Emmy von Rhoden
Der Trotzkopf
Emmy von Rhoden

 << zurück weiter >> 

Vierzehn Tage waren seit Ilses Aufnahme im Pensionat vergangen. Sie weinte in dieser kurzen Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, manche bittere Träne, und oft setzte sie die Feder an, um den Vater zu bitten, er möge sie zurückholen. Nur weil sie sich vor der Mutter scheute, tat sie es nicht. Sie antwortete auf die vielen und langen Briefe, die sie aus der Heimat erhielt, nur zweimal, nur kurz und mit der Entschuldigung, daß ihr die Zeit zu längeren Briefen fehle.

Endlich, eines Sonntagnachmittags, den fast alle Pensionärinnen zum Briefeschreiben benutzten, setzte sich auch Ilse dazu an ihren Tisch. Große Lust verspürte sie nicht zum Schreiben. Sie schlug die neue Schreibmappe auf, wählte nach langem Suchen einen rosa Bogen, tauchte die Feder in das Tintenfaß und malte allerhand Schnörkeleien auf ein Stückchen Papier. Endlich begann sie den Brief. Doch nach wenigen Zeilen hörte sie auf und legte das Geschriebene beiseite. Der Anfang gefiel ihr nicht. Es wurde ein neuer Bogen geopfert und noch einer. Der vierte endlich hatte mehr Glück. Sie beschrieb ihn von Anfang bis zum Ende, ja, sie nahm noch einen fünften Bogen dazu. Sie war nun einmal ins Plaudern gekommen, immer wieder fiel ihr etwas ein, das sie dem Papa mitteilen mußte. Als Ilse zu Ende war, las sie noch einmal ihre lange Epistel.

 

»Mein liebes Papachen!

Es ist heute Sonntag. Das Wetter ist so schön, und im Garten blühen die Rosen (da fällt mir eben ein, hat meine gelbe Rose, die Marschall Niel, die der Gärtner im Frühjahr verpflanzte, schon Knospen angesetzt? Bitte, vergiß nicht, mir Antwort zu geben!), und die Vögel singen so lustig – ach! und Deine arme Ilse sitzt im Zimmer und kann sich nicht im Freien umhertummeln. Mein liebes Papachen, das ist recht traurig, nicht wahr? Ich komme mir oft vor wie unser Mopsel, wenn er genascht hatte und zur Strafe dafür eingesperrt wurde. Ich möchte auch manchmal, wie er es tat, an der Tür kratzen und rufen, macht auf! Ich will hinaus! Es ist gar nicht hübsch, immer eingesperrt zu sein. Zu Haus konnte ich doch immer tun und treiben, was ich wollte; im Garten, auf dem Feld, in den Ställen, überall durfte ich sein, und meine guten Hunde liefen mir nach, wohin ich ging. Ach, das war zu himmlisch nett! Was macht Bob, Papachen, und Diana und Mopsel und die andern? Oh, wenn ich sie gleich hier hätte!

Es ist im Pensionat alles so furchtbar streng, man muß jede Sache nach Vorschrift tun. Aufstehen, Frühstücken, Lernen, Essen – immer zu bestimmten Stunden. Das ist gräßlich! Ich bin oft noch müde des Morgens, aber ich muß hinaus, wenn es sechs geschlagen hat. Ach, wie oft möchte ich in den Garten laufen und muß auf den abscheulichen Schulbänken sitzen! Die furchtbare Schule!

Ich lerne doch nichts, Herzenspachen, ich bin zu dumm. Nellie und die andern Mädchen wissen viel mehr, sie sind auch alle klüger als ich. Nellie zeichnet zu schön! Einen großen Hundekopf in Kreide hat sie jetzt fertig. Er sieht aus, als wenn er lebte. Und Klavier spielt sie, daß sie Konzerte geben könnte – und ich kann gar nichts!

Wenn ich doch lieber zu Hause geblieben wäre! Dann wüßte ich nicht, wie einfältig ich bin. Nellie tröstet mich oft und sagt: ›Es ist keiner Meister von der Himmel gefallen, fang nur an, du wirst schon lernen!‹ Aber ich habe angefangen und doch nichts gelernt. Ich weiß nur, daß ich sehr dumm bin.

