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Bauern-Adel!

Von der fernen Kirche her kommt über die Wiese und den Waldgrund das leise Geläut der Osterglocken. Auf dem Söllenhof hat Alles ein friedliches, festliches Aussehen; köstliche Sonntagsstille liegt auf dem stattlichen Gehöft.

Es ist ein Bauernhof im Oßning, dem alten Teutoburger Walde, der von der Ems zur Werra seine prächtigen Berge und Täler zieht, einer jener alten Colonenhöfe, der Ritterburgen des Bauernlandes Ravensberg, deren Besitz seit mehr als tausend Jahren fortgeerbt ist in der Familie, deren Linden und Eichen vielleicht schon den Sachsenhelden Wittekind gesehen, unter deren Schatten der heilige Bonifazius geruht auf seinem Kreuzzug gegen die Heidengötter.

Es ist ein merkwürdig zähes und wackeres Geschlecht, die Meier und erbgesessenen Colonen auf ihren Höfen, die in alter Zeit den Blutbann selbst geübt und Geding gehalten unter der uralten Linde, und zäh und ehrwürdig haben sich noch viele ihrer alten Sitten und Bräuche gehalten bis in die Neuzeit; mit den Bräuchen aber auch alte Tugenden und vor Allem die Gottesfurcht und die Treue.

Der Hof war ein großer Raum, auf der einen Seite geschlossen von dem Hauptgebäude, dem Wohnhaus des Meiers, das einstöckig war, mit zwei Giebelstuben. Der linke Flügel enthielt die einfachen Wohnzimmer der Familie, den tiefen und breiten, mit Backsteinen ausgelegten Flur, der zugleich als Küche und dem gewöhnlichen Aufenthalt der Knechte und Mägde in schlechter Jahreszeit oder während des Abends diente. Rechts und links von dem Flur lagen Stuben und Kammern; der Herd mit seinem gewaltigen Schornstein und seiner Rauchkammer in der Mitte der Hinterwand, links von ihm die Tür zum Obst- und Gemüsegarten, der hinter dem Hause lag, rechts der Aufgang zum Boden und den beiden Giebelstuben oder Kammern. Der rechte Flügel des Hauses enthielt die Remisen und über diesen einen langgestreckten Futterraum, und schloß sich hier an eine niedere uralte Mauer von Feldsteinen, die weiterhin sich mit der Grundmauer einer schönen, neu und massiv gebauten Scheune mit breiter luftiger Tenne verband und so die zweite Seite des Hofes bildete. Im rechten Winkel an den ›Stadel‹ stießen die Viehställe, meist Fachwerk, warm und bequem. Dann kam, der Haustür gegenüber, das breite Hoftor, aus starken Eichenbohlen gezimmert, und auf der andern Seite der gleichfalls massive Pferdestall, der durch eine starke Fenz mit dem Wohnhause verbunden war. Diese Fenz umzäunte zugleich einen wohl zwei bis drei Morgen großen freien, nur mit ein Paar alten Eichen besetzten festen Grasplatz, den Tummelplatz der Rosse des Meiers, der große Stücke auf seine Pferdezucht hielt. Das Wohngebäude war – obschon auch hier von der Hand des jetzigen Besitzers schon manche bequemere Einrichtungen und Verbesserungen angebracht worden waren, – ziemlich das einzige altertümliche Gebäude des Hofes und die Jahreszahl auf der Giebelwand nannte die Zeit zu Ende des dreißigjährigen Krieges.

Die ältesten Stücke im ganzen Hofe aber waren sicher die beiden prächtigen Bäume, die mitten im Hofe, zwischen dem Torweg und der Haustür standen, so daß man, obschon ihre Zweige und Äste ineinander liefen, zwischen ihnen hindurch von einem Eingang zum andern sehen und gelangen konnte.

Es waren eine Eiche und eine Linde, deren Stämme kaum zwanzig Fuß auseinander standen, und deren Äste, wie bereits erwähnt, zu einem festen Dach in einander verschlungen waren.

Kundige Forstmänner hatten ihr Alter auf fünf- oder sechshundert Jahre geschätzt. Der Sage nach sollten sie von einem Liebespaar, einem Bauernsohn, dem Sohn des Meiers von Söllenhof, und einem Edelfräulein, noch zur Zeit der Ravensberger Grafen, zu deren Geschlecht das Fräulein gehört hatte, gepflanzt worden sein, am Tage nachdem der junge Bauer mit seinen Kameraden den Turm erstürmt hatte, in dem ihr Vormund sie eingesperrt, um sie zu zwingen, ihn selbst zu heiraten. Seitdem galten die beiden Bäume, die weit und breit als »das Ehepaar« bekannt waren, für die Wahrzeichen des Söllenhofs.

Um die beiden riesigen Stämme her waren Steinsitze angebracht, und der Großknecht, ein Mann älter als der Meier selbst und seit länger als 30 Jahren auf dem Hofe, erzählte oft an Winterabenden, wenn sie um den Herd saßen und die Pfeifen schmauchten, den neuen Knechten wundersame Geschichten, wie in alten Zeiten unter dem Lindenbaum die Tageleistung gehalten worden und der Meier vom Söllenhof das Schwertrecht gehabt und das Gaugericht geübt habe.

Jetzt sei das freilich anders und der Kreisrichter in Schildesche oder sonst wo, spreche jetzt Recht und habe es grade nicht sehr gut stehen auf den Söllenhof, weil der Meier ihm nicht katzenbuckle und ihn kurz und derb abgewiesen habe, als er sich um die Klörke beworben und den schönen Brüning Hof mit ihr gern in die Tasche gesteckt hätte.

Dabei wies Jochem, so hieß der Großknecht, bedeutsam mit dem Daumen über die Achsel nach dem linken Wohnzimmer, wo gewöhnlich der Meier mit den Seinen zu sitzen pflegte. Er selbst war Junggeselle geblieben, da vor zwanzig Jahren, bei der Fahrt zu einer benachbarten ländlichen Hochzeit, die er mit seiner Liebsten, der Jungmagd auf dem Hofe, gemacht, die Pferde gescheut und durchgegangen waren und den leichten Korbwagen umgeworfen hatten. Dabei war die Marie-Lies so unglücklich mit der Schläfe gegen einen Stein geschleudert worden, daß er sie als Leiche nach Hause brachte. Seitdem hatte er nie wieder einen Wagen bestiegen oder ein Pferd. Er begnügte sich, neben herzugehen, und der Meier, der als Knabe mit ihm gespielt und ihn sehr gern hatte, übersah gutmütig die Schrulle.

Ebenso übersah er, daß Jochem niemals zur Kirche ging, sondern des Sonntags, während die Anderen das taten, hinaus zu dem hölzernen Kreuze wandelte, das er selbst an der Stelle des Unglücks errichtet hatte, und dort einsam sein Gebet verrichtete. Im übrigen war Jochem ein wahres Muster von einem Großknecht oder Vogt auf der großen Wirtschaft, hielt diese in strengster Ordnung und das junge Volk hatte heillosen Respekt vor ihm. Der Meier aber ließ ihn fast unbedingt gewähren und begnügte sich mit einer bloßen Oberaufsicht und seinem Steckenpferd, der Roßzucht. Auch während seiner Abwesenheit – denn der Meier war bereits während zwei der früheren Sitzungs-Perioden des Landtags Abgeordneter gewesen, – hatte er Jochem das Kommando überlassen, obschon er bereits drei erwachsene Söhne besaß.

Seine Frau war schon nach zehn- oder zwölfjähriger Ehe gestorben und er hatte sich nicht zu einer zweiten Heirat entschließen können.

In den ersten Jahren hatte dem Meier eine alte Verwandte die Wirtschaft führen helfen, aber später war dies nicht mehr nötig; denn zwei Jahre vor dem Tode seiner Frau hatte der Meier zwei Mündel, die Töchter eines alten Freundes und Genossen, nach dessen letztem Willen zu sich genommen und erzogen, und die älteste war bald so herangewachsen, daß sie seit drei Jahren schon ihm die Wirtschaft führen half. – – – – – –

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Der zweite Knecht fuhr einen ziemlich eleganten mit zwei prächtigen Füchsen bespannten Korbwagen vor, und die Familie des Meiers erschien in der Tür zur Kirchfahrt.

Der Meier selbst, der, als er aus dem Hause getreten war, sogleich zu den Pferden ging, sie klopfte, streichelte und nach der Aufschirrung sah, war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war eine schmale, hünenhaft aufgeschossene Gestalt, mit schlichtem Blondhaar, ziemlich kleinem Kopf, heller Gesichtsfarbe und großen, fast wasserblauen Augen, die wie alle Augen von dieser Farbe eine gewisse Starrheit zeigten.

In diesem einfachen Gesicht lag eine unbeschreibliche Ruhe, aber es war Etwas um das feste, obschon nicht übermäßig große Kinn, was von einer eisernen Entschlossenheit und Willenskraft zeugte.

Die Kleidung des Meiers wies einen halb städtischen Anstrich auf. Er trug einen langen, dunklen Rock von etwas steifem Schnitt, Kniehosen, Stulpenstiefel und einen runden Hut; Weste und das schwarze Halstuch waren einfach, aber nicht bäurisch; eine kurze silberne Uhrkette, die nach alter Weise unter der linken Seite der Weste hervorhing, trug ein schweres goldenes Berlocque. Der Meier Söllenhof galt im ganzen Ravensberger Land als ein nicht nur wohlhabender, sondern reicher Mann, und sein Hof mit den zahlreichen Äckern, Wiesen und Kampen war einer der wertvollsten der ganzen Gegend.

Das ruhige feste Gesicht des Meiers schien übrigens heute noch starrer als gewöhnlich; in dem mattblauen Auge funkelte es zuweilen auf, als sei die Seele dahinter nicht so ruhig, sondern von sehr stürmischen Gedanken bewegt, aber doch vermochte nichts seine äußere Ruhe zu brechen.

Jochem, der Großknecht, der in sonntäglicher Kleidung, wie sie landesüblich, eine kurze Pfeife rauchend, bisher an der Stalltür gelehnt und mit Wohlbehagen das im Hofe die Runde machende Gespann betrachtet hatte, kam eilig herbei gehumpelt, denn er hatte sich vor etwa zehn Jahren beim Holzhauen eine Verletzung am Bein beigebracht und lahmte seitdem ein wenig. Der Knecht war abgestiegen und Jochem hatte ihm die Zügel abgenommen, um sie dem Meier zu reichen.

In der Tür standen noch vier Personen, zwei Mädchen und zwei junge Männer.

Die beiden Mädchen waren die Mündel des Meiers, die ältere Klörke, oder vielmehr Klara, mochte achtzehn bis neunzehn Jahre alt sein und war eine Gestalt, die den kräftigen westphälischen Menschenschlag verriet. Sie war groß, kräftig, und doch ebenmäßig gebaut, und hatte ein frisches offenes, von Luft und Arbeit gefärbtes Gesicht mit hellbraunem, nicht zu reichlichem Haar und gutmütigen Augen, die von etwas tieferem Blau waren, als die Meiers. Aber diese Augen schienen jetzt etwas von Besorgnis getrübt und wandten sich unruhig bald auf den Meier, bald auf den jungen Mann, der einige Schritte zur Seite stand. Sie war, wie ihr Vormund, halb städtisch in einen warmen Frauenpaletot gekleidet, und trug einen einfachen Hut. Ihre Manieren waren ruhig und bestimmt, hatten aber durchaus nichts Plumpes, Bäuerisches. Klörke Brüning war fast zwei Jahre bei einer dort verheirateten Verwandten in Bielefeld gewesen, um dort einigen höheren Unterricht zu genießen, als die Landschule ihr bot, und um einige Fertigkeiten in Handarbeiten zu erlangen.

Ganz anders erschien ihre junge Schwester Engel. Diese war weit kleiner, etwa sechszehn Jahr, und ihre runde, volle Gestalt begann sich bereits zu entwickeln. Ihre munteren hellbraunen Augen sahen lachend ins Leben hinein, auf alle Menschen und Gegenstände ringsum, auf den Großknecht, die beiden Brüder und das ganze, so sauber gehaltene Gehöft, das einst, wie sie wohl wußte, das ihre werden sollte, und wo die Hausfrau zu spielen und zu schalten und zu walten sie sich schon jetzt freute. Denn sie war bestimmt, den jüngsten Sohn des Meiers zu heiraten, und nach dem alten Brauch erben dort die jüngsten Söhne den Hof und damit das Hauptvermögen, im Gegensatz zu der Erbschaft des Feudaladels, wo der Älteste den Grundbesitz erbt und den Familienstamm fortführt. Wahrscheinlich nahmen die Vorfahren an, daß die älteren Söhne in dem längeren Genuß der elterlichen Pflege und Erziehung ihr Ausgeding voraus hätten und besser im Stande waren, sich ein Heim zu schaffen, während der Jüngste geschädigt bleibe, wenn durch dies Erbrecht nicht grade für ihn besondere Sorge getragen werde.

Vielleicht auch lag dieser Einrichtung des Bauernadels eine tiefere Ursache zu Grunde: der Wunsch und Stolz, so lang als möglich auf dem Hofe zu sitzen, geliebt und unbeneidet von den heranwachsenden Kindern, ohne daran denken zu müssen, ihnen Platz zu machen; oder die Erfahrung, daß der Jüngere größere Achtung und Liebe für seine älteren Brüder hegen und besser für sie sorgen werde, als vielleicht der Ältere für den schutzlosen Jüngeren.

Genug, es war ein altes geheiligtes Recht, das lange Jahrhunderte bestanden, und an dem erst die neuere Zeit gerüttelt hat. –

Übrigens brauchte der Meier um seinen Jüngsten wahrlich keine Sorge zu haben, denn Wilhelm war, obschon erst 17 Jahr alt, ein Bursche, der bereits 5 Fuß 10 Zoll maß und nur noch wenig der Größe seines Erzeugers nachgab. Dazu wurde er offenbar von kräftigerem Wuchs als dieser und versprach seiner Zeit bei der Aushebung einen Flügelmann für irgend eines der Garderegimenter in Berlin oder Potsdam abzugeben, wo bereits zum Stolz des Vaters, der gleichfalls bei der Garde gedient hatte, sein zweiter Sohn Fritz, der mittlere der drei Brüder, seit dem Herbst des vorigen Jahres stand.

Daß nicht auch der dritte Sohn, der erste seiner Ehe, zu dem seiner würdigen Hünengeschlecht gehörte und befähigt gefunden war, seinem König und Herrn im Soldatenrock zu dienen, das war es, was den Meier geärgert und gegen seinen Ältesten eingenommen hatte. Desto mehr und zärtlicher hatte die Mutter ihren Erstgeborenen geliebt. Der Knabe war von seiner Geburt an schwächlich und kränklich geblieben und offenbar schon von der Natur nicht für die schwere ländliche Arbeit bestimmt. Auch, als er in der kräftigenden Waldluft nach und nach gesundete und heranwuchs, hatte er das Unglück gehabt, einen schweren Bruch des linken Armes zu erleiden, der zwar geheilt wurde, aber eine lange dauernde Schwäche zurückließ, und so war der Knabe denn für einen anderen Beruf bestimmt worden, wurde auf das Gymnasium von Herford geschickt und nach dem Willen der Mutter zum Studieren und für den geistlichen Stand bestimmt.

Der Meier, da er doch für den Knaben keine andere Beschäftigung wußte und sein stilles in sich gekehrtes Wesen dazu geeignet hielt, hatte zugestimmt, und so wurde Heinrich, ohne selbst viel befragt zu werden, als er das Gymnasium absolviert und das Abiturienten-Examen bestanden hatte, im zwanzigsten Jahr auf die Universität Halle geschickt, um dort ein gelehrter Theologe und frommer Mann und dereinst vielleicht in der Heimat ein Licht der Kirche zu werden, um den auch in dieser Beziehung hartnäckigen Colonen von der Kanzel herab die Köpfe zurecht zu setzen und die Nichtigkeit alles irdischen Besitzes und Ranges zu predigen.

Aber es war noch etwas Anderes, was das Vorurteil des Meiers gegen seinen Ältesten vermehrt und gereift hatte.

Die Gesundheit des jungen Mannes hatte sich in den letzten zwei Jahren sehr geändert und aus dem kränklichen Knaben und schwächlichen Jüngling war ein stattlicher Mann geworden. Eine gleiche Veränderung war mit seinem Innern vorgegangen. Auf der Schule hatte er als Knabe das Jahr Achtundvierzig und Neunundvierzig erlebt, und die wilde, an revolutionären Gedanken so reiche Zeit war an seinem unter der stillen Hülle sehr lebhaften und empfänglichen Geiste nicht ohne Einfluß vorübergegangen. Die Eindrücke, die er da empfing, konnte weder der strengkonservative Geist der früheren Erziehung im Vaterhause, noch der spätere häufige Besuch dort während der Ferien verwischen, und als er zur Universität kam, schlug die so lang unterdrückte Jugendlust und Lebenskraft mit der Stärkung seiner Gesundheit in vollen Flammen auf und durchbrach die so lange auferlegten Schranken selbst bis zum Übermaß. Bald kam er in schlimme Gesellschaft und stürzte sich in einen Strudel von Zerstreuungen, die rasch seine Börse leerten und ihn zu Schulden trieben. Das aufgedrungene Studium der Theologie war ihm längst verhaßt, und wenn er auch, seiner ursprünglich guten Natur entsprechend, Liebe zu den Wissenschaften und Trieb zum Studieren empfand, wollte er seinen Geist doch nicht in die Fesseln der theologischen Dogmatik schlagen lassen. Kurzum, der Studiosus Hinrik Söllenhofer galt bald für einen etwas liederlichen Studenten, einen Schläger und Raufer, ein Mitglied demokratischer Klubs und einen eifrigen Schwärmer des Nationalvereins.

Eins aber war es, was hauptsächlich diese Opposition gegen das Konservative, Hergebrachte, gegen die Bestimmungen des Vaters geweckt und genährt – das war die mit dem Knaben aufgewachsene Liebe zu seiner Pflegeschwester, der Erbtochter des reichen Colonen Brüning. Es war etwas sehr Gewöhnliches unter dem Bauern-Adel Westfalens, daß die Söhne und Töchter schon sehr früh einander von den Vätern versprochen wurden, teils aus Freundschaft und gegenseitiger Anhänglichkeit, teils um den Bestand der alten Höfe zu sichern. Der Nachbar und Freund des Söllenhofers, der Colon Brüning, aus einem uralten Geschlecht, hatte keine Söhne, sondern nur zwei Töchter, und da waren längst die Männer und Frauen übereingekommen, daß zwei Söhne des Söllenhofs die Töchter des Brüning heiraten sollten. Nun hatte die Mutter Hendriks gewünscht, daß ihr Liebling der Verlobte der jungen Klörke, der Erbin des Brüninghofs werden sollte, aber mit jener Naivetät, die keine Prüderie kennt und zu oft seltsamen Kontrakten führt, wo es sich um die Fortpflanzung ihrer alten Familien handelt, hatte der alte Brüning den kränklichen und schwächlichen Eidam zurückgewiesen und gewünscht, daß seine ältere Tochter Klörke den zweiten Sohn des Söllenhofers heiraten und dieser mit dem Hofe seinen Namen annehmen solle.

So war es unter den Familien bestimmt, aber das Herz der Jugend ist oft sehr rebellisch gegen das Herkommen und die Pläne und Satzungen der Väter.

Es war merkwürdig, und vielleicht zuerst durch die Vorliebe der Mutter für den kränklichen Knaben veranlaßt, mit welcher Zuneigung Klörke Brüning, als sie als Waise zwei Jahre vor dem Tode der Frau des Meiers, in noch sehr jungem Alter – sie war damals ein Kind von vier Jahren – auf den Söllenhof kam, an den drei Jahre älteren Hinrik sich anschloß. Diese Zuneigung wuchs mit den Jahren und wurde durch die sorgsame Pflege erhöht, die das heranwachsende Mädchen dem kränklichen stillen Pflegebruder widmete, während sie den zweiten Bruder mit sehr gleichgültigen Augen ansah, obschon sie wohl anfangs nicht daran dachte, das Verlöbnis ihres Vaters zu ändern. Wohl aber dachte daran der Student, der zu der Pflegeschwester längst die gleiche Liebe gefaßt hatte, und in seinen freieren Anschauungen in der Bestimmung der Väter eine Ungerechtigkeit, eine Tyrannei der Herzen erblickte, der er nicht gewillt war, sich zu unterwerfen. Zwar kannte er sehr wohl den starren Willen seines Vaters, die unverbrüchliche Treue gegen das gegebene Wort, aber das junge Herz ließ sich nicht gebieten, und da von der Heirat ohnehin keine Rede sein konnte, bis der bestimmte Bräutigam vom Militär wieder entlassen war, hoffte das Paar auf einen Zufall, auf irgend eine Wendung in den Ansichten des nichts von dieser Liebe ahnenden Vaters. Es überließ sich unterdeß seinen Gefühlen, die durch keine Eifersucht des bestimmten Bräutigams beschränkt wurden, denn Fritz Söllenhofer war eine sehr phlegmatische Natur und betrachtete die ihm bestimmte Braut mit sehr gleichgültigen Augen, während er doch schon als junger Mensch sich mit großer Sorgfalt seines künftigen Eigentums annahm und den Brüninghof verwaltete, überzeugt, daß er so wenig wie Klörke sich dem ihnen bestimmten Schicksal entziehen könnten.

