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Buchschmuck

Berlt der junge,

Herrn Walters von der Vogelweide Singerknab.

Die Waldrast.

Jetzt will ich auch ein Singen tun,
So gut sich's mag verleiden,
Ich bin eines guten Mannes Garzun
Und darf ihn oft begleiten.
In frischer Summermorgenzeit
Wie hebt mein Fuß sich balde!
Herr Walter von der Vogelweid',
Mein Meister, fährt zu Walde.
        Ich halt ihm Wacht und wehre,
        Daß keiner ihn verstöre.

Die Steinwand an dem Felseneck,
Wo Pfriem' und Ginster ranken,
Beut ihm ein sicher Waldversteck
Zur Birschjagd auf Gedanken:
Den Wipfel hoch die Tanne hebt,
Im Winde schwankt die Birke,
Und Gottes goldne Sonne schwebt
Still über dem Bezirke;
        Ein harziges Gedüfte
        Durchwogt die warmen Lüfte.

Den Jagdspeer in den Grund er stößt
Vor einem dunkeln Steine,
Drauf setzt er sich im Moose fest
Und decket Bein mit Beine. Ich saz uf eime steine
und dahte bein mit beine,
dar ûf sast ich den ellenbogen;
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.

Walter von der Vogelweide, ed. Wackernagel p. 8.
Der Zeigefinger ruht am Mund,
Das Haupt seh' ich ihn senken,
... Er will in früh'ster Morgenstund'
Ein neues Lied erdenken;
        Des Waldes gute Geister
        Umschweben meinen Meister.

Sein Auge strahlt, die Lippe lacht...
Gut heil! es will ihm glücken.
Jetzt schnalzt die Hand und löset sacht
Die Fiedel von dem Rücken.
Ersonnen ist's! Hei Tandaradei!
Wer treulich sucht, muß finden.
Frischauf, die neue Melodei
Der Welt alsbald zu künden!
        Er singt und fiedelt Töne
        Von fremder, süßer Schöne.

Zu allen Wipfeln dringt der Schall,
Fink, Zeisig und Galander,
Singdrossel, Lerche, Nachtigall,
Die rücken zu einander;
Der Habicht läßt sein heiser Schrei'n,
Der Milan hält im Schwirren,
Der Grünspecht stellt sein Hämmern ein,
Die wilde Taub' ihr Girren;
        Sie lauschen lang und länger
        Dem tugendlichen Sänger.

Zieht er von dannen, bleibt im Moos
Sein Lager platt gedrücket,
Dann kommt der Vögel ganzer Troß
Neugierig nachgerücket;
Sie heben um den Dichterort
Ein hüpfen, Tanzen, Springen;
Sie wetzen ihre Schnäbel dort,
hellauf ertönt ihr Singen:
»Das war ein Mann, der's besser kann,
Als wir im Federkleide.
        Hei Sang und Ton! – daß Gott ihm lohn'
        Solch süße Vogelweide.« Vergl. Carmina burana p. 117.

Inter haec sollemnia
communia
alterno motu laterum
lascive iactant corpora
collata
nunc occurrens, nunc procurrens
concio pennata
Mergus aquaticus, aquila munificus
bubo noctivagus, cygnus flumineus,
phenix unica,
perdix letargica, hirundo domestica,
columba tutifona, upupa galligera.
anser sagax, vultur edax,
psittacus gelboicus, milvus girovagus
alandula garrula, ciconia rostrisona.
His et confimilibus
paria funt gaudia,
demulcet enim omnia
haec concors confonantia.

Des Meisters Geheimnis.

1. Vorbericht.

Nun leih mir ein geneigtes Ohr
Vertraute Frauenrunde,
Von Liedern, die euch nie zuvor
Erfreuten, bring' ich Kunde:
Auch ihnen schuf einst Ton und Wort
Mein teurer Meister Walter,
Doch keinem gönnt er Rang und Ort
In seinem Liederpsalter,
        Er will sie nicht mehr kennen
        Und hieß mich sie verbrennen.

»Nach Deutschland komme, wer noch gehrt
Der reinen Zucht und Minne,
Da ist ihm Wonne viel gewährt –
Lebt' ich nur lang darinne! Tiusche man sint wol gezogen,
rehte als engel sint diu wîp getân.
swer sie shilet, derst betrogen;
ich enkan sîn anders niht verstân.
Tugent und reine minne
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant, da ist wünne vil.
lange müeze ich leben dar inne!

Walter p.16
So singt er heut und darum soll
Sein andrer Sang nicht gelten,
Daß nicht die Merker neidesvoll
Am eignen Wort ihn schelten,
        Denn die gepriesne Gute
        Ist nicht von deutschem Blute.

