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Natur und Kunst.

Noch ist die Frage trüb umdünstelt
Und niemand rechte Klarheit spürt:
Ob die Natur jetzt mehr verkünstelt?
Ob mehr die Kunst – denaturiert?

.

Opti-Pessimistisches.

Blüht dir die Rose am grünenden Hag,
Die duftgeweihte,
Purpurschimmernd wie junger Tag:
Brich sie noch heute;

Morgen wohl welkt all' die Wunderpracht,
Lischt all' ihr Glühen,
Ein eis'ger Frosthauch über Nacht
Läßt sie verblühen!

Perlet dir goldiger Wein im Krug,
Was willst du säumen?!
Frisch nur hinunter auf Einen Zug
Im Ueberschäumen,

Daß dir's durchflute das Herz zumal
Wie Feuerwogen!
Morgen ist fade der Saft und schaal,
Sein Geist verflogen!

Lächeln entgegen dir holden Gruß
Schwellende Lippen:
Küsse sie aus bis zum letzten Kuß –
Was soll das Nippen?!

Die heut sich pressen mit wilder Gewalt
Heiß auf die deinen,
Morgen vielleicht schon bleich und kalt
Werden sie scheinen!

Wie du den Faden sorgsam auch webst,
Kurz ist er eben! –
Daß du das Leben zur Neige lebst,
Ward dir's gegeben;

Rief Gott zum Mahl dich, genieß' es frisch,
Bis auf die Reste …
Nimmer freuen den Wirt nach Tisch
Hung'rige Gäste!

.

Lenz-Legende.

War der Cherub mit flammendem Schwert,
Den sich zum Rächer der Herr erkor,
Weinend gen Himmel zurückgekehrt;
Fest verschlossen war Edens Thor.
Aber die sündige Erde –
Da sie der Grimm des Ewigen traf:
Stumm wie einst vor dem »Werde«,
Sank sie in Winterschlaf.

Lag erstorben das blühende Thal,
Tief begraben in Reif und Schnee;
Nebelschleier, zerschlissen-fahl,
Hüllten des Berges leuchtende Höh',
Zitternd der letzten Stunde
Harrten die Wesen in banger Not,
Harrt' aus des Schöpfers Munde
Seines Machtworts der Tod.

Droben aber im Sternenzelt
Mitleid durchströmet Allvaters Brust:
»Soll so elend vergeh'n die Welt,
Die Ich geschaffen zu Freude und Lust?« –
Wie auch gleich finstern Schwaden
Dampft aus eherner Schale sein Zorn,
Reicher doch quillt seiner Gnaden
Unerschöpflicher Born!

Sieh', und dem goldigen Morgenschein
Winkt der Vater und weis't ihm die Spur:
»Du magst Mein Friedensbote denn sein,
Wecken vom Schlaf die starre Natur!«
Und der purpur'ne Schimmer
Ringt und kämpft mit der weichenden Nacht:
Hat doch den Odem nimmer
Neuen Lebens entfacht!

Sendet zum andern den Sonnenstrahl
Gott aus der Wolkenferne hinab:
»Pred'ge die Auferstehung zumal,
Sprenge der Erde schweigendes Grab!«
Und der wärmende, linde,
Ueberwindet den Recken Eis;
Unter der schmelzenden Rinde
Dehnt sich's und regt es sich leis'.

Wandte der Vater forschend den Blick
Auf das verschlossene Paradies;
Horch, und ein Vöglein blieb d'rin zurück – –
Spinnend gar wonnig und wundersüß
Goldene Liederfäden,
Wiegt es sich auf des Lebens Baum:
Vom verlorenen Eden
Ein geflügelter Traum.

Lerche, was hegst du so frohen Schall!
Lerche, wie lautet so hold dein Gruß!
Du sollst erwecken das schlummernde All,
Bringen der Welt den Versöhnungskuß!
Lüpfe die luftigen Schwingen,
Trag' Meine Botschaft du erdenwärts,
Lass' deinen Jubel dringen
All' in der Sterblichen Herz!« –

Nieder der göttliche Sänger sich schwang,
Rufet den Lenz, den säumigen, wach;
Echo tönt weiter den jauchzenden Klang,
Wald wird munter und Flur und Bach;
Quellen beginnen's zu rauschen,
Was des Allmächtigen Wort verheißt;
Alle Geschöpfe lauschen
Heiligem Frühlings-Geist! –

Lerche, du Herold, himmelentsandt,
Dich will ich preisen mit Herz und Mund,
Weit durch die Welt über Meer und Land
Werde die Mähr deiner Sendung kund!
Weckst auf Erden die Triebe,
D'raus uns ein junger Morgen erblüht,
Freiheit und Lenz und Liebe
Weckt uns dein siegreiches Lied.