Am Abend vorher war es zu einem sehr schlimmen Auftritt zwischen Hinrik Söllenhofer und seinem Vater gekommen. Der Meier hatte von dem Leben des Sohnes auf der Universität doch Wind bekommen, auch die freien Ansichten und Meinungen, die der Student keck bei manchen Gelegenheiten zu Tage gefördert, hatten ihm stark mißfallen, und als er ihn an dem Abend im Familienkreise zur Rede setzte, hatte Hinrik den Mut gefaßt, ihm rund heraus zu erklären, daß es mit der Theologie für ihn nichts sei, daß er weder Lust noch Beruf empfinde, dies Studium fortzusetzen, daß er es vielmehr schon seit einem Semester aufgegeben und in diesem nur Kollegien über Philosophie und Geschichte gehört habe, daß er am liebsten Philosophie und Geschichte studiert hätte, daß er aber, wenn der Vater dies nicht zweckmäßig halte, mindestens lieber ein tüchtiger Arzt werden wolle, und daß er ihn bäte, dies Studium auf der näheren und in diesem Fach berühmteren Universität Göttingen fortsetzen zu dürfen. Er sprach dabei viel Überflüssiges von dem freien Willen und dem Selbstbestimmungsrecht der Menschen, verfehltem Beruf und verlorener Zeit, dem Drange nach freierer Bewegung des Volkes und einem einigen großen Deutschland und sonst Allerlei, daß der jüngere Bruder ihn höchst erstaunt und respektvoll anhörte, die klügere Klörke aber bald mit Angst auf den Meier schielte.

Dieser hatte eine Zeitlang ruhig den Tiraden zugehört, ohne ein Wort zu sprechen, das starre Auge fest auf den Sohn gerichtet, der diesen Blick anfangs trotzig erwiderte, auf die Dauer aber nicht zu ertragen vermochte und den seinen zur Seite wandte; nur die Lippen des Mannes preßten sich fester und fester um die Spitze seiner Pfeife und stießen keinen Rauch mehr aus; auf den Backenknochen erschien ein runder Fleck von leichter Röte und Klörke, die seit Jahren den Charakter des Mannes kannte und wußte, daß der Sturm jetzt zum Ausbruch kommen würde, stieß den Pflegebruder vergeblich mit der Fußspitze an.

Aber in Hinrik lebte gleichfalls etwas von der zähen hartnäckigen Natur des Vaters. Er wußte, daß es doch einmal zum Zusammenstoß kommen mußte, und hatte beschlossen, daß es jetzt geschehen solle.

Endlich legte der Meier die Hand klatschend auf den Tisch.

»Genug!« sagte er mit dumpfer Stimme, »oder vielmehr schon zuviel mit all' dem Unsinn, den Du da gesprochen. Ich erwartete fast, daß das oder Ähnliches kommen würde, denn Dein ganzes Auftreten sah danach aus, der Kalabreser und der lächerliche Rock, der sich am wenigstens ziemt für Einen, der künftig Anderen ein Beispiel sein soll. Aber ich halte der Jugend etwas zu Gute und habe Deiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen, Nachsicht mit Dir zu haben, weil Du krank und schwach warst von Kindheit auf. Das hat sich geändert, und wenn Du auch nicht Deinen Brüdern nachschlägst, so hast Du am Narrenbart und am Maulwerk, was Dir an Länge und Schultern abgeht. Ich bin kein solcher Gelehrter wie Du und weiß das Wischiwaschi nicht zu reden von Freiheit und geistigen Rechten – ich bin nur ein Bauer, aber ich bin der Herr meiner Kinder, so lange ich der Herr auf dem Söllenhof bin, und weiß, daß sie Vater und Mutter zu gehorchen haben und wir alle den Geboten Gottes. Deine Mutter lebt nicht mehr, aber sie hat mit meiner Zustimmung gewollt, daß Du den geistlichen Stand zu Deinem Lebensberuf machst, weil Du zu – nun weil Du zum Bauern, wie Deine Väter waren, nicht taugst und aus der Art der Söllenhofer geschlagen warst. Du bist als treuer lutherischer Christ getauft, erzogen und konfirmiert worden. Bist Du es noch?«

»Gewiß Vater, aber …«

»Kein Aber,« sagte der Meier, nochmals die Hand auf den Tisch klatschend, »es giebt blos Glauben oder Unglauben! Ein Geistlicher, der das Wort unseres Herrn und Heilands verkündet und nach seinen Geboten lehrt und lebt, seiner Gemeinde zum erhebenden Beispiel, erfüllt eine hohe Aufgabe, und sein Beruf ist ein ehrwürdiger und hochgeachteter, der in der Treue zu seinem Gott gleich steht, oder darüber noch der Treue des Soldaten zu seinem Kriegsherrn und des Untertanen zu seinem angestammten König und Landesherrn. Ein Mann, der seinen Pflichten, die er freiwillig gewählt, aus allerlei Schrullen untreu wird, ist nicht besser, als einer, der fahnenflüchtig wird. Du bist freiwillig dem Wunsche Deiner Mutter nachgekommen und ein Theologe geworden. Willst Du bei Deinem Stande bleiben?«

»Nein Vater, ich fühle, mir fehlt der innere Beruf dazu. Ich kann mich mit diesen orthodoxen Lehren und Fesseln nicht befreunden, die jeder freieren Entwickelung der Wissenschaft und des Fortschritts ein Hindernis sind!«

»Steht es bereits so mit Deinem Glauben und Deinem Christentum,« sagte der Meier nach einer Pause, »dann ist es allerdings besser, die Kanzel wird nicht durch einen neuen Zweifler und Abtrünnigen entweiht. Wir haben leider bereits genug der Rüttler an den christlichen Fundamenten des Staates und der Gesellschaft. So ehrwürdig und achtungswert ein überzeugungstreuer Geistlicher ist, so verächtlich und schädlich ist ein Heuchler und Deutler. Du willst also von der Theologie zur Medizin übergehen?«

»Ich habe es bereits getan, Vater!«

»Natürlich ohne meinen Willen und ohne mich zu fragen! Das sind die Folgen der Erziehung in den Städten und der guten Lehren von der Gleichheit und dem Fortschritt! – Nun, da Du so über Dich selbst und Deine Zukunft bestimmt hast, ohne Deine Angehörigen zu fragen, wirst Du wohl auch in Besitz der Mittel sein, Deine Pläne durchzuführen?«

»Vater, Sie sind hart gegen mich! – Auch der ärztliche Beruf ist ein ehrenwerter und kann großen Segen stiften.«

»Das ist jeder Beruf, wenn er ehrlich und treu erfüllt wird. Man hat nur nicht viel Vertrauen zu den Überläufern, und, um ein tüchtiger Arzt zu werden, dazu gehört Mühe und strenge Arbeit.«

»Ich fühle, daß ich fleißig sein kann! ich werde das Versäumte nachholen, wenn …«

»Nun – warum stockst Du?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, mir die Mittel dazu zu geben.«

»Ein ächter Mann, der den Drang zu einem Beruf in sich fühlt, würde sie sich selbst erwerben. Ich habe viele Beispiele erlebt, daß armer Leute Kinder was Tüchtiges geworden, ohne die Unterstützung der Eltern. Da Du aber nicht an eine Arbeit gewöhnt bist, die Selbständigkeit verschaffen kann, wie Deine Brüder, so werde ich Dir für die nächsten drei Jahre, die doch wohl noch über Dein Studium vergehen können, ehe Du Doktor wirst, wenn es überhaupt je geschieht, Dir jährlich die 300 Taler fortgeben, die ich Dir bisher ausgesetzt hatte. Dein Bruder Fritz in Potsdam bedarf nicht des fünften Teils zu seinem Sold.«

»Vater –« das Gesicht des Studenten hatte sich mit dunklem Rot bedeckt, er wollte wahrscheinlich etwas sagen, aber der Meier schnitt es ihm ab, indem er sich von seinem Schemel erhob und in seiner ganzen Länge aufrichtete.

Der Mann hatte sich bei der ganzen Unterredung offenbar die größte Gewalt angetan, um ruhig und gelassen zu bleiben; wer ihn kannte, der hatte es ihm angesehen.

»Genug für heute! Du brauchst mir nicht zu danken, Du bist der Sohn Deiner Mutter, und ein Kind des Söllenhofs, und so lange ein Söllenhofer ein ehrlicher Mann bleibt und keine schlechten und ehrlosen Streiche macht, die seinen alten Stamm schänden, wird er den Schutz und den Beistand des Hofes haben, der ihn geboren werden sah. Gutenacht mitsammen. Klörke, Du hast nicht vergessen, daß wir morgen Gäste erwarten, den wackeren Bürgermeister Strosser von Herford, Deinen Oheim Bockschatz und ein paar andere Freunde. Es gilt zwar nur eine »Bauern-Adresse« zu beraten« – sein Blick streifte leicht über den ältesten Sohn – »aber die Worte sollen aus treuem und ehrlichem Herzen kommen und nichts von den neumodischen Begriffen und Klauseln haben, mit denen sie jetzt in den Kammern auf unseres Herrn und Königs ehrliches Wort zu antworten wagen.«

Er nickte den beiden Mädchen zu, die sich achtungsvoll erhoben hatten und ging, obschon es noch nicht so spät war, nach seiner anstoßenden Schlaf-Kammer, ohne das sonst gemeinsame Abendgebet mit dem ganzen Haushalt abzuwarten. – – –

Das war am Abend vorher vorgegangen und deswegen blickte das jungen Mädchen, als der Wagen zum Kirchgang vorgefahren war, so ängstlich bald auf den Meier, der sich noch immer mit den Pferden beschäftigte, bald auf den Studenten, der sie zwar vor das Haus begleitet hatte, dort aber baarhäuptig stehen blieb und keine Miene zur Mitfahrt machte.

Heinrich Söllenhof war, wenn man an die Gestalt nicht die Ansprüche des hünenhaften Wuchses seiner Familie machte, eine ganz hübsche und anziehende Erscheinung. Er war von mittlerer Größe, von einer gewissen Eleganz der Figur und die legere studentische Tracht kleidete ihn recht gut. Sein Gesicht hatte etwas Zartes, bekam aber durch einen starken Vollbart doch einen männlichen Charakter. Seine Hände waren fein und nicht von der harten Arbeit rauh und breit wie die seiner Brüder, kurz er hatte ein Äußeres, das wohl ein Mädchenherz bestechen konnte.

»Aufgestiegen!«

Der Wagen hatte nur zwei Bänke. Der jüngste Söllenhofer half den beiden Mädchen den Wagen besteigen und den Hintersitz einnehmen, der Meier schwang sich auf den Vordersitz und nahm die Zügel aus der Hand des Großknechts. Sein Auge streifte die beiden Brüder.

»Erlauben Sie mir, zurückzubleiben, Vater,« sagte der Student. »Ich bin nicht in der Stimmung für die Kirche.«

»Seinem Gott zu dienen, bedarf es keiner Launen und Stimmungen! Sitz auf, Wilm.« Ein vorwurfsvoller Blick des älteren Mädchens traf den Studenten, während das jüngere sich offenbar über den Tausch freute; die Peitsche knallte und der Wagen, von den stattlichen Füchsen gezogen, rollte rasch aus dem Gehöft über die Brücke, die über einen den ganzen Hof umschließenden trockenen Graben führte, der an die Circumvallationen alter römischer Lager erinnerte, und folgte dem schon vor einer Viertelstunde zur Kirche aufgebrochenen Dienstgesinde.

Der alte Jochem sah dem Wagen eine Weile nach und dann mit betrübtem Kopfschütteln nach dem ältesten Sohn des Hauses, der noch immer finster auf derselben Stelle stand, und den er sanft auf die Schulter klopfte. Hinrik war ein Liebling des lahmen Alten, der den schwachen und kränklichen Knaben vielhundert Mal auf seinen Armen getragen und ihn wie eine Magd gewartet und gepflegt hatte, wenn er Zeit und Gelegenheit dazu gefunden.

»Jy haddet doch liwer mitfahren sollen, Hinrik,« sagte er Plattdeutsch, »dat tut nicht god, dat Jy den Buer erzürnt hawd. De Jonge –« er meinte den jüngsten Sohn – »hät my hüte Morgen davon derzählt. It geit nicht god, gegen en Backowen an to jappen.«

»Es ging nicht anders, Jochem; es mußte doch heraus. Und ich gehe lieber mit Dir zu Deinem Kreuz und bete dort mein Vaterunser, als daß ich mir das Salbadern des orthodoxen Pfaffen anhöre.«

»Pfui Hinrik!« sagte der alte Mann ernst; »das ist nicht hübsch von Euch gesprochen. So müßt Ihr nicht reden, wenn wir gute Freunde bleiben sollen. Jetzt holt Eure Mütze oder Euren Hut, obschon der Bauer, Euer Vater, selbigen Hut nicht gern leiden mag, ich begreife nicht recht, warum, und kommt mit mir. Der Pastor ist ein braver Mann, und ich ginge gewiß zu ihm in die Kirche und betete mit den anderen, wenn ich mich nicht verschworen hätte, keinen Gang mehr dahin zu machen, seit der mit der Marie-Lies für mich so traurig geendet hat. Ich weiß wohl, Ihr könnt dort am Rain, wo das Kreuz steht, eben so gut zum lieben Herrgott beten und geloben, ein Mann zu werden, wenn es Euch mit meiner Begleitung überhaupt Ernst ist und Ihr nicht einen anderen Zweck dabei habt.«

»Was meinst Du Jochem?« Der Fragende errötete unwillkürlich.

»Nun – es war mir, als hätte ich heute Morgen die Teufelskrabbe, den Grys-Steffen, den Taugenichts, um den Hof herum streichen sehen, der Euch die Botschaft brachte am Gründonnerstag von Euerm Freund, wenn Ihr Euch nicht schämt, einen solchen Herumtreiber, dem der Lüderjahn aus den Augen sieht, Freund zu nennen. Ich sah, wie er Euch einen Zettel zusteckte. Der Junge taugt nichts, seine Mutter ist eine Schande für die Gemeinde und hält ihn zu keiner ehrlichen Arbeit an, und wer mit der Gesellschaft umgeht oder bei ihr haust, taugt sicher auch nicht viel. Hört, Hinrik,« – der junge Mann hatte unterdes seinen Kalabreser geholt und wanderte mit dem Alten zum Tor hinaus, der von dort einen nur noch zum Holzeinfahren benutzten Waldweg einschlug, und zwischen das Gelände der Waldhügel hinein, – »ich will nicht hoffen, daß Ihr mich belogen, und mir meinen Sparpfennig abgeluxt habt, um ihn einem solchen Vagabunden in den Hals zu werfen.«

»Nein, Jochem,« sagte der andere, ihm fest ins Auge sehend, »ich sprach die Wahrheit. Es ist wirklich so, wie ich Dir sagte. Hätte der Alte gewußt, daß ich in Halle noch Schulden zurückgelassen bei Wucherern und Gaunern, die mich zu Tode hetzten, dann wäre sein Unwille noch schlimmer gewesen, als er so schon war. Du warst der Einzige, dem ich meine wahre Lage zu entdecken wagte. Es ist wahr, ich bin leichtsinnig gewesen, habe mich hinreißen lassen und tolle Streiche genug gemacht, aber der Groll gegen den Stand, den man mir aufgedrungen und über den Raub, den man an mir beging, mußte einen Abschluß haben. Ich hatte Angst, daß meine Gläubiger mich bis hierher verfolgen oder irgend einen schlimmen Streich beim Vater spielen würden, und, als Du Dich erbotest, mir die vierhundert Taler zu geben und als ich gestern in Werther das Geld bei dem Juden wechselte, und alles – ich sage Dir alles bis auf zwanzig Taler! – in Briefen auf die Post gab – da fiel mir in Wahrheit ein Stein vom Herzen, und hätte ich dem Vater gehorchen können, ohne mein ganzes künftiges Leben, ohne mein innerstes Fühlen und Denken zu opfern, ich würde pater peccavi gesagt und den Willen der Mutter erfüllt haben, weil sie mich geliebt hatte und für mein bestes zu sorgen glaubte. Dir aber, mein alter Freund, danke ich tausendmal für Dein Opfer, und Du sollst nicht um Dein sauer Erspartes kommen, sobald es mir gelungen ist, mein Ziel zu erreichen! Bis dahin nimm hier einen Schuldschein über Dein Darlehn!«

»S'ist kaum nötig! Ihr wißt, Hinrik, daß ich nicht Kind noch Kegel habe und das bisken Euch doch zufällt.« Mit aller Zähigkeit und Genauigkeit studierte er jedes Wort des Scheins, steckte ihn zu sich und beharrte dann: »Aber mit den zwanzig Talern, Hinrik, was ist's mit denen?«

»Nun denn, allerdings, sie sind für den Mann bestimmt, den Du nicht leiden magst! Es ist eine alte Spielschuld, die ich ihm nicht weigern darf, um so weniger, als er jetzt im Unglück sitzt. Er hat flüchten müssen und will über die holländische Grenze zu den Werbern für Batavia, oder sonst übers Meer. Wenn ich Dir auch zugestehen will, daß er nicht viel taugt, und es mir lieber gewesen wäre, er hätte mich nicht hier aufgesucht, so war es doch mein alter Kommilitone und Senior, er hat mich eingepaukt und sekundiert bei der Schlägerei, die endlich schuld war, daß ich den Theologen an den Nagel hängte.«

»Aber wie kommt's, daß der Kerl jetzt grade mit Euch hier zusammen trifft?«

»Ich habe Dir schon erzählt, daß ich vier Wochen im Carcer saß wegen der Paukerei, ehe ich – – Nun, als ich heraus kam und mein Bündel schnürte, hatte Rußmann, so heißt unser alter Senior, Halle verlassen und, wie er sagt, einen akademischen Fechtzug durch die Welt gemacht, allerdings nicht mit großen Ehren und Erfolgen, wie sein Äußeres bewies. In Göttingen will er gehört haben, wo meine Familie wohnte, und, da er wußte, daß ich zu den Semester-Ferien einen Besuch in der Heimat machen wollte, hat er mich auf seinem Wege zur See hier aufgesucht. Aber ich gebe Dir mein Wort, Jochem, es soll unsere letzte Begegnung sein, und ich werde es ihm rund heraus sagen.«

Der Großknecht nickte seine Zustimmung und dann gingen sie schweigend oder von gleichgiltigen Dingen redend, wacker drauf los in den jetzt noch so lichten blätterlosen Wald hinein.

Endlich blieb der Alte stehen und wies auf eine Wendung des Weges.

»Man mut sik för de Minschen waare, de Got tekent hett. Wen man fon den Düwel snakt, so steit he dicht achter enen. Wat hät de Keerl bi min Kreuz to daun?«

Vor ihnen, in der unmittelbaren Nähe eines großen Felsblocks, wie sie in den Wesergebirgen so häufig zu Tage liegen, stand an dem Wege ein altes verwittertes Kreuz, roh von Eichenbalken zusammen gezimmert und mit einem Kranz aus den ersten Frühlingsblüten geschmückt. An dem Fuß des Kreuzes, mit dem Rücken gegen einen Felsblock gelehnt, saß ein Mann in eigentümlichem Anzug.

Er trug einen kurzen dunklen Sammetrock und darüber weite großkarrierte Pumphosen, wie sie wohl der studentische Übermut zu tragen pflegt, ein Gilet von heller Farbe und einen sehr schlechten zerknitterten Filzhut, der gar nicht zu der anderen Garderobe paßte, die, wenn auch keineswegs neu und elegant, hoch heil und gut war. Der Mann war nicht viel größer als Hinrik, hatte gleichfalls einen starken, dunklen Knebelbart, war aber mindestens sieben bis acht Jahr älter und hatte keineswegs dessen hübsches und bestechendes Aussehen. Sein Gesicht zeigte vielmehr starke Spuren eines wilden und liederlichen Lebenswandels, die Augen waren gerötet und lagen tief im Kopf, hatten einen frechen unangenehmen Ausdruck, und das Gesicht, so weit es der Bart frei ließ, war blaß und abgemagert. Der Mann rauchte eine schlechte Zigarre und nahm von Zeit zu Zeit aus einer jener flachen Taschenflaschen, wie solche häufig die Handwerksburschen bei sich führen, einen Schluck des starken Wachholderbranntweins, wie er in Westfalen und namentlich im nahen Münsterland und in Holland fabriziert wird.

»He, hollah, alte Schraube!« rief er mit rauher Stimme, als er den Nahenden erblickte, »es ist Zeit, daß Du endlich kommst. Ich dachte schon, Du hättest einen moralischen Katzenjammer gekriegt und wärst reuig mit dem Alten in die Kirche geschlichen, um den lieben Herrgott um Vergebung all' Deiner Sünden und Nichtsnützigkeiten anzubetteln, statt zum Ostersonntag hierher zu kommen und von einem alten Freunde Abschied zu nehmen. Denn, hol' mich der Rektor Magnificus aller Teufel und Teufelinnen, ich habe wahrhaftig keine Lust, das Osterfest bei Eurem Pumpernickel und Buchweizen-Kuchen zu verprassen. An dem lieben deutschen Reiche ist nur der Jammer von Nutzen, daß man von jedem der hundert Vaterländer mit einem Katzensprung über die Grenze sein kann und den Pedellen und Bettelvögten des nächsten unbekannt ist. Bringst Du Geld?«

»Hier sind die zwanzig Taler, die ich Dir schulde!« sagte der Student.

»Du machst ja ein Gesicht dazu, als solltest Du Deinen Leichenwagen damit bezahlen, und es war doch eine so fidele Nacht, als Du sie an mich verlorst. Denkst Du noch daran? und wie die schwarze Alwina sich in Dein Milchgesicht vergafft hatte und Dich mit Gewalt zu verführen suchte? In diesem Punkte warst Du ja wahrhaftig immer zimperlich genug, als ob die Weiber nicht da wären, damit man sich amüsiere mit ihnen, so lange sie jung und hübsch sind, und sich Tee und Suppen von ihnen kochen lasse, wenn sie alt sind. Aber was hast Du da für eine Vogelscheuche, die mich so grimmig anschaut, als wollte sie mich auffressen? Ih, richtig, es ist der alte Bursche, der mir am Donnerstag die Kleider brachte, mit denen Deine Generosität meiner abgerissenen Garderobe wieder zu ganzen Hosen und Ärmeln half.«

»Dennoch scheinst Du sie nicht ganz benutzt zu haben, denn so viel ich mich erinnere, schickte ich Dir doch eine anständigere Kopfbedeckung mit, als diesen schäbigen Hut! Aber komm, laß uns ein Stück in den Wald hinein gehen, mein alter Jochem liebt es nicht, an dieser Stelle fremde Menschen zu sehen!«

»Meinetwegen!« Der ehemalige Senior der Burschenschaft war bei der Erwähnung seines schlechten Hutes etwas verlegen geworden. Er ging mit dem jüngeren Manne weiter hinein in den Wald, bis sie das Kreuz und den Großknecht nicht mehr sahen. Dort blieb der junge Söllenhofer steh'n und setzte sich auf einen Stein, als wolle er dem Gefährten andeuten, daß hier seine Begleitung zu Ende sei.

