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Das Glück liegt in der Mitte.

Vor langer, langer Zeit lebte in einem Lande, das dem Geographen unbekannt geblieben ist, ein Prinz, dessen Personsbeschreibung uns nicht überliefert worden ist. Das sind Angaben, deren Genauigkeit man hoffentlich nicht in Zweifel ziehen wird. Alles, was man von dem mysteriösen Helden dieser wahren Geschichte weiß, ist, daß er Prinz Cascarin hieß.

Ein hübscher Name für einen Prinzen, wie?

Prinz Cascarin war, wie jeder Wunderprinz, der etwas auf sich hält, schon bei seiner Geburt von einer Schar guten Genien und wohltätiger Zauberinnen umgeben, die ihm die glänzendste Zukunft weissagten und ihn mit allen Tugenden schmückten. Zur Feier seiner Geburt hatten seine königlichen Eltern einen großen Taufschmaus veranstaltet, zu dem alle Großen des Reiches eingeladen wurden. Das Zechgelage dauerte dreißig Tage und dreißig Nächte.

Doch unglücklicherweise war die böse Fee Panaris, die man vergessen hatte zum Taufschmause einzuladen, in einem Augenblicke gekommen, wo man sie am wenigsten erwartet hatte. Sie war in einem mit drei fliegenden Kamelen bespannten Wagen gekommen, den sie vor dem königlichen Palaste stehen ließ, und sie benützte die späte Stunde, da die Eltern, der Taufpate und die Taufpatin, die Gäste und der Neugeborene selbst von den reichlich genossenen verschiedenen Getränken betäubt unter dem Tische lagen und schliefen, – sie benützte, sage ich, diese späte Stunde dazu, dem Prinzen Cascarin ein Geschenk zu machen, aber ein schlimmes Geschenk in der Gestalt der folgenden verhängnisvollen Prophezeiung:

»Ich kann es nicht verhindern, daß du nach Verlauf von etwa zwanzig Jahren ein in jeder Hinsicht vollkommener Jüngling seiest, schön, liebenswürdig, kräftig, für die Liebe geschaffen. Aber ich kündige dir an, daß du die Liebesfrüchte all' dieser Vorzüge nicht eher wirst pflücken können, als bis du ein Mägdlein mit der seltsamen Eigenschaft findest, daß es Waden besitzt, die nicht zu dick und nicht zu mager sind.«

Nach diesen Worten verschwand die böse Fee Panaris auf ihrem mit drei fliegenden Kamelen bespannten Wagen, die als rechtschaffene Kamele nicht umhin konnten, sich zu sagen: »Die alte Hexe Panaris ist noch mehr Kamel als wir.«

Womit sie vollkommen recht hatten.

Denn man kann sich nicht denken, welche furchtbaren Folgen für den Prinzen Cascarin die böse Prophezeiung der rachsüchtigen Fee hatte.

Als der Prinz das mannbare Alter erreicht hatte, fühlte der reizende Jüngling in sich die Begierden erwachen, die der Anblick eines hübschen Weibes in dem Innern eines jeden gesunden, kräftigen und wohlgestalteten jungen Mannes erweckt.

Das Glück liegt in der Mitte.

Wäre es nur von ihm abhängig gewesen, diese Begierden zu erfüllen, so hätte die Sache nicht lange auf sich warten lassen und seine Einweihung in das süße Geheimnis hatte sich rasch vollzogen. Er war lieblich von Antlitz und schön von Gestalt und dazu von so leutseliger Art, daß er bei den Frauen und Jungfrauen aller Stände wohlgelitten war.

Doch er hatte mit dem Banne zu kämpfen, den die alte Hexe über ihn verhängt hatte.

So wie Prinz Cascarin, von den Reizen einer Jungfrau angelockt, sich derselben näherte, um ihr seine glühende Bewunderung zu bezeigen, tauchte in seinem Geiste der furchtbare Zweifel auf: »Werden ihre Waden nicht zu dick oder nicht zu mager sein?«

Und er mußte sich darüber um jeden Preis Gewißheit verschaffen.

Allein, das hatte seine Schwierigkeiten. Es kam vor, daß die entrüstete Jungfrau sich jeder Untersuchung widersetzte und daß der Prinz in der Überzeugung, daß diese übertriebene Züchtigkeit irgend eine körperliche Unvollkommenheit verbarg, nicht weiter bei der Sache beharrte.

