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Die slawischen Länder.

In allen slawischen Ländern fehlt eine alte und tiefe, westeuropäische Kultur, überall haben die orientalischen Anschauungen vom Wesen der Frau harte Spuren gelassen. Die allgemeine Lebenshaltung des Volkes ist eine dürftige, die Frauenlöhne daher besonders elende. Die politischen Verhältnisse sind zum Teil sehr unsichere, zum Teil noch völlig unmoderne. All diese Umstände erschweren die Frauenbewegung ganz ungemein.

Rußland.

Gesamtbevölkerung: 94 206 195 Kein Bund.
Frauen: 47 772 455 Kein Frauenstimmrechtsverein.
Männer: 46 433 740  

Die russische Frauenbewegung beschäftigt sich mit der Bildungs- und Erwerbsfrage. Alle Bestrebungen, die über diesen Rahmen hinausgehen, gelten von vornherein als revolutionär und gehören in das Gebiet der so verpönten »politischen Bewegung«. Charakteristisch für die russische Frauenbewegung sind ihr Individualismus, ihre Abhängigkeit von augenblicklichen Regierungsströmungen und das kameradschaftliche Zusammenarbeiten von Mann und Frau. Alle drei Merkmale erklären sich aus dem absoluten Regiment, dem Rußland untersteht.

Unter diesem Regiment ist jede Vereinsbildung, ist jedes freie Versammlungsleben äußerst erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Die Einzelinitiative arbeitet daher für sich, Aussprechen, Diskutieren mit anderen ist wenig angängig. Erlischt die Einzelinitiative, so erlischt auch meist die Schöpfung. Es gibt in Rußland kein Vereinsleben, das Nachfolgerinnen erzieht. Berta Kes. Aus der russischen Frauenbewegung. Der Mangel an Gemeinsamkeit im Handeln führt auch zu vieler Kraft-, Zeit- und Geldvergeudung. Man macht sich Konkurrenz, ohne es zu wissen, läßt wichtige Gebiete unberührt, ohne es zu wollen. – Es ist das absolute Regiment, das jedes Bildungsstreben in politischem Lichte als umstürzlerische Emanzipation erscheinen läßt. Die Bildungsanstalten für Frauen sind ganz in der Hand der Regierung: sie werden geduldet, jedoch ein Stirnrunzeln von oben, und sie haben gelebt.

Es ist das absolute Regiment, das Männer und Frauen in der Emanzipation zu Kameraden macht; der Druck, der auf beiden Geschlechtern ruht, ist fast der gleiche. Nicht nur die Frauen besitzen weder Vereins- noch Versammlungs-, noch politisches Stimmrecht, den Männern geht es ebenso. Das hat dem Superioritätsdünkel einen Dämpfer gegeben.

Die Regierung hat nicht immer die aufklärungsfeindliche Haltung beobachtet, die sie heute zur Schau trägt. Die ersten Etappen der »Frauenbewegung« werden unter dem Einfluß der Herrscher zurückgelegt. – Obgleich in Rußland Polygamie nicht bestand, hat es sich gewissen orientalischen Einflüssen doch nicht entziehen können. So lebten die Frauen der besitzenden Klassen früher in Harems (Terem genannt), abgeschlossen von der Welt, ohne Bildung, oft ohne Erziehung, als Opfer von tödlicher Langeweile, verzückter Frömmigkeit, schleichender Krankheit, der Trunksucht.

Peter der Große griff in diese Haremswelt energisch hinein: die Terem wurden abgeschafft, der russischen Frau die Welt geöffnet. In einem rohen, ungebildeten Milieu, inmitten brutaler Begierden war die Verweltlichung der Frau nicht immer ein Gewinn für die Moral. Man improvisiert sich nicht zur Westeuropäerin.

