Emmy von Rhoden
Der Trotzkopf
Emmy von Rhoden

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Nach einigen Stunden kehrte Ilse wohlgemut, mit erhitzten Wangen und über und über mit Heu bestreut, zum zweiten Frühstück zurück. Ohne sich umzukleiden und die Hände zu reinigen, trat sie höchst vergnügt auf die Veranda. »Da bin ich!« rief sie. »Bin ich lange fortgeblieben? Ich sag' dir, Papa, das Heu ist wunderbar! Nicht einen Tropfen Regen hat es bekommen! Du wirst deine Freude daran haben. Der Hofmeister meint, so gut hätten wir es seit Jahren nicht hereingebracht.«

»Laß das Heu jetzt, Ilse«, entgegnete Herr Macket, »und höre zu, was ich dir sagen werde!« Es wurde ihm nicht leicht, von dem einmal gefaßten Entschluß zu sprechen; seine Stimme klang ernst.

Ilse war vergnügt wie immer und schenkte seiner Stimmung keine Beachtung. Ihr Augenmerk war auf den reichgedeckten Frühstückstisch gerichtet; sie war sehr hungrig von der Fahrt.

»Soll ich dir ein Brötchen richten?« fragte die Mutter freundlich, aber Ilse lehnte es ab.

»Ich will es schon selbst tun«, sagte Ilse, nahm das Messer und schnitt sich ein tüchtiges Stück Schwarzbrot ab. Die Butter strich sie fast fingerdick darauf. Dann nahm sie ein großes Stück Wurst und fing an, unbekümmert zu essen, bald von dem Brot, bald von der Wurst, die sie in der Hand hielt, einen Bissen nehmend. Es schmeckte ihr köstlich.

»Ich denke, du wolltest mir etwas sagen, Papachen?« rief sie mit vollem Mund. »Nun schieß los! Ich bin ordentlich neugierig darauf.«

Herr Macket zögerte etwas mit der Antwort; noch war es Zeit, noch konnte er seinen Entschluß zurücknehmen. Einen Augenblick überlegte er, die Sekunde der Schwäche ging jedoch vorüber. Ruhig und fest teilte er Ilse seinen Entschluß mit.

Seine Annahme, daß sie sich dem Plan stürmisch widersetzen würde, erwies sich als Irrtum. Zwar blieb Ilse vor Überraschung und Schreck buchstäblich der Bissen im Munde stecken, aber ihr Auge flog zur Mutter hinüber, und sie unterdrückte den Sturm, der in ihr tobte. Um keinen Preis sollte sie erfahren, wie furchtbar es ihr war, die Heimat, den Vater vor allem, zu verlassen, denn die Mutter war doch sicherlich nur allein die Anstifterin dieses Planes. Der Papa – nein, der würde sie niemals hergegeben haben.

»Nun, du schweigst?« fragte Herr Macket. »Du hast vielleicht selbst schon eingesehen, daß du noch tüchtig lernen mußt, mein Kind, denn mit deinen Kenntnissen hapert es noch überall, nicht wahr?«

»Gar nichts habe ich eingesehen!« platzte Ilse heraus. »Du selbst hast mir doch oft genug gesagt, ein Mädchen braucht nicht soviel zu lernen; das allzu viele Studieren macht auch nicht gescheiter. Ja, das hast du gesagt, Papa, und jetzt sprichst du mit einemmal anders. Nun soll ich fort, soll auf den Schulbänken sitzen zwischen andern Mädchen und lernen, bis mir der Kopf weh tut. Aber es ist gut, ich will gerne fort, ja, ich freue mich schon auf die Abreise. Wenn nur erst der 1. Juli da wäre!«

Ilse erhob sich hastig, warf den Rest ihres Frühstücks auf den Tisch und eilte fort, hinauf in ihr Zimmer. Dort brachen die Tränen hervor, die sie bis dahin nur mühsam zurückzuhalten vermochte.

Frau Anne wäre ihr gerne gefolgt; sie fühlte, was in dem jungen Herzen vorging, aber sie wußte genau, daß Ilse ihre gütigen Worte trotzig zurückweisen würde. So verzichtete sie darauf und hoffte auf die Zeit, wo Ilses gutes Herz den Weg zu ihrer mütterlichen Liebe finden würde.

