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Der Alte vom Berge.

Es war am Abend des zweiten Tages, nachdem die kleine Karawane des Lord Walpole Arkiko verlassen. Man hatte auf den Rat des Arztes in derselben Ordnung, wie dies geschehen, mit möglichster Beschleunigung den Marsch fortgesetzt, und da dies auf der gewöhnlichen Karawanen-Straße nach Chartum geschah, hatte selbst der koptische Führer keine Einwendungen gemacht, wahrscheinlich weil er wußte, daß hier die Verfolger, nachdem ihre Abreise bekannt geworden wäre, sie doch bald erreichen mußten.

Erst als man sich den Vorbergen des Djebel Langay näherte und das felsige Terrain die Auffindung der Spuren des Zuges erschweren mußte, wandte sich der Beduine Achmed, den der Scheikh Abu Beckr den Reisenden mitgegeben, nach rechts in die Berge, statt den Weg in grader Richtung über den Abhang des Gebirges nach den Ufern der Lidda und des Mareb fortzusetzen.

Zadek legte seine Hand auf den Zügel des neben ihm Reitenden. »Mein Bruder irrt sich,« sagte er, »der Weg nach Chartum geht dort hinaus!«

Der Arzt ritt mit Adlerblick dicht hinter ihnen und hatte die Worte gehört. »Der Freund des Inglese Aga,« sagte er, »ist ein Kundiger der Pflanzen und Steine, wie Du vielleicht schon gehört haben wirst, und wünscht in diesen Bergen einige Studien zu machen. Da wir Zeit genug haben zu unserer Reise, hat es der Aga gestattet.«

»Aber ich bin nicht für den Weg da gemietet,« beharrte der Kopte. »Laßt mich gehen, damit ich nach der Stadt zurückkehre.«

»Und uns Deinem Herrn El Maresch verrätst,« rief der Arzt ohne weiteres. Jalla, jalla Vorwärts!, und nimm den Weg zwischen die Beine Deines Tieres oder –« und er machte eine bezeichnende Bewegung, die sofort die beiden Trapper wiederholten, » anex raith adrabak!« Ich werde Dich durchprügeln.

Diese Drohung zeigte dem Spion, daß er durchschaut, und daß man entschlossen war, ihn nötigenfalls mit Gewalt zurückzuhalten. Da er die Europäer in Besitz von Schießgewehren wußte und das Tier, daß er ritt, sich in der Schnelligkeit mit den Pferden der anderen Reiter nicht messen konnte, sah er sich überlistet und gefangen und mußte jeden Gedanken an Flucht aufgeben, bis sich eine günstigere Gelegenheit finden würde. Er spielte anfangs mürrisch den Beleidigten über das gezeigte Mißtrauen und enthielt sich jeder weiteren Einsprache, ja, er gab seinen Platz an der Spitze des Zuges auf und gesellte sich zu den Treibern der Tiere, die das Gepäck der Reisenden trugen, mit denen er sich bald in allerlei Gespräche einließ. Kurz, er schien sich nunmehr mit der gewöhnlichen Gleichgiltigkeit des Orientalen in sein Schicksal gefunden zu haben, obschon der Doktor Walding und Adlerblick nicht versäumten, ihn scharf zu beobachten.

Der Arzt hatte seinen Diener Kumur gerufen und ihm gesagt, daß es sich darum handle, an der Stelle, wo sie von dem gewöhnlichen Wege abgewichen, und eine Strecke auf dem neuen hin die etwa zurückgebliebenen Spuren zu verwischen, um eine Verfolgung irre zu führen. Der Kanadier Ralph begleitete den schwarzen Sklaven, der dabei Gelegenheit hatte, zum erstenmal seinen Eifer und seine Anstelligkeit für die Interessen der ganzen Gesellschaft zu zeigen.

Die Sonne geht in dieser Breite und Jahreszeit schon gegen 5 Uhr unter, und die Reisenden hatten kaum eine passende Stelle zu ihrem Lagerplatz in einer Schlucht erreicht, deren Wände wenigstens den Schein der Feuer verdeckten, als die Dunkelheit mit der den Tropengegenden eigenen Schnelle die Berge verhüllte. Bald nachdem das mitgenommene leichte Zelt für die beiden Frauen aufgeschlagen war und ein ähnliches für den Lord, den Arzt und den Naturforscher, erschienen Kumur und der Kanadier wieder bei der Karawane und erstatteten Bericht über die Erfüllung ihrer Aufgabe.

Jetzt erst beim Schein der lodernden Feuer hatte man Zeit, sich ausführlicher über die vorhergegangenen Ereignisse auszusprechen, die namentlich dem kleinen Professor viel Kopfzerbrechen zu machen schienen, während die Fürstin, Lord Frederik und selbst der Arzt eine gewisse Zurückhaltung bewiesen. Von Zeit zu Zeit blickte der Viscount forschend auf seine schöne abenteuerliche Schutzbefohlene, als erwarte er, daß irgend eine in ihr auftauchende Erinnerung auch der seinen über die Erscheinung in der alten Kirche einen festeren Halt geben würde; aber die Fürstin schien in dieser Beziehung ganz unbefangen, wie ja schon die Erklärung des Arztes über die Wirkung des angewandten Betäubungsmittels vorausgesagt hatte. Es genügte ihr zu wissen, wer ihr geheimnisvoller Feind gewesen, sie hielt dem Arzt das Versprechen, den Lord nicht darüber aufzuklären, und so blieb dieser in der Meinung, die Entführung der Frauen und die drohende Verfolgung allein als ein Werk des Negus und seiner neuen Feindschaft gegen die Engländer zu betrachten.

Auch Tank-ki schien einer trüben melancholischen Stimmung zu unterliegen; von Zeit zu Zeit hob ein schmerzlicher Seufzer den Busen des chinesischen Mädchens, und ihre Blicke wandten sich wie sehnsüchtig zurück in das Dunkel des zurückgelegten Weges und in der Richtung nach der Bai von Arkiko, in welcher der französische Dampfer ankerte. Man hatte ihr gesagt, daß der Schuß Adlerblicks ihr Leben vor den gefräßigen Zähnen der Hyänen gerettet hatte, und das Mädchen bemühte sich wiederholt, ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen.

Der Trapper mit dem sicheren Blick und der sicheren Hand hielt seine Aufmerksamkeit scharf auf die geworbenen Leute gerichtet, in deren Mitte Zadek Platz genommen hatte und seinen Schibuck rauchte, während die Araber den Kaffee von Gondar an dem Feuer bereiteten. Er hatte mit seinem Kameraden Ralph und dem Beduinen Achmed verabredet, während der Dauer der Nacht eine Doppelwache am Eingang der Schlucht aufzustellen, und Doktor Walding, dem man die beschlossene Vorsichtsmaßregel mitteilte, war sofort bereit, mit Kumur sich an den Ablösungen zu beteiligen.

Der einzige, der wortreich die Unterhaltung führte, war der Professor, obschon der ungewohnte Ritt auf dem Dromedar seinen körperlichen Zustand dazu keineswegs sehr geeignet gemacht hatte.

»Dieses Gebirge oder Djebel, wie es im Arabischen heißt, dieser Djebel Langay ist eigentlich noch wenig von Gelehrten beschrieben,« docierte er. »Darum, Freund Smith, war es sehr unrecht, daß Ihr nicht meinem Wunsche nachgekommen seid, die Steine, die ich Euch unterwegs bezeichnete, aufzubewahren, um mir Gelegenheit zu geben, an unseren Rastorten daran Studien zu machen. Denn obschon zwischen diesem Djebel Langay und der sogenannten arabischen Bergkette nur ein geringer Zusammenhang stattfindet und die nubische Wüste, die wir auf unserer Wanderschaft durchziehen sollen, dazwischen liegt, so ist dieses abgesonderte Gebirge doch unfehlbar als eine Fortsetzung jenes großen Gebirgsrückens zu betrachten, und es wäre leicht möglich, durch die Entdeckung von Spuren der Granite und Syenite, ja vielleicht gar jener grünen Breccia, die schon in der vierten Manethonischen Dynastie benutzt wurde, vielleicht auch des berühmten dunkelroten Porphyrs vom Djebel Dochan den inneren Zusammenhang mit jener zu beweisen. In einem glücklichen Falle hätten wir vielleicht eine Fortsetzung der im Altertum ausgebeuteten, später verloren gegangenen Goldminen des Djebel Ollâgi oder gar der Smaragdlager von Gebel-Zabâra entdecken können, und es wäre ein Leichtes, tüchtige Bergleute aus dem Harz kommen zu lassen, um dieses Land zu einem glücklichen Nebenbuhler Kaliforniens zu erheben oder jener berühmten smaragdhaltenden Berge am Amur, von denen meine Verlobte und Mündel durch jenen würdigen Khan, ihren Großvater, so eminente Proben erhalten hat.«

Der kleine Professor blickte im Stolz seiner Gelehrsamkeit auch auf dem Gebiet der Mineralogie auf die junge Fürstin, aber Wera war während der Auseinandersetzung in ihr Zelt geschlüpft und schlief dort wahrscheinlich bereits den Schlaf der Gerechten; er schaute auf den jungen Pair und den Arzt, und beide hatten sich auf den Boden gestreckt und schnarchten. Nur der alte kanadische Trapper saß ihm noch gegenüber am Feuer und schaute ihn voll Verwunderung an.

»Ich sollte meinen, Sir,« meinte der Kanadier, »Ihr tätet am besten, Euch auch aufs Ohr zu legen und Euern gerade nicht mit zu vielen Kräften ausgerüsteten Leib zu ruhen, denn wir müssen morgen bei dem ersten Tagesstrahl aufbrechen, um zwischen uns und diese schuftigen schwarzen Reiter des Negus eine möglichst weite Strecke zu legen. Mitgefangen, mitgehangen! heißt ein altes Sprichwort, und ich fürchte, selbst Euer gelehrter Schnickschnack würde Euch nicht vor ihren Lanzen und Säbeln schützen, wenn wir diese kosten müssen.«

Der Professor starrte ihn mit einem unverhohlenem Schrecken an. Man hatte nicht für gut befunden, ihn mit den gehegten Besorgnissen vor einer Verfolgung näher bekannt zu machen, und die Erschütterungen auf dem hohen Dromedar während des scharfen Ritts hatten ihm auch alle Lust genommen, sich an der Unterhaltung der anderen zu beteiligen, so daß er an die Nähe einer besonderen Gefahr gar nicht mehr gedacht hatte.

»Verehrungswürdiger Venator,« sagte er, »was sollten die Reiter dieses schwarzen Königs noch mit friedlichen Reisenden zu schaffen haben? Ich glaube, Ihr irrt Euch und treibt nur Euren Scherz mit mir.«

»Ich urteile nach dem, was ich von Doktor Clifford gehört habe und folge dem Befehl meines jetzigen Gebieters. Folgt meinem Rat, Sir, und schlaft einstweilen unbesorgt wie ich, da das beste Auge in drei Weltteilen – ich meine damit meinen Kameraden Adler – wollt ich sagen Brown, die erste Nachtwache hält!«

Der Gelehrte fügte sich dem gegebenen Rat und kroch in das Zelt zu seinen Gefährten. Die Nacht verging in der Tat ohne weitere Störung; Adlerblick und der Sklave des Arztes hielten mit zweien der gemieteten Führer die erste Wache und wurden dann von Ralph und dem Beduinen Achmet abgelöst.

Das erste Grauen des Tages zeigte sich über den Kuppen der Bergwände, als der Ruf des ehemaligen Bärenjägers die Schläfer weckte und die Zeit zum Aufbruch verkündete. Der erste, der auf den Beinen war, war Adlerblick, und sein erster Blick galt der Stelle, wo zwischen ihm und dem Feuer an der Seite seines Maultiers der koptische Führer sich niedergelegt hatte. Die Dämmerung ließ die in den weiten arabischen Mantel gehüllte Gestalt erkennen, die mit dem verhüllten Kopf auf dem Sattel ruhte, und schon wendete der Jäger, sich des Mißtrauens schämend, sich zu dem Zelt des Engländers, als ein Rest jenes Gefühls ihn veranlaßte, im Vorübergehen dem Kopten einen Fußstoß zu geben, um ihn zu wecken. Aber der Fuß des Trappers trat nur auf die leeren Falten des Mantels, dessen geschickte Drapierung die Täuschung aufrecht erhalten hatte, als ruhe dort noch die Gestalt des Kopten – der Mann selbst war darunter nicht zu finden.

Ein barscher Fluch des Trappers und der Ruf: »Verrat! Hierher, Ralph! der Schurke ist auf und davon, schlimm genug für Eure Wachsamkeit!« brachte sofort den Bärenjäger und bald auch die Europäer und Kumur an seine Seite. Man überzeugte sich rasch, daß es in der Tat der Schlauheit und Gewandtheit des koptischen Spions gelungen war, die Aufmerksamkeit der zweiten Wachtposten zu täuschen, ja, als man die Gesellschaft näher betrachtete, zeigte es sich, daß die beiden Diener, die mit Ralph und dem Beduinen die zweite Nachtwache gehalten, und noch drei andere von der in Arkiko gemieteten Mannschaft den dichten Morgennebel benutzt hatten, um sich von ihren Posten und aus dem kleinen Lager zu schleichen.

Offenbar hatte der Spion des Negus sie zur Desertion zu verleiten gewußt und es war als ein Glück anzusehen, daß auf Anweisung des Doktors die beiden Trapper dafür gesorgt hatten, die Flinten sämtlich in dem Zelt des Viscounts niederzulegen, sonst hätten sie gewiß wenigstens die ihnen anvertrauten Waffen mit fortgenommen; ja, es zeigte sich bald, daß auch auf die noch zurückgebliebenen Treiber und Diener wenig zu rechnen war.

Als man nämlich auf den Vorschlag Doktor Waldings zu einem kleinen Kriegsrat zusammen getreten war, gelangte man bald zu der Einsicht, daß unter diesen Umständen nicht zu erwarten war, die eingeschlagene Richtung werde ihren Feinden verborgen bleiben, wenn wirklich eine Verfolgung beabsichtigt worden. Und für diese Absicht sprach deutlich die Flucht des ihnen als Führer aufgedrungenen Spions. Dieser war sicher sofort nach Arkiko oder zu den Soldaten des Negus zurückgekehrt, um sie auf ihre Spur zu führen, wenn er ihnen nicht gar unterwegs schon begegnete. Nach dem Versprechen des Scheikh Abu-Beckr durfte man ihn mit seinen Reitern am nächsten Morgen an der verabredeten Stelle im Gebirge erwarten,« um dann unter seinem Schutz die Reise fortsetzen zu können; aber bis dahin galt es, sich zu verbergen, um nicht in die Hände der gewiß mit Übermacht herankommenden Verfolger zu geraten, oder wenigstens einen geeigneten Platz zu erreichen, an dem man mit Erfolg sich verteidigen konnte.

