Eduard Trautner
Tagebücher der Henker von Paris - Zweiter Band
Eduard Trautner

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Meine eigenen Erinnerungen

Meine erste Hinrichtung

Seit meiner Heirat hatte ich es auf mich genommen, meinen Vater bei den wenigen stattfindenden Hinrichtungen zu begleiten, war jedoch ein stummer, untätiger Zeuge am Fuße des Schafotts geblieben, nicht ohne mit lebhaftem Widerwillen zu kämpfen; eine tätige Rolle hatte ich bei diesen blutigen Schauspielen bisher nicht übernommen. Ich muß übrigens gestehen, daß dies mein Vater ebensowenig getan; er hatte mich nicht getäuscht, als er mir sagte, die Gehilfen seien fast die einzigen handelnden Personen und der Scharfrichter sei darauf beschränkt, die Handlung zu leiten und zu beaufsichtigen, ohne selbst Hand anzulegen.

Auf diese Weise hatte ich als Zuschauer am 2. Februar 1816 der Hinrichtung eines Unglücklichen beigewohnt, eines gewissen Magloire, welcher das erste Opfer der Prevotalhöfe wurde. Eine seltsame Gerichtsbarkeit, die, wenn sie länger tätig gewesen wäre, das Gegenstück zu dem Revolutionstribunal gebildet haben würde.

Magloire war überwiesen, auf der Straße von Paris nach Saint-Denis einen nächtlichen Raub mit bewaffneter Hand versucht zu haben, und wurde von dem Prevotalhofe des Seinedepartements zum Tode verurteilt und binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet. Der Gedanke an eine so schnelle und unverzügliche Gerechtigkeit erregt Schaudern.

Ich war auch Zeuge der Hinrichtung der: Pleignier, Carbonneau und Tolleron, die wegen einer Verschwörung gegen das Leben des Königs Ludwig XVIII. zum Tode der Vatermörder, durch Abhauen der Hand verschärft, verurteilt worden waren. Obgleich ich nur als Zuschauer anwesend war, hatten diese barbarischen Auftritte doch mein Inneres umgekehrt; bis dahin war ich, ich wiederhole es, in keiner Weise bei dem schrecklichen Amt unserer Familie tätig gewesen.

Das am 13. Januar 1819, in dem Augenblick, als mein Vater zwischen Tod und Leben schwebte, gefällte Todesurteil gegen Foulard erfüllte mich mit trüben Ahnungen. Ich vermutete, daß meine verhängnisvolle Stunde schlagen würde.

Ein in Versailles in Garnison stehender königlicher Gardejäger namens Pierre Charles Rodolphe Foulard hatte zwei Frauen ermordet, um ihnen eine erbärmliche Uhr und ein Paar goldene Ohrringe zu stehlen. Obgleich die Geschworenen die Frage des Vorbedachts verneint hatten, wurde dieser Unglückliche nichtsdestoweniger zum Tode verurteilt, und trotz seines jugendlichen Alters – er war kaum zwanzig Jahre alt – war das Verbrechen doch von so empörenden Umständen begleitet, daß sich nicht hoffen ließ, die königliche Gnade würde die Strafe mildern. Es hing also alles von dem Kassationshofe ab, welcher nicht über die Rechtsgründe zu entscheiden hat, sondern nur die Urteile wegen Formfehler kassiert, und man weiß, daß dies, namentlich zugunsten des Verbrechers, sehr selten stattfindet.

Am 12. Februar erfuhr ich, daß der Kassationshof Foulards Appellation verworfen habe, und Dienstag, am 16., erhielten wir den Befehl, am nächsten Tage die Hinrichtung zu vollstrecken. Mein Vater befand sich erst seit einigen Tagen in der Genesung. Obgleich er sich kaum aufrechterhalten konnte, verriet er doch die Absicht, seinem schmerzlichen Amte selber vorzustehen. Es war keine Zeit mehr, einen Amtsgenossen aus der Provinz zu berufen, der auch, wie sich wohl einsehen läßt, einen derartigen Dienst höchst ungern geleistet haben würde. Fast alle wußten, daß ich zum Nachfolger meines Vaters auf einem Posten, den die Mehrzahl beneidete, bestimmt sei, und sie würden sicherlich Widerspruch erhoben haben, wenn man sie aufgefordert hätte, mir ein Amt zu ersparen, das sie selber gern bekleidet hätten.

In Betracht aller dieser Gründe wollte mein armer Vater die übermenschliche und heldenmütige Anstrengung auf sich nehmen und sich selber nach dem Grèveplatze schleppen; das durfte ich nicht leiden. In den Augen meiner Mutter hatte ich gelesen, was ich selber wußte, daß, wenn ich schwach genug wäre, in dieses Opfer zu willigen, mein Vater nur erschöpft an dem Orte der Hinrichtung ankommen und nur zurückkehren würde, um sich auf sein Totenbett zu legen.

Es war also keine Zeit zu weiteren Bedenken; ich mußte mich in mein Schicksal ergeben und das lange Noviziat, durch welches ich mich zu der dornenvollsten Laufbahn vorbereitet hatte, verlassen. Mein Entschluß war in einem Augenblicke gefaßt. Sobald der Befehl zu der Hinrichtung anlangte, begab ich mich in das Zimmer meines Vaters.

»Ich komme, um deine Befehle und Anweisungen für morgen entgegenzunehmen«, sagte ich beim Eintreten in so natürlichem Tone, als ich vermochte, indem ich das Zittern meiner Stimme zu verbergen suchte.

Er sah mich mit erstaunten Blicken an.

»Weshalb, Heinrich, willst du dich so binden, mein Freund?« antwortete er. »Ich bin jetzt hergestellt und kann sehr gut meiner Pflicht nachkommen. Ich habe niemals daran gedacht, daß du bei meinen Lebzeiten diese Last auf dich nehmen solltest; es wird schon genug für dich, armes Kind, sein, wenn du es nach mir tust.«

»Deine Güte verblendet dich, lieber Vater, und läßt dich deine Kräfte überschätzen. Du kannst weder den Zug noch die körperlichen und geistigen Beschwerden eines solchen Tages ertragen. Was tut es übrigens, wenn ich dir doch einmal nachfolgen soll, ob dies ein wenig früher oder später stattfindet? Trägst du nicht schon lange genug die Last dieses mühseligen Amtes allein? Ach, du hast es mir vergebens zu verbergen gesucht; trotz meiner eigenen Rührung sah ich, wenn ich dich begleiten durfte, auf deinem Gesicht, was du selber littest.«

»Ich versichere dir, daß du dich irrst. Ich bin jetzt vollkommen hergestellt und fühle meinen Fuß und meine Augen so sicher wie jemals.«

Bei diesen Worten erhob er sich aus seinem Lehnstuhl und versuchte einige Schritte im Zimmer, bald aber verließen ihn seine Kräfte, und er mußte sich wieder niedersetzen.

»Selbst wenn du imstande wärest, deinem Amte vorzustehen, bin ich entschlossen, dir dieses Mal die Mühe zu ersparen. Du weißt, wie schwer mir diese Entscheidung wird, du weißt aber auch, daß ein einmal gefaßter Entschluß bei mir unwiderruflich feststeht. Von heute ab betrete ich entschlossenen Schrittes meine Laufbahn. Nun, mein Vater, so mache es wie jene alten römischen Kaiser, die noch bei ihren Lebzeiten ihren Sohn mit dem Purpur bekleideten!«

Der Vergleich war zwar doppelsinnig, zeugte aber von der erkünstelten Heiterkeit, unter welcher ich meinem Vater meine eigene Überwindung verbarg. Man glaubt nicht, wieviel zärtliche List und Verstellung in unserer Familie aufgeboten ward, um sich gegenseitig die Last eines qualvollen Lebens zu erleichtern.

Mein Vater gab nach. Er gab mit die verschiedenen Befehle an, welche ich dem Zimmermann und seinen Arbeitern zu erteilen hatte, damit die Maschine zur bestimmten Stunde aufgestellt sei; er wies mich an unsere beiden ältesten Gehilfen, machte mich mit den Pflichten eines jeden von ihnen bekannt und versicherte mir, sie würden mir bei dieser Gelegenheit den Eifer und die Hingebung erzeigen, welche sie stets unserem Hause erwiesen hätten, und daß, wie bei ihm, sich meine Aufgabe einzig darauf beschränken würde, den Tod, den die Gesellschaft über eines ihrer unwürdigen Mitglieder verhängt hatte, durch meine Gegenwart zu rechtfertigen.

Ich verließ das Zimmer meines Vaters in dem Augenblick, als er die mir angewiesenen Gehilfen rufen ließ, um eine kurze Anrede an sie zu richten und sie zu bitten, mir bei meinem schwierigen Amtsantritte als Beschützer und Helfer beizustehen.

»Ich vertraue euch, was ich Teuerstes auf der Welt habe, an,« sagte er zu ihnen, »meinen einzigen Sohn. Er ist der Nachkomme einer alten Scharfrichterfamilie; wachet darüber, daß er nicht unter der Last seines erblichen Amtes erliege! Eure Väter haben in diesem Hause gelebt, in dem wir leben und sterben werden; eine traurige Gegenseitigkeit verbindet uns, wir bilden eine Welt für uns; die Geschlechter folgen sich darin, ohne daß die Lage des einzelnen sich verändert. Laßt uns also in vollkommener Einigkeit und gegenseitiger Hingebung die Mittel finden, uns über die harten Pflichten unseres Lebens zu trösten!«

Die Gehilfen waren gerührt und versprachen meinem Vater, ihrem jungen Meister treu zu dienen, übrigens war ich von diesen armen Leuten geliebt, und ich begegnete ihnen niemals im Hofe oder beim Gebet, ohne einige freundliche Worte an sie zu richten.

Ich hatte das Zimmer meines Vaters in der größten Aufregung verlassen; nichtsdestoweniger erfüllte ich genau die Anweisung, die er mir in bezug auf den Zimmermann gegeben hatte.

Je näher aber der Abend kam, desto größer wurde die Angst, die sich meiner bemächtigte. Beim Mittagsmahle konnte ich nur einige Löffel Suppe und einige Schlucke Wein genießen, der Schlund war mir dermaßen zusammengeschnürt, daß ich nichts hinunterbringen konnte.

Zum Glück war mein Vater auf seinem Zimmer geblieben, denn wenn er mich in diesem Zustande gesehen hätte, würde er mir mein Amt für den folgenden Tag streitig gemacht haben. Meine Mutter und meine Frau betrachteten mich mit unruhigen Blicken; mit dem feinen Takt, welcher den Frauen von Natur eigen ist, enthielten sie sich aber, ein Wort an mich zu richten, denn sie sahen ein, daß jede Art Ermutigung unnütz sei und daß ich mit einem inneren Gefühl kämpfte, das überwunden werden mußte.

Nach Tisch zog sich jeder zurück. Ich vertiefte mich in das dickste Gesträuch des Gartens und setzte mich auf die Bank, auf welcher ich in meiner Kindheit meinen Vater oft schlafen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach Schlummer, aber er senkte sich nicht auf meine ermüdeten Augenlider. Ich entschloß mich, nicht zu Bett zu gehen, sondern die Nacht vor meinem Ritterschlage wachend zu vollbringen.

Alles an diesem Orte sprach zu meiner Erinnerung: die Bank, auf welcher ich saß; dieses alte, in Trümmer gefallene Waschhaus, das ehemalige Asyl meiner Tauben.

Ich fühlte die Anwandlung, aufzustehen und vor meinen Vater mit der Erklärung hinzutreten, ich hätte meine Kräfte überschätzt, indem ich ein Amt auf mich genommen, zu dessen Ausübung ich nicht die nötigen Kräfte haben würde, denn ich könnte den Abscheu dagegen nicht überwinden. Dann stellte ich mir aber wieder den armen Mann vor, wie er, von diesem unerwarteten Geständnis überrascht, seine letzten Kräfte zusammenraffen würde, um meine Stelle auszufüllen, und das Opfer, zu dem ich ihn zwang, vielleicht mit dem Leben bezahlen mußte. Die Worte, die er zu meinem Lehrer sagte: »Wiese mein Sohn diese Livree zurück, in welcher zu altern und zu sterben ich einmal verdammt bin, so würde es mir vorkommen, als hätte ich alles Anrecht auf seine Achtung und Zuneigung verloren; ich würde ihn nicht ohne Erröten anzusehen wagen!« Diese Worte kamen mir ebenfalls ins Gedächtnis und machten mir klar, wohin der Trieb des Widerspruchs, der in mir rege wurde, führen mußte. Es schien mir, als hätte der gute Abbé dies selber eingesehen, als er zu mir sagten:

»Was auch geschehe und was du tust, wenn du Mann geworden bist, so werde ich dir meinen Segen nicht entziehen, und wenn du hienieden leidest, dort oben für dich beten!«

In seiner letzten Todesstunde hatte mein alter Lehrer eine Vorstellung von dem schrecklichen Kampf, den ich in dieser verhängnisvollen Nacht bestehen mußte, und mir deshalb feierlich verkündigt, er wolle jedem Entschluß, den ich fassen würde, seinen Segen erteilen. Diese im voraus gegebene Amnestie eines Gerechten und Weisen, welche zu den unerbittlichen Vorurteilen der Welt in schroffem Gegensatze stand, tat mir wohl. Ich fühlte mich einen Augenblick gekräftigt, aber bald sah ich mich in eine neue Verlegenheit verstrickt.

Ich bedachte, daß man zu derselben Zeit einen Mann in seinem Kerker weckte, um ihm anzuzeigen, daß seine letzte Stunde geschlagen habe und er seinen zeitlichen Schlaf gegen den ewigen vertauschen müsse. Diese düstere Szene, die ich niemals gesehen hatte, trat in meiner Einbildungskraft deutlich hervor. Bei dem düsteren Lampenlicht sah ich, wie dieser Unglückliche von den Schrecken des Todes erfaßt wurde, wie er sich auf seinem Sitz erhob, die Glieder in die Zwangsjacke geschnürt und das Gesicht mit der bleichen Farbe des Schreckens bedeckt; ich hörte den Gerichtsdiener den verhängnisvollen Urteilsspruch vorlesen, während die Kerkermeister sich untereinander anblickten und die Rührung, die sich auf ihren sonst so mürrischen und düsteren Zügen zeigte, nicht verbergen konnten; ich sah endlich den Mann Gottes vortreten, um diesem Opfer unerbittlicher Gerechtigkeit die Worte unendlicher Gnade zu spenden. Es war mir, als widerspräche er diesen strengen menschlichen Urteilssprüchen, die unwiderrufliche Strafen verfügen, während der Herr selbst, der unumschränkte Urheber der Gnade, sich durch einen Augenblick der Reue entwaffnen läßt.

Es entging mir kein einziger Umstand. Ich folgte dem Verurteilten durch die ganze schmerzliche Todesqual; ich wohnte dem Abschiede von seinen Angehörigen bei, ebenso dem kläglichen Henkersmahl, wo man ihm einen herzstärkenden Trank reicht, damit er Kräfte und Mut aufspare, der Totenmesse und dem verfrühten Leichenzuge, wobei der Priester, barmherziger als die menschlichen Richter, keinen Anstand nimmt, das Viatikum den besudelten Lippen zu reichen, sobald sie sich durch Gebet und Bekenntnis gereinigt haben. Ich sagte mir, daß sie alle nur Vorläufer meiner schrecklichen Sendung seien, daß dieser Unglückliche noch immer mit einem Faden, wenngleich einem schwachen, dem Leben anhinge und sich dann erst für vollkommen verloren hielte, sobald er mich erblickte; daß mir allein das traurige Vorrecht zustehe, seine letzten Täuschungen mit einem Augenblinzeln zu vernichten und ihn völlig niederzuschmettern.

Diese Nacht verging unter diesen ängstlichen Kämpfen. Der Unglückliche, welcher am nächsten Tage sterben sollte, kämpfte nicht schlimmer als der Mann, welchen das Gesetz zu seinem Mörder bestimmte und der zum ersten Male seine Hände in das Blut seines Nächsten tauchen sollte.

In solche düsteren Betrachtungen fand mich noch das Morgenlicht versunken. Ich stand von der Bank auf, wo ich so lange gesessen hatte. Es schien mir, als sollte ich, gleich dem gefallenen Engel und den aus dem Paradiese vertriebenen ersten Menschen, auf ein erhabenes Recht Verzicht leisten und den Stempel des göttlichen Ursprungs verlieren. Langsamen und scheuen Schrittes ging ich einher, als ob der Blitz das Siegel der Verworfenheit auf meine Stirn geprägt hätte. Die Gehilfen erwarteten mich im Hofe; ich stieg mutlos in die alte Kutsche, auf deren Wappen sich die zerbrochene Glocke zeigte; gleich ihr war auch ich ohne Stimme.

Wir fuhren langsam die Vorstadt Saint-Denis hinab, über die Kais und gelangten bis an die Pforte der Conciergerie.

Die dicken Gittertore knarrten in ihren Angeln, und wir betraten die düsteren Flure, deren Gewölbe und feuchte Mauern ein eiskaltes Wasser herabtröpfeln lassen, welches unwillkürlich an den Todesschweiß erinnert. Meine Gehilfen folgten mir in einiger Entfernung, ich glaubte zu bemerken, daß man sich beim Anblick dieses Generalstabes des Todes mit einer Verachtung entfernte, welche zum Teil erkünstelt schien. Ich fühlte mich nicht in der Stimmung, den Hochmut der Herren von der Feder oder von der Kohorte der Schlüsselträger zu dulden. Ich nahm selber einen rauhen und befehlenden Ton an, der ihnen zeigte, daß ihre Art und Weise keinen Eindruck auf mich machte; zu gleicher Zeit erleichterte ich dadurch mein von Bitterkeit geschwelltes Herz.

Ich forderte den ersten Schließer auf, uns den Verurteilten zu überliefern. Man führte uns in einen niedrigen Saal, dessen Gewölbeverzierungen auf eine ehemalige religiöse Bestimmung deuteten. Es war eine Kapelle oder ein Betzimmer aus der Zeit des heiligen Ludwig, welches man in ein Gefängnisvorzimmer verwandelt hatte.

Bald darauf erschien Foulard, von dem würdigen Abbé Montès begleitet, mit welchem ich später in ein Verhältnis trat, das nur durch den Tod gelöst wurde. Ich geriet in Bestürzung bei dem Anblick des unglücklichen Mannes, den ein unerbittlicher Richterspruch mir überließ, wie man einem wilden Tiere die Beute vorwirft. Foulard war kaum zwanzig Jahre alt; hätte ihm sein Vater beim Tode zehn Taler Rente hinterlassen, so würde man seine Minderjährigkeit vorgeschützt haben, um ihm die Verfügung über dieses geringe Erbteil zu verweigern; aber für das Verbrechen, zur Verbüßung der Strafe, und welcher Strafe: des Todes! hatte man ihn volljährig erklärt. Der Tod für dieses Kind voll Leben, voll Kraft und Gesundheit, dem Gott gewiß viele Jahre zur Reue und Buße vorbehalten hatte! Dies schien mir ein doppelter Schimpf: an der Vorsehung und an der Natur.

