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Ein Programm.

Es war zu Berlin, im Jahre 1861. Die Königlichen Theater waren seit dem 22. Januar wieder geöffnet, der Eröffnung des Landtags am 14. war die feierliche Weihe der 142 Fahnen der durch die Reorganisation der Armee neugeschaffenen Regimenter und Bataillone gefolgt und damit diese Umbildung der Heereskraft als fait accompli hingestellt, das nicht mehr abhängig sein konnte von der Zustimmung oder dem Groll der Opposition des Abgeordneten-Hauses, die in der Zeit der Regentschaft immer breiter und kecker ihr Haupt erhoben und die Gelegenheit günstig geglaubt hatte, die souveräne Herrschaft des Parlaments im Staate zu ertrotzen und die alten Gelüste von 1849 zur Wirklichkeit zu machen.

Es war Abends 8 Uhr. Die Fenster-Vorhänge des bekannten Arbeitszimmers König Wilhelm I. waren niedergelassen. Das mittelgroße, dreifenstrige Eckzimmer hat zwei Türen, die den Fensterwänden gegenüber liegen. Das eine nach Norden gelegene Fenster hat die Aussicht auf den Platz am Eingang der Linden und die Universität, die beiden anderen gehen auf die Veranda nach dem Platze am Opernhaus.

Die Ausstattung entsprach vollständig den Charakterzügen des Monarchen, den nach so manchen trüben Erfahrungen seiner früheren Jahre Gottes Wille bestimmt hatte, in seinen alten Tagen jeden Kranz des Ruhms, der Ehre und Liebe um seine Heldenstirn zu flechten.

An dem Veranda-Fenster stand ein Rahmen, den Erinnerungs-Kalender des Monarchen enthaltend, und jeden Morgen, wenn der Herrscher sein sehr einfaches Soldatenlager, das niedere Feldbett, verlassen hatte und in sein Arbeitszimmer trat, ging er erst zu dieser Stelle. Einer der Kammerdiener legte am frühen Morgen in diesen Rahmen die dem Tag entsprechende Tafel, welche das Datum, einen Spruch aus der Bibel oder einen Denkspruch aus den Schriften der Klassiker aller Nationen, die historischen Erinnerungen des Tages, die Regierungserlasse, Reisen, Familienereignisse, militärischen Reminiscenzen, wichtigen Audienzen und Unterredungen, kurz die ganze Geschichte des Herrschers an diesem Tage seit 1797, dem Jahre seiner Geburt, enthielt, zusammengestellt von seinem Vorleser, dem Geheimen Hofrat Louis Schneider. In diesen Kalender trug der Kaiser selbst oft noch Erinnerungen oder neue Ereignisse seines Lebens ein.

Zwischen dem Kalender und dem Fenster nach den Linden, mit der Schmalseite an diesem stand der Schreibtisch des Herrschers; niedrige Fensterschirme vor den untersten Scheiben verhinderten, daß man ihn von Außen her an diesem Schreibtisch sitzen sah.

An der Rückwand des Schreibtisches standen die Miniaturbilder oder Photographieen der Kinder und Enkel des Königs, und hinter derselben auf Postamenten die Marmorbüsten seines Vaters, seiner geliebten Schwester, der verstorbenen Kaiserin von Rußland, Prinzessin Charlotte, und Friedrich des Großen.

Gegenüber dem Sitz des Königs hingen an der Wand die Ölbilder seiner Gemahlin und seiner Eltern. Der ganze Raum hinter dem Schreibtisch war den großen historischen und den Familien-Erinnerungen gewidmet und auch der kleinste Gegenstand hatte für den Herrscher seine liebe oder wichtige Bedeutung.

Die Fensterwand über einem alten, schon aus der Jugendzeit des Monarchen herstammenden Zylinder-Bureau gehörte den Erinnerungen aus den Befreiungskriegen und an die befreundeten Monarchen.

An dem Schreibtisch und in der Mitte des Zimmers standen mehrere große Tische neben einander, auf die täglich die eingegangenen Rapporte, Meldungen, Bittgesuche, Depeschen, Zeitungen und Briefe gelegt wurden, die der König stets selbst öffnete. Auch an den Wänden standen noch Tische und ein Sopha, bedeckt mit Büchern, Plänen, Mappen und Zeichnungen. In kleineren Repositorien dazwischen und darüber stand und lag die Handbibliothek des Herrn: eine Bibel, ein Gesangbuch, die Rang- und Quartierlisten der europäischen Armeen, die Gesetzsammlung, die stenographischen Berichte des Landtags. Vor einem hohen Lehnstuhl stand ein gewöhnlicher Kontorbock zum Aufschrauben; – nur ein einziger Stuhl, der vor dem Schreibtisch, befand sich im Zimmer.

Zwei Personen waren in dem Arbeitszimmer des neuen Monarchen. Der König selbst saß auf dem einfachen Stuhl vor einem der Tische und betrachtete einige Zeichnungen und Kupferstiche, die ein großer schlanker Herr in der kleinen Kammerherrn-Uniform ihm vorlegte. Der Referierende mochte etwa fünfundfünfzig oder sechsundfünfzig Jahre zählen, hatte ein freundliches ziemlich gutmütiges Gesicht und dunkles, bereits mit Grau gesprenkeltes Haar. Die Ordensschleife zeigte die Bänder mehrerer hoher Orden.

»So, lieber Graf,« sagte der König, die Bilder sorgfältig zusammenlegend und dem hohen Beamten reichend, »ich bin vollständig mit Ihren Vorschlägen einverstanden und bitte, die Sache in allen weiteren Bestimmungen als das ausschließliche Departement Ihrer Majestät der Königin zu betrachten. Der Gedanke, die Feier ganz nach den von König Friedrich I. bei der damaligen ersten Krönung getroffenen Etikette-Anordnungen einzurichten, ist gut, bis auf die Punkte, die ich Ihnen angedeutet und deren Änderung ich mir vorbehalten. Ein König von Preußen trägt jetzt die Krone durch die Gnade Gottes und durch den preußischen Degen, nicht durch die Gnade Österreichs. Diese Chronik über die damalige Krönung enthält in der Tat manches Interessante, das ich noch nicht wußte. Von wann sagen Sie doch, daß der Wagen für die Königin datiert?«

»Eine halb verlöschte Inschrift zeigt die Jahreszahl 1788. Hofbildhauer Alberti hat diese Zeichnung für die Renovation vorgelegt.«

