Wilhelm Heinrich Riehl
Land und Leute
Wilhelm Heinrich Riehl

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IX. Die kirchlichen Gegensätze

Erstes Kapitel. Volksthümliche Mystik der Revolution

(Geschrieben im Jahre 1850.)

In den langen Friedensjahren war ein Zug des religiösen Nationalismus langsam aber tief in das deutsche Volksthum eingedrungen. Es war seltsam anzuschauen, wie sich in den Tagen der Bewegung von 1848 selbst in den kirchlich und politisch durchwühltesten Gauen diesem volksthümlichen Rationalismus plötzlich ein Gegenzug volksthümlicher Mystik, ein Zug bald mehr religiösen, bald mehr politischen Aberglaubens zugesellte. Mit Einem Schlage hatte sich ein ganz absonderlicher Zweig von Volksliteratur entwickelt, oder richtiger neu belebt, die uns einen tiefen Blick in das innerste Seelenleben unseres Volkes werfen läßt: ich meine jene tausenderlei politischen und religiös-mystischen Prophezeiungsbüchlein, wie sie vom Buchhandel, mehr noch auf den Jahrmärkten und von Hausirern feilgeboten, in unzähligen Exemplaren unter dem gemeinen Mann verbreitet worden sind. Ausdeutungen der Apokalypse auf den nahen Weltuntergang, Weissagungen unserer politischen Zukunft aus dem Volksmunde, sibyllinische Mönchsorakel, Vorgesichte von Hellseherinnen u. dergl. wurden in jedmöglicher Form und Unform zusammengetragen. In den Sturmtagen, wo sonst fast kein Buch verkauft wurde, ging dieser wunderliche literarische Artikel reißend ab. Nicht der Umstand, daß diese Schriften damals abgefaßt worden wären, daß also das hoch erregte Geschlecht sich plötzlich erfüllt von der Gabe der Weissagung gefühlt hätte, ist das Merkwürdige – (denn die meisten und eigensten dieser Orakel stammen aus längst vergangenen Tagen) – sondern, daß die große Masse der Gebildeten und Ungebildeten mit Einemmale so gierig nach diesen geheimnißvollen Blättern griff, die das nämliche Publikum ein Jahr vorher mit Spott und Lachen als Alteweiberhistorien und Ammenmährchen bei Seite geschoben haben würde.

Man blieb aber nicht stehen bei dieser volksthümlichen Mystik der Revolution. Vom Aberglauben zog es den gemeinen Mann in Gegenden, wo er die Kirche fast vergessen hatte, weiter zum kirchlichen Glauben, und aus einem zuerst mehr allgemeinen kirchlichen Conservatismus, welcher Katholiken und Protestanten auf kurze Zeit zum gemeinsamen Kampfe wider die kirchliche und politische Gleichmacherei einigte, trat rasch eine so scharfe Sonderung des protestantischen und katholischen Deutschlands hervor, wie sie seit Jahr und Tag nicht bestanden hatte. Das kirchliche Element ist seitdem auch äußerlich zu einer wunderbaren Macht in unserem ganzen Staats- und Gesellschaftsleben aufgewachsen.

Betrachten wir zuerst jene Rolle, mit welcher der Aberglaube mahnend im deutschen Volksthum hervortrat, als man sich dessen am wenigsten gewärtigte, damit wir dann zu der Rolle des Glaubens übergehen und das Gewicht, welches den kirchlichen Gegensätzen für die neueste Volkskunde Deutschlands zugefallen ist, in einigen Federstrichen zeichnen.

Ein theosophischer, ein poetisch-mystischer Grundzug des deutschen Volkscharakters war es, der so unerwartet hindurchdrang, als die Geister in der politischen Bewegung auf einander platzten, ein mystischer Grundzug, den ein ganzes Menschenalter voll rationalistischer Schulmeisterei wohl hatte verhüllen, aber nicht austilgen können. Es handelt sich um ein Stück roher, formloser, aber tief angelegter Volkspoesie, um eine höchst wunderbare Märzerrungenschaft – doch just nicht die schlechteste! Unsere Gelehrten haben sich seit Jakob Grimms ruhmreichem Vorgange die Erforschung jenes Volksaberglaubens eifrig angelegen seyn lassen, wie er in sagenhafter Anschauung von Geist und Natur, in Lebensregeln und Sprüchen historisch abgeschlossen und fertig sich ausprägt: warum sollte man eine nicht mindestens gleich große Aufmerksamkeit dem Volksaberglauben zuwenden, wie er hier flüssig werdend und gestaltenbildend vor uns tritt, die eigensten Ideen der Gegenwart in deutungsvolle poetische Formen gießend? Denn indem der Volksglaube sich der alten Weissagungen eines Hermann von Lehnin und seiner Geistesbrüder bemächtigte, bildete er dieselben allerdings auch weiter, durchwob sie mit den Gedanken der Zeit und spann sie auf die Erfüllung seiner nächsten Wünsche und Hoffnungen aus, so daß es hier in der That einem Forscher, der nicht bloß in vergilbten Pergamenten zu schürfen, sondern auch in die frische Gegenwart des Volkslebens einzudringen weiß, vergönnt ist, mitten in die Werkstatt des poesievollen Volksaberglaubens zu schauen.