Foulard war ein großer, schöner Bursche; seine freie Stirn und das ein wenig kränkliche, aber von offener Miene beseelte Antlitz, seine ausdrucksvollen Augen ließen kaum eine solche Verderbtheit ahnen, wie die, welche ihn zu dem begangenen Verbrechen getrieben hatte. Erschien uns ohne Rührung und Aufregung zu erblicken; wer uns in diesem Augenblick beobachtet hätte, würde kaum vermutet haben, daß er das Opfer und ich der Scharfrichter sei. Fauconnier, mein erster Gehilfe, der meinen inneren Kampf aus meinen Gesichtszügen las, trat eilig vor und ersuchte Foulard, sich niederzusetzen, damit er die traurige Zurüstung mit ihm vornehmen könnte. Dieser gehorchte stumm, beugte das Haupt und fühlte an seinem Nacken die Schneide der Schere, die klägliche Vorbotin des mörderischen Beils.

Nachdem dies beendigt war, stiegen wir auf den Karren; der Abbé Montès und Foulard nahmen den Hinteren Platz, ich nebst meinen beiden Gehilfen den vorderen ein. Der ehrwürdige Seelsorger der Conciergerie, welcher fortfuhr, dem unglücklichen Büßenden die notwendigen Ermahnungen und Ermutigungen zu spenden, bemerkte ohne Zweifel, was ich selber litt; denn er richtete voller Güte das Wort an mich.

»Sie sind«, sagte er, »der Nachfolger Ihres Vaters. Es gehört viel Mut dazu, ein solches Amt auszuüben. Wir beide gehen auf benachbarten Straßen nach entgegengesetzten Zielen. Sie stellen hier die Gerechtigkeit der Menschen vor und ich die Barmherzigkeit Gottes. Es ist nicht zu erstaunen, daß die eine unendlich, die andere beschränkt ist, nur jene, welche ewig ist, vermag geduldig zu sein; auf sie allein«, fügte er, zu Foulard gewandt, hinzu, »muß man seine letzten Gedanken richten und darin sein letztes Heil suchen.«

Obgleich ich das Gefühl des Wohlwollens, in welchem der Abbé Montès dies zu mir sagte, wohl empfand, war ich doch unfähig, eine Antwort hervorzubringen.

Foulard war anfänglich schweigsam; in dem Augenblick jedoch, als wir auf den Kai hinausbogen, geriet er in große Aufregung, erhob sich mehrmals von seiner Bank und rief der Menge, die sich längs der Straße versammelt hatte, mit gellender Stimme zu:

»Ihr Eltern, sehet, wohin es führt, wenn man von der Familie verlassen ist! Ja, ich bin schuldig, aber die Schuld lag an meinen Eltern, die mich ohne Stütze und Erziehung mir selber überließen.«

Der Abbé beschwor ihn, diese bitteren Beschuldigungen zu unterlassen, die Gott beleidigten, ohne ihn vor den Menschen zu rechtfertigen. Im ersten Augenblick schien der Unglückliche diese Vorstellung nicht zu beachten; da neigte sich der Priester zu mir und flüsterte mir ins Ohr:

»Mein Herr, ich bin mit Ihrem Vater übereingekommen, daß er das Zeichen nicht eher gebe, als bis er den Verurteilten, den ich mit dem Herrn versöhnt habe, die Worte sprechen hören werde: »Mein Gott, ich empfehle meine Seele in deine Hände!« Es handelt sich darum, eine Seele zu retten; darf ich hoffen, daß Sie diese Bitte ebenfalls berücksichtigen?«

Stumm und gebeugt, beschränkte ich mich auf eine bejahende Gebärde.

Wir waren auf dem Grèveplatz angekommen. Die Guillotine streckte ihre beiden roten Arme aus, und das bleiche Licht der Wintersonne spiegelte sich auf dem polierten Stahl. Foulard hatte sich plötzlich beruhigt. Eine beträchtliche Menge bedeckte den gepflasterten Platz, und zahlreiche Neugierige, von diesem blutigen Schauspiel angelockt, zeigten sich an den Fenstern der Häuser. Wir stiegen ab, Foulard warf sich in die Arme des Abbé Montès, küßte andächtig das Kruzifix und rief dann einen Brigadier von seiner Kompanie, den er in der ersten Reihe der Zuschauer erkannt, herbei.

»Tritt heran, mein Alter!« rief er ihm zu. »Wenn ich nicht allen Kameraden Lebewohl sagen kann, so mag es in deiner Person geschehen.«

Der alte Soldat zauderte nicht; er trat an den Fuß des Schafotts, umarmte den zum Tode Geführten, und ich sah, wie zwei Tränen von seinem gebräunten Gesicht in seinen dichten Bart hinabrollten.

Foulard war immer aufgeregter geworden, und seine Gesichtsfarbe verriet eine Art von Fieber oder Wahnsinn. Er wendete sich plötzlich zu mir.

»Lassen Sie sich ebenfalls umarmen,« sprach er, »damit ich zeigen kann, ich sei ohne Groll und verzeihe allen Menschen, damit Gott auch mir verzeihe.«

Dies war der letzte Schlag für mich; ich bebte erschrocken zurück. Das Opfer verzieh dem Scharfrichter, und der Scharfrichter konnte sich nicht selber verzeihen. Ich glaube, daß, wenn dieser Unglückliche mich mit seinen Lippen berührt hätte, ich nicht den Mut haben würde, das Zeichen zu seinem Tode zu geben.

Aber was sage ich? Dieses Zeichen gab ich nicht. Meine Gehilfen, die meine jähe, zurückweichende Bewegung bemerkt hatten, ahnten die Gefahr. Sie führten Foulard nach dem Schafott, zu welchem er mit festen Schritten hinaufstieg. In wenigen Augenblicken war er auf das Brett gebunden, und eine Stimme, deren Ton noch lange in meinen Ohren nachhallte, hatte kaum die Worte gesprochen: »Mein Gott, ich befehle meine Seele in deine Hände!«, als sich ein dumpfer Ton, der mir durch Mark und Bein ging, hören ließ. Fauconnier hatte nicht auf das Zeichen gewartet, da er wohl sah, daß ich nicht im stände war, es zu geben.

Unwillkürlich richtete ich meine Augen auf die Szene des Mordes und sah, wie einer der Gehilfen den Korb beiseitestieß, während der andere das Blut, welches über das Schafott floß und durch die Planken auf das Pflaster rann, mit einem Schwamm abwusch.

Ich war einer Ohnmacht nahe. Von einem schrecklichen Phantom verfolgt, entfloh ich. Es war mir, als verfolgte mich dieser enthauptete Leichnam und als drängte die Volksmenge hinter ihm her und riefe aus tausend Kehlen den Racheschrei:

»Henker! Henker! Henker!«

Meine Gehilfen, den Wagen, das ganze Gerät der Hinrichtung hatte ich auf dem Grèveplatz zurückgelassen. Ich vertiefte mich allein in jenes Wirrsal düsterer und krummer Gassen, welche früher dem Rathause gegenüberlagen und jetzt durch einen der glänzendsten Stadtteile von Paris ersetzt sind. Immer noch schien es mir, als erblickte ich auf dem kotigen Boden oder an den trüben Fenstern dieser scheußlichen Häuser bleiche Gesichter, die mir mit den Augen folgten; das Geräusch von Schritten hinter mir versetzte mich in eisigen Schreck; wie das Weib Macbeths blickte ich jeden Augenblick meine Hände an, auf denen ich unauslöschliche Spuren des vergossenen Blutes zu erblicken glaubte.

So irrte ich lange Zeit umher, in dem Wahne, ich sei beobachtet und verfolgt. Dieser Wahn verließ mich erst, als ich die Elysäischen Felder erreichte, wo sich zahlreiche Spaziergänger, von dem schönen Wintertage angelockt, ergingen. Ich bedachte, daß diejenigen, welche vom Anblick der Natur angelockt seien, nicht dieselben Zuschauer der Blutszene, wobei ich eine Rolle gespielt, sein konnten, eine und dieselbe Seele konnte nicht nach so verschiedenartigen Regungen begierig sein.

Ich fühlte mich also ein wenig beruhigter und setzte meinen Weg wie ein trunkener Mensch ohne Zweck bis nach Neuilly fort. Aber ich war nicht allein; denn in mir machte sich die schreckliche Stimme des Gewissens hörbar. Heute, nach so vielen Jahren, vermag ich nicht, alle Gedanken, die sich in meinem Hirn kreuzten, zu nennen, nicht die Gefühle zu schildern, welche bald entmutigend, bald voll Hoffnung sich in meinem Herzen geltend machten.

Es blieb nichts mehr übrig. Ich hatte, wie Cäsar, den Rubikon meines verhängnisvollen Daseins überschritten. In offener Empörung gegen das Menschlichkeitsgefühl war ich aus einem Menschen ein Henker geworden; ich hatte mich freiwillig der öffentlichen Verachtung und dem allgemeinen Abscheu preisgegeben. Ich entsetzte mich über das, was ich getan hatte.

Am Tage meiner ersten Hinrichtung faßte ich aber den ganz bestimmten Entschluß, offenes Zeugnis gegen die Todesstrafe abzulegen, sobald der Augenblick dazu gekommen sein würde.

Das Attentat auf den Herzog von Berry Louvel; Ludwig XVIII.

Wenn es wahr ist, was der Volksspruch behauptet: daß es bei jeder Sache nur auf den ersten Schritt ankomme, so bleibt es doch unbestritten, daß dieser erste Schritt auch der schwerste ist. Nachdem ich den meinigen erst einmal auf den blutigen Weg gelenkt hatte, wurde ich zwar nicht mit meinem kläglichen Amte vertraut, aber wenngleich ich es nur mit Abscheu und Widerwillen ausübte, ich fühlte doch niemals wieder eine so heftige innere Aufregung wie damals bei meiner ersten Hinrichtung, welche ich im vorigen Kapitel schilderte.

Von jenem Augenblick an vertrat oder begleitete ich regelmäßig meinen Vater bei allen Hinrichtungen. Im Laufe desselben Jahres 1819 wurden wir zweimal nach Beauvais entboten, am 13. Juli und am 22. Oktober; das erstemal zur Hinrichtung eines Vatermörders namens Moroy, das andere Mal zu der eines Mörders namens Liebe. Diese beiden Hinrichtungen bieten keinen erwähnenswerten Umstand dar.

Am 13. Mai des folgenden Jahres wurde die Guillotine wieder auf dem Grèveplatze errichtet wegen eines unglücklichen jungen Mannes von zweiundzwanzig Jahren, des Bedienten Charles Normand, welcher an seinem Herrn, dem Hauptmann Sion, einen vorbedachten Mord verübt hatte und von dem Assisenhofe am 8. Mai zum Tode verurteilt worden war. An dem kurzen Zwischenräume zwischen dem Urteilsspruch und der Hinrichtung ersieht man, daß jener Unglückliche keine Appellation eingelegt hatte; er zeigte in der Tat in den letzten Augenblicken eine Gleichgültigkeit, welche kundgab, daß er sich in den Tod ergeben hatte.

An diesem Tage befanden sich wenige Leute auf dem Grèveplatz; ganz Frankreich beschäftigte sich mit der Lösung eines anderen Dramas, welches die öffentliche Meinung viel lebhafter in Anspruch nahm. Genau drei Tage früher fiel einer der Söhne Frankreichs, der einzige, welcher die Dynastie des älteren Zweiges der Bourbons fortsetzen konnte, der Herzog von Berry, als er die Oper verließ, unter dem Messer eines Mörders. Dieser Mann, den man in dem Augenblick, als er nach dem verübten Attentat die Flucht ergreifen wollte, verhaftet hatte, erklärte, er heiße Louis Pierre Louvel, sei sechsunddreißig Jahre alt, aus Versailles und seines Handwerks ein Sattler, über die Beweggründe befragt, die ihn zu solcher Tat getrieben, antwortete er, er habe den Plan schon seit Jahren in sich gehegt, und nur die Gelegenheit zur Ausführung hätte ihm bisher gefehlt.

Der unglückliche Prinz, welcher um elf Uhr abends erstochen worden war, lebte nur noch eine Nacht im Todeskampf; trotz der geschickten und treuen Pflege, welche ihm die herbeigeeilten Doktoren Bougon und Dupuytren widmeten, hauchte er um halb sieben Uhr seine letzten Seufzer aus, indem er um Gnade für seinen Mörder bat und seine mutige Gattin ermahnte, sich für das Kind, das sie im Schoße trug, zu erhalten; ein kostbares Kind in Wirklichkeit, der letzte Sprößling eines berühmten Geschlechts, welchem das Geschick einen Thron versprach und nur die Pilgerfahrt der Verbannung gewährte.

Mitten unter den Freuden einer Karnevalsnacht hatte sich diese traurige Nachricht in der Hauptstadt verbreitet. Der Prinz konnte nicht nach den Tuilerien gebracht werden; man schlug ihm ein Bett im Theater selbst auf, in einem kleinen Salon neben der königlichen Loge; dort verschied er inmitten seiner trostlosen Familie und rührte alle, die ihn umgaben, durch sein christliches Ende und seine dringende Vermittlung zugunsten des Elenden, der ihm den Todesstoß versetzt hatte.

Obgleich Ludwig XVIII. schon krank und gebrechlich war, ließ er sich doch an das Bett seines Neffen bringen. Der alte König neigte sein weißes Haupt unter der Last dieses Unglücks und fragte sich, ob der Dolch jenes Mörders nicht außerdem eine verhängnisvolle Vorbedeutung für seine durch soviel Wechselfälle geprüfte Familie sei. Wer weiß, ob das scharfsichtige Auge des Monarchen, indem es die Geheimnisse der Zukunft erforschte nicht in jener Trauernacht die Katastrophe vorhersah, welche zehn Jahre später die Hoffnungen seines Geschlechts scheitern ließ.

Am folgenden Morgen wurde Louvel in die Conciergerie gebracht. Aus dem ersten Verhöre ergab sich, daß er den Plan schon seit 1814 gefaßt hatte. Der Gedanke war ihm in Metz gekommen, während er als Nationalgardist auf dem Walle Schildwache stand.

»Seit einigen Wochen«, erzählte er, »wurden wir durch die Fremden belagert, als ich aus den Tageblättern, die ich damals noch las, aber jetzt nicht mehr lese, weil sie mir zuwider sind, ersah, daß die Bourbonen nach Frankreich zurückkehren und den Thron besteigen sollten. In jenem Augenblick schwor ich ihnen den Tod, denn in meinen Augen ist das größte Verbrechen, welches ein Franzose begehen kann, das, wenn er mit Hilfe der Feinde in sein Vaterland zurückkehrt. Außerdem hatten die Bourbons die Waffen gegen Frankreich geführt, was ich ihnen nicht verzeihen konnte; ich würde also, wenn ich sie tötete, meinem Vaterlande einen Dienst leisten und war bereit, dem Tode Trotz zu bieten und meine Pläne zur Ausführung zu bringen. Sechs Jahre lang habe ich auf die Gelegenheit gewartet, immer nach dem günstigen Augenblick gespäht, ihn zuweilen durch Zufall, zuweilen aus Schwäche versäumt; endlich ist der Streich geschehen, und ihr werdet mich auf dem Schafott ebenso ruhig sehen, wie ich jetzt bin, wie ich es bei der Ausübung meines Handwerks war und wie ich es stets gewesen bin.«

Das Verbrechen war somit vollkommen eingestanden und der Vorbedacht unverkennbar.

Die Nachforschungen, welche man über das frühere Leben Louvels anstellte, ergaben nichts Ungewöhnliches. Frühzeitig verwaist, war er von einer älteren Schwester erzogen worden, die ihn in eine Erziehungsanstalt in Versailles zu kostenfreiem Unterricht gegeben hatte. Der Erziehungsart jener Zeit gemäß hatte man ihn in der »Erklärung der Menschenrechte« und in der »Sammlung patriotischer Hymnen«, wie die ›Marseillaise‹, der ›Gesang des Abmarsches‹, das ›Erwachen des Volkes‹ und so weiter, lesen gelehrt.

Louvel verließ diese republikanische Kindheit nur, um sich der Überspannung eines kriegerischen Jünglingsalters zu ergeben. Die kaiserliche Heldenfahrt ließ in seiner Einbildungskraft noch tiefere Spuren zurück als die demokratischen Erinnerungen seiner frühesten Jugend. Der Liberalismus verwandelte sich in Patriotismus. Die unerbittliche Konskription, welche zu jener Zeit die Menschengeschlechter niedermähte, rief ihn unter die Fahnen, aber seine schwächliche Körperbeschaffenheit und eine frühzeitige Gebrechlichkeit gestatteten ihm nicht, im Dienst zu verbleiben; nach einiger Zeit erhielt er seinen Abschied. Wenngleich er aber aus der französischen Armee ausschied, so fühlte er doch bitter die letzten Unglücksfälle, welche dieselbe betrafen. Die verhängnisvolle Invasion von 1814 erregte seinen Unwillen in höchstem Grade; seit jener Zeit hegte er einen tiefen, blinden Haß gegen die Bourbons, in welchen sein engherziger Patriotismus nicht nur die Wiederhersteller der Leiden des Vaterlandes, sondern auch ehrgeizige Fürsten erblickte, die das Unglück des Vaterlandes benutzten, um den Thron ihrer Väter wieder zu besteigen.

Als ein unbedeutender Trabant des großen Mannes, dessen Genie durch das ganze verbündete Europa und durch verräterische Diener, auf deren Treue er gerechnet hatte, besiegt worden war, wurde Louvel ein Zeuge der Abdankung zu Fontainebleau und folgte dem besitzlosen Herrscher nach der Insel Elba. Der Sattlermeister der kaiserlichen Ställe, ein gewisser Vincent, wurde durch diese Treue, die sich durch das Unglück nicht erschüttern ließ, gerührt und nahm ihn in seinen Dienst. Aber schon wurde Louvel von Rachedurst gequält; er konnte sich nicht mit der Ergebung befreunden, die sich scheinbar mit der Insel Elba begnügte; man hatte sich wohl gehütet, ihn mit den Plänen vertraut zu machen, welche erst durch günstige Umstände zur Ausführung gelangten; er verließ also die Insel und begab sich nach Versailles, um den günstigen Augenblick zur Ausführung seines Planes abzuwarten.

Dort erfuhr er die Rückkehr Napoleons von der Insel Elba und seinen Triumphzug, auf dem die Adler des Kaiserreichs von Kirchturm zu Kirchturm, bis zum Gipfel von Notre-Dame flogen. Louvel verließ eilig Versailles, schloß sich zu Lyon wieder dem Gefolge des Kaisers an und erhielt durch Vermittlung seines früheren Beschützers Vincent eine Stelle im Train. Unglücklicherweise war diese Rückkehr des Glücks für den Halbgott, den sich der arme Sattler zum Götzen erwählt hatte, nur der letzte Schimmer eines dem Untergange nahen Gestirns. Waterloo bildete ein blutiges und trauriges Gegenstück zu Fontainebleau, und Louvel, der Zeuge dieser beiden Katastrophen gewesen war, sah mithin zweimal das größte und glänzendste Glück der neuesten Geschichte zugrunde gehen.