.

Blühen und Welken.

Von hellem Hoffen das Herz geschwellt,
Ein kecker Knabe zog in die Welt,
Daß er das Glück d'rin erjage;
Wie füllig die Kraft, sein Wünschen wie weit! –
Das war in der wonnigen Maienzeit,
Und der Weißdorn sproßte am Hage.

Wohl zog er vorüber am Haidehaus;
Die schmucke Schänkin grüßte hinaus,
Auf den Lippen manch' kosende Frage;
Der Bursch' aber hegte stolzer'n Sinn,
Halb trotzig nickt er und schritt dahin,
Und der Weißdorn blühte am Hage! – –

Das war ein Ringen, gar schwer und heiß,
Die Mühen so reich und so arm der Preis
Und so nichtig all' Sorge und Plage –
Ein leises Wehen durchzieht ihm die Brust
Von der Haideschänke verschwiegener Lust,
Von dem blühenden Weißdorn am Hage!

Und es kam der Herbst und mit ihm das Glück
»Nun freue dich, Seele, wir kehren zurück,
Wo Kummer nicht herrscht, noch Klage!«
Und da erreicht der trauliche Ort,
Das Haus ist zerfallen, die Schänkin ist fort,
Und der Weißdorn verblühte am Hage! –

»Ach, könnt' ich noch Ein's in die Welt hinaus,
Nicht zög' ich vorüber am Haidehaus –
Ich rastete Tag dort um Tage!
Derweil das Glück der Jugendmut wirbt,
Verduftet der Wein und die Liebe stirbt
Und der Weißdorn welket am Hage!«

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Hundstägliche Variationen

auf das Thema eines Sommer-Sonnenstrahles.

