Wilhelm Heinrich Riehl
Land und Leute
Wilhelm Heinrich Riehl

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VII. Das Land der armen Leute.

Ich begegnete einmal im Walde zwei Holzhauern, welche mit der dem gemeinen Manne eigenen Liebhaberei für allgemeine moralische Betrachtungen über ihre eigene Armuth philosophirten. Der Eine meinte, Armuth sey ein böser Stand, der Andere aber, nein, Armuth sey der beste Stand und die armen Leute die besten Leute; denn wäre Armuth nicht der beste Stand, so würde ihn Christus nicht vor allen andern sich erwählt haben und aus freien Stücken ein armer Mann geworden seyn. Darauf erwiederte der zuerst gesprochen: eben darum weil unser Herr Christus aus freien Stücken arm geworden, sey er gar kein rechter armer Mann gewesen, denn wer arm seyn und bleiben wolle, der höre damit schon von selber auf »arm« zu seyn: nur wer arm sey und reich werden wolle ohne es zu können, der sey der rechte arme Mann.

Vervollständigt man die Theorie dieses Holzhauers, dann gibt es zweierlei Armuth, die eigentlich nicht arm ist; die freiwillige und die naturnothwendige. Die Letztere kann wiederum eine unbewußte seyn wie bei ganz rohen Naturvölkern und Naturmenschen, oder eine bewußte, die sich aber in ihrer Naturnothwendigkeit erkennt oder ahnt.

Mit diesen beiden Arten der gezwungenen und doch nicht armen Armuth haben wir es hier zu thun.

Es ist eine ganze Kette deutscher Landstriche, welche uns die natürliche, an dem Boden haftende Armuth darstellt, mehr als geographische und ethnographische denn als sociale Thatsache. Diese Gegenden sind darum aber doch nicht bloß für das Studium der Wechselbeziehung von »Land und Leuten« besonders wichtig, sondern auch eben so sehr für das der socialen Gebilde. Wir können hier den Unterschied zwischen armen Leuten und Proletariern, zwischen der naiven und bewußten, der ruhigen und umsturzwüthigen Armuth im Spazierengehen kennen lernen. Diese Gegenden sind in socialem Betracht eine großartige historische Ruine. Wir sehen in denselben die armen Leute des Mittelalters noch leibhaftig vor uns stehen, während eine Wanderung von wenigen Stunden seitab in üppigere Gründe und Ebenen uns zu den modernen armen Leuten führt, das heißt: von verarmten Bauern, die aber noch ächte Bauern sind, zu ächten Gliedern des vierten Standes. Hier also können wir höchst praktische Vorstudien für eine der entscheidendsten Fragen in der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft sammeln.

Ich habe schon mehrfach im Vorbeigehen auf diese für den Culturhistoriker wie für den Social-Politiker gleich wichtigen Landstriche hingewiesen. Zuerst in dem Kapitel von den »Wegen und Stegen.« Dort zeigte ich, daß die Armuth in den hier zu besprechenden Gegenden der deutschen Mittelgebirge nicht zu allen Zeiten eine naturnothwendige war, wie in den unzugänglichen Winkeln des Hochgebirgs, sondern daß sie zum Theil erst in neuerer Zeit eine naturnothwendige geworden ist, geworden durch die veränderten Bahnen des deutschen und europäischen Handels und Wandels. Allein nicht aus Zufall oder Willkür wurden diese Gegenden hierbei allmählig in die Ecke geschoben, sondern die zwingende Notwendigkeit der Bodenverhältnisse entzog sie dem großen Strome des Verkehrs. Gerade durch diese zusammengesetzte Einwirkung der Nothwendigkeit flüssigen, freien Culturlebens und der Nothwendigkeit für alle Zeit feststehender Bodenverhältnisse bieten die Zustände dieser abgeschlossenen Mittelgebirgsgegenden ein ungleich tieferes sociales Interesse als jener bloß durch die Naturgewalt von jeher vereinsamten Winkel des Hochgebirgs und der Meeresküsten. Zum andernmale gedachte ich der naiven Armuth dieser Mittelgebirge, als ich von dem mit Elend gesättigten Reichthum, dem proletarischen Reichthum jener Rebengaue sprach, die an ihrer Schwelle liegend, unmittelbar unter ihren Schuh gestellt sind.

Ich fasse hier vorzugsweise die, auch geologisch eng zusammenhängende, Basaltkette des Westerwaldes, des Vogelsbergs und der Rhön in's Auge. Denn in dieser Gebirgsgruppe finden sich die gedachten Verhältnisse am reinsten vor: wie eine Insel, voll eigenartiger, in sich abgeschlossener Natur ragt sie aus dem individualisirten Mitteldeutschland auf und bildet zugleich in ihrem nordwestlichen Theile eine Grenzscheide zwischen mitteldeutschem und norddeutschem Land.

Der hohe Westerwald ist ein in's Rheinfranken- und Hessenland vorgeschobenes Stück Westphalens; er bildet den vordersten Wall des westlichen Norddeutschlands, ja er zeigt in Volksart und Sitte bereits Züge norddeutschen Charakters, wie sie viel weiter nördlich im Rheinthale noch nicht hervortreten. Fränkische und sächsische, oberdeutsche und mitteldeutsche Natur stößt hier auf einander, vermittelt und verbündet sich. Diese kahle, arme, fast nur mit dem grünen Sammt der Heidevegetation geschmückte Hochfläche, auf welcher zahllose Basaltblöcke zerstreut liegen, als habe der Himmel in seinem Zorn Felsen gehagelt, bildet darum schon in rein ethnographischem Betracht eine der merkwürdigsten Uebergangslinien Deutschlands.

Nicht am Main, nicht am Taunus, nicht an der Lahn, sondern erst auf den südlichen Höhevorsprüngen des Westerwaldes beginnt die oberdeutsche Mundart sich von der niederdeutschen zu scheiden; hier aber auch so schroff und plötzlich, daß man die Grenzlinie oft bis auf eine Stunde Wegs ausrechnen kann. Der westphälische und kölnische Dialekt des Westerwälders schließt sich äußerst spröde ab, wie alles auf diesem Gebirgszug in Eigenheit und Eigensinn sich abschließt.

Die südlichen Vorberge des Rothhaargebirges, wo Ruhr und Lippe entspringen, stoßen von Norden her in einem stumpfen Winkel auf die Nordostspitze des Westerwaldes. Sie verknüpfen sich so eng mit demselben, daß man sie auch als dessen nordöstliche Vorkuppen ansehen kann. An dem Edderkopf, um dessen Besitz sich Rothhaar und Westerwald streiten können, quillt gen Westen die Sieg, gen Norden die Edder, gen Osten die Lahn, gen Süden die Dill, Mittelrheinisches, niederrheinisches und Wesergebiet sind in dieser Waldwildniß mit ihren Wurzeln förmlich in einander verflochten: die Marklinie West- und Mitteldeutschlands stößt mit der Marklinie Süd- und Norddeutschlands in dieser öden Ecke zusammen.

Ganz ähnlich wie hier an der westlichen Pforte Mitteldeutschlands ist es auch an der östlichen, beim Fichtelgebirg, dessen sociale Zustände sich vielfach mit denen unserer Basaltgebirgsgruppe vergleichen ließen. Am Fichtelgebirg stößt Böhmen, Sachsen, Thüringen und Franken zusammen, und von seinem Hauptstock fließen Saale, Eger, Naab und Main nach den vier Weltgegenden und den vier Hauptströmen Deutschlands ab. Solche natürliche Grenzburgen sind aber immer auch in socialem Betracht Burgen geblieben, die nur wenig fremdes Wesen einließen, deren Volksleben namentlich unter einer politischen Centralisirung sehr gelitten hat. Keine dieser Grenzburgen war früher in den Händen einer starken politischen Macht, und die bureaukratische Gleichmacherei konnte in diesen Einöden der Sitte wenig anhaben. So mochte der Fichtelberger zur Zeit der kraftlosen bayreuthischen Wirthschaft wohl das trutzige Verschen sprechen:

»Bayreuther Gebot,
Selb'er Brod,
Thiersteiner Bier
Währet nur ein Wochener vier.«

Mit den Vorhöhen des Westerwaldes heben die natürlichen Sympathien für die norddeutsche Großmacht, für Preußen an. Der Westerwälder des Südabhanges wohnt noch im Guldenlande, er rechnet aber trotzdem nach Thalern; seine Flüßchen und Bäche ziehen nach Süden in's Lahngebiet, aber er folgt nicht diesem natürlichen Zuge. Eine Meile südwärts in's Thal hinab ist ihm weiter als drei Meilen nordwärts über den Kamm des Gebirges. Nach Norden zieht ihn sein ganzes Interesse; nach dem Kölner Lande führt er seine Produkte aus, und aus den gewerbfleißigen Thälern der Sieg, der Wupper und der Ruhr strömt ihm das industrielle Leben zurück.

So wird auch der südliche Westerwald zu einer moralischen Provinz Preußens, obgleich öde Bergköpfe und Wasserscheiden den mitten über die Hochfläche laufenden preußischen Grenzgraben nicht nur als Staatsgrenze sondern auch als Naturgrenze bezeichnen. Der Westerwald weiß sich als ein Ganzes trotz der politischen Theilung, weil er social zusammengehört. Sowie man hier die preußische Grenze auch nur um ein paar Stunden überschreitet, stößt man auf eine blühende Industrie, während auf der nassauischen Seite ein armes Bauernland ist, in welchem sich die Keime gewerblicher Betriebsamkeit erst mühselig durchzuringen beginnen; aber Industrieland und Bauernland fühlt sich hier verbunden und einig, weil beides Westerwälderland ist.

Grenzwälle und Grenzgräben pflegt man öde liegen zu lassen: so sind auch diese riesigen Grenzwälle der Basaltberge, welche theils Mitteldeutschland von Norddeutschland scheiden, theils sich in das mitteldeutsche Land hineinkeilen, um diese ohnedieß schon hinreichend zerrissenen Striche noch mehr zu zerreißen, öde liegen geblieben.

Die Stätigkeit der Sitte, dazu auch das ökonomische Verwildern und Zurückbleiben der Bauern unserer Basaltgebirgsgruppe erhält durch die Grenzlage dieser Hofburgen der Armuth eine historisch-politische Wurzel. Wenn der Westerwald als ein weit hinausgeschobenes Vorgebirg erscheint, dann trafen neben und in den Bergzügen der Rhön und des Vogelsbergs in alten Zeiten die Kreuzungswinkel der verschiedensten Landesgrenzen auf einander. Auf der Rhön stieß fuldaisches und würzburgisches Gebiet zusammen, dann berührten sich hier die Spitzen von hanau-münzenbergischen, hessenkasselschen, hennebergischen Ländertheilen, und dazwischen eingestreut lagen Enclaven der fränkischen Reichsritterschaft.

So klein die Kette des Vogelsberges ist, so grenzten an und auf derselben doch die Marken von Hessen-Darmstadt, Fulda, Hersfeld, Isenburg, Solms-Lich, Solms-Laubach, Hanau-Münzenberg, Stolberg-Gedern und von reichsritterschaftlichem Gebiet. Von einer gemeinsamen Verwaltungspolitik des ganzen Gebirges konnte also nicht entfernt die Rede seyn, fast jedes Thal lag ja für sich abgesperrt in dem Grenzwinkel eines andern Landes. Heutzutage stehen bayerische, hessische, weimarische und meiningische Marksteine auf der Rhön; doch ist wenigstens die überwiegend größere Masse zu Bayern gefallen.

Für den Culturfortschritt der Gebirge sind jene alten politischen Zustände natürlich vom größten Nachtheil gewesen. Sie vermochten aber nicht auseinanderzureißen, was die Einheit der Bodenbildung zu einem socialen Ganzen verband. Die Gleichförmigkeit namentlich des Westerwaldes und Vogelsbergs in den Berg- und Thalformen, in der Pflanzenwelt, in der Anlage der menschlichen Siedelungen wirkte mächtiger, als die Buntscheckigkeit der willkürlichen politischen Grenzen. Dies ist ein sehr merkwürdiges Zeugniß für den zähen Zusammenhang von Land und Leuten.