Die wenigen Wochen bis zu dem für die Abreise festgesetzten Zeitpunkt vergingen schnell. Frau Anne hatte alle Hände voll zu tun, um Ilses Kleider in Ordnung zu bringen. Die Vorsteherin des Pensionates beantwortete sofort Herrn Mackets Anfrage und erklärte sich gerne zur Aufnahme seiner Tochter bereit. Gleichzeitig übersandte sie ein Verzeichnis der Gegenstände, die jede Pensionärin bei ihrem Eintritt in das Institut mitbringen mußte.

Ilse lachte spöttisch über die vielen nach ihrer Meinung unnützen Dinge; besonders die Hausschürzen fand sie geradezu lächerlich. Schürzen zu tragen hatte sie bisher immer mit Entrüstung abgelehnt.

»Die dummen Dinger trage ich doch nicht, Mama!« sagte sie, als Frau Anne dabei war, den Koffer zu packen; »die brauchst du mir gar nicht mitzugeben.«

»Du wirst dich der allgemeinen Sitte fügen müssen, mein Kind«, entgegnete die Mutter. »Warum solltest du auch nicht? Sieh einmal her! Diese blau und weiß gestreifte Schürze mit den gestickten Zacken ringsum ist ein reizender Schmuck für ein junges Mädchen, das sich im Haushalt nützlich machen wird.«

»Ich werde mich aber im Haushalt nicht nützlich machen!« rief Ilse ungezogen. »Das fehlte noch! Ihr denkt wohl, ich soll dort in der Küche arbeiten oder die Zimmer aufräumen? Die Schürzen trage ich nicht, ich will sie nicht!«

»Übertreibe nicht, Ilse!« entgegnete Frau Anne. »Wenn du durchaus die Schürzen nicht tragen magst, so kannst du deinen Wunsch der Vorsteherin mitteilen; vielleicht erfüllt sie ihn dir.«

»Ich werde die Leiterin nicht erst darum fragen; solche Dinge gehen sie gar nichts an«, war Ilses unartige Antwort.

Sie erklärte ihrem Vater, daß sie ein kleines Köfferchen für sich selbst packen werde. Niemand sollte ihr dabei helfen, niemand wissen, welche Schätze sie in das neue Heim mitnehmen würde.

»Das ist ein prächtiger Einfall, Ilschen«, stimmte Herr Macket bei. »Nimm nur mit, was dir Freude macht!« Er ließ sofort als Überraschung für seinen Liebling einen neuen, kleinen Koffer kommen. Als Ilse ihm erfreut um den Hals fiel und sie ihn endlich wieder »mein kleines Pachen« nannte, da wurde es ihm so weich ums Herz, daß er sich abwenden mußte, um seine Rührung zu verbergen.

Am Tag vor ihrer Abreise schloß sich Ilse in ihr Zimmer ein und begann zu packen. Aber wie! Bunt durcheinander, wie ihr die Sachen in die Hand kamen. Zuerst das geliebte Blusenkleid nebst Ledergürtel. Es wurde mit Schwung in den Koffer hineingeworfen und mit den Händen etwas festgedrückt. Dann folgten die hohen Lederstiefel mit Staub und Schmutz, wie sie waren, ferner eine alte Ziehharmonika, auf der sie nur ein paar Töne hervorbringen konnte, ein neues Hundehalsband mit einer langen Leine daran, ein ausgestopfter Kanarienvogel, und zuletzt griff sie nach einem Glas, in dem ein Laubfrosch saß. Ilse liebte den Frosch sehr, und so mußte das arme Tier auch mitverpackt werden. Sie nahm ein hübsches gesticktes Taschentuch aus dem Schrank, band es über das Glas, legte Papier darüber und schnitt kleine Löcher in beide Hüllen. Dann steckte sie einige Fliegen hinein. »So«, sagte sie höchst befriedigt, »nun bist du gut versorgt, mein liebes Tierchen, und wirst nicht verhungere auf der weiten Reise.«

Es war nicht leicht, das Glas in dem Koffer unterzubringen, aber schließlich gelang das Kunststück doch mit vieler Mühe. Endlich war sie soweit, daß sie den Deckel schließen konnte. Er klemmte etwas, und Ilse mußte erst darauf knien, bevor er ins Schloß fiel. Den kleinen Schlüssel zog sie ab und befestigte ihn an einer schwarzen Schnur, die sie um den Hals band.