Am fürchterlichsten sind die Mittwochnachmittage. Da sitzen wir alle von drei bis fünf Uhr im Speisesaal. Die Fenster nach dem Garten sind weit offen, und ich blicke sehnsüchtig hinaus. Es zuckt mir förmlich in Händen und Füßen, daß ich aufspringen möchte, um in den Garten zu eilen, aber ich darf es nicht, ganz still muß ich dasitzen und muß meine Sachen ausbessern. Fräulein Güssow war ganz erstaunt, daß ich nicht stricken konnte. Man kauft doch jetzt die Strümpfe, das ist viel einfacher. Warum muß ich mich unnütz quälen? Es wird mir so schwer, die Maschen abzustricken, und ich mache es auch sehr schlecht.

Melanie Schwarz – sie ist sehr hübsch, ziert sich aber und stößt mit der Zunge an, und dann sagt sie immer zu allem: ›Furchtbar nett, furchtbar reizend oder furchtbar scheußlich‹ – meinte neulich: ›Du strickst aber furchtbar scheußlich, Ilse!‹ Du siehst, Pachen, ich kann nichts!

In den Abendstunden wird einmal französisch, einmal englisch die Unterhaltung geführt. Französisch kann ich mich allenfalls verständlich machen, aber englisch geht es sehr schlecht, so schlecht, daß ich mich schäme, den Mund aufzutun. Nellie ist gut, sie hilft mir nach und will oft mit mir sprechen, wenn wir allein sind.

Du fragst mich, lieber Papa, ob ich schon Freundinnen habe. Nellie und noch sechs andere Mädchen sind meine Freundinnen, Nellie aber habe ich am liebsten. Wie sie alle heißen, will ich Dir das nächstemal schreiben, dann werde ich Dir auch erzählen, wie sie aussehen; heute kann ich mich nicht dabei aufhalten, sonst nimmt mein Brief kein Ende. Eine Schriftstellerin ist auch dabei, das muß ich dir noch mitteilen.

In die Kirche gehen wir jeden Sonntag, dort gefällt es mir aber gar nicht. Ich sitze zwischen soviel fremden Leuten, und der Pfarrer, ein ganz alter Mann, spricht so undeutlich, daß ich Mühe habe, ihn zu verstehen. In Moosdorf ist es viel, viel hübscher. Da sitzen wir eben in unsrem Kirchenstuhl, und wenn ich hinuntersehe, kenne ich alle Menschen. Und wenn unser Oberlehrer die Orgel spielt, die Mädchen so laut und kräftig anfangen zu singen und mein lieber Herr Pfarrer die Kanzel besteigt und so schön predigt, dann ist mir so feierlich zumute, so ganz anders als hier. Ach, und manchmal, wenn die Sonnenstrahlen durch das bunte Kirchenfenster fallen und schöne Farben auf den Fußboden malen, dann ist es herrlich, so herrlich, wie nirgendwo auf der ganzen Welt!«

 

Hier mußte Ilse mitten im Lesen innehalten und eine Pause machen. Der Gedanke an die Heimat und die Sehnsucht überwältigten sie dermaßen, daß sie zu weinen anfing. Erst als ihre Tränen wieder getrocknet waren, las sie zu Ende.

 

»Grüße nur alle, du einziger Herzenspapa, auch die Mama! Das Tagebuch, das sie mir eingepackt hat, kann ich nicht gebrauchen; ich habe keine Zeit, etwas hineinzuschreiben. Aber ich bedanke mich dafür. Nun leb wohl, mein lieber, süßer, furchtbar netter Papa! Ich küsse Dich tausendmal. Bitte, gib auch Bob einen Kuß und grüße Johann von

Deiner
Dich unbeschreiblich liebenden Tochter
Ilse

N.S. Ich will gern Zeichenunterricht nehmen bei dem Herrn Professor Schneider, ich darf doch? Morgen fange ich an.

N.S. Beinahe hätte ich vergessen, Dir zu schreiben, daß Du mir doch eine Kiste mit Kuchen und Wurst schickst. Nellie ist immer so hungrig, wenn wir abends im Bett liegen, und ich auch.