Sodann zogen sich seit dem Ausgange des Mittelalters die Residenzen der Fürsten wie die Herrensitze des begüterten Adels immer mehr nach den Ebenen und großen Flußthälern, nach den dort gelegenen größeren Städten. Seit dem dreißigjährigen Kriege bis gegen die neuere Zeit hin sind jene rauhen Berggegenden unsers Vaterlandes für die gebildete Welt wie verschollen gewesen: sie mußten erst wieder entdeckt werden. Nicht einmal die modernen Touristen mochten die Romantik der einförmigen Oede des hohen Westerwaldes und Vogelsberges schmecken. Als im Herbste 1850 deutsche Heerestheile auf den unwirthlichen Hochflächen des Fulderlandes Quartier bezogen hatten, und nun die Klagelieder über die entsetzliche Dürftigkeit dieses Strichs durch alle Blätter hallten, da wurde für einen guten Theil des deutschen »Lesepublikums« das Elend erst entdeckt, in welchem die Leute von der Rhön gefangen liegen. Man hörte gespannten Ohres die Schilderungen dieser patriarchalischen Armuth und Genügsamkeit, die dann auch der westerwäldischen und vogelsbergischen wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah. Es ist bemerkenswerth, daß die Händel großdeutscher und kleindeutscher Politik – Bronnzeller Andenkens – unsere Oedungen und Wüsteneien auf eine Zeitlang tagesgemäß gemacht haben. Nachgehends kamen die Hungersnöthe auf den unwirthlichen Basaltbergen, da wurden dann die »Mysterien« dieser vergessenen Winkel erst recht interessant für die blasirten Stadtleute.

Seit alten Tagen sind jenen Landschaften von tausend Fortschritten der Volkswirthschaft und der Culturpflege des Staates nur kümmerliche Pflichtteile zu gut gekommen. Die abgelegenen Bergbewohner fühlen es heute noch, und sprechen es aus, daß sie die Stiefkinder des Staates seyen gegenüber den Bewohnern der Niederungen mit ihren Residenzen, Haupt- und Handelsstädten, mit ihren gesammelten Erwerbsquellen. In dem individualisirten Mittelalter waren die Gaben gleichmäßiger vertheilt, darum standen damals diese unwirthlichen Gebirge weit weniger in der Cultur zurück gegen die gesegneteren Ebenen zu ihren Füßen. In der bureaukratischen Zeit betrachtete man wohl gar solche Berggegenden als ein kleines Sibirien, wohin man mißliebige und unfähige Beamte verbannte, als bequeme Strafcolonien für anstößige Geistliche u. dgl. Als ob es nicht im Gegentheil der natürlichste Akt der Staatsklugheit gewesen wäre, gerade den Kern der Beamten dorthin zu senden, wo die härteste Arbeit winkte, wo am heißesten zu schaffen war, um durch gesteigerte Cultur, durch Ausbeutung aller Hülfsquellen der Ungunst von Boden und Klima Trotz zu bieten!

So liefen seit Jahrhunderten tausend feine Fäden zusammen, um allmählich dieses große Netz von Noth und Elend zu stricken, welches sich um die deutschen Gebirge zusammengezogen hat, und die feinen Fäden dünken Vielen bereits unzerreißbar wie Schiffstaue.

Ein Blick auf die Specialkarten lehrt, daß die Dörfer fast nirgends dichter bei einander liegen als auf unsern magern mitteldeutschen Basaltgebirgen, und zwar seltsamerweise oft in den ödesten Strichen am allerdichtesten. Es ist dieses Phänomen aber leichter zu erklären, wie etwa das verwandte, daß die ärmsten Leute in der Regel die meisten Kinder bekommen. Den rauhen Gebirgen entging die chirurgisch heilende Kraft der großen Kriege, welche die Bevölkerung der Ebenen gar mächtig centralisirte. Im Mittelalter waren die Dörfer in den Ebenen ebenso dicht gesäet, wie jetzt noch auf manchen Bergzügen. Die Kriege fegten ein starkes Procent dieser kleinen Dörfer vom Boden weg, und trieben die Bewohner zu größern wehrhafteren Orten zusammen. Zahllose Namen im Bauernkriege und im dreißigjährigen Kriege ausgegangener Dörfer geben Zeugniß dafür. Auf der hohen Rhön, der Eifel, dem hohen Westerwald etc. verbietet sich das Kriegführen von selbst. Anno 1850 machten wir diese Erfahrung zum letztenmal. Die ärmsten und unwirthlichsten Gegenden haben deshalb noch die Ueberzahl der kleinen mittelalterigen Dörfchen bewahrt, weil der Hunger kein Magnet für Kriegsheere ist. Also auch hier ist wieder ein mittelalterlicher Zustand unberechtigt in's moderne Leben hineingewachsen.

Auf dem Westerwald, wo die Kriege so wenig auf die Zusammenziehungen der Siedelungen einwirkten, daß jetzt noch ein großer Theil auf der Uebergangsstufe von einer bloßen Hofgemeinde zur Dorfgemeinde steht, gingen im 18. Jahrhundert noch einzelne Dörfer aus, sie gingen von selber aus, wie ein Licht ausgeht, weil ihm die Nahrung fehlt. Das wird sich im übrigen Deutschland in dieser Zeit selten finden.

Auf dem Westerwald lag im 14. Jahrhundert eine Burg, Rohrbruch, inmitten eines kleinen Sees. Sie soll über Nacht spurlos in den See versunken seyn. An diese melancholische Sage gemahnten mich immer die ausgegangenen Westerwälder Dörfer. Sie versanken spurlos, weil der Boden der Cultur, der sie tragen sollte, zu dünn war, weil er immer mürber geworden; sie sind nicht vertilgt worden, sie sind verloren gegangen, versunken über Nacht, man weiß nicht, wo sie hingekommen sind.

Auch auf der Rhön begegnen wir der melancholischen Volkssage von im Moor versunkenen wohlhabenden Dörfern. Die historische Kritik hat zwar dort das versunkene Dorf im Schwarzen-Moor auf ein verlassenes zurückgeführt, allein es bleibt immerhin ein bedeutsamer Zug, daß die Rhöner die »dumpfen Abendglocken« ihres Vineta's unter dem Schlamm eines Moorgrundes läuten hören, und da von versunkenen Schätzen träumen, wo dieselben jetzt nur noch in der Form von Torf zu heben sind. Es ist der rückwärts gekehrte Seherblick des Volkes, dem die Vision von den versunkenen Dörfern erschienen ist, und der Wanderer wird ergriffen von der Wahrheit dieser Sage, wenn er durch so manches rhönische Dorf wandert, welches seinem innern Auge auch bereits als versunken erscheint, ob es gleich für das äußere noch fest auf dem Boden steht.

Die Barbarei der Philanthropie, welche es für menschlich hält, dem Proletarier die Gründung einer existenzlosen Familie zu gestatten, und für staatsklug, Menschen zu züchten auf die Stückzahl, wie man Vieh züchtet, diese Barbarei der modernen Philanthropie trug redlich das Ihrige dazu bei, daß die oben angedeuteten unberechtigten mittelalterlichen Zustände festgehalten und erweitert wurden.

Ich sah auf einem der höchsten bewohnten Punkte der Rhön ein einsam gelegenes ganz stattliches steinernes Haus. Der Besitzer hat aber wenig oder gar kein Feldgut. Er speculirt im Sommer auf allerlei gelegentlichen Erwerb und der Sommer muß den Winter ernähren, In dem harten März 1852 als ich jene traurige Einöde besuchte, hatte er keine Kartoffel mehr im Haus, kein Geld und keine Arbeit, wohl aber neun lebendige Kinder. Er konnte nicht einmal mit Erfolg betteln gehen, denn sein Haus ist so abgelegen, daß eine halbwegs einträgliche Bettelfahrt ihm täglich einen Fußmarsch von 6 bis 8 Stunden im Schnee kosten würde. Man wird ihn unterstützt haben, und er wird nicht verhungert seyn mit seinen neun Kindern. Aber es fragt sich, ist das nicht Barbarei aus Philanthropie, Grausamkeit aus weichem Herzen gewesen, welche einem Mann erlaubte eine Familie zu gründen, wo er in einer den Ackerbau kaum zulassenden Gebirgslage bloß ein Haus besaß, dazu etwas Speculationsgeist, aber keine Aussicht jemals weder Handwerk noch Landwirthschaft betreiben zu können? Den Proletariern das Heirathen zu verbieten ist oft wenig »human,« aber desto menschlicher. Wenn einer auf der hohen Rhön bloß ein Haus besitzt und auf diesen Besitzstand hin eine Familie gründen will, so ist das gerade, wie wenn ein Städter nachwiese, daß er Eigenthümer eines Ehebettes und einer Kinderwiege sey, und auf Grund dieses Besitzstandes um Heirathserlaubniß einkäme.

Unsere Bureaukratie, die keine sociale Politik studirt, greift oft in gar curioser Weise in solche Zustände des socialen Kleinlebens hinein. So fand ich in den höchsten Lagen des Fichtelgebirges ein Einödenhaus, worin ein – Schneider wohnte. Um auch nur zu seinen nächsten Kunden zu kommen, mußte er schon eine Stunde Wegs marschiren. Mit einer 10 Köpfe starken Familie bewohnte er sein kleines Häuschen, welches kaum für drei Menschen hinreichenden Raum bot. Das jüngste Kind, 3 Wochen alt und noch nicht getauft, schaukelte statt in der Wiege in einem Kissen, welches mit Stricken an der Stubendecke befestigt war und also eine Art Hängematte darstellte. Das Häuschen war in früherer Zeit der Familie dieses Schneiders vom Staate geschenkt worden, nicht aber der Grund und Boden, worauf es stand. Dazu hatte der Mann das Recht, sich seinen ganzen Holzbedarf unentgeltlich zu fällen. Nun wollte er bei der wachsenden Familie das Häuschen erweitern; allein man gestattete es ihm nicht, weil man solchen Einödensiedelungen schon aus forstpolizeilichen Gründen mit Recht nicht hold ist. Er kann aber auch ein solches Haus nicht verkaufen, er kann es auch nicht zusammt der kostbaren freien Holznutzung im Stich lassen. Die Behörden zwingen ihn also aus Gründen, die im Einzelnen alle ganz triftig sind, mit seiner ganzen Familie zum vollendeten Proletarier zu werden. Aus Gründen der socialen Politik dagegen bliebe den Behörden nichts anderes übrig, als ihm sein Haus und sein Holzungsrecht abzulösen und ihm dadurch die Mittel an die Hand zu geben, sich anderswo eine vernünftigere und berechtigtere Existenz zu schaffen. In den statistischen Tabellen figurirt dann (beiläufig bemerkt) ein solcher schneidernder Einödenbauer natürlich auch unter der Rubrik der »Handwerker auf dem Lande« und hilft jene Zahl füllen, durch welche uns die socialen Gleichmacher beweisen wollen, daß der Unterschied zwischen Stadt und Land nicht mehr bestehe. Er gehört auch zu der »Stadt,« die auf das Land gezogen ist.

Wie solche Familien kein Recht haben, in solcher Weise zu bestehen, so gibt es in unsern Gebirgen ganze Dörfer, denen das Recht der Existenz fehlt. Man sagt, der Begriff der Uebervölkerung ist ein Unding. Wohl. Wer aber etliche Tage selbst hungrig auf der Rhön oder dem Vogelsberg umher gewandert ist, der überzeugt sich gewiß, daß wenigstens die falsche Vertheilung der Bevölkerungsmassen kein Unding sey.