Katharina II. sah, daß diese Emanzipation vorbereitet werden müsse, und sie schuf die » Instituts de demoiselles« für Mädchen höherer Stände. Frankreich vermittelte diese Kultur, die freilich oberflächlich genug blieb, ganz »höhere Tochter«, französisch, accomplishments und feine Manieren. Immerhin war es damals eine Tat, junge Russinnen westeuropäisch zu bilden. Die Oberflächlichkeit der »Institutka« wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts erkannt. Alexander II., die Kaiserin und deren Tante, Helene Pavlovna, waren Reformen geneigt: wer die Leibeigenschaft der Bauern aufhob, konnte auch die geistige Hörigkeit der Frau beheben.

So entstand unter höchster Protektion im Jahre 1857 das erste öffentliche Mädchenlyzeum in Rußland, ein Externat für Mädchen aller Stände. Welch eine Neuerung! Heute gibt es in Rußland über 350 dieser Lyzeen mit über 10 000 Schülerinnen. Die Programme nähern sich denen der deutschen Töchterschulen. In keinem Falle Ausgenommen das humanistische Mädchenlyzeum in Moskau. sind diese Lyzeen als klassische oder Realgymnasien, ja nicht einmal als Oberreal- oder Realschulen zu betrachten. Dieses erklärt und rechtfertigt die Weigerung der deutschen Universitäten, das Abgangszeugnis der russischen Mädchenlyzeen dem deutschen Abiturientenzeugnis gleichzustellen. Obligatorisch sind in den russischen Mädchenlyzeen: Russisch, Französisch, Religion, Geschichte, Geographie, Geometrie und Algebra-, etwas Naturwissenschaften, Tanz und Gesang. Fakultativ hingegen sind Deutsch, Englisch, Latein, Musik und Handarbeit.

Die Lyzeen der großen Städte machen die Fremdsprachen allerdings obligatorisch, doch ist dieses die Minderzahl. In den Naturwissenschaften und in Mathematik » hängt sehr viel vom Lehrer ab«. Eine Russin, die studieren will, muß auch in ihrer Heimat eine Aufnahmeprüfung in Latein bestehen.

Den ersten Versuch mit höherer Frauenbildung machten eine Zahl Professoren der Universität Petersburg im Jahre 1861. Sie eröffneten Fortbildungskurse für Frauen auf dem Rathause. Gleichzeitig wurden vom Kriegsminister, dem die Petersburger Medizinschule unterstand, eine Anzahl Frauen dort zum Studium zugelassen.

Die Reaktion begann jedoch schon 1862: man schloß die Medizinkurse und die Fortbildungskurse auf dem Rathause. Damals begann der erste Exodus russischer Studentinnen nach Deutschland und der Schweiz. 1867 bildete sich in Petersburg aber ein Verein, der unter Vorsitz von Frau Conradi die Wiedereröffnung der Fortbildungskurse für Frauen betrieb. Er wandte sich an den ersten Kongreß russischer Naturforscher und Ärzte, der das Gesuch, mit gewichtigen Unterschriften versehen, an den Unterrichtsminister sandte.

Nach drei Jahren erhielt Frau Conradi dann den Bescheid, der Minister gestatte zweijährige Kurse über russische Literatur und Naturwissenschaften für Männer und Frauen. Man nahm, was geboten wurde. Es war wenig genug; auch mußte der Verein die Unterrichtskosten tragen, aber das Recht, Prüfungen abzunehmen und Titel zu verleihen, blieb ihm versagt. Die Lehrer jedoch lehrten alle unentgeltlich im Ehrenamte. 1885 baute der Verein ein eigenes Heim für seine Kurse, die 1886 schon wieder geschlossen wurden; von neuem strömten die Studentinnen in das Ausland. 1889 wurden die Kurse wieder eröffnet (man fürchtete den Einfluß der Schweiz auf die Jugend). Die Zahl der Hörer ward jedoch auf 600 beschränkt (davon durften nur 3 Prozent nicht orthodox, d. h. jüdisch sein). Diese Kurse bestehen heute noch in Petersburg.