N.S. Lieber Papa, ich kriege immer soviel Schelte, daß ich so ungeschickt esse. Schreibe mir doch, ob das nicht sehr unrecht ist! Der Mama sage nichts davon! Deine Hand drauf! – Fräulein Güssow habe ich sehr lieb.«

 

Ilses Eltern saßen am Nachmittag mit dem Pfarrer zusammen auf der Veranda am Kaffeetisch, als ihr langer Brief eintraf. Der Gutsbesitzer las ihn vor und wurde bei einigen Stellen so gerührt, daß er kaum weiterzulesen vermochte. »Ich möchte das arme Kind zurückhaben«, sagte er, »es fühlt sich unglücklich, und ich sehe nicht ein, warum wir unsrer einzigen Tochter das Leben so verbittern sollen. – Was meinst du, Annchen, und Sie, lieber Wollert? Wäre es nicht besser?«

Der Pfarrer machte ein höchst zufriedenes Gesicht »Ich bin nicht Ihrer Meinung«, entgegnete er. »Ilse ist bereits auf dem Weg, einzusehen, daß sie noch vieles lernen muß; sie vergleicht sich mit den Freundinnen, erkennt ihre Fehler und die Lücken in ihrem Wissen Wir haben schon mehr erreicht in dieser kurzen Zeit, als ich zu hoffen wagte.«

»Das Heimweh ist natürlich!« fiel Frau Anne ein. »Bedenke nur, wie schwer es einem an die Freiheit gewöhnten Wesen werden muß, sich plötzlich in den Schulzwang zu fügen! Die Regelmäßigkeit des Instituts ist ihrer ungebändigten Natur zuwider; Ilse wird sich zu ihrem Vorteil fügen lernen, ihre Wildheit abstreifen und ein liebes, herziges Mädchen werden.«

Der Oberamtmann war verstimmt, daß man ihn nicht verstehen wollte. Weder der Pfarrer noch Frau Anne überzeugten ihn mit ihren Vernunftgründen. Er urteilte nur mit seinem weichen Herzen, und er litt sehr bei dem Gedanken an sein heimwehkrankes Kind.

Ilses Wünsche wurden erfüllt. Es mußte Kuchen gebacken und die schönste Wurst sowie ein Schinken aus der Rauchkammer geholt werden. Der Oberamtmann packte selbst die kleine Kiste und legte noch allerhand Leckereien hinein. »Not soll sie wenigstens nicht leiden«, sagte er zu seiner Frau, die ihm lächelnd zusah.

 

Es war an einem Mittwochnachmittag im Monat August. Die erwachsenen Mädchen des Pensionats saßen im Speisezimmer beisammen, stopfend, flickend oder mit anderen Arbeiten dieser Art beschäftigt.

Es war sehr heiß und gewitterschwül, selbst durch die geöffneten Fenster drang kein erfrischender Luftzug.

Ilse hielt ihren Strickstrumpf in der Hand und quälte sich, Masche um Masche abzuheben. Es machte ihr schwere Mühe mit den heißen, feuchten Fingern. Die Maschen saßen so fest auf den Nadeln, daß sie kaum zu schieben waren.

»Ich kann nicht«, sagte Ilse, »die Nadeln kleben so, ich vermag sie nicht mehr anzufassen.«

»Wasch dir die Hände«, rief Fräulein Güssow, »dann wird es besser gehen!«

»Das hilft nicht«, erwiderte Ilse unmutig und legte das Strickzeug vor sich hin.

Ehe noch Fräulein Güssow sie wegen ihres unpassenden Benehmens zurechtweisen konnte, trat Fräulein Raimar in das Zimmer. Sie ging von einer Schülerin zur andern und prüfte die Arbeiten; sie tat dies zuweilen, um Fortschritte zu loben oder auch zu tadeln, wenn es nötig war.

»Nun, wie steht es mit dir, Ilse?« fragte sie. »Hast du deinen Strumpf bald fertig? Zeig ihn einmal her!«

Ilse tat, als habe sie die Aufforderung nicht verstanden, sie schämte sich ihrer schlechten Arbeit.