Was rennt das Volk, was wälzt zumal
Die Menge sich zu Berg und Thal –?
Was gab zum Aufruhr das Signal?
Was treibt in Hütt' und Krönungssaal
Das ganze Erdenpersonal
Mit eins au Fenster und Portal?
Was lenkt die Augen ohne Zahl
Zum Himmel so transzendental?:
Es hat behauptet höchst brutal
Jüngst Jemand
(– wer, ist ja egal! –)
Er habe – klingt's nicht kolossal?! –
Gesehen einen Sonnenstrahl!! –
Natürlich giebt das Mordskandal;
Der eine hält es für Geprahl,
Der And're grad' diametral,
Glaubt daran wirklich und real;
Doch seh'n will jeder wieder 'mal
Die Sonne im Original!
Ob jemand nationalliberal,
Ob radikal,
Ob klerikal,
Ob stramm loyal:
Man denkt an Politik und Wahl
Nicht mehr, nur an den Sonnenstrahl! –
Ob bei den Schwarzen in Transvaal
Man sitzt im Obertribunal;
Ob man Kommis, ob Prinzipal;
Ob man Gemahlin, ob Gemahl;
Ob mit, ob ohne Kapital,
Gehüllt in Mantel oder Shawl:
Man sehnt sich, wär's auch nur partial,
Nach einem echten Sonnenstrahl!
Der Landmann läßt sein Areal
(Das durchgeweicht schon fast total!),
Der Aichamtsvorstand sein Manual,
Worin er bucht, was dezimal;
Wer im » Express oriental«
Nach Kairo fliegt von Montreal,
Steigt aus dem Zuge – nur spezial
Um zu beseh'n den Sonnenstrahl
;
Der Schüler (vulgo: das Pennal)
Wirft den Dual und den Plural
Bei Seit', der Priester sein Missal,
Der Studio seinen »Juvenal«,
Der Architekt sein Lineal,
Der Bergmann selbst das Mineral –
Und stürmt, nach langer Regen-Qual,
Entgegen diesem Sonnenstrahl!
Der Trinker selbst im Schanklokal –
Mit seiner Nase wie Opal –
Setzt ab den schäumenden Pokal
Mit frischem Erdbeerkardinal
Und blinzelt nach dem Sonnenstrahl!
Der Astronom durch das oval
Geschliff'ne Glas blickt vertikal
Empor, und denkt: 's ist anormal …
Woher kommt wohl in dem Quartal
Ein Sonnenstrahl –?!
Der Kranke in dem Hospital,
Ob er entzündet ist bronchial,
Ob ihn der Herr Medizinal-
Rat nur traktiert mit Merkurial,
Ob still er leidet stomachal:
Sein Sehnen gilt dem Sonnenstrahl!
Der Korporal
Sieht nichts vom »Griff«, den er befahl,
Er schluckt hinunter die Verbal-
Injurie – vor dem Sonnenstrahl!
Das Fernrohr langt der Admiral
Aus dem Futteral;
Der General
Im Arsenal,
Der Leuchtturmwärter beim Fanal – –
's harrt Alles auf den Sonnenstrahl!
Vom Meeresgrund der Zitter-Aal –
Er schlängelt sich empor spiral,
Die Ratte schlüpft aus dem Kanal,
Der Angler droben auf dem Pfahl,
Selbst ein Othello, der fatal
Sonst gegen jeglichen Rival,
Erkundigt sich bei dir kordial:
Wie steht das mit dem Sonnenstrahl?!
Und sieh, vom Himmel, grau wie Stahl,
Stahl sich – zwar etwas dünn und schmal
Ein wirklich echter Sonnenstrahl!
Da bleibt der Kühlste nicht neutral …
Wie es den Ritter, fromm-feudal,
Zog mit Gewalt zum heiligen Gral,
Und wie im Märchen voll Moral
Der Schlesier zieht zum Rübezahl,
So zieht zum höchsten Ideal
Man jetzt – zu diesem Sonnenstrahl!
Die Jungfrau blond-sentimental,
Der Greis, dem schon der Scheitel kahl,
Das Kind – legal und illegal:
Sie pilgern all' zum Sonnenstrahl!
Hier hebt sich ein Sardanapal
Vom Bachanal,
Dort eilt ein Arbeitsmann vom Mahl,
Das höchst frugal,
Nur um den einz'gen Sonnenstrahl!
Im Madrigal
Besingt der Dichter ihn genial,
Und im Kuplet alsdann trivial;
Der Künstler, der instrumental,
Eint sich mit dem, der nur vokal –
Sie bringen beide kollegial
Ein Liedchen dar dem Sonnenstrahl;
Und jubelnd selbst vor seinem Kraal
Der Kannibal,
Stimmt an 'nen heidnischen Choral
Dem Sonnenstrahl!
Kurz, vom Hotel Continental
Bis hin zum » Place Palais royal« –
Lenkt das Interesse ganz zentral
Sich nur auf diesen Sonnenstrahl!
– – – – – – – – – – – –
Doch als der hört den Mordskandal
Um seinetwillen, wird er fahl,
Worauf er ängstlich sich empfahl –
Der heurig einz'ge
Sonnenstrahl!

.

Mücken-Lied.

Variationen eines Aufgestachelten über ein in der Luft fliegendes Thema.