Es ist etwas ganz naturgemäßes, daß das Volk, als es sah, wie alle Weisheit der Schriftgelehrten durch den unberechenbaren Gang der weltgeschichtlichen Ereignisse zu Schanden wurde, zu den Propheten aus seiner eigenen Mitte umkehrte, daß es in den Weissagungen des wandernden Spielmannes, Bernhard, der Tagelöhnerin Helene von Brügge, des Krämers Kunz von Eichstetten, des Schäfers Jaspars tiefere Wahrheit fand, als in den Büchern und Zeitungen, die aus einer seiner Gedankenwelt fremden Bildungsschicht sich ihm aufgedrängt hatten. Es war das auch eine Art Emancipation. Man gewahrte überall, selbst in den gebildetsten Kreisen, daß die ernsten Mahnungen der überstandenen und der drohenden politischen und socialen Kämpfe den Einzelnen religiöser, gläubiger stimmten, und die rohesten Schichten des Volkes wurden im Anfang wenigstens für den Aberglauben empfänglich gestimmt. Die Revolution hat das sogenannte Freikirchenthum ruinirt, dagegen dem strengen Kirchenregiment, dem werkthätigen Glauben wie dem Pietismus und der Mystik ein unabsehbares Feld geöffnet. Das trifft zumal beim gemeinen Manne zu. Der Bauer, der in den letzten Jahren vor der Revolution vielleicht kaum mehr in den Evangelien las, griff während und nach derselben zur Apokalypse und ihren socialen und politischen Auslegern. Ein mystischer Grundzug hat sich bei ihm in die Auffassung der Zeitgeschichte eingeschlichen. Das ist eben nichts neues: es ist in allen Zeitläuften dagewesen, wo erschütternde Weltereignisse beängstigend an die Seele des Menschen pochten. Oft schon verkündete man den jüngsten Tag bei solchem Anlaß. So hat sich die Volkssage also schon in uralter Zeit die Weltgeschichte, wenn sie wieder einmal mit Händen zu greifen war, als das Weltgericht versinnbildet. Mißwachs und theure Zeit, Seuchen, strenge Winter, merkwürdige Naturerscheinungen sind fast allen großen politischen Umwälzungen prophetisch vorangegangen: das weiß der Bauer, wenn er auch sonst nicht viel von der Geschichte weiß, und bildet sich daraus einen mystischen Zusammenhang zwischen Natur und Geschichte. Ein Chronist des Mittelalters erzählt, »die Hühner und Hähne hätten gar betrüblich gesungen,« weil schwere Zeiten nahe waren. In diesem Style schreibt heute noch der gemeine Mann – pragmatische Geschichte! Wenn der deutsche Bauer glaubte, das Erdbeben, welches im August 1846 verspürt wurde, sey das Vorzeichen gewesen des zunächst folgenden Hungerjahres und der daran gereihten Jahre des Krieges und Aufruhrs, wenn er sich dann weiter im Taumel der Umwälzung den neubelebten alten Sagen von einer letzten großen, entscheidenden Schlacht, auf welche die goldene Zeit folgen solle, überzeugungsvoll zuwandte, so entstand dadurch häufig ein Schicksalsglaube an die Revolution und deren endlichen Sieg, welcher mit der sonst so beharrenden Natur des ächten deutschen Bauern im grellsten Widerspruche stand. Wie tief unterscheidet sich auch hier die von dämmernder Poesie erfüllte Natur des Bauern von dem prosaischen städtischen Arbeiter, den Manche mit dem Kleinbauern in Einen Sack zusammenwerfen wollen!