Der König besah einige Augenblicke das Blatt, dann sagte er lächelnd: »Wenn Ihre Majestät und die Kronprinzessin mit der Erhaltung der alten Form zufrieden sind – ich bin es gewiß, um so lieber, als ich in dem alten steifen Kasten nicht zu sitzen brauche. Ein König von Preußen gehört für solche Tage auf sein Pferd. Und nun, Exzellenz, bitte ich Sie, sich bei Ihrer Majestät melden zu lassen, die Sie mit der Kronprinzessin und dem ganzen gelehrten Damenschweif, voran natürlich unsere kluge Kambyses, erwartet, um sich Ihre Bilder zeigen und Ihre Pläne vorlegen zu lassen. Nur bitte, Exzellenz, machen Sie es mit dem gebührenden soliden Glanz, aber nicht gar zu kostspielig, denn wir brauchen unser Geld vielleicht bald zu ganz anderen Dingen, und unsere getreuen Kammern sind nicht grade sehr eingenommen für Extraordinaria. Also guten Abend, lieber Graf.« –

Die Adjutantur des Königs befindet sich links vom Niedergang zu der prächtigen Waffenhalle, die an den Hauptflur stößt. Dort oder in dem Fahnenzimmer warten gewöhnlich die Herren, die zum Vortrag befohlen sind.

Der Ober-Zeremonienmeister Graf Stillfried Alcantara hatte eben das Kabinet verlassen, als sofort der Adjutant vom Dienst erschien.

»Seine Exzellenz der Herr Minister des Auswärtigen.«

»Ich lasse bitten.«

Gleich darauf trat durch die Tür des gewöhnlichen Vortragzimmers, das, an das Arbeitskabinet des Königs anstoßend, in der Front nach den Linden liegt, der Minister des Äußern ein, eine zierliche Mappe von dunklem Maroquin unter dem Arm.

Der König hatte sich erhoben und sich an seinen Schreibtisch in die Nische des Fensters gestellt, wo er gewöhnlich die Vorträge seiner Minister und Räte anzuhören pflegte.

Herr von Schleinitz, bis zu seiner Berufung in das Ministerium der neuen Aera Gesandter in Hannover, war damals 52 Jahr alt. Das blasse, von schwarzem Bart umrahmte Gesicht, die elegante Gestalt, die ruhigen Bewegungen, Alles paßte zusammen, und in der Tat vermochte er ebenso gut den feinen Hofmann zu machen, als Hasen zu schießen und politische Kammerkrakehler abzuführen, in einem Salon zu unterhalten und in einer lustigen Herren-Gesellschaft seinen Mann zu stellen.

»Guten Abend, Exzellenz,« sagte der König heiter nach der ehrerbietigen Begrüßung des Ministers. »Sie werden sich gewiß gewundert haben, daß ich so außer aller Regel Sie heute Abend zum Vortrag bescheiden ließ, aber ich war am Tage außergewöhnlich beschäftigt und mußte den Großherzog und die Großherzogin von Weimar empfangen, die zu meinem morgenden Geburtstage gekommen sind. Ich weiß nicht, woher es kommt, daß ich die Zahl Vierundsechszig immer für bedeutsam für mich gehalten habe, und so möchte ich nicht in mein vierundsechszigstes Jahr treten, ohne mit dem vorhergehenden abgeschlossen zu haben. Anticipieren wir daher, wenn Sie vorbereitet sind, unsere gewöhnliche Quartalsschau der politischen Verhältnisse.«

Der Minister verbeugte sich und nahm ein Papier aus seiner Mappe. »Euer Majestät haben zu befehlen.«

»Geben Sie mir die kurze Übersicht seit dem Tode meines Bruders. Ist es Ihnen hell genug?«

»Bitte untertänigst. Darf ich mit England beginnen?«

»Ganz, wie Sie wollen.«

»Unsere Beziehungen zu diesem Lande sind die besten. Lord Palmerston benutzt freilich jede Gelegenheit, seine alte Politik auf dem Festlande fortzusetzen: Zwietracht und Uneinigkeit zu stiften. Der Carlismus in Spanien wird ganz offen von ihm unterstützt, während er in Italien die liberalen Prinzipien hätschelt. Der Sturz der bourbonischen Dynastie in Neapel ist zum großen Teil durch die englische Politik und den englischen Kredit möglich geworden, aber ich glaube, man wird sich in Bezug auf die sardinischen Konzessionen an den englischen Handel, zu denen man freilich Spanien zwingen konnte, täuschen. Augenblicklich gibt es drei gefährliche Klippen für die englische Politik.«

»Welche meinen Sie?«

»Die erste ist der Kampf, der sich in Amerika zwischen dem Süden und dem Norden entspinnt. Euer Majestät ist bekannt, daß am 18. Februar der Kongreß der Südstaaten seine Lostrennung von der Union beschlossen und der neue Präsident Lincoln in seiner Rede vom 4. März sich für Zwangsmittel ausgesprochen hat gegen das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Südstaaten. Der Kampf wird ernst und blutig werden. Die deutschen Interessen berührt die Sache nur wenig, höchstens kann sie dazu dienen, die durch die schändlichste Spekulation geschürte Auswanderungslust zu vermindern. Aber England wird seine Position in diesem Streit nehmen müssen, und wenn es Neutralität beobachten will, grade durch diese und seine Handelsinteressen in die Klemme kommen. – Ein zweiter Anlaß, die Inkonsequenz und Eigennützigkeit britischer Politik darzulegen, tritt in Griechenland hervor. Euer Majestät wissen, daß England nur das Schutzrecht über die ionischen Inseln hat, und daß es dieses zu einer vollständigen Souveränität und Tyrannisierung ausbeutete. Infolge der englischen Erklärungen in der italienischen Frage fordern nun die Ionier ihr Recht auf die gleichen Konsequenzen ihrer Zugehörigkeit zu Griechenland, und das ionische Parlament hat endlich trotz des früheren Hängens und Einsperrens der Opponenten den Mut gehabt, am 12. März offen die Erklärung abzugeben, daß die britische Schutzherrschaft als ein Unglück für die Inseln angesehen werden müsse. Infolge dessen hat man das Parlament aufgelöst, aber nachdem die Bahn gebrochen ist, wird das wenig helfen.«

»Sie sprachen von einer dritten Klippe.«

»Sie liegt in der Zukunft. Es wird eine Zeit kommen, und sie ist vielleicht nicht fern, wo die Regierungen des Kontinents die bisherige englische Einmischung in ihre Angelegenheiten, die Organisation und Protegierung der revolutionären und sozialistischen Agitation auf dem Kontinent sich ernstlich verbitten werden. Wenn nicht alle Anzeigen trügen, wird Frankreich der erste Staat sein, der eine Änderung der bisherigen englischen Politik verlangt. In Rußland herrscht schon lange ein gewisser Groll gegen sie, und die Drohung Palmerstons, Gibraltar zu sperren, wenn die russische Flotte Kronstadt verlassen sollte, um die französische bei Gaëta zu ersetzen, wird auch nicht dazu dienen, die Sympathieen zu erhöhen.«

Der erlauchte Herr erinnerte sich an die Anklagen, die sein Gesandter in Petersburg vor wenigen Wochen erhoben hatte.