Den russischen Medizinerinnen blieben ähnliche Wechselfälle nicht erspart. Nach 1862 studierten sie in der Schweiz, wo Fräulein Suslowa 1867 als erste Russin, ja als erste Frau, den Doktorgrad in Zürich erhielt. Da aber der Mangel an Ärzten in den weiten russischen Ebenen ein sehr fühlbarer ist, wurden 1872 von der Regierung aus in Petersburg besondere Kurse für Medizinerinnen eröffnet (Außer dieser Anstalt gibt es nur noch »Hebeammen«- und »Feldscheritzikurse«.) Man erteilte den Absolventinnen der Petersburger Kurse jedoch nicht den Doktortitel.

Diesen gewannen die russischen Ärztinnen im russischtürkischen Kriege (1877/78), und 10 Jahre lang wurde er den Absolventinnen der Petersburger Medizinkurse verliehen. Dann wurden (1887) auch diese Kurse wieder geschlossen. Sie find erst 1898 wieder eröffnet worden.

Unter solchen Schwierigkeiten erwarben die russischen Frauen sich ihre höhere Bildung. Ihre Tätigkeit in den liberalen Berufen ist folgende: Im Elementarunterricht kommen auf 1000 weibliche Einwohner nur 13,1 Volksschülerinnen. Von zwei Millionen Volksschülern sind nur 650 000 Mädchen. Die Zahl der Analphabeten in Rußland beträgt 70 bis 80 Prozent, und der Kursus der Elementarschulen dauert auf dem Lande nur drei Jahre (fünf in den Städten).

Die Zahl der Volksschullehrerinnen beträgt 27 000 (gegen 40 000 Lehrer). Man hat den Versuch gemacht, die Landarbeiterinnen durch diese Dorfschullehrerinnen aus ihrer Dumpfheit wecken und sie in den Städten die Arbeiterinnen organisieren zu lassen. Das erscheint uns vorläufig als eine übermenschliche Aufgabe. – Nach Absolvierung des Lyzeums erhält das junge Mädchen sein Lehrerinnendiplom und darf in den vier untersten Klassen der Mädchenlyzeen unterrichten. Wer in den höheren Klassen unterrichten will, muß ein Fachexamen an der Universität ablegen. An den oberen Klassen der russischen Mädchenlyzeen unterrichten hauptsächlich Lehrer. Die russische Lehrerin braucht bei ihrer Verheiratung nicht aus dem Amt zu scheiden.

Die Ärztin hat in Rußland ein weites Feld. Auf 200 000 Einwohner kommt ein Arzt! (in Petersburg allerdings schon auf 10 000 Einwohner). Die letzte Statistik zählt 545 Ärztinnen in Rußland. 8 sind aus der Praxis geschieden, 245 bekleiden ein Amt, 292 haben Privatpraxis. – Von den 132 Petersburger Ärztinnen sind 35 in Krankenhäusern tätig, 14 im Sanitätsdienst der Stadt, 7 sind Schulärztinnen, 5 Assistenten in Kliniken und Laboratorien, 2 leiten Entbindungsanstalten, 2 Findelhäuser, 5 Privatinstitute, die anderen haben Privatpraxis. Die übrigen 413 Ärztinnen sind teils in amtlichen Stellungen tätig (173), teils in Privatpraxis.

Die Landschaftsverwaltungen (Semstwo) hatten angestellt: 26 Ärztinnen in größeren Gouvernementsstädten, 21 in kleinen Kreisstädten, 55 auf dem platten Lande. Von den übrigen 71 wirkten 18 auf Landgütern, in Krankenhäusern der Gutsbesitzer, 8 in Krankenhäusern für mohammedanische Frauen, 16 in Lehranstalten, 9 in Fabriken, 4 bei Eisenbahnen, 4 beim Roten Kreuz, usw. Die Praxis der Landärztin ist natürlich die schwerste und mindest einträgliche. Sie wird den Frauen daher gern überlassen.

