Emmy von Rhoden
Der Trotzkopf
Emmy von Rhoden

 << zurück weiter >> 

Aus ihrer peinlichen Ratlosigkeit schreckten sie plötzlich eilige Schritte auf, und gleich darauf erfolgte die Anrede: »Gnädiges Fräulein, ich bitte um einen Augenblick!«

Ilse wandte den Kopf, und als ihr Auge flüchtig die Gestalt eines jungen Mannes streifte, erfaßte sie unsagbare Verlegenheit. Was wollte er von ihr? Warum redete er sie an? Als ob sie gar nichts gehört hätte, ging sie weiter.

»Sie haben etwas verloren, gnädiges Fräulein. Wollen Sie nicht die Güte haben, mir einen Augenblick Gehör zu schenken?« rief der junge Mann eindringlich.

Nun blieb Ilse stehen, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzusehen. Er benützte diesen Augenblick und trat schnell vor sie hin. Mit einem leichten, spöttischen Lächeln betrachtete er das kleine Mädchen, das ängstlich vor ihm davonlief. Schon schwebte ihm eine ironische Bemerkung auf den Lippen, er unterdrückte sie jedoch, als er das hübsche, verlegene Antlitz sah. »Wie eine Waldblume«, hatte Tante Rat gesagt, jetzt wußte er, wen sie damit gemeint hatte. »Ich fand diesen Brief hier«, sagte er. »Gehört er vielleicht Ihnen?«

Ein flüchtiger Blick belehrte Ilse, daß er den Brief ihres Vaters in der Hand hielt. »Ja«, sagte sie, beschämt über ihr albernes Benehmen, »er gehört mir.« Sie nahm ihn in Empfang, ohne den jungen Mann anzusehen. »Ich danke Ihnen«, fügte sie noch hinzu und wollte mit einer schüchternen Verbeugung weitergehen.

»War die Adresse an Sie gerichtet?« fragte der Fremde weiter, so daß Ilse zögernd stehenblieb.

Doch ohne ihre Antwort abzuwarten, rief er erfreut und lachend zugleich: »Sie – Sie sind Fräulein Ilse Macket! Ich sehe die Photographie in Ihrer Hand. Das ist ein wundervoller Zufall.«

Erstaunt blickte Ilse ihn an, und nun sah sie zum erstenmal in das frische, von der Sonne gebräunte Gesicht des jungen Gontrau.

»Verzeihen Sie mein unschickliches Lachen«, entschuldigte er sich, »aber Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen Aufklärung gegeben habe. Zuvor erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle; mein Name ist Gontrau.« Er zog den Hut und begrüßte sie in liebenswürdiger, ehrerbietiger Weise.

»Gontrau?« rief Ilse strahlend vor Freude. »Ist's wahr, Gontrau? Aber Sie sind doch nicht – doch nicht...«

»Der Landrat?« ergänzte er ihre Frage. »Nein, der bin ich nicht, nur sein Sohn.«

»Ich war recht einfältig, daß ich Ihnen davonlief«, fuhr Ilse errötend fort, »aber ich wußte nicht, wer Sie sind; ich hielt Sie für einen fremden Herren, der mich ausfragen wollte. Ach, Sie glauben nicht, wie ich mich geängstigt habe, als ich so ganz allein hier stand! Nun bin ich froh, furchtbar froh. Aber wo sind Ihre Eltern?«

»Meinem Vater ist ein kleiner Unfall zugestoßen. In dem Augenblick, als er den Wagen besteigen wollte, um hierher zu fahren, vertrat er sich den Fuß, und zwar so böse, daß er zurückbleiben mußte. Die Mutter konnte zu ihrem Kummer nun auch nicht fort, sie mußte dem Vater behilflich sein. Dieser Unfall ist denn auch an meiner Verspätung schuld, die ich von ganzem Herzen bedaure. Mama freut sich so darauf, ›die Kleine‹ in Empfang nehmen zu können. Ja, ja, ›die Kleine‹«, wiederholte er und freute sich über Ilses verwundertes Gesicht. »Ihr Herr Papa sprach in seinen Briefen nur von seiner ›Kleinen‹ oder von ›seinem Kind‹, das er allein und schutzlos die weite Reise machen lassen müsse; er fürchtete, daß dem ›kleinen Mädchen‹, das die Schule verlasse, etwas zustoßen könne. Natürlich erwarteten wir nun auch ein Kind, so ein halberwachsenes Mädchen von zwölf, höchstens dreizehn Jahren.«