Holder Sommer, mein Entzücken,
– Gäb' es nur nicht so viel Mücken! –
Wie du schön bist zum Berücken –
– Vorne Mücken, hinten Mücken! –
Willst die Erde bräutlich schmücken –
– Oben Mücken, unten Mücken! –
Mich auch soll dein Hauch beglücken –
Rechts zwei Mücken, links zwei Mücken! –
Und die Seele mir erquicken – – –
Himmel – Herrgott – lauter Mücken! –
Veilchen möcht' am Rain ich pflücken –
Da sitzt alles voller Mücken! –
Lauschen auf des Baumspechts Picken –
Vor dem Ohre summen Mücken! –
Möchte auf zum Aether blicken –
In das Auge fliegen Mücken! –
Möcht' im süßen Traume nicken
Auf der Moosbank – Mücken! Mücken!! –
In das Schlimmste mich zu schicken
Weiß ich; nur nicht in die Mücken!
Will ich mich zur Quelle bücken,
Schwärmen Mücken!
Eh' ich eine noch kann knicken,
Kommen tausend neue Mücken – –
Jetzt am Bein, jetzt auf dem Rücken
Spür' ich Mücken – nichts als Mücken!
An dem Hals ein freches Zwicken:
Mücken!
Auf den Armen, den Genicken
Sitzen allen Menschen Mücken!
In den Zöpfen und Perücken
Nichts als Mücken! – –
Kind in Wiege, Greis an Krücken –
Alles jammert über Mücken!
Jungfrau singt ein Lied von Kücken;
Plötzlich ein paar Dutzend Mücken
In der Kehle – muß ersticken!
Keinen Hasen sah man spicken
Je so fett – wie mich mit Mücken!
Ob von Schleiern und Baschlicken
Dicht verhüllt: Die lieben Mücken
Finden immer ihre Lücken;
Durch den Pelz selbst der Kalmücken
Dringen sie! Es wissen Mücken
Jede Kluft zu überbrücken:
Fliegen, Gnitzen, Schnacken, Schnicken,
Brems' und Hummeln haben Nücken,
Aber Mücken
Ueben noch weit ärgere Tücken! –
Auf den Buben, der die Zicken
Hütet, stürzt ein Heer von Mücken;
Alte Damen, welche stricken,
Flüchten vor der Wut der Mücken;
Selbst den Ruderer im Wricken
Hemmen bei der Kahnfahrt Mücken!
Schneider, die beim Hosenflicken,
Werden aufgezehrt von Mücken;
Selbst am Whist mit sieben Tricken
Stören uns die Freude – Mücken! –
Nicht den Dünnen, nicht den Dicken
Schonen wild gewordene Mücken;
Ihre Mörderdolche zücken
Hundert Schock Millionen Mücken;
Gleich der Zunge böser Klicken
Wirkt des Stachels Gift der Mücken –
Kurz, es geht bis in die Wicken
Mit den Mücken! – – – – –
– – – – – – – – – – – – –
Eben setzen sich zwei Mücken
Von den langen, großen, quicken,
Auf die Hand mir; jetzt in Schlücken
Saugen sie das Blut: erdrücken
Will ich euch, verdammte Mücken – –
Au, jetzt fängt es an zu jücken –
Reißen möcht' ich mich in Stücken – –
Ich komm' um vor Mücken – – –
Mücken – – – – –

.

Jubel-Hymnus.

Dem Erfinder des »mechanischen Klaviers« in stummer Dankbarkeit gewidmet.

Nun erschließet der Freude des Busens Thor,
Stimmt hellen Jubelsang an,
Daß im mächtigen Chor
Es steige empor;
Und beim Glühlichtschein
Schwinget hoch das Bein
In der Wonne unendlichem Kankan!

Heil dem Manne, der erfunden
Das » mechanische Klavier!«
In der Menschheit blut'ge Wunden
Träuft er Himmelsbalsam schier;
Alle Noth – nun muß sie enden,
Brechen aller Leiden Bann,
Wenn mit ungeübt'sten Händen
Jeder »Piano« spielen kann!

Gleich der Köchin, wenn sie das Brenzeln spürt
In dem buttergefüllten Tiegel,
Und wie sich's gebührt
Mit der Kelle drin rührt:
So im vollsten Schwung
Der Begeisterung
Quirlet bald nun die Jungfrau den Flügel!

Einer sanften Kurbeldrehung –
Mühelos bewirkt man sie –,
Danken bald wir die Entstehung
Nun der »Neunten Sinfonie«;
Wie des Auerhahns Gebalze
Froh das Waidmannsherz beseelt,
Klingt uns »Wagner« von der Walze,
Die wir fleißig eingeölt! –

Die der Satan erfand und die Hölle gebucht –
Die dunkle Geheimschrift der Noten,
Ach, oft tastend gesucht
Und noch öfter verflucht:
Mit befreiter Brust
Voll unendlicher Lust
Wirft man lächelnd sie jetzt zu den Toten!

Wo erzeugt des Schülers Panik
Sonst der heikle Fingersatz,
Griffst erlösend du, Mechanik,
Herrscherin der Neuzeit, Platz;
Um des Mißklangs Felsenriffe
Steuert uns dein schlauer Pfiff;
Statt unzähliger Fingergriffe
Wirkt Ein holzgedrehter Griff!

Es wird nimmermehr 'ne Sonate zerhackt,
Wenn der » Bechstein« erst Leierkasten,
Wo das Triebwerk packt
Stets in gleichem Takt,
Und der Schrauben Ruck
Uebt den richt'gen Druck,
Auf die widerspänstigen Tasten!