»Fahren Sie fort.«

»Frankreich,« berichtete Herr von Schleinitz »hat in diesem Augenblick genügend zu tun, um Deutschland nicht zu inkommodieren. Von dem Abschluß des Kaufs der Adulis-Bai berichtete ich Euer Majestät bereits – die Sache ist England sehr unangenehm, aber nicht mehr zu ändern. Am 19. ist in Paris von den Traktatmächten die Verlängerung der Okkupation Syriens durch die französischen Truppen bis zum 5. Juni unterzeichnet worden – jeder weiteren Hinausschiebung hat sich England entschieden widersetzt. Was die französische Politik in Italien betrifft, so hat meiner Meinung nach die im Februar erschienene, freilich von dem Kaiser Louis Napoleon inspirierte Brochure Laguerronières »Frankreich, Italien und Rom« sicher nicht das letzte Wort gesprochen. Es wird zwar darin gesagt: der Papst müsse dem König Victor Emanuel das Vicariat über den Kirchenstaat übertragen, wo nicht, werde Frankreich seine Truppen aus Rom ziehen, die Piemontesen gewähren lassen und auch nicht dulden, daß eine andere Macht dem Papst zu Hilfe käme, allein grade die Bestimmtheit dieser Drohung und dieses Anschlusses an die englische Politik macht mich stutzig und scheint nicht sehr günstig für die Wünsche des Königs Victor Emanuel. Kardinal Antonelli ist ein kluger Politiker und wird wohl im letzten Augenblick ein Mittel finden, die Gefahr abzuwenden. Vorerst sehe ich die Sardinier noch nicht in Rom.«

»Aber Herr von Vincke wünscht sie dort,« bemerkte lächelnd der König. »In der Tat, der arme König Franz, der sich so wacker in Gaëta geschlagen hat, tut mir leid, und ich habe durch die Haltung unseres Gesandten in Neapel und Turin meine Sympathien für seine legitimen Rechte an den Tag gelegt, so wenig uns sonst die neapolitanischen Vorgänge berühren; indes …«

Der Monarch schwieg nachdenkend – er erinnerte sich der Meinung, die sein künftiger Minister des Auswärtigen so bestimmt für ein Bündnis mit Italien kundgegeben. Herr von Schleinitz wagte einen forschenden Blick, gleichsam sondierend. »Es wird natürlich von der weiteren Entwickelung der Ereignisse in Italien abhängen müssen, welche Stellung die Großmächte auf die Dauer einnehmen können. Von allen hat bis jetzt nur Österreich am 2. März wider den Titel eines »Königs von Italien« protestiert, dagegen die Deputierten-Kammer in Turin am 14. einstimmig den betreffenden Gesetzentwurf genehmigt. Ich greife dem Bericht über die italienischen Verhältnisse vor, indem ich Euer Majestät das Telegramm des Herrn Grafen Brassier aus Turin vorlege, wonach gestern daselbst die Proklamierung des Königs Victor Emanuel zum »König von Italien« erfolgt ist. Das bisherige Ministerium hat abgedankt und Graf Cavour ist mit der Zusammensetzung eines neuen aus Persönlichkeiten der verschiedenen bisherigen Staaten Italiens beauftragt worden.«

Der König nickte ernst mit dem Kopf. »Ja, ja!« sagte er, »wir können es uns nicht verhehlen, es kommt eine andere Zeit; der Kaiser Napoleon hat Recht, die Bestimmungen des Wiener Kongresses halten nicht mehr, der Zünder, den er mit seiner Lehre von den Nationalitäten in die Politik geworfen, entfesselt mehr als einen Brand. Gott gebe, daß die Flamme wärme und belebe, nicht bloß zerstöre! – Fahren Sie fort.«

»Österreich, Majestät,« sagte der Minister, »könnte leicht an Nationalitäten zu Grunde gehen. Die Anforderungen aus Ungarn werden immer ungestümer und das ewige Experimentieren mit neuen Verfassungsversuchen verträgt auch die geduldigste Nation nicht. Nach den neuen Wahlgesetzen vom 7. Januar ist am 26. Februar wieder eine ganz neue Verfassung gegeben. Außer dem Defizit von 64 Millionen Gulden aus dem vorigen Jahr durch die Steuerausfälle in Ungarn ist eine neue Anleihe von 30 Millionen nötig geworden. Dazu noch Religionsstreitigkeiten. Der Bischof von Brixen zum Beispiel hat einen Hirtenbrief gegen die Gleichstellung der Protestanten erlassen. Die höchsten Kreise in Wien werden noch immer sehr von der Kurie beeinflußt.«

»Der arme Kaiser! Konfessionelle Streitigkeiten sind schlimmer als politische, es bedarf einer großen inneren Überzeugung, das Rechte und Gute zu wollen, und dabei fest zu bleiben. Aber Sie sagen mir nichts über die Stellung Österreichs zu uns?«

»Gestatten Eure Majestät, das bei meinem Referat über die Angelegenheiten des Bundes zu tun. Um nochmals Italien zu erwähnen, so hat nach der Kapitulation von Gaëta am 13. Februar am 13. dieses Monats auf den Befehl des Königs Franz zwar auch die Citadelle von Messina kapituliert, aber in den Apenninen sich eine Brigantaggia erhoben, die dem König Victor Emanuel viel zu schaffen macht und beweist, daß man in Süd-Italien doch nicht so allgemein mit der piemontesischen Okkupation einverstanden ist. Der Kampf wird mit großer Erbitterung geführt und von Rom aus in Gang erhalten.«

»Traurige Opfer,« sagte der König, »aber solche Kämpfe müssen ausgefochten werden!«

»Es ist Tatsache, daß man von England dem Papst Asylvorschläge gemacht hat. Ich wittere eine sehr eigennützige Politik dahinter. Wenn der Papst darauf eingehen sollte, würde England eine neue Handhabe gewinnen, den Frieden des Kontinents fortwährend zu stören.«