Jener Schicksalsglaube zeigte sich recht auffallend in Betreff des ungarischen Krieges. Er wurzelte hier in historischem Boden. Keine Art von Weissagungen war bei den Deutschen in den letzten Jahrhunderten so volksbeliebt und volksverbreitet, als die »Türkenprophezeiungen.« Noch bis zur Zeit der ersten französischen Revolution erschienen alljährlich sogenannte »Türkenkalender« mit haarsträubenden Schildereien künftiger und vergangener Türkengräuel angefüllt. Die Türken sind eine stehende mythologische Figur im deutschen Volksglauben geworden. In vielen Gegenden wird noch heute alltäglich zur bestimmten Stunde geläutet zum Gedächtniß der Türkennoth, und das regelmäßige Türkengebet ist noch nicht gar lange verschwunden. Diese, ich möchte sagen historische, Angst vor den Türken, welche durch allerlei kirchliches Herkommen ihre religiöse Weihe erhalten hat, tauchte wieder auf im Volksgeiste unmittelbar mit der ersten Erschütterung der langjährigen Friedensruhe Europa's. Allein erst mit dem Ausbruche des ungarischen Krieges schienen die Türkenprophezeiungen sich verwirklichen zu wollen. Darum glaubten z. B. die rheinischen Bauern – und anderwärts wird es nicht anders gewesen seyn – trotz aller Zeitungsnachrichten lange nicht, daß Kossuth besiegt sey, weil ihnen der unausbleibliche Türkenkrieg ein und dasselbe däuchte mit dem Siege Kossuths, weil es ihnen gleich einem Evangelium feststand, daß im Jahre 1850 die Türkenpferde aus dem Rheine trinken und an den Pfeilern des Kölner Domes angebunden seyn würden. Dieser Glaube erhielt eine Weile in der wunderlichsten Weise Nahrung durch die freundschaftlichen Beziehungen eines türkischen Grenzcommandanten zu Kossuth, durch das Asyl der ungarischen Flüchtlinge auf türkischem Boden, durch den Uebertritt Bems zum Islam, und endlich wohl gar durch die nachfolgenden orientalischen Verwicklungen. Die Theilnahme, welche das Geschick des Magyarenvolkes bei dem politisch noch sehr naiven Kern des gemeinen Mannes in Deutschland gefunden, war zum geringsten Theile politischer Natur; sie war in weit größerem Maße hervorgerufen durch den geheimnißvollen, fast orientalischen Zauber des Wunderbaren, welcher über dem ungarischen Krieg und seinen Helden schwebte, durch den festen Glauben an uralte Prophezeiungen, die sich von dorther hätten erfüllen müssen.

In Westphalen, dem classischen Lande der Sage und des Volksaberglaubens, hat man sich eifriger als anderwärts bemüht, die Prophezeiungen, welche in den Jahren 1848 und 1849 eine so große Rolle bei dem Volke gespielt, zusammenzustellen. Dort zeigte sich auch die anziehendste und reichste Gruppe volksthümlicher Propheten, und Th. Beykirch zu Dortmund erwarb sich das Verdienst ihre Aussprüche in seinem »Kalender für unsere verhängnißvolle Zeit« zu sammeln. Dieses Buch hat mehrfache historische und literarische Erörterungen hervorgerufen; man beschränkte sich aber darauf, so viel mir bekannt, in das Materielle der Prophezeiungen einzugehen, während doch die fabelhafte Rückwirkung derselben auf das Volk das culturgeschichtlich Wichtigste bei der Sache ist. Ein statistischer Nachweis über den jedenfalls beispiellos ausgedehnten Vertrieb der Prophezeiungsbüchlein wäre lehrreicher als der scharfsinnigste Traktat über die Erfüllung oder Nichterfüllung des darin Verkündeten.