Die russische Ärztin nimmt, dank persönlicher Tüchtigkeit, eine geachtete Stellung ein. Dr. N. Schulz ist Kenner für Bakteriologie und hält darüber in Petersburg sehr besuchte Vorlesungen. Dr. Pavlovskaja gründete ein Sanatorium für Schwindsüchtige; Dr. Schabanoff, Ärztin am Kinderhospital des Prinzen Oldenburg, ein Kindersanatorium in Jalta. Dr. Lavrovskaja ging mit einer ärztlichen Expedition zur Bekämpfung der Pest nach Turkestan, usw.

Die Frau ist auch als Apotheker tätig. Man zählt 400 weibliche Apotheker in Rußland. Die Vorbildung dazu eignet sie sich (gleich ihrem männlichen Kollegen) bisher in der Praxis an. Fräulein Lesnewska, Magister der Pharmazie, die in Petersburg eine eigene Apotheke gegründet hat, erhielt so viel Gesuche von Frauen um Aufnahme als Gehilfen, daß sie die Gründung einer Pharmazeutenschule für Frauen beschloß. Vorbedingungen: Kenntnis des Latein und Absolvierung der vier obersten Lyzealklassen. Dauer der Kurse zwei Jahre.

Anwalts- und Predigerberuf sind den Frauen verschlossen.

Im Handelsfach sind sie tätig, und die Handelsschulen für Frauen (dem Finanzministerium unterstellt) wurden von Finanzminister Witte sehr begünstigt. Seither sind sie dem Unterrichtsministerium unterstellt, was ihre Lehrfreiheit beschränken wird. Der landwirtschaftliche Frauenunterricht ist noch nicht organisiert. Es besteht ein Entwurf, der für sechzehnjährige Mädchen dreijährige landwirtschaftliche Kurse schafft. Der Entwurf wird von den Landschaftsverwaltungen (Semstwo) und der »Gesellschaft zur Förderung des landwirtschaftlichen Unterrichts der Frauen« befürwortet.

Die Fabrikinspektion stellt seit 1900 Frauen an. Das Justizministerium beschäftigt Frauen in beschränkter Zahl und ohne Pensionsberechtigung. Die Moskauer Landschaftsverwaltung hat sie in Kommunalämtern und als Feuerversicherungsagentinnen angestellt. Die Kiewer Semstwo hat das gleiche getan, dann aber plötzlich die Frauen wieder aus den Kommunalämtern entfernt. Seit vier Jahren bildet eine von Fürstin Liwin gegründete Anstalt Gefängnisaufseherinnen aus. Siehe den sehr interessanten Artikel von Berta Kes, Moskau, Frauenbewegung

Nicht vergessen dürfen wir die Namen zweier bedeutender Russinnen, Sonja Kowalewska, die preisgekrönte Mathematikerin, und Madame Sklodowska-Curie, die Entdeckerin des Radiums, beide ein Beweis für wissenschaftliche Frauenarbeit. Zu betonen ist auch eine allgemeine Bemerkung über die lernende, studierende Frau in Rußland: sie ringt oft mit dem bittersten Elend. Wer auf Schweizer, deutschen und französischen Universitäten studiert hat, kennt die russisch-polnischen Kommilitonen, die oft mit ein paar Zehnrubelscheinen für das ganze Studienjahr auskommen müssen. Sie sind von einer unglaublichen Anspruchslosigkeit und von einer ebenso unglaublichen Begeisterung.

Viele beginnen das Studium ungenügend vorbereitet. Unglücklichen, geschiedenen, verwitweten und mittellosen Frauen erscheint die »Universität« als ein goldenes Ziel, als das gelobte Land, und sie studieren. Unter welchen Entbehrungen – davon haben Westeuropäer kaum einen Begriff.