»Sie mögen Recht haben. Ich habe darüber nachgedacht, ob für den Fall eines gänzlichen Sieges der Revolution in Italien infolge der Zurückziehung der französischen Truppen, es nicht deutsche Pflicht wäre, dem Papst Pius, den ich persönlich hochschätze, als dem Oberhaupt der katholischen Kirche ein Asyl in Deutschland, etwa am Rhein anzubieten?«

»Ich fürchte, Euer Majestät Güte könnte uns da schwere Verlegenheiten bereiten. Haben Euer Majestät die Gnade, sich zu erinnern, welche schweren Nachteile dem Rheinland die Aufnahme der französischen Emigration 1789 bereitete. Freiherr von Canitz berichtet, daß sich am päpstlichen Hofe die Jesuitenpartei sehr rührig zeigt, um die Herrschaft zu gewinnen, selbst gegen den Kardinal Antonelli, der bisher leidlich den kirchlichen Frieden zu erhalten gewußt. Frankreich und Österreich ständen einem solchen Anerbieten weit näher, hüten sich aber davor. Der französische Klerus würde durchaus nicht eine Übersiedelung nach Avignon wünschen, und auch in Österreich seufzt jede gesunde Entwickelung unter den Fesseln des Concordats. Auch das andere Süddeutschland wäre schwerlich damit einverstanden; in Württemberg hat am 16. dieses Monats die zweite Kammer mit großer Majorität von der Regierung das mit der päpstlichen Kurie geschlossene Concordat verworfen.«

»Lassen wir den Gedanken fallen! Herr von Bethmann ist gleicher Ansicht wie Sie.«

»Wie man in Frankreich denkt, beweist die Adreßdebatte vom 6. März im gesetzgebenden Körper. Das Amendement zu Gunsten der weltlichen Herrschaft des Papstes ist nach der offenbar nicht ohne Bewilligung des Kaisers gehaltenen Brandrede des Prinzen Napoleon mit 79 gegen 61 Stimmen verworfen worden. Das einzige Land, welches die Übersiedelung vielleicht ertragen könnte, wäre Belgien.«

»Desto gefährlicher für die Nachbarn! – Haben Sie Berichte aus Polen?«

»Die Demonstrationen in Warschau sind augenblicklich unterbrochen, sei es durch die Nachgiebigkeit der Regierung, sei es, daß die Agitationspartei erst die Wirkung des Manifestes Seiner Majestät des Kaisers Alexander vom 3., wodurch die Leibeigenschaft in Rußland aufgehoben wird, abwarten will. Ich muß jedoch Euer Majestät darauf aufmerksam machen, daß es nötig sein wird, der Agitation im Großherzogtum und in Westpreußen einen Damm entgegen zu setzen. Die Sache ist allerdings nicht mein Departement, indeß der Antrag des Herrn von Nigolewski und der polnischen Fraktion im Abgeordneten-Hause ist schlimmer, als die revolutionäre Adresse der Warschauer an den Kaiser. Dort hat man nicht den zehnten Teil dessen zu verlangen gewagt, was hier die polnische Fraktion ganz offen als ihre Forderung aufstellt.«

»Ich verstehe recht gut, lieber Schleinitz, was Sie damit sagen wollen. In Rußland fürchten sie Sibirien, hier trotzen sie auf die stets bewiesene Nachsicht. Ich habe den Antrag erst flüchtig zu lesen vermocht. Können Sie mir die Hauptpunkte wiederholen? Indeß lauten die Berichte des Herrn von Bonin, wie mir Schwerin sagt, durchaus nicht bedenklich.«

»Graf Schwerin wird vielleicht bei dem am 20. gestellten Antrage Gelegenheit gehabt haben, sich eines anderen zu überführen. Ich habe kein Recht, schwärzer zu sehen, indeß – der Name Bonin ist bedeutungsvoll für Posen.«

»Also der Antrag?«

»Derselbe lautet: ›In Erwägung und so weiter, die Erwartung auszusprechen, daß endlich wenigstens die nach dem positiven Völkerrechte garantierte territoriale Einheit des ehemaligen polnischen Gesamtstaats vom Jahre 1772, sowie die den Polen innerhalb dieser Grenzen zugestandenen politischen und nationalen Rechte zur vollen Geltung und Ausführung gelangen, und daß dieselben nicht fernerhin willkürlich von den verpflichteten Mächten, denen auf Grund des Wiener Traktats Teile Polens unter den stipulierten Bedingungen zugeteilt wurden, verkümmert werden.‹«

»Aber das ist das Verlangen eines Krieges mit Rußland und Österreich oder die Sanktionierung der Revolution zur Wiederherstellung des alten polnischen Staates.«

»Dieser Gedanke ist zwischen den Zeilen der Begründung zu lesen, und in diesem Sinne wurde der Antrag auch von der großen Majorität der Kammer aufgefaßt. Ich halte die polnischen Abgeordneten trotz ihrer leidenschaftlichen Explikationen doch für zu klug, als daß sie nicht wissen sollten, daß ihr Verlangen ohne eine gänzliche Wiederherstellung Polens praktisch unmöglich auszuführen ist. Der Antrag ist also bloß gestellt, um der in Russisch-Polen angebahnten Revolution, wie Euer Majestät so treffend bemerkten, eine Sanktionierung zu erteilen und die diesseitige Regierung einzuschüchtern, damit man der Unterstützung der Erhebung aus Posen und Preußen nicht zu scharf auf die Finger sehen möge. Denn obschon sehr excentrische Köpfe unter den Antragstellern sind, glaube ich doch kaum, daß einer von ihnen den Erfolg einer bewaffneten Erhebung im preußischen Polen für möglich halten kann.«

Der König schwieg längere Zeit, dann sagte er in sehr ernstem Ton: »Ich habe gewiß herzliche Teilnahme für das Nationalgefühl dieser Herren; indeß sie vergessen zu sehr, daß sie seit fast hundert Jahren Preußen sind, und daß ihr Eid und ihre Pflicht dem Staate Preußen gehört. Wir haben die Verhältnisse in den Staaten nicht gemacht, mir sind sie in vierter Generation überkommen, und die Geschichte hat eben so gut ihre Verjährung, als das bürgerliche Gesetz. Ihr müssen auch diese Herren sich fügen lernen. Sprechen Sie es aus, als meinen ernsten, festen Willen. Ich habe nicht Lust, um solcher Exklusivitäten halber Leben und Eigentum meiner anderen Untertanen gefährdet zu sehen. Der Kaiser von Rußland ist Preußens natürlicher Verbündeter durch die Interessen des Staates und die Bande des Blutes. Er hat den besten Willen, seinen Untertanen gerecht zu werden und ihr Wohl zu fördern, das hat die große und wahrlich schwere und für ihn nicht ungefährliche Tat der Aufhebung der Leibeigenschaft bewiesen. Ich werde nicht um einiger Empörer und Unruhstifter willen diese Freundschaft auf's Spiel setzen. Die preußische Regierung wird mit voller Energie verfahren, und ich werde den Herrn Justiz-Minister ersuchen, danach die Staatsanwälte zu instruieren. Ich habe keine Sympathien für eine polnische Revolution, denn ich habe die feste Überzeugung, daß sie nur das wahre Volk schädigt.«