»Nein, der Papa!« rief Ilse und lachte. »Papa ist zu komisch; er hält mich noch immer für die halberwachsene Ilse. Wie wird er sich wundern, wenn er mich wiedersieht! Mit siebzehn Jahren ist man doch kein Kind mehr.«

»Bewahre!« stimmte ihr der junge Gontrau bei. »Mit siebzehn Jahren ist ein junges Mädchen eine vollendete Dame.« Es kam halb spöttisch heraus, aber er machte ein ernstes Gesicht und verzog keine Miene. So glaubte Ilse denn mit Stolz an die »vollendete« Dame.

Nur ihr Handgepäck nahm Ilse mit hinaus nach Lindenhof. Es war schon in dem Wagen untergebracht, den Korb mit den Blumen stellte der Kutscher eben hinein.

»Die vielen Sträuße!« bemerkte Leo Gontrau, und diesmal lächelte er wirklich. »Der Korb muß Ihnen doch eine Last sein?«

»O nein, nein!« sprach Ilse eifrig dagegen. »Es sind ja lauter Abschiedsgrüße von meinen Freundinnen!«

»So viele Freundinnen?« meinte der junge Mann und sah in den Korb.

»Es sind sieben Sträuße«, belehrte ihn Ilse, die glaubte, er wolle sie zählen.

»Sie waren schön«, meinte Leo. »jetzt sind sie schon etwas welk. Nur dieser Rosenstrauß mit der Vergißmeinnichteinfassung ist noch frisch.«

Ilse ergriff diesen Strauß und beugte sich ein wenig darüber. Eine augenblickliche Rührung überkam sie, als sie der Spenderin gedachte. »Ich habe ihn von meiner liebsten Freundin«, sagte sie innig, »von Nellie Grey.«

»Nellie Grey?« fragte der junge Gontrau. »Wohl eine Engländerin? Ist sie hübsch und liebenswürdig?« setzte er scherzend hinzu.

»Sie ist reizend«, rief Ilse und geriet förmlich in Feuereifer, als sie von der Freundin erzählte.

Ihr Begleiter hörte stillschweigend zu und freute sich über die Begeisterung, mit der Ilse lobte, besonders über die überschwenglichen Ausdrücke, die ihr dabei über die Lippen schlüpften. Sie wußte es gar nicht, wie sehr sie sich Melanies Angewohnheit zu eigen machte und daß Ausrufe wie furchtbar reizend! himmlisch! süß! usw. ihr ebenso geläufig waren wie Melanie und den übrigen Mädchen.

»Wollen Sie nicht erst im Bahnhofsgebäude eine kleine Erfrischung einnehmen?« fragte Leo und bot Ilse den Arm, um sie dorthin zu führen.

Dankend lehnte sie sein Anerbieten ab, trotzdem sie es eigentlich gern angenommen hätte. Sie war hungrig, und ihr Magen zeigte bereits Verlangen nach einem kräftigen Imbiß. Eine wirkliche Dame aber durfte den Hunger nicht merken lassen; es wäre doch geradezu kindisch gewesen.

»Es ist kühl«, bemerkte Leo Gontrau, als er Ilse in den Wagen half, »und mein Auftrag lautet: ›Hülle das Kind gut ein, damit es sich nicht erkältet!‹« Er nahm ein warmes Tuch, das schon bereit war, und wickelte das junge Mädchen fest darin ein, auch eine Decke schlug er um ihre Füße.

Ilse ließ es gern geschehen, denn der Herbstwind pfiff kalt über die leeren Felder; sie lachte sogar über seine Fürsorge, aber hinterher kamen die Bedenken. Würde Fräulein Güssow ihr Benehmen richtig finden? Ob Nellie ebenso handeln würde oder ob diese ihren eigenen Regenmantel angezogen hätte?