Für das Erstere stimmten der Arzt und Achmed, der arabische Führer, für das Zweite der Lord, die beiden Trapper und seltsamer Weise auch die Fürstin, die das Gefährliche und Nutzlose eines bloßen Verbergens betonte, bei dem sie schließlich noch die Ankunft ihres wackern arabischen Freundes verfehlen könnten.

Am Ende beschloß man, beide Pläne zu verbinden, und zunächst so rasch wie möglich den Marsch tiefer ins Gebirge hinein fortzusetzen, da auch in dieser Richtung der weithin sichtbare seltsam gestaltete Felskoloß lag, an dem Abu-Beckr mit seinen Beduinen sie treffen wollte. Doktor Walding hatte bereits bei Beginn der Beratung den noch zurückgebliebenen Dienern den Befehl gegeben, die Zelte abzubrechen und die Tiere möglichst rasch wieder zu beladen, aber es konnte ihm nicht verborgen bleiben, daß dies Geschäft mit einer gewissen Verdrossenheit betrieben wurde, und als sie endlich im Begriff waren die Pferde und Dromedare zu besteigen, kam Kumur zu dem Arzt, um ihm zu melden, daß die Leute bis auf einen sich weigerten, weiter nach Osten in das Gebirge zu ziehen.

»Und warum das?«

»Sie fragen, ob der Inglese-Aga einen Paß von dem »Herrn des Gebirges« hat und verlangen, ihn zu sehen, dann wollten sie redlich ihre Pflicht tun.«

Lord Walpole, der eben der Fürstin in den Sattel geholfen hatte, kam eilig herbei. »Was gibt es? warum brechen wir nicht auf?«

Doktor Walding berichtete ihm die Ursache.

»Der Herr des Gebirges? Wer ist damit gemeint?«

»Sie werden bereits von jener geheimnisvollen Sekte der Ismaëliten oder Assassinen gehört haben, Mylord, die schon zur Zeit der Kreuzzüge bestanden hat und zwar in Kuhistan und in Persien schon im dreizehnten Jahrhundert unterdrückt worden ist, allen Berichten nach aber in den arabischen Bergen in einem Zweige sich bis auf die heutige Zeit erhalten haben soll. Man erzählt viel Schlimmes von ihnen und grade das Geheimnisvolle ihrer Existenz mag die ungemeine Furcht vor ihnen im Volke hervorrufen, obschon sie wohl eben nichts anderes als eine der gewöhnlichen räuberischen Tuarek-Banden sind, welche die Wüste durchstreifen und die Karawanen plündern. Wir müssen mit unseren Leuten reden und ihnen die abergläubische Furcht zu benehmen suchen; denn selbst, wenn wir bis in das Gebiet dieses unbekannten Stammes getrieben werden sollten, was ich nicht hoffe, droht uns wahrscheinlich von ihnen weniger Gefahr, als wir von den Fanghunden des Negus oder jenes Feindes zu fürchten haben, der noch niemals von der Spur seines gewählten Opfers gewichen ist.«

»Was soll das heißen, Männer?« sagte er, »warum verweigert Ihr den Dienst, zu dem Ihr gemietet, und für den Ihr in voraus Lohn empfangen habt?«

Der Viscount blickte ihn fragend an – aber der Doktor ging, ohne darauf zu achten, rasch zu der Gruppe der gemieteten Führer und Begleiter.

Es waren ihrer noch sechs, die meisten koptische Christen, nur zwei oder drei Muhamedaner. Der Älteste von jenen machte sich zum Stimmführer.

»Bei der heiligen Mariam!« sagte er. »Dein Bart, o Hakim, ist grau genug, daß Du wissen müßtest, ein Ding ist ein Ding, und ein anderes ist ein anderes. Wir sind von Dir für den englischen Aga gemietet, ihn auf der Karawanenstraße nach Chartum zu begleiten, aber dieser Weg ist nicht der unsere. Laßt uns umkehren und den Übergang über den Mareb suchen, und Du sollst keine eifrigeren Diener sehen, als uns.«

»Du bist im Irrtum, Freund,« behauptete der Arzt. »Eure Dienste sind nicht für eine bestimmte Straße gemietet, sondern überhaupt, um uns auf dem Weg nach dem Nil zu begleiten. Der Herr hat das Recht, seinen Weg zu bestimmen, und der Diener muß ihm folgen.«

»Nicht, wenn er in das Land dieser von Gott verfluchten Haschischi's führt. Ich bin ein Mann, der heilige Joseph weiß es, und bis an die Ufer des Bahr el Asrek Der blaue Nil. gekommen, aber ich mag meinen Kopf nicht zwischen die Zähne dieses Henkers stecken, der schlimmer ist als Eblis und Satan zusammen.«

»Seid Ihr Memmen? Pfui, schämt Euch, wegen eines Gespenstes Eurer schreckhaften Einbildung zu Wortbrüchigen zu werden! Der Inglese-Aga ist bereit, jedem von Euch, der nicht dem Beispiel jener feigen Verräter folgen wird, die uns heimlich verlassen haben, zehn Theresientaler zu dem bedungenen Lohne zuzulegen, wenn wir den Nil erreicht haben.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Und wenn Du mir hundert versprichst – es wäre eine Sünde gegen die heilige Mariam, sich in das Gebiet dieses Teufelsohns zu wagen, ohne einen Paß mit seinem Siegel, der uns Freiheit und Leben sichert. Wenn Du uns keinen solchen Talisman aufweisen kannst, nützt uns alles Gold des Inglese nichts.«

»Aber, Mann, wo sollen wir hier in der Wüste einen solchen Paß oder Talisman herbekommen?«

Der Mann zuckte die Achseln. »Der Hakim ist ein Gelehrter, er weiß mehr als ein armer Kameeltreiber. Er möge einen Boten schicken zu dem Scheikh-el-Djebal in seine Teufelsfeste Gengarab, die keinen Boden unter den Füßen hat und in der Luft schwebt, wie die Anhänger Mahomeds von dem Sarg ihres falschen Propheten behaupten. Wir wollen an dieser Stelle warten, bis der Bote eine Antwort bringt oder überhaupt nicht wiederkehrt, denn das ist das Schicksal Aller, die vor seinem verhüllten Angesicht, das noch kein Sterblicher gesehen hat, keine Gnade finden. Du hast gesehen, daß wir keine Betrüger sind, sonst hätten wir Euch wie unsere Kameraden heimlich verlassen können. Aber wir wollen unsere Augen offen behalten und unsere Köpfe auf unseren Nacken.«

»Ist dieser schurkische Verrat, der sich unter der Maske eines, wie Ihr wohl wißt, unausführbaren Rates verbirgt, Euer Aller Meinung, oder gibt es noch Männer unter Euch, die Mut und Ehre genug haben, ihr Wort zu halten?«

»Die Heiligen sollen uns behüten, wir gehen nicht weiter!« schrien die Männer.

Der Arzt hatte, bei allem Unwillen, der ihn erfüllte, bemerkt, daß einer der Männer nicht in den allgemeinen Ruf eingestimmt hatte. Es war der Jüngere der beiden Muselmänner.

»Und Du?« er legte den Finger auf die Brust des jungen Arabers.

»Ich denke, ich fürchte weder den Eblis noch seine Gesellen,« sagte der Jüngling. »Wenn der Inglese-Aga den Lohn verdoppeln will, bin ich bereit, den Scheikh-al-Djebal an seinem Barte zu zausen!«

»Du bist ein Tapferer! Dein Name, Freund?«

»Er ist noch wenig bekannt! – Man nennt mich Aba-Kaissi! – Aber ich hoffe, daß er für einen Gouverneur oder einen Pascha des Bluttrinkers in Stambul nicht zu schlecht sein soll, wenn man mir in den nächsten zehn Jahren nicht den Kopf zwischen die Beine legt!«

Der Arzt reichte dem kecken Abenteurer, der in der Tat zehn bis zwölf Jahre später einer der gefürchtetsten Rebellenführer Abessiniens wurde, die Hand. »Du gehst mit uns! – Mylord, ich bedauere. Ihnen sagen zu müssen, daß Sie am besten tun werden, diese feigen Burschen auf der Stelle zu entlassen und nach Arkiko zurück zu senden, über kurz oder lang würden sie uns doch im Stich lassen, und wir tun also besser, ihnen zuvorzukommen. Unser Entschluß muß rasch sein, denn jede Minute längern Verweilens und unnützer Wortverschwendung an diese Memmen vermehrt die Gefahr, die uns bedroht!«

Nach kurzer Verständigung erklärte sich der Viscount mit der entschlossenen Meinung des Arztes einverstanden. Die fünf Widerspenstigen wurden, nachdem ihnen die geliehenen Waffen abgenommen waren, entlassen, mit dem ernsten Bedeuten, sich, ohne umzuschauen, sofort zu entfernen, wenn sie nicht eine Büchsenkugel hinter sich drein haben wollten, und nach einigem Murren und Schelten und den durch die Energie des Arztes vereitelten Versuch, von dem Lord noch einiges Geld zu erpressen, zogen sie in der Tat ab.

Die Gesellschaft bestand also jetzt aus acht Männern, von denen der gelehrte Herr wenig zu rechnen war, und den beiden Frauen. Da aber die Tiere bereits mit Hilfe der Fortgeschickten beladen waren, erlitt der Aufbruch keine Verzögerung mehr. Adlerblick und der Beduine, Beide wohlberitten und die geeignetsten zu diesem Geschäft, setzten sich an die Spitze, der Lord und Doktor Walding, gleichfalls zu Pferde, begleiteten die Frauen und den Professor auf ihren Dromedaren, und Ralph mit Kumur und dem jungen Abessinier folgten und trieben die übrigen Tiere vor sich her. Es zeigte sich jetzt, daß Aba-Kaissi bereits mehrmals in diesem Gebirge gewesen war, wie sich vermuten ließ, grade nicht in sehr ehrlicher Gesellschaft, sondern als Mitglied einer der umherschweifenden Räuberbanden, und auch Achmed war wenigstens im Allgemeinen mit der Richtung bekannt, die sie zu nehmen hatten. Doktor Walding hatte übrigens jenen Umstand kaum erfahren, als er sein Pferd an die Seite des jungen Aba lenkte und mit ihm ein ausführliches Gespräch begann, infolge dessen der Zug sich immer mehr nach dem Kamm des Gebirges wandte und durch die wildesten, oft kaum gangbaren Schluchten seinen Weg nahm.

Es war um die Mittagsstunde, als man ein langgestrecktes Plateau erreichte, dessen östliche Seite von einer hohen schroffen Bergwand begrenzt war, während der westliche Rand in verschiedenen Schluchten und Tälern zur Wüste abfiel und einen weiten Überblick über diese bot.

Der Beduine hielt an einer Stelle und deutete mit seiner Lanze hinüber nach der Einöde und einem Punkte, der wie feuriges Gold flammte.

»El-Haib!« sagte er zu dem Arzt.

»Wie? Die Nadel der Wüste? Der Ort, den uns der Scheikh bestimmt hat und wo wir ihn erwarten sollen?«

Achmed schüttelte den Kopf zum Zeichen der Bejahung. Doktor Walding nahm das kleine Fernglas, das er besaß, vor das Auge und richtete es nach dem Punkt. Es war ein hoher schmaler Felsen, den die Strahlen der Sonne voll beleuchteten, und seine Oberfläche schien von glattem, spiegelndem Gestein, denn sie glänzte wie geschlagenes Kupfer. Der Arzt erinnerte sich an eine der gelehrten Bemerkungen des kleinen Professors am vergangenen Abend und machte ihn auf das seltsame Aussehen des Felsens aufmerksam. Professor Peterlein schob eiligst den ziemlich langen Tubus auseinander, der wie eine Waffe an seiner Seite hing, und richtete ihn dorthin.

» Me herkule! was sehen meine Augen! Ein glücklicher Zufall hat uns offenbar hierher geführt, und ich möchte – wenn solch ein eitler Zeitvertreib für einen Mann der Wissenschaft sich schickte – meine Ausgabe des Herodot gegen eine Handvoll Tabak wetten, daß dieser Fels oder Obelisk aus dem roten Porphyr des Dochân ist, und Inschriften der marethonischen Dynastien trägt, die mich höchst wahrscheinlich in Stand setzen werden, der Welt den Irrtum Bökh's zu beweisen, der Menus in die erste Zeit der Sophisperiode zu setzen versucht und die Geschichte somit um nicht weniger als fünftausendsiebenhundert und zwei Jahre leugnet. Lassen Sie uns sogleich hinunter eilen …«

»Und den abessinischen Banditen, die uns verfolgen, in die Hände laufen,« bemerkte der Arzt, »die weder vor der Königsliste des Eratosthenes noch vor sonst einer Autorität als der ihrer Säbel und Flinten Respekt haben und allen Forschungen meines werten Lehrers und Freundes eine Ende machen dürften. Vorwärts, Herr Professor, und verschieben wir die Prüfung jenes glänzenden Steins bis zu gelegener Zeit. Wie mir dieser junge Schelm versichert, ist ein Ort ganz in der Nähe, der sich trefflich zu einem Lagerplatz und zur Verteidigung gegen eine Übermacht eignet, und wo wir doch jene Stelle im Auge behalten mögen, an welcher der Scheikh uns mit seinen Reitern treffen wollte, und von wo wir ihn zu unseren Beistand herbeirufen können.«

Trotz der Jahreszeit brannten die Strahlen der Mittagssonne doch noch immer heiß genug, um Allen eine Rast nach dem angestrengten und beschwerlichen Marsch willkommen zu machen. Der junge Abessinier forderte die Mitglieder der ganzen Reisegesellschaft auf, jetzt von ihren Tieren zu steigen, nachdem sie noch eine kurze Strecke gegen die mächtige Bergwand zu ihrer Rechten geritten waren, und führte sie um einen vorspringenden Felsen eine treppenartige Rampe empor. Der Fels drängte sich hier ziemlich nahe an die Felswand, sodaß kaum genügender Raum war, die Tiere hindurch zu führen, nachdem diese enge Passage aber überwunden war, öffnete sich eine halbrunde Schlucht, die für die Dromedare und Pferde in den Mimosen und dem Gesträuch der wilden Feigen genügende Nahrung bot, während gegenüber dem Eingang in etwa doppelter Mannshöhe mit terrassenartigem Vorsprung in der Bergwand eine Höhle oder Spalte sich öffnete, die sowohl zu einem Lagerplatz für die Menschen als auch zur Verteidigung und Beherrschung des abgelegenen Ortes trefflich sich eignete, und von der leicht auch der Gipfel des abschließenden Felsens und die Aussicht auf das Plateau und die Wüste zu erreichen war.