Von unerbittlichem Haß erfüllt, kehrte er nach Versailles zurück. Schon trug er auf seiner Brust den geschliffenen Dolch des Brutus, mit welchem er die Nachfolger des neuen Cäsaren durchbohren wollte. Er gelangte in den Marstall des Königs, wodurch die Ausführung seines abscheulichen Komplotts erleichtert wurde. Vier Jahre lang folgte er dem ersten Opfer, das er sich zum Ziel erwählt hatte, dem Herzog von Berry, auf die Jagd, auf die öffentlichen Spaziergänge, in die Theater und sogar in die Kirchen, wohin sich der Prinz, dem frommen Gebrauche seiner Familie getreu, ziemlich oft begab. Mehrmals ließ er die Gelegenheit, seine Rache zu befriedigen, entschlüpfen; an dem Tage des Attentats hatte er sich aber durch den Besuch des Père-Lachaise, an den Gräbern von Lannes, Massena und einigen anderen Marschällen, in aufgeregte Stimmung versetzt und brachte von seinem Aufenthalt in der Totenstadt einen noch glühenderen Haß zurück.

Am zweiten Tage nach dem Verbrechen wurde Louvel vor den Leichnam seines Opfers geführt, welcher im Louvre auf einem Katafalk ausgestellt und von Prälaten und Würdenträgern der Krone umgeben war. Er bestand diese schreckliche Prüfung mit Standhaftigkeit und ließ sich durch die glänzende Versammlung nicht einschüchtern. Als man ihn aufforderte, seine Mitschuldigen zu nennen, verblieb er bei der Beteuerung, daß er keine Mitschuldigen habe und die Verantwortlichkeit für sein Verbrechen allein auf sich nehme. Dennoch wollte man nicht daran glauben, daß dies eine alleinstehende Missetat sei und der Fanatismus sich begnügt habe, den Arm eines niederen Sattlers gegen einen so mächtigen Prinzen zu bewaffnen.

Bald nachdem die erste Begeisterung, womit man die Bourbonen wieder aufgenommen hatte, verrauscht war, hatte man bemerkt, daß Frankreich durch die Parteien unterwühlt sei. Die Revolution hatte eine Hefe zurückgelassen, welche innerlich weitergärte; der Rausch, den die kaiserlichen Siege erzeugten, beherrschte noch viele Geister, und von Zeit zu Zeit wendeten sich die Blicke auf den Märtyrer von St. Helena wie auf einen Befreier, dessen politische Rolle noch nicht ausgespielt sei; endlich drängten sich ehrgeizige Familien um den alten Thron der Bourbons, der eigentlich keinen anderen Erben und keine andere Hoffnung auf Fortpflanzung hatte als den Prinzen, welcher geopfert worden war. Es bot sich ein unendliches Feld von Vermutungen dar, und die Einbildungskraft mochte sich lieber darauf verlieren, als ein gemeines Verbrechen annehmen, das keinen anderen Beweggrund gehabt habe als die überspannten Träume eines Aristogiton vom Pferdestalle. Die Untersuchung war, obgleich sie mit erstaunlicher Schnelligkeit geführt wurde, doch außerordentlich genau und verwickelt. Durch königlichen Befehl war die Pairskammer in einen Gerichtshof verwandelt worden, um über den Schuldigen zu richten.

Wie vorher, antwortete Louvel den Kommissarien der Kammer, daß er nicht die geringste Beschwerde über den Herzog von Berry noch über einen Prinzen seiner Familie zu führen habe; er habe weder einen Beweggrund noch Vorwand zu persönlichem Haß; er sei nur durch Rücksicht auf das öffentliche Wohl geleitet worden; er würde alle Bourbons als Feinde Frankreichs ansehen, weil sie die Waffen gegen dasselbe gefühlt hätten; sobald er bei ihrer Rückkehr die weiße Fahne habe wehen sehen, habe er den Plan gefaßt, sie alle ums Leben zu bringen, und seitdem eine Gelegenheit zur Ausführung seines Planes erspäht. Ohne Zweifel wäre er schon früher zur Tat geschritten, wenn ihm nicht der Mut gefehlt hätte, weil er sich zuweilen wider Willen die Frage gestellt habe, ob er auch wirklich im Rechte sei. Zu Metz im Jahre 1814 hätte er einen Augenblick daran gedacht, den Marschall Herzog von Valmy, den Diener der Prinzen, zu töten, diesen Gedanken aber wieder aufgegeben, in Erwägung, daß der letztere nur ein schlichter Privatmann und es angemessener sei, das Opfer in den höheren Regionen zu wählen. Er hätte Monsieur in Lyon getötet, wenn dieser bei der Landung Napoleons dort anwesend gewesen wäre. Seitdem habe er sich an den Herzog von Berry geheftet, da auf diesem die größte Hoffnung der Familie beruhte; nach dem Herzog von Berry würde er den Herzog von Angoulême getötet haben, nach dem letzteren Monsieur und nach Monsieur den König; damit hätte er vielleicht innegehalten, wenigstens habe sein Entschluß noch nicht festgestanden, ob sich die Rache auch auf die anderen Zweige der königlichen Familie erstrecken sollte. Bei seiner Verhaftung habe er nur Kummer darüber empfunden, daß er dem Gefallenen nicht noch andere Opfer hinzufügen könne; es sei ihm fern, seine Handlung zu bereuen, er betrachte dieselbe im Gegenteil als schön und tugendhaft. Übrigens beharre er bei seinen Meinungen, Ansichten und Plänen, ohne sich um das Urteil der Menschen zu bekümmern, die über solche Handlungen und Gesinnungen verschiedener Ansicht seien; noch weniger Rücksicht nehme er auf die Grundsätze der Religion, an die er nicht glaube und um die er sich niemals bekümmert habe.

Eine solche Roheit und Schamlosigkeit erschreckte die Untersuchungsrichter; trotz der wiederholten Erklärung konnte man kaum daran glauben, daß der Wahnsinnige eine solche Kühnheit aus sich selber schöpfe. Dennoch leitete die Untersuchung auf keine Entdeckung, und der Staatsanwalt Bellart, welcher am 12. Mai 1820 die Untersuchungsakten vorlegte, sah sich genötigt, zu bekennen, daß man zwar Nachforschungen bei allen Verwandten des Mörders angestellt, diese aber nichts zu ihrer Belastung ergeben hätten; sie waren scharf ins Verhör genommen worden, doch hatte sich kein belastender Umstand finden lassen. Ohne Erfolg hatte man alle Schriftstücke durchwühlt, die auf die Spur fremder Mitschuldigen hätten führen können. Drei Monate hatte man auf diese lange, mühevolle Untersuchung verwendet; mehr als fünfzig Kommissionen wurden eingesetzt, mehr als zwölfhundert Zeugen verhört, und man entdeckte nichts, gar nichts. Man mußte sich daher mit diesem einzigen Schuldigen begnügen, der sich selber als Opfer darbot und, vereinzelt stehend, sich mit dem Glanz seiner Missetat brüstete.

Am 26. Mai empfing er mit einem gewissen Hochmut die von Amts wegen bestellten Verteidiger Archambault und Bonnet. Er empfahl ihnen, nichts zu seiner Verteidigung anzuführen, was im Widerspruch zu seinen beharrlichen Aussagen stünde. Er hätte das Verbrechen allein begangen, ohne einen anderen Beweggrund als seinen Patriotismus. Er zeigte keine Reue. Am Abend des Verbrechens hatte er leichte Schuhe angezogen, um schneller entfliehen zu können. Wäre es ihm in der Tat gelungen, sich den Verfolgungen zu entziehen, so würde er nach seiner Wohnung im königlichen Marstall zurückgekehrt sein und dort, allem Verdacht Trotz bietend, auf neue Mittel gesonnen haben, seine Mordtaten an der königlichen Familie fortzusetzen. »Vielleicht,« fügte er hinzu, »würde ich die Person des Königs verschont haben, weil dieser der einzige aus der Familie ist, der die Waffen nicht gegen Frankreich gekehrt hat, und nur die, welche sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben, wollte ich bestrafen.«

Am 5. Juni begannen die Verhandlungen vor dem Pairshofe, bei welchen der Kanzler Dambray den Vorsitz führte. Angesichts einer bestätigten und eingestandenen Tatsache nahmen sie nur zwei Tage in Anspruch. Vergebens verbanden sich mehrere Pairs, wie Desèze, de Lally-Tollendal, Dubouchage und de Montmorency, mit dem ehrwürdigen Kanzler, um Louvel mit Fragen in die Enge zu treiben. Er widersprach sich nicht in seinen Antworten und behauptete dieselbe Haltung wie beim Verhör.

Die Aufgabe des Staatsanwalts war leicht und beschränkte sich nur auf einen kurzgefaßten Strafantrag; die des Verteidigers war unmöglich; er konnte nur eine geistige Verirrung dieses Unglücklichen vorschützen, der von der Demagogie irregeleitet worden sei. Damit war aber Louvel, der bis zum letzten Augenblicke mit seinem Verbrechen prunken wollte, durchaus nicht einverstanden. Nachdem der Advokat gesprochen hatte, erhob er sich und las mit der größten Ruhe folgende Rede ab, die er im Gefängnis aufgesetzt hatte:

»Ich habe heute über ein Verbrechen zu erröten, das ich allein verübte. Sterbend habe ich den tröstlichen Glauben, daß ich weder mein Volk noch meine Familie entehrte. Man erblicke in mir nur einen Franzosen, der sich, seiner Überzeugung treu, dem Tode weihte, um einen Teil der Männer, welche die Waffe gegen das Vaterland ergriffen, zu vernichten. Ich bin angeklagt, einem Prinzen das Leben geraubt zu haben; ich bin allein schuldig. Unter den Männern, welche zur Regierung gehören, gibt es aber ebenso schuldige wie ich. Meiner Ansicht nach haben sie die Verbrechen zu Tugenden gestempelt; selbst die schlechtesten Regierungen, die Frankreich gehabt hat, bestraften doch stets die Männer, welche das Vaterland verrieten oder gegen die Nation Krieg führten.

Meiner Ansicht nach müssen die Parteien im Innern, sobald fremde Heere das Vaterland bedrohen, mit ihren Wettkämpfen aufhören und gemeinsame Sache machen, die Feinde aller Franzosen zu bekriegen. Die Franzosen, welche sich nicht verbünden, sind schuldig. Meiner Ansicht nach ist auch derjenige Franzose schuldig, welcher seine Waffen mit den Waffen fremder Heere gegen die Waffen Frankreichs vereinigt, selbst wenn er durch eine ungerechte Regierung aus Frankreich vertrieben wurde. In der Eigenschaft als französischer Bürger kann er nicht wieder zurückkehren.

Ich bin der Meinung, daß, wenn die Schlacht bei Waterloo verhängnisvoll für Frankreich gewesen, der Grund nur darin lag, daß zu Gent und Brüssel Franzosen lebten, welche die Armeen zum Verrat trieben und den Feinden Hilfe leisteten.

Meiner Meinung nach und meinem Systeme gemäß war der Tod Ludwigs XVI. notwendig, weil die Nation dareinwilligte; anders, wenn eine Handvoll Ränkeschmiede in die Tuilerien gedrungen wären und ihm das Leben geraubt hätten. Da aber Ludwig XVI. und seine Familie lange Zeit in Haft blieben, so muß man wohl annehmen, daß dies mit Zustimmung der Nation geschah. Wäre es nur durch einige Menschen bewirkt worden, so würde er nicht umgekommen sein, die ganze Nation hätte sich seinem Tode widersetzt. Aber heute wollen die Bourbons Herren der Nation sein, während sie in Wahrheit Verbrecher sind und die Nation entehrt wäre, wenn sie sich durch dieselben regieren ließe.«

Das System Louvels war wenig nach dem Geschmack der hohen Versammlung; diese gelehrte Verteidigung des Königsmordes nach der Mordtat, diese kaltblütige Beleidigung des regierenden Hauses, nachdem eines seiner Mitglieder ermordet worden, rief auf allen Bänken des Gerichtshofes einen Schauder des Abscheus hervor.

Indem man sich der edlen Worte des Geopferten erinnerte, welcher mit dem letzten Atemzuge um Gnade für seinen Mörder gebeten, erhöhte sich der Unwille gegen den letzteren, den eine so großmütige Verzeihung nicht rühren und von seinem engherzigen und beschränkten Patriotismus abbringen konnte.

Der Staatsanwalt und der Verteidiger suchten in ihren Repliken den letzten Widerhall dieser abscheulichen Worte zu vernichten.

Nachdem die Verhandlung geschlossen war, wurde Louvel in die Conciergerie zurückgeführt, und der Gerichtshof trat zur Beratung zusammen. Wie sich denken läßt, dauerte diese Beratung nicht lange; der Angeklagte wurde einstimmig zum Tode verurteilt. Der Sekretär der Kammer begab sich darauf in das Gefängnis, um ihm sein Urteil zu verkünden; er hörte es mit Ruhe vorlesen.

»Desto besser,« sagte er; »ich sterbe gern. Wenn man mir die Gnade bewilligte, um welche der Herzog von Berry gebeten hat, so würde es mir schmerzlicher als der Tod selbst gewesen sein.«

Man bot ihm die Tröstungen der Religion.

»Weshalb das?« entgegnete er spöttisch; »um in das Paradies zu kommen? Ich könnte am Ende dort den Herzog von Enghien finden, der ebenfalls die Waffen gegen Frankreich geführt und den verdienten Lohn erhalten hat; wir würden uns niemals vertragen.«

Nichtsdestoweniger gelang es dem Abbé Montès, zugelassen zu werden. Seine Güte und Sanftmut rührten ein wenig den wilden Sinn des Verurteilten. Nur um dem würdigen Priester nicht zu viel Mühe zu verursachen, verstand er sich zu einer vorgeblichen Beichte.

Was uns, die letzten handelnden Personen in allen diesen Dramen, betrifft, so empfingen wir am 6. Juni, um neun Uhr abends, nur wenige Stunden nach dem gefällten Urteil, den Befehl vom königlichen Staatsanwalt beim Pairshofe, uns am folgenden Tage, dem 7., in die Conciergerie zu verfügen um dort um fünf Uhr abends Louis Pierre Louvel in Empfang zu nehmen, ihn nach dem Grèveplatz zu führen und die Todesstrafe, zu welcher er durch das Urteil des Gerichtshofes von demselben Tage verurteilt, zu vollziehen.

Wir warteten anderthalb Stunden in dem Gefängnis. In dem Augenblick, als man Louvel holte, um ihn zuzurüsten, bemerkte mein Vater, daß der Pairshof keinen Gerichtsschreiber geschickt hatte, um ein Protokoll über die Hinrichtung aufzunehmen. Man mußte noch eine Viertelstunde warten, bis ein Beamter, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, vom königlichen Gerichtshofe anlangte, um diese traurige Aufgabe zu übernehmen.

Endlich, um dreiviertel auf sechs Uhr, führte man Louvel herbei; ein Gehilfe band ihm die Hände, ein anderer die Füße, ein drittel schnitt ihm das Haar und den Hemdkragen ab. Während dieser Zeit dankte er dem Portier des Gerichtsgebäudes, Blanchard und seiner Frau, für die Güte, die sie ihm während seiner Gefangenschaft erzeigt hatten.

Louvel war damals, wie er erklärt hatte, sechsunddreißig Jahre alt und von mittlerem Wuchs. Seine flache Stirn, seine düsteren und tiefliegenden Augen, sein fast kahler Schädel, eine strengen und winkligen Züge, seine dünnen und schmalen Lippen verliehen ihm ein abstoßendes Äußere.

Als die verhängnisvolle Zurüstung beendet war, bat er um seinen Hut, indem er seine Kahlköpfigkeit vorschützte. Da ihm bereits die Hände gebunden waren, so gab ich einem Gehilfen das Zeichen, ihm den Hut auf den Kopf zu setzen.

Wir fuhren in der Ordnung ab, die ich bereits bei Foulard angenommen hatte, das heißt, mein Vater und ich saßen vorn, der Delinquent und der Abbé Montès hinten. Ich weiß nicht, weshalb ich beständig den Gedanken hegte, diese Hinrichtung würde nicht stattfinden; ich glaubte, die königliche Familie würde den letzten Willen des gemordeten Prinzen erfüllen, eine hohe Fürsprache würde sich des Verurteilten annehmen, politische Rücksichten vollends würden dazu beitragen, in dieser beklagenswerten Angelegenheit Gnade walten zu lassen. Ein unwillkürlicher Antrieb bewog mich stets, unseren unglücklichen Opfern noch eine Frist zu verschaffen, während welcher die Verhältnisse sich zu ihren Gunsten wenden könnten. In diesem Augenblick blieb dem Unglücklichen, den wir zum Richtplatz führten, kein anderer Weg offen, dem bestimmten Tode zu entgehen, als Geständnisse abzulegen. Ich konnte nicht umhin, zu meinem Vater so laut, daß Louvel es hörte, zu sagen:

»Wenn er Mitschuldige hat, so müßte er es jetzt erklären, und die Hinrichtung würde aufgeschoben.«

Der Abbé Montès ergriff diese Worte.

»Sie hören es, mein Freund,« sagte er; »wenn Sie noch Mitschuldige haben, so erleichtern Sie Ihr Herz und nennen Sie jene! Gott und vielleicht die Menschen selber würden Ihnen diesen letzten Dienst, den Sie der Wahrheit leisten, anrechnen.«

Er antwortete in trockenem Tone und mit einer ungeduldigen Gebärde:

»Ich habe schon gesagt, daß ich keine habe.«

Während dieser Zeit fuhr der Karren weiter, und Louvel, der den Kopf nach beiden Seiten wendete, warf Blicke der Verachtung auf die versammelte Menge.

Wir kamen am Fuße des Schafotts an. Der Verurteilte schickte sich an, die ersten Stufen zu besteigen, als der Abbé Montès ihn sanft am Arm zurückhielt und sagte:

»Knien Sie nieder, mein Sohn, und bitten Sie Gott um Verzeihung für Ihr begangenes Verbrechen.«

»Niemals!« antwortete er in hochmütigem Tone. »Ich fühle keine Reue über das, was ich getan habe, und ich würde es noch einmal tun.«

»Und doch, mein Freund, habe ich Ihre Beichte erhalten. Es kostet Ihnen nur noch eine letzte Anstrengung, um den Himmel zu gewinnen. Noch eine Handlung der Reue, und Sie werden den Gott der unendlichen Barmherzigkeit zum Erbarmen bewegen.«

»Ich werde in den Himmel kommen, so gut wie Sie, wenn es einen gibt; aber ich bitte darum, sputen Sie sich! Dort wartet man auf mich!«

Dabei zeigte er auf das Schafott.