Wir gasteten bei Hornungsfrost
Fernab im Delfinâte;
Dort fand er seinen Wintertrost
Im Schloß zu Pietrelâte:
Ein kaltes Fieber stieß ihn an
Mit schwerer Kopfsinnierung,
Die Burgfrau pflag den siechen Mann
Mit Spruch und Arzenîerung,
Ei war' bei solchen Pflegen
Gern ewig krank gelegen.

Wir schifften dann im Sonnenglanz
Zur Rhodanhauptstadt Arle,

Wo einst den Sieg von Alischanz
Gewann der Kaiser Karle,
Schmuck steht drin heil'gen Trophimus
Ein Münster aufgerichtet:
Dort ward am Marmorportikus
Das Kirchganglied gedichtet
        Und ihr am frühen Morgen
        Mit List ans Kleid verborgen. Vergl. Meister Hadloup bei v.d. Hagen, Minnesinger II.
p. 278.

ich nam ir ahte
in gewande als ein pilgerin,
so ich heinlichste mahte
do sie gienc von mettin
do hate ich von sender klage
einen brief, daran ein angel was,
den hieng ich an sie, daz was vor tage
daz sie niht wisse daz.

Was sie erwidert, weiß ich nicht
Und lügen wäre sündlich,
Von vielem mangelt Schriftbericht,
Denn viel geschieht nur mündlich.
Doch als wir spät mit schwerem Mut
Des Scheidens Pein erlitten,
Sang er das Lied vom Fingerhut,
Da wir im Elsaß ritten,
        Und blickte unter Tränen
        Südwärts mit vielem Sehnen.

... O Angesicht! ... nie lag ein Glühn
Von Rosen drauf ergossen,
Oft kam ein Hauch wie Meeresgrün
Zum Lilienweiß geflossen.
Und wenn sie wallenden Talars
Den Säulenhof durchrauschte
Und sich die Fülle dunkeln Haars
Feucht um den Nacken bauschte,
        Dacht' ich mit süßem Grauen
        Ein Meerweib Meriminne – merwîp – merfrouwe, vergl. J. Grimm, deutsche Mythologie I. 104. zu erschauen ...

Vernehmt nun, was Herr Walter scheu
Aus seinem Buch verbannte,
Und sprecht, bin ich ihm ungetreu.
Daß ich es nicht verbrannte?
Das beste Lob der deutschen Art
Und eurer schmucken Jugend
Ist – daß er andrer Meinung ward
Trotz so viel fremder Tugend,
        Nur Uebung im Vergleichen
        Lehrt, wem der Kranz zu reichen!

2. Wintertrost.

Harr aus, mein schwerverdüstert Haupt,
Brich der Betäubung Schlummer!
Seufzt rings der Wald auch kahlentlaubt
Und Busch und Heide winddurchschnaubt:
Wer an des Maien Siegkraft glaubt.
Den zwingt nicht Not noch Kummer.

Die Herrin spricht: O Gast, dich neckt
Ein kühner Dichterglaube ...
Im Siechenstuhl dein Leib sich streckt,
Froh, daß er in der Wildschur steckt,
Froh, daß ihm Haupt und Ohren deckt
Die warme Fuchspelzhaube.

Ich aber späh' der Sonne nach
Und deut' empor zum Turme:
Auch ihm umlagert Wall und Dach
Schneelast. Doch hoch im Eckgemach
hält sich der Wächter warm und wach
Und singt im Wintersturme.

Stark schallt sein Abendlied und rein
Wie Trostwort guter Geister:
»Laßt Eis sich zapfen, Flocken schnei'n,
Um Ostern rückt Entsatz hier ein,
Dann fliehn die Raben querfeldein,
Dann sind die Lerchen Meister!

Dann grünt der Schilf, dann taut der See,
Gekräust vom lauen Winde ...
Und blüht das Tal und blüht die Höh,
Entbieten wir dem letzten Weh
Den Frühlingskriegsruf Tandaradeh! ... tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.
Und tanzen um die Linde.«

3. Kirchgang.

Ach, ich kann nicht fürder leben
Ohne deiner Augen Licht,
Finstre Nacht will mich umgeben,
Schau ich dich, o Herrin, nicht.
Wie die Blumen sich erquicken
An des Morgens Tau und Schein,
Richtet sich an deinen Blicken
Neu empor mein welkes Sein.

Ja, dein Aug' ist meine Sonne
Und im Schatten lieg ich krank,
Deine Blicke sind mir Wonne,
Sind mir Labsal, Speise, Trank.
So ich früh dir nicht begegnet,
Hat des Tags der Valant Macht!
Dann ist mir mein Weg gesegnet,
Wenn dein Lächeln mir gelacht.