»Ich will dein Strickzeug sehen, Ilse; hast du mich nicht verstanden?« Die Worte der Vorsteherin klangen streng und hart. Aufgebracht über Ilses Trotz, nahm Fräulein Raimar ihr den Strumpf unsanft aus der Hand. »Ich bin gewohnt, daß meine Schülerinnen mir gehorchen, und du wagst es, dich zu widersetzen? – Seht einmal, Kinder«, fuhr sie fort und hielt mit spitzen Fingern das Strickzeug in die Höhe, »was sagt ihr zu dieser Arbeit? Sieht sie wohl aus, als ob sie einem erwachsenen Mädchen gehörte? Schäme dich! Niemals wieder will ich ein so unsauberes Strickzeug sehen.«

Aller Augen waren auf Ilses Arbeit gerichtet, und einige Pensionärinnen glaubten sich durch die Frage der Vorsteherin berechtigt, ein Wort mitzureden. Die vorlaute Grete meinte, daß ihre kleine fünfjährige Schwester daheim weit besser und sauberer stricke.

Die ästhetische Flora verglich das formlose Ding mit einem Kaffeebeutel, ein Vergleich, der Annemie so zum Lachen brachte, daß sie sich gar nicht wieder beruhigen konnte.

Ilse sah sich von allen Seiten verlacht und verspottet und durfte sich nicht dagegen verteidigen. Ihre unbändige Natur bäumte sich mit aller Macht gegen die, wie sie glaubte, ihr öffentlich angetane Schmach auf. Blinde Wut stieg in ihr hoch wie nie zuvor, sie ballte die Hände und biß sich in die Finger, ihre Augen füllten sich mit heißen, trotzigen Tränen.

Fräulein Raimar hatte bereits das Zimmer verlassen, doch die Tür hinter ihr blieb offen. Die Vorsteherin hielt sich noch auf dem Gang auf. Welchen Aufruhr sie in Ilse heraufbeschworen hatte, ahnte sie nicht; sie würde ihn auch schwerlich begriffen haben, glaubte sie doch fest, durch eine öffentliche Beschämung Ilses Widerstand ein für allemal geheilt zu haben. Wie wenig verstand sie ein leidenschaftliches Gemüt! Gerade das Gegenteil war eingetreten. Ilses Trotz stand in lichterlohen Flammen.

»Neckt sie nicht!« gebot Fräulein Güssow, die Ilse besser verstand. »Ich will nicht, daß ihr sie auslacht!«

Nellie, die einzige, die mitleidig dem ganzen Auftritt zugesehen hatte, nahm gutmütig den Strumpf in die Hand, um ihn wieder in Ordnung zu bringen.

Aber Ilse riß Nellie die Arbeit aus der Hand, und ehe jemand sie zurückhalten konnte, warf Ilse in höchstem Zorn das unglückselige Strickzeug gegen die Wand. Die Nadeln schlugen klirrend aneinander, und der Knäuel kollerte weit fort, zur offenen Tür hinaus bis zu den Füßen der Vorsteherin.

Solange sie Vorsteherin des Pensionates war, hatte Fräulein Raimar niemals Ähnliches erlebt. Trotz ihrer stets so maßvollen Ruhe war sie für einen Augenblick fassungslos und sich durchaus nicht im klaren, was mit Ilse geschehen solle. »Geh auf dein Zimmer«, befahl sie, nachdem sie hastig eingetreten war, »und bleibe dort! Das andere wird sich finden.«

Ilse erhob sich und ging hinauf. Nachdem sie in ihrem Zimmer angelangt war, brach der furchtbare, mühsam zurückgehaltene Sturm los. Sie warf sich auf einen Stuhl und weinte laut. Sie war am Rand der Verzweiflung und fühlte sich verlassen wie noch nie im Leben. Allerhand kindische und unausführbare Gedanken jagten durch ihren Kopf, der zum Zerspringen brannte. Kein Mensch mochte sie leiden, nur der Papa. Oh, wenn sie bei ihm wäre!

