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ichard Schmidt-Cabanis

Richard Schmidt-Cabanis

Mein Bildnis

für das »Erkenne-Dich-Selbst«-Album entworfen 1891.
(Noch immer sprechend ähnlich 1902.)

Meine Lieblingseigenschaften am Manne.

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Weise und weltklug, treu und bescheiden,
Kunstreich, voll Ehrgeiz, standhaft in Leiden,
Ernst und gesellig, tapfer, verträglich –
Und dann … daß dies Alles in Einem auch möglich!

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Meine Lieblingseigenschaften am Weibe.

Anmuthig, reizvoll, feurig und keusch,
Sprühenden Geistes, zu arm nicht an Fleisch,
Häuslich, voll Lebenslust, selbständig, lenkbar –
Und dann … daß dies alles in Einer auch denkbar!

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Meine Lieblingsbeschäftigung.

Mich selbst durchforschen – (ohne Fragebogen!)
Vivisezieren seelisch und ergründen – –
Um als Ergebnis leider, ach, zu finden:
Du hast Dich selber über Dich belogen.

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Meine Idee von Glück.

Ich hab' eine Karte für »Ibsen's Gespenster« –
Und Abends am Bühnen-Kassenfenster
Kündet die Aenderung ein roter Zettel:
Man giebt heut irgend 'nen Possen-Bettel.

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Welcher Beruf mir der beste scheint.

Jeder, darin man nützen kann – also jeder!
Und weshalb ich als Werkzeug grad' mir die Feder,
Grad' mir das Literatentum thät erwählen?
Weil man (nach Bismarck) ihn selbst erfüllt im Verfehlen.

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Wer ich wohl sein möchte, wenn nicht ich?

Ich wollt', ich wär' der russische Zar –
Macht' all' meine Reiche sofort zu baar
Und lebte gesichert, kühlen Verstandes,
Alsdann von den Zinsen außer Landes.

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Wann ich leben oder gelebt haben möchte.

Viel würd' ich geben –
Würd' ich gelebt in meiner Jugend haben;
Doch leider lernt man immer erst das Leben
Kurz vor'm Begraben!

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Wo ich leben möchte.

Gesundheit, Gottvertrau'n, ein fröhlich Herz –
Damit, so sagt man, lebt sich's allerwärts;
Doch werf' ich hin hier ein paar Ausnahmstrümpfe:
Sibirien und die afrikanischen Sümpfe!

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Meine Idee vom Unglück.

Ein hart Geschick: verkrüppeln und erblinden
Und früherer Tage dann im Elend denken;
Doch schlimmer weit: dein Herz für eins verschenken,
Das deiner unwert später du mußt finden!

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Mein Hauptcharakterzug.

Es hat mich jederzeit
Beseelt mit heißem Drange
Selbstunzufriedenheit – –
Erhalt' sie Gott mir noch lange!

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Meine Lieblingsschriftsteller.

Goethe, Lessing, Jean Paul dazu,
Dickens, Cervantes – nun geb' ich Ruh':
Wär ich der »jüngsten Schule« verwandt,
Hätt' ich natürlich mich selbst noch genannt!

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Mein Lieblingsmaler und -Bildhauer.

Lieblingsmaler ist mir Frau Sonne;
Sie taucht die Welt uns in Farbenwonne.
Lieblingsbildner ist mir Natur,
Schafft wahrhaft lebige Gestalten uns nur.

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Meine Lieblingskomponisten.

Herr »Lenz«, so heißt mein Komponist,
Ein besserer wohl nirgend zu finden ist;
In Wald und Feld lausche spät und früh
Ich froh seiner Frühlings-Simfonie!

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Meine Lieblingsfarbe und -Blume.

An der Rose das Rot, am Veilchen das Blau,
Eins lieb' ich wie's andere genau;
Ein Farbenspiel nur hasse ich heiß:
Wenn einer aus schwarz mir will machen weiß!

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Meine Lieblingshelden in der Geschichte.

Caesar, Napoleon und Alexander –
Ihre Thatkraft gesellt zu einander,
Eingesetzt dann für Volkswohl und Freiheit:
Das wäre so meine historische Dreiheit!

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Meine Lieblingsheldinnen in der Geschichte.

Für größte Heldinnen bei Neuen und Alten
Hab' ich von je die Mütter all' gehalten,
Die für das Vaterland geopfert ihre Söhne –
Ob auch ihr Name nicht in Heldenliedern töne.

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Meine Lieblingscharaktere in der Poesie.

»Nathan«, »Goetz« und »Marquis Posa« –
Euch vor allen will ich feiern …
Und ein bischen (dies sub rosa!)
Auch den »Don Juan« des Lord Byron.

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Meine Lieblingsnamen.