Mitten in ihren peinlichen Zweifeln und Sorgen vernahm Ilse ein herzliches Lachen ihres Nachbars. Natürlich brachte sie es sofort mit ihren Gedanken in Verbindung. »Lachen Sie über mich?« fragte sie voll Mißtrauen.

»Nein, nein!« entgegnete Leo. »Wie kommen Sie zu dieser Frage? Wie würde ich mir je erlauben, eine junge Dame auszulachen! Diese Birne ist an meiner Heiterkeit schuld. Sie fiel mir soeben aus der Wagentasche auf die Hand und erinnerte mich an Mamas letztes Wort, als ich fortfuhr.«

»Was sagte sie?« fragte Ilse und sah ihn neugierig an.

»›Vergiß ja nicht, dem Kind die Birnen zu geben, Leo!‹ befahl Mutter. ›Die Kleine wird hungrig sein.‹ Ich glaube«, unterbrach er sich und griff in die Seitentasche, »sie sprach auch von einem Stück Kuchen. Richtig«, rief er lachend und zog ein kleines Päckchen hervor, »da ist er. Darf ich es wagen, gnädiges Fräulein, Ihnen Kuchen und Birnen anzubieten?«

Dieser Verlockung konnte der Trotzkopf nicht widerstehen. »Warum nicht?« entgegnete sie unbefangen und griff zu. »Obst ist meine ganze Leidenschaft, und Kuchen esse ich furchtbar gern. Im Pensionat haben wir nicht viel davon zu sehen bekommen; Fräulein Raimar behauptete, der Magen werde schlecht vom vielen Kuchenessen. Ist das nicht eine furchtbar öde Ansicht?«

»Ja, eine furchtbar öde Ansicht«, wiederholte der Assessor mit ganz ernsthaftem Gesicht. »Ich begreife nicht, wie Sie es schaffen konnten, ohne Kuchen zu leben.«

»Manchmal«, erzählte Ilse, »ließen wir uns heimlich ein Stückchen holen, über Mittag, wenn das Fräulein schlief.«

»So, so«, sagte Leo lachend, »das sind ja schöne Geschichten, das muß ich sagen!«

»Wir taten es nicht oft«, entschuldigte sich Ilse, »nur dann und wann, wenn wir gar zu großen Appetit darauf spürten. Finden Sie das unrecht?«

»Daß Sie den Kuchen aßen, finde ich durchaus nicht unrecht«, neckte er sie, »aber daß Sie ihn heimlich holen ließen, gefällt mir nicht. Warum fragten Sie nicht die Vorsteherin um Erlaubnis?«

»Dann hätten wir es doch nicht gedurft. Es war wirklich nichts Böses, was wir taten, nur ein ganz harmloses Vergnügen. Fräulein Raimar erlitt keinen Schaden, ob wir Kuchen aßen oder nicht.«

»Sie sind eine kleine Rechtsverdreherin«, tadelte er lachend; »ob Schaden oder nicht, darauf kommt es gar nicht an. Die Dame besaß wohl Gründe, weshalb sie Ihnen den Genuß des Kuchens verbot. Nummer I: Sie handelten gegen ihren Willen, folglich sind Sie strafbar. Nummer II: Sie taten es heimlich, das erschwert das Vergehen.«

Ilse lachte. »Lieber Himmel, sind Sie aber kleinlich!«

»Ich bin Jurist, gnädiges Fräulein, und gehe jeder Sache auf den Grund.«

»Jurist?« wiederholte Ilse und sah ihren Nachbarn etwas mißtrauisch an. »Das glaube ich nicht; Sie sehen nicht so aus.«

»Warum nicht? Haben die Juristen ein besonderes Aussehen?«

Diese Frage brachte Ilse in Verlegenheit. Sie konnte keine andere Antwort darauf geben, als daß die Juristen, die öfters nach Moosdorf zu Besuch kamen, ganz anders ausschauten. Es waren nette Herren, die ein Glas Wein liebten, aber jung und lustig waren sie nicht. Sie sah ihren Nachbarn an und schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie sind nicht Jurist«, wiederholte sie.