In Rußland selbst weiß man es besser, und die begüterten Frauen dotieren alle Lehranstalten des weiblichen Geschlechts mit Hilfskassen, Leih- und Stipendienfonds. Man hat auch Restaurants für studierende Frauen gegründet und Heime. Der »Verein zur Unterstützung studierender Frauen« in Moskau tut das mögliche, um ihrem Elend zu steuern. Siehe Berta Kes, Frauenbewegung

Die fast gänzlich unorganisierte, industrielle und landwirtschaftliche Frauenarbeit übertrifft diese wirtschaftliche Elendigkeit nur um ein weniges. Die bereits erwähnten Wiener Löhne konnten einen Vorgeschmack davon geben. In Bialystock, wo die beste sozialistische Frauenorganisation besteht, verdienen die Textilarbeiterinnen etwa 64 Pfennige täglich, wenn es hoch kommt 5-6 Mark wöchentlich. Eine geübte Tabaksarbeiterin bringt es auf 1 M. 30 täglich. Tagelöhne von 65-80 Pfennigen sind russische Industriedurchschnittslöhne für Frauen.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn in den südamerikanischen »Freudenhäusern« so viele russische Mädchen zu finden sind. Die Agenten des weißen Sklavenhandels brauchen mit ihren Versprechungen »guten Verdienstes« nicht hoch zu greifen, um willige Gefolgschaft zu finden. Siehe Dokumente der Frauen. 15. April 1900 Seit 1897 besteht in Petersburg ein Arbeiterinnenklub.

Die Rechtslage der Russin ist insofern eine günstige, als das gesetzliche Güterrecht die Gütertrennung ist. Die russische Ehefrau verfügt also über ihren Erwerb, ihre Ersparnisse und ihr Vermögen. Als einen Rest des Dorfkommunismus und des Feudalwesens muß man die Ausübung des kommunalen Stimmrechts durch die russischen Steuerzahlerinnen und Grundbesitzerinnen betrachten. Auf dem Lande stimmt die Frau als »Haushaltsvorstand«, wenn der Mann abwesend oder verstorben ist. Sie erhält dann auch ihren Anteil am Gemeindeacker. Sie stimmt persönlich. In den Städten stimmen die Hausbesitzerinnen und Steuerzahlerinnen durch Bevollmächtigten. Die Großgrundbesitzerinnen stimmen (wie in Österreich) auch für die Provinziallandtage. Die Moskauer Semstwo hat sich auch für das passive Wahlrecht der Frauen ausgesprochen, die Regierung sich hierzu aber noch nicht geäußert.

Tschechisch-Böhmen und Mähren.

Gesamtbevölkerung: etwa 5 500 000. Kein Bund.
Auch hier überwiegt die Zahl der Frauen. Kein Frauenstimmrechtsverein.

Die Frauenbewegung wird vom nationalen Standpunkt aus unter den Tschechen sehr gefördert. Die Frau ist der beste Apostel und die gebildete Frau der wertvollste Bundesgenosse. Bei der nationalen Propaganda ist den Frauen ein Platz an der Seite der Männer eingeräumt, die Namen der tschechischen Patriotinnen sind in aller Munde. Hätten die deutsch-österreichischen Liberalen ihre Frauen für Liberalismus und Deutschtum in dem gleichen Maße zu begeistern verstanden, sie wären heute nicht so hart bedrängt. – In billigen, aber gutorganisierten Pensionaten werden die tschechischen Mädchen (auch gerade Landmädchen, Pächter- und Bauerntöchter) in nationalem Sinne erzogen. Ein Institut wie die » Wesna« Der Lenz. in Brünn ist ein Zentrum nationaler Propaganda.

Prag besitzt gleich Brünn ein tschechisches Mädchengymnasium neben dem deutschen. Es hat eine tschechische Hochschule neben der deutschen. An ersterer promovierte kürzlich der erste weibliche Doctor philosophiae, Fräulein Babor.

Die Arbeiterinnenverhältnisse in Tschechisch-Böhmen und Mähren sind wenig von den galizischen verschieden. Das Los der Arbeiterin ist, besonders in bestimmten Kohlenrevieren, ein elendes. Dem Ausspruch eines dortigen Kassenarztes zufolge wechseln dort Hunger, Branntwein und Schläge.