»Mein liebes Kind, ich beschwöre Sie,« hob der Abbé Montès mit Salbung an, »denken Sie in diesem kurzen und entscheidenden Augenblick an das Heil Ihrer Seele, bekennen Sie Ihre Reue, Gott erzürnt zu haben.«

»Ich habe Ihnen bereits vieles zu Gefallen getan,« entgegnete er mit gesteigerter Ungeduld; »muß ich auch noch gestehen, daß es mir jetzt leid tut, so mögen Sie dies hinnehmen.«

Als der ehrwürdige Geistliche sah, daß er nicht mehr erlangen konnte, entschloß er sich, die Absolution zu erteilen. Nachdem er ihm die Hand aufgelegt hatte, wollte er ihn ein Kruzifix, das er in der Hand hielt, küssen lassen. Louvel zog hastig den Kopf zurück, und seine Augen funkelten vor Zorn, daß die Menge vielleicht glauben könnte, er verstände sich zu diesem Zeichen der Frömmigkeit.

»Niemals! Niemals!« rief er zweimal mit schallender Stimme.

Mit festem und schnellem Schritt stieg er das Schafott hinauf, daß ihn die Gehilfen zurückhalten mußten, um ihm folgen zu können. Er legte sich selber auf das Brett. Vergeblich warteten wir auf die mit dem Abbé verabredeten Worte:

»Mein Gott, ich befehle meine Seele in deine Hände!«

Louvel wollte dem alten Priester, der ihn begleitet hatte, nicht den Trost gewähren, eine verirrte Seele mit dem Herrn versöhnt zu haben.

Der erste Glockenschlag der Uhr vom Stadthause, welche sechs schlug, mischte sich mit dem Geräusch des verhängnisvollen Messers; der Kopf des Schuldigen war gefallen.

Wir brachten darauf seine blutenden Überreste nach dem Kirchhof der Barrière du Maine, wo wir sie in Gegenwart vieler Neugierigen in die gemeinsame Grube legten. Als sich aber die Menge zerstreut hatte, langte ein Befehl des Polizeipräfekten an, den Leichnam Louvels wieder auszugraben und sofort an einem anderen, niemandem bekannten Orte zu beerdigen. Das Geheimnis dieses zweiten Begräbnisses wurde nur dem Scharfrichter und seinen Gehilfen bekannt, welche diesmal als Totengräber tätig sein mußten.

Die Verschwörung der Carbonari

Bories.

Am 21. September 1823 berief uns eine traurige Pflicht wieder nach der Conciergerie und auf den Grèveplatz. Es handelte sich dieses Mal nicht mehr um gewöhnliche Missetäter, um Menschen, welche durch die gemeinen Leidenschaften, die das menschliche Geschlecht schänden, zu Verbrechen getrieben worden waren; es handelte sich um vier unglückliche junge Leute, die dem politischen Fanatismus und den geheimen Schlichen einer während der ganzen Dauer der Restauration im Dunkeln wirksamen Partei zum Opfer gefallen waren. Es handelte sich darum, den Thron der Bourbons zu untergraben. Es ist hier nicht der Ort, eine Geschichte jener geheimnisvollen Verbindung des Karbonarismus zu geben, welche von Italien eingeführt war, in ihrem Schoße Fürsten zählte und es doch nicht verschmähte, auch den schlichtesten Bürger und den bescheidensten Handwerker aufzunehmen, sich sogar aus den Bauernhütten zu rekrutieren. Die Aufnahme wurde massenhaft vollzogen, aber die Gefahr dieser unaufhörlichen Propaganda wurde durch die Organisation und die Art der Vereinigung vermindert, indem die Gesellschaft sich in kleine Gruppen, in sogenannte besondere Ventas teilte und nur durch ein verborgenes Band mit den Zentralventas in Verbindung stand. Letztere waren selber nur durch verborgene Mittel mit den oberen Ventas verknüpft; so bildete die ganze Organisation eine ungeheure Kette, von welcher man wohl eines Ringes, aber unmöglich des Ganzen habhaft werden konnte.

Mit Hilfe einer solchen Vorsicht, welche ihnen bei jeder Wendung der Sache Straflosigkeit verbürgte, stellten sich Männer von Ansehen an die Spitze einer tätigen und beständigen Verschwörung, deren erste Handstreiche zu weiter nichts führten, als daß das Blut unbedeutender Mitschuldiger vergossen wurde, die für jene berühmten Häuptlinge starben, ohne nur den Trost zu haben, sie zu kennen. Jene angesehenen Männer waren die Koryphäen der sogenannten liberalen Partei, wie Lafayette, Dupont (de l'Eure), Manuel, Voyer d'Argenson, Benjamin Constant, Foy, Laffitte und andere, welche, nicht zufrieden mit der Aufregung, die sie von der Tribüne aus und durch die Presse mittels ihrer Reden und Schriften verbreiteten, sich an die Spitze der Verschwörung gestellt hatten.

Die Armee war niemals der Restauration anhänglich, und das war gerade das Unglück dieser Regierung. Der durch die ruhmerfüllte Erinnerung an das Kaiserreich geblendete militärische Geist konnte sich nicht unter eine Fahne gewöhnen, die man erst infolge unserer verlorenen Schlachten entfaltet hatte. Im Jahre 1821 war Napoleon durch seinen Tod auf dem Felsen von Sankt Helena verklärt und zu einer Art Prometheus geworden, dessen sagenhaftes Andenken das Herz des Soldaten mit Begeisterung erfüllte. Die geschickten Werber für den Karbonarismus benutzten diese günstige Gelegenheit, die Regimenter zu bearbeiten, um in ihre Verschwörung auch ein militärisches Element zu bringen.

Nur zu wohl gelang es ihnen mit dem 45. Linienregiment, in welchem sich einige Veteranen aus der Loirearmee befanden, ehemalige Unteroffiziere, welche die Restauration nicht in ihren Ämtern belassen hatte. Aber nicht diese hatten es am schlimmsten zu büßen, daß sie jener gefährlichen Aufregung Gehör gegeben hatten.

Im 45. Regiment befand sich ein junger Sergeant, dessen feurige Seele von ehrgeizigen Bestrebungen erfüllt war; mit einem verführerischen Äußern und einer hinreißenden Beredsamkeit begabt, übte er einen unwiderstehlichen Einfluß auf seine Kameraden aus. Bories, so hieß er, nahm die ihm gemachte Eröffnung mit Begeisterung auf und organisierte bald im 45. Regiment eine Militärventa, deren Beistand für die beabsichtigte Empörung von großer Wichtigkeit gewesen wäre. Er stellte mehreren seiner Gefährten den Dolch des carbonaro, das Sinnbild der Gesellschaft, zu, welchen diese an ihre Brust drückten, ohne zu bedenken, was sie bereits bei dem Degen, den sie an der Seite trugen, geschworen hatten.

Trotz der heiligsten Verschwiegenheit, welche die Verschworenen über ihr Geheimnis bewahrten, wurden sie doch durch gewisse Anzeichen entdeckt. Zu jung zu Verschwörungen, konnten sie ihre Gefühle nicht verhehlen, und dies genügte, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Augenblick, als das Unternehmen des Generals Berton auf Saumur fehlschlug, war Bories schon auf unbestimmten Verdacht verhaftet. Der Verrat krönte das Werk; einer der Vertrauten, schwächer an Geist und leichter zu entmutigen als die übrigen, ein gewisser Goupillon, ließ sich durch seinen Obersten das Geheimnis der Venta entlocken. Noch an dem Abend, wo dieses Geständnis stattgefunden, wurden alle Verschworenen nach dem Appell mitten unter der Kameradschaft verhaftet und in das Stadtgefängnis abgeführt.

Fast alle machten mehr oder weniger umfassende Geständnisse, ohne jedoch die Schwäche Goupillons zu zeigen; Bories allein verharrte in hartnäckigem Leugnen. Von dem General Despinois, Kommandanten der Division, einem eifrigen Royalisten, besonders ins Verhör genommen, blieb er ebenso taub gegen Bitten wie gegen Drohungen. Besser gelang es dem General mit zwei anderen Mitgliedern der Venta, den Sergeanten Pommier und Goubin, gegen welche er jedoch, wenn man einem demokratischen Geschichtschreiber glauben darf, gewisse Untersuchungsmittel anwendete, die sich schlecht für einen Militärrichter schicken.

Alle Angeklagten wurden nach Paris gebracht, um vor den Assisenhof der Seine gestellt zu werden, in dessen Bereich die meisten von ihnen ihren Wohnsitz hatten. Dies war übrigens der Gerichtshof für die bürgerlichen Verschworenen, die sich ebenfalls in diese Angelegenheit verwickelt sahen; denn da man damals kein Ausnahmegesetz hatte, so mußte man wohl alle Schuldigen vor denselben Richter stellen.

Als sie sich in der Conciergerie vereinigt sahen, schlug Bories wieder den Weg der geheimen Beratung ein, weniger, um eine gewagte Verschwörung zur Ausführung zu bringen, als um das Leben der unglücklichen Opfer dieser Unbesonnenheit zu retten, und namentlich, um der Sache, welcher sie sich gewidmet hatten, eine Zukunft zu sichern. Bories wollte alles auf sich nehmen, um seine Mitgefangenen von der Schuld zu befreien und die Zentralventa, die Oberventa und endlich das leitende Komitee zu retten; denn letzteres hielt ja das Geschick der politischen Partei in Händen, welcher er den Sieg wünschte, und sollte die Morgenröte desselben erst sein Grab bescheinen.

Dieses System einer verabredeten Verteidigung befolgten alle Angeklagten unwandelbar während der öffentlichen Verhandlung, welche am 21. August 1822 vor dem Seine-Assisenhofe ihren Anfang nahm.

Es saßen fünfundzwanzig Angeklagte auf den Bänken: auf einer Seite der Hauptmann Massias; der Sergeantmajor Bories; der Advokat Baradère; Hénon, ein Schulvorsteher, ehemals Militär; Gauran, ein Chirurg; Rose, Beamter bei einer Versicherungsgesellschaft; Pommier, Sergeantmajor; Goubin, Raoulx und Asnes, Sergeanten; Goupillon und Bicheron, als Teilnehmer an einer Verschwörung gegen die Sicherheit des Staats; auf der anderen Seite: Labouré, Cochet, Castille, Lutron, Hue, Barlet, Pereon, Lefebvre, Thomas, Gautier, Lecoq, Dariotscq und Demais, als Mitwisser dieses Komplotts, und weil sie ihre Kenntnis davon nicht binnen vierundzwanzig Stunden angezeigt hatten.

Ich werde nicht weiter auf die Verhandlung eingehen, die nicht weniger als vierzehn Tage erforderte. Die Hauptangeklagten entfernten sich keinen Augenblick von dem Verteidigungsplan, über welchen sie unter sich in der Conciergerie übereingekommen waren; sie verneinten alles und überließen Bories, wozu er sich selber erboten hatte, die schwierige Aufgabe, ihre widersprechenden Aussagen in Einklang zu bringen und ihre erwiesene Verbindung dahin zu erklären, daß sie nur einen philanthropischen Zweck gehabt habe. Die abgelegten Geständnisse wurden der Einschüchterung oder der Bestechung zugeschrieben. Die Haltung des Polizeipräfekten, welcher auf Ansuchen des Präsidenten vernommen wurde, lieh diesen Angaben einige Wahrscheinlichkeit. Was den General Despinois anbetraf, welcher namentlich von Pommier und Goubin beschuldigt wurde, er habe ihnen gegenüber zu Mitteln Zuflucht genommen, deren sich ein Inquisitionsgericht schämen würde, so erschien derselbe gar nicht und weigerte sich, mit seinen Opfern konfrontiert zu werden, obgleich der Vorsitzende sein Erscheinen gemeldet hatte.

Nach dem Verhör und den Zeugenaussagen hielt der Staatsanwalt, welcher die Anklage aufrechtzuerhalten hatte, eine lange Rede, worin er ziemlich genau und treu den revolutionären Geist schilderte, der damals alle Monarchien Europas zu untergraben suchte. Er entwickelte eine prophetische Beredsamkeit, als er auf die Führer dieser Verschwörung anspielte, welche ungestraft blieben, während ihre unglücklichen Werkzeuge die ganze Last auf sich zu nehmen hätten.

Ich will den gerichtlichen Antrag nicht weiter ins Einzelne verfolgen. Zum Schluß berief sich Herr von Marchangy auf die Unabhängigkeit der Jury und bat sie, durch ihren bestimmten Urteilsspruch zu beweisen, daß sie über die Drohung erhaben sei, welche sich in der Umgebung der heiligen Stätte der Justiz hatte hören lassen. Dies war die geschickteste Weise, eine französische Jury zu gewinnen.

Von den Verteidigern Berville, Barthe, Mérilhou gehörten die beiden letzteren im geheimen dem Bunde der Karbonari an. Mocquart, Chaix d'Est-Ange, Plougoulm betraten damals die Laufbahn, welche sie mit so großem Glanz vollenden sollten, um sich danach, wie ihre Amtsbrüder, zu den höchsten Verwaltungsämtern zu erheben. Die Beredsamkeit aller dieser Männer war nicht ausreichend, die unglücklichen Opfer des verwegenen Unternehmens zu retten.

Herr von Marchangy hielt die Erwiderungsrede übrigens fast mit derselben Kraft, die er in seinem Strafantrage offenbarte. Er lenkte seinen Eifer namentlich auf Bories, was um so leichter war, da dieser sich selber als Beute darbot. »Alle Macht der Beredsamkeit«, rief er mit einer an Leidenschaft grenzenden Heftigkeit, »wird nicht imstande sein, Bories der öffentlichen Verfolgung zu entziehen.«

Ach, diese Macht der Beredsamkeit befand sich in übler Lage. Die Häupter derselben, Barthe und Mérilhou, welche, ohne daß jemand es wußte, Verschwörer in der Reihe der Advokaten waren, fühlten sich unwillkürlich in Verlegenheit, da sie zu gleicher Zeit als Verteidiger und Partei dastanden. Dennoch machte Mérilhou, welcher Bories verteidigte, mutige Anstrengungen. In beredsamer Weise bezog er sich auf die leidenschaftlichen Ausdrücke des Herrn von Marchangy und bemerkte ihm, die Stimme des öffentlichen Ministeriums hätte nicht immer gleich einem Orakel ihren Widerhall in den Verhandlungen der Justiz gefunden, und es sei vielleicht eine gewisse Verwegenheit, in dieser Weise einen Einfluß auf die Beratungen des Geschworenengerichts ausüben zu wollen.

Als die Verhandlung geschlossen war, fragte der Vorsitzende, ehe er sein Resumé vollzog, die Angeklagten, ob sie etwas zu ihrer Verteidigung hinzuzufügen hätten. Bories allein bat, einige Worte sagen zu dürfen. Bis zu Ende seinem hochherzigen Plane getreu, alles auf sich zu nehmen, erhebt er sich und spricht in ernstem und sicherem Tone, wie folgt:

»Meine Herren Geschworenen! Sie haben die Anklageakte, die Zeugen und die Verhandlung gehört, und danach sind Sie ohne Zweifel erstaunt gewesen, das öffentliche Ministerium durch das Organ des Staatsanwalts ausrufen zu hören: »Alle Macht der Beredsamkeit wird nicht ausreichen, Bories der öffentlichen Verfolgung zu entziehen.« Es hat mich als den Häuptling bezeichnet; nun wohl, ich nehme es an. Glücklich bin ich, wenn mein Haupt, indem es über das Schafott rollt, die Freisprechung meiner Kameraden bewirken kann.«

Bei diesen Worten verbreitete sich eine allgemeine Rührung unter den Zuhörern; Mérilhou vermag die seinige nicht zu verbergen, und, indem er seinem großmütigen Klienten Stillschweigen gebietet, nimmt er selber das Wort und fügt mit von Tränen unterbrochener Stimme seiner ergreifenden Verteidigungsrede bewundernswerte Sätze hinzu.

Die Anstrengung war erfolglos. Die Geschworenen hatten ihren Entschluß gefaßt; sie wollten sich unerbittlich zeigen. Übrigens hatten ungeschickte Freunde dem Angeklagten in seltsamer Weise geschadet, indem sie ihm zu dienen glaubten; man hatte den Mitgliedern des Gerichtshofes, den Geschworenen und ihren Familien anonyme Briefe zugeschickt, in welchen der Dolch, das Sinnbild des Karbonarismus, dargestellt war mit dem drohenden Wort: »Tod den Henkern! Das Blut wird durch Blut gerächt werden.«

Diesen Umstand beutete der Staatsanwalt Marchangy in geschicktester Weise aus, indem er sich auf den Mut und die Festigkeit der Geschworenen berief. Dies war, ich wiederhole es, die geschickteste Taktik.

Die eigentlichen Fragen, welche in diesem Prozesse hätten gestellt werden müssen und wodurch die Keimkörnchen eines Komplotts in ihren wahren Verhältnissen dargestellt worden wären, wurden zurückgewiesen, obgleich die Verteidiger darauf bestanden, sie den Geschworenen vorzulegen. Das Programm der Anklageschrift mit allen Übertreibungen wurde der Fragestellung zugrunde gelegt. Im Falle des bejahenden Verdikts mußte sich immer noch eine schreckliche Strafe ergeben, um so schrecklicher, wenn man an die unbedeutenden Tatsachen und an die Jugend der Angeklagten denkt.

Das Resultat war dieses: Bories, Pommier, Raoulx und Goubin wurden schuldig erachtet, in den letzten Monaten des Jahres 1821 oder in den ersten Monaten des Jahres 1822 an einem bestimmten, zwischen mehreren Personen verabredeten Komplott teilgenommen zu haben, welches zum Zweck hatte, entweder die Regierung zu stürzen oder zu ändern, oder die Thronfolge zu ändern, oder die Bürger gegen die königliche Autorität zu bewaffnen, oder den Bürgerkrieg durch Aufreizung der Bürger gegeneinander hervorzurufen; sie wurden zum Tode verurteilt. Andere Angeklagte wurden teils, je nach ihren verbrecherischen Handlungen, zu mehr oder weniger strengen Strafen verurteilt, teils freigesprochen.

Es ist unmöglich, die unbestimmte Ausdrucksweise dieser Fragestellung zu verkennen, deren Bejahung vier junge Häupter dem Schafott überliefern sollte. Es war darin weder die bestimmte Zeit der Verschwörung ausgedrückt, welche entweder in den letzten Monaten des Jahres 1821 oder in den ersten Monaten des Jahres 1822 angesponnen sein sollte, noch der Zweck, welcher entweder dieser oder jener gewesen sein sollte: vier Hypothesen.

Dies ist die Geschichte der politischen Prozesse, wo man um den Tod nicht feilschen läßt.

Bories, Goubin, Raoulx und Pommier hörten ihr Todesurteil mit vollkommener Ruhe an. Der erste neigte sich sogleich zu seinem Verteidiger, löste einige Kleinodien, die er an sich trug, und stellte ihm dieselben mit der Bitte zu, sie einer Person, deren Adresse er ihm gab, als Andenken zu überbringen.