Der Gedanke, daß sie zurück müsse nach Moosdorf, behielt die Oberhand. Sie fing an, ihre Sachen aus dem Schrank zu räumen, und war eben im Begriff, das Mädchen zu beauftragen, ihr den Koffer vom Boden herabzuholen, als Nellie und gleich darauf Fräulein Güssow in das Zimmer traten.

Erstaunt blickte die Lehrerin auf die umherliegenden Sachen. »Nun, Ilse, was soll denn das bedeuten?« fragte sie.

Anstatt zu antworten, vergrub Ilse das Gesicht in beiden Händen und schluchzte laut.

Fräulein Güssow ließ sie einige Augenblicke gewähren, dann zog sie ihr leise die Hände vom Gesicht. »Beruhige dich, Kind!« sagte sie freundlich; »dann will ich mit dir reden.«

»Ich kann nicht! Ich will fort!« stieß Ilse leidenschaftlich heraus.

»Du mußt dich beherrschen, Herz. Ich glaube gern, daß es dir schwer wird, dein trotziges Ich zu zähmen, aber du mußt es tun, es ist notwendig. Siehst du nicht ein, Ilse, wie unrecht, wie ungezogen du gehandelt hast?«

Ilse schüttelte den Kopf. »Sie haben mich alle gereizt«, entgegnete sie, »Fräulein Raimar hat mich so beschämt, alle haben mich ausgelacht!«

»Du irrst«, entgegnete Fräulein Güssow, »nicht Fräulein Raimar, sondern du selbst hast dich lächerlich gemacht. Denke einmal zurück, wie du dich benommen hast! Aber wenn du morgen verständig bist, ist alles vergessen. Die Mädchen haben dich alle lieb.«

»Nein, nein«, rief Ilse, »mich hat niemand lieb! Ich weiß es wohl. – Ich bin dumm und ungeschickt und will fort – zu meinem Papa!«

»Wenn du so sprichst, Ilse, dann verlasse ich dich. Du weißt, wie sehr ich dich liebhabe; solch kindische Reden will ich nicht von dir anhören. Soll ich gehen? Willst du vernünftig sein?«

Ilse schwieg, und die junge Lehrerin wandte sich der Tür zu.

Als sie die Klinke niederdrücken wollte, eilte Ilse auf sie zu. »Bitte, bleiben Sie!« bat sie und hielt Fräulein Güssow an der Hand fest.

»Von Herzen gern, wenn du mich ruhig anhören willst!« Die Lehrerin setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und nahm Ilse in den Arm. »Wie heiß du bist, du böser Trotzkopf!« sagte sie und streichelte Ilse liebevoll die erhitzten Wangen. »Nellie, gib ihr ein Glas Wasser!«

Nellie sprang hinzu und reichte das Gewünschte. »Trink einer kühle Schluck! Es wird dir ruhig machen!« redete sie herzlich zu. »Du mußt nie wieder sagen, daß wir dich nicht liebten, du böse, böse Ilse!«

»Nun, mein Kind«, fragte Fräulein Güssow, als Ilse sich langsam beruhigte, »was gedenkst du zu tun?«

»Ich muß heute noch abreisen«, war die Antwort; »hier bleiben kann ich nicht.«

»Also noch immer möchtest du mit deinem Kopf die Wand durchstoßen? Der Gedanke, daß du nachgeben mußt, daß es an dir ist, um Verzeihung zu bitten, kommt dir gar nicht in den Sinn? Du hast Fräulein Raimar bitter gekränkt. Denkst du nicht daran, sie wieder zu versöhnen? Sprich!«

»Nein!« rief Ilse und warf den Kopf zurück. »Fräulein Raimar hat mich beleidigt und furchtbar gekränkt. Ich bitte sie nicht um Verzeihung. Noch niemals habe ich jemand um Verzeihung gebeten, und ich tue es auch jetzt nicht, nein!«

Das war wieder ein trotziger, böser Ausfall; dennoch verlor Fräulein Güssow nicht die Geduld, sie blieb ruhig und herzlich. »Du batest niemals um Verzeihung, Ilse? Das wundert mich; aber du hast sicher deinem Papa ein gutes Wort gegeben, wenn du unartig warst und er dir zürnte.«