Galizien.

Gesamtbevölkerung: etwa 7 Millionen, teils Polen, teils Ruthenen.
Die Zahl der Frauen überwiegt.

Unsäglich traurige Zustände, mittelalterlich, orientalisch, ungeheuerlich. Wer Emil Franzos' Werke las, kennt sie. Die Wiener Enquete über Frauenarbeit hat eine ähnliche Enquete in Lemberg nach sich gezogen. Es ergibt sich daraus, daß die meisten Frauen von ihrem Erwerb nicht leben können. Am tiefsten in der Lohnskala stehen die Konfektionsarbeiterinnen: 2-2½ Gulden (3,20-4 M.) monatlich im Anfang, 8 bis 10 Gulden später. Das macht 12-16 Mark. Mädchen, die im Haus auf Arbeit gehen, verdienen, bei voller Kost, 80 Pfennige bis 1 Mark pro Tag. In der Wäschekonfektion verdient eine gute Arbeiterin bis 1 Mark 60 täglich, bei sechzehnstündiger Arbeitszeit.

Eine Modistin verdient im Anfang 2-4 Gulden (3,20 bis 7 Mark) monatlich, später 10 Gulden (16 Mark) Die Handschuhindustrie bietet (in der Hausindustrie) bei angestrengter Arbeit einen Wochenverdienst von 6-8 Gulden. In Waschanstalten verdienen Frauen bei vierzehnstündiger Arbeit täglich 80 Kreuzer (1 Mark 20) ohne Kost. In Druckereien und Buchbindereien sind Frauen Hilfsarbeiter. Sie erreichen in ersteren bei 9½ stündiger Arbeit von 2 bis 14 und 15 Gulden (3,20 bis 23, 24 Mark) monatlich, in den letzteren bis 16 Gulden den Monat.

In Lemberg wie in Wien sind Frauen Ziegelarbeiterinnen und Maurergehilfinnen (zehn- bis elfstündige Arbeitszeit, Tagelohn 40-60 Kreuzer [60 Kr. = 1 Mark] täglich). Abhilfe durch Organisation ist noch nicht versucht. Die Enquete hat sich bisher nur auf christliche Arbeiterinnen erstreckt. Welch Elend mögen die Ghetti da verbergen!

Von einer industriellen Arbeiterinnenbewegung ist in Galizien noch nicht die Rede. Von dem platten Lande geht die »Frauenbewegung« in die Städte, d. h. in das Fanggarn der Agenten für Mädchenhandel. Frauen, die Tagelöhne von 40, 60 und 80 Pfennigen beziehen, lassen sich leicht durch Versprechungen höheren Lohnes blenden. Die Unbildung unter dem Volk (Ruthenen und Polen) ist eine nach westeuropäischen Begriffen grenzenlose: die Volksschulen sind zu 69 Prozent einklassig. 238 Schulen sind aus Mangel an Gebäuden oder Lehrern geschlossen. Im Jahre 1897 waren 336 000 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren (von rund 923 000) ohne jeden Schulunterricht geblieben. Von 4164 Lehrern waren 139, von 4159 Lehrerinnen 974 ohne jede Qualifikation! Das Minimalgehalt beträgt 500 Kronen (400 Mark).

Frau Dr. Daszynska und Frau Kutschalska Reinschmidt, Krakau, sind Vorkämpferinnen der Frauenbewegung in Galizien. Frau Kutschalska lebt abwechselnd in Warschau und in Krakau.

In Russisch-Polen ist ihre Tätigkeit eine beschränktere, da dort keinerlei Vereinsgründungen gestattet werden. Ein Asyl für Lehrerinnen, eine Darlehnskasse für Lehrerinnen, eine Kommission für Frauenarbeit sind die äußeren Betätigungen der polnischen Frauenbewegung in Warschau.