Der Minister verbeugte sich. »Ich hoffe, daß die Debatte über den Antrag Niegolewski, der vorläufig der Geschäftsordnungs-Kommission zur Prüfung über die Zulässigkeit überwiesen worden ist, volle Gelegenheit geben wird, die Meinung der Regierung auszusprechen.«

»Also zu Dänemark!«

»Herr von Balan berichtet, daß keine Aussicht zu einem Nachgeben des Königs sei. Man beharrt auf der Inkorporierung Schleswigs und die Versprechungen, die Herr Hansen hier machte, erweisen sich als bloße Finten, um Zeit zu gewinnen, bis man eines auswärtigen hinreichenden Schutzes sicher ist. Herr von Balan, oder vielmehr unser General-Konsul in Kopenhagen, Dr. Quehl, dem wenigstens Tätigkeit und ein scharfes Auge nicht abzusprechen sind, berichtet, daß der Konferenzrat Halsteen in dieser Angelegenheit vor einigen Tagen nach London gesandt worden ist und die Mission hat, von dort auch nach Paris zu gehen, wo sich der Legationsrat Hansen, der uns hier Versprechungen machte, bereits befindet.«

»Und die Herzogtümer selbst?«

»Der holsteinschen Ständeversammlung, die in diesen Tagen in Itzehoe eröffnet wird, soll der Entwurf einer neuen dänischen Gesamtstaats-Verfassung vorgelegt werden. Man erwartet die einstimmige Ablehnung desselben und dann verschärfte Danisierungs-Maßregeln – unter'm Schutz von England oder Frankreich.«

»Wie lautete doch der letzte Beschluß des Bundestags?«

»Derselbe ist datiert vom 7. Februar. Die Versammlung beschloß, daß das Budget der Herzogtümer Holstein-Lauenburg für das mit dem 1. April beginnende Finanzjahr von der dänischen Regierung nicht ohne Zustimmung der holstein'schen und lauenburgischen Stände festgesetzt werden könne. Sie hat binnen 6 Wochen von der dänischen Regierung eine ausdrückliche Erklärung verlangt, daß diese dem Bundesbeschluß vom 8. März des vorigen Jahres bezüglich des Provisoriums nachkommen werde. Dieser Beschluß forderte, daß alle dänischen Gesetzvorlagen, welche dem dänischen Reichstag zugehen, auch den Ständen von Holstein und Lauenburg unterbreitet werden, daß kein Gesetz in den Herzogtümern eingeführt werde, welches nicht vorher die Zustimmung der Stände erhalten hat.«

»Im Fall der Verweigerung?«

»Die Ausführung der angedrohten Bundes-Exekution.«

Der König sah den Minister scharf an. »Finden Sie nicht eine gewisse Inkonsequenz darin, daß man der dänischen Krone in Bezug auf die beiden deutschen Provinzen verweigert, was man zum Beispiel für das Recht Preußens oder Rußlands in Bezug auf die ehemalig polnischen Landesteile erkennt?«

»Euer Majestät haben das ganze Sachverhältnis und den Unterschied der beiden Fragen in einem einzigen Wort ausgedrückt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Der › ehemalig polnischen‹. Ein polnischer Staat existiert nicht mehr, sowohl durch das Recht der Eroberung, als die völkerrechtlich gültigen Traktate. Die »ehemalig polnischen« Landesteile sind anerkannt in den Besitz anderer Staaten übergegangen und preußische, russische oder österreichische Provinzen geworden. Ein Deutschland existiert aber noch, wenn nicht ein Deutsches Reich, so doch ein Bund der deutschen Staaten, und ein Teil dieser Länder sind die deutschen Herzogtümer, die nur durch Personal-Union: nicht dem Staate Dänemark, sondern dem Könige von Dänemark unter Ausschluß der weiblichen Thronfolge unterworfen sind.«

»Das ist's! Und dies Verhältnis, das Sie mit wenigen Worten klar gelegt, ist es auch, was mich beruhigt und geleitet hat. Da wir aber jetzt beim Bundestag sind, lassen Sie uns in dessen Angelegenheiten fortfahren, doch wollen wir die Verhandlungen über die Reform der Bundeskriegs-Verfassung ausschließen.«

»Euer Majestät habe ich schon früher die Ehre gehabt, auszusprechen, daß die Wiener Einflüsse dort noch immer überwiegen. Graf Rechberg ist ein tendenzmäßiger Gegner Preußens, noch mehr Herr von Beust. Graf Platen, Herr von Mohl, Freiherr von Schenk, Herr von Dalwigk mit Anderen, haben sich von Herrn von Beust ins Schlepptau nehmen lassen, und die Stimmen, auf welche wir mit Sicherheit rechnen können, sind sehr in der Minorität. Unsere Gegner bereiten sich vor, den unvermeidlichen Anträgen auf eine Reform des Bundes ihre Sonderinteressen entgegen zu setzen. Es sollte mich wundern, wenn diese nicht schließlich in der Form einer Trias-Idee Ausdruck erhielten, Herr von Beust hat allerlei Großmachtsgelüste und schreibt sehr gern Noten; um Euer Majestät die Wahrheit zu sagen, Herr von Usedom erklärt, daß wir ziemlich isoliert im Bunde stehen.«

»Desto weniger Rücksichten werden wir zu nehmen brauchen. Von welchem Tage datierte die Erklärung der Preußischen Zeitung gegen den Darmstädtischen Antrag in Betreff der Zulässigkeit des Nationalvereins?«

»Vom 14. Januar. Ich habe den Artikel hier.«

»Bitte, lesen Sie ihn vor.«

»Derselbe sagt: Nachdem die preußische Staatsregierung Preußen wiederholt als den natürlichen Vertreter der deutschen Einheitsbestrebungen bezeichnet und die nationale Idee als die innerste Triebfeder ihrer Politik bekannt hat, würde sie sich selbst verleugnen, wollte sie die Hand bieten zur Verfolgung irgend welcher Vereine, welche sich vorgesetzt haben, durch das Mittel der geistigen Arbeit und in den Schranken der bestehenden Landesgesetze für die Annäherung an das Ziel einer festeren Einigung der Nation zu wirken.«

Der König hatte bei der Verlesung des Satzes wiederholt zustimmend genickt.