Sonst hat mit verkrümmtem Leibe
Man gespielt im Sitzen nur:
Aufrecht drehn wir nun die Scheibe –
So erschuf uns die Natur!
Daß man vor'm Klavier stets hockte,
Schädigte den Kunstgenuß:
Stehend darf's selbst der verstockte
Hämorhoidarius!

Wohl ermatteten sonst, daß Gott erbarm'!
Selbst Giganten wie Liszt oder Bülow;
Wenn, o bitterer Harm,
Ihm erlahmt der Arm,
War der größte Virtuos
Doch ein Torso blos
Gleich der handlosen Venus von Milo!

Jetzt, ob auch die Kräfte schwinden,
Tönt Klavier von früh bis spät:
Leicht läßt sich ein Dienstmann finden,
Der's erbaulich weiterdreht;
Und so weht aus dem Gedudel
Ewiger Melodienhauch –
Denn ein gut dressierter Pudel
Lernt das Drehn am Ende auch!

Ja, auf höchster Alm, auf entlegenster Flur,
In des weltfernsten Thales Stille,
Wo der Muse Spur
Lebt im Echo nur,
Wo erschallt noch nie
Eine Melodie,
Rauscht sie dann in unendlicher Fülle!

Denn dem leichtbeschwingten Schweife,
Den die Kuh so emsig wiegt,
Wird vermittelst einer Schleife
Rasch die Kurbel angefügt;
Wenn's dann Bach'sche Fugen wedelt
Selbst in Ställen eng umzirkt,
Denkt, wie dies das Vieh veredelt
Und auf's Thierreich bildend wirkt!

Bald vorbei ist die Zeit, da oft hart gequält
Uns pianofortistischer Mangel,
Und wir schmerzvoll geschmält,
Daß Musik noch fehlt
In so manchem Haus,
Und uns trieb hinaus
Unsere Sehnsucht zum tingelsten Tangel:

Jetzt wird dir die volle Sühne,
Musikalischer Daseinskampf,
Wenn erst die Klaviermaschine
Eingerichtet ist mit Dampf – –
Bis der Genius tönetrunken
Schließlich uns ein Piano schafft,
Drin elektrisch wirkt der Funken
Mit Zehntausend-Spieler-Kraft!!

.

Jammerschrei eines brotneidischen Konzert-Unternehmers.

Aermster, ich, der Impresarien,
Fleischgewordenes Requiem,
Urbild aller Trauer-Arien:
Hilft mir niemand aus der Klemm'?!
Rauschen hör' ich nah und näher
Schon die Sturmflut des »Konzerts«,
Und die Wogen branden höher
Und stets weher wird und weher
Mir um's vielgeprüfte Herz!

Von »Programm« strotzt jede Zeitung,
Von Musik tönt jeder Ort;
» Mit Instrumentalbegleitung«
Singt man hier, und » ohne« dort!
Im »harmonischen Artikel«
Auch herrscht Ueberproduktion:
Feinstes Trommelfell-Geprickel
Bietet rings sich; für fünf Nickel
Hört man Unerhörtes schon.

Aller Epigonen Bülows,
Und der Rubinstein'schen gar
Denk' ich seufzend; und gefühllos
Droht der Vokalisten Schaar!
Alle schöpfen von dem Fette,
»Solo« teils – teils »orchestral« –
Teils als »Quar-« und and're »tette« – –
Rett', o gütige Muse, rette
Mich aus der Bedrängnis Qual!

Süd- und nordwärts lauscht mein scheues
Ohr – und wendet sich enttäuscht;
Nirgend, nirgend etwas neues,
Das die andern überkreischt;
Hundertfältig: »Bratschen«, »Flöten«;
Schockweis' »Cornet-à-piston« – –
Nur Musik-Spezialitäten
Fehlen, ach, die so vonnöten
Zur Belebung der Saison!

Ros'ger schon wär' meine Laune,
Blühte mir ein Virtuos,
Der zum Beispiel die Posaune
Bliese durch die Nase blos;
Flott auch führt' mich durch die Klippen
Eines Waldhornisten Spiel,
Der geboren ohne Lippen,
Und vermittelst seiner Rippen
Dirigiert das Klappventil.

