann er nach einer Weile sein Selbstgespräch wieder. Der Alte hat es sich schon gedacht, daß sein Testament aus den Händen Zander's verloren gehen könne. Er hat zur Sicherheit eine zweite Ausfertigung davon gemacht und diese der alten Geliebten des Junkers Rudolf zur Aufbewahrung übersandt. Sehr schlau, sehr schlau, in der That! Diese alte Geliebte, die er seinen Neffen gezwungen hat, verführt und entehrt sitzen zu lassen, welche die Edern später vollständig verlassen und verleugnet haben – diese alte Geliebte war just die richtige Person, um mit einem solchen Papier ohne Gnade und Barmherzigkeit wider die Edern aufzutreten; ganz die richtige Person für seine neuen Intentionen und Entschlüsse. Ich möchte darauf schwören, daß es so ist! Der verdammte Ketzer! Wenn ich das Papier in die Finger bekommen könnte – fünfzigtausend Thaler wäre es der Gräfin Edern werth – und dann auch für mich, denk' ich! Die gute Randheim glaubt, es sei ein Testament, eine Erbschaft für Sie – wer weiß, vielleicht enthält es auch eine Anordnung, daß Herr von Burghaus etwas für sie, für ihren Ludwig thun soll – möglich, möglich – aber in der Hauptsache ist es eine zweite Ausfertigung des Testaments, wovon sich mein seliger Vater im stillen die Abschrift machte, welche ich hier wohlverschlossen in meinem Pulte habe – daß es so ist, darauf will ich Gift nehmen! Und nun – wie bekommt man das Ding in seine Hände, ohne ein Dieb und ein Räuber zu werden – wenn … wenn nicht just auf dem Wege durch die alte Gartenthür?

Herr Böhmer blickte noch eine Zeit lang zum Fenster hinaus. Immer noch sehr sinnend und nachdenklich. Dann glitt er plötzlich rasch von seinem Sitze herunter und ging, die Klingelschnur zu ziehen.

Helene soll zu mir kommen! sagte er der nach einer Weile eintretenden Magd.

Helene kam. Sie war in einem Kleide von brauner leichter Seide mit einem weißen Kragen, den eine Jet-Brosche schloß, und nestelte eben an den Knöpfchen ihrer Manschetten. Und sie sah sehr rosig, sehr frisch und sehr hübsch aus.

Helene, sagte Herr Böhmer, was treibst du eben? Du scheinst mir sehr sorgfältig gekleidet – in Seide …

Ich wollte in die englische Stunde gehen, lieber Papa, versetzte Helene ein wenig erröthend.

So, so, so – ich glaube bemerkt zu haben, daß du dich auch für deine bloße Haus- und Gartentoilette auffallend sorglich kleidest.

Gartentoilette, lieber Papa, was ist das? antwortete Helene, leise erröthend, aber hell auflachend.

Höre Kind, sagte Herr Böhmer, ohne hierauf zu antworten, du kannst die englische Stunde einmal fahren lassen. Ich wünsche, daß du deine Zeit weniger mit solchem Krimskrams, womit man heutigentags die Mädchen verbildet, todtschlägst und dich mehr an eine nützliche, praktische Arbeit gewöhnst. Die Frauenzimmer sind da, um die Hausarbeit zu thun; um zu kochen, zu putzen, zu waschen …

Zu scheuern und Sauerkraut einzumachen! lachte Helene auf. Was ich für einen braven, soliden, vernünftigen Papa habe!

Dabei erfaßte sie ihn am Kopfe und zerrte mit ihren kleinen, weißen Händen an beiden Seiten seines Backenbartes.

Er will nicht prunken mit seinem Töchterchen, fuhr sie fort, er macht es nicht wie die andern eiteln Papas, die ihre Töchter durchaus ein wenig Französisch plappern, ein wenig Klavier klimpern hören müssen – nein, er will ihrem Leben den soliden Grund einer häuslichen, bürgerlichen Erziehung geben – adorabler Papa, sprich, was soll ich thun – soll ich im Keller die alten Sauerkrautfässer rein spülen?

Herr Böhmer machte diesem Geplauder ein Ende, indem er sehr kühl Helene von sich abschob und ihr sagte:

Setze dich dort, ich habe länger mit dir zu reden.

Ich höre, Papa, versetzte Helene, indem sie auf dem Sofa neben Papieren, Circularen, Journalen und unnütz gewordenen Prospecten der gescheiterten Creditbank Platz nahm.