»Ich glaube,« fuhr der Minister fort, »daß grade infolge dieser Erklärung die Gegner Preußens irgend einen Schachzug vorbereiten werden. Eine Beratung des Darmstädter Antrags wird nach dem Bericht des Herrn von Usedom offenbar absichtlich verzögert.«

»Nun – sollte sich nicht irgend ein Heißsporn finden lassen, welcher auf Beschleunigung der Entscheidung dringen kann?«

»Euer Majestät denken an den Herrn Herzog von Coburg?«

»Es könnte auch einer der Gegner sein! Indeß – Herzog Ernst hat allerdings das nächste Interesse daran, da ja der Verein seinen Sitz in Coburg hat Der Gesandte für Coburg-Gotha stellte in der Tat am 16. Mai einen solchen Antrag.. Glauben Sie nicht, daß ich die Gefahren verkenne, welche der Nationalverein in sich birgt, wenn er erst Souveränitätsgelüste bekommt und sich in die Politik mischt, eine Gefahr, die eigentlich aus den leitenden Persönlichkeiten hervorgehen dürfte, indessen läßt sich Anregung der Reform von Seiten der Nation selbst nicht leugnen, daß er auch seine Verdienste hat und die vertritt. Wenn die Herren sich nur erst von den Frankfurter Marotten freimachen könnten, daß der Parlamentarismus ein deutsches Reich schaffen kann!«

»Die Leitung der Frage wird eine stärkere und geschicktere Hand brauchen, als die meinige. Euer Majestät habe ich schon ein Mal gebeten, sie in eine solche zu legen.«

»Die Zeit kann kommen, Exzellenz,« sagte der König mit milder Würde, »aber – ich wiederhole es Ihnen – ich glaube nicht, daß sie schon da ist. Sie müssen sich daher gedulden und ausharren, grade so gut, wie ich! Wir haben diese Umgestaltung der preußischen Politik nach Innen und Außen, welche man die »neue Aera« nennt, zusammen begonnen, und dürfen das Schiff jetzt nicht bei dem ersten Sturm im Stich lassen. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen bei der ersten Sitzung meines Ministeriums als mein Programm andeutete – ich stehe heute noch ganz auf demselben Boden. – Ich erkläre mich zufrieden mit der bisherigen Leitung Ihres Ministeriums und danke Ihnen dafür.«

Eine leichte Bewegung der Hand zeigte dem Minister, daß der König den Vortrag für beendet ansah, und Herr von Schleinitz schloß mit ehrerbietiger Verbeugung seine Mappe. Als er durch das Vortragszimmer ging, blieb er einen Augenblick stehen – die Haltung des Königs bei der Erwähnung der italienischen Frage, die energische Erklärung in Betreff der Polen und die Stimmung für den Nationalverein gaben dem gewandten Diplomaten gering zu denken.

»Es muß etwas vorgegangen sein,« dachte er. »Graf Schwerin wird einen schweren Stand haben in der Kammer, und ich glaube nicht, daß Graf Bernstorff lange mein Portefeuille führen wird. Aufgepaßt, und kokettieren wir ein wenig mit Herrn von Vincke.

»Guten Abend, Exzellenz,« begrüßte er, in das Adjutanten-Zimmer tretend, den dort harrenden Kriegsminister. »Seine Majestät scheinen heute absolut noch alle Geschäfte erledigen zu wollen, um für den morgenden Tag Zeit und Gedanken frei zu haben. Seine Majestät sind in der besten Stimmung, und –« fügte er flüsternd hinzu, in halb vertraulichem, halb sarkastischem Ton – »wir müssen schon noch einige Zeit Kollegen bleiben!«

»Was mich und die anderen Herren gewiß nur freuen kann!« Die grade biedere Natur des Generals begnügte sich mit der kurzen Höflichkeit. Es war bekannt genug, daß der General nur ungern in dies Ministerium getreten war und nur dem König zu Liebe, den er hoch verehrte, und der großes Vertrauen zu ihm hegte, darin verblieb.

Der General, 1803 geboren, war eine imponierende Erscheinung, ein Mann ganz nach dem Herzen des Königs und für sein großes Werk geeignet, mit einem besonderen Verwaltungstalent, scharfem, politischem Blick, kühnem Entschluß und Energie der Durchführung eine große Arbeitskraft und Berufstreue, parlamentarische Befähigung, Ruhe und Selbstbeherrschung und großes Wohlwollen verbindend. Sein praktischer Geist war rasch in den großen Reformplan der Armee, mit dem sich der Regent seit langen Jahren trug, eingegangen, und seine Umsicht und Tätigkeit hatte dessen Ausführung in aller Stille vorbereitet.

»Seine Majestät erwarten Exzellenz!«

Der General in fester militärischer Haltung folgte dem Flügel-Adjutanten und trat in das Arbeitszimmer.

Der König kam ihm entgegen und reichte dem treuen Diener die Hand.

»Guten Abend, lieber Roon! Sie sollen heute Abend den Schluß machen, ich habe Ihr Gesicht mir bis zuletzt aufgespart, um mit guter Erinnerung aus all dem Ärger und Verdruß des alten Jahres in mein neues hinüber zu gehen. Bringen Sie mir die gewünschte Zusammenstellung?«

»Zu Befehl, Majestät.«

Der König sah nach den Schlußzahlen. »Für 1860 waren es 31 Millionen 417,247 Taler, für dieses Jahr fast 35 Millionen – dazu das Extraordinarium der Kriegsbereitschaft 5½ Million gegen Eilfmalhunderttausend des vorigen, also fast 7½ Millionen – aber wenn wir die Grundsteuer haben, wird der Staat es ohne Beschwerung der Finanzen tragen.«

»Die Marine, Majestät, ist noch immer sehr stiefmütterlich bedacht! Im Ordinarium nur 968 928 Taler und für das Extraordinarium 1 Million 145 000 Taler – selbst das kleine Dänemark gibt 2 Millionen.«

»Nun, nach und nach, lieber General; wenn Sie erst nach unserem Plan ein besonderes Ministerium der Marine und dessen Leitung übernommen haben, wird sich das wohl ändern. Ich würde in der Tat glauben, Sie gehörten zum Nationalverein, der mit Gewalt wieder eine deutsche Flotte haben will, wenn ich nicht wüßte, daß Sie an der Küste geboren sind, und die Ostsee Ihr Wiegenlied gesungen hat.«