Der Arbeitsmarkt ist dort für die gebildete Frau ein besonders enger: vom Staatsdienst ausgeschlossen, drängen auch die gebildeten Polen vielfach in den Lehrberuf, und der Polin bleibt dort nur wenig Raum. Um so mehr, als der Besuch der Universität Warschau ihr nicht gestattet ist. – Weit günstiger liegen die Dinge für die gebildete Frau in Galizien. Dort sind ihr die Universitäten Krakau und Lemberg geöffnet. In beiden Städten und in Przemysl bestehen Mädchengymnasien. In Österreichisch-Polen steht auch der Gründung von Frauenvereinen nichts im Wege. Es gibt daher Klubs und Lesezirkel für Frauen, und vor etwa vier Jahren hielten die Polinnen einen großen Frauentag in Zakopane.

Die galizische Steuerzahlerin ist Kommunalwähler, die Großgrundbesitzerin auch Landtagswähler.

Die slowenische Frauenbewegung. Dokumente der Frauen. 15. November 1901

Gesamtbevölkerung: 1 176 672.
Die Zahl der Frauen überwiegt.

Sie steht in den ersten Anfängen, angeregt durch Zofka Kveders »Mysterium der Frau«. Zofka Kveders Devise ist: »Sehen, wissen, verstehen. – Die Frau ist ein Mensch.«

Zofka Kveder hofft, die Zeitschrift »Slovenka« in eine Revue für Frauenrecht umzugestalten. Eine südslawisch-sozialdemokratische Bewegung sucht die Frauen gewerkschaftlich zu organisieren. Das ist ihr bisher bei den Idrianer Spitzenklöpplerinnen gelungen. 70 Prozent aller Arbeiterinnen können von ihrem Erwerb nicht leben. Im landwirtschaftlichen Beruf verdienen sie 70 Heller (0,55 M.) täglich, in der Konfektion 30 Heller (0,24 M.) für 36 Knopflöcher, 1 Krone 20 (1 M.) für ein Dutzend Hemden.

Rumänien und Bulgarien.

Rumänien: Gesamtbevölkerung: 5 912 520 Kein Bund.
Frauen: 2 917 624 Kein Frauenstimmrechtsverein.
Männer: 2 994 896
       
Bulgarien: Gesamtbevölkerung: 2 641 335.    
  Frauen: 48,8 %    
  Männer: 51,2 %    

In beiden Ländern herrscht unter den bürgerlichen Frauen ein lebhaftes Bildungsbestreben. Das Unterrichtswesen ist in den letzten Jahren reformiert, höhere Mädchenschulen und Mädchengymnasien sind gegründet, die Universitäten den Frauen erschlossen worden. Der Lehrberuf ist ihnen in beiden Ländern eröffnet, der des Anwaltes und Arztes in Rumänien.

Die Rumäninnen studieren häufig in Paris, die bulgarische Universität Sofia zählt 90 immatrikulierte Studentinnen.

In Bulgarien besteht ein 35 Vereine umfassender Frauenbund (der dem International Council aber nicht angehört). Er verfolgt die Hebung der Frauenbildung, der Frauenarbeit und die Friedensbewegung. Gründung einer Frauengewerbeschule, Zulassung der Frauen zum Post- und Telegraphendienst und zum Apothekerberuf sind die Hauptprogrammpunkte. Der Bund hat auch gegen die Reglementierung der Prostitution protestiert.

Die Arbeiterinnenverhältnisse sind nicht besser als die galizischen. Der Mädchenhandel rekrutiert sich reichlich in den Balkanländern, und die fortdauernde Kriegsgefahr beeinträchtigt jede erfolgreiche Frauenbewegung.

Griechenland. Ich schließe Griechenland mit seiner analogen Entwickelung an.