[Das Geheimnis dieser rührenden Botschaft wurde nicht durch den Advokaten, sondern durch die Person, an welche das Vermächtnis gerichtet war, verraten. Länger als vierzig Jahre nach der Hinrichtung Bories' und seiner Gefährten sahen wir eine erst junge, dann gereiftere Frau, endlich eine Matrone fast ganz Paris zu Fuß durchschreiten, um jeden Tag auf den Hügel, welcher auf dem Kirchhofe von Montparnasse die Asche Boires' und seiner drei Kameraden deckte, einen Blumenstrauß zu legen, der ewig blühte, wie die Erinnerung, die sie treu in ihrem Herzen bewahrte. Wie eine zweite Nina verlor sie auf diesen beschwerlichen Pilgerfahrten wohl ihre Vernunft, aber nicht ihre Liebe. Vor einigen Tagen las ich in den Zeitungen, daß diese wahnsinnige, aber dabei sanfte und harmlose Frau in dem Hotel Dieu gestorben sei; ein sonderbarer Schluß dieses Romans, welcher an dem Schafott vorübergeht, um seine Lösung im Hospital zu finden. –]

Nachdem das Urteil verkündet war, zeigte der gelehrte Numismatiker Monmarqué, der berühmte Kommentator der Frau von Sévigné, welcher den Vorsitz bei den Assisen geführt hatte, dem Gebrauch gemäß den Verurteilten an, daß ihnen drei Tage zur Appellation blieben.

»Das ist unnütz, Herr Präsident«, antwortete Bories in entschiedenem Tone. »In Anbetracht der Unparteilichkeit jedoch, welche Sie im Laufe der Verhandlungen gezeigt haben, wagen wir es, Sie zu bitten, Sie möchten Befehl erteilen, daß man mich nicht von meinen Mitverurteilten trenne, daß man uns, wenn es nötig ist, einkerkere, aber nicht mit Fesseln belaste.«

Monmarqué versprach mit bewegter Stimme, in dieser Angelegenheit an den Polizeipräfekten zu schreiben. Die Verteidiger konnten ihre Rührung nicht verbergen und warfen sich in Bories' Arme, der sie mit Innigkeit an sich drückte.

Die vier Sergeanten wurden nach Bicètre gebracht. Drei von ihnen, Goubin, Raoulx und Pommier hatten Appellation eingelegt; als sie erfuhren, daß Bories auf dieses Rechtsmittel verzichtet habe, beeilten sie sich, seinem Beispiele zu folgen und von ihrer Berufung abzustehen.

Die Opfer erregten solchen Anteil, daß die Partei, welche sie vorgeschoben hatte, die Unverschämtheit nicht wagte, sie aufzugeben, ohne ihre Rettung zu versuchen. Man machte einen Versuch, den Direktor vom Bicètregefängnis zu bestechen, daß er die Flucht der Gefangenen begünstige; wenn man jedoch dem Verfasser der neuen berühmten Rechtsfälle, dem schon erwähnten Fouquier, Glauben schenken darf, war es ein Oheim des Direktors, ein Priester, seines Standes unwürdig, der, als Seelsorger der Strafanstalt in das Vertrauen gezogen, dieses Geheimnis, welches ebenso heilig wie das der Beichte war, verriet und ein Vorhaben scheitern ließ, welches zum Zweck hatte, vier der Rache des Schafotts überlieferte Unglückliche zu retten.

Am 21. September wurden Bories und seine Gefährten am frühen Morgen von Bicètre nach der Conciergerie gebracht. Alle wiesen die Tröstungen der Kirche, die ihnen unglücklicherweise als eine politische Feindin gezeigt worden war, zurück.

Als sie in den Saal traten, wo die letzten Zurüstungen stattfinden sollten, glaubte Bories, der eine Zeitlang von den übrigen entfernt gewesen war, da man sie in einzelnen Zellen gefangengehalten hatte, sie anreden zu müssen, um sie für den letzten Augenblick zu ermutigen.

»Teure Freunde,« sprach er zu ihnen, »der Augenblick naht, wo wir diese Welt verlassen sollen; laßt uns zeigen, daß wir würdig waren, darin für die heiligsten Angelegenheiten zu kämpfen und zu sterben. Verzeiht mir nur, daß ich euch zu diesem tragischen Tode fortriß, aber unser Blut wird keine unfruchtbare Saat sein. Es lebe die Freiheit!«

Die drei Sergeanten schlossen Bories in ihre Arme und wiederholten mit unbeschreiblicher Begeisterung den Ruf, den sie eben gehört hatten. Sogleich nahm die klägliche Zurüstung ihren Anfang; alle unterzogen sich derselben mit edler Hingebung, Raoulx, der jüngste von ihnen, sogar mit einem Anfluge von Heiterkeit, der nicht ganz frei von Schärfe war.

»Armer Raoulx,« sagte er, indem er auf seine kleine Gestalt anspielte, »was soll von ihm übrigbleiben, wenn man ihm den Kopf abschneidet?«

Goubin lächelte über die Scherze seines jungen Genossen und mischte zuweilen ein Witzwort darein. Pommier allein blieb düster, aber ruhig und fest. Was Bories anbetraf, so zeigte er den Stoizismus eines Römers.

Wir sollten die Conciergerie um vier Uhr verlassen; um fünf Uhr waren wir noch da. Während dieser langen Stunde voll Angst und tödlicher Erwartung beriet sich der Ministerrat über die Frage, ob man den Verurteilten das Leben schenken solle. Der König Ludwig XVIII. soll sich zu diesem Gnadenakt geneigt gezeigt haben, der Pavillon Marsan, Monsieur und seine Freunde waren jedoch der entgegengesetzten Ansicht. Im Ministerrat wurde die letztere Ansicht durch den Grafen Peyronnet, den ehemaligen Großsiegelbewahrer, unterstützt, und endlich gab sie den Ausschlag.

Während dieser Zeit versuchte man aufs neue, jenen unglücklichen jungen Leuten Geständnisse zu entlocken, wodurch sich die Sache wahrscheinlich zu ihren Gunsten gestaltet hätte und ihre Köpfe gerettet worden wären. Sie wurden nach der Reihe vor einen Beamten geführt, welcher jedem erklärte, es hinge nur von seinem aufrichtigen und vollständigen Geständnis über die Verzweigung der Verschwörung ab, der Hinrichtung zu entgehen. Man hoffte sie dadurch zu erweichen; eine vergebliche Hoffnung! Sie waren unerschütterlich.

Um fünf Uhr mußte man sich zum Abzuge entschließen. Die Verurteilten waren stumm geblieben. Der Ministerrat hatte den Vollzug des Todesurteils beschlossen. Der traurige Zug ging schnell und ohne Hindernis vonstatten, über den Pont au Change und den Kai entlang bis zum Grèveplatz. Der Zudrang war sehr beträchtlich, aber man hatte eine so gewaltige Militärmacht entfaltet, daß der Durchgang mit leichter Mühe freigehalten werden konnte. Man versichert sogar, daß nur in Betracht der aufgewandten Vorsichtsmaßregeln die politischen Parteigänger der unglücklichen Sergeanten auf ihren Plan, sie während des Zuges zu befreien, verzichten mußten.

Am Fuße des Schafotts angelangt, verharrten sie dabei, den Ermahnungen des Geistlichen, der sie begleitet hatte, kein Gehör zu geben. Bories gehörte übrigens der protestantischen Konfession an. Sie vereinigten sich alle vier zu einer letzten Umarmung; dann machte sich Raoulx zuerst von der Gruppe los, die ein Opfer des Todes werden sollte, und sprach:

»Vorwärts, armer Raoulx; obgleich du der Jüngste bist, ist die Reihe an dir, das Beispiel zu geben.«

Er stieg mit festem Schritt die Treppe zur Plattform hinauf, der zweite Gehilfe ergriff ihn. Als man ihn auf das Brett band, rief er seinen Freunden unter der Menge die Worte, mit welchen Bories sie in der Conciergerie angeredet hatte, als Lebewohl zu:

»Es lebe die Freiheit!«

Nach ihm kam Goubin an die Reihe, der nicht weniger Mut zeigte; er stieg ebenso entschlossen die verhängnisvollen Stufen hinauf und rief wie sein Vorgänger mit fester und sicherer Stimme:

»Es lebe die Freiheit!«

Pommier war der dritte, der hingerichtet wurde; er brach das Stillschweigen, das er solange beobachtet hatte, um denselben Ruf wie seine beiden vorangegangenen Gefährten auszustoßen.

Endlich kam die Reihe an Bories.

Man hatte ihm, der in hochherziger Weise sein Leben anbot, um seine Freunde zu retten, den Schmerz aufgespart, sie alle verenden zu sehen.

Der Anblick dieser dreifachen Hinrichtung hatte endlich das stoische Herz des jungen Sergeanten erschüttert; seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Auf dem Schafott angekommen, sammelte er jedoch seine ganze Fassung wieder, richtete einen festen Blick auf die Menge und sprach mit ruhiger Stimme die Worte:

»Brüder, wenn ich weine, so ist es nicht um mein Geschick, sondern um das meiner Kameraden, die man vor meinen Augen erwürgt hat. Indem wir unser Blut für euch vergießen, vermachen wir euch unsere Rache! Erinnert euch unseres letzten Gelübdes: Es lebe die Freiheit!«

Man zog ihn nach dem Fallbrett und band ihn darauf fest. Einige Augenblicke später war sein Kopf gefallen.

Es waren noch nicht acht Jahre seit dieser Hinrichtung verflossen, als eine siegreiche Revolution sich auf demselben Platze zur Testamentsvollstreckerin der jungen Sergeanten machte. Das Volk zog siegreich in das Stadthaus mit dem tausendfach wiederholten Ruf: »Es lebe die Freiheit!«, mit welchem die am 21. September 1822 Hingerichteten Abschied von ihren Mitbürgern genommen hatten.

Wie lange dauerte die Trunkenheit dieses Sieges und die daraus entsprossenen Hoffnungen? Man frage nach im Kloster St. Merry und in der Straße Transnonain!

Jean Asselineau – Abbé Contrafatto Nicolas Benoît

Ich bin nun zu einer Hinrichtung gekommen, welche den lebhaftesten Eindruck auf mich machte und meine Gefühle schmerzlich verletzte. Es handelte sich um einen unglücklichen jungen Mann von kaum zwanzig Jahren: Jean Baptiste Francois Elisabeth Asselineau, einen Weinhändlergehilfen, aus Nièvre gebürtig, welcher am 8. Mai 1827 um fünfeinhalb Uhr auf dem Grèveplatze hingerichtet wurde. Dieser Verurteilte hatte ein überaus kluges und Teilnahme erregendes Gesicht; dennoch war er schon seit länger als zwei Jahren in den Strudel des Verbrechens versunken. Während der Jahre 1825 und 1826 hatte er eine große Menge Fälschungen verübt, indem er eine durch die andere verdeckte und auf die gefälschten Wertpapiere ausgedachte Unterschriften schrieb, bis es ihm gelang, wirkliche Namensunterschriften täuschend nachzumachen. Von hier bis zum Morde ist nur ein Schritt; diesen legte er zurück, indem er in der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1827 einen Mann, welchem er den Namen eines Freundes gegeben hatte: Jean Baptiste Brouet, meuchlings ermordete, um sich des Geldes, der Kleinodien und der Wertpapiere, die derselbe besaß, zu bemächtigen. Um diese Wertpapiere, unter denen sich Handelsscheine und eine Rentenverschreibung befanden, benutzen zu können, nahm er zu neuen Fälschungen seine Zuflucht und geriet dadurch in das Verderben, indem man in ihm den Mörder Brouets entdeckte.

Man staunt über die frühzeitige Habsucht dieses jungen Mannes, der schon im Alter von siebzehn Jahren den Weg des Verbrechens betrat, indem er falsche Bankbilletts anfertigte und falsche Bankoperationen unternahm. Man erkennt hier eine irregeleitete Geisteskraft, welche sich nicht auf Versuche beschränkt, und man darf nicht erstaunen, daß er, in seinen eigenen Schlingen gefangen, zur Mordtat schreitet. Man erkennt daraus auch die Krankheit des Jahrhunderts: Entsittlichung, Mangel an Grundsätzen, Zügellosigkeit, Durst nach Geld und Vergnügungen, der vor keinem Hindernis zurückbebt. Asselineau ist der Vorläufer von Lacenaire.

Als wir diesen Unglücklichen von der Conciergerie abholten, zeigte er sich ruhig und ergeben und unterwarf sich geduldig den vorbereitenden Zurüstungen. Im Gegensatze zu denjenigen, die ich im letzten Augenblicke ihres Lebens ihre Eltern wegen dieses kläglichen Ausganges hatte anschuldigen hören, schien Asselineau nur an den Schmerz seiner Familie und an die Schande, die er ihr hinterließ, zu denken. Eine unglückliche Familie in der Tat, welcher man jedoch nicht den Vorwurf machen konnte, daß sie die Erziehung dieses jungen Mannes vernachlässigt habe, denn im Gegenteil hatte vielleicht die darauf verwandte Sorgfalt dazu beigetragen, in ihm Ansprüche zu erwecken, welche über seinen Stand hinausgingen und sich in verbrecherische Gelüste verwandeln mußten.

Asselineau schien nicht ohne eine gewisse Bildung zu sein. In dem Augenblicke, als wir aufbrechen sollten und meine Gehilfen ihm die Hände banden, stellte er mir ein viereckig zusammengefaltetes Papier zu und bat mich ungemein höflich, von dem Inhalte desselben Kenntnis zu nehmen und die letzte Bitte eines Sterbenden zu erfüllen.

Das Papier enthielt das Gesuch, einem Schneider, von welchem er einen Rock und ein Beinkleid ohne Bezahlung entnommen hatte, diese Kleidungsstücke wieder zurückzustellen.

Die Orthographie war nicht ohne Fehler, die Handschrift selber aber vollkommen und zeugte von einer Schreibfertigkeit, die man von einem Weinhändlerlehrling kaum erwarten konnte.

Ich versicherte ihm, daß sein Auftrag ausgerichtet werden sollte, und die Kleidungsstücke wurden auch in der Tat an demselben Abend dem Kleidermacher zugestellt.

Als wir das Kleidungsstück nahmen, um es an den bestimmten Ort gelangen zu lassen, fiel ein anderes Papier in unsere Hände, und dies setzte uns noch besser in den Stand, die Fähigkeiten Asselineaus zu beurteilen. Dasselbe enthielt deklamatorische Sätze, worin einige Wahrheiten unter einer Masse von Trugschlüssen hervorblickten, und war wahrscheinlich der Entwurf einer Verteidigungsschrift, welche Asselineau vorbereitet hatte. Es war darin jene Theorie von einem allmählichen und unvermeidlichen Verhängnis enthalten, welche wir weiter unten aus einer verfänglicheren und geschickteren Feder wiederfinden werden: von der des Lacenaire. Dort aber wird sie, wie überall, die Prüfung nicht bestehen und unter dem ersten Hauch der Wahrhaftigkeit und Sittlichkeit verschwinden.

Die letzten Zeilen jenes seltsamen Schriftstückes von Asselineau waren mit einer zitternden Hand geschrieben und voll von Radierungen und Tintenflecken. Unterhalb des letzten Blattes befand sich eine sonderbare Anmerkung, eine Anweisung auf einen Herrn Bellemain im Betrage von neunmalhunderttausend Franken. Diese Zeilen waren ebenfalls von Asselineaus Hand, aber, wie leicht zu ersehen, gefälscht.

Was bedeutet dies? Vielleicht, daß dieser Unglückliche noch bis zum letzten Augenblick und selbst in der Haft über Fälschungen und Betrügereien nachdachte?

Es ist dies ein Geheimnis, das Asselineau mit in das Grab genommen hat.

Auf dem Todesgange bewahrte er seine ganze Kaltblütigkeit und zeigte die tiefste Reue und den aufrichtigsten Schmerz darüber, daß seine Schande auf seine Familie, welcher er zärtlich zugetan schien, zurückfallen würde. Die Sanftmut seiner Mienen und seiner Sprache rührte tief. Man konnte kaum glauben, daß er so viel Verderbtheit im Herzen gehegt habe.

Am Fuße des Schafotts umarmte er den Abbé Montés, der ihm das Kruzifix zum Kusse hinhielt, und überlieferte sich selber dem Gehilfen, der bereit stand, ihn auf das Brett zu binden.

Es schlug halb vier Uhr, als sein Kopf in den verhängnisvollen Korb fiel.


Bei Beginn des Jahres 1828 fand die öffentliche Ausstellung des Abbé Joseph Contrafatto statt, eines Priesters aus Piazza in Sizilien gebürtig, welcher durch Urteilsspruch des Pariser Assisenhofes vom 16. Oktober 1827 zu lebenslänglicher Strafarbeit, einer Stunde Prangerausstellung und zur Brandmarkung mit den Buchstaben T. F. verurteilt wurde, und zwar wegen einer Unzüchtigkeit, die er als katholischer Geistlicher an einem fünfjährigen Mädchen verübt haben soll.

Die Haltung dieses unglücklichen Geistlichen war voll Ergebung und christlicher Demut, doch nicht ohne Würde. Die um den Pranger versammelte Volksmenge überhäufte ihn mit Schmähungen und Schimpfreden.

»Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« wiederholte er unaufhörlich, die Augen bescheiden niedergeschlagen, mit einer sanften Stimme, welche noch durch seinen italienischen Akzent einen gewissen Reiz erhielt.

Erzürnt über die feigen und groben Beleidigungen seitens der gemeinen Menge, die von dem dummen Priesterhaß, der traurigen Krankheit jener Zeit, beseelt war, näherte ich mich auf einen Augenblick dem armen Abbé und sagte zu ihm:

»Mut und Geduld, mein Herr! Sie werden bald von diesen herzlosen Leuten befreit werden.«

»Wie sollte ich mich beklagen, mein Freund,« entgegnete er, »am Pranger zu stehen, da unser Heiland ans Kreuz geschlagen wurde?«

Contrafatto hatte den Ausdruck der Unschuld im Blick. Von dem Tage seiner Ausstellung schreibt sich die Teilnahme her, welche er zwei frommen Frauen, Mutter und Tochter, einflößte, die sich, ebenso wie Henriette Leglos für Latude, unaufhörlich seiner Befreiung widmeten.

Durch einen jener erstaunlichen Umstände, welche sich in irdischen Angelegenheiten zuweilen ereignen, fanden sie einen tätigen und standhaften Helfer in dem Advokaten des Zivilgerichts, welcher zu seiner Verurteilung beigetragen hatte. Ledru, so hieß dieser Advokat, war seit jener Verurteilung von mächtigen Zweifeln über die Schuld Contrafattos ergriffen worden. Er gewann die Überzeugung, daß Contrafatto verleumdet worden sei, daß die Mutter des kleinen Mädchens, welches jener Unglückliche gemißbraucht haben sollte, selber eine Frau von zweifelhafter Sittlichkeit sei und daß die Zeugen, aus Haß gegen das Priesteramt des Angeklagten, mit Parteilichkeit ausgesagt hatten.

Seitdem versäumte er keine Mühe und keinen Schritt, um das Unglück, dessen Verschuldung er sich vorwarf, wieder rückgängig zu machen.