»Nun erzähle,« sagte jener. »Hast Du mit Deinem Alten eine Lanze gebrochen und ihn zur Raison gebracht?«

»Du kennst den Charakter der Männer nicht, die auf der roten Erde als freie Sassen geboren sind und keinen Willen über sich erkennen, als den Gottes und des Königs. Mein Vater bestand darauf, daß ich wieder in den Theologenrock kriechen sollte, aber Gott sei Dank – diesmal« –

»Nun! Ich weiß doch, daß Du trotz des leichten Blutes noch eine gewisse Portion westfälischer Hartnäckigkeit besitzest. Du hast es damals bewiesen, als wir uns mit der Leipziger Franconia angelegt hatten. Du allein, ein blöder Fuchs! bliebst störrisch und wolltest von dem Ausgleich nichts wissen.«

»Ich blieb fest und erklärte ihm, daß ich zum Theologen keinen Beruf habe, und kein Heuchler werden wolle.«

»Und da der Alte Dich, wie es scheint, nicht zum Teufel gejagt hat, hast Du also die Erlaubnis, in Heidelberg oder sonst wo Deiner Lieblingsnarrheit zu folgen, und ein gelehrter Professor der Geschichte oder ein ähnliches Tier zu werden?«

»Nein!«

»Was? Nun was ist denn da geworden?«

»Mein Vater sagte, daß das kein Brotstudium wäre, und daß er dafür kein Geld habe. So habe ich denn erklärt, daß ich Medizin studieren würde.«

»Ha, ein Kollege! ein Arm- und Beinabschneider! Du weißt, mein Junge, daß ich auch dabei war und zwei Semester tapfer ausgehalten habe, bis mein Alter starb.«

»Er hat mir dazu auf drei Jahre das bisher Ausgesetzte fortbewilligt!«

»Lumpige dreihundert Taler für einen lustigen Bruder Studio! und ein so reicher Grundbesitzer! Das ist schofel. Da tut der verschuldetste, märkische Junker mehr für seinen liederlichen Fähnrich oder Leutnant! Aber Deine Schulden hat er doch wenigstens bezahlt?«

»Nein!«

»Was? und Du gibst mir Geld?«

»Ich habe es mir auf andere Weise verschafft, wenigstens um meine dringendsten Gläubiger zu befriedigen.«

»Ich wette, Du hast ihm nicht einmal gesagt, daß Du Schulden hast?«

Der junge Mann senkte den Kopf. »Du kennst meinen Vater nicht, er hat etwas in seinem Wesen, das es unmöglich machte, meine Verirrungen zu gestehn.«

»Das kommt davon,« lachte der andere frivol, »daß Du so undankbar gewesen bist, mich nicht als alten Universitätsfreund in Dein Haus einzuladen, als ich doch bloß um Deinetwillen den Umweg hierher gemacht hatte. Beim heiligen Leo und Gesenius! ich hätte Deinem Alten schon den Kopf zurecht setzen und ihm klar machen wollen, was ein tüchtiger Student an Moneten braucht. Aber Du bist trotz aller fidelen Seiten ein Duckmäuser geblieben und hast mich blos nicht bei Dir haben wollen wegen Deiner beiden hübschen und reichen Pflegeschwestern, aus purer Eifersucht, damit nicht eine oder die andere sich in mich verlieben und mit mir durchbrennen sollte. So wahr ich meiner innersten Natur nach ein Sozial-Demokrat bin und für die Teilung alles Eigentums – Ihr stillen Westfälinger habt's hinter den Ohren, mehr noch als die Schwarzröcke, denen ich Dich glücklich entrissen habe!«

»Still!« Der Blick, mit dem der junge Söllenhofer ihn ansah, war fest und drohend. »Ich will den Namen der Mädchen nicht aus Deinem Munde hören! – Mein Vater würde Dich in der ersten Stunde vom Hofe gejagt haben; so einfach er ist, so hat er doch Scharfblick genug. Und nun, laß uns zu Ende kommen. Ich muß die Folgen meiner Verirrungen tragen und werde es tun. Dazu kann mir niemand helfen, als ich selbst. Hoffentlich wird doch noch ein tüchtiger Mann aus mir. Kann ich für Dich noch etwas tun aus alter Kameradschaft?«

»Nichts, als daß Du verschweigst, daß ich überhaupt in dieser Gegend gewesen bin – Du und der alte Bursche dort, mit dem Du kamst. Ich hoffe, in einer Stunde über der Grenze zu sein und bald genug in Holland drüben, aber ich möchte doch nicht gern, daß hier von mir gesprochen würde.«

»Aber warum? was hast Du zu scheuen?«

»Jeder Mensch hat etwas auf seinem Kerbholz; wäre es Dir angenehm, wenn Schneider und Weinhändler aus Halle hierher nachgereist kämen? Also Du schweigst von mir acht Tage lang?«

»Ich werde schweigen!«

»Dein Ehrenwort?«

»Mein Ehrenwort!«

»Und bürgst auch für Deine lahme Amme in Hosen da drüben?«

»Ich bürge für ihn. Ich sage Dir offen, es würde uns nicht sehr zum Vorteil gereichen, mit Dir verkehrt zu haben.«

»Mag sein!« sagte der Vagabund, »oder auch nicht! Hätte ich noch ein Heim gehabt, wie Du, aus dem ich mir einen Halt holen konnte, ich brauchte vielleicht jetzt auch nicht in alle Welt zu ziehn. Es ward mir auch nicht an der Wiege gesungen.«

Hinrik fühlte eine gewisse Teilnahme. »Du hast niemals von Deiner Jugend gesprochen und wie Du dazu kamst, in Halle der »ewige Student« zu werden, wie sie Dich nannten.«

»Wie soll ich dazu gekommen sein?! Weil ich kein Geld mehr hatte! Mein Vater war Beamter in Berlin, ein Geheimrat in einem Ministerium, und damit gezwungen, ein Haus zu machen, selbst als die Mutter längst tot war; aber er hatte wenig Freunde unter seinen Kollegen und stand ziemlich blank mit seinem Minister in der manteuffelschen Epoche, denn er hatte zur Opposition gehört. Darum wollte er aus mir einen selbständigen Mann machen und ließ mich etwas spät Medizin studieren, wie Du jetzt tun willst. Ich war ein Jahr in Jena und lernte dort ganz tüchtig, dann ging ich nach Halle, aber ich war noch kein Semester dort, als der Vater starb und es sich erwies, daß er nicht einen Pfennig, nur Schulden hinterließ. Man hatte nicht einmal das geringste Stipendium für mich. Man traute mir nicht, weil ich in ein paar Klubs den Mund aufgerissen und auf einem Leipziger Kommers eine freie Philippika über Soldatenwirtschaft und Muckertum gehalten hatte. Die Reaktion war damals in Halle mächtig, aber doch nicht mächtig genug, um mich ohne weiteres fortzujagen, denn ich fand immer einen oder den anderen Gimpel, der für mich ein Paar Kollegiengelder bezahlte, obschon ich höchstens zum Schein einmal eins oder das andere besuchte. Dafür führte ich sie in die Geheimnisse des Fechtbodens und der Kneipe ein und half ihre Börsen leer machen, ohne daß ich selbst ein Examen machen konnte. Wer keine regelmäßige Beschäftigung vor sich hat, geht schließlich doch unter. So sank ich immer mehr und mag wohl manches getan haben, was grade nicht sehr ehrenvoll war. Kurz, schließlich hatte der hohe Senat mir doch die Immatrikulation gekündigt, und da ich Wucherschulden bis über die Ohren und nicht einen Pfennig in der Tasche hatte, wartete ich die Untersuchung wegen der Paukerei, bei der wir erwischt wurden, nicht erst ab, sondern nahm meinen Stock und ging auf Reisen! Voilà tout! Ich hoffte auf Beschäftigung beim National-Verein in Coburg, aber die Herren brauchen dort das Geld selber und vertrösteten mich auf eine allgemeine deutsche Bewegung. So will ich wiederkommen, wenns einmal so weit ist, und einstweilen über der See mein Heil versuchen!«

Der Westfale hatte ihm die Hand gereicht. »Armer Kerl, ich glaubte, ich wäre schlimm daran, aber ich sehe, Du bist's doch noch mehr! Dennoch wollen wir unsere Ideale nicht vergessen: Deutschland über alles!«

»Mag sein, vorläufig bin ich Kommunist und gehöre dem, der mich haben will. Und nun hab' Dank und leb wohl!« Er suchte in den Taschen umher. »Ich hab' ein Andenken an Dich, die zwanzig Taler, und hätte Dir auch gern etwas gegeben, das Dich an unsere lustigen Stunden erinnern kann!«

»Es ist besser, daß ich sie vergesse!«

»Nein – halt! Da ist etwas! Es schmeckt zwar etwas nach Reaktion, aber das ist ja gut bei Euch. Brauchs mir zur Erinnerung.«

Er reichte ihm eines jener Zigarrenpfeifchen aus Horn oder Meerschaum, auf welchem das Kopfbild des neuen Königs ziemlich gut ausgeschnitten war. »Ich habe es – gefunden und kanns doch nicht brauchen! Und nun leb wohl und, wenn ich drüben Millionär geworden bin, komm' ich wieder und schau nach Dir.«

Er sprang auf den Waldrain und ging, seinen Dornstock schwingend, pfeifend und ohne sich umzusehen, einer alten verfallenen Holzhütte zu, hinter der der junge Westfale bei festerem Hinschauen den Knaben erblickte, der ihm am Morgen den Zettel gebracht hatte.

Hinrik Söllenhofer schüttelte sich, als wolle er eine unangenehme Erinnerung los werden und ging dann zu seinem alten Freunde zurück. Er fand den Alten noch an dem Kreuz sitzend und seinen Betrachtungen nachhängend.

»Nun, Gott sei Dank, ich dachte schon, Ihr würdet nicht wiederkommen.«

»Er ist fort, hoffentlich auf Nimmerwiedersehn. Ich habe ihm für Dich und mich versprochen, gegen niemand zu erwähnen, daß er überhaupt hier war.«

Sie machten sich alsbald auf den Rückweg zum Söllenhof und waren eher dort, als die Familie aus der fast einer Stunde entfernten Kirche zurückkehrte.

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König Wilhelm von Preußen hatte nach dem Tode seines Bruders am 14. Januar die Kammern mit einer ebenso würdigen wie entgegenkommenden Thronrede eröffnet. Sie forderte dafür von dem Herrenhause die für die Kosten der Armee notwendige Grundsteuer-Regulierung und die Zustimmung zu dem Ehegesetz, von dem Abgeordnetenhause die Aufgabe der Opposition gegen die neue notwendige und bereits vollzogene Armee-Reorganisation.

Aber gleich bei Gelegenheit der Debatten über die Antwort der beiden Kammern auf die Thronrede, zeigten sich die Vorzeichen dessen, was die liberale Partei im Schilde führte: die Schwächung des Königtums und die parlamentarische Herrschaft der Kammer-Majoritäten, das heißt, so lange diese Majorität eben die ihre war.

Der Adreßentwurf war zwar noch in verschleierter Sprache gehalten, aber man konnte doch deutlich erkennen: zunächst Entfernung der konservativen Beamten aus den hohen Stellen, und ihre Besetzung nach dem Belieben des Abgeordneten-Hauses, also ein Eingriff in das Prärogativ der Krone, und die Unterstellung der Armee-Organisation unter das Votum des Hauses; Herr von Vincke schrieb außerdem der Regierung die äußere Politik vor.

Auch im Herrenhause regte sich bei aller Treue für den Thron stark die Politik des Eigennutzes: man opponierte gegen die Einführung der Grundsteuer.

Den polnischen Schmerzensschrei nach einem neuen Polen hatte der Minister des Innern, Graf Schwerin, in der Adreßdebatte zwar mit der energischen Erklärung zurückgewiesen, daß der Staat keineswegs Lust habe, in der Provinz Posen die 600 000 Bewohner deutscher Nationalität den Siebenmalhunderttausend polnischer preiszugeben, und daß sie durch die Rebellionen von 46 und 48 jeden Anspruch auf weitere Nachsicht sich selbst geraubt und so gut wie die anderen Untertanen den preußischen Gesetzen zu gehorchen hätten; dennoch wurden die ohne Zerstückelung des Staates ganz unausführbaren Anträge fortgesetzt und das ziemlich prinzipienlose Ministerium brachte sich in immer schiefere Lage.

Es war die Zeit, wo auf der Eßlinger Versammlung der süddeutschen Führer des Nationalvereins zuerst das Wort: Preußen müsse in Deutschland aufgehen! als Schlagwort ausgegeben und das Zusammentreten eines deutschen Parlaments auf der Basis der Reichs-Verfassung von 1849 aus der Frankfurter Paulskirche verlangt wurde, um über die Häupter der deutschen Fürsten hinweg eine »Einigung Deutschlands« herbei zu führen und eine »deutsche Spitze« zu wählen. Mit der letzteren Ankündigung sollte der König von Preußen gewonnen werden. Klügere Leute aber wollten wissen, daß die Fäden dieser deutschen Bewegung von Wien ausgingen, und die energischen Äußerungen der katholischen Abgeordneten in Berlin, wie Waldecks, Reichenspergers und Anderer, gegen jede Ausschließung Österreichs aus dem umzugestaltenden Deutschland, sprachen stark dafür.

Das waren in großen Umrissen die allgemeinen politischen Verhältnisse, als sich an dem Ostersonntag einige befreundete Männer der Grafschaft Ravensberg auf dem Söllenhofe versammelten.

In der »Putzstube« des Meier saß eine Gesellschaft von fünf Männern um den Tisch, auf dem seit zwei Stunden das kräftige Mittagessen abgeräumt und jetzt die landesübliche große Kaffeekanne ausgestellt war. Ein brennendes Licht nebst Fidibusbecher, Tabak, Pfeifen und Zigarren, gefüllte steinerne Bierkrüge von hohem Alter, und Wein nebst selbstgebackenem Kuchen stand zum beliebigen Gebrauch auf der Eichentafel, und die duftigen Dampfwolken, welche durch die ziemlich niedrige Stube kräuselten, sprachen dafür, daß die Männer schon längere Zeit debattierten. Ein Exemplar der Kreuzzeitung und des Sonntagsblattes lag zwischen den Pfeifen und Krügen.

»Am Vierten geht die Geschichte wieder los,« sagte ein Mann, der oben am Tisch am Ehrenplatz saß, »und Ihr werdet sehen, Freunde, daß die Ansichten, die sie bei Gelegenheit der Adreßdebatte ausgesprochen, bloß die Fühlhörner waren, die sie ausgestreckt haben. Die wahren Absichten kommen erst bei der Debatte über den Militär-Etat zur Sprache, für den sie eine besondere Kommission gewählt haben. Man braucht sich bloß die Mitglieder anzuschauen und zu wissen, daß Herr von Vincke der Vorsitzende ist, um zu sehen, was kommen wird. Sie werden die Kosten der Armee-Organisation niemals bewilligen, oder Bedingungen daran knüpfen, an denen das Königtum zu Grunde ginge. Es ist traurig genug, daß die Vertreter unserer beiden Wahlkreise so mit den Revolutionären Hand in Hand gehen.«

»Der Präsident von Bardeleben hat's dem Gerichtsdirektor aus Lübbecke doch neulich tüchtig auf's Butterbrot gegeben,« sagte ein Mann, der neben dem Hauswirt saß und jedes Mal, wenn eines der beiden Mädchen zu einer Besorgung ins Zimmer trat, ihm freundlich zunickte; es war eine große breite Gestalt mit gutmütigem rotem Gesicht und offenbar ein Colone wie der Meier vom Söllenhof. Der erste Redner dagegen unterschied sich körperlich wie in der raschen Wortführung gewaltig von den bedächtigen ruhigen Sassen. Es war ein Mann von schlanker, nicht großer Gestalt mit Entschiedenheit in Bewegungen und Sprache. Das Gesicht war schmal und hatte einen dunklen Teint, die Nase leicht gebogen, die Augen hatten einen scharfen klugen Ausdruck, die Stirn war hoch. Der Mann konnte in der Mitte der Dreißiger stehen, es war der als schlagfertiger Redner der konservativen und streng kirchlich gesinnten westfälischen Abgeordneten später bekannt gewordene Bürgermeister von Herford.

»Ich kann's noch immer nicht denken!« sagte kopfschüttelnd der Hausherr. »Es ist zu gutes Blut in ihm!«

»Von wem sprechen Sie, Söllenhofer?«

»Von wem anders als von dem Vincke. Ich sage Ihnen, Bürgermeister, ich habe den Vater noch gekannt, ein preußischer Ehrenmann durch und durch; und jeder echte Westfale freute sich, wenn der alte Oberpräsident in seiner schlichten Weise auf seinen Hof kam. Hier, dort, wo Sie sitzen, hat er gesessen in Hemdsärmeln, und mir, der ich damals erst seit zwei Jahren den Hof hatte, Ratschläge gegeben über die Feld- und Buschwirtschaft, und mit mir gesprochen über den Schaden der Zerstückelung des bäuerlichen Grundbesitzes, wie ihn die Demokraten und jüdischen Spekulanten wollen, die schon damals Lust hatten, den schönen Wald abzuholzen und zu verzetteln. Echt preußisches Blut und Königstreue war im Vater, und deshalb glaube ich auch, das kann im Sohn nicht ganz verschwunden sein, und nur der konstitutionelle Schwindel hat es verdorben!«

»Sie mögen Recht haben, Meier,« sagte der Beamte, »er hat es damals in Frankfurt bewiesen, wo sie ihn herunterreißen wollten von der Tribüne, weil er ihnen das preußische Königstum von Gottes Gnaden ins Gesicht schleuderte; auch jetzt wieder hat er sich energisch gegen die polnischen Anmaßungen erklärt; aber es ist ein Jammer, daß dieses Kokettieren mit dem Konstitutionalismus und dem sogenannten Rechtsboden gleich einer wuchernden Krankheit auf die Dauer die besten Charaktere verdirbt und immer weiter und weiter zu Begriffsverwirrungen treibt, die schließlich die wahren Grundlagen des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft zernagen müssen. Es gibt doch noch etwas Höheres als der Boden des geschriebenen Rechts, und jeder Auslegung und Zerrung des Wortes muß ein sittlicher Geist unterliegen, der den Herren vom Fortschritt ganz aus dem Gedächtnis gekommen zu sein scheint. Sehen Sie einen Anderen unserer Westfalen an, den alten Harkot, die Biederkeit und Königstreue selbst und der zäheste Kämpfer gegen die Revolution, bis er sich auf die abschüssige Bahn des Liberalismus zerren und stoßen ließ, die schließlich immer zu ganz anderen Dingen führt, als der Wegweiser am Anfang des Weges zeigt. Schließlich, wenn die Herren Liberalen und Fortschrittler mit ihren destruktiven Tendenzen die Karre in den Schmutz geschoben haben und es nicht weiter geht, oder sie ihr Schäfchen ins Trockene gebracht haben, steckt das Großmaul die Hände unter den Rockschoß und geht unbekümmert davon, der Krone überlassend, wie sie den Wagen wieder herauszieht und den Schaden bessert. Herr Gott! ich sehe, was da Alles kommen wird! Der König von Preußen ein Polizei- und Gerichtsdiener der liberalen Kreisrichter, die Armee eine Schutzmannschaft für den jüdischen Wucher und die Börsenjobber, damit die rohe Faust des Arbeiters sich nicht gegen den Schwindel wenden möge, sondern bloß gegen den Bürger und Bauer! Das Christentum ein überwundener Standpunkt, ein Sühnopfer für jüdische Rezensenten und unzufriedene Schulmeister, wie die Polizei jetzt für spekulative Staatsanwälte und das Bummelrecht! Krieg und Frieden nicht mehr in der Hand des Königs, sondern in der des Koburger Nationalvereins, der in den frechen Worten der Adresse bestimmt, wann allein das Blut der Söhne des Landes vergossen werden darf! Die Beamtenstellen ein Versteigerungsobjekt für die radikalsten Ideen! Kinder, ich sage Euch, ich sehe schwarz in die Zukunft!«

»Nein, Bürgermeister, so schlimm ist's noch nicht – noch ist der König da, und ich glaube, er ist ganz der Mann dazu, um zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Die Hauptstadt hat zwar ein schlimmes Beispiel gegeben mit der Wahl eines Abgeordneten, der im Jahr Achtundvierzig sich nicht scheute, die Firma des Preußischen Königtums von Gottes Gnaden für bankerott zu erklären, aber es ist noch ein guter Stamm im Lande, und wenn wir auch bei den letzten Wahlen nicht gesiegt haben: die Einsicht, daß es mit dieser Kammer nicht dauern kann, wird sich bald Bahn brechen. In Stargard haben die Konservativen gesiegt und Wagener gewählt!«

»Eine tüchtige Kraft für uns, aber, Meier, wir müssen dafür sorgen, daß die Konservativen sich wieder stärken und sammeln, und ihr Wort erheben aus allen Teilen des Landes, damit der König sieht, daß noch ein treuer tüchtiger Geist im Lande ist und nicht Alle dem fortschrittlichen Schwindel huldigen, wie er in des Königs Hauptstadt sich jetzt breit macht.«

Der Dritte der vier Colonen, die am Tisch saßen, der bisher geschwiegen hatte, nahm die Pfeife aus dem Munde. Es war ein alter weißhaariger Mann, mit tiefen Furchen im Gesicht, doch, obschon er an die Siebenzig zählen mochte, war die mächtige Gestalt fest und aufrecht. Sein ganzes Äußere machte einen überaus würdigen Eindruck, und die jüngeren Männer begegneten dem Veteranen, der das Eiserne Kreuz und den Georgen-Orden auf der Brust trug, mit Respekt.