Vergleicht man die Einwohnerzahl dieser Bergketten mit der Ziffer des Flächengehaltes, dann scheint es, als sitze das Volk dort allzudünn, nicht allzudicht. Es ist dies aber nur Trug und Schein, der abermals lehrt, wie vorsichtig man bei den Schlüssen aus nackten statistischen Ziffern seyn müsse. Da ein großer Theil des Bodens aus Wäldern und Wüsteneien besteht, welch letztere kaum je culturfähig werden dürften, da ferner das angebaute Land selbst einen unverhältnißmäßig geringen Ertrag abwirft, so ist die an sich dünne Bevölkerung dennoch zu dicht. Auch in den Häusern der zahllosen winzigen Dörfchen drängen sich hier die Leute weit enger zusammen, als es sonst auf dem Lande zu geschehen pflegt. In dem Spessart, dem Vorhofe der Rhön, in dessen weitgedehnten, unwegsamen Wäldern gut die Hälfte aller deutschen Räuberromane spielt und wo die menschlichen Wohnsitze wirklich nur äußerst sparsam eingestreut erscheinen, herrscht trotzdem Uebervölkerung. In den elenden Häusern, die meist nicht einmal Schornsteine haben, sondern wie bei halbwilden Völkern den Rauch zum Fenster hinaus lassen, wohnen durchschnittlich sieben bis neun Menschen, ein Verhältniß, welches dem der übervölkerten oberschlesischen Dörfer gleichkommt und in dem angrenzenden Frankenland nur erst in den kleineren Städten wiedergefunden wird. Dafür sind dann aber auch diese überfüllten, ungesunden Häuser, die sich mit ihrer hinteren Wand meist an feuchte Bergabhänge lehnen, die steten Herde langsamen Siechthums und schnell hinraffender Seuchen. Von so traurigen Zuständen suchen sich aber die Bewohner keineswegs frei zu machen, sie nehmen dieselben vielmehr als nothwendige, von der Natur gegebene hin. Prof. Virchow, welcher sehr lehrreiche ärztliche Untersuchungen über »die Noth im Spessart« veröffentlicht hat, erzählt von einer dortigen Bauernfamilie, von deren sechs Gliedern fünf am Typhus erkrankten und drei rasch nach einander starben. Nichts desto weniger ging der Familienvater zu keinem Arzte, sondern gab nur, als es gar zu schlimm ging, sein letztes Geld hin, um dafür einige Messen lesen zu lassen! Nach der Bemerkung desselben Schriftstellers sind im Spessart die meisten Orte, welche von den Pesten des 17. Jahrhunderts heimgesucht wurden, auch in unserer Zeit die Stammsitze jener Typhen gewesen, die oft sehr nahe an den Hungertyphus grenzen. Also nicht bloß der Bau der Dörfer, nicht bloß die Sitte der Bewohner, nicht bloß die Armuth, sondern auch ganz bestimmte Formen des Siechthums sind hier historisch. Und doch erreichen trotz alledem viele arme Leute des Spessarts ein hohes Alter! das Leben in der Wildniß, das unverkünstelte, rohe Naturleben erhält den Körper zäh bei allem Elend und die meisten der so verrufenen Bezirke des Spessart zeigen ein günstigeres Sterblichkeitsverhältniß als die Großstadt London und die bedeutendsten englischen Fabrikbezirke, deren wohlgenährte, mit Fleisch gesättigte Bevölkerung uns die Männer des modernen Industrialismus als so gar glücklich auszumalen pflegen.

Auf unsern verödeten Basaltgebirgen will sich die Natur erlösen von dem krankhaften Zustand der Uebervölkerung, weil ihr von außen her durch Kriegsheere oder Staatsmänner nicht geholfen worden ist. Sie reagirt durch Seuchen und Hungersnoth. Die modernen örtlichen Nothzustände sind die Anzeigen der Krisis, in welcher der kranke Leib sich zur Gesundheit aufzuringen trachtet. Was die Arznei nicht heilt, das muß Eisen und Feuer heilen. So sagen die Aerzte. Auch für die Pathologie und Therapie in der Volkswirtschaft gilt dieser Spruch. Unten in den Thälern sitzen die kleinen Menschen und sticken Lehrsätze zusammen über sociales Elend und materielle Noth, und oben auf den Bergen fähret der Herr einher im Sturmwind und sendet Unwetter, Seuchen und Hunger, damit sie die chirurgische Operation, die Feuer- und Eisencur an dem kranken Gliede vornehmen, welche die Kriegsstürme vorzunehmen nicht vermochten. Das ist nationalökonomisches und socialpolitisches Heilverfahren im großen Styl.

Der Westerwald hat kaum eine eigene politische Geschichte, er hat nur eine Culturgeschichte, die seltsamer Weise durch ihre unendlich langsame Entwicklung das höchste Interesse gewinnt. Er zeigt kaum ein paar dürftige Baudenkmale aus alter Zeit; aber diese Dörfer selbst, obgleich meist nur aus zehn bis zwanzig strohgedeckten Lehmhütten bestehend, sind historische Denkmale. Sie sind großentheils uralt, und doch weiß der Forscher nur gar selten eine geschichtliche Thatsache aus ihrer Vorzeit aufzuspüren. Allein das Bild selber, welches sie bieten, malt dem Auge eine geschichtliche Thatsache. Heute noch wie vor hundert Jahren baut sich der Bauer mit einem Capital von beiläufig fünfundzwanzig Gulden sein Häuschen; die Arbeit der eigenen Hände, die er in den Bau steckt, ist der bedeutendste Theil seines Anlagecapitals, er baut sein Haus im Wortsinn selber. Darum sieht man auch hier noch so häufig, wie in alten Zeiten, verlassene, in sich zusammenfallende Häuser, namentlich auf einsameren Punkten. Denn der hypothekarische Werth, der Werth des Rohstoffs, der Arbeit, der Lage ist da oft so gering, daß gar keine andere Wahl bleibt als das Haus verfallen zu lassen, wenn der Bewohner verdorben ist und ein Anderer sich nicht sofort einfindet. Die Kosten des Abbruchs würden den Werth des abzubrechenden Materials bei weitem übersteigen. Man reißt heraus, was an Holzwerk noch halbwegs brauchbar ist; den Rest mag dann der Nordwestwind zusammenblasen.

Ganz ähnlich ist es mit dem Vogelsberg.

Die Rhön dagegen hat bessere Tage gesehen als die gegenwärtigen, sie hat eine Geschichte gehabt, welche mehr war als eine bloße Geschichte des Elendes. Für die feudale Zeit war sie kein übles Land, aber unser industrielles Jahrhundert weiß nicht, was es mit solchen abgelegenen, produktenarmen Gebirgen anfangen soll. Nicht bloß die Ungunst des Klima's, auch der ganze eigentümliche Entwicklungsgang unseres Culturlebens, wenn man will, die Weltgeschichte, hat sich wie ein tragisches Schicksal auf diese Berge gelegt. Die Rhön gehört so ganz zu jenen deutschen Gauen, von welchen einer unserer Dichter sagt: sie seyen zu romantisch, um noch glücklich seyn zu können, ein Dichter, der selber zu romantisch war, um glücklich seyn zu können – Gottfried Kinkel.

Hier ist also die Rhön dem sonst so gleichgearteten hohen Westerwalde ungleich; ihre Blüthezeit liegt in der Vergangenheit, die des Westerwaldes in der Zukunft. Die Parallele ließe sich in tausend Einzelzügen entwickeln. Auf der Rhön gibt es allerlei an den natürlichen Schätzen des Gebirges haftende Industrie, aber immer nur sprunghaft, verspritzt, und wie zum Versuch. Es werden Eisenerze gewonnen, plastischer Thon, Schwerspath, Torf, Traß, Braunkohlen, es werden Färberpflanzen gebaut sogar für Lyoner Seidenfabriken, es wird fleißig gewebt, es werden Holzschnitzwaaren gefertigt, Krüge gebacken und Porcellan gebrannt; aber eine massenhafte, das ganze Gebirg beherrschende und emporhebende Industrie hat sich an keinen dieser oft glücklichen Versuche zu helfen vermocht. Die »Silberhöfe,« welche neben einem der ärmsten Dörfer, Altglashütte, liegen, haben ihren Namen, charakteristisch genug, daher, weil man dort Silber gesucht und keins – gefunden hat. Das Eisen findet sich nur »nesterweis.« Dies ist eben der Fluch der Rhön, daß sich alles hier nur »nesterweis« findet, Industrie und Ackerbau so gut wie das Eisenerz. Wo man früher auf Eisen gebaut, sind mitunter längst alle Gruben verschüttet. Auf dem Markt zu Bischofsheim reden alte eiserne Brunnentröge von dem verschollenen Bergbau des Kreuzberges, und in den herrschaftlichen Häusern zu Fulda stehen große eiserne Oefen aus den versunkenen Schachten des Dammersfeldes.

Auf dem Fichtelgebirg erscheinen Ortsnamen, die gleichfalls wie eine fürchterliche Ironie auf die heutigen Zustände klingen, ganz wie auf der Rhön als die letzten Erinnerungsmale einer längst abgestorbenen Industrieblüthe. Wir finden dort Goldkronach, den Goldhof, die Goldmühle, Goldberg u. dgl. Die Schlacken, welche man bei dem früheren Goldbergbau übermüthig weggeworfen, sammelt man heute wieder auf, um mit weit bescheideneren Ansprüchen Antimonium daraus zu gewinnen. Das verarmte Volk aber tröstet sich über die versunkenen Goldschätze durch einen reichen Sagenkreis, der ihm die Wiederauferstehung derselben verheißt. Die Schatzgräberei war bis in die neueste Zeit dort zu Hause und die dahin zielenden »Wahl- und Geheimnißbüchlein« gehören zum eigensten Hausrath des Fichtelgebirgs. Während der arme Mann in den dichten Wäldern Gras sammelt oder Baumpech auskratzt, Holz fällt, harte Granitblöcke zerschlägt, Kohlen oder Wagenschmiere brennt, träumt er sich vielleicht als den reichsten Mann, dem nur noch der letzte Schlüssel zu seinem Reichthum fehlt. Denn nach dem Volksglauben soll jeder, auch der gemeinste Feldstein auf dem Fichtelgebirg edle Metalle bergen. Nur muß ein Fremder kommen, um diese besonderen Qualitäten der Steine aufzuschließen, und man hielt vordem dafür, daß namentlich die »Wälschen« diesen Zauber besäßen und unter ihnen vor Allen die »Venediger.« Man sagt darum: »Auf dem Fichtelgebirg wirft der Bauer einen Stein nach der Kuh und der Stein ist mehr werth als die Kuh.« Diese dichterisch geweihete Genügsamkeit, welche sich mit dem Goldschimmer der Sage einstweilen abfinden läßt für das wirkliche Gold, ist ein durchaus bezeichnender Zug in dem Charakterbilde unserer so kindlich befriedeten Gemüthes armen Bergbewohner. In der Nähe von Wunsiedel wächst ein seltenes Moos: man nennt es Goldmoos. Schaut man von ferne darüber hin, so funkelt es im prächtigsten Goldschimmer, tritt man aber näher hinzu, so ist der goldige Glanz durchaus verschwunden und bei genauerer Untersuchung läßt sich nirgends eine äußere Ursache des trügerischen Schimmers wahrnehmen. Wo dieses Moos wächst, da ist auch der Sagenkreis von den goldenen Reichthümern des Fichtelgebirges gewachsen.

Die Wohnhäuser und Kirchen vieler Rhöndorfer sind stattlicher gebaut, als sich's mit dem gegenwärtigen Wohlstand der Bewohner zusammenreimt. Vergebens sucht man hier die moosige Lehmhütte des hohen Westerwaldes, welche mitunter eher für Indianer, als für deutsche Bauern bestimmt erscheint. Auch die Reste der alten Volkstracht deuten durchaus nicht auf den Bettlerrock zurück. Der thurmartig spitze schwarze Kopfaufsatz der Weiber in den Rhönthälern mit den langen flatternden Bändern ist ein kostbares Stück, weit reicher, als das rothe, von zwei auf- und niederschwankenden Eselsohren flankirte Kopftuch der Bäuerinnen im reichen Bamberger Maingrund. Ja jene in den mitteldeutschen Gebirgen so weit verbreitete Hauben-Pyramide ist sogar eine der seltenen, noch wirklich aus dem Mittelalter stammenden Volkstrachten. Auf zahlreichen Bildern und Sculpturen der spätgothischen Zeit sieht man vornehme Frauen mit demselben Kopfputz. Der Westerwald dagegen hat weit nüchternere, ärmere und minder alte Trachten. Dort ist in der That der Bettlerrock vielfältig seit Anbeginn das Volkskleid gewesen.

Die hohe Rhön hat im Mittelalter eine ausgeprägte politische Geschichte: eine Menge zertrümmerter Burgsitze zeugen dafür. Der hohe Westerwald hat in alter Zeit nur eine Culturgeschichte, und obendrein eine negative, nämlich eine Geschichte der Uncultur. Keine geistliche Genossenschaft mochte im Mittelalter auf dem hohen Westerwald ein Kloster gründen, und selbst die Ritter und Herren stiegen nur selten mit ihren Burgsitzen über die Grenzen des Gebirges auf. Den südlichen Thalbewohnern galt der Westerwald von Alters her als die äußerste Thule, als das unwirthliche Land des Nebels und des Schnees: die Luft machte da droben mehrentheils »eigen,« wie in dem sonnigen Rheingau die Luft »frei« machte. Es ist als ob heute noch über einem Theil der Westerwälder Bevölkerung dieser Fluch ruhe, daß die Luft »eigen« mache. Stillstand und Rückgang des Kulturlebens war Jahrhunderte lang auf dem hohen Westerwald leibhaftig geworden, eine viel schlimmere Reaction als der formellen Politik. Die Sage geht, vor zweihundert Jahren sey einmal eine Kirchenvisitation über den Westerwald gesendet worden, sie habe aber nirgends ein Protokoll aufnehmen können, weil bei keinem einzigen Pfarrer ein Schreibzeug aufzufinden gewesen wäre. Dergleichen Stücklein, wahr oder unwahr, erzählt man sich zu Hunderten.