Als das Abendbrot verzehrt war und die Eltern noch am Tisch saßen, ging Ilse in den Hof und machte eine Runde durch die Ställe. Von ihren Lieblingen, den Hühnern, Tauben, Kühen, Pferden, nahm sie Abschied. Die Trennung von den Hunden wurde ihr am schwersten; sie waren ihre besten Freunde. Dianas Sprößlinge, die schon allerliebst waren und sie zärtlich begrüßten, entlockten ihr heiße Abschiedstränen.

Neben ihr stand Johann. Er kannte Ilse vom ersten Tag ihres Lebens an und liebte sie abgöttisch. »Wenn das kleine Fräulein wiederkommt«, sagte er mit kläglicher Stimme und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, »dann wird es wohl eine große Dame sein. Ja, ja, Fräulein Ilschen, unsere schöne Zeit ist dahin! Ach und die Hunde, wie werden sie das Fräulein vermissen! Die sind gescheit. Beinahe menschlichen Verstand hat das dumme Vieh. Wie sie schmeicheln, als ob sie wüßten, daß unser kleines Fräulein morgen abreist!«

»Johann«, entgegnete Ilse unter Schluchzen, »sorge für die Hunde! Und wenn du mir einen großen, letzten Gefallen tun willst« – hier sah sie sich erst vorsichtig nach allen Seiten um, ob auch niemand in der Nähe war –, »so nimm Bob«, diesen Namen hatte sie Dianas kleinstem Söhnchen gegeben, »morgen mit auf den Kutschbock, wenn du mich zur Bahn fährst, aber heimlich! Niemand darf es wissen; ich will ihn mitnehmen. Ein Halsband und eine Leine habe ich schon eingepackt.«

Der Kutscher war glücklich, daß er dem kleinen Fräulein noch einen Liebesdienst erweisen konnte. Er lächelte verschmitzt und versprach, Bob so geschickt unterzubringen, daß keine menschliche Seele etwas merken würde.

Früh am andern Morgen stand der Wagen vor der Tür, der Ilse zur Bahn fahren sollte. Herr Macket begleitete sie bis W., um sie der Vorsteherin, Fräulein Raimar, selbst zu überbringen. Er wollte seinen Liebling nicht aus den Augen lassen, ohne vorher sein neues Heim gesehen zu haben. Frau Anne wollte Ilse zärtlich und liebevoll zum Abschied an sich ziehen, aber das Mädchen machte ein finsteres und trotziges Gesicht und entwand sich den Armen der Mutter. »Lebe wohl!« sagte sie kurz und sprang in den Wagen.

Als Ilse mit ihrem Vater im Zug saß, trat Johann mit Bob unter dem Arm und der Mütze in der Hand an das Fenster. »Leben Sie recht wohl, Fräulein Ilschen, und kommen sie gut hin!« sagte er verlegen. »Die Hunde werde ich schon besorgen, haben Sie nur keine Angst! Den hier nehmen Sie wohl mit; es ist doch gut, wenn Sie nicht so allein im Pensionat sind!«

Ilse jauchzte vor Freude. Sie nahm den Hund im Empfang, liebkoste und streichelte ihn, dann reichte sie Johann die Hand.

»Leb wohl«, sagte sie, »und hab Dank! Ich freue mich so sehr, daß ich ein Hündchen mit mir nehmen kann.«

»Ja, aber Ilse, das geht doch nicht!« wandte der erstaunte Oberamtmann ein. »Du darfst doch keine Hunde mit in das Institut bringen! Sei vernünftig und gib Bob Johann wieder zurück!«

Doch daran war nicht zu denken. Ilse ließ sich durch keine Vorstellung dazu bewegen.