»Ich denke, Bürgermeister, dazu sind wir grade hier, und das wollt Ihr uns sagen. Ich habe das Kreuz da mit meinem Herrn und König an einem Tage erhalten, und so treu wir unseren Eichen und Bergen sind, so treu stehen wir auch zu unserem König, den uns Gott der Herr gegeben.«

Der Bürgermeister reichte dem alten Manne die Hand über den Tisch. »Ihr sagt es selbst, wackerer Ledebur: treu und fest wie Eure Eichen! Ich, denke immer mit Stolz daran, als ich mit Euch auf dem Gut Eures Vetters zu Wetter unter der alten Königseiche saß, unter der vor mehr als tausend Jahren Euer alter Sachsenherzog Wittekind Recht sprach, und Jahrhunderte lang die alte westfälische Volkwehr der ›Wetter-Freien‹ abgehalten wurde.«

»Auch die Eichen werden fallen,« sagte der alte Mann, »grade wie wir, Bürgermeister; aber die Treue und Ehre der Sachsen dauert länger als ihre Eichen.«

Der Meier vom Söllenhof sah mit stolzer Herausforderung, aber auch mit einem Zug von Trauer auf seine beiden Söhne, die am unteren Ende des Tisches saßen und auf seinen Befehl nach dem Essen im Zimmer geblieben waren.

Der vierte Colone war der jüngste, ein Mann von noch nicht dreißig Jahren, dem man noch stark die Haltung des gedienten Gardisten ansah, und dessen offene Gesichtszüge Intelligenz und das Bewußtsein einer gewissen über die seines Standes hinausgehende Bildung verriet. Er saß neben dem älteren Sohn des Wirts und hatte sich schon früher mit diesem vielfach freundschaftlich unterhalten, wobei er ihn Vetter nannte.

»Es ist ein eigenes Ding mit unseren Eichen,« sagte er, »des Hochseligen Königs Majestät haben mich noch im Jahre 1857, im Jahr vorher, ehe ich entlassen wurde und den Hohen Herrn die schwere Heimsuchung Gottes mit seiner Krankheit traf, einmal darum gefragt, als ich Posten stand im Schloßgarten von Charlottenburg, wo wir damals häufig die Wache hatten, auch des Nachts.«

Der Meier vom Söllenhof wies auf das Bild des verstorbenen Königs, das in einer ziemlich guten Lithographie mit dem seines Vaters an der mit einfacher Tapete bekleideten Wand der Stube hing.

»Erzähle uns das, Schwester-Sohn, der Bürgermeister wird ein wenig warten, denn wenn vom Hochseligen Herrn die Rede is, hört Jeder gern zu, und das geht allem andern vor.«

»Nun, Nachbarn,« sagte der jüngere Colone, »ich erzähle Euch gleich, wie es kam, daß wir damals so viel Posten stehen mußten im Schloßgarten von Charlottenburg, wo der König im Frühjahr und Herbst so gern wohnte. Der Herr war selbst im Alter noch ein rüstiger Spaziergänger und oft machte er von Sanssouci her so weite und rasche Spaziergänge, daß die Adjutanten hundsmüde wurden dabei. Gar häufig hat er dabei, wie ich von Kameraden hörte, die schöne Königseiche besucht, die im Forstrevier Falkenhagen bei Potsdam steht und 34 Fuß im Umfange hat. Nun müßt Ihr wissen, daß im Frühjahr 1857 die 9. und 10. Kompagnie des zweiten Garde-Regiments zu Fuß nach Charlottenburg komandiert war, um den Wachtdienst zu übernehmen, der ziemlich streng gehandhabt wurde, und es gab eine Menge Instruktionen, namentlich für die Offiziere, deren Erfüllung ihnen zur ernstesten Pflicht gemacht war. Ich habe es selbst gehört, wie mein Leutnant von Puttkamer darüber mit einem Kameraden sprach, und von ihm hörte ich auch manches Andere, was ich Euch hier noch erzählen will. Ihre Majestät die Königin selbst, die bekanntlich immer sehr besorgt für den König war, hatte unseren Offizieren gesagt, sie möchten den Dienst ja nicht so leicht nehmen, da sich häufig Gesindel im Park verstecke, und der Schurke, der auf den König geschossen, Sefeloge. Sämtliche hier erzählte, weniger bekannte Anekdoten sind von einem Augenzeugen mitgeteilt. habe sich mehrere Nächte vor dem Attentat im Park herumgetrieben.

Des Abends spät nämlich, häufig selbst um 1 oder 2 Uhr nachts, ging der König ohne Begleitung im Park spazieren, indem er, wie ich später gehört, diese Zeit hauptsächlich wählte, um ungestört seinen Gedanken nachhängen zu können.«

»Einmal kommt nun einer unserer Offiziere zu dem Posten am sogenannten Angelhause und findet dort den Füsilier, einen Polen, wie er eine Gestalt am Kragen gepackt hält. Als der Offizier auf den Anruf die Losung gegeben hat, ruft der Fremde: ›Gut, daß Sie kommen – der Füsilier will mich nicht erkennen.‹ Der Leutnant ruft erschrocken! ›Eure Majestät sind erkannt!‹ – Nun erst läßt der Pole den König los und präsentiert das Gewehr. Halb ärgerlich, halb belustigt sagt der hohe Herr dann im Weitergehen seinem Befreier: Das sind ganz verfluchte niederträchtige Kerle, aber ihren Dienst tun sie als tüchtige Soldaten. Als ich nicht gleich die Losung geben konnte, hatte er mich gleich am Kragen und als ich mir das verbat und sagte, ich sei der König! ›Kann sich Jeder sagen,‹ schrie mich der Kerl an, ›wenn Du nicht gleich hälst Dein Maul, jag' ich Dir Bayonnet in die Kaldaunen und dreh ich es darin um!‹ – Nun können Sie wohl denken, daß ich den Mund hielt! Denken Sie einmal in die Kaldaunen! –«

Die kleine Gesellschaft lachte über die Anekdote. »Aber wie war's denn mit Dir selbst?« fragte der Meier.

»Ja, wie wars mit mir! Seine Majestät waren oft gar nicht zu kennen, wenn sie einen Zivil-Paletot und die Mütze über die Ohren gezogen trugen; hat doch einmal einer der Flügel-Adjutanten ihn nicht erkannt, als der König, weils so heiß war, den Rock ausgezogen hatte und ihn, über den Stock gehängt, auf der Schulter trug. Also kommt er eines Abends auch, weiß die Losung nicht, und ich steckte ihn mir nichts Dir nichts ins Schilderhaus. Schließlich, als er so raisonnierte und mich nach dem und jenem frug, wo ich her wäre, und wie ich hieße, merkte ich wohl, daß ich eine Dummheit gemacht hatte, aber ich konnte mir doch nicht die Schande antun, daß ich ihn ohne Weiteres losließ, man hätte mich ja wahrhaftig zur Kompagnie herausgehänselt, und so mußte sich's der hohe Herr schon gefallen lassen, im Schilderhaus zu bleiben, bis der Offizier der Ronde kam und ihn befreite. Ich kriegte freilich was Hundsloden, daß ich den König nicht erkannt hatte, aber der sprach selbst für mich und meinte, ich wäre ein strammer Soldat. Als ich bald darauf wieder einmal bei Tage auf der Terrasse Posten stand und der König vorüberkam, erkannte er mich gleich wieder und sprach mit mir, und damals war es, wo er nach unseren alten Bäumen frug, unter Anderm, ob auch die alte mehr als tausendjährige Eiche bei Münden auf dem Königshof, die man ihm früher einmal gezeigt, und die den Namen der ›Urgroßmutter‹ führte, noch stände?«

»Seltsam,« sagte der Hauswirt. »Sie ist grade ein Jahr nach der Erkrankung des Königs, am 3. Oktober Achtundfünfzig, vom Sturm niedergebrochen worden.«

Der alte Ledebur nahm wieder die Pfeife aus dem Mund. »Glaubt Ihr an Vorbedeutungen, Bürgermeister?«

»Warum nicht? Spricht nicht die heilige Schrift dafür?«

»Nun, ich denke, es ist keine Schande, zu meinen, daß auch die alten Bäume mit den Geschlechtern, die unter ihnen Jahrhunderte lang gehaust, in Zusammenhang stehn. Wenn ein Ledebur eines plötzlichen Todes sterben soll, bricht sicher auf Wetter drei Tage vorher ein Ast, und ich weiß, daß es mit dem »Ehepaar« auf dem Söllenhof ebenso ist.«

Der Meier nickte sehr ernst. »Ihr sprecht die Wahrheit. So erzählt die alte Sage und noch manches Andere. Mein Vater selig hat es selbst erfahren.«

»Aber sagt an, Bürgermeister, was ist Eure Meinung, was sollen wir tun in dieser Zeit der Untreue und des Verrats, um unserem königlichen Herrn zu zeigen, daß das Ravensberger Volk nicht mit den Ungehorsamen geht und treu zu seinem Willen steht.«

»So hört, Freunde, was ich gesonnen und worüber ich auch bereits mit anderen treuen Männern gesprochen und geschrieben habe. Es läßt sich, wie ich schon gesagt, nicht leugnen, daß die konservative Partei im Lande arg auseinander gekommen ist, auch ist Manches versäumt worden und Manches geschehen, das besser anders wäre. Der König hat ganz Recht, wenn er sagt: kein Bruch mit der Vergangenheit, aber bessernde Hand an Das, was der Besserung nach den Erfordernissen der Zeit bedarf.«

Der alte Colone sah den Sprecher etwas kopfschüttelnd an, die beiden anderen nickten ihm Beifall zu.

»Es ist demnach nötig, daß ein neues der Zeit entsprechendes Programm, auf das sich alle Männer der konservativen Partei einigen können, aufgestellt und beraten werde. Ich wiederhole, die Zeit ist allerdings eine andere geworden. Damals, als im Sommer Achtundvierzig die Konservativen der Mark in Nauen zur Bildung des Vereins ›Für König und Vaterland‹ zusammentraten und in Berlin der Treubund gegründet wurde, galt es, nur der offenen Empörung entgegenzutreten, den preußischen Königsthron gegen die Anarchie zu schützen. Heute gilt es, der Unterwühlung der monarchischen Grundpfeiler in der bürgerlichen Gesellschaft einen Damm entgegenzusetzen; wie die Aufgabe muß also das Programm ein anderes sein. Wenn die treuen Männer sich in ihren heimatlichen Kreisen verständigt haben, dann mögen sie Abgeordnete wählen, gradeso wie die Liberalen oder Nationalvereinler zu einem Parlament in Frankfurt a. M. tun, zu einer großen Versammlung, am besten in Berlin, wo das Programm festgestellt und ein neuer Verein der Konservativen über das ganze Land gestiftet wird, damit wir bereit sind bei den nächsten Wahlen und sonstigen Vorkommnissen. Ich habe den Herren, die jetzt in Berlin an der Spitze unserer Partei stehen, einen solchen Vorschlag gemacht, und es wird gut sein, wenn wir Ravensberger mit einer solchen Versammlung den Anfang machen.«

»Ja, ja!« sagte der alte Ledebur, »es gibt Gott sei Dank viele treue Preußen in unserem Lande.«

»Haben Sie ein solches Programm für uns schon fertig, Bürgermeister?« fragte der Wirt. »Es ist am besten, wenn wir den Nachbarn gleich sagen können, um was es sich handelt.«

»Ich habe allerdings eins entworfen, und wenn es unseren Freunden hier zusagt, wird es vielleicht gut sein, wenn wir gleich ein Paar Abschriften davon machen.«

»Das kann ja leicht geschehen,« sagte der Meier mit leichtem Spott. »Da sitzt ja mein Professor und Philosoph, der hoffentlich der Feder Meister ist, so gut wie des Mundwerks. Nimm Feder und Papier, Hinrik, und schreibe, was der Bürgermeister diktiert.«

»Vetter Heinrich,« meinte der jüngere Colone, »kommt ja aus den Ostprovinzen und wird auch nicht auf den Augen und Ohren gesessen haben, er kann uns also helfen, zum Richtigen zu kommen.«

Der junge Söllenhofer hatte unterdeß still Tinte und Papier geholt und sich zum Schreiben fertig gemacht.

»Sprecht, Bürgermeister!«

»Der erste Satz unseres Programms sei also:

»In Preußen soll nach wie vor unser König regieren, denn Preußen steht und fällt mit seinem Königtum. Wir wollen also zu unserem König stehen im Kampf nicht bloß gegen äußere Feinde, sondern auch gegen den inneren Feind, der – gefährlicher als jener! – die Preußische Monarchie entwaffnen, das Königtum von Gottes Gnaden schwächen, die festen unverbrüchlichen Rechte des Thrones Stück um Stück ihm entreißen, und das Regiment der Könige von Preußen in die Hände einer Majorität von Volksvertretern legen will, deren Wahl von jeder politischen Stimmung und Zufälligkeit abhängig ist! Wir wollen nicht, daß im Lande der Ungehorsam und Ehrgeiz aufsässiger Beamten regiere!«

»Gut gesagt, Bürgermeister,« nickte der alte Colone, »Ihr versteht die richtigen Worte zu treffen! Der letzte Satz geht auf die Kreisrichter!«

Der Student hatte den Satz niedergeschrieben, indem er sich tief auf das Papier niederbeugte.

Der künftige Abgeordnete des Kreises fuhr fort: »Wir wollen nicht, daß der christliche Charakter des preußischen Staates dem Unglauben und der Gottlosigkeit zum Opfer falle. Kirchliche Ehe, christliche Schule, christliche Obrigkeit! Keine Entsittlichung und Nichtachtung göttlicher und menschlicher Ordnung!«

Die vier Männer vom Bauern-Adel nickten zustimmend.

»Schutz und Achtung der ehrlichen Arbeit und jedes Besitzes, Standes und Rechtes. Keine Begünstigung und ausschließliche Herrschaft des Geld-Kapitals! Kein Preisgeben des Handwerkes und des Grundbesitzes an die liberalen Irrlehren und die Spekulationen des Geldwuchers!«

»So ist's Recht, Bürgermeister. Im Landbau und im Handwerk liegt die Kraft des Staates.«

»In weiser Fürsorge,« fuhr der Redner fort, »hat unser Königlicher Herr die Wehrkraft des Landes durch die Armee-Reorganisation gestärkt, die Wehrpflicht für Stadt und Land gleich gemacht, und den Familienvater durch die Verkürzung des Landwehrdienstes seiner Familie und seinem Erwerbe erhalten. Auf den Schultern dieser Armee und nicht auf der Zunge redefertiger Volksdemagogen ruht der Staat Friedrichs des Großen. Halten wir fest daran und lassen wir das Parlamentsheer denen, die nach innen und nach außen gleichmäßig zum Gespött werden wollen. Oder, da das eigentlich wohl nicht für ein Programm sich paßt, schreiben Sie kurz, Herr Söllenhofer: Keine Schwächung der Armee!«

»Ich hätte das Erstere vorgezogen,« sagte Brüning, »es sagt's ihnen deutlicher. Nun Bürgermeister, sagt Ihr Nichts über den deutschen Schwindel, mit dem sie jetzt so viel Unfug treiben?«

»Wer es in Wahrheit wohl meint mit seinem preußischen Vaterlande, der kann nicht wollen, daß Preußen aufgehe in einem deutschen Revolutionsschwindel. Also: Einigkeit unseres deutschen Vaterlandes, doch nicht auf den Wegen des Königreichs Italien durch Blut und Brand, sondern in der Einigung seiner Fürsten und Völker. Keine Verleugnung unseres preußischen Vaterlandes und seiner ruhmreichen Geschichte; kein Untergehen in dem Schmutz einer deutschen Republik, kein Kronenraub und Nationalitäten-Schwindel!« Die hier angeführten Sätze sind die Grundzüge des Programms, welches die altkonservative Partei bei ihrer neuen Vereinigung und Organisation in der Verhandlung zu Berlin am 20. September desselben Jahres (1861) aufstellte.

Der Student sprang auf und warf die Feder auf den Tisch. »Nein! schreibe den Satz, wer da will – ich schreibe ihn nicht!«

Erstaunt, fast erschrocken, sahen alle auf den jungen Mann.

»Ich hege große Achtung für Sie, Herr Bürgermeister,« sagte er, »ich könnte auch Vieles unterschreiben, was Sie vorhin diktiert haben, wenn ich auch in Manchem anders denke; aber diese Worte sind ein Verrat an der Zukunft unseres Preußischen, unseres Deutschen Vaterlandes! Sie sind alle älter als ich, aber auch ich bin ein Sohn des alten Sachsenlandes und fühle als solcher, daß ich nicht bloß ein Preuße, daß ich ein Sohn des großen Deutschen Vaterlandes bin!«

»Bube! willst Du Männern Vorschriften machen, was sie sein sollen?« rief der Söllenhofer Meier, der sich mit zornig gerötetem Gesicht erhoben und die Faust schwer auf den Tisch gestemmt hatte.

»Nein, Vater, ich bin kein Bube, wenn ich auch manchen leichtsinnigen Streich begangen und in politischen Dingen anderer Meinung bin als Sie und Ihre Freunde. Ich bin ein Sohn der roten Erde, und die Wiederherstellung der alten Größe und Herrlichkeit Deutschlands ist mein Ideal, wie es die Treue und das Streben so vieler wackerer und begeisterter Männer und Jünglinge gewesen ist, die dynastische Tyrannei und engherziger Partikularismus vernichtet hat. Alle die, die für Deutschlands Einheit und Größe Wort und Hand erhoben und selbst ihr Blut vergossen haben, irrten vielleicht in den Mitteln, aber ihre Gefühle, ihr Sinn waren edel und hoch. Ja, es gibt eine Nationalität, einen Zusammenhang ihrer Söhne, und Gott ließ uns nicht da geboren werden, wo man Preußisch oder Bairisch spricht, sondern wo die deutsche Zunge klingt und das Herz deutsch fühlt, nicht französisch oder romanisch! Mag es sein, daß auch wir durch Blut und Brand nur zu dieser Einigung kommen werden – ohne die Bluttaufe ist nichts Großes geschehen in der Weltgeschichte, und ohne Blut hat sich das deutsche Volk, haben sich die deutschen Männer 1813 und 15 nicht freigerungen von der französischen Herrschaft. Hat der Hönig von Preußen, der Kaiser von Österreich oder der Herzog von Braunschweig den Napoleon besiegt oder haben die deutschen Stämme das große Vaterland befreit? Sehen Sie auf das heutige Deutschland, das elende Flickwerk von Staaten und Stätchen, ohne eine große Gesamtidee, ohne ein gemeinsames mächtiges Haupt, – daß Jeder, der sich in fremden Landen und Meeren einen Deutschen nennt über die Achseln angeschaut wird. Hat denn Ihr so hochgeliebter König Friedrich Wilhelm IV. nicht auch ein Herz für ein großes mächtiges Deutschland gehabt, nur daß er den Mut nicht fand, die deutsche Krone auf sein Haupt zu drücken? Ist nicht selbst unser Preußen ein verstümmeltes Land, nur durch den Geist seiner Herrscher und den Mut seiner Söhne mächtig, das sich von jedem kleinen Herzog oder Fürsten in die Zähne lachen lassen muß? Glauben Sie, daß König Wilhelm nicht so gut empfindet, wie jeder Bürger und Bauer, und daß er die Hand nicht doppelt so fest um den Schwertgriff preßt, weil er sich von England, Rußland oder Frankreich Vorschriften machen lassen muß? Sie sagen in Ihrem Programm: »kein Kronenraub!« nun Herr ich bin trotz Ihrer ein zu guter Preuße, um nicht zu wünschen, daß in den nächsten fünf Jahren ein halbes Dutzend deutscher Krönchen von König Wilhelm in die Tasche gesteckt werden mögen, zum besten eines großen Deutschlands!«

»Mensch! Du predigst Aufruhr und Umsturz!«

»Ich wiederhole Ihnen,« sagte der Student, der sich jetzt an seinen politischen Ideen immer mehr zu erhitzen begann, »mögen Sie sich Konservative oder Liberale nennen – nicht engherzig dürfen Sie die große nationale Idee der Einheit und Größe Deutschlands verdammen, an der unsere besten Geister hängen. Ihr gehört die Zukunft und die deutsche Jugend hat auch ein Recht mitzusprechen und an der ihren zu bauen. Wenn König Wilhelm erst an die Spitze seiner Regierung einen Geist stellen kann, wie ihn die geschmähten Italiener in dem Grafen Cavour zu besitzen das Glück haben …«

Die Faust des Meiers schlug so gewaltig auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.

»Schweig', sag' ich! Ich hätte niemals geglaubt, daß meine Ohren je solchen Frevel von einem meiner Söhne in diesen Mauern zu hören haben würden. Aber ich sage Dir, Bursche …«

Er wurde unterbrochen von dem hastigen Eintritt der beiden Mädchen.

»Es kommt Besuch, Meier,« sagte Klörke, »obschon ich eben nicht sagen will, daß es gerade ein angenehmer ist.«

Zugleich fuhr eine Kalesche in den Hof und hielt vor der Tür und ein Herr von kleiner Statur, etwas anmaßender und mißtrauischer Miene, eine Brille vor den sehr beweglichen Augen, stieg aus.