Die Erfahrung der beiden Trapper von ihren Jagdzügen an den Ufern des Colorado her, ließ sie auf den ersten Blick die Vorteile dieses Verstecks erkennen, die sich selbst den weniger kundigen Augen des Lords und des deutschen Arztes kund machten, und man beschloß sofort, hier Posto zu fassen und die Ankunft des Scheikh und seiner Beduinen zu erwarten, die durch Achmed leicht herbeigeholt werden konnten, da die Ausläufer des Hochplateaus nach der Wüste zum Teil ziemlich sanft sich niedersenkten. Die Tiere wurden daher sämtlich in die untere Schlucht getrieben und von Kumur und dem Araber abgeladen, während die Anderen die wertvollsten Teile des Gepäcks in die Höhle brachten, namentlich sämtliche Waffen und Munition. Die eben erst vorübergegangene Regenzeit hatte in einer muldenartigen Vertiefung der Felsen Wasser genug zurückgelassen, um für das Bedürfnis der Menschen und Tiere auf mehr als einen Tag auszureichen und man überzeugte sich leicht, daß man während des Abends und der Nacht auch auf dem Boden der Schlucht ein Feuer werde unterhalten können, ohne daß durch die günstige Lage der Umgebung dessen Schein sie verraten würde.

Man beschloß, daß auf dem einen breiten flachen Raum bietenden Gipfel der vorderen Felswand die Männer abwechselnd Wache halten sollten, da man von hier sowohl das Plateau, als den Eingang der Schlucht und deren Inneres genügend übersehen konnte.

Mit all diesen Vorbereitungen war die Sonne hinter dem Horizont der Wüste niedergesunken.

Die kleine Gesellschaft saß um das Feuer im Grunde der Schlucht, wie am Abend vorher. Kumur hielt auf dem Felsen Wache. Zur Zeit des Sonnenunterganges war auf der weiten Fläche der Wüste und an den Abhängen des Gebirges kein lebendes Wesen, als ein oder zwei Herden weidender Gazellen und zwei arabische Reiter bemerkt worden, die von jenem Felsen her, der »Nadel der Wüste«, nach dem Gebirge zogen und sich bald in dessen Vorläufern verloren, eine zu wenig auffallende und zu unbedeutende Erscheinung, als daß sie hätte Aufmerksamkeit und Befürchtung erregen können.

Während des Gesprächs war der Mond über die östliche Felswand empor gestiegen, und sein weißes intensives Licht lag hell auf dem breiten Plateau und legte über die abfallenden Schluchten und die unermeßliche Ebene der Wüste einen leichten duftigen Schleier.

Das Gespräch der Europäer drehte sich natürlich um die geheimnisvolle Person des seltsamen Herrschers, auf dessen Gebiet man sich allem Anschein nach jetzt befand. Während der Professor sich in weitläufigen Auseinandersetzungen erging, und nachweisen wollte, daß die letzten Reste des furchtbaren Assasinen-Stammes bereits im 13. und 14. Jahrhundert vernichtet worden seien, und die Ismaeliten oder Hosseini's, welche in der Landschaft Kum in Persien wohnen, ebenso wie die in der Gegend von Massiat in Syrien nicht von der von dem furchtbaren Hassan-ben-Sabbah-el-Homairi gestiftete Sekte stammten, begnügte sich Doktor Walding, die Gerüchte mitzuteilen, die unter den Kopten und Arabern über den Gegenstand zirkulierten, und die es außer Zweifel setzten, daß in den nubischen Gebirgen wenigstens ein Stamm von Wüstenräubern fortbestand, die man allgemein als die Abkömmlinge der früheren Assassinen bezeichnet, ja, die sich selbst so nannten. Man wußte nur, daß sie eine verborgene Felsenfeste, Gengarab genannt, inne hatten, von wo ihre Raubzüge in die Wüste stattfanden. Doch sollte noch nie der Fuß eines Uneingeweihten die Burg betreten haben, und verwegene Neugierige, die sich in die Nähe gewagt, das geheimnisvolle und gefürchtete Asyl aus der Ferne zu schauen, waren durch den Stoß eines Dolches oder Säbels ermordet worden. Niemals durch eine Kugel; es war allgemein bekannt, daß die Assasinen sich zu ihren blutigen und geheimnisvollen Taten, zum Angriff und zur Verteidigung, nie des Schießgewehrs, sondern nur des Stahls oder des Gifts bedienten. Dagegen wollte man wissen, daß ihre Sekte in allen Ländern des Nils und an beiden Ufern des roten Meeres viele Anhänger zähle, die in den verschiedensten Lebensstellungen durch ein geheimnisvolles Band untereinander und mit dem obersten Imam verbunden wären, und wenn, was so häufig in diesen Ländern vorkommt, irgend eine unaufgeklärte, von eigentümlichen Umständen begleitete Mordtat vorfiel, so schob das Volk sie gern jener gefürchteten Sekte zu.

Unter diesen grade nicht sehr zur Beruhigung der europäischen Mitglieder der Gesellschaft beitragenden Erzählungen hatte man wenig darauf geachtet, daß schon seit einiger Zeit die lagernden Tiere eine gewisse Unruhe gezeigt hatten, die sich von Minute zu Minute steigerte und jetzt einen so hohen Grad erreichte, daß der Lord dem alten Trapper befahl, nachzusehen, ob die Pferde und Maultiere noch gut angepflockt seien.

Professor Perterlein, dem die Erzählungen des Arztes einen gewaltigen Schauder verursacht hatten, erhob eben seine Stimme, um der jungen Fürstin, seiner Mündel und angeblichen Verlobten zu versichern, daß sie Nichts von diesen sogenannten Haschischins oder Bilsenkrautfressern zu befürchten habe. Selbst dann nicht, wenn sie wirklich existieren sollten, was er zu Ehren der ägyptischen Polizei keineswegs annehmen könne, indem es nach allen Quellen, welche über ihre Geschichte im Mittelalter berichteten, festgestellt sei, daß diese blutdürstigen Assassinen niemals bei ihren Verbrechen Hand an ein Frauenleben gelegt hätten, als ein furchtbarer Ton die Stille des Abends unterbrach und ihm das Wort in der Kehle stocken machte.

Der Ton klang so drohend und gewaltig, daß er auch stärkere Nerven hätte erschüttern können, als die des armen Naturforschers. Ein angstvolles Schnauben und Stöhnen der Dromedare und Pferde folgte dem furchtbaren Laut und alle, bis auf das Pferd des Arztes, versuchten mit Gewalt sich loszureißen, und drängten wie zur Flucht nach dem Hintergrunde der Schlucht. Der Pair und seine Begleiter waren aufgesprungen und hatten die Büchsen ergriffen, die im Bereich ihrer Hand lagen, Adlerblick, der Jäger, aber wollte eben mit der seinen schußfertig nach dem Eingang der Schlucht eilen, als von dorther derselbe Ton noch näher und gewaltiger sich wiederholte und den allgemeinen Schrecken steigerte.

»Das sind Raubtiere!« rief der Lord, »haltet fest zusammen! bringen Sie die Frauen in Sicherheit, Doktor! hinauf in die Höhle mit ihnen, indeß wir die Bestien uns vom Halse halten! Nehmt einen Feuerbrand, Smith, das wird sie verscheuchen!«

Der Professor war von dem Stein, auf dem er am Feuer gesessen, herab geglitten und streckte wie abwehrend seine Hände aus, indem er mit weit geöffnetem Mund und hervorquellenden Augen nach dem Eingang der Schlucht stierte.

»Ein Leviathan! ein Leviathan!«

Aus dem gebrochenen Licht, das der Schein des Feuers dorthin warf, leuchteten drohend zwei grünliche Sterne, ein großer von schwarzer Mähne umwogter Kopf bewegte sich hin und her und weiße Zähne funkelten aus dem gewaltigen Rachen.

»Nieder mit Euch, Sir!« schrie Adlerblick dem Gelehrten zu, »Euer Kopf steht grade zwischen dem Korn meiner Büchse und der Bestie dort.« Der rasch entschlossene Jäger lag auf dem Knie, das sichere Gewehr im Anschlag.

»Halt! schießt nicht! es ist Abraham!« Der deutsche Arzt war es, der die Warnung ausstieß. »Es bedeutet Unheil genug, daß das Tier hier ist, es ist nicht nötig, daß Euer Schuß die Meute seines Herrn hierher lockt. Hierher, Abraham, mein königliches Tier!«

Es war in der Tat der Löwe des Negus, dem der deutsche Arzt furchtlos entgegen ging. Es schien jedoch etwas Eigentümliches mit dem Tier vorgegangen, denn sein jetzt zum dritten Mal wiederholtes Brüllen klang schwer und schmerzlich, und, als es auf den Ruf des Arztes langsam vorschritt, war sein Gang schwankend und unsicher. Jetzt erst, als der Löwe sich dem Feuer näherte und wie ein Hund zu den Füßen des Arztes sich niederkauerte, bemerkte man, daß ein abgebrochener Speer in der Flanke des königlichen Tieres steckte, und eine starke Blutspur aus der Wunde hinter ihm drein zog.

Diese Verletzung mußte noch ganz frisch sein, denn es zeigte sich kein geronnenes Blut um ihre Ränder. Doch fiel es dem Arzt auf, daß der Löwe, den er als ein überaus kräftiges Tier kannte, von dieser einzigen Wunde schon so matt und kraftlos geworden sein sollte, und ein weiterer Blick überzeugte ihn, daß hier noch eine andere Ursache mitgewirkt und dem Jäger den Kampf und Sieg leicht gemacht haben mußte.

Die Zunge des Tieres hing lang hervor und sie war derart geschwollen, schwarz und mit Eiterbeulen bedeckt, daß jede Bewegung dem Tier die empfindlichsten Schmerzen bereiten mußte. Dennoch versuchte es, die Füße des Arztes zu lecken, während seine Augen mit einem fast flehenden Ausdruck auf seinen Freund gerichtet waren.

»Abraham, mein dankbares Tier!« sagte der Arzt, die Hand furchtlos auf den kranken Kopf des Löwen legend, »was kann mit Dir geschehen sein? – Fürchtet Nichts, Freunde, dieses Tier ist nicht mehr im Stande, Jemand zu verletzen – ich glaube vielmehr, ja ich bin überzeugt, daß es in seinen Schmerzen meiner Spur gefolgt ist und mich aufgesucht hat, um von meiner Hand sich Linderung zu holen. Das Tier muß etwas gefressen oder getrunken haben – ich fürchte nach jener Szene im Zelt seines Herrn, daß man ihm dies absichtlich gereicht hat, etwas, das ein böses Gift enthielt, denn dafür spricht der entzündete Zustand seiner Zunge und seines Rachens. Es ist nicht das erste Mal, daß das edle Tier auf weite Strecken hin mich aufgesucht hat, nachdem es mir einmal gelungen, ihm die Tatze zu heilen. – Beruhigen Sie unsere Freunde und die Diener, Mylord, ich bürge dafür, daß der Löwe unschädlich ist!«

»Aber der Speer in seiner Seite?« fragte der Engländer, der mit Erstaunen und einem gewissen Interesse die seltsame Szene beobachtet hatte.

»Er muß auf dem Wege zu uns auf Jäger getroffen sein, die ihn gejagt und verwundet haben. Es muß eine kühne Hand gewesen sein, die dies gewagt hat, und es war ihr Glück, daß das edle Tier schon durch die Krankheit seiner besten Kräfte beraubt war, sonst würde der Schleuderer des Speers schwerlich mit dem Leben davongekommen sein, wenn dies überhaupt der Fall ist. Hört, Freund Ralph, ich weiß, daß ein Mann, wie Ihr, sich nicht fürchtet, und daß Ihr gewiß Mitleid mit dem edlen Tier habt! Reicht mir eine Mulde voll Wasser her, daß ich seine Schmerzen lindere – ich fürchte, das ist ohnehin Alles, was ich tun kann.«

Ehe noch der Bärenjäger das Verlangen des Arztes erfüllen konnte, war die Fürstin bereits zu der Cisterne geeilt und hatte eine große hölzerne Schale mit Wasser gefüllt, das sie trotz der Gegenvorstellungen des Viscount selbst herbeitrug und vor den Löwen niederstellte.

»Abraham und ich kennen uns gleichfalls bereits!« sagte sie. »Es sollte mir leid tun, wenn das prächtige Tier sterben müßte!«

»Ich fürchte, Mylady,« erwiederte der Arzt, »der Mann, den Ihre Hand so mutig damals vor dem Schicksal bewahrte, daß dieses Tier sein Blut trank, ist nicht ohne Schuld an dem Zustand desselben. Aber wir wollen ihn nicht verdammen, denn es ist derselbe, dem wir vielleicht unsere Rettung, wenigstens jene Warnung vor der Gefahr verdanken! Darf ich Sie bitten, Mylord, Kumur von seinem Posten ablösen zu lassen, ich kann seine Hand hier brauchen.«

Der Beduine Achmed übernahm es, an die Stelle des schwarzen Sklaven zu treten, der alsbald zu seinem Herrn herunterstieg und auf dessen Befehl aus dem Gepäck einen kleinen Kasten mit Medikamenten suchte und herbeibrachte. Der Arzt entnahm ihm eine kleine Holzbüchse, aus der ein linderndes Mittel in das Wasser schüttete, das sich alsbald wie Milch färbte. Mit einem Schwämmchen kühlte der mitleidige Mann die geschwollene Zunge und die Lefzen des sterbenden Löwen, der die Wohltat mit winselndem Knurren erwiderte. Auch das Eisen des Wurfspeers versuchte der Arzt aus der Wunde zu ziehen, doch mußte die Spitze fest in einem Knochen haften, denn der mächtige Leib des Tieres zuckte zusammen, und es schlug so mit den Pranken, daß nur ein rasches Zurückspringen den schwarzen Diener vor einer schweren Verletzung rettete. Man mußte sich begnügen, dem Löwen die Schale vorzuhalten, aus der er langsam das kühlende Getränk einsog.