Gesamtbevölkerung: 2 433 806 Kein Bund
Frauen: 1 166 990 Kein Frauenstimmrechtsverein
Männer: 1 266 816  

Die griechische Frauenbewegung betätigt sich vorläufig auf dem Gebiet der Philanthropie und Erziehung. Ihre treibende Kraft ist Madame Kallirhoe Parren (Delegierte in Chicago 1893 und in Paris 1900).

Es gelang Madame Parren 1896 einen Verband griechischer Frauen zu gründen. Der dem International Council aber nicht angehört. Die Königin Olga übernahm den Vorsitz.

Der Verein hat fünf Sektionen.

1. Die nationale. Er leistet auf diesem Gebiete die Dienste unseres »Vaterländischen Frauenvereins« und hat 1897 im türkisch-griechischen Krieg lebhaft und unermüdlich gearbeitet, vier Hospitäler an der Grenze, eins in Athen gegründet. Die Pflegerinnen gehörten den besten Familien an, die Leiterinnen waren Dr. med. Marie Kalapothaki und Dr. med. Vassiliades.

2. Die Erziehungssektion. Vorsitzende Frau C. Lascarides, ausgezeichnete Pädagogin und Lehrerin. Die Sektion gründet Kindergärten, hat ein Kindergärtnerinnenseminar und Kurse für Turnlehrerinnen eröffnet. Elementarschulen bestehen für Knaben und Mädchen. Die höheren Mädchenschulen sind Privatanstalten. Die erste wurde von Dr. Hill und seiner Frau, zwei Amerikanern, gegründet. Die Vorbereitung auf die Universität ist fakultativ und privat. Die Universität Athen läßt die Frauen seit 1891 zu.

3. Die Sektion für Haushalts- und Fortbildungsschulen sucht das außerhäusliche Arbeitsgebiet der Frauen zu vergrößern und sie gleichzeitig besser auf ihren häuslichen Beruf vorzubereiten. Von 150 Schülerinnen haben 100 Freistellen. Die Bestrebungen dieser Sektion sind durchaus zeitgemäß. Der Daseinskampf ist für die Griechin ein sehr schwerer, und sie kämpft noch mit einer Rückständigkeit der öffentlichen Meinung, die in Nordeuropa schon überwunden ist. Davon gibt folgende Notiz einen Beweis: »Von Fräulein Aurora Drakopoulos ist ein in der gesamten griechischen Frauenwelt freudig begrüßter Vorschlag ausgegangen. Bei den immer höher werdenden Preisen der Lebensmittel in Griechenland, dem sich immer bitterer gestaltenden Kampf ums Dasein ist es den Familienvätern häufig unmöglich, all den an sie gerichteten Ansprüchen zu genügen. Gewiß hätte bisher manche griechische Frau, manches junge Mädchen gern auch etwas durch ihrer Hände Fleiß verdienen mögen. Aber dies gilt im schönen Hellas nun einmal in Kreisen, die etwas auf sich halten, für durchaus unschicklich. Nun hat Fräulein Drakopoulos den Gedanken angeregt, im nächsten Herbst eine Ausstellung weiblicher Arbeiten in Athen zu veranstalten. Es würde dabei die allerstrengste Diskretion walten und die Einsendungen sollen, nur durch Nummern bezeichnet, zum Verkauf kommen. Alles, was eine Frau nur immer herzustellen Lust hätte, wäre willkommen. Man darf gewiß sein, daß diese Ausstellung, für die schon Räumlichkeiten gemietet sind, sehr reich beschickt sein wird.«

Die gewerbliche Sektion hat auch ein Arbeiterinnenasyl geschaffen, Madame Soutzo unterstützt es aus eigenen Mitteln.

4. Die Sektion für Hygiene hat unter Leitung von Dr. Kalapothaki eine orthopädische und gynäkologische Klinik organisiert, hält Kurse über Kinderpflege und sorgt für Wöchnerinnenpflege.

5. Die philanthropische Sektion gibt armen anständigen Mädchen Aussteuern. – Madame Parren leitet seit 18 Jahren eine Frauenzeitschrift in Athen.


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