»Den Teufel auch! Der Kreisrichter,« rief der Colon Brüning. »Was hat das zu bedeuten, denn ich hoffe doch, Söllenhofer, daß er den Schleicher nicht gebeten hat!«

Der Meier murmelte eine Verwünschung, aber er ehrte zu sehr das alte deutsche Gastrecht, das auf den Höfen der Colonen noch in unbeschränkter Weise geübt wird, als daß er nicht sofort den Streit mit dem Sohne unterbrochen und mit einem bezeichnenden Achselzucken gegen seine Freunde die Stube verlassen hätte, um den Beamten der nächsten Gerichtskommission zu empfangen.

Gleich darauf nötigte er ihn ins Zimmer und rief zugleich den Mädchen zu, einen Imbiß für den Herrn Drost Richter. zu bringen.

»Verzeihen Sie nur, Herr Söllenhofer,« sagte der Beamte mit gewichtiger Miene, der er jedoch etwas Einschmeichelndes zu geben suchte, daß ich einige Augenblicke bei Ihnen vorspreche. Aber ich konnte doch einem so angesehenen Bekannten nicht vorbeigehen, da mich grade ein Geschäft in die Nähe führte. Sieh da, der Herr Bürgermeister von Herford, unser alter würdiger Ledebur und noch zwei andere wackere Freunde. Ich bin erfreut, es grade so gut getroffen zu haben und nehme um so lieber Platz bei Ihnen, wenn Sie es erlauben.«

Er reichte und drückte die Hände umher.

»Sieh, Herr Studiosus Söllenhofer! Hatte schon gehört, daß Sie die werte Familie zu den Osterferien besucht haben. Warum haben Sie mir nicht das Vergnügen gemacht, mich zu besuchen, als Sie gestern in Werther waren? Ich plaudre gern noch einmal von der schönen Studentenzeit, obschon sie seit acht Jahren hinter mir liegt.«

Der Student wurde etwas rot bei der Erwähnung, da er den Blick seines Vaters fragend auf sich ruhen fühlte.

»Du warst gestern in der Stadt? Ich dachte. Du rittest nach dem Wallenbrücker Hofe?«

»Es kam mir unterwegs der Gedanke, zu sehen, ob Briefe für mich da wären.«

»Ja, so machen's die jungen Herrn, sie denken nur an sich. Aber Sie hätten sich doch einen Augenblick für einen Bekannten abmüßigen sollen. Sehen Sie, da bin ich aufmerksamer. Da ich wußte, daß ich hierher kommen würde, ließ ich auf der Post fragen, ob Sachen für den Söllenhof zu bestellen wären.«

Der Meier nickte sehr kühl. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Richter! Aber wollen Sie nicht zulangen?«

Die beiden Mädchen hatten unterdeß den Tisch wieder mit kalter Küche besetzt.

»Ich glaube auch,« fuhr der Kreisrichter unbeirrt fort, »Berger, der Gendarm, der mit mir herausgefahren ist, und den ich beim Schulzen absetzte, hat einen Brief für Sie. Es ist ein tätiger und gewandter Mensch, der Berger, und es ist notwendig, daß wir einen solchen haben; denn es scheint jetzt viel Gesindel in der Gegend zu geben!«

»Das kommt von den verfluchten demokratischen Wühlereien,« murrte der alte Ledebur, »die Polizei und die Gemeindeobrigkeit hat keine Macht mehr, den liederlichsten Pracher zu strafen, oder eine Herberge mit dem Gesindel auszunehmen. Es muß alles jetzt vor die Gerichte.«

»Es hat doch sehr viel Gutes, daß die Patrimonial-Gerichtsbarkeit aufgehört hat,« meinte hochmütig der Kreisrichter, »und ebenso die ländliche Polizeiverwaltung beschränkt ist. Die Verweisung vor den Richter sichert auch dem Verbrecher seine staatsbürgerlichen Rechte und das gehörige gesetzliche Verfahren.«

»Das ist's eben,« bemerkte der Bürgermeister, »damit der Vagabund und Dieb ja keins seiner, wie Sie sagen, staatsbürgerlichen Rechte verliert, können die ehrlichen Leute unterdessen Hab und Gut riskieren. Ich lobe mir eine rasche Justiz und eine feste Polizei.«

»O, ich weiß sehr wohl, liebster Bürgermeister, daß wir in den politischen Anschauungen nicht harmonieren und daß Sie zur Reaktion gehören. Aber zum Glück ist die Epoche des Herrn von Manteuffel vorüber, und es sind zeitgemäßere, liberalere Anschauungen ans Ruder gekommen, wenn auch freilich noch lange nicht weit reichend genug, da die Camarilla immer zu viel Einfluß bei Hofe und in der Regierung hat. Solche Zustände, wo Männer wie Twesten und Vincke der Pistole irgend eines brutalen oder eitlen Soldaten oder eines bloßgestellten adligen Polizei-Präsidenten für ein Wort der Wahrheit ausgesetzt sind, müssen aufhören. Wir leben nicht mehr in den Zeiten des Faustrechts und der Feudalherrschaft, sondern in der Zeit des Gesetzes und des Fortschritts …«

»Wenn Sie es einen Fortschritt nennen, daß man von der Tribüne herab die Ehre jedes Mannes beschmutzen darf, ohne dafür verantwortlich zu bleiben! Herr v. Vincke hat, wie Sie sich vielleicht erinnern werden, nicht so gedacht, sondern ist bereit gewesen, dafür einzustehen, und Herr Twesten, was natürlich nicht von jedem Juristen zu verlangen wäre, ist gleichfalls so anständig gewesen, wofür er die Achtung selbst seiner politischen Gegner erworben hat. Es ist jedenfalls eine Eigentümlichkeit der Demokratie in der Kammer, daß sie z. B. so eifrig die Verantwortlichkeit der Minister verlangt, aber durchaus nicht verantwortlich sein will für das Unheil, das ihr eigenes Gebahren dem Land zufügen mag.«

»Wir werden in unseren Ansichten schwerlich je übereinstimmen,« meinte der Kreisrichter hochmütig. »Zum Glück ist, wie ich schon erwähnte, die Zeit der Reaktion vorüber.«

»Aber nicht die einer gesunden konservativen Gesinnung, und ich hoffe, daß das Programm, das wir soeben für die nächste Kammerwahl aufgestellt haben, siegen wird.« Er hatte rasch den Satz, den Heinrich Söllenhofer sich geweigert aufzuschreiben, nachgetragen und schob das Blatt dem Kreisrichter zu. »Es fehlen vielleicht noch einige Spezialitäten, zum Beispiel über billigere Rechtspflege durch das Volk selbst, wie wir sie grade in unserem Westfalen in so lebenskräftiger Weise besaßen, aber das muß der weiteren Entwickelung und einer gesunderen Anschauung vorbehalten bleiben.«

Der andere hatte das Blatt durchgelesen und lächelte spöttisch.

»Auf Ehre, ein wahres Kabinetsstück von Servilismus, aber ich fürchte, Sie werden selbst in diesen Bergen nicht viel Anhänger finden, die Leute sind bereits aufgeklärt genug. Die Jugend namentlich hat andere Anschauungen, und die Söhne teilen nicht immer die an und für sich ja so ehrenwerte Art der Väter. Ah, haben Sie das hübsche zierliche Pfeifchen von Halle mitgebracht, Herr Söllenhofer?« fuhr er fort, auf die kleine pfeifenartige Zigarrenspitze deutend, in welche der Student grade den Rest seiner Zigarre einsteckte, während der Kreisrichter eben eine der ihm vom Meier höflich offerierten Zigarren kippte. »Ich habe gehört, der Kronprinz verschmähe diesen Genuß und rauche immer kurze Jagdpfeifen.«

»Ja,« sagte der jüngere Colone, »ich habe es oft bei den Manövern gesehen, wenn Seine Königliche Hoheit die erste Garde-Infanterie-Division kommandierte.«

»Nun, man will wissen, der Kronprinz soll kein besonderes militärisches Genie sein, und es sollte ihm schwer werden, ein Armeekorps manövrieren zu lassen,« meinte etwas leichthin der Kreisrichter, das Glas Wein, das der Meier eingeschenkt, leerend und seine Zigarre ansteckend. »Prinz Friedrich Karl soll weit besser Soldat spielen. Ich denke, für die Paraden und kostspieligen Manöver reicht das vollkommen aus. Unsere Leute in der Kammer werden hoffentlich nicht so töricht sein, die verlangten acht Millionen für die neuen Versuche auszugeben und überhaupt den Militär-Etat etwas zusammenstreichen, damit das Geld produktiver und nützlicher für das Land verwandt wird und Handel und Industrie fördert. Darf ich Sie bitten, Herr Söllenhofer, mir das Dings da einmal zu zeigen?«

Das gefurchte Gesicht des alten Ledebur zog sich finster zusammen, und er faßte unwillkürlich nach dem Kreuz auf seiner Brust; auch auf dem Gesicht des Hofwirts wetterleuchtete es, als wolle ein Gewitter über den Kecken oder Unvorsichtigen losdonnern, aber der Gardist kam ihnen zuvor.

»Ich glaube, über die militärischen Befähigungen der Prinzen des Königlichen Hauses steht weder mir, noch, mit Ihrer Erlaubnis, Ihnen ein Urteil zu. Nur daran möchte ich erinnern, aus dem was ich in der Schule gelernt habe, daß, wenn in der Geschichte unseres Vaterlandes es Not getan, die Könige von Preußen und die Prinzen echte und wahre Soldaten gewesen sind und ihr Blut und Leben so wenig geschont haben, wie der geringste Soldat. Ich bin überzeugt, daß, wenn es zu einem großen Kriege kommen sollte, unser König und Kriegsherr zu seinem Sohn, dem Kronprinzen, wie zu seinem Neffen, dem Prinzen Friedrich Karl, das gleiche Vertrauen haben wird, sie an die Spitze eines Korps und dahin zu stellen, wohin er es für gut findet.«

»Bravo, Sielemann, und wacker gesprochen!« rief der Bürgermeister.

»Und, was der Herr Kreisrichter über die Soldatenspielerei und über den Nutzen des für die Königliche Armee verwendeten Geldes zu sagen beliebten,« fuhr der junge Colone fort, »so geben wir unsere Steuern willig dazu, denn wir wissen, daß wir nicht unterm Schutz von Bürgerwehren und Aktendreschern ruhig und sicher leben, sondern unterm Schutz der Armee unsers Königs, der allein über ihre Einrichtung befinden kann und nicht einen Pfennig mehr für sie ausgeben wird, als er für nötig hält und sein Land ertragen kann. Da Sie aber, Herr Kreisrichter, soviel ich weiß, nie Soldat gewesen sind, können Sie auch nicht wissen, welche Schule für das ganze Land in Ordnung und Zucht, Ehrgefühl, Bildung und Selbstgefühl die Armee für jeden Mann im Lande ist. Das, Herr, ist, was ich mit Ihrer Erlaubnis zu sagen hatte.«

Der alte Ledebur reichte dem jungen Colonen die Hand über den Tisch herüber und schüttelte sie. »Bist ein braver Bursche, wie Dein Vater war, Steffen, und hast's Maul auf dem rechten Fleck. Solche kann das Land brauchen.«

»Gewiß, gewiß, Herr Sielemann,« bestätigte ironisch der Jurist, »es wäre schade, wenn Sie bei den nächsten Wahlmänner-Wahlen nicht als Kandidat auftreten würden, da ich doch wohl in dem Herrn Bürgermeister selber die Ehre haben werde, unseren Konkurrenten für das Abgeordneten-Haus zu begrüßen. Aber wir vergessen darüber ganz« – der Kreisrichter drehte die Zigarrenspitze zwischen den Fingern und betrachtete sie sehr genau, – »unser voriges Thema, wie es sehr gut ist, daß die zünftige Justiz jetzt selbst etwas auf die Sicherheit und Ordnung sieht. Sie wissen doch, was in Ihrer Nachbarschaft am Charfreitag Morgen oder vielmehr in der Nacht geschehen ist?«

Der Colone und der Bürgermeister sahen den Richter befremdet an. »Nein – was denn?«

»Das ist stark, aber das kommt von den vielen Einzelhöfen, wo die Herren so versteckt und abgeschlossen hausen, wie einst die Raubritter auf ihren Burgen, statt in einer konstituierten Gemeinde zusammen zu wohnen. Der Ort kann in grader Linie kaum eine Meile von Ihrem Hofe entfernt sein, wo an dem gedachten Morgen der jüdische Handelsmann Levi Pinkus auf dem Wege von Werther nach Schildesche überfallen, gemißhandelt und schwer beraubt worden ist.«

»Der Levi Pinkus?« fragte erstaunt Brüning. »Na, viel werden die Pracher bei dem auch nicht gefunden haben, denn er ist vorsichtig und geizig und dreht den Groschen dreimal um, und sein ganzer Kram, den er mit seiner blinden Schindmähre im Lande umherfährt, ist, glaub' ich, keine zehn Taler wert.«

»Hm!« meinte der Kreisrichter, »die Diebe scheinen doch anderer Meinung gewesen zu sein und es besser gewußt zu haben. Ich habe gehört, daß er oft ganz anständige Preise zahlt für Fohlen und junge Pferde. Er behauptet, daß er grade auf dem Wege zu einem solchen Handel gewesen sei, und daß ihm auf dem Wege außer einer Menge Waren mehr als vierhundert Taler gestohlen worden seien!«

Der alte Pinkus war in der Tat ein im Lande sehr wohlbekannter Hausierer, der mit seinem einspännigen Karren, Hufekarren, wie sie im nördlichen Westfalen heißen, allerlei kleinen Kram, Tücher, Nadeln, Bänder, Pfeifenköpfe und hundert andere Dinge, wie sie in den ländlichen Haushaltungen gebraucht werden, im Lande umherfuhr von Hof zu Hof, und dort, weil man dann nicht erst zur Stadt zu gehen brauchte, oft sehr willkommen war, namentlich bei der weiblichen Bevölkerung. Aber es stand fest, daß er auch größere Geschäfte machte, namentlich manchmal ein Pferd kaufte, wenn er es aus irgend einer Ursache billig erhalten konnte, auch wohl armen Hörigen ein Stück selbstgewebte Leinewand abpreßte, wie er auch sonst seinen Vorteil in jeder Weise wahrzunehmen verstand.

»Was braucht der verdammte Jude am heiligen Tage auf der Landstraße zu liegen und Schacher zu treiben,« murmelte ziemlich hörbar der jüngste Colone, dem Levi Pinkus einmal ein hübsches Großfohlen zu einem Hundepreise abgeschwatzt hatte, nachdem er ihm durch ein unschuldiges Mittelchen bewiesen, daß es Gallen an den Hufen hatte, ein Übel, das sehr leicht zu beseitigen gewesen sein mußte, da er das Pferd vierzehn Tage später für den sechsfachen Preis an einen Händler im Hannoverschen wieder verkauft hatte.«

»Schlimm genug, daß dergleichen geschehen darf, es entschuldigt aber das Verbrechen nicht. Können Sie uns Näheres von dem Raub erzählen, Herr Kreisrichter?«

»Vorläufig noch wenig; vielleicht später, wenn ich den Gendarmen Berger erst gesprochen habe. Soviel kann ich Ihnen jedoch mitteilen, daß nach Beweis-Aussage der Überfall auf den nichtsahnenden Mann, der um 1 Uhr Morgens aus dem Ausspann mit seinem Gefährt aufgebrochen ist, etwa um 2 Uhr in dem Kamp, der sich bis an die Straße zieht, von zwei Männern erfolgt ist, von denen der eine von mittelgroßer Statur, der andere etwas größer gewesen sein soll, soweit Pinkus sie bei der Dunkelheit überhaupt hat erkennen können. Auch haben sie die Gesichter verbunden gehabt, die Sache ist also vorbereitet gewesen und es handelte sich nicht um eine zufällige Begegnung. Sie haben den armen Kerl mit dem Tode bedroht, wenn er ihnen nicht sein Geld herausgäbe, ihn arg mißhandelt und geknebelt, beim Durchsuchen und Plündern seines Krams leider auch den trotz der Drohungen verleugneten Beutel mit den drei- oder vierhundert Talern gefunden und dann die Hufkarre mit Pferd und Mann weiter in den Busch geschoben, wo es dem Beraubten erst am Mittag gelungen ist, sich selber zu befreien. Zum Glück hat er mit der seiner Nation eigenen Schlauheit keinen unnützen Lärm gemacht, sondern hat dem Gericht in aller Stille den Vorgang angezeigt, sodaß wir Gelegenheit hatten, unsere Maßregeln zu nehmen, um dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Was haben Sie für die Zigarrenspitze hier gegeben, Herr Söllenhofer? Sie ist wirklich hübsch, und ich möchte mir auch eine solche zulegen, da ich die meine neulich leider zerbrochen habe.«

»Ich erinnere mich nicht mehr,« sagte der Student zögernd, »ich habe sie von einem Freunde zum Andenken erhalten.«

»Und glauben Sie wirklich den Verbrechern auf der Spur zu sein?« fragte Meier. »Es ist merkwürdig, daß wir hier gar nichts von dem Vorfall gehört haben! Seit langen Jahren ist dergleichen in unserer Gegend nicht vorgekommen.«

»Die Spitzbuben,« meinte der Bürgermeister, »sind gewiß längst über die nahe Grenze! Es arbeitet in den Bielefelder Fabriken manches schlimme Volk von drüben her.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht!« meinte der Justizbeamte. »Aber, da tritt eben der Gendarm Berger in den Hof, wahrscheinlich mit dem Schulzen. Sie suchen mich wohl. Sie erlauben einen Augenblick, meine Herren!«

»Der Leo Pinkus und der Gemeindediener sind auch dabei!« meinte der junge Colone. Der Kreisrichter war aufgestanden und ging zur Tür. »Der Gendarm Berger hat den Brief für Sie, Herr Söllenhofer, den uns die Post mitgab. Ich will ihm sagen, daß er ihn Ihnen bringt, während ich mit Pinkus und dem Schulzen spreche.« Er verließ die Stube.

Der Colone und der Bürgermeister sahen sich einigermaßen erstaunt an. Der letztere schüttelte den Kopf; als Beamter hatte er der Art und Weise der Erzählung schärfere Aufmerksamkeit geschenkt, als die weniger mißtrauischen Landleute.

»Das kommt mir verdächtig vor, Meier,« sagte er zu dem Hauswirt, »Sie haben doch nur zuverlässige Leute in Ihrem Dienst, lieber Freund?«

»Gewiß! Ich kenne sie zur Genüge! Man wird doch keinen Verdacht auf einen oder den anderen haben?«

»Der Herr Kreisrichter,« meinte der Bürgermeister, »scheint doch eine Art Verhör mit ihnen anstellen zu wollen.«

In der Tat konnte man mit einem Blick durch das Fenster in den Hof bemerken, daß um den Richter, den Schulzen und den Gendarmen die Knechte und Mägde des Hofes sich versammelten.

»In meinem Hofe – ohne mich zu fragen – da muß ich …« Der Meier wollte auf und hinaus. »I da soll doch …«

Der Bürgermeister legte die Hand auf seinen Arm. »Ruhe, Freund, lassen Sie ihn sein Pulver verschießen! Da kommt Gendarm Berger, das ist ein wackerer Mann; von ihm werden wir wohl Näheres erfahren.«

In der Tat trat der Gendarm ein, ein großer stattlicher Mann, Ende der Dreißiger mit ernstem Gesicht und strammer Haltung, und begrüßte höflich die Anwesenden. Er holte einen Brief aus seiner dicken ledernen Brieftasche und überreichte ihn dem Meier.

»Verzeihen Sie, Herr Söllenhofer, daß ich ihn nicht schon eher abgegeben, aber der Dienst geht vor. Ich brachte ihn mit von der Post.«

Der Meier nahm den Brief. »Ich danke Ihnen bestens, Herr Gendarm,« sagte er. »Kommen Sie, trinken Sie ein Glas Wein, und essen Sie ein Stück Osterfladen. Ein alter Soldat und diensttreuer Mann, wie Sie, ist auf dem Söllenhofe stets willkommen. Bitte, setzen Sie sich.« Er schenkte dem Gendarmen ein Glas Wein ein und zog den Teller mit Kuchen herbei. Dann erst nahm er den Brief auf, ohne zu bemerken, daß der Gendarm den Wein nicht berührte und seinen Platz in der Nähe der Tür nahm.

Der Meier warf einen Blick auf den Poststempel. »Aus Halle? Das ist wahrscheinlich für Dich – nein – er ist doch an mich gerichtet – Rektor und Senat der Universität Halle –« indem er aufsah, bemerkte er, daß Hinrik seinen Platz verlassen hatte und nach der Tür ging, vor der jetzt der Gendarm stand.

»Bleib!«

Der Ton des Befehls war so streng, daß der junge Mann auf der Stelle anhielt.

»Eine Schere, Wilm! Mit Erlaubnis, Freunde!«

Er schnitt den Brief auf, der die Form eines Dienstschreibens hatte. Die Stirn faltete sich finster und drohend zusammen, als er den kurzen Inhalt las. Dann schleuderte er über das Papier hinweg einen finstern, drohenden Blick auf den Sohn, der die Stirn gesenkt und den Blick zu Boden gerichtet hatte, aber sonst in fester aufrechter Haltung auf seinem Fleck stand, und warf den Brief dem Bürgermeister hin. »Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Freunden! Da haben Sie den Enthusiasten für das einige Deutschland und die Deutsche Kaiserkrone! Das Consilium abeundi – das heißt nach meinem schlichten Deutsch: Weggejagt, wegen wiederholter Schlägereien, Schulden und liederlichem Lebenswandel!«

»Vater …!«

»Hinaus jetzt! – Geh mir aus den Augen, daß ich nicht vergesse, daß wir heute die Auferstehung unsres Herrn und Heilands feiern!«

Hinrik Söllenhofer ging nach der Tür, aber der Gendarm versperrte diese: »Sie müssen hier bleiben, bis der Herr Kreisrichter entscheidet. Ich habe Ordre, Sie nicht hinaus zu lassen!«

»Was? noch mehr? – Was soll das heißen?«

Der Meier hatte sich hoch aufgerichtet, die Hand auf den Tisch gestemmt; auch die Freunde hatten sich erhoben und standen um ihn. Der jüngere Bruder war zu dem Studenten getreten und hatte ängstlich seine Hand gefaßt.

