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Das Kreuz des Orion

Jedermann kennt das Sternbild des Orion, dieses Diamantkreuz am Nachthimmel.

Aber nur wenige wissen, wer Orion war und die allerwenigsten, wie dieses Kreuz, Orions Hauskreuz, an das Himmelszelt gelangte. Und wenn einer unter tausenden etwas darüber zu wissen glaubt, befindet er sich gewiß auf falscher Fährte; denn erstens reichen alle diese Sagen nicht nur in das graue, sondern schon in das aschgraue Altertum zurück, zweitens war Orion ein Hellene und die Griechen nehmen es bekanntlich auch heute mit der Wahrheit nicht so genau, und drittens war Orion ein Jäger und ... Sie wissen ja ...

Ich aber habe die Geschichte in einer weihevollen Stunde poetischer Begeisterung von der allgebietenden Venus selbst gehört. Sie, die Unsterbliche allein hat glaubwürdige Kenntnis davon, alle anderen Lesarten sind hinfällig.

Man höre denn!

Orion war von seinem Vereinsbruder Nimrod nach Babylon zum Schnepfenstrich eingeladen worden. Nun war aber Orion nicht nur ein gewaltiger Jäger, sondern auch ein gefährlicher und gefürchteter Bezwinger der Frauen. Das sind zwei Eigenschaften, die sich häufig genug zusammenfinden: ist ja das Weib das schönste und edelste Wild auf Erden. Für Männer mit solchen noblen Passionen war Babylon gerade der richtige Boden. Hier sah man weibliche Schönheiten aller Länder und Sprachen, aller Rassen und Hautfarben, aller Trachten und Kostüme. Von den schneebedeckten Galerien des wolkenspaltenden Turmes streckten reizende Blondinen in Schwanenpelzen die koketten Naschen über die Ballustraden. Negerinnen mit Lippen wie Wiener Würstchen und mit Locken wie Rettigbohrer wiegten die ebenholzfarbenen üppigen Formen des Oberkörpers auf mächtigen, von roten Schürzen umflatterten Hüften. Hindumädchen, den Bauch und die klassisch geformten Brüste mit nichts bekleidet als mit dem lebendigen Schmuck dicker Tiger- und Korallenschlangen, zeigten ihre berückenden Künste auf den Terrassen der hängenden Gärten, zwischen goldenen Blumen, und unter dem kühlen Druck der opalisierenden oder metallisch glänzenden Schuppenleiber schien ihre straff gespannte Haut zu erschauern. Da sah man Zirkassierinnen, schlank und hochgewachsen, mit blassem, schmalem Antlitz, das bei aller Sanftmut des Blicks etwas Kühnes und Vornehmes hatte, ein Gepräge, das durch die stolz geschweiften Brauen und durch die Art, wie sie ihr Haar trugen, noch erhöht wurde. Griechinnen, göttlich schön, in weiße, silbergestickte Linnen gekleidet, die den Fuß bis zu dem. Knöchel bedeckten. Diese luftige Hülle war über eine Schulter geschlagen, während sie die andere völlig frei ließ, so daß die Linie von der unverhüllten Schulter bis zur Spitze der Brust, diese feingeschweifte Wellenlinie dem entzückten Auge bloßlag. Perserinnen, in gemalte Flammen gekleidet oder den unverhüllten Körper an den diskreten Stellen mit kleinen Sonnen bedeckt, die die Augen des Bewunderers blendeten. Jüdinnen, Babylonierinnen und Ägyptierinnen, mit geschlitzten Augen und mit Nasen, deren Flügel fast die Oberlippe berührten, mit Blumengewinden oder Rosen über den wollüstig schwellenden Formen.

Orion aber, der große Frauenverführer, hatte viel Liebesglück schon genossen und nicht leicht war es, seine gesättigten Sinne zu entflammen. Oft genug blieb er unempfindlich für den Zauber des feurigsten Auges, für den Reiz des glühendsten Mundes, für den Duft des betäubendsten Parfüms, für die berückende Gewalt göttlicher Nacktheit, für den Pomp der reichsten Gewandung.

Da erblickte er eines Tages Astarte, eine junge Verwandte Nimrods, das schönste Weib Ninives. Ein ovales Antlitz mit geheimnisvoll lächelnden Zügen und feucht schimmernden, verschleierten Augen lockte zwischen langen, blauschwarzen Haarwellen. Ihre Tracht war die der assyrischen Frauen: ein Überwurf von indigoblauem, purpurnem oder schwarzen Samt mit silbernen oder goldenen Sternen bestickt. Und vornehmlich diese Sterne waren es, die Orions Aufmerksamkeit auf Astarte lenkten und allmählich heißes Verlangen in ihm erweckten. Einer glänzte über der blendenden Stirne auf der schwarzen Haarkrone. Sein silberner Strahlenkranz umschloß eine purpurne, halb geöffnete Muschel mit einer wasserhellen Perle in der Tiefe. Die vier anderen Sterne blitzten auf dem Samtgewande, das eng-anschließend die Rundungen des Körpers verriet, aber geschlossen bis zum zarten Kinn alles diskret verhüllte. Und doch – nur die Schlauheit des Weibes ersinnt solche sinnberückende Kombinationen – war das Samtkleid ausgeschnitten, mehr als dekolletiert! Die Ausschnitte waren eben die Sterne, vier an der Zahl, mit dem fünften im Haar die Figur eines Kreuzes bildend. Sie waren mit silbernen und goldenen Litzen eingesäumt, die von Brillantsplittern glitzerten. Die beiden oberen Sterne zeigten die rosigen Spitzen der Brüste und den sie umgebenden blasseren Hof in ihren fünfzackigen Strahlenkränzen und es hatte den Anschein, als hätten die saftstrotzenden Rosenknospen in funkelnden Rissen die Hülle gesprengt. Eine golden strahlende Sonne zeigte in ihrem Feuerrad, neugierig aus diesem hervorquellend und zugleich schämig zurückweichend – auf der Perlmutterfläche des Bauches eine Schmetterlingsblüte und in ihrer Nähe traf der berauschte Blick ein letztes Sternlein, das Ähnlichkeit mit einer Silberdistel hatte.

Die Göttin schloß ihre Mitteilungen mit den folgenden Worten:

»Die schöne Astarte leistete den ungestümen Liebeswerbungen Orions lange Widerstand, doch ich erbarme mich seiner und entsandte den holden Knaben Kupido zu der spröden Schönen. Sie ließ die Hülle fallen. Ihr sternengeschmücktes Kostüm leuchtet seither am Himmelsgewölbe.«


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