Die Leute von dem südlichen Halbscheid der Westerwälder Hochfläche schlafen und ruhen schier das halbe Jahr. Ihr einziger Erwerbszweig in dem langen Westerwälder Winter ist mehrentheils das Schneeschaufeln! Dem armen Westerwälder sagt man nach: er bete an jedem Winterabend, daß ihm Gott über Nacht einen tüchtigen Schneesturm bescheeren möge. Dann hat er bei den gewaltigen Schneemassen, die da droben fallen, und von dem dort fast nimmer rastenden Sturm oft haushoch zusammengejagt werden, wenigstens ein nahrhaftes Geschäft, das ihm in Staats- und Gemeinde-Tagelohn 24 Kreuzer täglich abwirft. Und das ist oft die ganze Winterblüthe des Erwerbs auf dem industrielosen hohen Westerwald! Viele hundert Hände werden so in jedem Winter beschäftigt, viel tausend Gulden von staatswegen in den Schnee geworfen, und doch preisen sich die armen Leute glücklich, wenigstens diese Schneeindustrie zu haben, die der Wind in ein paar Tagen wieder wegbläst, die der erste Frühlingssonnenschein jedenfalls in Wasser zerrinnen lassen wird.

Es ist als ob Gewerbe und Industrie förmlich zurückgeschaudert seyen vor dem »eigentlichen« Westerwald, während sie am Saume desselben, in den Vorbergen überall, wenn auch nur schüchtern, hereinlugen. So haben einst stattliche Wollmanufacturen am Ostrande des Westerwaldes geblüht: die Feuersäulen der Hochöfen gruppiren sich wie zu einem Strahlendiadem rings um den Saum der Hochflächen, aber sie meiden das Hochland selber; auch das Land der Krug- und Kannenbäcker liegt hart an der Grenze des Gebirges: reiche Silber- und Kupferbergwerke fangen just da an, wo der hohe Westerwald aufhört, während dieser nur die viel ärmere Ausbeute der Braunkohlenlager dagegen setzen kann. Die verkümmernde Westerwälder Eisenindustrie war bis auf die neueste Zeit großentheils in den Händen von Ausländern, von Engländern und Franzosen, und der arme Westerwälder mußte in fremdem Solde taglöhnern auf seinem eigensten Besitz.

Es ist ein seltsames Ding um diesen öden »eigentlichen« Westerwald.

Wenn man den Südabhang der Bergkette hinaufsteigt und bei den Bewohnern Umfrage hält, wo denn nun der »eigentliche« Westerwald beginne, so wird man immer weiter nordwärts gewiesen: hat man aber endlich den höchsten Kamm des Gebirges erreicht und steigt die nördlichen Thalgesenke hinab, so weisen einen die Leute wieder nach dem Südabhang zurück. Kein Mensch will auf dem »eigentlichen« Westerwald wohnen. Und doch ist das Heimathsgefühl und der Heimathsstolz des ächten Westerwälders mächtig genug. Auch der heimwehselige Jung Stilling war ein Westerwälder. Nur den Namen möchte man meiden. Daraus läßt sich folgern, daß der Westerwald besser sey, als sein Ruf. Und so ist es in der That.

In gleicher Weise verleugnen die Vogelsberger überall den Vogelsberg.

Die Rhöner dagegen, deren Gebirg einen weit glänzenderen historischen Namen hat, machen es nicht also. Dort war das Dammersfeld, jetzt berühmt durch seine Armuth, einst berühmt durch seinen Bodenreichthum. Die Hoftafel der Fuldaischen Fürstäbte wurde buchstäblich fett durch seine Ergiebigkeit, denn es sollen alljährlich an dreißig Centner der besten Butter von dort in die Hofküche gewandert seyn, der saftigen Dammersfelder Rinds- und Kalbsbraten gar nicht zu gedenken. Andere herrschaftliche Domänen wurden aufgebessert mit den Überschüssen vom Ertrag der Dammersfelder Güter. Es klingt uns jetzt wie ein Mährchen, wenn wir lesen, daß Eroberungskriege (zwischen Fulda und Würzburg) um das Dammersfeld geführt worden sind, weil dieser reiche Besitz den Fürsten so verlockend in die Augen gestochen hatte. Jetzt führt man hier keine Eroberungskriege mehr, nur noch Vertheidigungskriege – gegen den Hunger. Es ist aber (beiläufig bemerkt) eine für den Volkswirth höchst beherzigenswerthe Thatsache, daß die Wiesen des Dammersfeldes nur so lange ihren großen Werth behaupteten, als sie in Form einer großen herrschaftlichen Schweizerei in einer Hand geeinigt bewirthschaftet wurden. »Seitdem das Dammersfeld einzeln verpachtet ist,« sagt Schneider in seiner Beschreibung der Rhön, »und die den Graswuchs befördernden Schweizerpferche fehlen, ist es ein mageres kahles Gebirge, wie seine Nachbarn.«

Der Trieb zur gewerblichen Arbeit neben der landwirthschaftlichen sitzt den deutschen Gebirgsbauern im Fleisch. Und doch haben sie bisher fast überall mehr den Fluch als den Segen dieses Triebes geerntet.

Das geschichtliche Andenken erloschener Betriebsamkeit kann bei den Rhönern nur dazu beitragen, die Naivetät der Armuth zu brechen, und die fehlgeschlagenen Versuche mit modernen Industrieanlagen zeigen den Leuten erst recht, wie arm sie eigentlich sind. Die Fichtelberger wären auch glücklicher, wenn sie statt der magischen Feldsteine einfaches Granitgeröll auf ihren Aeckern liegen sähen. Die Leute vom hohen Westerwald, deren Industriegeschichte mit dem Kapitel von Schneeschaufeln anhebt und endigt, sind viel zufriedener. Wie es mancherlei Stand und Beruf unter den einzelnen Menschen gibt, so auch unter den Ländern. Man vermeint aber in unserer geldgierigen Zeit, jedes Land müsse schlechterdings zu einem Industrielande gemacht werden. Im Spessart hat man's mit Bergwerken versucht, die eingestellt sind, mit Glashütten, die aufgehört haben. Geblieben aber ist den Leuten durch diese verunglückten Versuche das Bewußtseyn ihrer Ohnmacht und Armuth. Ja manche ursprüngliche und natürliche Formen des Gewerbfleißes im Lande sind durch diese Versuche mit neuen Betriebszweigen obendrein verdrängt worden. Früher bereiteten sich die Leute ihre Kleider selbst, jetzt beziehen sie auswärts gefertigte Stoffe. Die vom bayerischen Ministerium im Frühjahr 1852 zur Untersuchung der dortigen Nothstände ausgesendete Commission fand nach Virchow's Bericht die alte Spessarttracht aus »Beidergemang,« einem braunen Zeuge eigener Fabrik von Naturwolle und Leinen, nur noch bei einem einzigen Manne. Selbst die Fußbekleidung, welche inmitten eines Walddistricts so natürlich aus Holz seyn könnte, ist überall durch lederne Schuhe ersetzt worden. Die bei einem solchen Klima zweckmäßige ursprüngliche Tracht ist dem modernen, leichten, vergänglichen Stoffe gewichen; die Bedürfnisse sind gesteigert, während sich die Nahrungsquellen bei einer zunehmenden Bevölkerung proportional verminderten. So ist es gekommen, daß die ganze Existenz dieser Bevölkerung zuletzt auf den Kartoffelbau gesetzt war."

Wir finden in diesen Gebirgen den merkwürdigen Widerspruch, daß die Leute oft einen unbestreitbaren inneren Beruf zur Gewerbsthätigkeit haben, während ihnen die Lage des Landes ihre industriellen Talente, ihren Eifer zum Fluch werden läßt. Darum ist es in diesen Gegenden ganz besonders bedenklich, mit solchen neuen Industriezweigen zu experimentiren, deren Gedeihen nicht sicher vorauszusehen ist. Ein verunglückter Versuch, der im Flachland höchstens ein paar Familien auf einige Jahre zurückbringen würde, verderbt und verstimmt hier eine ganze Volksgruppe auf ein Menschenalter und darüber.

In diesen Gebirgen geht das Handwerk barfuß, hier wohnen die Naturkinder der Industrie. Ja man könnte sagen, unsere Gebirgsbauern unterscheiden sich dadurch von den Flachlandbauern, daß sie das angeborene technische Genie besitzen, welches jenen mangelt. Dasselbe Elend, welches sich bei den industriellen Dörfern des schlesischen Gebirges und des Erzgebirges in großen weltbekannten Zügen darstellt, wiederholt sich bei den Rhöner Holzschnitzern im kleinen. Die Besitzer größerer Werkstätten in den Städten und an den Landstraßen klagen nicht über Mangel an Absatz, dagegen gehören die Holzschnitzer in den abgelegeneren Orten zu den ärmsten unter den armen Leuten. Jene arbeiten theilweise für auswärtige Abnehmer, diese aber für den beschränktesten Ortsbedarf, d. h. für Kunden, die selbst nichts haben!

Die Industrie unserer Gebirgsbauern ist meist erst ein Kind der neueren Zeit. Am Schlusse des 16. Jahrhunderts finden wir auf dem jetzt so betriebsamen Schwarzwald noch keine Spur industrieller Arbeit. Erst die gänzliche Umwandlung der bäuerlichen Verhältnisse in der Uebergangsperiode zur modernen Zeit und die landwirthschaftliche Feuer- und Eisencur des dreißigjährigen Krieges zwang die Gebirgsbauern zum Handwerk. Aber mit welch unglaublicher Triebkraft hat sich nun seit etwa 150 Jahren diese neue Industrie der Holzschnitzer, Uhrenmacher, Stroh- und Weidenflechter, Spitzenklöppler, Leineweber, Nagelschmiede und Besenbinder überall in die Höhe zu arbeiten gesucht! In diesem gewaltsamen Durchbruch der jüngsten Metamorphose des Gebirgsbauern zeigt sich recht, wie unzweifelhaft ihm der technische Genius von Gott und der Natur zum Lehen gegeben wurde, zum Ersatz für die immer magerer gewordenen Felder. Allein mit dieser Gabe ist zugleich ein tief tragisches Element in das Leben des Gebirgsvolkes gekommen. Das unbelohnte Ringen ganzer Bauerschaften nach Tüchtigkeit im Handwerk läßt sich wohl vergleichen mit dem fruchtlosen Abmühen so manches einzelnen begabten Geistes um eine hervorragende Stelle unter den geistigen Größen der Nation. Der lustige Senner wird allmählig zum ernsten und gesetzten Mann, wenn er sich der Schnitzbank ergibt, und in den nächsten Geschlechtern werden die Holzschnitzer im Schwarzwald auch keine »G'sätzlen« mehr neu ersinnen und singen.

Der industrielle Geist ist oft genug ein Kassandrageschenk für unsere in der Unschuld der Armuth glücklich dahin lebenden Gebirgsbauern.

Auf den magern Hochflächen der rauhen Alp zwischen Pfullingen und Urach verschlug mich vor zehn Jahren ein Hagelwetter in ein einsam gelegenes Haus. Es sah so dürftig aus, daß es mir bangte, einzutreten, bis mir - die Töne eines Klaviers aus demselben entgegen klangen. Ein kleiner barfüßiger Bube spielte das Instrument; er sah nicht aus, als ob er sich alle Tage wüsche, vielleicht aber Sonntags, Feiertags und Markttags. Ich erfuhr, daß die ganze Familie musikalisch sey, man zeigte mir in der Kammer auch noch eine kleine Hausorgel: und das Klavier und die Orgel hatte der Hausvater selbst gemacht. Derselbe war aber keineswegs ein Instrumentenmacher, sondern – ein Maurer, und stand damals zu Pfullingen in Arbeit. Das Klavier war kein englischer Patentflügel, aber man mußte es doch so gewiß ein Klavier nennen, als man einen Holzapfel einen Apfel nennen muß. Geben Holzäpfel keinen Most, so geben sie wenigstens Essig. Es war der drängende industrielle Geist des Gebirgsbauern gewesen, der den Maurer zu seinem Sonntagsvergnügen ein Klavier und eine Orgel hatte bauen heißen! Wer es verstünde, ein edles Reis auf solche Holzäpfelstämme zu pfropfen!