Ehe der selbst von der unerwarteten Ausgangsverweigerung überraschte junge Mann etwas sagen konnte, wurde die Tür geöffnet und der Kreisrichter trat ein, gefolgt von dem Schulzen, der einen ängstlichen Blick auf den Colonen warf und, wie zur Rechtfertigung, daß er nicht anders könne, die Achseln zuckte.

»Entschuldigen Sie, Herr Söllenhofer,« sagte der Richter mit kalter impertinenter Miene, »daß ich hier in Ihrer Stube ein kleines Verhör vornehmen muß, aber es sind einige Umstände eingetreten, welche es mir in meiner Funktion auch als Untersuchungsrichter nötig machen, einige Fragen an ihren Herrn Sohn zu richten, von denen ich hoffe, daß er sie gewiß auf das beste beantworten wird.«

»Fragen Sie!«

Der Hausherr hatte die Arme über die Brust gekreuzt, sein Auge ruhte starr auf dem Sohn.

»Bitte, Herr Schulze,« sagte der Richter, »da liegt ja noch Feder und Papier, seien Sie so gut, ein kurzes Protokoll zu schreiben, da ich niemanden bei mir habe.«

Der Schulze ging mit gesenktem Kopf zu dem Ende des Tisches und nahm dort Platz. Die Ausübung seiner Funktion war ihm offenbar sehr unangenehm.

»Wann sind Sie von Halle hier wieder angekommen?« fragte der Richter.

Heinrich Söllenhofer sah den Inquirenten fest und stolz an, ohne zu antworten, dann richtete er sein Auge wie fragend auf den Meier, seinen Vater.

»Gieb Antwort, wenn Du so höflich gefragt wirst!« befahl dieser.

»Am Mittwoch!«

»Allein?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ob Sie allein gekommen sind oder mit jemand?«

»Ich bin allein gekommen.«

»Sie haben Schulden in Halle hinterlassen?«

»Mein Herr …«

»Es ist so,« sagte der Meier, »leider habe ich es erst vor wenigen Minuten erfahren.«

»Schulden, zu deren Bezahlung die Gläubiger Sie hart bedrängten?«

»Was geht dies das Gericht an?«

»O doch! hier sind zwei Klagen gegen Sie, die gestern bei der Gerichtsdeputation eingegangen sind!« Er nahm die Papiere aus einer Mappe, die ihm der Gendarm auf den Tisch legte. »Es steht also fest, daß Sie sich in großer Geldbedrängnis befunden haben, die, wie ich aus der Bemerkung Ihres Herrn Vaters zu entnehmen glaube, Sie sich gescheut haben, diesem zu sagen.«

»Und was weiter?«

»Sie haben gestern,« fuhr der Jurist mit kaltem Tone fort, »in Werther zwei Geldbriefe mit 200 Taler Kassenanweisungen an dieselben Männer aufgegeben, die Sie hier verklagt haben, was Sie wahrscheinlich noch nicht wußten.«

»Nein, ich wußte es nicht!«

»Die 200 Taler Kassenanweisungen hatten Sie kurz vorher bei dem Kaufmann Merzig in Werther gegen Courant eingewechselt, in dessen Kontor auch die Geldbriefe gesiegelt.«

»Das tat ich!«

»Das bare Geld, gegen das Sie die Scheine einwechselten, bestand in Zwei-Taler-Stücken.«

Der Meier bog sich über den Tisch her gegen den Sohn. »Wo hast Du das Geld her, Bube? – Gestehe!«

»Bitte, Herr Söllenhofer, ich habe noch weiteres zu fragen. Ich wünschte vorhin von Ihnen zu wissen, woher diese Zigarrenspitze ist; da sie auf dem Meerschaum den Kopf des verstorbenen Königs trägt, ist sie jedenfalls leicht erkennbar.«

»Ich sagte Ihnen bereits, daß ich sie von einem Freunde zum Andenken erhalten hätte.«

»Möglich! nur möchte ich wissen, wer dieser Freund ist. Ich bin etwas neugieriger Natur, Herr Söllenhofer, doch das liegt in meinem Amt, und ich möchte um so mehr darauf bestehen, als ich mich erinnere, daß Sie mir zuerst sagten, Sie hätten die Spitze in Halle gekauft. Also den Namen?«

»Ich ziehe vor, ihn nicht zu nennen, um seinen Träger nicht einer ebensolchen Inquisition auszusetzen, wie Sie sie sich eben gegen mich erlauben.«

»Ich erlaube mir gar nichts, sondern ich handle in meinem Amte, mein Herr!« Auf einen Wink des Inquirenten hatte der Gendarm einen Gegenstand aus der Tasche gezogen und ihn auf den Tisch gelegt, es war eine Studenten-Mütze mit den bekannten Farben der Burschenschaft und nicht leicht zu verwechseln, da oben durch den Deckel das übliche Rappier-Loch gestoßen und dies mit der silbernen Stickerei des Datums umstickt war.

Der Richter schob sie dem Meier zu, der sie unwillig zurückstieß. »Was soll's mit der Hanswursterei, ich habe mich schon früher genug darüber geärgert.«

Der Student trat zu dem Tisch und streckte die Hand nach der Mütze aus. »Es ist meine Mütze; sie sollte Ihnen nicht mehr vor die Augen kommen, Vater!«

»Also Sie erkennen an, daß es die Ihre ist?«

Die Frage schien den jungen Mann zu überraschen, und ein unangenehmer Gedanke ihm durch den Kopf zu schießen. Endlich sagte er errötend mit gepreßter Stimme: – »Ja – es ist – es war die meine!«

Aller Augen hingen fest und mit einer gewissen Ängstlichkeit an dem jungen Mann, nur der eigene Vater sah mit einer Starrheit auf ihn, die immer unheimlicher wurde.

Der Kreisrichter wandte sich jetzt barsch zu dem Inquirierten. »Wo waren Sie in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag?«

»Wo soll ich gewesen sein? – Hier im Hause, in meiner Schlafkammer!«

»Das ist nicht wahr. Sie sind außerhalb des Hauses in der Nacht am frühsten Morgen gesehen worden – etwa um 4 Uhr!«

»Heiliger Gott!« Es war der Meier, der den tiefen Seufzer ausstieß – ein furchtbares Licht schien ihm zu tagen.

»Es ist eine Lüge!« rief der junge Mann, dessen Gesicht mit dunkler Glut übergossen war. »Es ist eine schändliche Verleumdung – ich schlafe mit meinem Bruder in einer Kammer.«

»Eine Ihrer eigenen Mägde,« beharrte kalt der Inquirent, »hat vorhin bei dem Befragen der Leute sich erinnert, Sie in der Freitag-Nacht, etwa gegen 4 Uhr Morgens, als sie, um dem törichten Aberglauben des stillen Wasserholens zu fröhnen, aufgestanden war, Sie gesehen zu haben, und zwar, wie Sie – offenbar von einem nächtlichen Ausflug zurückkehrend – über die Einhegung des Pferdegartens in den Hof sprangen und leise zum Aufgang nach dem Futterboden schlichen, der an Ihr Schlafzimmer stößt und von dort her, wie ich mir habe sagen lassen, zugänglich ist.«

»Sie muß sich geirrt haben!«

»Soll ich das Mädchen rufen lassen und in Ihrer Gegenwart verhören?«

»Es ist unnötig!« sagte der Meier, dessen festes, starres Auge auf seine beiden Söhne geheftet blieb. »Komm hierher, Wilm!«

Der jüngere Bruder trat scheu, ängstlich näher.

»Der Wilm schläft mit – mit jenem dort in derselben Kammer. Die Jugend hat zwar festen Schlaf, indes, er müßte es doch wohl gemerkt haben, wenn sein Mitbewohner in der Nacht nicht dort gewesen wäre.« Er wandte sich streng zu dem Sohn. »Hat in der Nacht zum Charfreitag Dein Bruder Eure Schlafkammer verlassen?«

»Ich – ich habe geschlafen, Vater!«

»Lüge nicht, Bursche – bei meinem Zorn! Auf Dein Gewissen, so wahr Du bestimmt bist, das tausendjährige Erbe Deiner Väter fortzuführen, hat Hinrik die Kammer verlassen?«

Der junge Mensch sah zu Boden und rang die Hände ineinander, große Tränen rannen ihm über die frischen Wangen. Offenbar kämpfte die Liebe zu dem Bruder in ihm mit dem anerzogenen strengen Gehorsam gegen den Vater.

»Sprich! oder soll ich zwei Söhne verlieren?«

Der jüngste nickte schluchzend.

»Um welche Stunde?«

»Ich weiß es nicht – bei Gott, Vater!«

»Und wann kehrte er zurück?«

»Ich glaube, es war vier Uhr, der Hahn krähte kurz vorher.«

Die Worte kamen kaum hörbar zwischen dem Schluchzen hervor. Der Meier war wie geknickt auf seinen Stuhl niedergefallen.

»Vater!« – Heinrich stürzte auf ihn zu, »Vater, um Gotteswillen, Du wirst doch nicht denken, daß ich ein Dieb sein, daß ich den Levy beraubt haben könnte!«

»Es ist leider starker Verdacht vorhanden,« sagte kalt der Kreisrichter. »Das Geld, das dem Händler geraubt worden ist, bestand durchgängig in Zwei-Talerstücken, und es ist erwiesen, daß Sie solche, um drängende Gläubiger zu befriedigen und der Entdeckung Ihrer Schulden zu entgehen, in Kassenanweisungen eingewechselt haben, ohne nachweisen zu können, woher Sie das Geld hatten. Diese nach Ihrem eigenen Geständnis Ihnen zugehörige Mütze ist unter dem beraubten Wagen gefunden worden. Sie sind überführt, mehrere Stunden in der Nacht heimlich aus Ihrer Schlafstube entfernt gewesen zu sein und aus jener Richtung zurückkehrend gesehen worden, die Zeit stimmt ganz genau. Endlich wissen Sie sich nicht über den Erwerb dieser Zigarrenspitze auszuweisen und in den Angaben, die Levy Pinkus über die ihm gestohlenen Sachen gemacht hat, ist eine Anzahl solcher in dieser Gegend ganz ungewöhnlicher Pfeifchen beschrieben. Rufen Sie den Pinkus herein, Gendarm Berger, damit er sich erklärt, ob diese Pfeife aus seinen Waren stammt, er sitzt draußen auf der Steinbank unter den Bäumen und wollte nicht mit hereinkommen.«

Der Gendarm wandte sich nach der Tür, aber der Meier sprang auf.

Verwundert sahen die Beamten, selbst die Freunde auf ihn.

»Der Jude bleibt draußen!«

»Hier habe ich zu befehlen, Herr Söllenhofer, nicht Sie,« sagte hochmütig der Kreisrichter. »Gehen Sie, Berger!«

»Halt, sage ich nochmals!« donnerte der Meier. »Das ist mein Haus, Herr, nicht eine öffentliche Gerichtsstube, merken Sie sich das. In meiner Väter Hause bin ich der Herr, und es hat noch niemals, unter welchem Vorwand es auch sei, ein jüdischer Händler und Wucherer den Fuß über meiner Väter Schwelle gesetzt und er soll es auch nicht, so lange ich lebe!«

»Aber Herr Söllenhofer, bedenken Sie …«

»Bedenken Sie selbst Herr, daß Sie hier in meinem Hause nur ein geduldeter Mann sind. Nehmen Sie den da, wenn Sie die Verhaftung für gerechtfertigt halten, und verhandeln Sie weiter, – hier herein kommt der Jude nicht!«

»Sie werden nachgeben müssen, Herr Kreisrichter,« flüsterte der Bürgermeister diesem zu. »Der Meier steht auf seinem Rechtsboden. Sie können ja, wenn der Beweis solche Eile hat, die Pfeife hinaus senden, um sie rekognoscieren zu lassen.«

Der Jurist, der fühlte, daß er schon weit genug gegangen sei und der nicht ohne eine gewisse Besorgnis auf die stämmigen Gestalten der vier Colonen blickte, beauftragte leise den Gendarmen, das Beweisobjekt draußen im Hofe dem Beraubten vorzulegen und zugleich für das baldige Vorfahren des Wagens zu sorgen.

Unterdeß hatte sich der Bürgermeister dem Sohne seines unglücklichen Freundes genähert.

»So sehr auch die Beweise gegen Sie sind, so mag ich doch nicht an Ihre Schuld glauben,« sagte er teilnehmend, »wenn Sie mir nur Aufschluß geben wollten …«

Der Student wies mit einer ablehnenden Geberde nach seinem Vater. »Er glaubt daran – ist Ihnen das nicht genug …?« murmelte er bitter.

»Er kann, er wird sich irren! bedenken Sie, daß Sie ihn vorher aufs Tiefste erzürnt haben! Wenn Sie uns wenigstens glaubhaft nachweisen könnten, warum Sie bei nachtschlafender Zeit Ihr Zimmer verlassen haben und wo Sie gewesen sind …«

Der Student unterbrach ihn mit einer energischen Geberde.

»Nimmermehr! Das am Wenigsten! – entweder man glaubt meinem Wort oder tut es nicht, dann mag man tun mit mir, was man will. Ich verweigere überhaupt vorläufig jede weitere Antwort.«

Er wandte sich trotzig von dem wohlwollenden Freunde, der mit einem bedauernden Kopfschütteln auf seinen Platz zurückging und seine trauernden Blicke auf den schwer gebrochenen Vater richtete.

Gendarm Berger war wieder eingetreten und übergab dem Richter die Spitze.

»Es ist leider richtig, der Beraubte behauptet auf das Bestimmteste, daß dies zu seinen Waren gehört habe; hier unten am Einsatz ist noch die Zahl, mit der er den Preis ausgezeichnet hat.«

Der Kreisrichter warf einen versteckten triumphierenden Blick auf den Hausherrn und seine Freunde und tat zwei Schritte auf den Studenten zu. »Es tut mir leid, Herr Söllenhofer, namentlich weil es hier in Ihrem so sorgsam bewahrten Hause geschehen muß, aber ich muß meine Pflicht tun. Im Namen des Königs verhafte ich Ihren Sohn und werde ihn noch heute im Kreisgerichtsgefängnis abliefern, nachdem ich eine Untersuchung seiner Sachen habe vornehmen lassen. Geben Sie dem Gendarm die Schlüssel Ihres Zimmers und Ihres Koffers, Gefangener!«

Ein tiefes Stöhnen, ein gellender Aufschrei folgte der Haftsankündigung des Richters.

Mit dem ersten war die hohe Gestalt des Hausherrn förmlich zusammengebrochen, und sein Gesicht barg sich in den auf dem Tisch gekreuzten Armen; der Schrei kam aus dem Munde der beiden Mädchen, der Pflegeschwestern des Verhafteten, die sich, unruhig geworden über die Vorgänge draußen auf dem Hofe und die oft lauten Stimmen der Männer im Zimmer hinter dem Gendarmen hereingedrängt hatten.

Die Klörke sprang auf den Gefangenen zu und faßte wie krampfhaft seinen Arm. »Hinrik, was soll das heißen? Was hast Du getan? Warum will man Dich in das Gefängnis sperren?«

Das ganze Wesen des sonst so ruhigen, sicheren Mädchens schien sich wie mit einem Schlage verändert zu haben, der Ausdruck einer furchtbaren Seelenangst lag in den sonst so still und gleichgültig blickenden Augen, die kräftige Gestalt zitterte förmlich, während sie Erklärung, Beistand suchend von einem der Männer auf den anderen starrte, bis ihre Blicke auf dem spöttisch lächelnden Gesicht des Kreisrichters mit einem Ausdruck energischer Drohung hängen blieben.

»Schändlich! schändlich!« sagte sie endlich, »Hinrik! sag Du mir's selbst – was Du getan, daß dieser Mann die Hand an Dich legen darf? Hast Du mich belogen?«

»Niemals, Klara, so wahr mir Gott helfe.«

»Doch – warum verhaftet er Dich? warum bringt er den Gendarm hierher?«

»Weil ich den Levy Pinkus überfallen und beraubt haben soll um Geld und Waren!« sagte der Gefangene mit Hohn. »Vielleicht wollt' ich Dir und der Engel einen Brillantenring oder sonst etwas schenken – weil ich Euch nichts mitgebracht von Halle!«

»Aber …«

»Still! kein Wort mehr, Klörke, für mich!« sagte der Gefangene mit einer wilden Energie, die sie an den unbeugsamen harten Charakter seines Vaters erinnerte und die selbst das kräftige Mädchen einschüchterte. »Kein Wort! sag' ich Dir, und jetzt, wenn Du noch etwas auf mich hältst, schweig und geh' auf Deine Stube. Was hier geschieht, hab ich allein abzumachen. Wilhelm, führe die Mädchen hinaus!«

Der Bürgermeister winkte dem jüngeren Söllenhofer, den Befehl des Bruders zu erfüllen, und der junge Mensch faßte die Hände der beiden Mädchen, um sie fortzuführen. Einen Schritt tat die Ältere auf den Meier zu mit einer heftigen Geberde, als könne sie es nicht begreifen, daß er so seinen Erstgeborenen der Schmach der Verhaftung preisgeben könne, statt, wie vielleicht seine Altvordern getan hätten, bei dem Angriff auf einen Sohn des Hauses, nach der wuchtigen Axt zu fassen oder den großen zweihändigen Streitkolben, die, ein Erbstück früherer Jahrhunderte, draußen in der Küche über dem Herd hingen, und die Knechte des Hofes und die Nachbarn zum gemeinsamen Widerstand aufzurufen – aber ein energischer Blick aus den Augen des jungen Mannes und sein warnend erhobener Finger schien ihren Entschluß zu ändern – sie sah halb traurig, halb vorwurfsvoll auf den gebrochenen Mann und verließ, ohne ein Wort weiter zu sprechen, mit der weinenden Schwester die Stube.

Die Durchsuchung der Sachen des Studenten hatte weiter nichts Verdächtiges ergeben, und als der Wagen des Richters jetzt vorfuhr und dieser ihn aufforderte, freiwillig und ohne Zwangsmaßregeln sich der Haft zu fügen und ihm nach dem Sitz des Kreisgerichts zu folgen, um dort in Untersuchungshaft abgeliefert zu werden, schritt er, ohne ein Wort der Entgegnung oder des Abschiedes, ohne einen Blick auf seinen Vater und die Zeugen des traurigen Vorganges zu richten, zur Tür hinaus und bestieg den Wagen, wo sich ihm der Richter zur Seite setzte, während der Gendarm und der jüdische Krämer den Rücksitz einnahmen.

Die Knechte und Mägde des Hofes umstanden finsterblickend den Wagen ohne die geringste Handreichung zu tun, denn die Nachricht von der Verhaftung des ältesten Sohnes des Hauses hatte sich rasch unter ihnen verbreitet. Es war wahrscheinlich gut, daß ihr altes Orakel, der Großknecht Jochem, nach dem Mittagessen über Land gegangen war, um in einer anderen Bauerschaft einen Freund zu besuchen. Denn er hätte schwerlich seinen Liebling, trotz allem Respekt vor der Obrigkeit und seinem Hofherrn, so ohne Einspruch fortführen lassen, und es hätte nur seines Wortes bedurft, um einen Exzeß hervorzurufen, der freilich von traurigen Folgen für sie begleitet gewesen wäre. Gut war es wenigstens, daß der alte Levy Pinkus sich bei Zeiten in den Wagen und unter den Schutz des Gendarmen zurückgezogen hatte, denn er wäre sonst schwerlich ohne schwere Püffe oder eine volle Prügelsuppe davon gekommen, und die Magd Grete, dieselbe, welche beim Holen des stillen Wassers den Sohn des Hauses gesehen haben wollte und dies ausgeplaudert hatte, saß heulend und wehklagend in der Mägdekammer, kein Mensch wollte mehr ein Wort mit ihr reden.

Als der Wagen mit den Beamten und dem Gefangenen davonfuhr, war keine Seele an den Fenstern des Hauses zu erblicken. Drinnen in der Putzstube saß der Meier noch immer starr und stumm vor sich hinblickend, und das einzige Wort, das die treuen Freunde und Nachbarn, die eifrig berieten, was hier am besten zu tun, und wie der arme Vater zu trösten sei, von ihm zu hören bekamen, waren die Worte:

»Tausend Jahre in Ehren auf dem Söllenhof – und nun ein Räuber und Dieb!«

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Der Dienstag nach Ostern war da, die Festtage waren zu Ende, und der Meier litt es nicht, daß auch nur eine Stunde länger der Gang der gewöhnlichen Frühjahrsarbeiten unterblieb, selbst in dieser schlimmen und schweren Zeit nicht.

Dennoch schien der ganze Hof in den paar Tagen einen anderen Charakter angenommen zu haben. Alles ging still und stumm an einander vorüber, und die Blicke der Dienstleute richteten sich oft mit Besorgnis und Teilnahme nach den Fenstern der Stube des Meier, obschon besondere Empfindsamkeit sonst grade nicht im Charakter des westfälischen Landbewohners liegt.

Der Meier schien sich in den zwei Nächten selbst wiedergefunden zu haben, so straff und aufrecht ging er wieder einher, so ruhig und gemessen gab er seine Befehle und sprach mit den Leuten. Aber, wer ihn genauer kannte und beobachtete, der konnte doch wohl sehen, daß es hinter der ruhigen faltenlosen Stirn, hinter den starren hellen Augen anders aussehen mußte als sonst; denn zuweilen zuckte es, wenn auch nur sekundenlang, wie tiefer verhaltener Schmerz um die Winkel des feinen Mundes mit den schmalen Lippen, und wenn er sprach und eine Anweisung erteilte, war es, als wären seine Gedanken doch wo anders.