Selbst der kleine Professor hatte jetzt Mut bekommen und sich auf freilich noch immer respektable Entfernung dem kranken Tiere genähert.

»Es haben sich verschiedene Zweifel gegen jene Geschichte des Sklaven Androkles erhoben,« sagte er, den Bärenjäger anstoßend, hinter dessen mächtiger Gestalt er sich wohlweislich verbarg, – »eine Geschichte, von der Ihr wohl in Eurer Jugend gehört haben werdet, da man sie leichtfertiger Weise die Knaben in den lateinischen Schulen unter den Exerzitien übersetzen läßt; aber ich überzeuge mich hier, vielleicht in derselben Wüste und an derselben Stelle, von der Möglichkeit und Wahrheit eines solchen dankbaren Instinktes der Tiere höherer Gattung.«

»Ich weiß Nichts von Euren lateinischen Schulen, Mann, und bin mein Lebtag in keiner gewesen,« erwiderte der Trapper, »aber wer wie ich und mein Kamerad Adler sein halbes Leben in der Prairie und unter den Tieren des Waldes zugebracht hat, der weiß, daß der Herr auch den unvernünftigen Geschöpfen Gaben zugeteilt hat, die den Verstand und das Herz gar manches Menschen beschämen könnten. Selbst der Bison hat den Verstand, sein Junges zu verteidigen, und läßt sich eher töten, als daß er das von der Kugel des Jägers verwundete im Stich lassen würde.«

»Verstand, verehrtester Senator?« disputierte der Professor, »das ist wohl nicht der geeignete Ausdruck. Ihr wollt sagen: Instinkt, und ein solcher in gewissen Grenzen läßt sich allerdings auch den Tieren nicht abstreiten. Indeß …«

Der Lord unterbrach ihn: »Sie fürchteten vorhin, Doktor, daß der Löwe unseren Verfolgern dies Versteck verraten könnte, was meinten Sie damit?«

»Es gab im Lager des Negus nur drei Personen, denen das Tier unbedingt gehorchte: seinem Herrn, mir und dann dem Dedschas Ein General im abessynischen Heer. des Negus, El Maresch, demselben, der als sein Abgesandter auf das französische Schiff kam, und der aus irgend einer Ursache Ihr Feind ist und uns jenen spionierenden Kopten auf den Hals schickte. Der Löwe Abraham diente seinem Herren auf der Jagd und findet eine Spur trotz dem besten Spürhund. Es wäre möglich, daß der Negus selbst in der Nähe lagert. Seine Launen und plötzlichen Entschlüsse sind unberechenbar.«

»Sie sind zu argwöhnisch, Doktor; ich kann überhaupt noch immer nicht glauben, daß wir wirklich verfolgt werden sollten, denn ich sehe die Ursache dazu nicht ein; es müßte denn sein, daß Sie noch andere Gründe zu Ihrem Argwohn haben, als Sie uns bisher wissen ließen.«

»Mylord,« sagte der Arzt sehr ernst, »Sie sind ein Mann, der auf seinen weiten Reisen wohl viele Dinge und Menschen gesehen, und dennoch glaube ich nicht, daß Sie die teuflische Hinterlist und Grausamkeit genügend kennen, die in dem orientalischen Charakter verborgen liegt. Der Löwe der Wüste, der Tiger der Dschungeln ist barmherzig gegen den gelben Mann. Ich dächte, Ihre Landsleute in Indien wüßten davon zu erzählen! Ich habe im Orient gelebt und Dinge gesehen, die mein Haar weiß gemacht haben, obschon ich wohl kaum zehn Jahre älter bin, als Sie!«

»Sie müssen mir mehr von ihrem Lebenslauf erzählen, Doktor, als das Wenige, was ich von unserem Freunde und Lehrer flüchtig erfahren habe. Doch sehen Sie – der Löwe richtet sich auf, trotz seiner Schmerzen.«

In der Tat hatte sich das sterbende Tier auf die Vorderpranken erhoben, der geschwollene Rachen richtete sich gegen den Eingang der Schlucht, und ein heiserer Ton entquoll seiner Kehle.

»Es geschieht, was ich gefürchtet,« sagte der Arzt und griff nach seiner Büchse. »Mylord, es gilt, unser Leben und diese Frauen zu verteidigen. Der Feind ist in der Nähe.«

»Vergessen Sie nicht, Doktor, daß unsere Schildwache das ganze Plateau übersehen kann. Sie würde uns warnen.«

Obschon er die Besorgnis des Arztes nicht teilte, hatte der Engländer doch gleichfalls nach seinen Waffen gelangt und sich erhoben; alle Anderen folgten seinem Beispiel.

»Ich habe in meinem Leben gelernt, auf die Zeichen der Natur zu achten, und in dem Instinkt der Tiere liegt ein untrügliches. Dennoch befremdet mich das Verhalten Abrahams – er kennt die Krieger des Negus.«

»Still! der Beduine dort oben gibt uns ein Zeichen.«

»Was ist's, was siehst Du?« fragte der Arzt leise hinauf.

Der Araber war bis an den Rand des Felsens gekrochen und beugte den Kopf hinab. »Zwei Reiter!« sagte er leise.

»Nur zwei? Sie sind vielleicht die Späher der Schar?«

»Allah kerim! Es sind die beiden Reiter, die am Mittag durch die Wüste zogen von Stein her.«

Das Auge des Beduinen hatte, obschon es die Reiter nur wie kleine bewegliche Punkte auf der öden Fläche erblickt haben konnte, sie dennoch wiedererkannt; der Arzt wußte, daß die Sinne dieser Halbwilden von einer oft fabelhaften Schärfe sind, und deshalb setzte er den Hahn seiner Büchse wieder in Ruhe.

Es herrschte tiefes Schweigen in der Gesellschaft.

Wieder flüsterte der Beduine von der Höhe des Felsens: »Bei dem Propheten, Aga! habt Acht auf Euer Eigentum! Diese Spitzbuben müssen das Gebirge besser kennen als ihre Taschen, denn sie kommen grade hierher!«

Dann hörte man in geringer Entfernung das helle Wiehern eines Pferdes, dem der Berberhengst des Arztes antwortete, und einen kurzen Ausruf des Erstaunens.

Eine volle tiefe Stimme sprach einige befehlende Worte in einer, allen Mitgliedern der Reisegesellschaft unverständlichen Sprache.

Nach einer kleinen Pause erschienen zwei Männer im Eingang der Schlucht.

Der Vorangehende war ein Mann von etwa vierzig Jahren, von einem bei den Orientalen ungewöhnlich großen und kräftigen Körperbau. Er trug ein ziemlich kurzes, blousenartiges Oberkleid, weite, bis an die Knöchel reichende Beinkleider von grüner Farbe und einen langen schwarzen Mantel oder Burnus. Statt des gewöhnlichen Turbans trug er einen kurzen runden, mit grüner Binde umwundenen Stahlhelm von persischer Form, von dessen Spitze zwei schwarze Federn sich erhoben.

Die Bewaffnung des Mannes bestand nur in einer kurzen stählernen Streitaxt und einem gekrümmten Dolch, der in seinem Gürtel hing, während der zurückgeworfene Mantel an seinem linken Vorderarm einen kleinen runden Schild von der undurchdringlichen Haut des Nilpferdes sehen ließ.

Sein Gesicht war schmal und von einem tiefschwarzen, bis auf die Brustknochen herabwallenden Barte umrahmt. Der Blick seiner Augen hatte etwas Wildes, Drohendes. Dennoch aber mußte man sich sagen, daß der Fremde ein schöner Mann, eine imponierende Persönlichkeit war.

Ihm folgte ein Jüngling von etwa sechszehn bis achtzehn Jahren, ganz in weiße, orientalische Gewänder gehüllt, unbewaffnet, und nur in seiner Linken ein Bündel jener kurzen schlanken Wurfspeere von hartem Holz mit scharfer eiserner Spitze tragend, wie die Reisenden in der Seite des Löwen gefunden hatten. Er hatte lange blonde Locken, die unter dem weißen Turban bis auf seine Schultern herabwallten, und sein Gesicht, fast von der hellen Farbe der Europäer war von ungemein sanftem Ausdruck.

» Salamat!« Seid gegrüßt! sagte die tiefe Stimme des Mannes im schwarzen Mantel. »Seid Ihr Fremdlinge, daß Ihr in diesem Tale Obdach sucht, das allein dem Herrn des Gebirges gehört?«

Die Worte waren in der Lingua franca gesprochen, und der Arzt übernahm die Antwort.

» Marhaba! Willkommen. Du redest die Wahrheit! Wir sind Fremde, europäische Reisende, die von Arkiko kommen und durch die Wüste nach dem Nil ziehen wollen.«

»Dies ist nicht der Weg der Karawanen!

»Wir wissen es wohl. Aber wir haben Ursache, eine Verfolgung durch Räuber zu fürchten und deshalb vorgezogen, ein Versteck in diesen Bergen zu suchen.«

»Habt Ihr das Teskareh Paß. des Scheik-al-Dschebal?«

»Wir beabsichtigten nicht, sein Gebiet zu berühren, aber wenn wir uns, durch die Umstände gezwungen, darauf befinden, hoffen wir auf seinen Schutz und sind bereit, ihn zu erkaufen. Vielleicht vermagst Du uns dazu helfen. Marhaba! Tretet näher und nehmt Platz an unserem Feuer. Fürchtet Euch nicht, denn dieses arme Tier ist durch eine schändliche Handlung dem Tode nahe!«

»Du sprichst harte Worte auf das Recht des Jägers, Franke,« sagte der Fremde, näher tretend.

»Der Löwe von Dongola ist ein seltenes Wild in diesem Lande geworden, und, wer eine starke Hand hat, soll ihn nicht entkommen lassen.«

»So war es die Deine, Emir, die ihn verwundet hat?«

»Der Speer Hassans-ben-Simson fehlt niemals sein Ziel. Die Blutspur des Tieres führte mich hierher, und ich komme, es zu töten!«

Er hob langsam die Streitaxt und trat furchtlos auf den wunden Löwen zu, der ihn in halb erhobener Stellung mit glühenden Augen zu erwarten schien.

Der Arzt winkte abwehrend mit der Hand. »Spare die Schärfe Deiner Axt, Emir,« sagte er, »nicht Dein Speer hat Abraham, den Löwen des Negus Theodor, gefällt, sondern die verräterische Hand, die ihm ein Gift gereicht hat, dem er in wenig Augenblicken unterliegen wird. Es dürfte gefährlich sein, seinen Todeskampf zu stören, und ein tapferer Krieger, wie Du es ohne Zweifel bist, sollte nicht einen billigen Sieg über einen kranken Feind suchen, auch wenn dieser ein Tier der Wüste ist.«

»Du redest Wahrheit!« Der Fremde ließ die Axt sinken.

In diesem Augenblick ereignete sich etwas, was das großmütige Eintreten des Arztes für seinen verwundeten Freund leicht zu einem schlimmen Ausgang für den fremden Araber hätte führen können.

Der kranke Löwe schien keineswegs mit den großmütigen Gesinnungen seines Beschützers einverstanden. Sei es, daß er in dem Fremden den Jäger erkannte, der ihn früher verwundet, sei es, daß irgend eine andere Witterung ihn zu einem letzten Ausbruch seiner natürlichen Wildheit, zu einer letzten Aufraffung seiner Kräfte trieb – er schnellte plötzlich in mörderischem Sprung in die Höhe und warf sich mit solcher Kraft auf den Fremden, daß dieser kaum Zeit hatte, den Schild schützend vor seine Brust zu halten, ehe er unter dem Anprall zu Boden stürzte.

Der Löwe stand über dem gefällten Manne und blickte mit grimmigem Blick auf sein Opfer, wahrscheinlich verhinderte nur der Zustand seines Rachens, daß er es nicht sofort zerfleischte.

»Abraham! Zurück! Hierher!«

Ehe der erschrockene Arzt herbeieilen und auf jede Gefahr hin die Bestie von ihrem Opfer trennen konnte, war dies bereits geschehen.

Ein Schuß krachte, der Löwe taumelte von der Brust des Niedergeworfenen und schlug im Todeskampf den Boden, während Ralph, der Bärenjäger, den gestürzten Mann aus dem Bereich seiner umherschlagenden Tatzen zerrte.

Aber nicht der Bärenjäger war es, dessen Entschlossenheit und sicheres Blei den Fremden gerettet hatte.

Neben dem verendenden Löwen stand Wera Wolchonski, die noch rauchende Büchse in der Hand, die sie im Augenblick der höchsten Gefahr mit einem Griff der Hand des Lords entrissen und, die Mündung an den Kopf des Löwen setzend, abgedrückt hatte.

Jetzt stand sie mit hochwogender Brust; ein leichtes fast spöttelndes Lächeln zuckte um ihre schwellenden Lippen, als ihr Auge über den Kreis der Männer lief, die meist in zahlreichen Gefahren geprüft und gestählt waren, und die sie dennoch durch rasche Entschlossenheit beschämt hatte. Vor ihr lag der fremde Jüngling auf den Knien und küßte mit demütiger Geberde ihr Gewand.

»Steh' auf, Knabe!« sagte die Fürstin, »was hab' ich denn getan, daß Ihr mich alle so verwundert anblickt? Es tut mir leid um das Tier, Doktor, aber es war ohnehin verloren, wie Sie sagen, und wir durften doch ein Menschenleben nicht in Gefahr lassen?«

»Sie haben uns beschämt, Fürstin. Nicht dieser Mann allein, wir alle sind Ihnen Dank schuldig für die rasche Tat,« sprach der Viscount, indem er ihr die Büchse aus der Hand nahm. »Ich hoffe, Dein Vater ist nicht verletzt, Knabe – es ist jedenfalls nicht unsere Schuld. Der Mann ist doch Dein Vater?«

Der Jüngling sah ihm aufmerksam ins Gesicht, er verstand offenbar kein Englisch, aber er suchte aus der Miene des Sprechers den Inhalt der Worte zu erraten. Indem er sich erhob und die Hände über der Brust kreuzte, schüttelte er sanft den Kopf.