Gerade der Theil des Westerwaldes, der keine industrielle Geschichte kennt, hat eine industrielle Zukunft, weil hier die Naturschätze nicht »nesterweis« liegen, wie auf der Rhön, sondern in großen Massen und Gruppen beisammen, und weil sie eine harte, mager lohnende Betriebsamkeit, dem Charakter von Land und Leuten entsprechend, voraussetzen. Ein merkwürdiges Beispiel von raschem und segenverheißendem Aufblühen eines neuen Gewerbes erlebten wir hier in den letzten Jahren, und es zeigte sich dabei, was bei unsern Gebirgsbauern eine gut geleitete gewerbliche Aneiferung vermag, wenn sie auch nur noch ein klein Stück alten Bodens vorfindet. Es galt einen ganz eigenthümlichen Industriezweig wieder zu erwecken, welcher der südwestlichen Ecke des Westerwaldes geradezu geschenkt ist durch die unerschöpflichen Lager des trefflichen plastischen Thones, aus denen man das sogenannte »steinerne Geschirr,« die Mineralwasserkrüge und dergl., fertigt. Die sämmtlichen Mineralquellen des Taunus und der Lahn hängen in diesem Stücke ab von den Westerwälder Krugbäckereien. Der Verbrauch ist außerordentlich. Selters und Fachingen allein brauchen jährlich über zwei Millionen Stück solcher Krüge. Bis in weite Ferne werden Westerwälder Gefäße seit alter Zeit verführt. Im Mittelalter mußten an diesen Thonlagern gelegene Gehöfte ihre Abgaben nicht in Geld, sondern in Schüsseln an den Kurfürsten von Trier zahlen. Ein ganzer Hof zahlte 600 Schüsseln und ein halber 300. Liefen die Abgaben dem Kurfürsten richtig ein, dann konnte er alljährlich einen ganz anständigen Schüsselmarkt in Trier abhalten. Aber trotz dem vielhundertjährigen Stammbaum dieses Industriezweiges ließ man ihn verkümmern bis auf die neueste Zeit. Die rohen Thonblöcke wanderten großentheils in's ferne Ausland, nach Belgien, Holland und Frankreich, um dort verarbeitet zu werden! Den Fuhrlohn, den man erhielt, die Blöcke zur Verladung an den Rhein zu schaffen, nahmen Viele als den höchsten für die Gegend aus dem edlen Rohstoff zu erzielenden Gewinn, Als vor Jahren von Staatswegen eine Musteranstalt für die Verarbeitung des Thones, namentlich für die mehr künstlerische zu feineren Gefäßen, errichtet werden sollte, sträubte man sich dagegen, weil man den Frachtgewinn für die rohen Blöcke einzubüßen fürchtete!

Erst als zuletzt der rechte Mann kam und den Leuten aus dem Krugbäckerlande fast täglich in's Gewissen hinein predigte, daß nicht in der Ausfuhr des Rohstoffes, sondern in der möglichst verfeinerten Verarbeitung desselben der beste Gewinn für die Gegend liege, raffte man sich auf. Die Krugbäcker einten sich zu freien Innungen, die fröhlich gedeihen, warfen sich auf feinere, kunstmäßigere Arbeiten, die sich zusehens einen immer größeren Markt erobern, so daß man jetzt dieses Handwerk nur noch künstlerisch etwas reicher befruchten müßte, um die alte rohe Westerwälder Krugbäckerei in eine Kunstindustrie zu verwandeln, die für den Westerwald ebenso bedeutsam werden könnte, wie die Uhrenmacherei für den Schwarzwald.


Auf dem hoben Westerwald brauchen die Kirschen zwei Jahre Zeit um reif zu werden. Im ersten Jahre nämlich wird die Frucht auf dem einen Backen roth und im folgenden auf dem andern. Mit diesem kleinen Zug hat der Volkswitz die ganze Obstcultur des Landstrichs meisterhaft gezeichnet. Man kann in runder Durchschnittssumme rechnen, daß hier auf 4000 Morgen Landes etwa drei Morgen Gartenland kommen. Dem Auge des Rheinländers macht es einen sibirischen Eindruck, daß längs der Landstraßen Ebereschen und in den Gärten wohl gar Tannen statt der Obstbäume stehen. Der Boden ist großentheils ausgezeichnet, aber der jähe Windstrom, welcher durch's ganze Jahr die kahle Hochebene fegt, läßt keinen Obstbau aufkommen, und die Nässe dieses Nebel- und Regenlandes hat selbst die edleren Getreidearten verbannt. »Nordweststurm und alter Weiber Gegreine hat nimmer ein Ende.«

Das Register der vornehmsten Westerwälder Ackerpflanzen läßt sich leicht auswendig behalten: Kartoffeln, Hafer und Gerste. Gesottene Kartoffeln, Kartoffelbrod und Kartoffelbranntwein sind der tägliche Küchenzettel gar manches Haushalts. Dazu kreist Morgens, Mittags und Abends der Kaffeekessel, der hier ganz in die häuslich gemüthlichen Rechte des Theekessels der Küstenländer eingetreten ist.

Man könnte den Volkscharakter unserer Basaltgebirgsgruppe unter dem Gesichtspunkte des Kartoffelbaues darstellen, wie den rheingauischen unter dem Gesichtspunkte des Weinbaues. Die Kartoffel übt vielleicht in keinem andern Striche Deutschlands so zwingende Alleinherrschaft, wie hier. Der Brodbaum des Südsee-Insulaners und die Kartoffelstaude dieser Berge gäbe keine unpassende Parallele. Als vor zweihundert Jahren die ersten Kartoffeln auf den Westerwald kamen, hat eine Braut, in dem Westerwälder Städtchen Herborn beim hochzeitlichen Kirchgang ihren Busen mit den Blüthen der Kartoffel statt mit Myrthen und Rosen geschmückt. So ist dieses Gewächs, das man sonst als den Erzphilister unter seinen Geschwistern ansieht, hier zu den Ehren der Poesie gekommen. Und Westerwälder Poeten haben auch in der That die Kartoffel in Liedern besungen. Die erste ihrer Art, welche auf dieses blumenarme Gebirg gebracht wurde, hegte ein Apotheker als Zierpflanze und stellte das blühende Kraut in einem Blumentopfe aus.

Die edelste Sorte der Westerwälder Kartoffel, bei den Samen- und Pflanzenhändlern weitberühmt, führt den bedeutsamen Namen: »der Preis vom Westerwald.« Wenn man inne wird, wie fast alle bäuerlichen Existenzen der weiten Hochfläche in dem Bau der Kartoffeln wurzeln, dann erhält die Weihe, mit der diese Pflanze hier an dem Ehrentage einer Braut eingeführt ward, wohl ihren tiefen Sinn. Dem Anbau des trügerischen Gewächses könnte hier sogar sein proletarischer Charakter genommen werden. In trockenen Jahren mißräth die Kartoffel in den angrenzenden Thalgegenden, sie gedeiht dann aber um so besser auf dem wasserreichen Gebirg. Man könnte hierauf fußend die sonst nur am Orte haftende Frucht auf die Ausfuhr bauen, wenn der Blick des kleinen Westerwälder Bauern überhaupt weiter reichte, als der heimathliche Nebel zu sehen erlaubt.

Der Kartoffelbau hat aber hier nicht bloß seine Poesie, er hat auch seine herbe Prosa. Wo vorwiegend Kartoffelland ist, da ist auch Branntweinland. Dies bestätigen unsere Basaltberge. In einem Städtchen der Rhön von nur 2200 Einwohnern wurden in einem der letzten Jahre nach Ausweis der städtischen Accistabelle nahe an 400 Eimer Branntwein getrunken. Dagegen ist z. B. in Altbayern, wo Kornland vorwiegt und Kartoffeln verhältnismäßig wenig gebaut werden, das Branntweintrinken auch entsprechend selten geblieben. Kartoffelbau und Güterzerstückelung gehen Hand in Hand; so ist denn auch auf unsern Basaltbergen das Ackerland bis zum äußersten Maße zertheilt. Während das Getreide und das daraus bereitete Brod in der Sitte und Redeweise des Volkes heilig gehalten wird, geht man mit der nicht minder wichtigen Kartoffel weit weniger respectvoll um. Das Volk hat eine Ahnung von dem unheimlichen Wesen, welches in unserer Kartoffelcultur steckt. Es setzt sogar eine gute Anzahl Schimpfwörter mit der »Kartoffel« zusammen. Im Meiningischen sind die Schimpfwörter »Kartoffelkröt« und »Erdäpfelgehäukröt« gangbar; ein plumpes, dummes Gesicht nennt man überall ein »Kartoffelgesicht« und eine dicke formlose Nase eine »Kartoffelnase.« Was plump und gemein ist, wird von dem Volke überhaupt gern mit der Kartoffel verglichen.

Allein trotz dieser geringen Artigkeit gegen die Kartoffel hat sich der Bauer der mitteldeutschen Gebirge völlig verrannt in den übermäßigen Kartoffelbau. Die schweren Warnungen der Hungerjahre haben dort den Anbau dieser tückischen Frucht noch keineswegs erheblich vermindert. Selbst als in den schlimmsten Jahren die Noth auf der Rhön am höchsten gestiegen war, ließen sich viele Bauern nicht abhalten, mit dem Setzen von halb kranken Kartoffeln wiederholt den Versuch zu wagen. Es war nicht die bare Noth, welche sie hierzu trieb. Denn auch dem Aermsten war durch die Sammlungen und die Maßregeln der Behörden Gelegenheit gegeben, gesunde Saatkartoffeln zu erhalten. Aber die Leute hatten den Kopf verloren. Die Entsagung schlägt hier in ihrer äußersten Spitze zu unsinniger Vermessenheit um.

Der Kartoffelbau gestattet nicht nur so kleine Kleinbauern, daß zuletzt aus gar manchem ein leibhafter Proletarier wird; er lockt auch die großen Bauern in ein Speculationswesen hinein, welches sonst diesem Stande ganz fern lag. In dem Nothjahr 1852 gab es Landwirthe am Fuße des Vogelsberges, welche 50-60 Stück Vieh besaßen und mehr als 100 Morgen Ackerlandes, also gewiß wohlhabende Leute, deren Viehstand aber förmlich ausgehungert war, weil sie, durch den möglichen großen Gewinn verlockt, vielleicht 9/10 ihres Gutes mit Kartoffeln bestellt hatten. Diese waren mißrathen, und die reichen Leute hungerten nun zusammt ihrem Vieh. Hätten sie die Hälfte ihres Kartoffellandes mit Hafer und Runkelrüben bestellt, so würden sie mit mäßigem Verlust davon gekommen seyn. Man sieht, es sind hier ganz eigenthümliche Formen der Armuth zu entdecken, die in keine der hergebrachten Gruppen passen. Der mögliche hohe Ertrag der Kartoffeln durch die Branntweinbrennereien verlockt die Bauern zu einem wirklichen Glücksspiel, sie setzen das Glück eines ganzen Jahres auf eine einzige Karte. Darin liegt ein ungeheurer moralischer Ruin.

Waren jene großen Bauern zu pfiffig gewesen, dann gibt es andererseits wieder Striche in unsern Gebirgsgegenden, wo die kleinen Bauern förmlich dumm geworden sind in ihrer Armseligkeit. Man sollte landwirtschaftliche innere Missionen hinsenden, um den Leuten die Köpfe aufzuräumen – wenn's möglich ist. In einem Seitenthale der Wisper, wenige Stunden nur seitab von der Weltstraße des Rheins, begehrte ich einmal Eier. Man sagte mir, es gebe keine im ganzen Dorf, weil es keine Hühner gebe, und Hühner halte man keine, weil man Gärten habe, denn die Hühner würden die Gärten verwüsten. Es ist nämlich dort Sitte, Garten und Hof ohne Zaun zu lassen, und ist den Bauern wohl seit Jahrhunderten noch niemals in den Sinn gekommen, daß man die Vortheile des Gartenbaues und der Hühnerzucht zugleich genießen könne, wenn man nur Zäune ziehe. Es wird ihnen diese Einsicht vielleicht auch in langen Jahren noch nicht kommen, obgleich ihnen die Steine zu den Mauern vor den Hausthüren liegen und die Hecken nutzlos bis in's Dorf hinein wachsen. Das ist die Nachtseite der beharrenden Bauernsitte.

In den Bergen ist gar manches auf den Kopf gestellt, und die im Flachland in den Städten wohnen, merken es nicht. So blitzt es im Hochgebirg zuweilen den Berg hinauf. Ein rhönischer Frühlingspoet müßte den Mai begrüßen als die Zeit, wo die Spitzen der Berge schwarz werden, nicht grün, denn das ist des Lenzes sicherstes Wahrzeichen, wenn die Sonne den Schnee von den nackten schwarzen Basaltkuppen leckt.