»Majestät kennen sehr wohl meine Überzeugung,« sagte mit einer gewissen Treuherzigkeit der Minister, »daß die Kraft und Zukunft des preußischen Staates hauptsächlich auf der Armee und ihrem guten Zustand beruht! Aber Deutschland hat eine weitgestreckte Küste, und seine Handelsflotte ist bereits die drittgrößte der Erde. Deutsche wohnen überall auf dem ganzen Erdball, betriebsam und tätig, für ihren Fleiß, ihre Ehrenhaftigkeit lange nicht genug gewürdigt, ja unter einem gewissen Druck der öffentlichen Meinung, da ihnen der Schutz der Heimat fehlt. Diesen Schutz ihnen geben, diese Achtung ihnen erringen, das kann eben nur eine Flotte. Das fühlt auch die ganze Nation und deshalb die fortwährenden Bestrebungen, zu sammeln, Vorschläge und Anträge zu stellen. Dieser Geist muß angeregt und warm gehalten werden – wenn auch etwas Tüchtiges, Ganzes, natürlich nicht durch Vereine und Vereinsreden, sondern nur dadurch geschaffen werden kann, daß ein großer Staat es mit seiner Steuerkraft in die Hand nimmt. Die norddeutsche Küste hat einen trefflichen Stamm von Seeleuten, der jetzt in den Marinen aller Länder zerstreut ist. Deshalb habe ich mit voller Überzeugung den Plan der ostasiatischen Expedition unterstützt. Eurer Majestät erhabene Vorgänger bis zum großen Kurfürsten hinauf, haben keine Sympathien für die Bildung einer Kriegsmarine gehabt, die Verhältnisse Europas, namentlich die deutsche Zerrissenheit, die doch endlich einmal ein Ende finden muß, waren auch nicht danach angetan; aber sie haben ein Soldatenvolk herangebildet, das allen Gefahren zur See wie zu Lande steht. König Friedrich II. hätte Preußen nicht zur Großmachtstellung im Kreis der europäischen Staaten erheben können, wenn König Friedrich Wilhelm I. ihm nicht geordnete Finanzen und eine geschulte Armee hinterlassen hätte. Auf dem Erbe Friedrich des Großen und Ihres erhabenen Vaters, Majestät, werden Allerhöchstdieselben nicht Preußen, sondern Deutschland einen neuen Glanz erringen, dessen bin ich sicher, und das gebe Gott. Die Armee bedarf jetzt nur eines Feldzugs, um für alle späteren schweren Kämpfe, namentlich gegen den deutschen Erbfeind gekräftigt zu sein.«

»Ich werde nie mutwillig oder zu ehrgeizigen Zwecken das Blut meiner Landeskinder opfern, sondern nur wo es gilt, die Ehre Preußens, die Ehre Deutschlands zu wahren!«

»Ich bin nicht Ihr Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Majestät, aber ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage: es liegt schon jetzt Blutgeruch in der Luft auch für uns, nicht bloß in Italien, Polen oder der Türkei. Ich wiederhole, Gott gebe, daß es in den drei Phasen kommt, wie ich mir denke und wünsche.«

»Und wie denken Sie es sich, oder wie wünschen Sie es, mein lieber General?« fragte der König mit ernstem Lächeln.

»Zuerst, Majestät, wünsche ich, daß wir noch eine kurze Zeit Ruhe haben, um hier die inneren Verhältnisse konsolidieren zu können und um mit den böswilligen oder unverständigen Opponenten in der Kammer fertig zu werden.«

»Es wäre ein großes Glück!«

»Dann halten Eure Majestät nur fest an der Armee-Organisation – nötigen Falls bis zu einem Appell an das Land.«

»Schwerin meint, daß selbst Neuwahlen kein anderes, vielleicht ein noch schlimmeres Resultat ergeben würden.«

»Ich bin derselben Meinung, obschon immer ein treuer Kern bleiben wird. Die Leute reden sich immer mehr in den demokratischen, oder wie sie es jetzt nennen: fortschrittlichen Schwindel hinein. Aber, Majestät, eine Abgeordnetenwahl ist noch lange nicht die Stimme des ganzen Landes, sondern nur das Resultat der geschicktesten Überredung ehrgeiziger Führer. Deshalb eben ist die Krone da, um festzustehen als Fels in all' dem Wogen des Parteikampfs, und wenn ihr Träger sich seines redlichen Willens und seiner guten Ziele bewußt ist, dann mag er sagen: bis hierher und nicht weiter!«

»Das ist, was ich denke. Deshalb habe ich mich entschlossen, diese Epoche der parlamentarischen Kämpfe und des Parteitreibens meinem Ministerium zu überlassen und so ruhig als möglich an mir vorübergehen zu lassen, bis unser Werk Wurzeln geschlagen hat, die man nicht so leicht aus dem guten Boden ausreißen kann.«

»Diese Heißsporne des neuen Deutschlands vergessen die große Lehre der Geschichte, daß sich solche Taten nicht mit Reden und Vereinen vollziehen, sondern mit dem Kitt des Blutes, und daß man dazu eine starke Armee, nicht Parlamente hinter sich haben muß; daß, wenn sie also ein großes und geeinigtes Deutschland erzielen wollen unter Preußens Führung, sie vor allem die preußische Krone stärken müssen, nicht schwächen. Ich wünsche der neu organisierten Armee eine erste Gelegenheit, die Tüchtigkeit und Beweglichkeit des neuen Verbandes zu zeigen, das wird ebenso wirken, wie die erste Erscheinung unserer jungen Marine in den Gewässern anderer Weltteile.«

»Aber diese Gelegenheit?«

»Wird ein Krieg mit Dänemark für die deutschen Rechte geben.«

»Ich fürchte, die Frage bleibt mehr eine Sache der Diplomaten. Wir gewinnen höchstens eine neue Sonderregierung in das Flickwerk des deutschen Bundes. Schon zeigen sich verschiedene Prätendenten.«

»Das wird unter keinen Umständen geschehen, denn wenn es so weit ist, wird diese Frage am besten dazu dienen, mit der Spitze des Schwertes die künftige Suprematie in Deutschland zu entscheiden.«

Der König sah den Minister betroffen an. »Ein Krieg mit Österreich? woran denken Sie!«

