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Das Mysterium des Lebens.

Zur Zeit als das Pulver erfunden ward und die ersten Bücher gedruckt wurden, lebte ein Bücherwurm, der ging dem Leben aus dem Wege, wo er nur konnte. Und da er wußte, daß das Leben vom Weibe stammt, im Weibe sich am herrlichsten entfaltet, beschloß er, ein Mönch zu werden. War es doch auch in jenen Zeiten nur mittels des Skaphanders der Mönchskutte möglich, in die verborgensten Tiefen der Wissenschaft hinabzutauchen.

Die tiefste Weisheit aber war in jener Kammer der Klosterbibliothek verborgen, die an den Weinkeller stieß. Hier standen dickleibigen schweinsledernen Bände und grinsten selbstzufrieden mit den kupferbeschlagenen Ecken. Der Bücherwurm war hier in seinem Element und bald ebenso dickbäuchig wie diese Bände. Das einzige, was an ihm noch eckig war, die Nase, belegte sich ebenfalls bald mit Kupfer.

Eines Tages fand der Bücherwurm in der Gesellschaft der Schweinsledernen ein zierliches Büchlein, dessen Ausstattung durchaus nicht an Schweinernes erinnerte. Es gemahnte viel eher an die Blumenwelt, denn sein Elfenbein-Einband war von einem zarten Hauch überflogen, wie eine junge Teerose oder eine Lilie, deren betauter Kelch sich im Morgenrot spiegelt. Dieses Büchlein trug die Inschrift: » Das Mysterium des Lebens«.

Mit trunkenen Augen starrte der Bücherwurm auf den seltsamen Fund, lang und sinnend, wie man in einen tiefen Brunnen blickt. Und siehe da! Unter dem rötlichen Glanze des Kupferbeschlages seiner Nase nahm der zarte Rosenstaubanflug des Einbandes tiefere, dunklere Töne an.

»Offenbar lügt das Buch wie gedruckt, weil es errötet, wenn man es nur anblickt!« scherzte der Bücherwurm für sich selbst.

Es war aber Ernst: der Band enthielt Verse! Gedichte!

Das will nun auf den ersten Blick nicht viel sagen, denn Verse wurden auch schon gemacht, als das Pulver noch nicht erfunden war und als noch nichts gedruckt wurde (Auch heutzutage werden noch Verse gemacht, die niemals gedruckt werden, weil ihr Verfasser das Pulver nicht erfunden hat.) Aber diese Verse waren echte Poesie, gediegenste Kunst. Schon die beiden Strophen des ersten Gedichtes muteten an wie dunkelsamtene Pensées, in deren Tau sich der Himmel mit allen Sternen spiegelt. Dann folgte eines, über dessen lang hingestreuten Verswogen eine Melancholie lag, wie über Schwingen schwarzer Schwäne oder über den tiefsten Schatten einer Sommernacht, die von Narzissen duftet. Das dritte Gedicht aber war von ganz anderem Schlage. Es war witzig wie ein Bonmot und süß wie eine schwellende Kirsche. Von diesem Gedicht war der Mönch so entzückt, daß er sich dabei ertappte, wie er seine Lippen auf das Buch drückte, als wäre es die Bibel oder ein Gebetbuch. Und zwischen den Versperlen klang der Schelm hervor wie ein silbernes Glöcklein!

Auf dieser Seite war ein Merkzeichen im Buch, ein schwarzes Band mit sieben Kreuzen, gleichsam eine Mahnung, ja nicht weiter zu lesen ...

Natürlich las der Bücherwurm erst recht weiter. Er bereute es nicht, denn das Buch wurde immer gehaltvoller. Schon auf der folgenden Seite stand eine ganz wundervolle Dichtung, keusch wie frischgefallener Schnee. Und doch, wie warm war dieses Gedicht! Wie edel und sanft sein Schwung, wie fest und doch wie weich seine Formen! Wie Wellen wiegten sich die Rhythmen, wie Wellen, auf deren Spitzen Rosenknospen hüpfen.

Und immer schönere, aber auch schwülere Gedichte folgten. Da war z. B. ganz hinten im Buch eines von einer Fülle des Gehaltes und einer Plastik und Anschaulichkeit, daß es alle früheren übertraf. Der Inhalt war aber viel realistischer. Aus seinen pompösen Strophen klang zuweilen eine eigentümliche Musik, wie der Hauch der Flöte eines sterbenden Musikanten oder der Ton von Münchhausens gefrorner Trompete, als sie plötzlich auftaute ...

Das vorletzte Blatt des Buches war nicht aufgeschnitten. Wie seltsam! Das Exemplar war doch gebunden! Noch merkwürdiger war ein Vermerk des Verlegers: Dieses Blatt darf nur aufschneiden, wer das Buch kauft!

»Unsinn. Ein wenig hineinsehen darf man doch!« dachte der Bücherwurm und schob mit dem Finger die Spalte auseinander.

Es war nur ein ganz kleines Lied. Aber schon die ersten Verse waren von elektrischer Wirkung. Erschrocken ließ der Mönch das Buch auf den Schoß fallen, als hätte ihn eine Wespe gestochen. Richtig, sein Finger war ganz geschwollen. War das ein pikantes Gedicht! Wütend zerriß er die Falte. Das Lied begann mit einem Schmerzensschrei und endete mit einem Wonneseufzer ...

»Ich bin erlöst!« hauchte das Buch und – war verschwunden.

Zu den Füßen des Bücherwurms aber lag ein schönes, junges Mädchen.

»Wie danke ich dir!« flüsterte es aufatmend, »wie danke ich dir; du hast mich erlöst.«

Der Bücherwurm zog sie an seine Brust und warf die Mönchskutte von sich. Dieser Skaphander war ja auch nicht mehr notwendig, war er doch in die Tiefen allen menschlichen Wissens eingedrungen. Das Mysterium des Lebens war ihm offenbar geworden.


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