Auf den öden, wasserarmen Hochflächen des Frankenjura's düngt man die Aecker mit Steinen und mähet das Heu von den Bäumen herunter; denn die Millionen der über die Aecker verstreuten kleinen Kalksteine bewahren denselben die Feuchtigkeit, und statt der Obstbäume sieht man zahllose kugelrund geschorene Lindenbäume im Feld, deren Laub beim Mangel des Grases das Viehfutter abgibt. Ist's im Flachlande trocken, dann nebelt's und feuchtet's oft auf dem Westerwald, dem Vogelsberg und der Rhön und umgekehrt. Manchmal ist droben ein Segensjahr, wenn unten ein Mißjahr war. Aber seltsamer noch ist's, daß auch Sitte und Art unserer meisten deutschen Gebirgsbauern in wirthschaftlichem Betracht auf den Kopf gestellt erscheint. Sie sollten die durchtriebensten, die rationellsten Landwirthe seyn, denn die Natur schenkt ihnen nichts, und sind doch meist die verstocktesten ökonomischen Reactionäre, und in den Thälern wohnt der landwirthschaftliche Fortschritt. Darum bleiben sie bei allem Fleiß, bei aller Entsagung doch immer im alten Elend stecken. Man zeigte mir große, freilich etwas abgelegene Ländereien auf der hohen Rhön, die trefflichen Boden haben sollen, aber doch nur alle paar Jahre einmal eine geringe Ernte bringen, weil man sie niemals düngt. Die Besitzer treiben starke Viehzucht und haben Dung genug. Aber weil es die Vorfahren nicht nöthig hatten, abgelegene Aecker mit mühseliger Sorgfalt zu bebauen, thut dies der Enkel auch nicht, obgleich er es sehr wohl nöthig hätte. Sein Feldbau ist noch ganz darauf berechnet, daß die Ernte wie ehedem von Hand zu Munde gehe. Auf der ganzen großen Basaltkette von der Rhön bis zur Eifel hinüber findet man's häufig noch, daß der Ackerbau schier mittelalterlich betrieben wird, während doch die Bedürfnisse modern geworden sind. Die Leute entwerfen ihren Wirthschaftsplan, als ob es noch keine Tabakspfeife, keinen Kaffee und keine Steuern gäbe, können aber doch zuletzt das eine nicht entbehren, und der anderen sich nicht erwehren.

Ich nannte oben den Westerwald einen vorgeschobenen Posten Westphalens, bei welchem der Hofbauer in seinem Uebergang zum Dorfbauern stecken geblieben ist. Darum sehen wir hier fast nur Weiler, die mit allen wirthschaftlichen Nachtheilen der zerstückten Dorfackerverfassung behaftet sind, ohne darum andererseits der socialen Vortheile größerer Gemeindeverbände theilhaftig zu werden. Dies ist das Loos der meisten Uebergangsbildungen, daß sie wohl die einzelnen Mängel der vermittelten Gegensätze in sich vereinigen, nicht aber die Vorzüge. Selbst ein Mittelzustand zwischen der Rodung des Waldlandes und dem Anbau geklärten Bodens hat sich auf den Nord- und Osthängen des Westerwaldes gleichsam flüssig erhalten. Ich meine die sogenannte Haubergwirthschaft. Man läßt Niederwaldungen von Eichen und Birken auf einen 16 bis 20jährigen Bestand anwachsen, treibt sie dann ab, schält den Boden mit der Hainhacke und verbrennt zur Düngung den Rasen und das kleine Reisig. In dieses neugebrochene Land, das gleichsam die ganze Jugendkraft eines Urbodens in seinem Schooße gesammelt hat, säet man dann zwei Jahre lang Frucht, um es hierauf wieder an die 20 Jahre ausruhen und als Waldgrund sich erfrischen zu lassen. Diese Haubergwirthschaft ist also ein fortwährendes Roden, ein von Geschlecht zu Geschlecht wiederkehrender Kampf der Ackercultur wider die wilde Naturkraft des Waldes. Die stählende Arbeit des Neubruchs, welche sonst in alten Tagen ein für allemal zum Frommen aller Nachkommen abgethan wurde, ist hier gleichsam portionenweise für alle Jahrhunderte aufgespart.

Sowie aber der südliche Abhang des Westerwaldes eine selbständige Gewerbeblüthe gewönne – und die Natur hat so vielen Anhalte dazu gegeben – würde er aufhören ein vorgeschobener Posten Westphalens zu seyn. Er würde aus dem verödeten Grenzwall ein wichtiger streitiger Grenzgau werden, auf welchen niederdeutsches und mitteldeutsches Culturleben mindestens gleichen Anspruch erheben könnten. An der Lahn und am Mittelrhein würden sich neue und bequemere Märkte für die Rohstoffe des Westerwaldes öffnen. Der Viehzüchter vom hohen Westerwald brauchte die stattlichen Heerden seines Schlachtviehes nicht mehr über die Berge und dann noch Tagemärsche weit zum Niederrhein hinabzutreiben. Es grenzt an's Fabelhafte, wie verlassen von allem industriellen Geist ein großer Theil des Südabhanges und des hohen Westerwaldes ist. Die wenigen großen Geldmänner dieser Gegend kaufen den Grundbesitz von halben Aemtern auf, wodurch der Bauer zum Tagelöhner wird, während sie selber ihren Reichthum nicht einmal sonderlich vermehren. Dasselbe Geld auf Gewerbeanlagen verwandt, würde die ganze Cultur des Westerwaldes umwälzen.

Die Bauern vom hohen Westerwald – und Städter gibt es hier keine – sind arm, aber sie sind reich in ihrer Sitteneinfalt. Geld brauchen sie oft nur zum Zinsen- und Steuerzahlen. Durch ihr ererbtes Ackergut stehen sie beim lieben Gott in freier Kost und Wohnung. Leute, die ihre Schuhe mit Weidengerten zusammenbinden weil sie kein Geld haben, um eine Schnur oder ein Riemchen zu kaufen, und die dennoch durchaus nicht zum Proletariat zählen, sind hier nicht selten. Für die socialen Irrlehren, welche die halbe Welt berücken, ist ein solches Geschlecht noch nicht geboren. Demagogische Wühlereien sind wohl an wenigen Gegenden so wirkungslos vorübergegangen, wie am Westerwald. Oede und von Natur arme Gegenden sind meist in Treue fest. Mühsal und Noth übernimmt Geschlecht von Geschlecht als einen Ausfluß von Gottes unerforschlichem Rathschluß. Wo das Erbrecht des Elends so tief im historischen Boden wurzelt, da zweifelt man auch nicht, daß das Erbrecht des Ueberflusses eine historische Nothwendigkeit sey. Nur wo die Armuth im Gefolge der verfeinerten Sitte einzieht, wird sie empörungslustig.

Auf der Rhön kreuzen sich die Ueberlieferungen uralter Armuth mit denen früherer Gewerbsblüthe. Die historische Armuth haftet dort mehr an einzelnen Thälern und Hochlagen als am ganzen Gebirg.

Schon eine Menge Ortsnamen bezeugen dann als epigrammatische Geschichtsurkunden aus grauer Vorzeit, daß von Anbeginn Armuth, Oede und Düsterheit das Grundwesen solcher Striche gewesen sey: Sparbrod, Wüstensachsen, Kaltennordheim, Wildflecken, Schmalenau, Dürrhof, Dürrfeld, Todtemann, Rabenstein, Rabennest, Teufelsberg, Mordgraben etc. Im Geiste der Etymologie des 18. Jahrhunderts leitete man den Namen der Rhön selbst frischweg von »rauh« ab. Bei andern deutschen Gebirgen kommt Aehnliches vor, aber schwerlich sind irgendwo auf so kleinem Raum so viele schauerlich deutsame Namen zusammengedrängt. Unter den Würzburger Bischöfen findet sich auch ein Mann von der hohen Rhön: Heinrich von der Osterburg. Er soll aber seinen Hofhalt so kümmerlich ausgestattet haben, daß man ihm den Beinamen »Käs und Brod« gegeben. Wenn man heutzutage durch die hohe Rhön wandert und tagelang in den elenden Dorfschenken in der That noch immer keine andere Kost als Käse und Brod nebst widerlichem Kartoffelfusel auftreiben kann, dann bleibt einem dieser Bischof fortwährend in lebhaftem Andenken, und man wird versucht, ihn als das ächteste Rhöner Kind zum Schutzpatron des ganzen Gebirges zu erklären.

Der kleine Westerwälder Bauer treibt nicht unbedeutende Viehzucht, aber er ißt kein Fleisch. Und wenn ja an hohen Festtagen ein Stück auf seinen Tisch kommt, dann hat er es in der Stadt gekauft. Verbrechen gegen das Eigenthum sind selten. Einzeln gelegene Gehöfte und Mühlen sind fast nirgends mit Mauern umgeben oder von Kettenhunden bewacht. Das Eigenthum hat zu wenig allgemeinen Werth, als daß es der Mühe lohnte, zu rauben und zu morden. Stehlen würde kostspieliger seyn als kaufen, und hier, wo Obdach so billig ist, wäre das Zuchthaus eine theure Herberge. Je höher die Bedürfnisse steigen, um so wohlfeiler erscheint gegentheils das Quartier im Zuchthause. In Paris und London sucht es bekanntlich der arme Teufel freiwillig auf, wenn ihm die gewöhnlichen Miethpreise zu hoch werden.

Die umliegenden Thalbewohner schildern die hohen Westerwälder nicht selten als roh und grob. Ich habe diese Grobheit immer sehr liebenswürdig gefunden, denn sie ist eine höchst natürliche Grobheit. Man sieht nicht ab, von wo den Leuten bei ihrem Schnee, ihrem Nebel und ihren Kartoffeln die Feinheit kommen sollte. Der Schwurgerichtshof des südlichen und hohen Westerwaldes hat in manchen Jahren durchschnittlich fast nur so viele Tage nöthig gehabt, um die criminellen Folgen der Westerwälder Rohheit abzuurtheilen, als die Assisen der angrenzenden Rhein- und Maingegend Wochen brauchten, um mit den strafrechtlichen Früchten der dortigen Feinheit fertig zu werden. Die Armuth, wo sie von einer kargen Natur aufgedrungen wird, erhält bis zu gewissem Grade das Volk hart und kraftvoll; die Armuth der Civilisation macht das Geschlecht siech und elend. Der Westerwälder, ob er gleich wenig Fleisch isset, ist doch ein starker Mann. Die Weiber sind meist massiver von Knochen und Muskeln, als der Begriff weiblicher Schönheit verträgt. Die Wucht einer Westerwälder Faust, wenn sie Schläge austheilt, hat historischen Ruf. Jene deutschen Heerschaaren, deren Blut den alten Oraniern die Freiheit der Niederlande erobern half, bestanden wohl großentheils aus Westerwäldern. Ja die alten kraftvollen oranischen Fürsten selber mögen zu den Westerwäldern gezählt werden: ihre Burg stand auf den Vorbergen unseres Gebirges, und die heimathliche Linde, worunter Wilhelm der Verschwiegene mit den holländischen Gesandten Raths gepflogen haben soll, ist ein Westerwälder Baum. Und unvergessen ist noch immer die Kunde der glorreichen oranischen Vorzeit auf dem Westerwald. Es gibt heute noch alt oranisch gesinnte Westwälder genug, denen das Herz aufgeht, wenn sie die Volkslieder von den Heldenthaten in Holland hören. Wer sich überzeugen will, daß die Geschichte Hollands ein Stück deutscher Geschichte ist, der möge die Ueberlieferungen des ehemals oranischen Westerwaldes ausforschen. Holland hat ein kürzeres Gedächtniß gehabt, als das deutsche Volk. Die Linde des Oraniers auf den Vorbergen des Westerwaldes hat länger Stand gehalten, als die Erkenntlichkeit Niederlands gegen Deutschland.

So lange es Volksgruppen gibt, deren, volle jugendliche Triebkraft noch halb im Schlummer liegt, gleich der Triebkraft ihres heimischen, vom Anbau noch nicht ausgesogenen Bodens, Volksgruppen, die noch in den Flegeljahren ihrer Culturgeschichte stecken, wie die Westerwälder Bauern, so lange soll man noch nicht vom Ende Deutschlands reden. Wenn die Mittagssonne der Civilisation die Ebenen bereits versengt hat, dann wird von den culturarmen Berg- und Hochländern der Odem eines ungebrochenen naturfrischen Volksgeistes wie Waldesluft wieder neubelebend über sie hinwehen.

Man muß den Naturzuständen im Volksleben wieder gerecht werden und zwar nicht bloß in den Romanen, sondern auch in der wirklichen Welt. Ich möchte, daß jede Seite dieses Buches für diesen meinen Glaubensartikel predigte, und wenn das vielleicht in Einseitigkeit geschieht, dann geschieht es doch jedenfalls aus begeisterter Ueberzeugung. Darum nehme ich den Wald in Schutz gegen das Feld, das Land gegen die Stadt, das rohe, aber stark- und frohgemuthe jugendliche Naturleben des Volkes gegen greisenhaft altklugen Sittenschliff, und die Politik, welche solchergestalt mit der Erkenntniß von Land und Leuten anhebt, müßte eine farben- und gestaltenreiche fröhliche Kunst und Wissenschaft werden, nicht eine dürre, graue Kathederlehre.