» Jesus ist eine Waise,« sagte er in der Lingua franca. »Er hat keinen Gebieter auf Erden, als den Herrn der Berge! Sage mir, Effendi, ob der Mann dort ein Hakim ist?«

Er zeigte nach dem Arzt, der neben dem Fremden im schwarzen Mantel kniete und dem von dem harten Fall Betäubten Beistand leistete, indem er seine Schläfe mit Salmiakgeist rieb und das Gewand über der Brust zu öffnen sich mühte – aber der Fremde schien grade davon zu erwachen, denn er stieß die Hand zurück, die sich mit Blut gefärbt zeigte, warf einen wilden Blick um sich her und richtete sich empor.

»Wer hat den Löwen getötet?«

Der Jüngling stand bereits an seiner Seite und beugte ehrerbietig das Haupt, indem er in jener fremden Sprache, deren sie sich schon früher bedient hatten, einige Worte sagte und dabei auf die Fürstin wies.

Der Krieger warf einen verwunderten Blick auf Wera. Bisher war sein Auge nur auf die Männer gerichtet gewesen. Der Eindruck, den die stolze und eigentümliche Erscheinung der Fürstin auf ihn machte, war unverkennbar.

»Du mußt Myrina, die Königin der Brustlosen Die Amazone; so genannt wegen der Gewohnheit, den Mädchen zum leichteren Bogenspannen die linke Brust auszuschneiden. sein, die am See Tritonis wohnten, von denen unser Volk aber seit mehr als tausend Jahren nicht mehr gehört hat. Es wird keine Schmach sein für Hassan-ben-Simson, daß die Hand einer Unsterblichen stärker war als die seine. Jeden anderen hätte ich töten müssen.«

»Werter Sohn des Gebirges,« unterbrach ihn die dünne Stimme des Professors, der sich neugierig näher gedrängt hatte, »wenn Du imstande wärest, mir einige wahrheitsgetreue Quellen über jene sagenhafte Königin der Amazonen nachzuweisen, welche die Gorganen und Atlanten nach der Mythe besiegt und ihrer Zeit Aegypten und Arabien unterworfen haben sollen, so würdest Du einen bescheidenen Erforscher der Natur und Geschichte des Landes zu hohem Danke verpflichten und ihn in den Stand setzen, so manche Irrtümer zu berichtigen, die unzweifelhaft das im Jahre 1858 in Stuttgart erschienene Werk des Professor Nagel über die Geschichte jener merkwürdigen kriegerischen Frauen-Kolonieen enthält.«

Der Fremde warf dem eifrigen Forscher einen so grimmigen Blick zu, daß der arme Mann zwei Schritt zurückprallte.

»Was will dies Geschöpf?« fragte jener. »Darf der Esel schreien, wenn Männer reden? Wenn Du nicht Myrina bist, die Königin der Heldenfrauen, niedergestiegen aus den sieben Himmeln, so verdienst Du doch, es zu sein. Auf das Wort Hassans! Du und Deine Diener hier, Ihr seid willkommen im Lande der Homairi. Dein Fuß soll sicher wandeln durch die Wüste und dem Hauch Deines Odems sollen hundert Fedais gehorchen, solange Du unter uns weilst!«

Die Fürstin verstand zwar nur wenig von der Bedeutung dieser Worte, sie begriff aber, daß sie eine Beteuerung der Gastfreundschaft und des Schutzes enthielten, und daß dies in der Lage, in welcher sie sich befanden, von Wichtigkeit sein dürfte. Sie hatte bereits zur Genüge das Sprachgemisch begriffen, dessen sich die Orientalen gegen Fremde bedienen und versuchte daher in demselben Idiom eine Antwort zu geben.

»Du legst einer Tat, die ohne Gefahr und nur Menschenpflicht war, zuviel Wert bei, Aga,« sagte sie. »Nur dadurch, daß der Schuß rasch geschah, hatte er Wirkung, und ich zweifle keinen Augenblick, daß nur die Überraschung und der schwere Fall Dich hinderten, selbst des wilden Tieres Herr zu werden.«

Der Fremde schüttelte den Kopf zum Zeichen der Bejahung. »Du sollst Dich überzeugen davon, ehe unsere Wege sich scheiden. Sagte dieser Mann, Dein Diener, nicht, daß der Löwe dem Negus von Habesch gehöre? Ich habe vernommen, daß der Prahler, der sich einen Negus Nagassi nennt, einen gezähmten Löwen in seiner Begleitung habe.«

»Du hast recht gehört, Aga, wir sind aus dem Lager des Negus entflohen und fürchten, daß er seine Reiter zu unserer Verfolgung ausgesandt habe und dieses Tier sie begleitet hat. Man wird gerade dadurch auf unsere Spur kommen.«

Der Homairi, als welcher er sich selbst bezeichnet hatte, lächelte verächtlich. »Ich habe den Schein des Feuers zwischen den Bergen gesehen, als ich der Spur des Tieres folgte, das der Speerwurf dieses Knaben getroffen hatte. Seine Hand ist noch nicht stark genug, zu töten. Aber fürchte nichts. Du stehst unter meinem Schutz, Du und Deine Diener.«

Er wies auf den Arzt und den Lord.

Die Fürstin lächelte. »Du irrst Dich, edler Aga,« sagte sie, »diese Männer sind keineswegs meine Diener, sie sind vielmehr meine Beschützer und Freunde. Der Herr hier ist ein englischer Lord, ein Mann von Bedeutung, dessen Tod oder Beleidigung schlimme Folgen für Deine ganze Nation haben würde.«

»Ich wiederhole Dir, Aga,« fügte der Arzt bei, »daß wir friedliche Reisende sind, auf einem Jagdzug durch die Wüste nach den Ufern des Nil, um auf dem Strom nach Kahira zu gehen. Wir stehen unter dem Schutz des Khedive und ein Mann wie Du wird nicht an die Küste Deines Meeres gegangen sein, ohne die mächtigen Kriegsschiffe der Engländer gesehen zu haben.«

Wiederum lächelte der Homairi verächtlich. »Was vermögen die hölzernen Mauern der Faringi auf den Wässern gegen die ewige Burg des Alten vom Berge!«

»Die Engländer sind Freunde und Bundesgenossen des Beherrschers von Aegypten, zu dessen Gebiet Nubien bis Massoniah gehört,« sagte der Lord, der bisher schweigend der Szene beigewohnt hatte, da sein Stolz sich eigentlich verletzt fühlte durch die passive Rolle die er dabei gespielt. Auch die Aufmerksamkeit, die der Fremde seiner schönen Schutzbefohlenen bewies und das Interesse, das sie selbst in der Unterredung zeigte, gefiel ihm nicht sonderlich. »Abbas-Pascha, der gegenwärtige Khedive, ist, wie ich hörte, ein strenger Regent und schützt die Rechte der Europäer.«

Der Homairi wandte sich gegen den Engländer, ihre stolzen Blicke kreuzten sich herausfordernd.

»Die Hand des Abbas-Pascha wird niemals in die Felsenmauern von Gengarab reichen,« sagte er finster, »aber die Hand des Herrn der Berge ist stets in den goldenen Gemächern seiner Paläste und kann ihn treffen, selbst, wenn er zu Allah betet in seinen hundert Moscheen, oder auf dem Throne sitzt mitten zwischen seinen Soldaten. Geh', Franke, Dein Khedive ist bosch, Nichts! Staub! – Sieh' diesen Jüngling! Wenn ich zu ihm sage: Ruhh! Ruhh: Gehe., so wird er den Staub von seinen Füßen schütteln und sie nicht ruhen lassen, bis er die Klinge seines Messers in dem Herzen des Abbas begraben hat, und Jesus ist nur Einer unter Dreihundert, die jeden Augenblick bereit sind, sich zu opfern.«

»So bist Du der gefürchtete Scheik-al-Dschebal selbst?« fragte erstaunt der Arzt.

»Hassan-ben-Simson ist nur der Schatten dessen, den Du zu nennen wagst, kühner Franke; denn noch ist der Hauch in seinem Munde und das Kleinod an seinem Finger. Aber Hassan ist der Dailkebir Die Dailkebirs waren die Gouverneure oder Groß-Prioren der drei Lande der alten Assassinen. dieses Landes, und wen er seines Schutzes gewürdigt, der mag so ruhig sein Haupt in der Wüste niederlegen, als ruhe er im Schoß der Mariam. Darum mögt Ihr Allah oder Eurem Gotte danken, daß Ihr mich getroffen. Bist Du in der Tat ein Hakim, wie Jesus mir sagt?«

»Ich bin ein Arzt.«

»Bismillah! Die heiligen Geister haben es gewollt, daß wir Dich finden mußten. Der Scheik-al-Dschebal hat uns nicht umsonst nach der Fackel der Wüste gesendet und der Löwe uns den Weg gezeigt. Du wirst uns folgen!«

»Wohin?«

»Nach Gengarab, der Burg der Homairi. Der finstere Geist der Krankheit liegt auf dem Haupt des Auserwählten des Volkes Ismaels, das allein die Kraft hat zu herrschen, weil es den Tod nicht fürchtet.«

»Und was soll unterdeß aus meinen Gefährten werden, wenn unsere Verfolger so nahe sind, wie Du selbst sagst?«

»Sie mögen rasten, bis Du wiederkehrst. Jesus wird zu ihrem Schutze hier bleiben, und es ist kein Mann zwischen dem Meer und dem Flusse, der es leicht wagen würde, denen ein Haar zu krümmen, die unter dem Schutz des grünen Ringes stehn.«

»Ich weiß sehr wohl,« sagte der Lord entschlossen, »daß es die Pflicht des Arztes ist, Kranken beizustehen. Aber die unsere ist es, einen Freund und Gefährten nicht zu verlassen. Wir werden alle Doktor Walding begleiten, oder er bleibt in unserer Mitte.«

»Törichter Franke,« rief der Homairi, »willst Du dem Herrn des Gebirges Vorschriften machen? Ein Stoß in dies Horn, und fünfzig Wächter der Berge versammeln sich um mich. Doch wie Ihr wollt. Nur sage ich Euch, Ihr seid gewarnt; denn, wenn Ihr darauf besteht, den Hakim zu begleiten, so wißt, daß Ihr freiwillig Euer Haupt in den Rachen des Löwen steckt und an einen Ort geht, wo selbst Hassan-ben-Simson jetzt nur der Zweite ist!«

»Dürfen Frauen Deine Burg betreten?« fragte die Fürstin, ehe der Lord noch wagte, eine Antwort zu geben. »Ich höre, daß Ihr Mohamedaner seid und ich weiß, daß unter diesen die Frauen keine Rechte haben!«

Der Homairi lächelte verächtlich. »Der Koran bindet die wahren Söhne Ismaels nicht mehr, als die Bibel der Christen oder die Bücher Moses der Hebräer. Ihr Glaube ist das Weltall, ihr Geist ist frei von Eurem törichten Aberglauben und Geboten und erkennt nur eine Wahrheit an!«

Die Besorgnis, die alle anfangs bei der seltsamen Begegnung erfüllt hatte, begann immer mehr vor dem Interesse in den Hintergrund zu treten, das wenigstens die zivilisierten Mitglieder der Gesellschaft an den kühnen und herausfordernden Bekenntnissen des Mitgliedes einer Sekte nahmen, von deren Glauben und Einrichtungen das Gerücht so Verschiedenes und Entsetzliches erzählte.

Man hatte die Plätze am Feuer eingenommen, nur der Homairi, oder Hossaini, wie die Nachkommen der alten Assassinen in Persien heißen, blieb unbeweglich stehen, die Streitaxt am Riemen vom Handgelenk niederhängend, den rechten Fuß auf den Kopf des toten Löwen gestemmt.

»Ich glaube,« sagte die Fürstin, den kühnen Fremden mit einer gewissen Bewunderung betrachtend, »daß jedes Volk, jede Religion die Wahrheit sucht. Und welches ist denn die einzige Wahrheit, die nach Deinem Glauben besteht?«

» Der Tod

»Das ist allerdings eine Wirklichkeit, eine Unabänderlichkeit, gegen die wir vergebens kämpfen.«

»Wer dem Tode gebietet, ist sein Herr; wer ihn fürchtet: sein Sklave! Wir sind geboren, um sterben zu lernen und sterben lassen zu lernen. Nicht wer Leben erhält, sondern wer töten kann, hat die Herrschaft der Welt. Azraël ist mächtiger als Gabriel!«

»Das ist eine furchtbare Lehre,« sagte der Lord. »So findet Dein Glaube die Aufgabe des Lebens darin, es zu vernichten?«

»Du redest Weisheit, Franke, und dennoch sprichst Du Irriges. Kannst Du sagen: werde? – Nicht ein Sandkorn der Wüste entsteht auf Dein Gebot. Ich habe gehört, daß die Weisen Deines Volkes Steine und Metalle machen, aber Steine und Metalle sind tot. Können alle weisen Männer Deines Landes ein einziges Blatt dieser Tamariske machen? Können sie die geringste Heuschrecke machen, die auf die Gräser fällt? Niemals? Aber sie können dieses Blatt zerstören, sie können die Heuschrecke töten! In der Macht töten liegt die Herrschaft alles Lebendigen.«

»Aber wo ist das Recht, zu töten?«

»In der Kraft! – Sieh' um Dich in der Natur! Die Kraft ist das Recht. Die Gazelle verschlingt die Pflanze der Wüste, der Löwe trinkt das Blut der Gazelle, weil er die Kraft hat! Der Jäger tötet den Löwen.«

»Dieser Löwe hätte in einem Haar den Jäger getötet,« unterbrach ihn mit Ironie der Lord.