Allmählich wurde Contrafattos Schicksal gemildert, und endlich erhielt dieser unglückliche Priester die Freiheit wieder, nachdem er siebzehn Jahre im Bagno zugebracht hatte. Sein großmütiger Befreier wurde durch seinen Eifer und den Erfolg seiner Bemühung dermaßen bloßgestellt, daß er seine Stellung als Advokat aufgeben mußte. Um die Rehabilitation des Mannes, den er als sein Opfer betrachtete, vollständig zu machen, hatte er sich zu unvorsichtigen Erklärungen verleiten lassen, so daß er von der Liste der Advokaten gestrichen wurde. Es blieb ihm nur der Trost, das Unglück, als dessen Urheber er sich anklagte, soviel wie möglich rückgängig gemacht zu haben.


Am Donnerstag, dem 30. August 1832, kam die Reihe an einen jungen, aber großen Verbrecher, dessen tragisches Schicksal unendliche Teilnahme erweckte. Nicolas Theodore Frédéric Benoît, der Sohn eines achtbaren Friedensrichters von den Ardennen, wurde vor Gericht gestellt, um über zwei vor achtzehn Monaten begangene Mordtaten Rechenschaft abzulegen; der Vater war erschienen, um die Unschuld des Sohnes zu beweisen.

Diejenigen, welche die genaueren Umstände dieser Angelegenheit, wodurch die Abscheulichkeit einer verderbten Natur in das hellste Licht gesetzt wird, kennenlernen wollen, verweise ich auf A. Fouquiers berühmte Rechtsfälle. Es möge hinreichen, zu erwähnen, daß die erste der Mordtaten, welche Benoît zur Last gelegt wurde, an seiner eigenen Mutter vollzogen war, welche er erwürgt hatte, um ihr einen Beutel mit viertausend Franken zu entwenden.

Das Verbrechen war so abscheulich, daß der Verdacht nicht sogleich auf den wirklichen Schuldigen gelenkt wurde; man wich vor dem Gedanken zurück, daß ein aus ehrenhafter Familie entsprossener, wohlerzogener junger Mann von neunzehn Jahren eine solche Verderbtheit zeigen könnte. Ein schwerer Verdacht lenkte sich im Gegenteil auf einen Landbewohner, der mit Benoît dem Vater, dem Gatten des Opfers, in unfreundlicher Beziehung stand; es erhoben sich sogar so schwere Verdachtsgründe wider ihn, daß er nur durch ein Wunder der Verurteilung entging. In der Tat wurde er nur durch einfache Majorität freigesprochen und blieb in der öffentlichen Meinung noch immer der Ermordung der Frau Benoît verdächtig.

Während dieser Zeit war Frédéric zuerst nach Nancy und darauf nach Paris geschickt worden, wo sein Vater ihn zum Notar ausbilden lassen wollte. Er wechselte mehrere Studien nacheinander, verbrachte seine Zeit in Vergnügungen und Ausschweifungen und gab beträchtliche Summen aus, ohne daß man wußte, auf welche Weise er sich das Geld verschaffte.

Die Ausschweifungen Benoîts waren von besonderer Art. Dieser Unglückliche frönte einem Laster, welches den Gesetzen der Natur Hohn spricht. Damals gab es in Paris ein verborgenes Haus, welches zu diesen unflätigen Orgien bestimmt war. Dort traf Benoît mit einem jungen Manne zusammen, welcher demselben Laster anheimgefallen war; er nahm ihn aus dem abscheulichen Hause, um ihn zu seinem täglichen Gefährten zu machen und seine Wohnung mit ihm zu teilen.

Im Anfange der schimpflichen Verbindung dieser beiden jungen Leute gab es kein Geheimnis zwischen ihnen, und es ist anzunehmen, daß Benoît seinem Freunde vertraulich mitgeteilt habe, daß er der Mörder seiner Mutter sei, wenn man nicht der wahrscheinlicheren Vermutung Raum geben will, daß ihm das schreckliche Geständnis in der Nacht während des Schlummers und unter den Träumen, welche den Schlaf eines schuldigen Gewissens quälen, entschlüpft sei. Kurz, Joseph Formage, Frédérics Freund, wurde Vertrauter des verhängnisvollen Geheimnisses.

Wenn schon die natürlichen Zuneigungen nicht immer gegen die Prüfungen der Zeit und der Gesellschaft stichhaltig sind, wie sollte es mit jenen der Fall sein, welche ihre Quelle in der abscheulichsten Sinnenverirrung haben? Benoît wollte eine Verbindung auflösen, welche drückend für ihn wurde, und sich neuen Ausschweifungen hingeben. Dazu fehlte es nicht an einem Vorwande; von seinem Vater nach Vouziers zurückberufen, ergriff er bereitwillig die Gelegenheit, sich von Formage zu trennen. Dies kam aber letzterem sehr ungelegen, der, an Nichtstun gewöhnt, die Hilfsmittel zu seinem Müßiggang verlieren sollte.

Kaum war Frédéric zu Hause angelangt, als er von dem verlassenen Freunde mit schriftlichen Bitten um Geldunterstützung bestürmt wurde. Die ersten Briefe waren höflich und freundschaftlich; da Benoît jedoch, weil er wußte, daß sie sich erneuern würden, wenn sie Erfolg hätten, nicht darauf antwortete, so nahm Formage endlich einen drohenden Ton an und erklärte, daß, wenn sein Gesuch nicht befriedigt würde, er nach Vouziers kommen und das Geheimnis, dessen Mitwisser er sei, entdecken würde.

Frédéric hielt sich für verloren, und es ist zu begreifen, daß der Elende, der nicht zurückgeschaudert war, um einiger tausend Franken willen seine Mutter zu ermorden, auch vor einem zweiten Verbrechen nicht zurückwich, um die Strafe von sich abzuwenden und das Schwert des Damokles, welches über seinem Haupte schwebte, auf immer zu beseitigen.

Benoît eilte also nach Paris, stellte sich freundlich gegen Formage, nahm ihn unter dem Vorwande einer Vergnügungspartie mit sich nach Versailles und erwürgte ihn in einem Hotelzimmer, gleichwie er seine Mutter erwürgt hatte.

Was er für seine Rettung gehalten, bewirkte aber gerade seinen Untergang.

Benoît war am Abend vor dem Verbrechen in Paris und an dem Tage des Mordes selbst in Versailles in Formages Gesellschaft gesehen worden; obgleich er das Hotel, wo er den Mord begangen, ohne Hindernis verlassen hatte, wurde er drei Tage später als vermutlicher Täter verhaftet.

Die Untersuchung häufte die erschwerendsten Verdachtsgründe gegen ihn; alle Zeugenaussagen vereinigten sich, ihn anzuklagen; Formages Brief, von dem man ein Konzept unter den Papieren des Unglücklichen vorfand, stürzte ihn vollends in den Abgrund, indem er den Zweck seines zweiten Verbrechens enthüllte, der nur darin bestanden hatte, den gefährlichen Mitwisser des Muttermordes auf die Seite zu schaffen.

Benoît leugnete nachdrücklich beide Mordtaten, welche ihm zur Last gelegt wurden, ab; er zeigte bei seiner Verteidigung ebensoviel Geschicklichkeit, als er bei der Ausübung seiner Verbrechen kundgegeben hatte. Er hatte es jedoch mit einem furchtbaren Gegner zu tun. Der Landbewohner aus Vouziers, welcher ursprünglich angeklagt gewesen und in der öffentlichen Meinung noch in Verdacht stand, den Mord an der Frau Benoît begangen zu haben, war als Belastungszeuge aufgetreten und hatte dem Advokaten Chaix d'Est-Ange den Auftrag erteilt, den Schrei der verleumdeten Unschuld vor dem Gerichtshof geltend zu machen, das heißt Benoît anzuklagen.

Benoît wurde zum Tode der Vatermörder verurteilt, das heißt, im Hemde, barfuß und den Kopf mit einem schwarzen Schleier verhüllt, zum Tode zu gehen. Nichtigkeitsbeschwerde, Gnadengesuch, alles wurde verworfen; die Bitten seiner Familie vermochten nicht, sein Schicksal zu erleichtern.

Als wir ihn aus Bicètre abholen wollten, um ihn zuzurüsten, war er noch nicht in den dazu bestimmten Saal eingetreten, doch hörten wir ihn schon durch die dicken Mauern und Türen ein gellendes Geschrei ausstoßen, als man ihm sagte, daß er nur noch wenige Augenblicke zu leben habe.

Bald darauf erschien er, von zwei Gefangenenwärtern unterstützt, denn die Beine brachen unter ihm zusammen. Er war der erste Verurteilte, den ich in solcher Schwäche erblickte.

Er ließ sich das Haar abschneiden, ohne ein Wort zu sprechen; nur von Zeit zu Zeit drang ein Schluchzen aus seiner Brust, und reichliche Tränen entrannen seinen Augen. Als er, dem Urteilsspruche gemäß, seiner Kleider und Schuhe entledigt werden sollte, stieß er abermals ein unmenschliches Geschrei aus. Niemals hörte ich einen solchen Ausdruck des Schreckens. Die einzigen Worte, die man unter diesem kläglichen Geheul hören konnte, waren:

»Gnade! Mitleid! Ich bin unschuldig! Führen Sie mich nicht fort!«

Er wollte sich aufrichten, sank aber dann wieder vernichtet den Gehilfen in die Arme. Man verhüllte ihm das Gesicht mit dem Schleier der Vatermörder; darauf gingen wir fort.

Unterwegs verlor er zu wiederholten Malen die Besinnung, aber immer erholte er sich wieder und sagte weinend:

»Die Herren Persil und Chair d'Est-Ange sind an meinem Tode schuld. Ach, meine arme Mutter! Joseph, du weißt wohl, daß ich unschuldig bin; warum kommst du nicht und sagst es?«

Der würdige Priester, welcher ihn begleitete, benutzte diese seltenen lichten Augenblicke, um mit ihm von Gott zu sprechen und ihn zu ermahnen, die Geständnisse abzulegen, welche allein sein Gewissen erleichtern könnten. Benoît hörte ihn kaum an und schien nur mit dem Gedanken beschäftigt, auf welche Weise er der schrecklichen Strafe, die ihn erwartete, entrinnen könnte. Dennoch, sobald er nur von weitem die unbestimmten Umrisse der Guillotine an der Barrière von Arcuel bemerkte, mochte er einsehen, daß alle Hoffnung verloren sei, und das Vertrauen auf das physische Leben, welches jeder solange wie möglich zu bewahren sucht, schien plötzlich zu schwinden. Er fiel aufs neue in Ohnmacht, aber nur auf kurze Zeit. Als er an dem Orte der Hinrichtung ankam, nahm er anstatt des Mutes jene Ergebung an, welche ein unvermeidliches Geschick verleiht. Auf den Tritt der Kutsche niederkniend, legte er seinem Beichtiger das Geständnis der Verbrechen ab, die er jetzt schmerzlich büßen sollte.

Dieses vor Gott abgelegte Geständnis hörte ich ohne meinen Willen. Benoît machte es zwar mit ganz leiser Stimme und glaubte nur von dem frommen Priester, an den es gerichtet war, gehört zu werden; ich vernahm es aber mit nicht geringer Begierde.

Soll ich es gestehen? Bis dahin hatte ich noch die Unschuld des Unglücklichen für möglich gehalten, keiner von den aufgestellten Beweisen gegen ihn schien mir den bestimmten Charakter zu haben, der allein ein Todesurteil rechtfertigen kann. Nach meiner Meinung hatte ein undurchdringliches Dunkel diese Sache umhüllt, und mit innerer Befriedigung hatte ich zur Ehre des menschlichen Geschlechts an der Wirklichkeit eines so gräßlichen Verbrechens, wie der Muttermord, gezweifelt; ich wurde grausam enttäuscht.

Benoît stieg, von den Gehilfen unterstützt, aus der Kutsche und stieß wieder jenes schreckliche Geheul aus, mit welchem er die Stimme des Gerichtsschreibers, der das Urteil verlesen, übertönt hatte. Man trug ihn auf das Schafott, denn er konnte sich nicht entschließen, seine nackten Füße auf die Erde zu setzen; selbst in einem solchen Augenblick bebte noch diese entnervte Natur vor einem leichten körperlichen Leiden zurück. Als man ihn auf das Brett band, war er so völlig gelähmt, daß sein Körper nur einer trägen Masse glich. Es war um halb acht Uhr, als Benoîts Kopf unter dem Messer fiel.

Mein Vater sagte mir, daß seit der Hinrichtung der Frau Dubarry kein Beispiel einer ähnlichen Schwäche auf dem Schafott gesehen worden.

»Erkenne daraus«, fügte er hinzu, »die Unwirksamkeit der Todesstrafe. Wir haben jedenfalls einen Mann vor uns gehabt, der den Tod am meisten fürchtete. Wohl! Dieser Mann war noch nicht einundzwanzig Jahre alt, als er schon zwei Mordtaten, und zwar zuerst den Mord an seiner Mutter, begangen hatte. Da muß man doch wohl eingestehen, daß das Strafgesetz ein schlechtes Schreckbild für ihn war.«

Ich pflichtete nur zu sehr dieser Ansicht bei; mein Vater zuckte die Achseln und fuhr fort:

»Die Furcht vor dem Tode ist eine rein körperliche Empfindung, welche mit dem Trieb der Lebenserhaltung zusammenhängt. Sobald der Mensch krank wird oder sich in einer sichtlichen Gefahr befindet, wird er den Tod fürchten; aber hoffe nicht, ihn durch die Aussicht auf einen fernen, Ungewissen, von tausend verschiedenen Umständen abhängigen Tod zu erschrecken und zu zügeln. Ist dieser Mann verderbten Herzens, so wird die Versuchung zum Verbrechen immer den Sieg über die Furcht vor einer zufälligen Gefahr, die sich vielleicht vermeiden läßt, davontragen.«

So endigte diese traurige Angelegenheit, in welcher wir ein Beweismittel mehr gegen das barbarische Gesetz fanden, zu dessen Vollstreckern wir berufen waren.

Lacenaire, Avril

Zum Beginn des Jahres 1836 erhielt das Schafott ein gräßliches Neujahrsgeschenk mit der Doppelhinrichtung von Lacenaire und Avril. Namentlich dem ersteren dieser beiden Verbrecher gebührt der Beiname eines »Löwen des Verbrechens«. In der Tat ist niemals ein Mörder auf dem Wege vom Gefängnis zum Gerichtssaal und zum Schafott von neugierigeren und begeisterteren Blicken begleitet, ich möchte sagen, mit ähnlichen Huldigungen gefeiert worden.

Den Diebstahl als Zweck, den Mord als Mittel – nach diesem System hatte Lacenaire seine Verbrechen in großem Maßstabe auszuführen gedacht. Mit reichen Einnahmen beladene Kassendiener zu ermorden und zu berauben unternahm er mit seinem Spießgesellen mehrere Versuche, die glücklicherweise mißlangen, bis eines Tages Avril ergriffen ward und bald darauf auch Lacenaire in die Hände der Justiz geriet.

Es läßt sich kaum sagen, welche Roheit und Kühnheit dieser Mensch bewies. Anstatt zuzugeben, daß schlechte Leidenschaften ihn zu den Verbrechen, die er offen eingestand, getrieben hätten, wollte er dieselben auf bestimmte Grundsätze zurückführen und bestand darauf, indem er mit den Theorien eines verworfenen Materialismus prahlte, sein Betragen mit Hilfe von Lehrsätzen zu erklären, deren Ausdruck allein schon eine schimpfliche Beleidigung der Sittlichkeit und des gesunden Menschenverstandes war.

Mit Fähigkeiten begabt, von denen er wohl einen besseren Gebrauch hätte machen können, kleidete er seine schamlosen Trugschlüsse in eine kühne und glänzende Beredsamkeit, und es gelang ihm, mit Wohlgefallen gehört zu werden. Was sage ich? Er wurde gefeiert und bewundert. Man riß sich um seine Prosa und machte sich seine Verse streitig.

Dennoch war Lacenaire nicht von Anfang an so entschieden verderbt gewesen. Im Verlauf seiner ersten Vergehen war diese krankhafte Intelligenz noch nicht gänzlich vom Laster befleckt, und er hatte, ebenso wie Asselineau, jedoch in edlerer Sprache, das Schicksal seines allmählichen Falles zu erklären gesucht.

Wir entnehmen einem Artikel, welchen er in der »Tribüne der Proletarier« erscheinen ließ, die folgende Stelle:

»Ein junger Mann verfällt seinen Leidenschaften; indem er die Stimme der Ehre erstickt, die Grundsätze der Rechtlichkeit, die er in seiner Kindheit im Schoße seiner Familie erfahren, welche aber noch nicht Zeit gehabt haben, tiefe Wurzeln zu schlagen, mit Füßen tritt, begeht er ein Verbrechen. Sogleich bemächtigt sich seiner die Polizei und versenkt ihn lebendig in jene Kloake, welche ›das Depot der Präfektur‹ genannt wird.

Wer begegnet ihm bei seinem Eintritt? Entflohene Sträflinge, die man in Paris wieder ergriffen hat, Sträflinge, die ihre Ketten zerbrochen haben und aus ihrer Haft entsprungen sind, die man bei neuen Verbrechen auf frischer Tat ergriffen hat, außer den anderen Dieben, Gaunern, Spitzbuben aus Neigung, von Profession, fast von Geburt, ein von Lastern zerfressenes Geschlecht, Geißeln der menschlichen Gesellschaft, unverbesserliche Taugenichtse, welche, wenngleich sie nicht auf die Galeere gebracht worden sind, doch um nichts besser und schon seit längerer Zeit zu jedem rechtlichen Gedanken, zu jeder guten Tat unfähig sind.

Was soll aus unserem jungen, unerfahrenen Manne inmitten dieser verderbten Gesellschaft werden? Dort hört er zum ersten Male die barbarische Sprache eines Cartouche und eines Poulailler, ein schmachvolles Rotwelsch; dort sieht er, wie mit Zustimmung der Aufsichtsbeamten des Depots den Veteranen des Verbrechens, den berühmtesten dieser Gattung, die größere Gunst und Rücksicht gewährt wird; ihnen allein steht das Recht zu, die armen Teufel, welche durch mancherlei Umstände in ihre Mitte gebracht worden sind, zu drücken, zu quälen, selbst nach Belieben mit Füßen zu treten. Wehe unserem jungen Mann, wenn er nicht schnell ihrem Ton, ihren Grundsätzen und ihrer Sprache beistimmt! Er wird bald als ein falscher Bruder erkannt und für unwürdig geachtet, sich an die Seite der Freunde zu setzen! Nun gibt es keine Art der Quälerei, welcher er nicht unrettbar anheimfällt; Beschwerden darüber würden von den Aufsehern selber, welche immer geneigt sind, jene Veteranen zu beschützen, übel vermerkt werden und nur den Zorn des Profoß, der gewöhnlich ein ehemaliger Sträfling ist, ebenso wie den Zorn seiner Mitgefangenen reizen.