Wir haben dich lange verwöhnt, Helene; du bist jetzt erwachsen, und es wird Zeit, daß du dich ernster an die Arbeit gewöhnst. Die Frau ist nun einmal für das Haus und die Hausarbeit bestimmt; sie ist da, ihren Aeltern, ihrem Manne das Leben bequem zu machen, für Ordnung zu sorgen …

Und gute Küche! fiel Helene ein.

Du brauchst das gar nicht so schnippisch zu sagen – so ironisch! versetzte Böhmer verweisend.

Doch, Papachen, doch – ich muß das ein wenig ironisch sagen, es sei denn, daß du einen ernsten Streit mit deinem »verbildeten« Töchterchen vorzögst. Das wäre doch gar nicht hübsch von dir!

Einen ernsten Streit – damit willst du drohen – wenn ich dir die Wahrheit sagen will?

Soll ich dich nun bei deinen falschen Grundsätzen fassen, weiser Papa, fuhr Helene fort, oder soll ich dir klar machen, daß das nicht die Wahrheit ist, was du mir da sagst?

Nicht die Wahrheit ist?

Nein, süßer, bester Papa – du stehst in bedauernswerther Weise unter dem Drucke einer ganzen Wolke von Philisterthum, die in trübseligster Weise deine Intelligenz beschattet. Soll ich sie dir ein wenig wegblasen, Papachen, die Wolke?

Nun, da möch ich doch wissen …

Weshalb ich keine alten, übelriechenden Sauerkrautfässer ausspülen mag? Höre mir zu, vielleicht gelingt es mir, es dir klar zu machen. Weil bei schmuziger, gemeiner, den Körper anstrengender Arbeit der Mensch sich erniedrigt. Weil es unschön ist; weil es entwürdigt. Es ist sogar sehr dumm von euch Männern – wenn du's nicht übel nehmen willst – in dem Weibe nur das arme Menschenthier zu sehen, das nur für die Arbeit geschaffen ist. Was habt ihr an einem solchen Weibe? An einem Wesen, das wenig, sehr wenig gelernt und viel mehr wieder vergessen hat und nun an eurer Seite den edeln Haushälterin-, Magd- und Wäscherinberuf erfüllt? Ihr blickt mit gutmüthigem oder auch ärgerlichem Mitleid auf dieses untergeordnete Wesen herab. Wenn sie sich beim Waschen erkältet oder bei den Kochtöpfen zu sehr erhitzt und den Weg alles Fleisches geht, so nimmt der Mann ein anderes Exemplar; und wenn das ihm auch aus dem Dienste geht, in die große Mägdeherberge da oben, ein drittes – sieht man das nicht alle Tage?

Bravo, Helene! Du sprichst sehr gescheit und erbaulich! Aber ist nicht auch etwas vom Komödiantenthum oder dergleichen dabei?

Vom Komödiantenthum? Nun ja, das ist freilich dabei; das tritt in Scene, wenn der Herr Rath sein verkochtes, verwaschenes und verbügeltes Gemahl an Festtagen in die Welt, in die Gesellschaft führt. Dann …

Richtig, mein Kind, richtig! fiel Herr Böhmer hastig ein. Ich sehe, du kannst deine Lection, und nun bitte ich dich, mir gefälligst mitzutheilen, von wem du sie gelernt hast.

Von wem ich sie gelernt habe?

So drückte ich mich aus. Von deinen frommen und ehrwürdigen Lehrerinnen hast du sie nicht gelernt oder doch?

Nein, Papachen, lachte Helene ein wenig gezwungen auf, von denen nicht! Es thut mir leid, daß ich eine in deinen Augen so hochstehende Autorität nicht dafür anführen kann!

Also von wem?

Von meiner Vernunft, meiner Klugheit, meinem richtigen Gefühle, meinem Scharfblicke, meiner Einsicht, du einfältiger Papa, der glaubt, sein Töchterchen sei so dumm …

Lass' endlich diesen scherzhaften Ton! fuhr Herr Böhmer barsch dazwischen. Du siehst, ich bin durchaus nicht in der Stimmung, darauf einzugehen und daß mir meine Stimmung verdorben ist, das kommt daher, weil ich vorhin von der Frau Randheim ganz denselben albernen Schnack habe anhören müssen!

Von der Frau Randheim? Warst du bei der? fragte Helene ein wenig erschrocken.