Am Montag Abend hatte der Meier einen Brief geschrieben, mit dem sein Jüngster am andern Morgen selbst nach Bielefeld reiten mußte, um ihn auf die Post zu bringen. Er war an einen Advokaten in Halle gerichtet und enthielt den Auftrag, die etwaigen Gläubiger des Studenten Heinrich Söllenhofer aufzufordern, sofort bei ihm ihre Forderungen anzumelden, um nach Prüfung derselben ihr Geld in Empfang zu nehmen.

Dem jungen Colonen tat es wohl, von Hause fortzukommen, schien doch Jeder dem Andern dort auszuweichen, vor Allem der Großknecht Jochem dem Meier. Dagegen steckte er häufig bald in dem, bald in jenem Winkel mit der Klörke zusammen und hielt lange geheime Verhandlungen mit ihr. Das Mädchen war nach dem Ausbruch des Gefühls am Sonntag nachmittag, als man ihren Pflegebruder ins Gefängnis führte – noch stiller und verschlossener wie früher geworden; sie tat ihre Arbeit in der Wirtschaft, aber sie ging dem Meier geflissentlich aus dem Wege und redete selbst bei den Mahlzeiten kein Wort mit ihm.

Jetzt am Abend, während die Knechte und Mägde in der Küche ums Feuer saßen, der Meier aber mit Wilhelm und Engel in der gewöhnlichen Wohnstube, indem er sich, um nicht reden zu müssen, den Anschein gab, in ein Zeitungsblatt vertieft zu sein, trat sie plötzlich in das Zimmer und stellte sich an den Tisch.

»Geht hinaus!« sagte sie in entschlossenem Ton zu der Schwester und dem künftigen Schwager, »ich habe mit dem Vormund zu reden!«

Er sah groß auf. »Was soll's?«

Sie antwortete nicht, bis die Beiden die Tür hinter sich geschlossen hatten, dann hob sie den Kopf und sah dem Mann mit ruhiger Entschlossenheit ins Gesicht. »Da Niemand mit Ihnen sprechen will von Heinrich, Ihrem Sohn …«

»Schweig!«

»So werde ich es tun! Der Jörg, den ich nach der Stadt geschickt, wo Sie heute hätten sein sollen, ist zurückgekehrt. Heinrich hat heute ein Verhör bestanden, er soll, wie Doktor Bluth, Ihr Advokat, dem ich deshalb geschrieben, mir sagen läßt, jede Antwort verweigert haben, und man hat ihn nicht freigelassen, sondern ins Gefängnis zurückgebracht.«

»Wohin er gehört! Schweig von ihm! ich befehle es Dir!«

»Ich achte Sie, als unseren Vormund, dem uns mein Vater auf dem Sterbebett übergeben. Aber Sie vergessen, daß das Blut der Brüninge so alt in diesen Bergen ist, wie das Ihre. Ich werde nicht schweigen, sondern, wie es das Gesetz Gottes und die Natur verlangt, reden und an Ihr gegen die Natur verhärtetes Herz pochen, bis es hört. Wollen Sie Ihrem Sohne zu Hilfe kommen in seiner Not, wie es sich gehört oder nicht?«

»Ich, dem Straßenräuber? dem Taugenichts und Rebellen?«

»Ah – da liegt's! Ich meine doch, daß Sie selbst an die Möglichkeit nicht glauben werden, daß Heinrich den Juden beraubt hat?«

»Was heißt das, Mädchen,« sagte der Meier betroffen, »Du, die sonst keine zehn Worte zu sprechen wagt, jetzt ein Advokat für einen Schurken, der seine Familie entehrt! Ich kenne ihn nicht mehr, er möge die Folgen seiner Handlungen tragen!«

»Nun, wenn Sie ihm nicht zu Hilfe kommen wollen, Sie, dessen natürliche Pflicht es wäre, so werde ich's tun. Heinrich hat gefehlt, er mag Schulden gemacht, leichtsinnige Streiche und andere Torheiten begangen haben, ja ich weiß, daß er das getan hat, aber das greift an die Ehre eines Mannes nicht! Er ist noch jung, und wer ist schuld, daß er sich von Jugend und Gesellschaft hat verleiten lassen, den Zwang zu durchbrechen, den Sie ihm so lange auferlegt!? Sie selbst sind es, Sie, sein Vater!«

»Hör' auf! Du sprichst, wie Du's verstehst!«

»Nein, ich rede die Wahrheit! Haben Sie ihm von Kindheit auf die rechte nachsichtige Liebe gezeigt, wie seine Mutter sie für ihn hatte? – Weil er nicht ein Bauer zu werden versprach, wie Ihre andern Söhne, deshalb verachteten Sie ihn, deshalb zwangen Sie ihn zu einem Beruf, für den er weder Sinn noch Neigung hatte! Deshalb unterdrücken Sie gewaltsam die Mahnung, welche die Erinnerung an Heinrichs Mutter, die gütige, treffliche Frau, an Ihr Gewissen richten muß!«

»Mädchen! geh nicht weiter! Die Beweise gegen ihn sind klar und unwiderleglich!«

»Und das sagen Sie, sein Vater! Also weil er mit der großen, feurigen Seele, mit dem tief für das Schöne und Große empfindenden Herzen, das nur Sie nicht erkannten, kein Holzfäller und kein Pferdezüchter werden konnte, weil er kein heuchelnder oder zeternder Geistlicher werden wollte, der das Gotteshaus entweiht, weil er selbst denken und wählen will, deshalb muß er ein Räuber und Rebell sein und ins Zuchthaus gehören?«

»Er kann nicht nachweisen, wo er das Geld her hat! – Er kann nicht beweisen, wo er in jener Nachtzeit gewesen ist!«

»Und wenn es bewiesen würde, daß er nicht an jenem Orte gewesen sein kann, wo der Raub stattfand, daß er zu derselben Zeit weit, weit davon entfernt, daß er hier in seines Vaters Hause war?«

»Hier im Hause?«

»Ja! – Ihr Sohn hat jene Nacht nach altem Recht und Brauch bei mir geschlafen – ich bin seine verlobte Braut

»Dirne …!«

»Nennen Sie mich, wie Sie wollen! Kein Mädchen in Niedersachsen wird ihrem künftigen Gatten nach dem freiwilligen Verlöbnis das Recht, ja die Pflicht weigern, in ihrem Arm zu schlafen, ja sie würde es für eine Verachtung und Untreue halten, wenn er es nicht täte!«

»Mädchen, bist Du rasend, oder willst Du mit der Lüge bloß Deinem Pflegebruder helfen? Du bist nicht seine Verlobte – Du bist die Verlobte meines Sohnes Fritz, nach der Bestimmung der beiderseitigen Eltern und dem letzten Willen Deines Vaters! Schäme Dich!«

»Ich habe mich weder meiner Wahl, noch meines Tuns zu schämen, wohl aber Sie, Meier Söllenhofer, der Sie die Zukunft zweier Menschen nach Ihrem Eigensinn bestimmen und zwei Herzen zerbrechen wollen, nur, weil Sie glauben, die müßten in blindem Gehorsam tun, was Sie für gut und zweckmäßig halten.«

»Mädchen, bring mich nicht außer mir! Ehre den Willen Deines seligen Vaters!«

»Das Testament sagt: den Sohn meines Freundes Söllenhofer!«

»Aber Du weißt, daß der Fritz damit gemeint war, daß er der Dir bestimmte Gatte ist!«

»Ich habe nie meine Einwilligung zu der Verlobung gegeben, ja, ich bin nicht einmal gefragt worden. Ich liebe den Hinrik von Kindheit auf, ich liebte ihn, grade, weil Sie ungerecht waren gegen den Armen, Schwachen!«

Der Meier ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab, dann blieb er vor ihr stehen.

»Hüte Dich, Dirne, Dein Spiel mit mir zu treiben. Ich bin Dein Vormund und Herr! Du wirst gehorchen und den Fritz heiraten!«

»Jetzt noch?« Ihr Blick traf fast verächtlich auf den des Meiers.

»Selbst, wenn die infame Lüge Wahrheit wäre, das Geld, daß der Bube …«

»Halt, Meier! Ich bin eine Brüning, ich dulde es nicht, daß Heinrich noch länger beschimpft wird, nachdem ich mich als sein Weib erklärt habe.« Sie ging nach der Tür zur Küche und öffnete sie. »Komm herein, Jochem!«

Der alte Großknecht kam hereingehumpelt und trat zu dem Mädchen, indem er mürrisch die wollene Mütze zwischen seinen rauhen Fingern drehte.

»Sage diesen Mann,« befahl das Mädchen energisch, »ihm, der sein eignes Blut verleugnet, wo sein Sohn das Geld her hatte, das er in Werther wechselte und, um seine Schulden zu bezahlen, zur Post gab!«

»Nu – wer sine Schulden betaalt, verbetert sine Göder! Ik häw den Hinrik ümmer gewarnt und sägt: Man mut sik naa de Däk strekken; aber in Malheur sitten laten konn ik en doch nich, awer dat Ei wil klöker sin as dat Hohn! So is he denn richtig in de Patsche kommen. Ick häw'n dat verflixte Geld borgt!«

»Du – vierhundert Taler?«

»Ja, Meier. Väle Körn maakt en Hupen, un wer en Schilling nich eert, kricht nümmer en Daaler! – Et is twars vil Geld und 't is mer suer worden, e in de fiwundtwintig Johren tausammentosparen, ik meinte immer, et sollt a mal dazu dienen, daß se mich newen der Anne Marie recht schön und herrisch begraben dhäten und mir ollen Kerl och en Kreuz setzen dhäten – äwer Nod breckt Isen, und ik konn den Hinrik doch nicht verlaten, den ik so oft uf den Arm dragen, as he noch so en erbärmlich Jüngsken war! De leiwe Gott ward ma woll ooch ohne dat Krüz und de Kron up min Sarg in den Himmel laten.«

Das Mädchen sah mit einem flammenden, vorwurfsvollen Blick auf den harten Mann. »Das, Meier, tat ein Knecht! Wollen Sie so gut sein, mir morgen ein Gefährt zur Stadt und dem Jochem die Erlaubnis zu geben, dahin voran zu gehn, da er, wie Sie wissen, keinen Wagen besteigt?«

»Was willst Du dort?«

»Zum Gericht gehn und Zeugnis ablegen für Hinrik, damit er nicht länger im Gefängnis bleibt.«

»Bist Du närrisch geworden? Das hieße, Deine eigene Schande aller Welt ausposaunen!«

»Wie kann das Schande sein, was eine uralte Sitte unserer Väter ist? Sie selbst halten auf jeden alten Brauch des Sachsenvolkes und haben die Achtung dafür uns Kindern hundert Mal eingeprägt. Was kümmerts mich, wie die Herrn vom Gericht das auslegen! Ich kann bezeugen, daß Hinrik den Juden nicht berauben konnte!«

»Unbesonnene! die Welt ist eine andere geworden. Selbst wenn man Dir Glauben schenkte, würde Dein Leumund befleckt sein. Die heutigen Anschauungen und Gedanken sind andere!«

»Das sagen Sie selbst, und dennoch verdammen Sie Ihren eigenen Sohn, weil er, einer neuen Zeit sich fügend, andere Anschauungen und Gedanken hat, als Sie? Wollen Sie mir den Wagen geben oder nicht? Sonst gehe ich zu Fuß!«

»Ungeratene! Ich sperre Dich ein, ich bin Dein Vormund!«

»Nicht, wo mein Gewissen mir vorschreibt, selbst zu handeln! Ich bin eine Brüning, Meier, ein freies Sachsenmädchen, keine leibeigene Magd!«

Der Meier preßte die Hand gegen die Stirn. »Ich werde morgen zur Stadt fahren und versuchen, was zu tun ist! ich fürchte nur, man wird der Aussage des Jochem den anderen Beweisen gegenüber nicht viel Glauben schenken.«

Der alte Großknecht hatte dem Streit der Beiden ruhig zugehört. »Ward wul geschehn müten! Dat is en slechte Mus, die nich mer als en Lok wet. – Wil de Meier mi Erlaubnis geben för de Nacht, mi un dem Peter Tiez un den Wilm – den will ook dabi sin.«

»Was ist's! was gibt's?«

»Niks, gaar niks, dat is mine Sake. Wer väl fragt, ward väl wis, un God Ding wil Wil häbben. Dat Glück för den Enen, is dat Unglück för den Andern. Fragt de Klörke, Meier, wenn he mehr weiten wüllt. Kann ik gahn?«

»Geh zum Teufel!« Der stolze Mann hätte um keinen Preis dem Mädchen oder dem Knecht ein Wort gegönnt, aber dennoch gingen ihm schwere Dinge im Kopf herum. Er nahm das Licht, um nach seiner Kammer zu gehn. »Wir reden morgen weiter,« sagte er kurz zu dem Mädchen. »Keinen Ungehorsam bis dahin!«

Er hatte kaum die Stube verlassen, als die Klörke auf den Großknecht zusprang.

»So wollt Ihr's wirklich versuchen?«

»Frilik wulln wi't! Ik bün dorvon äbertügt, dat he hüt dor is. Üm Klock elben treffen wi de Föster, und de Schulze mit dem Gemeindedeiner ward ook do sin. Et mötem slimm sin, wenn wi em nich fangen sölen un dat ganze Nest dato, wenn ook Eener entkamen wär. Äverst da dervon hebben se op't Gericht ehre Steckbriefe.«

Der jüngste Sohn des Hauses steckte den Kopf durch die Tür.

»Ich darf mit, Jochem?«

»Frilik darfst Du! De Olle säggt, wi sölen Alle tom Düwel gan!« – – –

Am andern Vormittag verbreitete sich – diesmal trotz der abgesonderten Lage der Colonenhöfe mit auffallender Schnelligkeit – eine merkwürdige Nachricht.

Auf dem Söllenhof war schon zeitig Alles auf den Beinen und große Unruhe im Hause.

Morgens um 6 Uhr hatte man auf einer Trage den jüngsten Sohn des Hauses zum Hofe gebracht mit einem zerschossenen Arm – aber das Gesicht des jungen Mannes verzog keine Miene im Schmerz, sondern strahlte förmlich vor Stolz und Freude, selbst, als die Engel weinend über ihn hinsank.

Der Meier ging bestürzt, beinahe fassungslos, er, der kalte starre Mann, von einer Stube zur andern, die Klörke Brüning schien die einzige Person im Hause, die Ruhe und Besonnenheit bewahrt hatte; denn der Großknecht und der Pferdeknecht fehlten und waren noch nicht zurück gekommen – sie waren den Gefangenen – wie dem Meier gesagt wurde, – nach der Kreisstadt gefolgt, um dort gleich ihre Aussage abzugeben. Der zweite Knecht aber war auf den Befehl der Klörke eilig mit den Füchsen nach dem nächsten Flecken gefahren, um von dort den Bader oder Doktor herbeizuholen, damit er dem Wilm einen besseren Verband anlege, als der Förster es hatte tun können.

Jetzt erst hörte der Meier aus dem Munde des Verwundeten selbst von dem nächtlichen Abenteuer.

Jochem, der Großknecht, war ja am Sonntag nachmittag, also bei der Anklage und Verhaftung Heinrichs nicht auf dem Söllenhof zugegen gewesen, erst spät nach Hause gekommen, als das andere Gesinde schon schlief, und hörte davon zu seinem Schrecken erst am andern Morgen. Jetzt auch wurden durch die Erzählung des jüngeren Bruders die anderen Beweise bekannt, die sich zur Erweisung der Schuld des älteren zusammengehäuft hatten, namentlich der Fund der Mütze auf dem Platze des Verbrechens. Der Großknecht, der dem Meier grollte, daß er den Sohn so rasch aufgegeben, hatte sich an Klörke gewandt, und ihr, indem er sich von seinem dem Studenten gegebenen Versprechen des Schweigens entbunden glaubte. Alles, was er wußte und auch seinen Argwohn mitgeteilt, zunächst, daß er selbst seine Ersparnisse dem jungen Mann zur Bezahlung seiner Schulden geborgt hätte, die er, wie seit Einführung der Zwei-Talerstücke eine vielverbreitete Gewohnheit der Landleute geworden, in solche eingewechselt und in einem alten Strumpf an einem nur ihm bekannten Versteck aufbewahrt gehabt hatte. Ferner, daß er am Donnerstag, nachdem Heinrich Söllenhofer am Morgen durch den Knaben einer im Walde hausenden übelberüchtigten Familie eine Botschaft erhalten hatte, ein Packet mit alten Kleidungsstücken zu dem Kreuz im Walde habe tragen und dort einem wildfremden in seinem Aeußeren sehr reduzierten Manne habe übergeben müssen, dessen verkommenes lüderliches Aussehen ihm sehr wenig gefallen. Daß er deshalb auch am Sonntag, als der Student noch eine Zusammenkunft mit diesem im Walde gehabt, ihn ernstlich gewarnt habe, wobei Heinrich ihm gesagt, daß es ein früherer Freund oder Bekannter gewesen sei, der ihn in Not und Verlegenheit hier aufgesucht, daß es aber die letzte Zusammenkunft, und Jener auf dem Wege nach einer Seestadt sei; daß er gewiß wisse, die unglückliche Mütze wäre bei den alten Kleidern gewesen, die Heinrich dem Manne gesandt habe, denn dieser habe das Paket gleich aufgerissen, als er es ihm überbracht. Endlich, daß er argwöhne, der verlaufene Student habe sich bei der verdächtigen Ziegelbrenner-Familie aufgehalten. Es wäre ihm, zumal er zufällig gehört, daß der älteste Sohn der Mutter Grix, der wegen früherer Wilddieberei über die Grenze gegangen war, in den letzten Tagen aber wieder gesehen worden sei und daß der Raub an dem Juden von zwei Männern, einem großen und einem kleineren ausgeführt worden und der Wilddieb von hohem Wuchs sei, kein Zweifel mehr gewesen, daß der fremde Vagabund mit diesem wahrscheinlich schon im Hessischen oder Hannoverschen zusammen getroffen und mit ihm hierher gekommen sein müsse, worauf die Botschaft durch den Knaben schließen lasse.

Das war der Inhalt der Gespräche und Beratungen gewesen, die Klörke während des Oster-Montags mit dem Großknecht gepflogen hatte.

Aber bei dem zähen Mißtrauen, das in dem Charakter der westfälischen Landleute liegt, namentlich auch gegen die gewöhnlich aus ihm fremden Persönlichkeiten bestehenden Gerichte, hatten Beide beschlossen, nichts von ihrem Verdacht verlauten zu lassen, damit nicht etwa durch eine ungeschickte Haussuchung oder Verfolgung die Verdächtigen eingeschüchtert würden, sondern die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb hatte der Großknecht erst am späten Nachmittag den Beistand des Schulzen und des Unterförsters in Anspruch genommen, der auf den Wilddieb von Alters her einen Haß hatte, und dieser hatte sehr richtig geschlossen, daß der Mensch seine Familie oder seinen sonstigen Schlupfwinkel nicht verlassen würde, ohne in den jetzigen hellen, schönen Mondnächten und zur Balzzeit in dem nahen Tannenrevier, wo ein Volk Auerhühner sich eingetan, einen tüchtigen Hahn geschossen zu haben. So hatte man beschlossen, ihm dort aufzulauern und abzufangen, da man eigentlich sonst keine Ursache gehabt hätte, sich seiner zu bemächtigen, dann aber auch zugleich auf Grund des Wilddiebstahls eine genaue Untersuchung der Grixschen Hütte vorzunehmen.

Zwei Knechte des Hofes waren ins Vertrauen gezogen, und, da der jüngere Bruder energisch darauf bestanden hatte, das Unternehmen zu teilen, das Heinrich, den er durch sein Geständnis selbst geschädigt zu haben glaubte, Ehre und Freiheit wiedergeben sollte, hatte man sich stark genug geglaubt, um den Plan ganz im Stillen auszuführen.

Die schlaue Berechnung des Jägers und des Großknechts hatte sich auch als vollständig richtig erwiesen.

Die Männer hatten sich frühzeitig versammeln und auf den Weg machen müssen, um, ehe der Mond aufgegangen war, ihre Verstecke erreichen zu können, und, während Jochem mit dem Schulzen und Polizeidiener seinen Weg nach der Hütte nahm, um sich in der Nähe zu verstecken, gingen Wilhelm, der Förster und die beiden Knechte nach dem Tannenkamp, wo das Hühnervolk einzufallen pflegte, und stellte sich dort zu Wache auf. Sie hatten verabredet, wenn der Wilddieb allein oder mit einem Gefährten erscheinen sollte, nicht eher zuzuspringen und ihn zu fassen, als bis er einen Vogel geschossen habe.

Ihre Geduld sollte in der Tat belohnt werden. Es war nach 2 Uhr Morgens, als sie in dem Walde leichte Schritte vernahmen und bald eine große Männergestalt sich vorsichtig nähern und an einem starken Baumstamm aufstellen sahen.

Der Mond war aufgegangen, und der Jäger erkannte deutlich die Gestalt seines Feindes. Er war allein.

Wer je auf der Auerhahnbalz gewesen ist, wird leicht das doppelte Interesse begreifen, das die Teilnehmer der Szene erfüllte.

Das scharfe Ohr des Jägers wie das des Wilddiebs vernahm jetzt in der Ferne das Balzen eines Hahns, und gleich darauf, als wollte er die Herausforderung des Nebenbuhlers annehmen, klang von der Höhe der Tanne, in deren Schatten grade der Förster sich aufgestellt, etwa hundert Schritt von dem Standpunkt des Wilddiebs, der Balzschlag eines starken Hahns.