Bei all dieser Ruchlosigkeit, diesen rohen Gebärden und Anträgen, diesen schändlichen Erzählungen und ekelhaften Verbrechen errötet der Unglückliche zum erstenmal über ein Gefühl der Scham und Unschuld, welche ihm bei seinem Eintritt geblieben war. Er schämt sich, ein geringerer Verbrecher zu sein als seine Gefährten; er fürchtet ihre Spöttereien, ihre Verachtung; denn man täusche sich nicht, es gibt Achtung und Geringschätzung sogar auf der Bank der Galeere, woraus es sich erklärt, daß einige Sträflinge sich dort wohler befinden als im Schoße der Gesellschaft, von welcher sie nur mit Verachtung behandelt werden. Niemand gibt sich willig der Geringschätzung seiner Umgebung preis.

Unser junger Mann bildet sich wohlweislich sogleich an den besten Mustern, die sich von dieser Gattung vorfinden; er bildet sich nach ihrem Tone und ihren Manieren; er ahmt ihnen nach; in zwei Tagen spricht er ihre Sprache so gut wie sie selber; nun ist er nicht mehr ein armer Einfaltspinsel, nun können die Freunde ihm die Hand reichen, ohne sich etwas zu vergeben. Man bemerke wohl, daß bisher nur eine kleinliche Ruhmsucht im Spiele ist, daß er nicht gern für einen Lehrling in der Gesellschaft gelten mag. Die Veränderung erstreckt sich noch mehr auf die Form als auf das Wesen. Zwei oder drei Tage, die er an diesem Sammelplatz von liederlichem Gesindel verlebt, konnten ihn noch nicht gänzlich verderben; aber seid überzeugt, der erste Schritt ist geschehen; er wird auf dem schönen Wege nicht stehenbleiben, und seine Erziehung, welche unter den Wölbungen der Polizeipräfektur ihren Anfang nahm, wird sich in Laforce vollenden und in Poissy oder in Melun ihr Ende erreichen.«

Als Lacenaire diese philanthropischen Übungsstücke veröffentlichte, hatte er noch nicht Blut geleckt, die Tigertatze noch nicht herausgekehrt. Eine ganz andere Haltung nahm er auf der Bank des Assisenhofes an; der schüchterne Jüngling, welcher jene Art Elegie in der »Tribüne der Proletarier« veröffentlichte, zeigte sich als Mann, der die Maske abgeworfen hatte und mit seinen Verbrechen prahlte.

Ich wiederhole es, man schenkte jenen ungeheuerlichen Prahlereien zu viel Aufmerksamkeit, ganz abgesehen von der Intelligenz ihres Urhebers. Man machte zu viel aus diesem Mörder, diesem Herostrat der Sittlichkeit, der das Schafott als Piedestal benutzen wollte; man gestattete ihm, in sein namenloses Grab den Trost mitzunehmen, er sei eine hochberühmte Persönlichkeit gewesen.

Lacenaire und Avril wurden am 15. November zum Tode verurteilt. Beide legten Appellation ein; der erstere erklärte, es geschähe nur, um Zeit zu gewinnen, seine »Denkwürdigkeiten« zu schreiben.

Ja, bei Gott, die Empfindlichkeit, die sich schon entsetzte bei der Ankündigung der Veröffentlichung meiner Memoiren, erwies sich viel nachsichtiger mit jenem Helden des Mordes, der Fälschung und des Diebstahls.

Dennoch wurde Lacenaires Hoffnung getäuscht, er konnte seine skandalöse Autobiographie nicht beendigen, und um die traurige Spekulation des Verlegers zu retten, mußte ein Schriftsteller sich dazu verstehen, die letzten Seiten dieses unglücklichen Buches zu schreiben.

Man findet darin genau verzeichnet, wie sich Lacenaire während der Zeit, die er in Bicètre und in der Conciergerie verlebte, das heißt, seit seiner Appellation bis zur Hinrichtung, betrug.

Dieser große Mann des Assisenhofes hatte seinen Dangeau, seinen Lebensgeschichtschreiber, welcher Tag für Tag seine geringsten Worte und unbedeutendsten Handlungen verzeichnete; er fand auch seitdem seinen Plutarch an einem obskuren Journalisten, welcher sich darin gefiel, in einer Reihe von Artikeln, die später in einem kleinen Bande herausgegeben wurden, dieses Epos des Meuchelmordes zu veröffentlichen.

Wir werden uns hier nicht auf die Einzelheiten einlassen, weder auf die nächtlich ausgeheckten Poesien, womit Lacenaire seine letzten Mußestunden ausfüllte, noch auf die Mahlzeit am Weihnachtsabend, welche zum letztenmal Lacenaire und Avril an demselben Tische vereinigte. Den letzteren hatte er zweimal gemordet: das erstemal, indem er den Einfluß, den ihm sein überlegener Geist verlieh, mißbrauchte, jenen Unglücklichen zum Morde zu verleiten; das zweitemal, indem er ihn durch seine Geständnisse der grausamsten Strenge des Gesetzes überlieferte.

Wir übergehen die theatralische Abschiedsszene, die er beim Abgange aus der Conciergerie und Bicètre spielte, mit Stillschweigen; ebenso die skeptische Haltung, zu welcher er sich zwang, während Avril mit der Sammlung eines reuevollen Christen die Sterbegebete anhörte, die man in der Gefängniskapelle für sie las. Wir erwarteten Lacenaire in der Kanzlei, wo man die Zurüstung der Verurteilten vornehmen sollte.

Er erschien daselbst, die Zigarre im Munde, mit einer Sicherheit, die nicht frei von Verstellung war. Nachdem er sich auf den Schemel gesetzt hatte, richtete er ganz unbefangen das Wort an einige Personen. Einer der Gehilfen schnitt ihm das Haar ab, und als dies geschehen war, verlangte er dieselbe Kleidung, die er im Assisenhofe getragen hatte. Man gab sie ihm; es war ein Überrock, den er als Mantel über die Schulter warf.

Darauf kam Avril an die Reihe. Dieser prahlte nicht mit seiner Festigkeit, wie Lacenaire, zeigte aber nichtsdestoweniger eine außerordentliche Ruhe. Der Tag begann erst zu grauen, und da es im Monat Januar war, wo die Morgen immer kalt sind, so konnte Avril einen leichten Schauer nicht unterdrücken. Ohne es zu wissen, parodierte er das berühmte Wort Bayles.

»Teufel,« sagte er, »ich zittere vor Kälte; man könnte glauben, ich fürchte mich.«

Er bat um ein Gläschen Branntwein, um sich zu erwärmen; ein Aufseher brachte es ihm.

»Dank, Alter!« sagte er, leerte es mit einem Zuge und schnalzte mit der Zunge.

Nachdem man ihm und Lacenaire Hände und Füße gebunden hatte, nahm er von den Anwesenden mit den in treuherzigem Tone ausgesprochenen Worten Abschied:

»Lebt wohl, ihr alle!«

Man ging ab. Der Zug dauerte lange, denn die Wege waren sehr schlecht. Der Abbé Montès benutzte die Zeit und gab sich alle erdenkliche Mühe, das widerspenstige Gemüt Lacenaires zu rühren; diese Versuche scheiterten aber an dem Eise dieses wahren oder vorgeblichen Skeptizismus.

Es war beinahe halb neun Uhr morgens, als wir auf dem Platze ankamen. Die Verurteilten stiegen zuerst ab, dann der Beichtiger und wir.

Avril, welcher zuerst hingerichtet werden sollte, umarmte den würdigen Priester, der ihm beistand, und stieg dann festen Schrittes die Stufen zum Schafott hinauf. Auf der Plattform wendete er sich an Lacenaire und rief ihm mit starker und sicherer Stimme zu:

»Lebe wohl, Lacenaire! Lebe wohl, mein Kamerad!«

Ein unmerkliches Lächeln glitt über das bleiche Antlitz des letzteren, welcher den Kopf vorgestreckt hatte, um den des Unglücklichen, den er ins Verderben gestürzt, fallen zu sehen. Selbst bei dem Geräusch des Fallbeils erbebte er nicht. Ohne Hilfe stieg er die Stufen, die zum Tode führten, hinauf und warf einen letzten Blick auf die Menge, welche er vielleicht zahlreicher erwartet hatte. Wir glaubten, er würde sprechen, er legte sich aber selber auf das von dem Blute Avrils triefende Brett; der Kopf des Schuldigen rollte in den Korb.

Einige Tagesblätter jener Zeit haben behauptet, es habe ein Stillstand von fünfzehn bis zwanzig Minuten stattgefunden, und die Guillotine habe eine Weile gefeiert. Diese Angabe ist falsch und war nur auf den Effekt berechnet, um einer Sache, in welcher man schon zu viel Hebel in Bewegung gesetzt hatte, ein noch mehr dramatisches Ende zu geben.

Es trug sich nichts Besonderes zu, als Lacenaire an die Reihe kam, und er wurde mit ebensowenig Umständen hingerichtet wie sein Mitschuldiger Avril. Ich wollte zu jener Zeit einer so abgeschmackten Fabel öffentlich widersprechen, fand aber kein Journal bereit, meine Widerlegung aufzunehmen.

Was ich zu sagen habe, ist nur, daß dieser berühmte Verbrecher bis zum letzten Augenblick eine merkwürdige Kaltblütigkeit und Entschlossenheit bewahrte.–

 

Kaum drei Wochen später, am Mittwoch, dem 27. Januar 1836, richteten wir an dem alten Orte das Schafott auf, um einen ehemaligen Militär namens Joseph David, vierzig Jahre alt, welcher im Invalidenhause seine Schwägerin ermordet hatte. Er wurde um halb neun Uhr hingerichtet und zeigte außerordentlichen Mut.

Zwei Anschläge auf Louis Philipp

Fieschi, Morey, Pépin, die Höllenmaschine; Louis Alibaud.

Am Freitag, dem 19. Februar desselben Jahres, hatten wir eine dreifache Hinrichtung, welche die traurigsten Erinnerungen an das Konsulat erweckte. Ich meine die Hinrichtung von Fieschi, Morey und Pépin, alle drei durch den Pairshof zum Tode, und Fieschi mit der verschärften Strafe des Vatermords, verurteilt. Es war in der Angelegenheit der Höllenmaschine, welche auf dem Boulevard des Temples in dem Augenblicke losging, als der König Louis Philipp mit seinem Geleite vorüberzog, um den Jahrestag des 28. Juli 1830 zu feiern.

Man erinnert sich aller Einzelheiten jener schmachvollen Katastrophe. Der König und sein Sohn entrannen durch ein Wunder dem Kugelregen; aber zweiundvierzig Personen fielen um sie her, von denen neunzehn nicht wieder aufstanden: ein Marschall von Frankreich, tapfere Generäle, welche in hundert Schlachten erhalten geblieben waren, Beamte, Kaufleute, ehrsame Handwerker, Frauen, Kinder kamen als Opfer dieses schändlichen Attentats um. Selbst der Urheber dieses Verbrechens wäre beinahe demselben erlegen, denn als man ihn verhaftete, war er durch einige Gewehrläufe seiner mörderischen Maschine leicht verwundet.

Nachdem man seine Identität festgestellt hatte, erfuhr man, er sei ein Korse von niederer Abkunft namens Fieschi, der alle Gewerbe durchgemacht habe, selbst Überläufer und Spion gewesen, durch ein entehrendes Urteil geschändet, in das tiefste Elend gesunken war und sich aus Spekulation zum politischen Mörder gemacht hatte, indem er sich einigen unglücklichen Fanatikern verkaufte, welchen der Königsmord kein Verbrechen schien.

Fieschi, seinen verräterischen Gewohnheiten getreu, hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese Fanatiker den Gerichten zu überliefern. Es waren ein Sattler aus der Straße St. Victor und ein Gewürzkrämer aus dem Faubourg St.-Antoine, zu welchen sich später ein Klempner namens Boireau und ein Buchbinder namens Bescher gesellt hatten.

Dieses Verschwörerpersonal war durchaus schlecht rekrutiert, um das Schicksal eines Reiches zu ändern. Ich will die bekannten Verhandlungen in dieser Angelegenheit nicht noch einmal erzählen.

Die Erinnerung an Lacenaire war noch in den Gemütern wach. Wenn Fioschi nicht jenem berühmten Muster so weit folgte, daß er dem Verbrechen eine Lobrede hielt, so ahmte er ihm doch in der Schändlichkeit der Angeberei nach. Weniger darauf bedacht, sich selbst zu rechtfertigen, als seine Mitschuldigen anzuklagen, erwarb er sich die Geneigtheit der Polizei, welche in dieser Angelegenheit gern eine höhere Urheberschaft auffinden mochte, und da die Zeit den Verbrechern günstig war, so fand auch Fieschi im Publikum nach Lacenaire seine Ernte an Popularität. Er wurde in seinem Gefängnis gepflegt und konnte vor dem Pairshofe eine neue Art der Beredsamkeit entfalten, deren possierliche Ausschweifungen zuweilen zum Lächeln reizten, deren gallichte und gehässige Ausfälle aber auch das Herz mit Widerwillen erfüllten.

Das Ergebnis dieser Bemühung war, daß Fieschi zwei seiner Mitschuldigen, den Sattler namens Morey, einen Greis von einundsechzig Jahren, und den Gewürzkrämer namens Pépin, kaum fünfunddreißig Jahre alt und Vater von vier jungen Kindern, mit sich auf das Schafott zog. Boireau aber wurde nur zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und Bescher freigesprochen.

Morey war ein abgezehrter, armseliger Greis, aber er trug ein edles Herz in seinem abgelebten Körper. Bis zum Ende bewahrte er die Haltung eines Römers und hörte seinen Urteilsspruch mit der stoischen Gleichgültigkeit eines Cato an.

Pépin, welcher sich während der Verhandlung schwach gezeigt hatte, schien sich zu ermannen, nachdem er die Gewißheit über sein trauriges Geschick erhalten hatte. Er schrieb einen rührenden Brief an seinen Advokaten und ordnete seine Angelegenheiten in der Art, daß seine Familie so wenig wie möglich durch seinen Untergang beeinträchtigt werde.

Was Fieschi anbelangt, so verließ ihn seine Weitschweifigkeit und seine Prahlerei auch während der wenigen Tage nicht, welche er noch nach seiner Verurteilung in dem Gefängnis von Klein-Luxembourg zubrachte. Er schrieb auch an seinen Advokaten Pasquier und an mehrere andere Personen. Seine gemeine Eitelkeit gefiel sich darin, das Publikum bis zu dem letzten Augenblick mit ihm beschäftigt zu sehen.

Während dieser Zeit bemühte man sich, Morey und Pépin, von welchen man voraussetzte, daß sie die Verschwörung auf höheren Befehl angesponnen, Enthüllungen zu entlocken, um die geheimnisvollen Mitschuldigen kennenzulernen. Beide weigerten sich mit unerschütterlicher Standhaftigkeit, sei es, daß sie in der Tat keine Enthüllung zu machen hatten, sei es, daß sie einem gegebenen Worte treu bleiben und die Geheimnisse ihrer Partei achten wollten. Pépins Familie verwendete sich beim Könige; Louis Philipp gab auf diese Bitte der Familie eine bewundernswerte Antwort.

»Ich möchte an jenem grausamen Tage das Recht, zu begnadigen, mit meinem Blute bezahlt haben,« sagte er, »aber ich habe eine Verpflichtung gegen die Familien so vieler unglücklicher Opfer.«

Am 19. morgens, als es kaum tagte, holten wir die drei Verurteilten aus dem Gefängnis von Klein-Luxembourg ab. Sie wurden der Reihe nach behufs der verhängnisvollen Zurüstung herbeigeführt.

Fieschi sprach viel in fieberhafter Lebendigkeit; Pépin zeigte sich ruhig und ergeben; was Morey anbetrifft, so blieb er düster und ernst wie vorher. Um ihm das Haar abzuschneiden, war man genötigt, ihm eine schwarze seidene Mütze, die er beständig trug, vom Kopfe zu nehmen; Piot wollte ihm auch seinen Westenkragen abschneiden, welcher zu hoch in den Nacken hinaufreichte, Moiey zog es aber vor, dies Kleidungsstück abzulegen.

»Weshalb diese Weste verderben,« sagte er zu mir mit dem Tone eines Mannes von mitleidigem Herzen; »sie ist noch gut genug, um sie einem Armen zu schenken.«

Beim Weggehen wurden die drei Verurteilten wieder vereinigt. Fieschi wollte sich seinen Todesgefährten nähern und das Wort an sie richten; Pépin antwortete ihm in kaltem Tone, aber ohne Groll; Morey wendete sich mit Verachtung ab.

Wir fuhren durch den ganzen Luxembourggarten bis zum Gitter der Sternwarte, und von dort erreichten wir den Rundplatz der Barrière St. Jacques, wo uns eine bedeutende Militärmacht erwartete.

Während des ganzen Hinweges wiederholte Pépin fast wie ein öffentlicher Ausrufer, aber in kläglichem Tone: »Fieschi und sein Verbrechen kommen hier vorbei.«

An dem Platze der Bestimmung angelangt, stieg er zuerst ab. Noch bis zum Fuße des Schafotts bat man ihn, das, was er wisse, mitzuteilen. Ein Polizeikommissarius bedrängte ihn mit Fragen und gab ihm zu verstehen, seine Strafe würde gemildert und ihm das Leben gerettet werden, wenn er sich zu Geständnissen bewegen ließe. Pépin wies jedoch mit Edelmut diese Eröffnungen zurück, welche im letzten Augenblicke wohl seinen Mut hätten wankend machen können.

»Ich habe nichts weiter zu sagen,« sprach er mit Festigkeit und stieg behend auf die Plattform, wo sein Kopf zuerst fiel.

Man hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, dem alten Morey dieselbe Prüfung aufzulegen, denn man wußte im voraus, daß man von diesem standhaften Charakter nichts erlangen würde. Da er gliederlahm war, so mußten ihn die Gehilfen gewissermaßen auf das Schafott tragen; die nächsten Zuschauer konnten sich jedoch über diesen Umstand nicht täuschen und die Gebrechlichkeit des Greises einer Schwäche zuschreiben. Sein Blick war fest, und keine Muskel seines Gesichts verzog sich.

Fieschi bestieg zuletzt das Schafott. Louis Philipp hatte es ihm erlassen, im Hemde, barfuß und den Kopf mit einem schwarzen Schleier bedeckt, zur Hinrichtung zu gehen, wie es das Urteil des Pairshofes verlangte. Das war die einzige Gnade, welche der König sich gestatten zu dürfen glaubte.

Die Unparteilichkeit zwingt mich, anzuerkennen, daß dieser prahlerische Korse selbst in dieser letzten kritischen Stunde keine Schwäche zeigte; ich weiß aber nicht, weshalb mich seine mit Prahlerei gemischte Sündhaftigkeit viel weniger rührte als der einfache, würdige Mut der beiden Männer, welche ihm vorangingen.

Ehe er sich auf das Brett binden ließ, wollte er die Menge anreden.