»Was beweist das, als daß der Löwe kräftiger war, als der Mensch in jenem Augenblick. Aber auch er hat seinen Herrn gefunden. Was kam es an auf mein Leben? Wenn ich Tor genug war, von meiner Kraft nicht zur rechten Zeit Gebrauch zu machen, verdiente ich anderes, als zu sterben?«

»Es scheint mir doch eine traurige Lehre,« entgegnete der Lord, »daß die Kraft auch das Recht sein soll. Unser christlicher Glaube lehrt uns Besseres. Du wirst mir zugestehen, daß es ziemlich leichtsinnig von uns wäre, auf solchen Glauben hin Dir unser Leben anzuvertrauen. Was würde Dich hindern, es zu nehmen, wenn es Dir einfiele, und Du die Kraft dazu hättest!«

»Das Wort, das Hassan-ben-Simson für Eure Sicherheit verpfändet hat!«

»Du selbst sagst, daß es nur bis an die Tore Eurer Burg Macht hat. Was, selbst wenn wir Dir vertrauen wollen, bürgt uns für das Weitere?«

»So bleibt, wo Ihr seid, und setzt Euch den Waffen Eurer Verfolger aus. Wenn alles ist, wie Du sagst, werden wir hier sein, ehe die Sonne aufgeht. Mir gilt es gleich.«

Der Lord wandte sich zu seinen Gefährten und beriet mit diesen einige Minuten ihre Lage. Dann sagte er: »Wenn Du uns in der Tat wohl willst, so sage uns, wie wir es anzustellen haben, um den Schutz dessen zu erlangen, den Du den Herrn des Gebirges nennst, und dessen Aga oder Offizier Du zu sein angibst.«

»Sende Botschaft an ihn und sichere Dir seinen Schutz.«

»Das ist leicht gesagt, aber wie ihn erreichen?«

»Jesus wird Deinen Boten begleiten.«

»Und Du?«

»Ich bleibe hier, bis er zurückkehrt und die Entscheidung des Scheich-al-Djebal bringt.«

»Gut! Damit wären wir einverstanden. Aber steht nicht zu fürchten, daß, wenn einer der Unseren diesen Zufluchtsort verläßt, der in die Hände unserer Verfolger gerät, wenigstens ihrer Wachsamkeit nicht entgeht?«

»Jesus kennt alle Pfade des Gebirges. Du wirst sehen. Du mußt die Hand, die Du sendest, vergolden.«

»Es wird geschehen, der Scheich wird zufrieden sein. Aber wen senden wir als Boten?« Er sah im Kreise umher.

»Sende den Hakim! oder besser, sende den Mann hier, der kein Mann ist. Es ist gleichgiltig, ob er lebt oder nicht.«

Der kleine Professor fiel vor Schrecken fast um, als er den Finger des Assassinen bei dem gefährlichen Vorschlag auf sich gerichtet sah.

»Unmöglich!«

»Warum unmöglich? Keinem Eingeborenen dieses Landes würde es gestattet werden, sich Gengarab zu nähern, ohne zum Bunde der grünen Schlange zu gehören. Wenn die Reiter des Negus Dich angreifen, bevor der Bote zurück ist, würde er eine Last sein für die, welche kämpfen. Vermag er den Säbel zu schwingen oder die Kugel zu versenden? – Geh, er ist kein Krieger und der Beisähdih aus Frangistan wird die Hände aller seiner Freunde brauchen, wenn es zum Kampfe kommt.«

Es lag offenbar etwas Wahres in der Bemerkung des Assassinen; dennoch konnte sich der Viscount bei der bekannten Furchtsamkeit des Gelehrten, nicht entschließen, ihm auch nur einen so abenteuerlichen Vorschlag zu machen. Doktor Walding hätte sich sicher erboten, den Jüngling zu begleiten, wenn er nicht geglaubt hätte, daß grade sein Verbleiben bei der Reisegesellschaft den kranken, eines Arztes bedürfenden geheimnisvollen Beherrscher des Gebirges desto eher vermögen könne, den verlangten Schutzbrief zu bewilligen.

Da half der scharfe Verstand der Fürstin über die Schwierigkeiten hinweg.

Sie beurteilte ihren alten Verehrer sehr richtig, indem sie annahm, daß seine Mutlosigkeit sofort verschwinden werde, wenn man seinen Ehrgeiz für die Wissenschaft anzuregen verstand.

Ihre zierliche Hand legte sich auf den Arm des unglücklichen Gelehrten.

»Das ist eine köstliche Gelegenheit, mein hochverehrter Freund und Vormund,« sagte sie schmeichelnd, »nicht allein uns allen einen großen Dienst zu leisten, sondern namentlich, Ihren Namen an die Spitze aller gelehrten Forscher zu bringen, die je dieses Land bereist, und, wie Sie mir erzählt haben, Bücher darüber geschrieben haben. Erinnern Sie sich, daß einer von ihnen behauptet, aus eigener Anschauung, den Stamm der Assassinen zu kennen, ihre Geheimnisse erforscht, oder gar ihre geheimnisvolle Burg betreten zu haben?«

»Ich wüßte keinen,« sagte der Professor mit sehr langem Gesicht, und sich den Angstschweiß von der Stirn trocknend. »Selbst Hammers »Geschichte der Assassinen« schöpft nur aus morgenländischen Quellen, Perizonius, Zoega, die beiden Champollions, Sharpe und Gliddon leugnen das Fortbestehen der alten Homairis oder Hozeini in diesem Lande, Denon und Prokesch geben es zwar zu, aber Bunsen, Böcky und Lepsius kennen nicht einmal dem Namen nach die Burg, die jener Mensch als den Wohnsitz des entsetzlichen Mannes bezeichnet, welcher der Anführer dieser Wilden sein soll, welche den Mord für erlaubt, ja sogar für ein Verdienst und ein Gebot ihrer schändlichen Religion halten, und die …

»Die Sie also die Ehre haben werden, vielleicht als der Erste von allen Europäern betreten und beschreiben zu dürfen. Bedenken Sie, bester Freund, welchen Ruhm Ihnen das in allen Zeitungen und vor ganz Europa bringen muß, wenn wir wieder dort angelangt sind und Sie Ihre Reisebeschreibung veröffentlichen.«

»Ja, wenn wir erst dort in Sicherheit sind,« stöhnte der Gelehrte, dem der Angstschweiß wieder von der Stirn rann. »Aber Sie selbst, hochverehrteste Durchlaucht, haben ja gehört, wie diese Schrecklichen über das Leben eines Menschen denken.«

»Bah – sie haben keinen Nutzen davon, das Ihre zu nehmen. Sie haben alle Aussicht, dort gut aufgenommen zu werden und in Sicherheit zu sein, während jede Kugel eines dieser Schergen des Negus, die uns verfolgen, Sie erreichen und ein für die Wissenschaft wertvolles Leben vernichten kann. Ja, ich habe Ursache zu glauben, daß der blutdürstige Feind, der uns verfolgen läßt, es grade auf Sie abgesehen hat. Erinnern Sie sich an die schreckliche Erscheinung, die Sie noch in den letzten Tagen an Bord unseres Schiffes gehabt und von der Sie mir erzählten?«

»Um Gotteswillen, Fürstin, Sie meinen doch nicht …«

»Ich meine, nun, ich weiß, daß grade diese Person uns verfolgen läßt oder selbst verfolgt. Wollen Sie in ihre Hände fallen?«

» Me Herkule! mir schaudert die Haut, wenn ich nur an das Gesicht denke, nachdem ich doch so viele zahme und wilde Gesichter gesehen habe!«

»Also nehmen Sie die Mission an? Sie leisten sich und uns den größten Dienst!«

»Aber Sie selbst, Fürstin? Was wird mit Ihnen?«

»Ich fürchte mich nicht, überdies schießen selbst die Banditen der Wüste nicht auf Frauenzimmer! Denken Sie an Ihren Ruhm, mein Freund, und lassen Sie uns für die Sicherheit Ihrer Person sorgen!«

Der Professor wußte, daß alle Weigerungen vergeblich waren, wenn Wéra ihren Sinn auf etwas gerichtet. Er wagte nicht mehr zu widersprechen, und so wurde denn beschlossen, daß der Gelehrte den Jüngling nach der geheimnisvollen Burg begleiten und dort wegen des Schutzbriefes für die Reisegesellschaft unterhandeln sollte, gegen dessen Erteilung der Arzt sich verpflichten wollte, den Scheich gleichfalls zu besuchen, wenn es von dem Kranken verlangt würde.

Nachdem Professor Peterlein sich nun einmal dazu verstanden, sein Leben zu wagen, dachte er nur noch an die wichtigen Entdeckungen, die er über den Glauben und die Gebräuche des geheimnisvollen Stammes machen könne, und berieth sich mit Doktor Walding darüber. Unterdeß hatte Hassan erklärt, daß die Boten sofort aufbrechen müßten, um möglichst bald zurückkehren zu können, und zu den Schrecken der Mission kamen somit für den Gelehrten noch die einer nächtlichen Wanderung auf ungebahnten, gänzlich unbekannten Gebirgswegen. Lord Walpole wiederholte seinem alten Begleiter, daß, wenn er irgend Bedenken trage, das Wagnis zu unternehmen, er davon abstehen möge, und daß sie dann lieber vereinigt jeder Gefahr Trotz bieten wollten; der Professor aber war jetzt, nachdem die erste Furcht glücklich überwunden war, ganz versessen auf diese Mission, die ihm, selbst im Fall eines unglücklichen Ausgangs, die Glorie eines Märtyrers der Wissenschaft geben mußte. Die Assassinen weigerten sich, weitere Andeutungen über den Weg zu geben, den die Boten einschlagen sollten, und erklärten nur, daß dessen erster Teil wegen der Gefahren, die einen unkundigen Reiter im nächsten Dunkel bedrohen mußten, zu Fuß zurückgelegt werden solle. Jetzt erst zeigte sich, daß die Assassinen nicht bloß in der Verfolgung des Löwen, sondern auf ihrem wirklichen Wege in die Schlucht gekommen waren und daß diese noch einen anderen Ausgang hatte, von dem die Gesellschaft bisher nichts bemerkt. Als nämlich der Professor mit seinen etwas ängstlichen und langweiligen Vorbereitungen endlich zustande gekommen war, schob der Jüngling an der Berglehne eine dichte Wand halbverdorrter Schlingpflanzen zur Seite, und es zeigte sich, daß die Verlängerung einer oben bemerklichen Spalte des Gesteins bis zum Grunde der Schlucht reichte und schon nach wenigen Schritten so breit war, daß selbst ein Pferd mit seinem Reiter einen passierbaren Weg fand.

Alle hatten sich um den kleinen Professor vereinigt, teils um ihm Ratschläge zu erteilen, teils, um ihm Mut einzusprechen oder Abschied von ihm zu nehmen. Der Lord hatte ihm eine schwere Rolle Maria-Theresia-Taler, die unter den Arabern beliebteste Münze, in die Tasche gesteckt, als Geschenk für den Scheikh; Doktor Walding erteilte ihm noch einige Anweisungen, und Wéra, die jetzt fast ihr Bemühen, den bewährten Freund zu der Mission zu bewegen, bereute, drückte ihm die Hand und suchte dem Jüngling verständlich zu machen, er möge die größte Sorge für seinen Begleiter tragen. Vielleicht den besten Trost gewährte ihm aber der Abschied von dem alten Bärenjäger. Denn, als er dem Riesen die Hand reichte, die dieser in seiner gewaltigen Faust fast zerquetschte, versicherte ihn der Trapper, er könne getrost selbst in die Hölle gehen; sollte ihm auch nur ein Haar gekrümmt werden, so wolle er den Bürgen dafür bei lebendigem Leibe schinden.

Er hielt dabei die schwere Decke des Gesträuchs zurück, bis die beiden Wanderer im Hintergrunde der Felsenspalte verschwunden waren, ließ sie dann fallen und setzte sich vor den Eingang der Schlucht, in den die Diener auf das Geheiß des Arztes den Körper des Löwen geschleppt hatten, damit seine Nähe nicht fortwährend die Reittiere beunruhige.

Mit tiefem Ernst hatten sich die anderen Männer und Wéra wieder an dem Feuer niedergelassen; noch dachte Niemand an Schlaf.

Doktor Walding und der Viscount benutzten die Gelegenheit, von ihrem seltsamen Gast so viel wie möglich über seinen Stamm zu erfahren.

»Es gibt eine Sekte unter den Hindu's,« bemerkte der Arzt, »welche die Vernichtung von Menschenleben gleichfalls nicht für Unrecht, vielmehr für geboten hält, indem sie diese Leben ihrer furchtbaren Gottheit zum Opfer bringt. Hat der tapfere Aga der Homairi je von den Thug's oder Phansignar's an den Ufern des Ganges gehört?«

» Nallah! Wir sind von einem Stamm, der große Hassan-ben Sabbah-el-Homair ist der Stifter ihres Bundes wie des unsern. Aber sie sind Elende, sie töten um des Raubes willen. Ein Hosseini wird niemals ein Räuber sein.«

Der Arzt sah finster vor sich nieder, er wußte nur allzugut, wie falsch die Überhebung des Assassinen war, und die finsteren blutigen Bilder, die er in den unterirdischen Gewölben der indischen Felsenburg gesehen, traten vor seine Seele.

