Autorenseite

 << zurück weiter >> 
Buchschmuck

Anastasios der Byzantiner.

Trauergesang

um die Eroberung Konstantinopels durch die lateinischen
Kreuzfahrer i.J. 1204.

Griechisch

Meine Seele steht in Sorgen,
Von der Heimat abgetrennt
Schaut sie klagend aus nach Morgen,
Nach dem teuren Orient.
Ach, mit jedem Tage bringt er
Neu uns Helios goldne Fahrt,
Neu mit jedem Tage zwingt er
Mir die Träne in den Bart.

Traure, stolze Meeresveste,
Marmorherrliches Byzanz,
Rauchgeschwärzt steht der Paläste,
Steht der Kirchen alter Glanz;
Bild und Kunst, geliebt von allen,
Sinkt gestürzt von wildem Troß;
In der Themis Säulenhallen
Schirrt des Franken Knecht sein Roß.

Edelstein von altem Schnitte,
Flötentönig Griechenwort,
Griechenschönheit, Griechensitte,
Fleuch den schwer entweihten Ort!
Ueber Hellas Epigonen
herrscht ein Volk barbarenhaft,
Das mit rohem Speck und Bohnen
Sich die feinste Mahlzeit schafft.

Anmerkung:

Nun daß der Lateiner Flammen
Stadt und Staat und Reich zerstört,
Soll mein Sang auch die verdammen,
Die dem Unheil nicht gewehrt.
»Mene Tekel!« längst geschrieben
Stund's wie zu Belsazars Zeit,
Doch wir trieben mit Belieben
Altgewohnte Schlechtigkeit.

Vom Komnenkaiserthrone
Grinste Mord, Verrat und Trug
Und an Szepter und an Krone
Haftet's wie ein alter Fluch:
»Heut von Siegesglanz umflossen,
Diademgeschmückt das Haupt,
Morgen ins Exil gestoßen
Und des Augenlichts beraubt.«

Treu und Männertugend schwanden;
Wie der Herre, so der Knecht!
Kirchhofstill war's in den Landen,
Der Erfolg galt für das Recht;
Stummer Dienst war nur gelitten,
Freien Sinn schlug Haft und Bann,
Wer nicht Sklave, nicht verschnitten,
Galt nicht für den rechten Mann.

Priester, Gottes Wort zu künden,
Sahst du Tausende im Amt,
Keinen, der der Mächt'gen Sünden
Je mit einem Wink verdammt.
Zungendreschen, Backen blähen,
Fett auf fetten Pfründen ruhn,
Wort verdrehen, Zwietracht säen,
Ketzerspähen war ihr Tun,

Ihr auch, die mit Richterhänden
Der Gerechtigkeit gepflegt,
Ward in euren Pergamenten
Je ein Segenskeim gehegt?
Paragraphen, Kommentare
Habt zusammen ihr geflickt,
Bis das Recht, das ewig wahre,
In der Tinte lag erstickt.

Mit des Landes Wehr und Waffen
Wurden Söldner angetan,
Und zu Laffen und zu Affen
Wuchs der Hauptstadt Volk heran;
Dich, mein süßer Pöbel, mein' ich,
Der das Schrei'n so gut versteht,
Aber dem, was rauh und steinig,
Sorgsamst aus dem Wege geht.

Pflaster treten, zierlich schlendern,
Das war euer hoher Mut,
Ach! in seidenen Gewändern
Saß im Zirkus sich's so gut.
Habt auf weichen Lotterbetten
Euch fürs Vaterland geregt,
Traget denn die Eisenketten,
Drein des Franken Faust euch schlägt!

Was die Väter schon gesündigt,
An uns Enkeln ward's gerächt,
Alle waren wir verwindigt,
Alle angefault und schlecht.
Lindre, Meerwind, mir den Kummer,
Läutre mich, o Sonnenstrahl,
Denn auch ich bin eine Nummer
In der ungeheuren Zahl!


 << zurück weiter >>