Zufällig. Und du mußt zugeben, daß es sehr merkwürdig ist, daß Frau Randheim und du ganz dieselbe gesunde und weise Philosophie über Frauenzimmerberuf auskramen: es muß also wol Eine Quelle sein, aus der sie dieselbe schöpfen, und darüber möchte ich eine kleine Aufklärung von dir.

Helene begnügte sich damit, ihren Papa mit großen Augen anzusehen, ein wenig beunruhigt, ein wenig forschend und ein wenig trotzig.

Bitte, sprich!

Ich habe gesprochen! versetzte Helene, beklommen aufseufzend. Du hast das Wort, Papachen!

Nun wohl, du hast gesprochen, das ist richtig, und du hast dich genug verrathen. Die Quelle von all dem Unsinn, den du vorgebracht hast, ist die künstlerische Lebensanschauung eines überspannten Burschen, des Ludwig da drüben. Du hast dich höchst leichtsinniger- und unverantwortlicherweise mit dem Ludwig Randheim eingelassen, von sündhafter Weibereitelkeit verführt, die eine Befriedigung darin findet, solch einem armen Burschen gewissenlos den Kopf zu verrücken; mag er dann unglücklich darüber werden oder nicht, euch ist das später gleichgültig.

Papachen, da irrst du! fiel Helene ein. Mir ist das keineswegs gleichgültig, ob Ludwig unglücklich ist oder nicht; fürs erste aber darf ich glauben, daß er gar nicht unglücklich darüber ist, daß ich mir die Mühe gebe, ihm ein wenig, wie du es nennst, den Kopf zu verrücken – im Gegentheil, es macht ihm ein grenzenloses Vergnügen …

Helene sprach dies im selben scherzenden Tone wie früher, aber sie mußte sich offenbar anstrengen, diesen Schein der Unbefangenheit beizubehalten; auch war sie sehr blaß geworden.

Helene, fuhr der Vater auf, du wirst frech …

O, Vater! fiel Helene vorwurfsvoll ein.

Es ist frech, zu spaßen, wo du siehst, wie ernst ich die Sache nehme. Ja, ich nehme sie sehr ernst. Ich verbiete dir auf das allerstrengste, je wieder ein Wort mit diesem Menschen zu wechseln. Ich werde die Thür, durch welche ihr heimlich verkehrt habt, zumauern lassen. Und ich werde dich beobachten …

Helene brach jetzt plötzlich in lautes Weinen aus. Ein Thränenstrom schoß über ihre Wangen nieder.

Nun, beruhige dich, sagte Herr Böhmer in milderm Tone. Ich will ja wieder gut sein und weiter nach dem, was geschehen, nicht forschen, wenn du mir versprichst, dich von nun an mit dem Gehorsam, den ich immer bei dir gefunden habe, in meinen Willen zu fügen – und das versteht sich ja von selbst, du mußt ja selbst einsehen, daß es sich für dich nicht schickt, dich mit einem armen Steinhauer einzulassen …

Helenens Weinen wurde zum heftigsten Schluchzen.

Herr Böhmer betrachtete sie eine Weile, wie sie, dem Anscheine nach ganz gebrochen, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, dasaß. Dann sagte er begütigend:

Sei ruhig, Kind. Es ist ja kein Grund da, in Verzweiflung zu gerathen. Du siehst ein, daß du ein wenig leichtsinnig, vielleicht nur ein wenig unvorsichtig gewesen bist, und versprichst mir, von heute an zu bedenken, was du dir schuldig bist und auch solch einem armen Burschen, der sich ja am Ende Gott weiß was in den Kopf setzen könnte …

Mein Gott, schluchzte Helene jetzt laut auf, was soll er sich denn in den Kopf setzen – Ludwig weiß, daß ich nie von ihm lassen werde, niemals …

Was?! fuhr Herr Böhmer mit einem Tone auf, von welchem es schwer war, zu sagen, ob er mehr Verwunderung oder mehr Entrüstung ausdrückte.

Ja, schluchzte Helene weiter, und daß ich ihn auch heirathen werde, aber das erst später, viel später …

Herr Böhmer brach in ein lautes, aber höchst zorniges Gelächter aus.

Das wird ja vollständig komisch! rief er aus.

Daran ist nichts komisches, Papa, versetzte Helene vorwurfsvoll. Ich habe ihn recht von Herzen lieb, so recht aus voller Seele, und er liebt mich wieder über alles bis in den Tod! Wir würden gern füreinander sterben! Das ist doch eine sehr ernste Sache, wenn man sich so lieb hat!