Der Abbé Grivel, der Seelsorger von Luxembourg, welcher ihm versprochen hatte, daß man ihm diese letzte Gunst gewähren würde, hatte mich gebeten, nichts dagegen einzuwenden.

Fieschi trat also an den Rand der Plattform und begann anfänglich mit starker Stimme folgende Rede:

»Bürger, ich fürchte den Tod nicht, ich hätte aus freiem Antriebe hierherkommen können, wie auf eine Stätte der Ehre. Ich sagte die Wahrheit, als ich meine Mitschuldigen angab: ich habe diesen Dienst meinem Vaterlande erzeigt; ich sage die Wahrheit, die volle Wahrheit!«

Plötzlich erbleichte jedoch sein Antlitz, seine Züge entstellten sich, er stammelte und sank den Gehilfen in die Arme.

Einen Augenblick später hatte der Angeber dasselbe Schicksal wie seine Opfer, und ich frage, ob Frankreich viel dabei gewann, daß an jenem Morgen drei Köpfe anstatt eines in den roten Korb fielen?

 

Der 11. Juli sah noch einmal einen Königsmörder das Schafott besteigen, aber von anderer Art als der elende Fieschi. Dieser, namens Louis Alibaud, war ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, ehemaliger Militär, gebürtig aus Nimes, welcher in dem Augenblick, als die Kutsche des Königs aus der Pforte des Carousel kam, um die Rivolistraße hinunterzufahren, aus einem in einem Rohrstock verborgenen Flintenlauf auf den König geschossen hatte. Auch dieses Mal war Louis Philipp nicht getroffen worden, und glücklicherweise war auch kein anderes Opfer zu beklagen.

Stehenden Fußes von den in dem Schlosse diensttuenden Nationalgarden verhaftet, nahm Alibaud keinen Anstand, sein Verbrechen zu gestehen, und anstatt dasselbe zu bereuen, sich im Gegenteil damit zu rühmen. Der an den Pairshof verwiesene Prozeß wurde schnell betrieben, denn man zweifelte nicht, daß, selbst wenn dieses neue Attentat keine vereinzelte Tatsache sei, man doch nicht mehr erfahren würde.

Der Angeklagte hatte sogleich durch seine Haltung und seine Sprache gezeigt, daß er nicht zu denen gehöre, auf die Versuchung oder Gewalt Einfluß haben könnte. In jedem Verhöre erneuerte er das Geständnis, er habe die bestimmte Absicht gehabt, den König zu töten, und nahm die Verantwortlichkeit für diesen Entschluß, der aus seiner Vaterlandsliebe und dem heißen Wunsche, zur Befreiung des Volks beizutragen, hervorgegangen sei, allein auf sich. Dieses Geständnis wurde in festem Tone und mit unbeschreiblichem Stolze gegeben.

Die anklagende Behörde war nicht mit dem offenen Geständnis des augenfälligen Verbrechens zufrieden und beging den Fehler, noch andere Waffen gegen Alibaud anwenden zu wollen. Man suchte seine Sittlichkeit zu verdächtigen, sein vorhergehendes Leben zu beschmutzen, man verleumdete sein Privatleben; dadurch bot man ihm die Mittel zu seiner Verteidigung, denn in allen diesen Beziehungen war er nicht anzugreifen.

Alibaud hatte zwar sein Leben zum Opfer gebracht, wollte aber seine Ehre nicht angreifen lassen, die er durch seinen versuchten Königsmord für unbefleckt hielt. Im Verlauf der Verhandlung wies er siegreich alle Angriffe gegen seine Sittlichkeit und Rechtlichkeit zurück. Als er jedoch bis zur Verteidigung seines Verbrechens schreiten wollte, erregten seine kühnen Worte auf den Bänken des edlen Gerichtshofes ein Murmeln der Mißbilligung, vor welchem er schweigen mußte.

Ich kann nicht umhin, der kostbaren Sammlung Fouquiers den dramatischen Bericht dieses Audienztermines, welcher die schreckliche Energie Alibauds ins Licht setzte, zu entlehnen.

Nach der Verteidigungsrede seines Advokaten wurde Alibaud befragt, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung hinzuzufügen habe. Er erhebt sich, entfaltet die Blätter einer Handschrift und liest mit lauter und fester Stimme folgendes:

»Meine Herren Pairs!

Ich habe niemals daran gedacht, meinen Kopf zu verteidigen; meine Absicht war, Ihnen denselben in loyalster Weise darzubringen, und ich glaube, daß Sie ihn ebenso angenommen hätten. Ein Verschwörer führt sein Werk zum Gelingen oder stirbt; mir jedoch mußte im Fall des Gelingens oder im entgegengesetzten Fall der Tod zuteil werden. Ich wollte meinen Feinden nicht lebend in die Hände fallen; ebenso wollte ich, wenn mein Vorhaben gelang, nur einen glorreichen und populären Tod erlangen.

Ich ergreife also das Wort nicht, um meinen Kopf zu verteidigen. Sie haben etwas an mir angeklagt, was viel höher zu schätzen ist als mein Leben: die Ehre. Diese will ich verteidigen, weil ich damit auch zugleich diejenigen, welche meinen Namen führen, verteidige. Meine Herren, die Anklageakte ist nur von Leidenschaft, von Bitterkeit und Lüge diktiert.«

Indem er dem Staatsanwalt einen Blick voll Haß und Verachtung zuwarf, rief er:

»Man hat mir niedrige Gesinnungen zugeschrieben; es fehlte nur noch, daß man mich als einen jener Ränkeschmiede, welche unter der Julisonne erblühten, dargestellt hätte.

Was mich anbelangt, so war ich im Juli 1830 Militär und stand zu Paris in Garnison. Ich verließ die Sache Karls X., um mich der des Volkes zu widmen. Das ist alles, was ich von jener Revolution verlangte; deshalb liest man ohne Zweifel in Ihrer Anklageakte, ich würde von Habsucht verzehrt, besäße aber nicht den Mut, dieselbe durch Arbeit zu befriedigen.

Der Mensch besitzt ein persönliches Recht gegen die Tyrannei. Wenn ein Fürst die Verfassung des Vaterlandes verletzt und sich über das Gesetz stellt, so sind die Menschen nicht verpflichtet, sondern nur gezwungen, zu gehorchen.

In bezug auf Philipp I. hatte ich dasselbe Recht, von welchem Brutus gegen Cäsar Gebrauch machte.«

Lebhafte Unterbrechung.

»Man hat mich einen Mörder genannt: meinetwegen. Aber man hat mich auch einen Feigling genannt; darüber bin ich jedoch anderer Meinung, meine Herren Pairs!

Als ich den König angriff, war er von mehr Soldaten verteidigt, als Napoleon hatte, um seinen Thron wiederzuerobern. Der regierende König ist für alle Handlungen, welche von der Macht ausgehen, verantwortlich; wenn der König über Paris den Belagerungszustand verhängt, so versetzt er sich selber in den Fall, weswegen er den Exminister Polignac durch die Pairskammer verurteilen ließ. Armes Volk! Du wirst erniedrigt und läßt deine Ohren hängen; bald wirst du deinen Rücken den Stockschlägen hinhalten, denn dahin wird es kommen. Der Königsmord ist das Recht des Menschen, der nur durch seine Hände Gerechtigkeit erlangen kann.«

Lautes Murren auf den Bänken der Pairs.

Der Präsident Pasquier warf einen fragenden Blick auf die Versammlung und sagte dann:

»Ich kann Sie nicht in dieser Sprache fortfahren lassen; setzen Sie sich!«

Alibaud mit erregter Stimme:

»Sie verlangen meinen Kopf; mir steht es zu, ihn zu verteidigen.«

Er ist bleich, sein Körper wird von krampfhaftem Zittern befallen; er bleibt aufrecht stehen, das Auge starr auf den Vorsitzenden gerichtet. Zwei Munizipalgardisten fassen den Angeklagten bei den Schultern und nötigen ihn, sich niederzusetzen. Er setzt sich, zwingt sich zur Fassung und überreicht sein Manuskript Herrn Ledru.

Der Präsident zu Herrn Ledru:

»Verteidiger, Sie dürfen dieses Schriftstück nicht behalten; dergleichen zu Prozessen gehörige Schriftstücke müssen in der Kanzlei niedergelegt werden.«

Herr Ledru:

»Ich nehme es, Herr Präsident; der Gerichtshof kann sich auf meine Verschwiegenheit und Vorsicht verlassen.«

Der Präsident lebhaft:

»Stellen Sie dieses Schriftstück dem Gerichtsschreiber zu.«

Herr Bonjour steht auf; Alibaud ergreift ihn beim Arme.

»Verzeihen Sie!« sagte er zu ihm. »Ihre Absicht ist, Gnade oder Mitleid für mich zu verlangen. Nein, nein! Ich will meinen Feinden nur Haß und einigen Bürgern Achtung einflößen.«

Nachdem der Staatsanwalt eine kurze Replik gehalten und Alibaud noch einmal gefragt worden, ob er noch etwas zu seiner Verteidigung hinzuzufügen habe, verlangt er sein Manuskript wieder. Man gibt es ihm.

Mehrere Male vom Präsidenten unterbrochen, liest er einige Sätze.

»Der Königsmord ist eine ewige Notwendigkeit, welcher ich gehorchen muß. Der Urheber meines Unglücks ist der König, welcher Frankreich regiert; die Korruption herrscht unter den Beamten der Regierung.«

Auf formellen Antrag des öffentlichen Ministers wird ihm das Wort entzogen und der Gerichtshof fällt das Urteil, wodurch er zur Strafe der Vatermörder verdammt wird.

Alibaud wurde also im Hemde, barfuß, das Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt, zur Hinrichtung gefühlt. Während dieses letzten grausamen Auftritts verleugnete sich sein männlicher Mut keinen Augenblick.

Da die Jahreszeit günstig war, konnte man seine Hinrichtung auf eine frühe Stunde festsetzen. Es war wirklich noch nicht fünf Uhr, als wir auf dem Rundplatze der Barrière St. Jacques ankamen, wo wir dieselbe Militärmacht wie bei Fieschis Hinrichtung aufgewandt fanden.

Alibaud stieg mutig, aber ohne Prahlerei auf das Schafott; bevor er sich dem Gehilfen überlieferte, wendete er sich an die Zuschauer dieses blutigen Schauspiels und sagte mit fester Stimme:

»Ich sterbe für die Freiheit und die Vernichtung dieser schändlichen Monarchie.«

Darauf senkte sich das Fallbeil auf das Haupt dieses unglücklichen jungen Mannes, der ohne Zweifel sehr strafbar war, aber einen so vorteilhaften Gegensatz zu dem zuvor an derselben Stelle Hingerichteten Fieschi bildete, daß man in Frankreich, wo man den Mut achtet, das Schicksal dieses neuen Opfers des politischen Fanatismus, welches mit Heldenhaftigkeit alle Prüfungen seiner Lage ertragen hatte, aufrichtig bemitleidete.

Salmon, Poulmann

Am Donnerstag, dem 30. November, wurde auf dem Platze St. Jacques Henri Salmon hingerichtet, welcher im Gehölz von Vincennes einen gewissen Séchepine ermordet hatte.

Wie man weiß, überließ ich seit einiger Zeit Piot die Sorge, die Einzelheiten der Hinrichtungen zu versehen. Zu meinem großen Erstaunen meldete er mir, daß Henri Salmon den Wunsch geäußert, ich selber sollte seiner Leichentoilette vorstehen.

Ich konnte nicht umhin, einzuwilligen, und als ich den Unglücklichen fragte, was ihn auf diesen Gedanken gebracht habe, sagte er, er kenne mich und meine Familie schon seit längerer Zeit und wisse, daß wir gut und menschlich wären; er rechnete daher auf mich, daß ich seine letzten schrecklichen Augenblicke soviel wie möglich mildern werde. Ich war tief gerührt davon und tat alles, was in meiner Macht stand, um den Unglücklichen bei einer so schrecklichen Prüfung zu unterstützen.

Salmon hatte als Nachfolger auf dem Schafott einen Mann, der uns diese Mühe nicht verursachte, ich meine den berüchtigten Poulmann, genannt Durand oder Legrand, dessen schimpfliche Berühmtheit einen Augenblick der des Lacenaire die Wage hielt.

Poulmann war in der Tat ein Ausnahmecharakter, und wenngleich er nicht, wie sein Nebenbuhler, das Verbrechen und den Mord zum Grundsatz erhob, so war er jedenfalls mit größerer Körperkraft ausgerüstet, um auf einer solchen Laufbahn zu glänzen. Er hatte einen siebzigjährigen Greis, welcher zwischen Marmont und Rangis ein einsam liegendes Wirtshaus hielt, ermordet; am 27. Januar zum Tode verurteilt, verzichtete er auf die Appellation.

Als die Stunde der Strafe schlug, bewies er den erstaunlichsten Mut. Im Gegensatz zu denjenigen, welche in religiösen Betrachtungen ihren Trost finden, schöpfte er den seinen aus einem entsetzlichen Materialismus, mittels dessen er jeden Gedanken an ein anderes Leben zurückwies. Der Tod war für diesen unglücklichen Ungläubigen nur den »Übergang vom Leben zum Nichts« in einem Augenblick zu überspringen, um von allen menschlichen Empfindungen befreit zu sein.

In den Augen solcher Menschen ist die brutale Gewalt die Herrscherin der Welt. Poulmann war besonders stolz auf die seinige. Man fürchtete, er würde in den letzten Augenblicken Proben davon ablegen und der Vollstreckung des Urteils Widerstand entgegensetzen. Ich war aus diesem Grunde angewiesen worden, die Zahl der Gehilfen zu verdoppeln.

Diese Befürchtungen verwirklichten sich jedoch nicht. Er ließ sich das Haar ohne Widerspruch abschneiden; als man sich ihm aber näherte, um ihm die Hände zu binden, zauderte er einen Augenblick.

»Was wollt ihr?« fragte er in barschem Tone.

Ich trat vor und sagte ihm, es sei Gebrauch, allen Verurteilten die Hände zu binden, und dies sei unumgänglich nötig.

»Ist es wenigstens gewiß, daß Ihr es mit allen so macht? Wenn ich glauben sollte, es geschähe nur mit mir allein, so wollte ich Euch und Eure ganze Clique hundert Schritte weit schleudern.«

Poulmann hatte hartnäckig und oft in übler Laune die Tröstungen der Religion zurückgewiesen. Er wollte sogar nicht zugeben, daß der Abbé Montès ihn auf dem Wege von La Roquette nach der Barrière St. Jacques begleite. Der würdige Priester war genötigt, in einer besonderen Kutsche voraufzufahren, um am Hinrichtungsorte zu sein, falls der Anblick des Todesgeräts diesen verhärteten Schuldigen zur Reue stimmen sollte.

Dem geschah nicht also; Poulmann betrachtete die Guillotine, ohne mit den Augen zu zucken.

»Ist es weiter nichts?« fragte er.

Ich versichere, daß in diesem Worte weder Verstellung noch Prahlerei zu erkennen war. Es war weiter nichts als die vollständigste Gleichgültigkeit gegen Leben oder Tod; die Seelenkräfte waren durch das körperliche Übergewicht ertötet, und infolgedessen fehlte es ihm an den Gedanken und Empfindungen, welche alle Geschöpfe beseelen, in denen sich jene beiden Elemente friedlich vereinigen.

Auf dem Schafott angekommen, wendete sich Poulmann an die Gehilfen und sagte zu ihnen:

»He, he! Heda! Ihr da! Wollt ihr mir nicht ein Zwanzigsousstück für den Totengräber in die Tasche stecken? Es ist nicht gerade warm, und der arme Schlucker wird nach seinem Geschäft nötig haben, sich durch eine Flasche guten Wein zu erwärmen, um auf meine Gesundheit zu trinken!« fügte er mit plumpem Gelächter hinzu.

Piot erfüllte eilig seinen Wunsch.

»Die ganze Gesellschaft lebe wohl!« rief Poulmann; »auch du, meine geliebte Louise, mein letzter Gedanke. Du bist mehr zu beklagen als ich, denn du lebst noch, und wir werden uns nicht wiedersehen.«

Dieser Ruf war an seine Mätresse namens Marie Louise Frenot gerichtet, welche durch dasselbe Erkenntnis zu zwanzigjähriger Strafarbeit verurteilt worden war.

Um acht Uhr morgens war Poulmann hingerichtet.

 

Am Montag, dem 28. Oktober 1844, fand eine Hinrichtung zu Versailles statt. Antoine Pont, ein Grundbesitzer und Gehilfe des Maire der Gemeinde d'Epinay-sous-Senart, hatte seine Frau am 24. Januar 1843 vergiftet und seine Mätresse namens Louise Monteneau am 5. April desselben Jahres im Walde von Senart ermordet und war infolgedessen von dem Assisenhofe der Seine und Oise zum Tode verurteilt.

Der Stand des Verurteilten und die Scheußlichkeit seiner Verbrechen hatten großes Aufsehen erregt, und es fand sich deswegen eine ungeheure Volksmenge bei seiner Hinrichtung ein, welche sich wenig menschlich zeigte und den Delinquenten bis an den Fuß des Schafotts mit Schimpfreden verfolgte.–


Hier enden die Notizen, welche ich, dem Gebrauch meiner Vorfahren folgend, über die Hinrichtungen gemacht habe. Ich weiß nicht und will nicht wissen, ob Piot diese blutige Nekrologie fortgeführt hat. Was mich betrifft, so entsank die Feder meinen Händen; mehr als hundert Köpfe, die in einem Vierteljahrhundert fielen, haben meine Kräfte erschöpft. Seit vier Jahren hatte ich meinen Vater verloren; ich glaubte, der kindlichen Liebe, die mich sein schweres Amt zu übernehmen bewog, hinlänglich Rechnung getragen zu haben. Ich blieb dem Namen nach Scharfrichter, bis man daran dachte, sich des Müßiggängers der Guillotine zu entledigen. Piot verrichtete den ganzen Dienst, und ich beschränkte mich darauf, ihn durch meine Gegenwart zu ermutigen.

Die beiden einzigen Hinrichtungen dieser ganzen Zeit, welche eine Spur in meinem Gedächtnis zurückließen, waren die des Fourier, des Häuptlings der Bande der Escarpes, und die des Lecomte, des letzten Königsmörders, welcher Louis Philipp nach dem Leben trachtete. Der erste war fast noch ein Kind, welches früh von seinen Eltern verlassen worden war und im letzten Augenblick, wie Foulard, ein Rachegeschrei gegen sie erhob, indem er ihnen die Verantwortlichkeit für seinen Untergang zur Last legte; der zweite war ein alter Militär, ein tapferer Unteroffizier, welcher des Ehrenzeichens beraubt werden mußte, ehe man ihn der schimpflichen Todesstrafe überlieferte. Er starb mit stoischer Festigkeit.

Meine lange vorhergesehene Abberufung erfolgte im Jahre 1847; man weiß, wie ich sie aufnahm. Eine Schar von Bewerbern machte sich das alte Erbteil meiner Familie streitig; keiner von denen, welche sich darum bewarben, erhielt dasselbe.


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