»Wenn Euer Majestät nicht Österreich bekriegen und aus dem deutschen Bunde werfen, wird Österreich Ihnen über kurz oder lang den Krieg erklären. In einem geeinigten Deutschland haben Österreich und Preußen nicht nebeneinander Platz. Glauben Euer Majestät mir, die österreichische Regierung sinnt bereits auf einen Schachzug in Deutschland, der den Frieden von Villafranca, den man uns zuschreibt, ausgleichen soll. Die Verhandlungen über die Reform der Bundeskriegsverfassung, die ich Euer Majestät raten würde, von unserer Seite abzubrechen, beweisen, daß man in Wien noch nicht einmal gesonnen ist, uns Gleichberechtigung zuzugestehen.«

»Ich habe selbst daran gedacht. Stellen Sie den Antrag im nächsten Ministerrat. Ich muß gestehen, es würde mir sehr schwer werden, Österreich durch einen Krieg zwingen zu müssen, unsere Stellung im deutschen Einigungswerk anzuerkennen. Ich glaubte, daß nach dem Besuch des Kaiser Napoleon im Juni vorigen Jahres, dem ich absichtlich die größte Öffentlichkeit zu geben mich bemühte, meine Zusammenkunft mit dem Kaiser Franz Joseph in Teplitz jeden Groll beseitigt hätte!«

»In der Person des jungen Kaisers – gewiß! Aber der Kaiser Franz Joseph, Majestät, ist nicht die österreichische Politik. Man kann die erlangte Suprematie von Olmütz nicht vergessen und die frühere Kaiserkrone von Deutschland, selbst in den äußeren Formen, sonst hätte man die deutschen Reichskleinodien längst aus der Wiener Hofburg nach Aachen zurückliefern müssen. Das preußische Königtum wurde erst perfekt durch den siebenjährigen Krieg, die preußische Suprematie in Deutschland kann erst perfekt werden durch einen neuen Krieg mit Österreich!«

»Dann gebe Gott, wie auch die Entscheidung falle, daß es nicht einer von sieben Jahren, sondern von sieben Tagen sei!«

»Das wäre die zweite Phase, die mir vorschwebt als die Aufgabe der neuen Armee für das Ziel der Einigung Deutschlands. Die dritte Station …«

Der König unterbrach ihn.

»Ich gedenke den Besuch des Kaisers Napoleon noch vor der Krönung zu erwidern. Pourtalès hat bereits die Andeutung gemacht. Der Kaiser Louis Napoleon ist mir bei unserer Unterredung in Baden-Baden sehr offen entgegengekommen und hat nur friedliche Tendenzen geäußert. Er erklärte mir ganz offen, daß die fortwährenden Kriegsdrohungen und Kriegsengagements eine sehr nachteilige Einwirkung auf die französische Industrie ausgeübt und große Mißstimmung hervorgerufen hätten. Der Kaiser proponierte sogar einen neuen französischen Handelsvertrag mit dem Zollverein.«

»Und zu gleicher Zeit«, sagte der General, »erschien in Paris jene Brochüre des Herrn Edmont About »Preußen im Jahre 1860«, die, wenn sie auch nur den Charakter eines Fühlers der öffentlichen Meinung hatte, indem sie ein preußisch-französisches Bündnis predigte, mit eben solcher Zustimmung in Frankreich, wie mit Mißtrauen und Erbitterung in Deutschland aufgenommen wurde.

Der König ging an eines des Repositorien seiner Handbibliothek und nahm eine kleine Schrift heraus, die er dem Minister gab.

Es war die damals in Berlin erschienene Flugschrift, » Gallischer Judaskuß« mit dem Motto: »Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt«.

»Ich denke,« sagte er ernst, »man wird sich meiner Worte bei der Eröffnung der Rhein-Nahe- und Saar-Bahn erinnert haben und auch der Kaiser Napoleon hat sie gekannt: › Preußen wird niemals dulden, daß auch nur ein Fußbreit deutschen Landes verloren geht!‹ Aber ich wiederhole Ihnen, der Kaiser Louis Napoleon hat mir keine solche Andeutungen gemacht.«

Der General beugte sich auf die Hand des Königs und küßte sie. »Euer Majestät werden Ihren Getreuen nicht die Schmach antun, zu glauben, daß auch nur einer je den Gedanken eines Zweifels daran gehegt hat. Dies Wort ist die Hoffnung und das Vertrauen aller derer, die es in Wahrheit wohl meinen mit der deutschen Zukunft, und desto törichter ist es von jenen Mitgliedern der Kammer-Opposition, welche die materielle Bürgschaft jener wahrhaft königlichen Erklärung, die Mittel der neuen Gestaltung der preußischen Armee weigern oder schmälern wollen. Denn, Majestät, was nicht geschehen ist, das wird über kurz und lang dennoch eintreffen. Die Rheinlande sind eine französische Tradition, der sich diese unruhige Nation mit Vorliebe hingibt, und Kaiser Napoleon, wenn er auch jetzt ernstlich einer Politik des Friedens mit Deutschland und der Abwartung seiner Entwickelung huldigt, kann durch die Gewalt der Revolution und aus dynastischen Rücksichten gezwungen werden, einen solchen Versuch zu machen. Aus diesem Grunde wird es gut sein, mit den deutschen Verhältnissen dann in Ordnung zu sein.«

»Ich glaube, wir machen uns zu viele Sorgen über die Zukunft. Der Kaiser Napoleon ist noch kräftig und mächtig genug, die revolutionären und ehrgeizigen Gelüste seiner unruhigen Nation im Zaum zu halten, und – soll ich Ihnen meine ehrliche Meinung sagen: es gäbe in der Tat kein besseres und sicheres Mittel, die deutsche Einigkeit herzustellen, als es ein französischer Angriff auf deutsches Land und deutsche Ehre sein würde, dessen halte ich mich zur Ehre unseres deutschen Volkes versichert. Aber die Vorsicht und Vorbereitung wollen wir natürlich niemals aus den Augen verlieren, und dafür, lieber Roon, wollen wir beide auch unter unangenehmen Verhältnissen tapfer ausharren, und ich rechne dafür auf Ihre aufopfernde Anhänglichkeit, bis die Zeit gekommen, wo ich Ihnen Kollegen geben kann, die Ihnen sympathischer sind. Und nun lassen Sie uns nochmals die einzelnen Ansätze der Etats der genauesten Prüfung unterwerfen, um zu sehen, bis zu welcher Grenze Sie eine Nachgiebigkeit zeigen dürfen, ohne das Ganze zu schädigen.«

Der königliche Kriegsherr begann darauf mit seinem Minister eine angestrengte Arbeit.

Es war gegen Mitternacht, als der Minister das Palais verließ.


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