Oder es geschah, daß das Mägdlein sich seiner Laune unterwarf und diese Fügsamkeit ihn in eine andere Verlegenheit versetzte: wenn er die gesuchte Entblößung vor Augen hatte, war er nicht imstande zu einer Entscheidung zu gelangen. Wie sollte er wissen, ob die Waden, die man ihn sehen ließ, so herrlich sie auch waren, nicht ein klein wenig zuviel vom Fette oder vom Gegenteil hatten? ob sie vollkommen dem unbestimmten künstlerischen Ideal entsprachen, dem vielleicht unerreichbaren Typus von Schönheit, der ihm als Bedingung der Erfüllung seiner Liebessehnsucht festgestellt worden?

Eine grausame Ungewißheit, die seine Begeisterung lähmte, seine jugendliche Sehnsucht fesselte, das edle Feuer seiner ersten Leidenschaft dämpfte. Während er unschlüssig schwankte, seine zweifelsüchtige Betrachtung über die erlaubten Grenzen hinaus verlängerte, hatte das flüchtige Verlangen, zehnmal Zeit wieder zu schwinden und die Geneigtheit des Mägdleins, welches einer endlosen Verwirrung ausgesetzt war, trug nur dazu bei, die Begierde dieses Liebhabers ohne Überzeugung aus ihrer Bahn zu drängen.

So blieb denn Prinz Cascarin, obgleich er alles hatte, was nötig war, um glücklich zu sein, der ewig Unbefriedigte und versäumte alle Gelegenheiten, die sein anmutiges Antlitz, seine hohe Stellung oder einfach die Wirkung des Frühlings unablässig in seinen Spuren erstehen ließ.

Ihm waren übrigens die Ursachen seines traurigen Schicksals nicht unbekannt. Ein alter Diener seines Hauses, der ehemals, – weniger betrunken als seine Gebieter – Zeuge der verhängnisvollen Beschwörungen der grausamen Fee Panaris gewesen, hatte ihn über den Bann belehrt, der auf ihm lastete.

Vergebens strengte er sich an, durch ein Aufraffen von Energie und Initiative im psychologischen Augenblick diesen Bann zu brechen. Immer wieder pflanzte sich vor ihm das beängstigende Fragezeichen auf: »Hat diejenige, die dir endlich die reinen Wonnen der Liebe gewähren soll, nicht zu dicke oder zu magere Waden?«

Seine sonderbare Art, sich den Frauen und Jungfrauen gegenüber im entscheidenden Augenblicke zu betragen, war allmählich im ganzen Lande ruchbar geworden und der Prinz fand überall, wo er Liebe heischte, geschlossene Türen.

Eines Tages, als Prinz Cascarin, seinen trostlosen Gedanken sich hingebend, in den Auen sich erging, die eines der Schlösser seines königlichen Vaters umgaben, bemerkte er die entzückendste Hirtin, die man sich denken kann, die eine Herde fetter rosiger Ferkel hütete.

Er betrachtete sie und sie lächelte.

Entzückt näherte sich der Jüngling der anmutigen jungen Bäuerin. Sie machte nicht im geringsten Miene zu entfliehen.

Er faßte sie an der Hand, ließ sie neben sich auf einer Erhöhung des Rasens Platz nehmen und flüsterte ihr süße Worte zu, die sie mit geschlossenen Augen anhörte.

Er erbat sich von ihr die Gunst eines Kusses. Fügsam bot sie ihm die Wange dar.

Da er nunmehr sicher war, daß er keinen Widerstand zu befürchten habe, wagte er die indiskrete Frage:

»Liebstes Schätzchen, ich möchte für mein Leben gern die Säulchen sehen, die deinen köstlichen Körper tragen.«

Das unschuldige Kind hob seinen Rock.

Niemals hatten schöner geformte Waden die Augen des Jünglings entzückt. Dennoch beschlich ihn auch jetzt wieder der Zweifel und er begann zu weinen.

»Was ist dir?« fragte die kleine Hirtin beunruhigt.

Von der innigen Teilnahme, die in der Stimme des holden Mägdleins zitterte, ermutigt, erzählte der Prinz dem holden Kinde die traurige Geschichte seines Lebens, wes hoher Herkunft er sei und wie er schon in der Wiege von einer bösen Hexe mit einem so verhängnisvollen Banne belegt worden sei, der ihn hindere, das höchste Glück auf Erden zu genießen. Und er erklärte ausführlich der jungen Hirtin die Prophezeiung, deren Opfer er war.

»Ei, Närrchen!« rief da das kluge Kind; »du hast die vortrefflichen Absichten der guten Fee Panaris nicht verstanden. Indem sie dir riet, den allzu dicken und allzu mageren Waden gleichmäßig zu mißtrauen, hatte die kluge Alte keinen anderen Zweck als dich die Wahrheit des Sprichwortes erkennen zu lassen:

»Das Glück liegt in der Mitte!«

Und Prinz Cascarin zögerte nicht länger, sich davon zu überzeugen.


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