»Nun, ich bin doch neugierig, wofür Sie mich halten«, entgegnete Leo vergnügt. »jetzt legen Sie eine Probe von Ihrer Menschenkenntnis ab!«

»Sie sind Künstler, vielleicht Musiker – oder Maler?«

Gontrau lachte laut. »Musiker«, rief er, »ich ein Musiker! Ich kenne keine Note und bin so unmusikalisch wie ein Stock. Es tut mir leid, daß ich Ihre für mich schmeichelhafte Vorstellung zerstören muß. Ich muß mich leider als ein ganz gewöhnliches Menschenkind bezeichnen, das weder Maler noch Musiker ist. Trotz Ihres Zweifels bin ich Jurist und seit vier Wochen Assessor. Sind Sie nun überzeugt?«

»Also kein Künstler, ach, wie schade!« sprach Ilse bedauernd. »Künstler müssen doch reizende Menschen sein.«

»Nicht immer«, wollte der Assessor sagen, doch er tat es nicht. Warum ihre kindlichen Anschauungen zerstören? »Sehen Sie dort die Kirchturmspitze?« brach er das Gespräch ab. »Die Wetterfahne darauf glänzt hell im Mondschein; das ist die Kirche von Lindenhof. In zehn Minuten sind wir dort.«

Als der Wagen vor dem Eingangstor des Hauses hielt, trat Frau Gontrau schnell auf ihn zu, um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen. Als das erwachsene Mädchen ausstieg und Leo den Irrtum erklärte, nahm sie Ilse lachend in den Arm. »Ob groß, ob klein«, sagte sie, »Sie sind mir von Herzen willkommen.«

Frau Gontrau führte Ilse in das Speisezimmer, in dem sich der Landrat befand. Er saß auf dem Sofa und streckte dem jungen Mädchen beide Hände entgegen. »Das ist eine kostbare Überraschung«, rief er aus, »eine kostbare Überraschung! Anstatt des Kindes kommt eine junge Dame an. Hat uns Freund Macket mit Absicht getäuscht?«

Ilse lachte und zeigte sich von der nettesten Seite.

»Wie Sie dem Papa ähnlich sehen!« fuhr der alte Herr lebhaft fort. »Der gleiche Mund, die Zähne, das Kinn – es ist auffallend.« Er schob die Lampe näher zu ihr, damit er sie noch besser betrachten konnte. »Das Haar haben Sie von der Mutter geerbt, auch die braunen Augen, das heißt nur in Farbe und Schnitt. Der Ausdruck der Ihrigen ist lebhafter, er verrät nicht das sanfte Taubengemüt der seligen Mama. Können Sie auch zornig blicken?« fragte er scherzend.

»Aber lieber Mann«, unterbrach ihn Frau Gontrau lachend, »erst stellst du eine peinliche Prüfung mit dem Äußeren unseres lieben Gastes an, nun gehst du auch noch auf die Charaktereigenschaften über! – Kommen Sie, liebes Kind, ich will Sie erlösen! Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen, damit Sie sich von der langen Reise erfrischen können. Ich habe Sie neben meinem Schlafzimmer einquartiert – die Fremdenzimmer liegen eine Treppe höher –, ich dachte, die Kleine würde sich fürchten, allein dort zu schlafen.«

»Oh, wie reizend!« rief Ilse kindlich erfreut und verriet, daß auch sie sich noch, wie ein kleines Mädchen im Dunkeln, richtig ängstigen konnte.

»Leo«, sagte der Landrat zu seinem Sohn, als die Damen das Zimmer verlassen hatten, »ist sie nicht ein reizendes Kind?«

Der junge Mann schien in seine Zeitung vertieft; der Vater mußte die Frage wiederholen, bevor er eine Antwort erhielt.

»Ja, ja«, gab er gleichgültig zur Antwort, »sie ist ein ganz nettes Mädchen.«

»Nettes Mädchen! Ist das ein Ausdruck für ein so bezauberndes Wesen? Hast du denn gar keine Augen im Kopf? Ich sage dir, Temperament steckt in dem ›kleinen Mädchen‹. Ein Blick, und ich weiß Bescheid. Du hast kein Urteil, mein Junge; darin ist dir dein Vater über.«

Leo gab keine Antwort und las andächtig weiter.