»Die Phansigars sind Räuber, die Homairi sind die Ritter der Wüste,« sagte der Araber stolz. »Unsere Väter haben schon gegen den großen Saladin gekämpft und mit den eisernen Männern, die für das Kreuz fochten. Die Ritter vom Tempel sind unsere Freunde gewesen Die Assassinen hatten in der Tat verschiedene Einrichtungen, die denen der Ritterorden glichen, und die sie wahrscheinlich zur Zeit der Kreuzzüge angenommen hatten.. Hat der weise Hakim oder der Beisädih in seinen Büchern gelesen vom Priester Johann?«

»Es ist ein Jammer,« sagte lächelnd der Lord, »daß unser würdiger Professor abwesend ist; welchen gelehrten Disput würde er anstellen über diese mythische Person.«

»Die Bücher und Traditionen des Abendlandes,« belehrte der Arzt den Assassinen, »geben nur geringe und sehr unbestimmte Nachrichten über den sogenannten Priester Johann, ja man zweifelt überhaupt an seiner Existenz.«

»Wenn der Mann, der kein Mann ist, und der mit dem Knaben Jesu gegangen ist, ein Freund der geschriebenen Bücher ist und ein Imam in seinem Lande, kann er das Vergangene in den Pergamenten von Gengarab lesen! Es sind ihrer viele dort aus alter Zeit. Der Priester Johann ist der dritte Scheikh der Homairi des Gebirges von Meris gewesen, als unsere Brüder am Dschebal und in Kuhistan wohnten, und er hat den Melec Ric König Richard Löwenherz. gekannt.«

»Du hast den Koran und die Bibel verworfen! Welches andere Sittengesetz ist dann das Eure?«

»Das Wort unseres Herrn, Christ! Ich habe mir sagen lassen, daß im Abendland ein Priester wohnt, dem Ihr Franken eben so zu gehorchen verpflichtet seid, wie wir dem Fürsten der Berge, und daß Euer Glaube Euch dies von Jugend auf lehrt, so gut wie der unsere. Wenn Euer Prophet, der doch auch nur ein Mensch ist, unfehlbar in seinen Geboten ist, warum soll es der unsere weniger sein? Der Scheikh-al-Dschebal ist der Herr über unseren Leib und unsere Seelen.«

»Unser Gast,« sagte der Engländer mit Ironie, »erinnert uns an die Lehre des Papsttums oder an die Vereinigung der weltlichen und geistlichen Macht im Czaren von Rußland. Ich bitte, fragen Sie ihn weiter, dieser fanatische Skepticismus ist nicht ohne Reiz.«

»Glaubt Ihr an Gott?«

»Gott ist der Anfang, Gott wird das Ende sein. Was dazwischen liegt, gehört Denen, die er gesandt hat, die Menschen zu leiten und zu beherrschen, möge nun ihr Name Abraham, Moses, Buddha, Jesus, Mahomed oder Hassan-ben-Sabbath gewesen sein. Du befolgst die Lehren Deines Propheten, ich die des meinen. Wer tut besser von uns? Hast Du den Gehorsam, den der Homairi bekundet? Er lernt das Leben verachten, um jeden Augenblick auf Kosten dieses Lebens gehorchen zu können dem Befehl dessen, den sein Prophet über ihn gesetzt hat.«

»Und dieser Dein Glaube gibt Dir das Recht, nicht bloß Deine Feinde zu töten, sondern auch schuldlose Menschen?«

»Was hat Dir die Gazelle der Wüste gethan, oder das Lamm der Herde, die Du tötest zu Deiner Lust oder zu Deinem Nutzen? Hat die Gazelle und das Lamm weniger ein Leben empfangen von dem großen Schöpfer der Natur, als Du? – Warum soll ich den Reiter nicht töten, weil ich sein Pferd brauche, wie Du das Lamm tötest, weil Du sein Fleisch oder sein Fell brauchst. Warum soll der Stahl oder das Gift des Assassinen den Khediven auf seinem Thron nicht finden, wenn er ihn fürchten muß? Wir nehmen das Leben nicht, um zu stehlen, sondern um zu herrschen. Wenn die Söhne eines andern Propheten mächtiger sind als wir, werden sie uns töten!«

»Das sind furchtbare Lehren des Egoismus. Glauben die Homairi, da sie doch an ein höchstes Wesen glauben, an eine Fortdauer der Seele, an ein Jenseits?«

Der Arzt mußte die Frage dem Assassinen wiederholen, ehe er sie vollkommen begriff.

»Kannst Du vernichten, was kein Leib ist? Wenn ein Mensch stirbt, wird ein Kind geboren. Die Wanderungen der Seele dauern, bis der Mensch ohne Fehler ist, dann wird der Geist auf die Sterne kommen, die der Urgeist erschaffen hat, und wo die Propheten wohnen. Nur die Schlechten werden sie niemals erreichen.«

»Welche nennst Du die Schlechten?« unterbrach die Fürstin das Gespräch.

»Alle, die feige stehlen, statt ihr Leben einzusetzen für das, was sie begehren! die dem Gebot ihres Herrn nicht gehorchen! die das gegebene Wort brechen! die Weibern Gewalt anthun!«

»Es liegt etwas Ritterliches in dieser Moral,« sagte die Fürstin.

»Und dennoch ist sie die des Mordes und der Gewalt; ich habe gehört, daß das zweite Kapitel der Ordenslehren, die der Stifter dieser furchtbaren Sekte seinen Jüngern gegeben, von der Kunst handelt, sich in das Vertrauen der Menschen einzuschleichen. Also Jesuitismus unter der prahlerischen und ritterlichen Außenseite. Ich will wünschen, daß ihre Begriffe vom Worthalten nicht auch einer jesuitischen Ausdeutung unterliegen.«

»Sehen Sie in dies kühne Gesicht, Doktor,« entgegnete die Fürstin auf die französisch gesprochene Befürchtung des Arztes, »und fragen Sie sich, ob dieser Mann, selbst wenn er nach christlichen Begriffen ein Räuber und Mörder ist, ein feiger Verräter sein kann? Ich könnte ihn fürchten, aber ich würde ihm nicht mißtrauen. Gehen Sie mit Ihrer christlichen Moral; er sagt wenigstens offen, wie er denkt!«

Der Lord hatte sich erhoben. »Wenn wir noch eine Stunde der Ruhe pflegen wollen, um unsere Kräfte für jede Gefahr zu stärken, so wird es die höchste Zeit sein. Lassen Sie uns an die Einteilung der Wachen denken, was uns wahrscheinlich besser schützen wird, als alles Vertrauen auf die Ritterlichkeit irgend eines Banditen der Wüste. Darf ich Sie zu Ihrem Lager geleiten, Mylady?«

Die Fürstin hörte aus dem Ton der Worte eine gewisse geheime Unzufriedenheit ihres Anbeters heraus über die Teilnahme, die sie dem Araber bewiesen; aber sie war zu stolz, darauf zu achten, und reichte wie zum Trotz dem Assassinen die Hand.

»Ich hoffe, Hassan-ben-Simson wird mit meinen anderen Freunden den Schlaf zweier Frauen bewachen.«

»Möge Dein Schlummer sanft sein, schöne Rose mit dem Herzen von Stahl. Ein Homairi wacht über Dich!«

Trotz der galanten Versicherung des wilden Kriegers schienen die Europäer es doch vorzuziehen, auf ihre eigene Wachsamkeit sich zu verlassen, und trafen danach ihre Anstalten. Der Assassine hatte, anscheinend ohne darauf zu achten, sich auf den Felsboden gestreckt und die Augen geschlossen.

Das helle Licht des Mondes begann zu erbleichen vor der ersten Dämmerung des Tages, als eine Hand sich auf die Schulter des in tiefem Schlaf liegenden Arztes legte und ihn emporfahren machte.

Über ihn gebeugt stand Hassan der Homairi.

»H'scht! Iskut Seid ruhig! – Der Franken-Hakim möge seine Ohren auftun, seine Wächter schlummern. Seine Feinde sind in der Nähe!«

Doktor Walding hatte sich rasch ermuntert und nach der Büchse gegriffen. Es war, wie der Assassine angedeutet – Lord Walpole und die Diener, die mit ihm die Wache geteilt, waren nach den Anstrengungen des Tages und den Wachen der vorhergegangenen Nacht vom Schlaf überwältigt worden und selbst der Trapper, der mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, quer vor dem Eingang der Schlucht saß, schnarchte laut.

»Ich höre Nichts!«

»Riglak Habt Acht!! Ich werde den Schläfer wecken, daß er uns nicht verräth! Tue dasselbe mit Deinen Freunden!«

Noch immer konnte der Arzt kein Geräusch vernehmen, das eine Annäherung ihrer Verfolger verkündete, aber er vertraute in dieser Beziehung mehr den geübten Sinnen des Wüstensohnes, als seinen eigenen, und folgte daher ohne Weiteres der Anweisung. Lord Walpole und Adlerblick wurden geweckt und von der Behauptung des Assassinen unterrichtet, und bald war Jeder auf seinem Posten.

Jetzt zeigte sich, wie recht Hassan gehabt, denn von der Höhe des Felsens erfolgte nunmehr gleichfalls das verabredete Signal. Kumur und der Beduine hatten dort gegen Morgen wieder ihren Posten bezogen.

»Soll ich die Frauen wecken?« fragte der Lord.

»Ich rate, sie schlafen zu lassen, bis eine wirkliche Gefahr eintritt. Wir wollen uns vorerst überzeugen, von welcher Seite sie uns droht, und ob es wirklich die Reiter des Negus sind. Lassen Sie uns ohne Geräusch den Felsen ersteigen.«

Der Lord und Adlerblick folgten dem Wink; als sie vorsichtig zur Höhe geklommen waren und sich hinter den dort vorspringenden Steinblöcken verborgen hatten, konnten sie das unter ihnen liegende Bergplateau und die Wüste übersehen.

Der Tag war bereits angebrochen; in wenigen Minuten mußten die ersten Strahlen der Sonne die Kuppen des Gebirges röten.

Es war in der Nacht, wie immer in dieser Jahreszeit, ein kalter Thau gefallen und leichte Nebelwolken bedeckten den Grund.

Durch die lang zur Ebene sich hinabsenkende Schlucht, durch die am Abend die beiden Assassinen aus der Wüste heraufgestiegen waren, sah man über dem wallenden Nebel den Kopf eines Reiters erscheinen und näher kommen.

Der Beduine Achmed, der mit Kumur ausgestreckt lag, hob sein Haupt.

»Habesch-Mann!« flüsterte er leise.

Ihre Besorgnis hatte sie also wirklich nicht getäuscht, es waren die Reiter des Negus, die ihre Spur suchten.

Der Reiter erreichte jetzt den Rand des Plateaus, es war offenbar ein vorangesandter Späher. In dem Augenblick, wo er auf der Höhe hielt und sich umsah, zuckten die ersten Sonnenstrahlen über die Häupter des Gebirges.

Der Späher mußte ein Muselmann sein, deren es Viele unter den wilden Truppen des Negus gab, denn er stimmte sofort den Ruf des Muezzims an: Allah il allah, Mahomed ben Allah! und warf sich vom Pferde, um sein Gebet, das Gesicht nach Mekka gewendet, zu verrichten.

Aber sein Gebet wurde unterbrochen.

Das Pferd, das ihn getragen, brach, entweder von seinem Ruf erschreckt oder beim Empfinden der alle Wesen belebenden Sonnenstrahlen in ein helles Wiehern aus.

»Möge die Stute verflucht sein, die das Tier geboren!« hörte der Arzt hinter sich eine Stimme sagen, und als er sich umsah, erblickte er den Assassinen, der mit finsterm Blick an seiner Seite stand.

In der Tat zeigte sich alsbald der Grund dieser Verwünschung. Die Pferde der Reisenden, die in der Schlucht lagerten, hoben bei dem befreundeten Ton die Köpfe, und zwei oder drei erwiederten mit lautem Wiehern den Morgengruß.

Wie ein Blitz sprang der fremde Reiter aus der gebückten Stellung empor, in der er knieend sein Gebet verrichtete, und in den Sattel. Ein wilder, gellender, jauchzender Schrei verkündete seinen noch entfernten Gefährten seine Entdeckung, und dann verschwand er in den sich unter den ersten Sonnenstrahlen nah dem Boden hinballenden Nebeln.

»Ihr hättet dem Burschen eine Kugel nachsenden sollen, Master Smith,« sagte unwillig der Lord. »Zu verbergen ist jetzt doch nichts mehr, nachdem uns die Tiere verraten haben.«

» Damned, Mylord! Glauben Sie mir, der Kerl entgeht seiner Kugel nicht,« meinte der Trapper, »ich habe mir den Schuft gemerkt und werde ihn zu finden wissen.«

Der Reiter schien jetzt seine Gefährten erreicht zu haben, denn die Bewohner der kleinen natürlichen Bergveste hörten alsbald ein wüstes Triumphgeschrei und sahen gleich darauf eine starke Reiterschar zu dem Plateau herauf galoppieren.

Zugleich, wie mit einem Zauberschlag, sanken die Nebel zu Boden, und der Ausblick über die kleine Berg-Ebene und hinunter nach der Wüste wurde hell und klar.

Es konnte kein Zweifel mehr sein, es waren die Reiter des Negus, wohl sechzig an der Zahl; der Arzt erkannte sie deutlich an der Art ihrer Ausrüstung und Bewaffnung, und an ihrer Spitze tummelte sich ihr Anführer, der wilde und rachsüchtige Dedschas oder General des Königs, El Maresch, weithin kennbar durch die Löwenhaut, die von seiner Schulter über das weiße blusenartige Gewand wehte, das er statt des roten Staatsrocks trug, in dem er sich am Bord des Veloce introduziert hatte.

Aber neben ihm – was leuchtete dort? ein rotes Beinkleid, der blaue goldbordierte Dolman der französischen Husaren-Uniform, nur daß der Reiter statt der schweren Pelzmütze dieser Waffengattung das Käppi mit der weißen Mousselinbinde und dem Nackentuch zum Turban umwunden trug.

Der Viscount hatte den kurzen Stecher am Auge.

» By Jove! Der Unsinnige verfolgt mich mit seinem Haß bis hierher. Es ist der Leutnant Thérouvigne, der mit uns auf der Veloce aus China kam.«

Adlerblick hob die Büchse zum Anschlag und wandte sich zu seinem jetzigen Dienstherrn. »Soll ich dem französischen Hanswurst einen Denkzettel geben dafür, daß er als ein Christenmensch sich nicht schämt, die schwarzbraunen Schufte hierher zu begleiten?«

»Nein, Master Smith! die Entfernung ist ohnehin zu groß, überdies wollen wir den Angriff nicht eröffnen. Doch nützt längeres Verbergen nichts – wir wollen ihnen Farbe zeigen!«

»Doch, doch Mylord, meine Büchse trägt sicher dahin, und ich habe schon bessere Schüsse getan! Nehmen Sie sich in Acht, Mylord, es ist unnötig, daß Sie sich solchen Schuften gegenüber exponieren, die nicht besser sind, als eine heulende Herde Sioux, die auf den Skalp ehrlicher Leute ausziehen.«

Die Warnung kam zu spät, denn der englische Pair hatte sie für seiner unwürdig gehalten und war offen und frei auf den Felsvorsprung getreten.

Obschon der Viscount zum Teil die leichtere, für den Jagd- und Reisezug durch die Wüste mehr geeignete orientalische Kleidung trug, schien der Franzose ihn doch sogleich erkannt und seinem blutdürstigen Begleiter als den gesuchten Feind bezeichnet zu haben; denn die wilden Reiter erhoben ein wüstes Geschrei, schwangen ihre Speere und Flinten, galoppierten umher und feuerten verschiedene, freilich vergebliche Schüsse ab.

»Zeigt ihnen, daß unsere Büchsen weiter tragen, Adlerblick,« sagte der Arzt, »aber tötet keinen. Das wird die Schurken in gebührender Entfernung halten.«

»Ich danke Ihnen für die Erlaubnis, Doktor, aber ich meine, ein ernsterer Denkzettel würde bessere Wirkung tun. Doch wie Sie wollen. Sehen Sie, da ist unser guter Freund, der uns vorhin ausspioniert hat, ich erkenne ihn ganz gut an dem grünen Lappen, den er an seinem Spieß trägt, den er so unsinnig um seinen geschorenen Kopf schwingt. Nun passen Sie auf, Mylord, sein Spieß wenigstens soll uns nicht viel mehr zu schaffen machen.«

Noch während er sprach, hatte der Schütze das Gewehr nochmals erhoben und mit dem letzten Wort abgefeuert. Die Kugel mußte den Speer des Reiters dicht über der Faust, die ihn schwang, getroffen haben, denn das Holz zersplitterte und fiel zu Boden, während Hand und Arm des Bedrohten einen Ruck nach hinten bekommen hatten, der sie fast aus den Gelenken riß.