»Meinem Papa!« wiederholte Ilse und sah die junge Lehrerin sehr erstaunt an. »Er hat mir niemals gezürnt; er war immer gut, immer gut, ich konnte machen, was ich wollte.«

»So«, sprach Fräulein Güssow und glaubte, jetzt den Schlüssel zu Ilses Eigensinn in des Vaters zu großer Nachgiebigkeit gefunden zu haben. »Und deine Mutter, war auch sie stets mit allem zufrieden, was du tatest? Kränktest du sie niemals? Sei einmal aufrichtig!«

Ilse blickte nachdenklich vor sich hin. Sie konnte nicht leugnen, daß sie die Mutter oftmals durch ihren Widerstand geärgert hatte. »Ich glaube schon«, stotterte sie zögernd.

»Und dann sagtest du: Vergib mir, liebe Mama! Nicht wahr?«

Ilse schüttelte den Kopf »Nein«, sagte sie, »das habe ich niemals getan! Mama verlangte es auch gar nicht von mir; sie weiß, daß ich nicht bitten kann.«

»Ein Kind muß bitten können und ein Mädchen vor allem. O Ilse, auch du mußt es lernen, noch ist es nicht zu spät!« sprach Fräulein Güssow sehr erregt. »Lerne nachgeben, mein Kind, lerne vor allem, dich beherrschen! Glaube mir, Trotz und Widerstand sind in einem Mädchenherzen böses Unkraut und überwuchern oftmals die besten, heiligsten Gefühle! Geh hinunter, Kind, bitte Fräulein Raimar um Vergebung! Überwindest du heute deinen harten Sinn, so hast du für alle Zeit gewonnen.«

Ilse war seltsam ergriffen von diesen Worten, aber Abbitte tun, das konnte sie trotzdem nicht. »Ich kann es nicht!« sagte sie zögernd, aber bestimmt.

»Du willst nicht, aber du mußt!« entgegnete Fräulein Güssow eindringlich. »Ach, gibt es denn kein Mittel, das dich von deinem Starrsinn heilen kann. Komm, setz dich zu mir!« fuhr sie fort. »Ich will dir eine wahre Geschichte von einem trotzigen, widerspenstigen Menschenherzen erzählen, das sein Lebensglück einer kindischen Laune opferte, und wenn du dann noch sagen wirst: ›Ich kann nicht‹, dann geh hin und folge deinem harten Kopf! Ich werde nie wieder den Versuch machen, ihn zu beugen.«

Noch niemals hatte jemand so überzeugende Worte für Ilse gefunden, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Willig und gehorsam setzte sie sich der jungen Lehrerin gegenüber und sah sie erwartungsvoll und gespannt an. Der häßliche, trotzige Ausdruck schwand aus ihrem Gesicht, und wer sie jetzt sah, würde nicht geglaubt haben, daß diese Ilse und jenes unbeherrschte Mädchen, das sich vor kaum einer Stunde so wild und unbändig betragen hatte, ein und dieselbe waren.

Fräulein Güssow stützte den Kopf aufs Fensterbrett und blickte gedankenvoll in den Garten hinaus. Ihr blasses Gesicht rötete sich leicht, und um den Mund lag ein schmerzlicher Zug. Es schien fast, als tobe ein heftiger Kampf in ihr, als würde es ihr schwer, mit dem ersten Wort zu beginnen. Plötzlich erhob sie sich. »Es ist hier so druckend und schwül«, sagte sie und öffnete die Fensterflügel.

Ein erquickender Luftzug strömte ihr entgegen, ein Gewitter war im Anzug. Sausend fuhr der Wind durch die Wipfel der Bäume, in der Ferne grollte der Donner.

»Wie das wohltut!« fuhr sie mit einem tiefen Atemzug fort. »Die Hitze lag mir schwer wie Blei auf der Brust. – Wie alt bist du, Ilse?« unterbrach sie sich plötzlich wie in halber Zerstreutheit.

»Im nächsten Monat werde ich sechzehn Jahre.«

»Sechzehn Jahre!« wiederholte die Lehrerin. »Dann bist du alt und gescheit genug, denke ich, die traurige Geschichte meiner Jugendfreundin zu verstehen. Hör zu!


 << zurück weiter >>