Die Abendstunden entschwanden in Frohsinn und Heiterkeit. Ilse plauderte und erzählte ganz ohne Scheu. Sie fühlte sich heimisch bei den gastlichen Menschen. Der Landrat liebte es, sie zu necken, und sie verstand, auf seine Scherze einzugehen.

»Bleiben Sie einige Tage hier!« redete er Ilse zu. »Die Zeit ist so kurz bis morgen mittag. Wir telegraphieren den Eltern, daß wir Sie hierbehalten; sie werden nicht böse darüber sein.«

Leo warf einen schnellen Blick zu Ilse hinüber, der fast wie eine Bitte aussah, auch erbot er sich, ganz früh am andern Morgen ein Telegramm aufzugeben. Frau Gontrau unterstützte die Bitte ihres Mannes. »Es wäre eine große Freude für uns, wenn Sie blieben«, sagte sie; »es fehlt ein frisches Element in unserem Haus. Sie haben die glückliche Gabe, Leben und Frohsinn um sich zu verbreiten.«

»Bitte, bitte, quälen Sie mich nicht«, bat Ilse, »ich kann nicht bleiben; sosehr es mir auch hier gefällt. Meine Eltern erwarten mich morgen, und ich habe auch große Sehnsucht nach ihnen, und auf den kleinen Bruder freue ich mich furchtbar. Er weiß noch gar nicht, daß er eine große Schwester hat.«

Dagegen war nichts einzuwenden. Frau Gontrau strich ihr die krausen Locken zurück und klopfte ihr leicht die Wange. »Sie haben recht, liebe Kleine, Ihren Entschluß nicht zu ändern. Wir wollen auch gar nicht weiter in Sie dringen mit unseren Bitten. Besuchen Sie uns bald auf längere Zeit! Leo verläßt uns in einigen Wochen, und dann ist es einsam in unserem großen Hause.«

»Daraus wird doch nichts«, erklärte der Landrat. »Ich kenne meinen Freund Macket und weiß, daß er sein Töchterchen so bald nicht wieder fortgibt. Halt, da kommt mir ein guter Gedanke! In seinem letzten Brief ladet uns der Vater zum Erntefest ein, das etwa in vier Wochen stattfinden soll. Ich nehme die Einladung für uns an, Punktum! Aber ich knüpfe die Bedingung daran, daß er Sie mit uns zurückreisen läßt.«

Ilse jubelte vor Vergnügen. »Das wäre himmlisch!« rief sie aus. »Aber Sie müssen auch Wort halten; geben Sie mir die Hand darauf!«

Mit einem kräftigen Handschlag besiegelte der Landrat sein Versprechen.

»Ein Handschlag galt bei uns im Pensionat für den höchsten Eid«, sagte Ilse mit ernstem Gesicht, »dagegen handeln, heißt meineidig sein. – Sie werden doch mitkommen?« wandte sie sich an Leo.

»Natürlich!« entgegnete er freudig. »Der feierliche Eid gilt auch für mich. Wollen wir ihn auch mit einem Handschlag besiegeln?«

»O nein!« entgegnete sie leicht errötend. »Ich glaube Ihnen schon auf Ihr Wort.«

Als es elf schlug, mahnte Frau Gontrau zur Ruhe. »Sie werden von der Reise und den vielen fremden Eindrücken müde und abgespannt sein, liebe Ilse.«

»Ich empfinde gar keine Müdigkeit«, meinte das Mädchen. »Ich könnte noch lange aufbleiben.« Am liebsten wollte sie ihre Reiseerlebnisse gleich für Nellie zu Papier bringen, aber sie fand in ihrem Zimmer weder Feder noch Tinte. So mußte der Brief warten, und Ilse ging zu Bett.

Am andern Morgen, gleich nach dem zweiten Frühstück, rüstete sich Ilse zur Weiterreise. Sie trat mit dem Korb voll Blumen vor die Tür, um sie mit Wasser zu besprengen.

»Wollen Sie denn die welken Sträuße wirklich wieder mitnehmen?« fragte Assessor Gontrau.