Das Beschleichen dieses sehr scheuen Wildes kann nur während des Lockrufs selbst erfolgen, bei dem der Vogel weder hört noch sieht, und daß, sowie der Balzruf aufhört, der Jäger regungslos stehen bleiben muß.

So geschah es auch hier. Das scharfe und geübte Auge der beiden Jäger konnte leicht in dem hellen Mondlicht den dunklen Körper des Auerhahns sich auf einem der höchsten Äste der Tanne von dem klaren Nachthimmel abheben sehen, und es gehörte der ganze Groll des berechtigten Waidmanns gegen den Eindringling und die Erinnerung an die Ursache, wegen deren sie hier waren, dazu, um ihn zu verhindern, die Flinte zu heben und den Schuß nach dem Vogel zu tun.

Aber die Waidmannsqual wurde abgekürzt, im Augenblick des nächsten Balzens war der Wilddieb unter dem Baum, der Schuß fiel, und der Vogel stürzte schwerfällig flatternd von Ast zu Ast und auf den Boden.

»Den hätt' ich!«

Der Schütze faßte nach dem im Todeskampf sich wälzenden Wild, aber im Augenblick hatte ihn auch eine Faust am Kragen.

»Und wir hätten Dich!«

Aber so leicht sollte seine Gefangennahme ihnen doch nicht werden. Der Wilddieb mußte ja stets auf einen Überfall gefaßt sein, und mit kräftigem Ruck hatte er sich aus der Hand seines Gegners befreit, ließ das entladene Gewehr in der Hand des Feindes, der es mit der Linken erfaßt hatte, und flog mit weiten Sprüngen über die Lichtung. »Ich denke, noch nicht!«

Der Jäger schrie hinter ihm drein: »Steh, oder ich schieße!« Aber der Wilddieb wußte sehr wohl, wie unsicher ein Schuß in dieser Situation sein mußte, und der Ruf: »Wilm – Jungens – fangt ihn!« beflügelte nur seine Eile. Dabei faßte er, nach einer andern Waffe suchend, in die Brusttasche seines Rocks.

Aber schon waren die Verfolger auf seinen Fersen, und der Sohn des Söllenhofers warf sich ihm am Rande der Lichtung entgegen, während die beiden Knechte von den Seiten her mit Geschrei herbeirannten. Der Wilddieb sah im Augenblick, daß er überlistet war, und das böse Gewissen sagte ihm wahrscheinlich, daß es sich für ihn hier um mehr handeln werde, als um den geschossenen Hahn.

Ein Blitz zuckte aus seiner Hand, die Kugel des kurzen Pistols hatte eine Arm-Muskel des jungen Mannes getroffen und den Knochen beschädigt, aber mit dem unverletzten hielt er den Fliehenden fest, bis die Knechte heran waren und ihn zu Boden warfen.

»Verdammt! er hat mich getroffen!«

Als der Förster ihn am Arm faßte, hing dieser schlaff herunter, und das Blut rieselte über die Hand des Mannes. »Armer Bursche! aber ich hoffe, es wird nicht viel zu bedeuten haben. Schnürt die Kanaille zusammen, daß sie nur die Füße frei hat. Komm hierher, Wilm, ans Licht, daß ich Dir ein Tuch um den Arm lege und eine Schlinge mache.« Der Förster machte eine Art Tourniquet für den zerschossenen Arm, aber Wilm bestand darauf, sich nicht sogleich nach Hause bringen zu lassen, sondern erst die Männer und den Gefangenen nach der Hütte seiner Mutter zu begleiten, um zu sehen, was dort zu entdecken wäre, und so geschah es.

Man konnte annehmen, daß die Familie um den Ausflug des Wildschützen gewußt haben und ihn erwarten werde, und ließ ihn in vorsichtiger Entfernung von der Hütte zurück, damit sein Ruf nicht etwa die Bewohner warnen könne. Indes schien diese Vorsicht kaum notwendig; denn der Mensch war, seit er sich überwältigt sah, ganz gebrochen und, als der Förster ihm den Raubanfall auf den Juden in der Charfreitag-Nacht auf den Kopf zusagte, versuchte er gar nicht zu leugnen und erging sich nur in Schmähungen auf einen Unbekannten, der offenbar an ihm zum Verräter geworden sei, nachdem er ihn um den größten Teil der Beute betrogen gehabt hätte.

Es brauchte nur einer kurzen Verständigung mit den Gefährten, welche die Hütte umstellt hielten, dann schlich der Polizeidiener, mit Hut und Gewehr des Wilddiebs ausgestattet, von der Schattenseite her nach der Tür des verfallenen Häuschens, klopfte an diese und hielt den geschossenen Vogel hoch, damit ein etwa spähendes Auge getäuscht würde. Kaum aber war die Tür von dem Knaben geöffnet, als er sich hineindrängte und die Freunde herbeirief. Die Familie wurde größtenteils auf den elenden Lagern überrascht, von dem vagabundierenden ehemaligen Studenten zeigte sich aber keine Spur, und das spätere Verhör mit den einzelnen Familien-Mitgliedern ergab, daß er in der Tat hier gewohnt, seit Sonntag Morgen aber die Hütte verlassen habe, ohne zurückzukehren. Dagegen ließen die von dem Schulzen sehr umsichtig getroffenen Anstalten zur Durchsuchung des Hauses und des ganz verfallenen Stalles bei beginnendem Tageslicht eine ganze Reihe von Gegenständen vorfinden, die von Diebstählen herrühren mußten, und darunter auch fast noch alle Waren, die dem Levi Pinkus bei dem nächtlichen Überfall geraubt worden waren.

Von dem nächsten Bauernhofe wurde schnell ein Wagen requiriert, um die gefundenen Gegenstände und die Gefangenen zur Kreisstadt zu schaffen, und Jochem begleitete diese auf den Wunsch des Verwundeten dahin, um dem Bruder so bald wie möglich Nachricht von der Entdeckung und der glücklichen Wendung seines Schicksals zugehen zu lassen.

Der junge Colone selbst aber hatte sich doch zu viel zugetraut; denn auf dem in Begleitung der beiden Knechte angetretenen Rückweg nach dem Söllenhofe übermannte ihn doch die durch den Blutverlust hervorgerufene Schwäche, und die beiden Männer mußten froh sein, ihn zuletzt mittels einer glücklicherweise von der Diebshütte mitgenommenen Holztrage bis nach Hause schaffen zu können.

Das war es, was der Meier nach und nach teils von dem Sohn, teils von den Knechten erfahren hatte, die aus Besorgnis vor der Strenge des gefürchteten Herrn anfangs nicht recht mit der Sprache heraus wollten.

Aber der Meier hörte das alles schweigend an und sprach kein Wort über den ganzen Vorgang.

Es schien eine Revolution in dem Innern des starren Mannes vorzugehen und er noch zu ringen, ehe er unter den veränderten Verhältnissen zu einem neuen festen Entschluß kommen konnte. Es war dies eine nicht seltene Erscheinung bei diesen zähen Bauern-Naturen. Sie geben schwer eine gewonnene Anschauung, eine vorgefaßte Meinung auf, und erst, wenn sie nicht mehr anders können, ringen sie sich zu einem neuen Entschluß empor, an dem sie dann desto strenger festhalten.

Der Arzt, der noch im Laufe des Vormittags auf dem Hofe eingetroffen war und den Patienten verbunden hatte, erklärte, daß zwar die erhaltene Verletzung durchaus nicht gefährlich aber doch der Art sei, daß sie wohl eine leichte Steifigkeit und Schwäche des Armes zur Folge haben könne, die ihn dann jedenfalls vom Militärdienst dispensieren werde.

Das, was vielleicht anderen ganz willkommen gewesen wäre, war ein harter Schlag für den Meier. Er ging finster umher, saß in seiner Stube, kramte in Papieren und rechnete, und niemand wagte ihn zu stören. Er ließ sich noch nicht aus seinem starren Sinnen bringen, als am späten Nachmittag ein Ereignis eintrat, das, abgesehen von dem Appell an sein Vatergefühl, so unerwartet und wunderbar schien, daß kein Mensch an die Möglichkeit auch nur gedacht hatte.

Es fuhr nämlich um diese Zeit der einem benachbarten kleinen Besitzer gehörige ländliche Wagen in den Hof, der am frühen Morgen die Gefangenen und ihre Wächter nebst den bei der Haussuchung gefundenen Gegenständen nach dem Kreisgericht gebracht hatte, und auf der Rückkehr von diesem begriffen war. Der Wagen war mit Tannenreisern geschmückt, der Knecht, der ihn fuhr, hatte sich vor Vergnügen offenbar einen anständigen Haarbeutel getrunken, und auf dem Wagen saß außer dem Schulzen und dem Förster Heinrich Söllenhofer und – o Wunder! zum erstenmal wieder auf einem Gefährt seit mehr als zwanzig Jahren Jochem, der Großknecht, das Faktotum des Söllenhofes.

Mit jubelndem Hurra empfing das Gesinde des Hofes den um die beiden altehrwürdigen Bäume anfahrenden Wagen und drängte sich hinzu, die Ankommenden zu begrüßen, während die beiden Mädchen herausstürzten und mit Tränen der Freude dem Befreiten und Jochem die Hände schüttelten.

Nur der Meier blieb unsichtbar, obschon ein Blick durch das Fenster ihm gezeigt hatte, was geschehen war.

Der erste Gang, den der Student tat, war zum Lager des verwundeten Bruders, das man in der sogenannten Putzstube aufgeschlagen hatte, um ihn dort besser pflegen zu können. Freudestrahlend reichte ihm dieser die gesunde Linke, die der Student an seine Lippen zog. »Wackerer Junge!« sagte er tief bewegt, »das vergesse ich Dir nicht, und wenn ich Methusalems Alter erreichte! Es liegt doch etwas in dem alten Blut und in der alten Sitte der Väter, und Du verdienst, den Söllenhof zu haben! Gott segne es Euch –« und er drückte den Mädchen und Jochem die Hand, »daß Ihr wenigstens an mich geglaubt und mich keines Verbrechens fähig gehalten habt. Aber glaubt mir, die schlimmen Stunden haben auch ihren Nutzen für mich gehabt und einen Mann aus mir gemacht, dessen sich keiner von Euch schämen soll!«

Der Schulze und der Förster traten ein, nach dem Kranken zu sehen. Sie waren während der Zeit bei dem Meier gewesen, hatten diesem nochmals den Hergang erzählt und berichtet, daß der Wilddieb sofort auf dem Gericht das Geständnis abgelegt, daß er in Gemeinschaft mit einem anderen Mann, den er auf der Wanderung aus der Gegend von Göttingen hierher zufällig getroffen und mit sich genommen hatte, und der ein Bekannter des ältesten Sohnes vom Söllenhof gewesen wäre, den Raubanfall auf den Juden gemacht habe, von dessen nächtlicher Fahrt er zufällig Kunde erhalten hätte. Der Fremde, der am Donnerstag von Hinrik Söllenhofer sich eine neue Ausstattung seiner sehr desolaten Garderobe verschafft, habe sich noch zwei Tage bei ihm verborgen gehalten, da sie sich ganz sicher und unverdächtig geglaubt hätten, und während dieser Tage ihm den größten Teil seines Anteils an der baren Beute des Raubes im Spiel wieder abgenommen, sei dann am Ostersonntag verschwunden, und wahrscheinlich längst über die Grenze gegangen. In keiner Weise habe der junge Söllenhofer etwas mit dem Verbrechen zu tun gehabt. Dazu kam die Aussage des Großknechts über das Darlehn des Geldes und die Überbringung der Kleidungsstücke, und, da jetzt Hinrik selbst, von der Unwürdigkeit des früheren Freundes überführt und die Absicht des geforderten Versprechens erkennend, keinen Anstand nahm, über seine Person Auskunft zu geben, genügte eine kurze Vernehmung, um den Befehl zu seiner sofortigen Haftentlassung zu erzielen.

Diese Auskunft hatten die Männer dem Meier gebracht, doch hatte er sich mit einem kurzen Dank für ihre Mitwirkung begnügt, ohne sich weiter über den Sohn und sein Verhältnis zu ihm auszusprechen. Er ließ diesem vielmehr sagen, er werde ihn später zu sich rufen lassen und wünsche bis dahin allein zu bleiben. So waren der Schulze und der Förster nach einem Imbiß geschieden.

Die Vier saßen am Bett des Kranken, als eine halbe Stunde später der Meier, eine alte Brieftasche in der Hand, in das Zimmer trat.

Der Student sprang empor und eilte ehrerbietig auf ihn zu, seine Hand zu ergreifen suchend; aber der Meier zog sie mit einem stummen Kopfnicken zurück und setzte sich an das Ende des Tisches.

»Engel, schließ die Tür! ich habe mit Euch in Familiendingen zu reden.«

Das Mädchen schloß die Tür, sah fragend auf den Meier und kehrte wieder auf ihren Platz am Lager des Verwundeten zurück.

»Jochem, komm her!«

Der Großknecht humpelte an den Tisch und stellte sich seinem Herrn gegenüber.

»Wieviel hast Du dem Hinrik geliehen?«

»Vierhundert, Meier! – Äverst ek bruk dat Geld nich, – et legt unnütz bi mi – und wenn ek sterwe, erhält he't doch. He weit, wat he dorför dhaun soll!«

»Hier nimm die vierhundert zurück –« er hatte sie in Kassenscheinen auf den Tisch gezählt – »und diese zwei Taler als Zinsen! Und, wenn Du meinem Rate folgen willst, so trage bessere Sorge für Dein sauer Erspartes, und laß es nicht wie ein alter Narr im Kasten oder sonst wo liegen, ohne daß es Zinsen trägt und Dir gestohlen werden kann, sondern gib es in die Sparkasse oder sonst einem sichern Mann.«

»Meier, ek bruk't wahrhaftig nich! 'is gern geschehen!«

» Nimm!« – Übrigens dank ich Dir für das, was Du für die Ehre des Söllenhofs getan hast! – Hier!«

Er schob ihm das Geld zu; der Alte wußte sehr wohl, daß gegen einen solchen Ton kein Widerspruch zu wagen war und steckte schweigend das Geld ein.

»Jetzt zu Dir!« sagte der Meier zu seinem ältesten Sohn. »Ich habe Dir Unrecht getan mit meinem Verdacht …«

»Vater …!«

»Schweig, und laß mich sprechen! Ich hätte wissen sollen, daß ein Sohn Deiner Mutter kein Dieb sein konnte, aber Du hast es selbst verschuldet, indem Du von der alten Ehrbarkeit Deiner Väter gewichen, ein ungehorsamer Sohn, ein Freigeist und ein Rebell gegen Deinen König geworden bist.«

»Vater …«

Wiederum machte der Hausherr eine abwehrende Bewegung.

»Dennoch danke ich Gott dem Herrn, daß er es abgewendet, daß auf diesem Hause und dem tausendjährigen Erbsitz der Meier vom Söllenhofe die Schande laste, daß einer seiner Söhne wegen gemeinen Verbrechens ins Zuchthaus gekommen wäre. Es ist so schon traurig genug, daß durch seine eigene Schuld dieser Verdacht auch nur eine Stunde auf ihm lasten konnte und ihn in die Mauern des Gefängnisses gebracht hat. Das ist ein Flecken, der schwer zu vertilgen sein wird im Gedächtnis unserer Freunde und Feinde. Du bist schuld, daß dieser Dein Bruder, der nach altem Recht und Brauch bestimmt ist, unser Geschlecht auf seinem angestammten Erbe fortzuführen, vielleicht ein Krüppel bleibt, der nicht einmal für seinen König die Waffen tragen kann. Darum verbanne ich, der Meier des Söllenhofs, Dein Vater, nach altem Geding und Recht Dich von heute ab auf zehn Jahre von diesem Hause Deiner Väter, und Du sollst erst seine Schwelle wieder betreten, wenn Du bewiesen, daß Du ein echter und getreuer Sohn Deines Landes und ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft geworden bist, an dem kein Makel mehr haftet.«

Die großen hellblauen Augen des Meiers starrten hinaus in die Luft, als sähen sie die heftige Bewegung nicht, die alle bei dem strengen Urteil ergriffen.

»Da ich aber,« fuhr der Meier in dem gleichen fast klanglosen Tone fort, in dem er bisher gesprochen, »möglicherweise einige Schuld an dem trage, was Du geworden bist, indem ich nicht streng und aufmerksam genug Dich überwacht, so habe ich die Pflicht, dies gut zu machen. Ich werde daher die Schulden bezahlen, die Du noch hast, und Du wirst auf eine entfernte Universität, nach Bonn oder Heidelberg gehen, um Medizin zu studieren, und sollst 400 Taler jährlich von mir auf Dein Erbteil erhalten, bis Du imstande bist, Dich selbst zu ernähren. Zuvor aber wirst Du hier vor uns allen diesem törichten Mädchen, das Du unter dem Vorwand eines schlechten, längst veralteten Gebrauchs schändlich betört hast, entsagen und jedem Anspruch auf sie. Ebenso wird sie es tun, denn – hört mich wohl und merkt es Euch – Klara Brüning heiratet Deinen Bruder Fritz – oder der Brüninghof fällt an die Engel! – so lautet der Kontrakt mit Ihrem Vater.«

Es folgte den Worten des Meiers ein kurzes Schweigen, dann wandten sich, wie von demselben Gedanken getrieben, das Mädchen und der Student gegeneinander, und ihre Augen begegneten sich.

Die Klörke streckte die Hand nach dem jungen Mann aus – Hinrik Söllenhofer erfaßte sie. Es war ein Entschluß in den beiden Menschen.

Er kehrte sich stolz, mit erhobener Stirn gegen den Meier. »Vater,« sagte er, »ich habe gefehlt, aber ich habe auch gebüßt. Ein Schurke wäre ich und nicht aus dem Blute der Männer dieses Hofes, wenn ich von meinem Weibe ließe! Du hast mich verstoßen aus diesem Hause, und ich weiche Deinen Vorurteilen und gehe. Aber eine neue Zeit bricht heran, und auch Du wirst Dich ihren Gedanken fügen müssen. Ich will in ihr kämpfen und ringen, daß ich ein Mann werde, auch ohne Deinen Beistand. Aber ich verdiente nicht den Namen Söllenhofer, wenn ich die Klörke ließe, weil sie arm wird durch die Liebe zu mir!«

»Ich gehe mit Dir, Hinrik! Das Weib gehört zum Manne, nicht zur toten Erde ihres Erbes.«

Sie warf sich in seine Arme.

»Nein, Klörke,« sagte der Student mit edlem Stolz, »Du bleibst, bis ich mir ein Leben erkämpft aus eigener Kraft, und Dich zu mir rufen kann! Gott ist über uns allen, und Gottes Gesetz steht über den Gesetzen und Gebräuchen der Menschen, und wären sie tausend Jahre alt! Gelobe mir, hier auszuharren, bis ich Dich fordern werde; wenn der Vater mich auch fortschicken darf, Dich darf er nicht fortschicken, denn Du bist sein ihm anvertrautes Mündel, ich nur sein Sohn!«

»Ich gelobe es Dir!«

»Und ich bin Deine Schwester,« schrie unter Tränen die Engel, und stampfte wie ein trotziges Kind mit dem Fuß. »Ich will doch sehen, wer mich zwingen kann, der Klörke den Hof zu nehmen, der ihr gehört! Nicht wahr, Wilm?«

»Ich mag ihn auch nicht! Der Teufel soll mich holen, wenn ich's tue!«

»Man minnt un sinnt, un doch nicht find't!« brummte Jochem. »Art läßt nimmer von Art!«

Der Student wandte sich zu seinem Vater. »Leben Sie wohl, Vater! Ich danke Ihnen, selbst für Ihre Härte, denn ich fühle, daß sie besseres aus mir machen wird, als ich gewesen bin. Ich verlasse Ihr Haus ohne Groll und mit edleren Gefühlen, als ich sie bisher gehegt, noch in dieser Stunde, und lasse mein bestes im Schutz Ihrer Ehre – mein verlobtes Weib!«

Er wandte sich zur Tür und hatte diese bereits erreicht, als die Stimme des Meier rief: »Halt!«

»Komm hierher! Ich wußte es, daß es so kommen würde,« fuhr der Meier fort, »ein sächsischer Kopf bricht eher, als er sich beugt. Doch, was Recht ist, muß Recht bleiben, und der Brüninghof darf nur einen echten Colonen zum Herrn haben. Ficht denn den Kampf aus mit Deinem Vater und der alten Zeit, Du Vertreter der neuen Rechte und Ansprüche! Wenigstens sollst Du nicht sagen, daß ein Sohn des Söllenhofs ohne Mittel hinausgestoßen sei ins Leben. Eure Mutter selig hat bare viertausend Taler als Brautschatz mir mitgebracht, und ich habe das Geld verwaltet für ihre Kinder. Hier nimm Dein mütterliches Erbe, diese zweitausend Taler in Scheinen und unterschreib' die Quittung!«

»Vater …«

»Unterschreib! Es ist Dein Recht! Das meine ist, daß der Söllenhof keine Nacht mehr einen Ungehorsamen und Neuerer unter seinem Dach sehen soll! Schreib!«

Er schob ihm das Geld und die bereits vorher fertig gestellte Quittung zu. Der Sohn unterschrieb.

»Und jetzt sind wir beide fertig miteinander, der Peter mag die Füchse anspannen für Dich! Wenn Du wenigstens ein ganzer Mann wirst, auch nach Deiner Façon, soll mich's freuen, das zu hören – um Deiner Mutter willen.«

Er nickte und ging nach der Tür. »Du hast's selbst gesehen, Jochem, es kommt eine neue Zeit – die Zeit des Ungehorsams, wo die Kinder sich die Herren dünken über die Väter, und die Untertanen über den König! – Gott besser's! – Wenn er fort ist, komm zu mir!«

Er verließ das Zimmer, eine Stunde darauf fuhr Hinrik vom Söllenhof!

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