»Die einzige Freude gönn mir, Pachen! Willst du mich denn ganz allein unter den fremden Menschen lassen? Wenn Bob bei mir ist, dann habe ich doch einen guten Freund! Nicht wahr, Bobchen, du willst nicht wieder fort von mir«, wandte sie sich an den Hund, der sich bereits behaglich auf ihrem Schoß zusammenrollte. »Du bleibst nun immer bei mir.«

Es war dem Vater unmöglich, ein Machtwort dagegen zu sprechen. Schließlich überzeugte ihn der Gedanke, daß die Kleine doch einen heimatlichen Trost in die Fremde mitnahm.

Es war eine lange und nicht sehr abwechslungsreiche Fahrt durch meist flaches Land; erst zuletzt kamen die Berge. Für Ilse tat sich eine neue Welt auf, sie hatte noch nie eine so lange, weite Reise gemacht. Über all den neuen Eindrücken, die sich ihr aufdrängten, trat der Trennungsschmerz in den Hintergrund.

Spät am Abend langten sie in W. an. Man übernachtete im Hotel; und am nächsten Tag sollte Ilse in ihr neues Heim eingeführt werden.

Als es am andern Morgen neun Uhr schlug, stand Ilse fertig angezogen vor ihrem Vater. Sie sah in ihrem grauen Kostüm und den hübschen Sportschuhen ganz allerliebst aus. Unter dem hellen Strohhut schlängelten sich die braunen Locken übermütig hervor. Die schönen großen Augen blickten heute nicht so fröhlich wie sonst, sie zeigten einen ängstlich-erwartungsvollen Ausdruck.

»Dir fehlt doch nichts, Ilschen?« fragte Herr Macket und sah sein Kind besorgt an. »Du bist so blaß. Hast du schlecht geschlafen?«

Die herzliche Frage des Vaters löste die unnatürliche Spannung in Ilses Seele. Sie fiel ihm um den Hals, und die bis dahin trotzig zurückgehaltenen Tränen brachen mit aller Macht hervor.

»Aber Kind, Kind«, sagte Herr Macket, »du wirst nicht lange von uns getrennt bleiben! Ein Jahr vergeht schnell, und zu Weihnachten besuchst du uns. Komm, Kleines, trockne die Tränen! Mach dir das Herz nicht schwer! Du wirst uns fleißig Briefe schreiben, und Mama und ich werden dir täglich von uns Nachricht geben, von allem, was dich in Moosdorf interessiert!« Er nahm sein Taschentuch und trocknete damit die immer von neuem hervorbrechenden Tränen seines Kindes.

»Mama soll mir nicht schreiben«, stieß Ilse schluchzend heraus, »nur deine Briefe will ich haben! Meine Briefe an dich soll sie auch nicht lesen!«

»Ilse«, verwies Herr Macket, »so darfst du nicht sprechen! Mama hat dich lieb und meint es sehr gut mit dir!«

»Sehr gut!« wiederholte sie in kindischem Zorn. »Wenn sie mich lieb hätte, würde sie mich nicht verstoßen.«

»Verstoßen? Du weißt nicht, was du sprichst, Ilse. Werde erst älter, dann wirst du das große Unrecht einsehen, das du heute deiner Mutter antust, und deine bösen Worte bereuen.«

»Sie ist nicht meine Mutter – sie ist meine Stiefmutter!«

»Du bist kindisch«, sagte der Oberamtmann. »Aber merke dir, niemals will ich wieder solche Äußerungen von dir hören! Du kränkst mich damit.«

Ilse konnte nicht begreifen, wie es kam, daß ihr Vater sie nicht verstand; er mußte doch einsehen, wie unrecht ihr geschah.

»Komm jetzt!« fuhr er beruhigend fort, »wir wollen gehen, mein Kind!«

Ilse ergriff den Hund, nahm ihn auf den Arm und wollte dem Vater folgen.

»Laß ihn zurück!« befahl der Oberamtmann. »Wir fragen erst, ob du einen Hund mitbringen darfst.«

Aber Ilse setzte ihren Trotzkopf auf. »Dann gehe ich auch nicht!« erklärte sie mit Bestimmtheit. »Ohne Bob bleibe ich auf keinen Fall im Pensionat.«

Herr Macket gab nach, aus Furcht, neue Tränen hervorzulocken. Aber die Sache war ihm sehr peinlich. Was sollte Fräulein Raimar denken!


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