In den Proletariervierteln der Großstädte wohnt das sieche, hektische, absterbende Volksleben. In den abgelegenen Winkeln unserer öden Gebirge dagegen, wo auch die armen Leute hausen, ist der Kern des Volkes noch immer kräftig und unverdorben, trotz der Jahrhunderte alten Geißel von Hunger, Elend und Seuchen. Wie die Entartung unserer verbreitetsten Nutzpflanzen nicht vom mageren Boden, sondern von den fetten Fluren ausgegangen ist und sich von da epidemisch als ein Fluch der Uebercultur über alles Land verbreitet hat, so droht es auch mit der Entartung und Erkrankung des Volkslebens zu gehen. Jede Nation, die nicht mehr eine gewisse Masse rohen Naturvolkes in ihren Gesammtkreis einschließt, ist ihrem Untergange nahe. Kann sie sich aus sich selbst nicht mehr verjüngen, dann werden andere Völker über sie strömen, um sie wieder jung zu machen – aber freilich auf Kosten ihrer theuersten Besitzthümer, ihres Stammes, ihrer Sprache, ihrer Sitte. Die bildungsstolzen, ausgelebten Städtegegenden Mittel- und Norddeutschlands schaudern zurück vor dem mit einer immer engeren Einigung mit Oesterreich unvermeidlich verknüpften Einströmen noch sehr jugendlicher Culturelemente, wie sie in den südlichen Hochlanden walten. Und doch hätte das Jahrhundert kein großartigeres Ereignis gesehen, als wenn solchergestalt ein uraltes Naturleben des Volksgeistes im Süden mit dem vielhundertjährigen Bildungsleben des mittleren und nördlichen Deutschlands sich austauschend vermischte. Nicht bloß Finanzfragen, nicht bloß politische, auch die größten socialen Fragen treten im Gefolge des großen deutschen Einigungswerkes auf.

Wer den Westerwald, den Vogelsberg und die Rhön in ihrer schärfsten Eigenart beobachtet, wer den Eindruck von diesen Höhen als »dem Leib des Volksgeistes« mitnehmen will, der muß sie im Winter durchwandern, im Winter, wo der Sieg der spröden, unwirthlichen Natur hier am vollkommensten erscheint, und das Ringen und die Noth des Menschendaseyns am schneidendsten sich dagegen abhebt. Kein anderes deutsches Gebirg von gleich mäßiger Höhe wie der Westerwald sammelt eine solche Unmasse von Schnee auf seinem Rücken. An den Häusern, deren Strohdach auf der Wetterseite fast bis zur Erde herabgeht, wird der Schnee vom Sturm oft dergestalt zusammengefegt, daß man, von der Wetterseite kommend, einen Hügel, nicht ein Haus zu sehen glaubt. Der scharfe, weithin die Luft durchdringende Geruch des aus den Schornsteinen qualmenden Braunkohlenrauches macht, daß der Wanderer die verschneiten, in Nebel gehüllten Dörfer oft leichter auffindet, wenn er der Nase, als wenn er dem Auge nachgeht.

Der Fall, daß Einer ein Dorf in der Ferne sucht, während er - auf der Wetterseite – unmittelbar vor den Häusern steht, ist in harten Wintern auf dem hohen Westerwalde nichts Seltenes. Oft genug werden die niedern Hütten derart verschneit, daß den Insassen das Tageslicht ausgeht, und daß Stollen und Gewölbe durch den Schnee von einer Hausthür zur andern gegraben werden müssen, um den Verkehr mit den Nachbarn wieder herzustellen. Wird der Arzt auf ein Dorf gerufen, dann muß er nicht selten vorerst Mannschaft aufbieten, die vor ihm her den Weg aufschaufelt. Würde der Wald in noch größeren Massen gehegt, dann wäre auch die Zwingherrschaft der Schneestürme zur Hälfte gebrochen.

Die vereinzelten Wälder erscheinen hier oben in ihrer schönsten Bedeutung: als die Schutzhegen der Landescultur, als die Wälle und Vorburgen der Gesittung. Man fühlt da erst, was der Wald werth ist, wenn man stundenlang vom Winde gezaust, plötzlich in seinen heiligen Frieden eintritt. Auf dem hohen Westerwalde hat man die Kirchhöfe fast überall am Waldsaume angelegt, selbst wenn man sie darum über die Gebühr vom Orte entfernen mußte. Es ruht eine dichterische Weihe auf dem Gedanken, daß die Leute ihre Todten vor dem Streit der Elemente in den schirmenden Burgfrieden des Waldes geborgen haben.

Der rheinpreußische Provinciallandtag berieth im Jahre 1852 über den reicheren Anbau der Eifel, die so viel Verwandtes mit der hier besprochenen Gebirgskette bietet. Er kam schließlich zu dem Plan, mit Hülfe von Staatsdarlehen die Oeden des Gebirgs wieder in Waldland zu verwandeln. Durch Waldbau will man den Feldbau neu befruchten, durch die künstliche Rückkehr zu der besten Form der Wildniß, zum Wald, eine neue Cultur gründen. Dann liegt eine tiefgehende Symbolik auch für die Wiedergeburt des Volkslebens in diesen Gebirgen, die nicht durch das Hinzutragen einer fremden verfeinerten Gesittung zu erzielen ist, sondern durch die veredelt wiederaufgefrischten altüberlieferten Sitten und Zustände.

Der gewaltige Schneefall mit seinem Gefolge von Unfällen und Abenteuern hat für Rhön, Westerwald und Vogelsberg zu einem ganz eigenen volksthümlichen Geschichten- und Sagenkreise den reichen Stoff gegeben.

Es liegt aber eine tiefe Versöhnung mit dem Geschick in dem Umstande, daß fast alle diese Schneegeschichten, wie man sie sich hier in den Bauernstuben am Kachelofen, der »Hitze speien« muß, erzählt, einen humoristischen Grundzug haben. Der Schnee ist recht eigentlich der böse Dämon des Landes, und doch faßt ihn der Volkswitz am liebsten als den lustigen Kobold, der die Leute neckt und anführt. Ueber nichts wird dem Fremden so viel vorgelogen und aufgeschnitten, als über den ungeheuren Schnee. Es ist vor Zeiten den Schwaben nachgesagt worden, daß sie den Schnee zu rösten versucht hätten, um ihn in Salz zu verwandeln. Die Rhöner und Westerwälder aber wissen das Salz im Schnee zu finden, auch ohne daß sie ihn zum Rösten auf den Ofen streuen. Münchhausens Abenteuer vom verirrten Reiter, der des Nachts sein Pferd an ein aus dem Schneefeld einsam aufragendes Kreuz bindet, und des andern Morgens bei eintretendem Thauwetter entdeckt, daß er es an das Kirchthurmkreuz eines eingeschneiten Dorfes gebunden habe, ist auf diesen Basaltbergen gewachsen, und längst volksthümlich gewesen ehe es in das Anekdotenbuch kam. Im Schnee liegt die Poesie dieser Gegenden; der liebe Gott hat sie nun einmal als Winterlandschaften angelegt, und der Schnee verleiht ihnen den Silberschein des Absonderlichen, des Romantischen und Abenteuerlichen. Das ahnen die armen Leute, die in ihrer Art auch wissen was Romantik heißt, und erzählen uns darum ihre Schneegeschichten mit demselben stolzen Behagen, mit welchem der Matrose die Fährlichkeiten des Meeres schildert, und Einer will immer tiefer im Schnee gesteckt haben, als der Andere.

Wer aber nicht selbst zum öftern mit darin gesteckt hat, der hält gar manches für Sage, was in der That strenge geschichtliche Wahrheit ist. Als ich am Ende des März die höchste Spitze der Rhön, den Kreuzberg erstieg, fand ich an vielen Stellen kleine Zweige, wie von niederen Stauden aus dem Schneefeld aufragend; wagte ich's aber mich ihnen zu nähern, dann brach ich bis an die Brust ein, und es waren stattliche Büsche gewesen, deren äußerste Wipfel nur noch zu Tag standen. Der Pater Guardian des Klosters zum heiligen Kreuz erzählte mir, daß er an ähnlichen Stellen wenige Tage vorher noch bis über's Gesicht versunken, und nur durch die angestrengteste Beihülfe seines Führers wieder herausgezogen worden sey. Und in dieser Region ist die Bevölkerung noch größtentheils auf den Ackerbau angewiesen!

Der Fuldaer Arzt Dr. Schneider erzählt in seiner Beschreibung der Rhön, daß er einst im halben März zu einem Kranken in Rengersfeld gerufen worden sey, wobei er durch das Dach in das gänzlich verschneite Haus einsteigen mußte. Bei demselben Rengersfeld, einem in schauerlicher Wildniß gelegenen Dorf, fand ich im Frühjahr die meisten Feldwege zu den nächsten Dörfern über die Höhen noch ganz unbrauchbar für Reiter oder Fuhrwerk. Auf die Schneemassen hatte es kurz vorher geregnet, und so waren die Fahrgeleise wie die Tritte der Menschen und Pferde gleichsam in Eis eingegossen, darüber aber hatte sich inzwischen wieder eine neue leichte Schneedecke gelagert. Bei jedem Schritt geräth nun selbst der Fußgänger in Gefahr, in diese verdeckten, fest ausgefrorenen Geleise und Löcher zu treten und den Fuß zu verletzen, so daß ein jeder vorzieht, sich trotz dem seitab liegenden Steingeröll einen neuen Weg zu bahnen. Bei den steten Schneewehen kommt aber solchergestalt ein eigentlicher leitender Pfad gar nicht wieder zu Stande, die Gegend wird geradezu weglos, und der Wanderer muß, wie man zu sagen pflegt, lediglich seiner Nase nachgehen. An den Südabhängen vieler Berge findet man den Schnee in Folge vorhergegangener warmer Tage mit einer festen spiegelglatten Eiskruste überzogen. Dies wiederholt sich in solchen Gegenden fast alljährlich, es ist der Ruin der Obstbäume wie der Wälder. Selbst das Wild geht durch diese den Frühling verkündende Metamorphose des Schnees vielfach zu Grunde. Namentlich brechen die Rehe mit ihren spitzen Klauen leicht in die Eiskruste ein, und können sich bei den manchmal viele Fuß tief locker darunter angehäuften Schneewehen nicht wieder herausarbeiten. So fand ich im Frühjahr 1845, welches durch die Eiskruste über einer gewaltigen Schneedecke den Forsten besonders verderblich geworden war, an den steilen Berghängen des Westerwaldes, als der Schnee verging, zahlreiche von den Füchsen halbaufgefressene Körper von Rehen, die unzweifelhaft auf die beschriebene Art zu Grunde gegangen waren.

Wenn aber auch die warme Frühlingssonne den Schnee oft genug nur langsam wegzuschmelzen vermag, dann ist der Frühlingsdrang der Pflanzenwelt dennoch mächtiger als der Schnee. Man sieht dann wohl den Haselstrauch in voller Blüthe aus dem Schnee aufragen und seinen gelben Blüthenstaub weithin über die starre weiße Fläche streuen. Ich wüßte kein deutungsvolleres Sinnbild für das gesammte Culturleben jener Basaltgebirge als diese selbst im Schnee zur Blüthe sich emporringenden Lenzesboten.