München, Wien und Panke-Babel
Lockt' ich ohne viele Müh',
Geigt ein Ohnarm mit dem Nabel
Mir die Neunte Sinfonie;
Und des Beifalls Zephirfächeln
Wüchs' empor zum Sturmesgrad,
Wenn ein Lahmer mit den Knöcheln
Klappert Siegfrieds Todesröcheln
Auf dem Cello obligat.

In der Brust ein wildes Sehnen
Tobt nach einem Künstler mir,
Der mit Back- und Schneidezähnen
Nimmt in Arbeit das Klavier;
Ja, genügend dem Bedarfe,
Den die brünst'ge Seele hegt,
Wäre selbst schon eine »scharfe
Spielerin«, die keck die Harfe
Mit des Rückgrats Wirbeln schlägt!

Wunderschnell von meiner tristen
Stimmung würd' ich auch kuriert,
Durch 'nen Bariton-Altisten,
Dem der Kehlkopf amputiert;
Was der Bühne Goeth' und Schiller,
Wäre meinem Podium er:
Alles lauschte rings mit stiller
Andacht seinem Kniekehltriller,
Und kein Plätzchen bliebe leer!

Ewiger Appoll, in Deiner
Gnade, schaff' der Bängnis Ruh:
Wär' es selbst nur ein ganz kleiner –
Führ' nen Wunderbalg mir zu,
Der – mich faßt ein Wonneschwindel –
Eine Bach'sche Fuge saugt
Aus dem Pätschchen in der Windel –
Eingesteckt in's Kissenbündel –
Und dazu die Orgel paukt!

Gieb, o heilige Cäcilie,
Was mein heiß Gebet erfleht –
Einzeln oder in Familie
Die Konzert-Spezialität!
Schlichte mein »harmonisches Düppel«:
Send' in Robe oder Frack
Ein paar musikalische Krüppel – –
Schlügen sie auch mit dem Knüppel
Tot den guten Kunstgeschmack!

.

Othello für Nervenschwache.

Aus Professor Fliedermilchs Gesundheitsdichtungen.

Manche sogenannte Shakespeare-Dramen
Sind im ganzen wenig doch für Damen,
Weil zumeist ein blut'ger Schluß-Effekt
Schwächere Gemüter tief erschreckt.

Namentlich ersieht, Gott sei uns gnädig! –
Man dies klar beim » Mohren von Venedig«,
Der, obwohl ihr Treubruch unverbürgt,
Seine Frau mit dem Plumeau erwürgt.

Eifersucht lass' ich mir ja gefallen;
Aber derlei geht doch über allen
Spaß, daß man des Gattenmordes Fluch
Auf sich lädt – blos um ein Taschentuch!

Dabei wird der Hörer wie der Leser
Unbedingt von Akt zu Akt nervöser,
Und es ist am Ende gänzlich um
Seinen Schlaf gebracht das Publikum!

Geht denn, frag' ich, nur ein Mensch deswegen
In's Theater um sich aufzuregen?
Nein; und namentlich in Zeiten nicht,
Wo die Ruhe erste Bürgerpflicht!

Dabei läßt am angeführten Orte
Oft durch eine Aenderung wen'ger Worte
Sich bewirken leicht ein besserer Schluß,
Wie er jedermann befried'gen muß.

Bleiben wir zum Beispiel bei »Othello«,
Wo er auf der Leidenschaften Cello
Ras't, das Schnupftuch fordernd mit Gewalt,
Lippe beißt und dazu Fäuste ballt!

Wenn der Mann mit wildem Augenrollen
Sich beträgt gleich einem Fiebertollen,
Scheint mir einzig richtig, daß das Weib
Möglichst ruhig und gelassen bleib'.

Schreit er: »Her den Fetzen!« – »»Liebes Thellchen,
(Muß sie unbefangen fragen): welchen?
Denn wie du dich wohl erinnerst, so
Hab' ich dreizehn Dutzend im Trousseau!«« –

Knirscht er wie ein Tiger dann beim Futtern
Durch die Zähne grimmig: » Das von Muttern!« –
Streichelt sie die Wangen ihm: »»Ach, das
Schnutchen, dies ist augenblicklich naß!««

Läßt er sich nun durch die Wut verlocken,
Es zu fordern doch – ob naß, ob trocken,
Etwa so: »Das Tuch – gleich hol' es her!
Oder, ha! Du hast es wohl nicht mehr?!« –

Dann erst spielt sie lächelnd aus ihr Trumpfaß:
»»O gewiß, mein Schatz; es liegt im Strumpf-Faß,
Wo, mit heißer Lauge überbrüht,
Es seit vierundzwanzig Stunden zieht;

»»Sieben Waschfrau'n, feuchter wie die Frösche,
Haben's grade in der großen Wäsche …
Aber wenn du willst, geliebte Maus,
Komm ins Waschhaus mit – wir suchen's raus!««

Kaum vernimmt dies Donnerwort Othello –
Eben schäumend noch gleich Montebello,
Auf die Brust fällt's ihm mit Zentnerdruck
Und vom Taschentuch – fortan kein Muck!