Sonntag ist's – Zum Münster rufen
Alle Glocken mit Geläut,
Doch nur an des Haupttors Stufen
Führet mich der Kirchgang heut;
Als ein Bettler will ich stehen
In der andern Bettler Schwarm,
Daß sich im Vorübergehen
Meine Herrin sich erbarm'.

Hei! der Bischof predigt lange
Und zur Kurzweil zähl' ich mir
Alle Heiligen im Gange,
Aller Säulen Bildwerkzier:
hagre, magre Steingestalten ...
Sechsunddreißig mögen's sein ...
Noch was schiert die alten, kalten
Patriarchen meine Pein?

Orgeltöne nun verhallen
Und es schweigt der Sänger Chor,
Nun die Beter heimwärts wallen,
Zeigst du endlich dich am Tor;
Heischend strecken ihre Hände
Lahme, Krumme, Sieche her ...
Jeder heischt die Sonntagspende,
O entlaß auch mich nicht leer.

Würdige meines Daseins Oede,
Ach, nur eines – eines Blicks,
Dem, wie leiser Morgenröte,
Ahnung inwohnt lautern Glücks ...
Sieh mich sehnend stehn und beben,
Hohe Frau .. und zürne nicht ...
Ach, ich kann nicht fürder leben
Ohne deiner Augen Licht!

4. Fingerhut.

An einem heißen Sommertag
Stach mich die Sonne vom Pferde,
Daß ich in einem Waldtal lag
Auf schattenkühler Erde;
Moosflechten umspannen das Trümmergestein
Der Schlucht als samtgrüner Rahmen,
Eine einzige Blume blüht am Rain,
Fingerhut hieß sie mit Namen.

Als ich die Purpurglöcklein sah
Am hohen Stengel erschwanken,
Viel große Verträumnis mir geschah
Und Wirrwarr aller Gedanken;
Und all mein Sinnen ward seligen Muts
Und alle Sorge geringer:
Ich dacht' eines andern Fingerhuts,
Der schmückte den schönsten Finger.

Der Finger gehört der schönsten Hand,
Die Hand der schönsten der Frauen,
Die je in des Königs von Frankreich Land
Ein Troubadour durft schauen;
Sie weilt zur Stund in der Stadt Paris
In hohen Züchten und Ehren:
Mög' ihr der heilige Dionys
Stets Heil und Saelde gewahren.

Denn jene fingerhuttragende Hand
hat den schönsten Gürtel bereitet,
Den je ein Ritter als Minnepfand
Dem Waffenlock übergespreitet;
Ein Efeublatt ist dareingewirkt
Mit der feinsten, seidenen Masche;
Kennt ihr den Sinn, den Efeu birgt?
»Je meurs ou je m'attache!«

Und wem sie den Gürtel zu eigen beschert,
Das hat kein Späher erfahren,
Der Packsattel dort auf dem grasenden Pferd
Weiß manch Geheimnis zu wahren ...
... hei, schönste der Frauen, hei, schönste Hand,
Hei, Hütlein am schönsten der Finger!
Nun sagt, ihr Blumen am Bachesrand,
Bin ich nicht ein seliger Singer?

5. Nachwehen.

Oh weh, mein Gang ward Frühlingsgang,
Nun helft, ihr Frau'n, und schlichtet!
Was ich von welscher Fahrt euch sang,
Dem Meister ward's berichtet.

»Mein Tun und Denken sollst du streng
Wie Beichtgeheimnis wahren
Und nicht mit frechem Zubehäng
Dem Fürwitz offenbaren.

Wart, Tönedieb, ich bläu' dir's ein
Mit ungebrannter Asche,
Du übermütig Singerlein,
Du Gauch, du Plaudertasche,

Du Naseweis, du kecker Lapp,
Du treuvergessen Sühnlein,
Du Guggaldei, du Blippenplapp, Vergl.

Rüedelîn, dû bist ein iunger blippenblapp;
dû muost dînen vater lâzen singen.
er wil sîne höveschheit vüeren in sîn grap:
de müest dû dich mit verlornen dingen.
er wil selbe dienen sîner frouwen:
dû bist ein viereggôt bûr, des muost dû holz an eime raine houwen.

Ulrich von Singenberg, ed Wackernagel p.249.
Du liederfalsch Garzünlein!«

So schalt der Meister im Verdruß,
Da bin ich ihm entwichen...
Oh weh!... er kommt mir auf dem Fuß
Unsänftlich nachgeschlichen.

Schon steht er an des Wäldleins Höh'...
Jetzt biegt er in die Hecken...
Oh weh und immer mehr o weh: ... iemer mêre owê! ...
Er schneidet Haselstecken!

Sein Arm ist stark, sein Zorn ist groß,
Helft, helft, ihr schönen Frauen!
Bergt ihr mich schützend nicht im Schoß,
So werd' ich durchgehauen.


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