Natürlich müßt' ich hier nennen die Namen
Aller von mir geliebten Damen …
Doch giebt's zwei Gründe, weshalb das nicht geht:
's sind ihrer zu viel und 's wär' indiskret.

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Welche geschichtlichen Charaktere ich nicht leiden kann.

Die Großen, die auf Menschheitshöhen wandeln,
Und die im Wollen stark, doch schwach im Handeln,
Als Fluch auf ganze Völker Jene laden,
Was uns, den Kleinen, selber nur bringt Schaden.

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Welche Fehler ich am ersten entschuldigen würde.

Diese Frage soll mich nimmer peinigen;
Lieber Leser, ganz gewiß die deinigen,
Hältst du's ebenso dann mit den meinigen!

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Meine unüberwindliche Abneigung.

»England« auf Reisen, Wanzen, Knutenhiebe
Sind mir ein Gräul; des Glaubeshasses Drachen,
Und: die aus Werken reinster Menschenliebe
Privatgeschäftchen für sich selber machen.

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Wovor ich mich fürchte.

Sonst galt mein Bangen Geistern ohne Leiber;
Doch da man uns den Spiritismus preist,
Erzittr' ich mehr vor Leibern ohne Geist …
Und neben diesen fürchte ich zumeist
Geschminkte Weine und geschminkte Weiber.

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Lieblingsspeise und -Trank.

Champagner und Austern würd' ich mir wählen,
Sobald zu den Volksnahrungsmitteln sie zählen.

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Mein Temperament.

Cholerisch – wenn's gescheidt, abwartend sich gedulden;
Sanguinisch – wenn es klug, zu hegen kein Vertrauen;
Phlegmatisch – wenn es galt, mein Glück zu bauen
Und melancholisch – bei dem letzten Gulden.

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Mein Motto.

Dir »Unser Fritz« will ich zu folgen wagen
Und »leiden lernen« will ich »ohne Klagen«,
Und will die Pessimisten nicht beneiden,
Die klagen lernten, ohne selbst zu leiden!

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Vorreden

sind von je beliebt gewesen
Und mancher Leser sucht sie noch zur Frist;
Doch wird er lieber wohl in Büchern lesen,
Worin ihm wenig »vorgeredet« ist!

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Sonder-Vorrede zur dritten und vierten Auflage.

» Ridendo dicere verum!«
Sei, Heil'ger Horaz, mir gepriesen,
Der diese Kunst uns gewiesen!
Vor allen Wahlsprüchen diesen –
In jeder mutatio rerum,
In allem Jammer und Jerum –
Hab' ich von Herzen erkiesen
Ihn mir als heilendes Serum
Beim kräftigen Pritschenschlagen:
Mit Lachen die Wahrheit zu sagen!

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Lachende Lieder.

Thät wieder in der Walpurgisnacht
Die schlummernde Erde belauschen,
Und wie sie vom Wintertraum erwacht
Unter zaubrischem Klingen und Rauschen;

Wie ihrem Schoß voll Glanz und Duft
Sich tausend Keime entwinden …
Und gleich dem Vogel in hoher Luft
Wollt' ich das Wunder verkünden.

Doch da mir der Sang auf die Lippe kam,
Vernahm ihn der Herr Gevatter;
Darauf erhob er gleich lobesam
Sein kritisches Geschnatter:

»Was soll das geben? Ein Lied vom Mai –?
Um aller Heiligen willen,
Ist denn die alte Litanei
Noch immer nicht zu stillen?!

»Wir kennen's, daß die Knospe keimt
Und Quellen sprudeln und Bronnen,
Wir lasen ohne Maß gereimt
Die »Sonnen« und die »Wonnen«;

»Wir wissen, ›was sich der Wald erzählt‹
So aus- als innenwendig;
Wie ›Erde und Himmel sich vermählt‹ –
Man sang's uns tausendbändig!«

»Drum laß verstummen allzumal
Die Frühlingsfreudenleier –
Besinge des Lebens Leid und Qual,
Der Stoff ist besser und neuer!«

Ich aber lachte ihm ins Gesicht:
Behüt' dich Gott, Philister!
Es soll mir stören mein Singen nicht
Dein Groll – dein pessimister!

Ich grüße von Herzen die junge Welt,
Die heut uns ward geboren,
Und wem solch Gruß nicht wohlgefällt,
Thu' Watte in die Ohren!

Auf deiner Scholle knirsche du;
Mich drängt's zu fröhlichem Wandern,
Und hört meinem Lied der eine nicht zu,
So sing' ich's morgen 'nem andern!

Frei soll es steigen empor, wie wenn's
Besäße der Lerche Schwingen:
Bringt neue Rosen ein neuer Lenz,
Will ich sie neu besingen!

Ade! vergeh'n wird nur kurze Zeit,
Und uns grüßt die Sonne nicht wieder:
Doch leben werden in Ewigkeit
Der Lenz und seine Lieder!


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