Kühler wird die Seele wie ein Gletscher,
In den Ohren rauscht ihm schrill Geplätscher,
Und vor Augen schwimmen – höllischer Traum! –
Trübe Wolken ihm von Seifenschaum.

Mit halblautem Angstruf: »Heil'ger Urban!«
Greift nach Säbel, Mantel er und Turban!
Eilig heißt's: »Demonchen, süßes Herz,
Weißt du, Mittags speis' ich anderwärts!

»Brauchst drum mit dem Essen nicht zu warten …
Mit den neuen Bataillons-Standarten
Laß ich üben heut Parade-Schritt – –
Den Hausschlüssel nehm' ich auch gleich mit!« –

Flüchtig küssend Augen ihr und Locken,
Macht im Sturmmarsch er sich auf die Socken –
Worauf beide athmen frei und frank
Und vier Lippen stammeln: Gott sei Dank!

Kommen läßt natürlich Desdemona
Gleich von Mailand oder von Verona
Aus dem Wäsche-Konfektions-Bazar
Solcher Taschentücher einige Paar;

Während ihm im Offizierskasino
Nach dem dritten Schoppen schon – in vino
Veritas!
– die Sache klipp und klar,
Daß sein Argwohn gänzlich grundlos war.

Somit ohne den geringsten Toten
Löst in Wohlgefallen sich der Knoten,
Und wir sehn zum Schluß – bengalisch mild
Angestrahlt – ein heiteres Gruppenbild.

Wie sich aus der Palme Mark der Sago –
Scheidet still bei Seit' der böse »Jago«,
Welcher, was der Doge streng verfügt,
Ohne Pension den Abschied kriegt.

Seine Gattin aber – Frau »Emilie«
Die durch ihn beinah geknickte Lilie,
Trägt nach Jago's letztem Bubenstreich
Mit Erfolg auf Scheidung an sogleich;

Dann vermählt sie sich mit Leutnant Cassio'n,
Der schon lange ihre stille Passion,
Und den man zum Hauptmann – in Betracht
Seiner Führung – erster Klasse macht.

Linker Hand freit auch »Rodrigo« – »Bianca'n«;
Zwar ihr Ruf war früher etwas … Kankan,
Doch des Gatten Wappenschilder Glanz
Ueberstrahlt den Fleck der Mesalliance.

Wie ein Engel hold von Rafael Sanzio
Zeigt sich endlich auch Papa »Brabantio«,
Der ernannt (was sehr die Seinen freut)
Zum Senator wird auf Lebenszeit;

Fing er früher an im Dienst zu kränkeln:
Mit den schwarz und weiß gefleckten Enkeln
Schlägt er Ball, spielt Fanchonzeck und springt
Bock sogar – was Greise stets verjüngt! – –

Wie man sieht: »Der Mohr« ist »von Venedig«
Jedes unliebsamen Beischmacks ledig,
Und paßt in der neuen Form bequem
Für das schwächste Gangliensystem!

.

Witz und Humor.

Ein Capriccio.

»Witz« ist am Himmel das Meteor,
Flammen sprüht es, und wärmt doch nicht;
Willst du vereinigt Wärme und Licht,
Wandle im Schein der Sonne »Humor«.

»Witz« ist im geistigen Blumenflor
Stolzer Kamelie duftlose Zier;
Süßesten Hauch aber spendet dir –
Arm nicht an Farbe – die Rose »Humor«.

»Witz« ist der prächt'ge Kristallpalast,
Der dir wie Demant in's Auge blinkt;
Suchst du ein wohnliches Heim: es winkt
Still der »Humor« dir zu traulicher Rast.

Wunden zu schlagen, ist jener so spitz –
Das eben ist ja dabei der Witz;
Wunden oft heilte dieser schon
Und – das ist der Humor davon!


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