Vergleicht man übrigens die in Beykirchs Sammlung aufgenommenen Prophetenstimmen mit einer großen Masse von Prophezeiungsbüchlein ganz andern Kalibers, welche nicht minder den literarischen Markt und die Jahrmärkte überschwemmten, dann entdeckt man leicht das unterscheidende Merkmal zwischen der historisch ächten und wirklich dem Munde des Volkes entquollenen Weissagung und vielfachem in neuester Zeit für den Markt gearbeiteten Fabrikat. Jene ungefälschten alten Prophetenstimmen wurzeln fast allesammt in dem Boden bekannter Sagenkreise, aus denen auch unsere dichterische Nationalliteratur so reichen Stoff geschöpft hat. Zum großen Theil laufen sie im Style der Barbarossa-Sage auf die Wiederkunft eines großen Kaisers oder Helden hinaus, der auf weitem Blachfeld, bald am Niederrhein, bald in Westphalen, bald im Elsaß den letzten großen Kampf ausfechten wird. Die streitenden Schaaren werden im Blute bis an die Knöchel waten, und ist der Sieg errungen, dann wird der Feldherr seinen Schild an den Birnbaum oder die Birke aufhängen, und die glückselige Zeit beginnt. Wie arm und mager nehmen sich diesen oft großartig poetischen Träumen gegenüber jene gemachten oder mit schlechtem Geschick gefälschten Prophezeiungsbüchlein aus, welche man am eifrigsten unter dem Volk zu verbreiten suchte, und die mit dem endlichen Siege der social-demokratischen Republik in dürren modernen Zeitungsphrasen um sich warfen!

Wenn es gerade dem gemeinen Mann am schwersten hielt, das Vertrauen wieder zu finden auf eine festere Gestaltung der Dinge, wenn er auch dann, als die Heere längst den äußeren Entscheid gegeben hatten, dennoch die Revolution für noch lange nicht beendet hielt, wenn er oftmals schwankte, auf welche Seite er sich wenden sollte, dann wirkte hiezu gewiß nicht wenig der starre Schicksalsglaube, mit welchem er der Erfüllung seiner Prophetensprüche harrte. Und sollte auch ein voller europäischer Friede wiedergekehrt seyn, so wird es doch gewiß noch jahrelang dauern, bis der Bauersmann seine Felder wieder in der freudigen Gewißheit bestellt, daß er, was er gesäet, auch ernten werde.

Haben sich doch auch unsere Staatsmänner zuletzt nicht frei bewahren können von dem mystischen Grundzuge! Mit rückwärts gewandtem Prophetengesicht sahen sie den mittelalterlichen Kaiser deutscher Nation auf dem Throne sitzen, umgeben von verantwortlichen Ministern und Unterstaatssecretären, gerüstet nicht mit dem Schwerte, sondern mit einem unbedingten oder aufschiebenden Veto, in Fehde liegend nicht mit Heiden und Ungläubigen, sondern mit unfügsamen Volkshausmajoritäten, während der Bauersmann, freilich ohne Vergleich poetischer, den kaiserlichen Retter und Helden auf dem Schlachtfelde erblickte, wie er seinen Schild an den geheimnißvollen verdorrten Birnbaum hängt, dessen Gezweig urplötzlich neu ergrünet!

Die Prophezeiungen bildeten einen wirklichen Factor der Revolution. Sie waren eine bewegende Kraft in den untern Schichten des Volkes. Sie waren eine politische, weil eine kulturgeschichtliche Thatsache, obgleich vielleicht kein Staatsmann sie als solche erkannt und gewürdigt hat. Diese unscheinbaren löschpapierenen Büchlein voll dunkler Sprüche und Gesichte wirkten viel tiefer greifend revolutionär, als Struve's und Heinzens Brandschriften. Die Parteien ahnten das; aber statt das Volk bei seinem historischen, ureigenen Prophetenglauben zu packen, der in der dunklen, unverstandenen Tiefe seines religiösen Bewußtseyns wurzelt, gossen sie ihre kahlen Tendenzphrasen in die Form von prophetischen Blättern, die sich dann wie verrückt gewordene Zeitungsartikel ausnahmen. Der Volksführer hätte eine fürchterliche Macht in Händen gehabt, welcher in den Tagen der allgemeinen Gährung und Auflösung den Glauben des Volkes und dessen Aberglauben zu seinen Gunsten auszubeuten gewußt hätte. Das verstanden aber die deutschen Volksführer nicht! Kossuth verstand es beinahe, keiner aber hat es in neuerer Zeit, wenigstens in Betreff des Aberglaubens, besser verstanden, als der erste Napoleon. Und doch lag es so nahe, auf den wiederbelebten mystischen Zug des Volksgeistes welterschütternde Erfolge zu gründen, wenn das ganze gebildete Geschlecht nicht gar zu gescheidt geworden wäre! Die hessischen Bauern sagen mit einem prachtvoll schlagenden Ausdruck, »unvernünftig gescheidt,« um ein allerhöchstes Maß von Gescheidtigkeit zu bezeichnen: dieser Ausdruck ist wie gemacht für ein Geschlecht, dem über lauter Verstandesbildung gerade der einfachste Verstand abhanden gekommen ist.


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