Als es mich zur Zeit der schweren Noth des Nachwinters von 1852 hinaus auf die Rhön getrieben hatte zu den armen Leuten, schrieb ich unter anderem folgende Sätze nieder, die hier als eine summarische Rückschau auf das bisher gesagte eine Stelle finden mögen:

»Es lag eine dunkle Wolke auf den Bergen, und wo der Sturm das Gewölk zu Zeiten zerriß, schaute ich von meiner schnee- und eisbedeckten hohen Warte auf beschneite Bergkuppen hinab und in winterstarre Thalgründe, in denen die Hütten der Dörfer ausgestreut lagen, grau und formlos, gleich den Basaltblöcken ringsumher, daß das Auge die einen von dem andern nicht zu unterscheiden vermochte.«

»Ich stand auf dem Arnsberge, einem steilen Basaltkegel der Rhön, der mitten inne liegt zwischen zwei der ärmsten Striche des Gebirges, dem Dammersfeld und der Kreuzberggruppe, gleich einem Wartthurm vor den Thoren dieser Hofburg der Armuth und des Elendes, Es war aber am 25. März dieses Jahres, am Tage Mariä-Verkündigung, und drunten im Maingrunde war heute ein lauer, sonniger Frühlingstag. Heitere Menschen werden in's Freie geströmt seyn, um sich an dem ersten Gezwitscher der Vögel, an den ersten Veilchen und dem blauen Himmel zu erfreuen, und nur im Hintergrund erblickten sie einen dämmernden, wogenden Nebel, der das Gebirg verhüllte. Das ist der große düstere Vorhang, der sich in jedem Frühjahr an warmen, klaren Märztagen vor der weitgedehnten Basaltkette der Rhön, des Vogelsberges und des Westerwaldes niedersenkt, und die wenigsten Thalbewohner wissen wie viel Eis und Schnee, Hunger und Kummer, Seufzer und Thränen dieser Vorhang jahraus jahrein verbergen muß. Gleich einer cyklopischen Schutzmauer schließen die drei Gebirgszüge von der Südwestspitze Thüringens bis zum Siebengebirg den gesegnetsten Winkel Deutschlands, den Rheingau und den untern Maingrund, schirmend gegen Norden und Osten ab. Hier trifft der Nordsturm den armen Kartoffelbauer dreifach, damit der rheinische Weinbauer die Rebe während des kältesten Winters frei am Pfahle kann stehen lassen und sie nicht gleich dem schwäbischen Winzer mühselig loszupfählen, umzulegen und mit dem Winterbett einer Erdscholle zu decken braucht; hier werden im Sommer die übermächtigen Regenmassen zurückgehalten, damit sie den Wein auf den südlichen Rebenhängen nicht in Wasser verwandeln; es sind diese drei Bergketten zwei Drittheile des Jahres mit dem Fluch eines hochnordischen Klimas beladen, damit uns der Rhein- und Maingrund ein Italien in Deutschland vordichten könne. In diesen Bergen und ihrem räthselhaft abenteuerlichen Widerspiel zu den umliegenden Gauen hat es die Natur mit Lapidarbuchstaben schriftlich gegeben, daß die Ungleichheit das oberste Grundrecht aller organischen Entwicklung sey.«

»Frühling und Winter lagen hier so eng zusammengerückt, wie man es außerdem nur auf den Alpengebirgen des Südens finden wird. Vor drei Stunden noch hatte ich unten im Brendthale geglüht vor Sonnenhitze, daß ich kaum den Mantel ertragen konnte, während bei dem Dorf Oberweißenbrunn am Fuß des Arnsberges mein Bart bereits bereift und fest gefroren war, und hier oben, auf dem Gipfel bei der eisigen Nordluft und dem fußtiefen Schnee eine plötzliche Ermattung mir trotz dem Mantel den sichern Tod des Erfrierens gebracht hätte. Der bayerische Topograph Walther erzählt von einem russischen Soldaten, der im Wonnemond erfroren ist auf diesen Bergen, die im Durchschnitt nicht viel höher liegen als die Stadt München.«

»Wie die Gegensätze des Klimas, so sind auch die Gegensätze von Arm und Reich auf der Rhön eng zusammengerückt, denn die Bevölkerung des ganzen Gebirges ist keineswegs arm. Die Armuth tritt weniger überall hin verstreut auf, wie in den meisten mitteldeutschen Gegenden, als nach Berggruppen und Thalzügen ziemlich bestimmt abgesondert. Die historische, unausrottbare Armuth haftet an einzelnen Strichen, an denen auch das hoch nordische Klima haftet. Diese sind namentlich: das Dammersfeld, die Kreuzberggruppe und die lange Rhön.«

»Die Armuth dieser ödesten Winkel unserer feuchten und kalten Basaltgebirge will mit ganz anderem Maßstabe gemessen seyn als die andauernde oder vorübergehende Verarmung der glücklicheren Gegenden. Sie ist hier ein uraltes Erbstück des Volkes, und der Hunger ist nicht bloß heuer, sondern in jedem Frühjahr der treueste Hausfreund. Es geht diesen Leuten wie dem Wild, wie den Vögeln, die auch im Sommer fette, im Winter magere Zeiten haben. Und sie wissen's nicht besser.«

»Sonst ist der Begriff der Armuth schwer zu bestimmen; hier ganz leicht. Diese Naturkinder sind arm, weil sie mit ihrem Kartoffelvorrath bis zum Junius hätten reichen sollen, und haben nur bis zum Februar ausgereicht. Sie sind arm, nicht weil die Summe ihrer Bedürfnisse im Mißverhältniß stünde zu der Summe ihrer Arbeitskraft, sondern nur zu der Summe des schlechten Wetters vom vorigen Jahr. Der Himmel hat ihren Hunger größer werden lassen, als ihre Kartoffeln. Dies ist die einfachste und ursprünglichste Form der Armuth. Die nationalökonomischen Werthbegriffe des Geldes und der Arbeitskraft sind hier noch nicht entdeckt.«

»Diese eigenthümliche Erscheinungsform der naturnothwendigen passiven Armuth ist als ein Anachronismus in unserer Zeit stehen geblieben: die Bewohner solcher unwirthlichen, weltverlassenen Hochflächen sind heute noch die »armen Leute« des Mittelalters. So sehen wir auch den letzten Schatten der mittelalterlichen Hungersnöthe über solche Gebirge streifen, während bei der gegenwärtigen Verkehrs- und Arbeitsweise eine Hungersnoth im übrigen Deutschland nicht mehr möglich ist. Aber ich hörte auch auf der hohen Rhön von Geistlichen und Beamten allgemein rühmen, daß diese »armen Leute« mit einer christlichen Ergebenheit ihr Kreuz trügen, wie sie uns sonst nur von den Armen des Mittelalters, aber kaum je von denen der neueren Zeit berichtet wird.«

»Ich bin auf der ganzen hohen Rhön von keinem Menschen angebettelt worden. Ich habe ganz allein, lediglich mit einem tüchtigen Eichenstock, flinken Beinen und einem frischen Wandermuth bewaffnet, die weitgedehnten Wälder und die schaurig öden Hochflächen durchwandert. In der tiefen Einsamkeit bei wildem Schneesturm und bei sinkender Nacht sind mir oft seltsam zerlumpte »verwegene« Gestalten begegnet. Aber es hat mir niemand ein Leides gethan. Und doch würde meine geringe Reisebaarschaft für eine hungrige Rhönerfamilie ein Kapital gewesen seyn, von dem sie flott hätte leben können bis zur nächsten Kartoffelernte. Erst als ich in die begünstigteren Thäler der Fulda und Kinzig niederstieg, strömten mir Bettelleute zu Schaaren entgegen. Hier hebt die moderne Noth an, hier wird die Armuth selbstbewußt, der Arme bespiegelt sich in seinem Elend, trotzt und speculirt auf dasselbe. Es könnte Einer gegenwärtig über die ganze Rhön reisen, ohne den erhöhten Nothstand überhaupt wahrzunehmen, während er nicht einmal im Postwagen von Fulda nach Hanau fahren kann, ohne daß ihm allenthalben das düsterste Bild der Armuth entgegentritt. Neben den Bettelleuten fluthet auf dieser Straße jetzt ein wahrer Strom von Auswanderern. Bei Hanau begegnete ich einem Weib aus dem Fulder Land, welches als einziges Reisegepäck ein etwa vierteljähriges Kind auf dem Arm trug! Und in dieser Verfassung hatte sie sich zu Fuß nach einem Seehafen auf den Weg gemacht!«

»In den Studien unserer Socialisten über die Armuth wird man jenen Rhöner Schlag von naiven, entsagenden Armen, die gleichsam seit ihrer Urahnen Zeit erbgesessen sind in Noth und Mangel, wenig berücksichtigt finden, denn er paßt ihnen nicht in's theoretische Concept. Aber, um so erschütternder fordern gerade diese historischen, von eherner Naturgewalt niedergehaltenen Armen, die nicht trotzen und nicht aufbegehren, das menschliche Mitgefühl heraus. Im Ulsterthale sah ich einen zerlumpten alten Mann, dem das Elend aus den Augen lugte. Er hatte sich an einem Rain, wo die Sonne den Schnee weggeleckt, aus dem noch halbgefrorenen Boden gelagert, um sich allem Anschein nach von den matten Morgensonnenstrahlen erwärmen zu lassen. Ich ging langsam an ihm vorüber; allein er sprach mich um keine Gabe an. Dieser silberhaarige Greis, der genug daran hatte, daß ihn die Sonne beschien, wuchs vor meinen Augen zu einer Heldengestalt von antikem Gepräge, und ist es doch höchstens nur ein verkommener Kochlöffelschnitzer gewesen.« »Auf der hohen Rhön ging es den weltverlassenen Dorfbewohnern durchaus nicht in den Kopf, daß ich lediglich aus eigenem Antrieb zur Beobachtung einer so eigenthümlichen Art der Verarmung im Schneegestöber ihr rauhes Land durchwandere. Ich merkte wohl, daß sie mich zumeist für einen verkappten Regierungscommissär ansahen, Sie ließen sichs nicht träumen, daß ihre Armuth eine höchst interessante Armuth sey. Städtische Proletarier wissen bereits recht gut, daß ihre Lumpen neuerdings interessant geworden sind.«

»Der unverdrossene Muth der hohen Rhöner bei ihrem steten Kampf mit der feindseligen Natur ist seit alten Tagen sprüchwörtlich. In einem Spruchverse, der die rhönischen Städte nach ihren besondern Besitzthümern schildert, heißt es von Bischofsheim, der Stadt der hohen Rhön, bloß, sie habe »den Fleiß.« Das ist eine schöne Devise unter dem Wappenbild einer Stadt. Man sieht in den obern Rhönthälern noch Versuche von Obstbaumzucht in Lagen, wo man anderwärts längst aufhört, sich mit Schnee und Nordsturm um saure Aepfel zu raufen. In den Wäldern zwischen Dammersfeld und Kreuzberg begegnete mir in diesen Märztagen ein Mann, der mit einer Spitzhacke hinauszog, wie man sie sonst braucht, um Steine loszubröckeln. Als er mir erklärte: er wolle in entlegene Waldwiesen gehen, um die frühmorgens noch halb gefrorenen und halbverschneiten Maulwurfshügel zu zerschlagen, glaubte ich ihm nicht, und hatte Verdacht, er gehe auf schlimmen Wegen. Als ich ihm aber nachgehends von einer Höhe herab lange noch zusah, wie er in der That die gefrornen Maulwurfshügel im Thalgrunde zerschlug, schämte ich mich über mein Mißtrauen. Ich hatte keinen solchen Begriff mitgebracht von dem hoffnungslosen kummervollen Fleiß dieser armen Leute.«

»Wenn die Stadtleute etwa auf einer Pfingstpartie einmal in unsere Gebirge kommen und dort die Strohdächer sehen und die mit Papier verklebten Fensterscheiben, und dazu entdecken, daß die überwiegende Mehrzahl des Volkes barfuß geht, so meinen sie häufig, sie hätten in ein ungeheures Elend geschaut. Und doch waren es vielleicht ganz glückliche, nach Landesart wohlhabende Menschen, die sie gesehen haben. Denn ein Strohdach hält wärmer als ein Ziegeldach, eine verklebte Scheibe macht eine Bauernstube immer noch hell genug, und wer barfuß geht, den drückt wenigstens kein Schuh. Im Winter und Frühjahr sieht es ganz anders aus! Allein der Kampf mit den unbändigen Naturgewalten hat selbst für den ganz rohen gemeinen Mann unbewußt seinen Reiz, es ist das Ritterthum dieser Leute, mit dem Winter und seiner Noth zu kämpfen. Es kann Einer so gut am Heimweh nach dieser öden aber großartigen Winterwildniß krank werden, wie ein anderer am Heimweh nach den Orangengärten Italiens.«

»Ein Chronist des Mittelalters, der Zeit, wo die Rhöner »armen Leute« in ganz Deutschland ihre Sitze hatten, hat uns eine wunderbar ergreifende Sage überliefert von diesem Heimweh, welches sich sehnt, mutterseelenallein in der starren Wildniß zu seyn. Von dem Fortsetzer des Geschichtsbuchs des Lambert von Aschaffenburg finden wir nämlich zu dem Jahre 1344 angemerkt, daß damals, wo Witterungsnoth, Hunger und Seuchen in einer Weise gewüthet hatten, gegen welche unsere modernen Nothzustände Spielerei sind, bei Hersfeld in den Wildnissen des verödeten und entvölkerten Landes ein Knabe gefunden worden sey, den die Wölfe erzogen hätten. Er ward vor den hessischen Landgrafen geführt und lernte mit großer Mühe menschlich gehen und essen. Der Chronist aber sagt, als er sprechen gelernt, habe er den Wölfen den Vorzug vor den Menschen gegeben und sey, in der ungestillten Sehnsucht nach seiner Wildniß, am gebrochenen Herzen gestorben!«


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