Ilse blickte auf den Korb und stand unschlüssig da. »Freilich«, sagte sie betrübt, »sie sehen traurig aus, meine lieben, schönen Blumen; nun sind sie alle welk.«

»Wissen Sie was, Fräulein Ilse«, riet der Assessor heiter, »wir wollen ein Feuer anmachen und sie verbrennen! Dann sammeln wir die Asche, und Sie bewahren sie in einer kostbaren Urne auf, welche die Inschrift trägt: Diese Urne birgt die Asche der Blumensträuße meiner sieben lieben Freundinnen im Pensionat. – Wie gefällt Ihnen dieser Vorschlag?«

»Oh, Sie sind abscheulich!« rief Ilse. »Sie wollen sich über mich lustig machen. Trotzdem«, fügte sie hinzu, »gefällt mir das Verbrennen ganz gut. Errichten Sie schnell einen Scheiterhaufen! Soviel Zeit bleibt mir noch bis zu meiner Abfahrt; ich will die Blumen in Flammen aufgehen sehen. Die Asche aber sammeln wir nicht.«

Leo trug eilig etwas trockenes Reisig auf dem Kiesplatz vor dem Hause zusammen, und in wenigen Sekunden flackerte ein lustiges Feuer auf. Ein Strauß nach dem andere verfiel dem Feuertod, nur als Nellies Rosen an die Reihe kamen, rief Ilse: »Halten Sie ein, die dürfen nicht geopfert werden! Die Blumen meiner lieben Nellie bewahre ich bis zu meinem Tod auf.«

»Mit in das Grab!« fügte der Assessor neckend hinzu.

Frau Gontrau, die mit ihrem Sohn Ilse bis zur Bahn begleiten wollte, erschien jetzt fertig angekleidet in der Tür und mahnte zum Aufbruch.

Ilse ging in das Haus und verabschiedete sich vom Landrat. So gern wäre er mitgefahren und mußte nun des bösen Fußes wegen zurückbleiben. Es war eine rechte Geduldsprobe für ihn. Noch einmal erinnerte sie ihn dringend an seinen Schwur. »Sie müssen kommen!« war ihr letztes Wort.

»Es bleibt dabei!« rief er ihr nach. »Der Schwur gilt.«

Als Ilse im Begriff war, in den Wagen zu steigen, überreichte ihr Leo einen Strauß herrlicher Rosen. »Die Blumen sind aus der Asche erstiegen«, sagte er; »Sie werden sie nicht verschmähen«, fügte er hinzu, als Ilse vor Überraschung vergaß, sie entgegenzunehmen.

»Oh, wie reizend! Sie glauben nicht, wie ich mich freue!« Errötend reichte Ilse Leo die Hand. »Ich danke Ihnen tausendmal. Ich liebe Rosen so sehr, und so schöne wie diese sah ich noch nie. Wie sehr haben Sie mich erfreut!« Sie konnte den Blick nicht von den herrlichen Blumen wenden und wiederholte noch einige Male: »Ich freue mich zu sehr!«

Leo lächelte seine Mutter an, und sie verstand ihn wohl. War doch auch sie entzückt über die kindliche Freude, mit der Ilse zu danken verstand.

Die Stunden eilen schnell, besonders die glücklichen. Die Fahrt bis zum Bahnhof war vergangen, Ilse wußte nicht wie. Jetzt saß sie in der Eisenbahn und fuhr der Heimat zu. Ihre Gedanken schwirrten bunt durcheinander; sie flogen voraus und träumten vom Wiedersehen, und sie kehrten zurück und führten sie wieder nach Lindenhof. Der Abschied war ihr schwer geworden. Leo hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte es sich gefallen lassen. Ob das wohl recht war? Am Ende hätte sie ihm die Hand entziehen müssen? Da fiel ihr Blick auf den Rosenstrauß, und plötzlich stand das Bild des jungen Mannes vor ihr. Ein sonderbares Gefühl überkam sie, aber es war ihr fremd, und sie schreckte davor zurück. Sie legte den Strauß aus der Hand und erhob sich. Sie wollte nicht weiter an ihn denken, sie wollte es nicht.

 


 << zurück weiter >>