Herr Böhmer war wie vom Donner gerührt, als ihm Helene mit vollkommener Naivetät und fortwährend mit ihrem Schluchzen kämpfend diese Erklärung machte.

Das ist zu arg! schrie er. Und glaubst du, ich, ich würde je meine Einwilligung geben …

Darum wollen wir dich ja erst später, viel später bitten, wenn wir erst so weit sind, daß wir uns heirathen …

Daß ihr euch heirathet? lachte Herr Böhmer, dem jetzt die Sache in der That komisch vorzukommen begann.

Wenn du uns dann deine Einwilligung nicht gibst, so müssen wir sehen, wie wir es einrichten, ohne sie fertig zu werden … aber du wirst sie uns wahrscheinlich geben – sehr wahrscheinlich …

Werde ich? In der That!

Ich glaube es, Papa; du mußt es nur abwarten, versetzte Helene, ruhiger geworden und ihre Thränen abtrocknend.

Höre, Helene, du deutest damit wol an, daß in den Verhältnissen des Burschen, der mir so gewissenlos mein halb wahnsinniges Kind verführt hat, Aenderungen eintreten könnten …

Das wäre möglich, Papa.

Etwa durch eine große Erbschaft?

Vielleicht ist es das – vielleicht … entgegnete Helene, ihn fragend ansehend. Weißt du darum?

Herr Böhmer antwortete nicht. Er saß, sein Kinn gedankenvoll streichelnd.

Ich weiß nichts davon, sagte er dann. Frau Randheim machte mir Andeutungen, aber es schien mir Schnickschnack, den sich eine alte Frau in ihren schwachen Kopf setzt.

O nein, das ist es nicht! fiel Helene eifrig ein. Nach dem ersten Juli wird es sich zeigen!

Sich zeigen? Was wird sich zeigen?

Was das geheimnißvolle Papier, der große Brief bedeutet, durch den auf immer für Ludwig gesorgt sein soll!

Hast du das Papier gesehen? Sieht es aus wie ein Testament, durch das für jemand gesorgt werden könnte?

Ich habe es nicht gesehen. Frau Randheim hat es. Aber Ludwig …

Ludwig und seine Mutter verstehen viel davon! Laß mich das Papier sehen. Ich werde schon erkennen, ob die Sache guten Grund hat, oder auf Einbildung beruht.

Es dich sehen lassen? Wie kann ich das?

Es wird Unsinn sein, bloßer Unsinn, fuhr Böhmer fort. Und da, wenn Ludwig's Verhältnisse bleiben, wie sie sind, ich dich lieber todt sähe, als die Frau eines hungerigen Kunstpfuschers, so bleibt mir nichts übrig, nach den schönen Geständnissen, die du mir gemacht hast, als sich in dein Kloster zurückzuschicken, wo du bleiben sollst, bis ich dir einen Mann ausgesucht habe.

Vater, rief Helene auffahrend aus, dahin geh' ich nicht zurück! Und einen andern Mann als Ludwig nehm' ich auch nicht! Und eher geh ich in den Tod! Und nun weißt du's!

Helene sprang auf und stellte sich trotzig ans Fenster.

Ich werde dich zu zwingen wissen, erwiderte Herr Böhmer heftig. Man wird mit einem solchen Tollkopf schon fertig! Geh' jetzt! Kann ich das Papier jedoch sehen und mir danach ein Urtheil bilden …

Aber das Papier ist ja versiegelt!

Thut nichts. Gerade an der Art der Versiegelung sieht man, ob etwas ein Testament ist oder nicht. Also, kann ich mir danach ein Urtheil bilden, so ist es möglich, daß ich fürs erste den Dingen ihren Lauf lasse, bis wir nach dem ersten Juli sehen, ob sich Ludwig's Verhältnisse in der That umgestalten. Wo nicht, kommt übermorgen spätestens Schwester Ulrike, dich zu holen. Das ist mein letztes Wort. Und jetzt kannst du gehen.

Wie … du willst mich doch nicht im Ernst …

Es ist mein ganz entschiedener Wille; und wenn du dich auflehnst, schrie Böhmer zornig, send' ich dich ins Kloster zum guten Hirten – darauf geb' ich dir mein Wort! Da wird man dich mürbe machen!

Vater! rief Helene todtenbleich werdend und an allen Glieder erzitternd aus – du drohst mir mit … dem guten Hirten … mit dem Hause, wo die verlorenen Weiber …

Damit droh' ich dir und jetzt schweig und geh'! rief Böhmer mit dem Fuße stampfend.


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