Der glückliche Schuß hatte in der Tat den beabsichtigten Erfolg; denn die Reiter zogen sich unter drohendem Geschrei eiligst bis an den äußersten Rand des Plateau's zurück und schienen dort einen Kriegsrat über ihr weiteres Verfahren zu halten.

Es war das erste Mal, daß der Lord einen solchen Beweis von der außerordentlichen Geschicklichkeit seines Jagdgenossen erhalten hatte; denn wenn er während der langen Fahrt an Bord der Veloce auch häufig Zeuge gewesen war, wie die beiden Jäger mit größter Sicherheit die Seevögel erlegten, hatte er doch noch keine Ahnung gehabt von dieser Zuverlässigkeit des Schusses.

Aber er war nicht der einzige Bewunderer. Der Hosseini, obschon er von den englisch gewechselten Worten nur wenige verstanden, hatte doch begriffen, daß von einem bestimmten Ziel die Rede gewesen, und, wiewohl sein Stamm niemals mit der Kugel tödtete, kannte er doch genügend das Schießgewehr, um die Geschicklichkeit des Schusses beurteilen zu können.

»Wenn der Beisädih,« sagte er zu dem Lord, »mehr solche Jäger hat, kann er seine Feinde von hier aus töten, ehe sie ihm auf Speereslänge nahe gekommen sind. Warum befiehlt er dem Manne nicht, das Blei auf das Herz seiner Feinde zu richten? Er kann ihr Leben nehmen, denn er hat die Macht dazu.«

»Wir sind keine Mörder, Homairi, die aus sicherem Hinterhalt töten. Wir töten den Feind nur im offenen Kampf, wo wir das eigene Leben einsetzen.«

»Gehört der Franken-Beisädih zu einem der Ritterorden, der ihm dies gebietet?«

Der Viscount lächelte. »Nicht in dem Sinne, wie Du es meinst. Es ist dies eine Ehrenpflicht jedes Edelmannes und ich bin ein solcher in unserem Lande.«

»Es ist gut. Edles Blut ist besser als Reichtum. Der Melec Ric, von dem unsere Lieder erzählen, war auch ein Ritter aus Deinem kalten Lande und ein König dazu. Aber er ließ das Blut seiner Feinde fließen, wie das Wasser im Bach. Die Väter Hassans haben an seiner Seite gestritten gegen den Salaheddin. Würdest Du die Burg der Homairi besuchen, so würde ich Dir das Schwert des Sultans von England zeigen, das er einem meiner Ahnherrn geschenkt hat nach einer heißen Schlacht. Aber – schuf! Siehe! sie senden eine Botschaft an Euch!«

In der Tat sah man zwei Reiter in langsamem Schritt über das Plateau herankommen. Es war der französische Offizier und einer der Abessynier. Der Letztere trug einen Zweig des wilden Feigenbaums in der Hand, zum Zeichen, daß sie in friedlicher Absicht kämen. Als sie etwa zwanzig Schritt von dem Vorsprung des Felsens angekommen waren, ohne daß man sich ihrer Annäherung widersetzt hatte, hielt der französische Offizier an.

»Wenn ich nicht irre,« sagte er mit lauter Stimme, »so befindet sich unter den Anwesenden der bisherige Leibarzt des Königs Theodor von Abessynien. Ich hätte an diesen Herren einige Fragen zu richten.«

Doktor Walding trat näher an den Rand des Felsens, nachdem er den Lord zuvor angesehen und von ihm einen zustimmenden Wink erhalten hatte.

»Ich habe die Ehre, mich Ihnen als die gewünschte Person vorzustellen, mein Herr. Auch bin ich Ihnen bereits als diese bekannt.«

»So erlauben Sie mir,« fuhr der Offizier fort, »an Sie die Frage zu stellen, ob sich in Ihrer Gesellschaft meine Verwandte, die Fürstin Wéra Wolchonski mit ihrer Dienerin befindet, und ob ich dieselbe sprechen kann?«

»Das Vergnügen können Sie haben, schöner Vetter,« sagte die scharfe Stimme Wéras, indem ihre elastische Gestalt sich durch die auf dem Felsen stehenden Männer drängte. »Ich bin sehr erfreut. Sie wiederzusehen, namentlich in so ehrenwerter Gesellschaft, da ich somit die Gelegenheit habe, Ihnen noch mündlich die Sorge für meine Garderobe zu empfehlen und die besten Grüße an Monsieur le Comte, Capitain Ducasse und die anderen Herren der Equipage des Veloce auszurichten. Ich hoffe, daß Monsieur Bonifaz meine Wünsche in betreff der Douceurs aufs Beste erfüllt hat!«

»Madame …!«

»Verzeihen Sie, Monsieur de Thérouvigne, daß ich Sie nicht einladen kann, an unserer Weiterreise und unserem Frühstück Teil zu nehmen, aber meine Reisegefährten sind etwas mißtrauischer Natur und würden doch zuerst einige Auskunft über die Gesellschaft wünschen, in der Sie sich so weit bemüht haben.«

»Sie beschimpfen mich, Madame!« rief der junge Franzose wütend. »Ich komme, um Sie den schändlichen Händen zu entreißen, die Ihre Unerfahrenheit mißbraucht haben, um Sie Ihrem natürlichen Beschützer zu entführen.«

»Ganz und gar nicht, Cousin,« lachte die Fürstin. »Ich versichere Sie, Sie sind völlig im Irrtum. Ich habe mich vielmehr ganz freiwillig meiner Reisegesellschaft angeschlossen und mit ihr bereits verschiedene interessante Bekanntschaften gemacht und Abenteuer erlebt.«

»Bedenken Sie Ihren Ruf! die Gefahr …«

»Ah bah, lieber Cousin! wir sind hier doch nicht in Paris, und das sind überdies Dinge, über die Sie mir gefälligst selbst die Entscheidung überlassen wollen. Ich bin eine arme Waise, und wo könnte sich diese sicherer befinden, als unter dem Schutz ihrer beiden Vormünder?«

»Eines alten Schwachkopfs und eines englischen Feiglings!«

»Monsieur!«

»Schweigen Sie, Herr, bis ich mit Ihnen Abrechnung halte,« schrie der über die Ironie der Dame erbitterte Offizier. »Ich bitte Sie, Madame, unter meinen Schutz sogleich an Bord des Schiffes zurückzukehren, und werde dann die Bestrafung jener Ehrlosen bis zu unserer nächsten Begegnung verschieben. Nötigenfalls werde ich Sie zur Rückkehr zwingen.«

Die Fürstin richtete sich stolz empor. »Mit welchem Recht, Monsieur?«

»Mit dem Recht der Verwandtschaft …«

»Unsinn!«

»Mit dem Recht, das jeder Ehrenmann hat, einer Dame beizustehen, die in den Schlingen eines feigen Schurken ist!«

Lord Frederik war mit einem Sprung an dem Rande des Felsens. »Monsieur de Thérouvigne, ich habe Sie schon einmal gewarnt, mich zu beschimpfen. Sie sind des Todes, wenn Sie es zum dritten Mal wagen!«

»Dann stirb Du selbst, wie eine Memme es verdient!« schrie der Franzose, und blitzschnell riß seine Hand den Revolver aus dem Gürtel und feuerte. Während der Lord wankte und mit der Hand nach der Brust fuhr, ließ der Franzose, da er das totbringende Rohr Adlerblicks auf sich gerichtet sah, sein Pferd steigen, und das edle Tier empfing das Blei in seiner Brust und rettete so den Reiter, mit dem es sich überschlug. Zugleich, als hätte die Bande nur auf das Signal gewartet, stürmte die ganze Schar unter wildem Geschrei mit Windeseile über das Plateau und begann den Angriff.

Schüsse knallten von beiden Seiten; der Angriff der Abessynier jedoch war so rasch und stürmisch ausgeführt, daß der größte Teil der Schar sich bereits außer dem Bereich der Kugeln und unter dem Schutz der Felsen befand, ehe die Verteidiger des Platzes mit rechtem Erfolg ihre Annäherung verhindern konnten, während ein dichter Haufe sich in die Öffnung der Schlucht drängte.

Jetzt zeigte sich, welchen wichtigen und mächtigen Beistand der Lord in dem alten Bärenjäger gewonnen hatte.

Ein greller Pfiff Adlerblicks bei dem Heranstürmen der abessynischen Reiter hatte den treuen Gefährten mit dem Signal der Prairieen des Colorado aus der Zeit, als sie diese noch zusammen durchstreift, von der Annäherung der Gefahr in Kenntnis gesetzt. Der Riese begriff sehr wohl, daß an dieser Stelle die Büchse, so sicher er auch seiner Schüsse sein konnte, wenig nützen würde, und hatte sich daher mit einem der starken Zeltpfähle bewaffnet, die einen Teil des Gepäcks der Dromedare ausgemacht hatten. So stand er hinter dem Körper des toten Löwen mitten in dem engen Paß, in den jetzt die Reiter des Negus hereindrängten. An dem Körper des Löwen stutzte das erste Roß und hob sich, von seinem Reiter gespornt, von den Nachsprengenden gedrängt, zu mächtigem Satz. Aber, ehe es sich noch in die Luft erheben konnte, fiel der schwere Pfahl des Riesen auf das edle Tier und zerschmetterte sein Haupt und den Mann, den es trug. Eine zuckende Masse stürzten Roß und Reiter zusammen und versperrten den Eingang.

Noch einmal hob sich die gewaltige Keule und zerschmetterte den zweiten der Andrängenden. Dann staute sich die anstürmende Flut von Menschen und Tieren an diesem Ort und wogte zurück.

»Bei der Mariam und Astaroth, tötet! tötet!« heulte in der Amhara-Sprache hinter der Menge die Stimme von El Maresch. »Vorwärts, Ihr Söhne einer Hündin, oder gebt Raum dem, der den Tod nicht fürchtet!«

Und der Säbel des Führers fuhr auf den Haufen der eigenen Krieger, die furchtsam zur Seite wichen.

Als Lord Frederik, von der verräterischen Kugel getroffen, zurücktaumelte, fing ihn der Arzt in seinen Armen auf: »Um Gotteswillen, Mylord, sind Sie verwundet?«

Das schöne Gesicht Weras erglühte unter dem Gefühl der Empörung über den bübischen Verrat, sie schüttelte drohend die Hand gegen den französischen Offizier. »Das ist feiger Mord! mögest Du verdammt sein, Elender!« Dann wandte sie sich eilig zu dem Arzt. »Lassen Sie uns ihn hinabtragen, Monsieur, ich habe die Kraft eines Mannes. Es wäre traurig, wenn er so enden sollte!«

»Ich bitte Sie dringend, Fürstin, bringen Sie vor allem sich selbst in Sicherheit,« befahl der Arzt. »Homairi, wenn Du ein Mann bist und ein Ritter Deiner Nation, so nimm diese Frau in Deinen Schutz.«

Der Assassine, der bisher ohne persönliche Teilnahme, aber offenbar mit regem Interesse dem beginnenden Kampfe zugesehen, umfaßte die Fürstin, hob sie wie eine Feder auf seinen Arm und sprang mit ihr den inneren Felshang hinab und über den Grund der Schlucht, wo alles in schreckensvoller Verwirrung durcheinander rannte. Mit wenigen Sprüngen erreichte er die Buschwand, die den Zugang zu dem unbemerkbaren Felsenweg deckte, und schob sie hinein. Dann blieb er vor ihr stehen, die Streitaxt in der niederwallenden Hand, und beobachtete ohne Bewegung den tobenden Kampf.

Kumur, Adlerblick und der Beduine schützten den äußeren Rand des Felsenvorsprungs, den verschiedene der Abessynier, von ihren Rossen gestiegen, zu erklimmen suchten. Nachdem ein Blick den Arzt hiervon überzeugt, beschäftigte er sich mit dem verwundeten Engländer, den er auf dem Felsboden niedergelassen. Aber zu seiner Verwunderung bemerkte er nirgends eine Spur von Blut, und selbst, als er, die Richtung der Kugel an dem durchlöcherten Oberkleid erkennend, mit der Hand unter Rock und Hemd des Engländers glitt und auf nackter Brust nach der Kugel forschte, zog er sie ohne Blutspuren nach vergeblichem Suchen wieder heraus; Lord Frederik aber richtete sich rasch empor.

»Bin ich verwundet, Doktor? Ich fühlte einen Schlag, unter dem mir für einen Augenblick das Bewußtsein schwand!«

»Die heimtückische Kugel muß die Herzgrube getroffen haben, ist von einem harten Gegenstand abgeprallt und hat, was auf dieser Stelle leicht erklärlich. Sie nur betäubt. Aber ich fürchte, Mylord, unsere Sache steht schlimm!«

»Wir müssen Taylor zu Hilfe eilen! Wo ist die Fürstin?«

»Vorläufig in Sicherheit, der Assassine beschützt sie. Hallah, El Magreb, so ist es nicht gemeint!«

Er riß die Flinte an die Wange, aber, bevor er durch seinen Schuß der Bedrängnis seines alten Freundes, des Trappers, zu Hilfe gekommen war, hatte sich die Szene geändert.

Ralph war, als er den Pfahl gegen seinen nächsten Bedränger, den wilden Führer der abessynischen Reiter, eben schwang, auf dem von Blut schlüpfrigen Körper des Löwen ausgeglitten und in das Knie gesunken. Dies rettete wahrscheinlich sein Leben; denn die Kugel aus der langen Pistole des Mohren, die derselbe, während sein Pferd eben zum Sprunge über den Leichenhügel ansetzte, auf ihn abschoß, fuhr über seinen Kopf hin. Zugleich, setzte das edle Tier, von dem Reiter gestachelt, in gewaltigem Sprung über die zuckenden Körper hinweg und warf den alten Jäger vollends zu Boden. Der Pfahl, seine einzige Waffe, war seiner Hand entfallen, und er war widerstandslos dem Säbel des Mohren preisgegeben, den dieser über ihn schwang.

Dies war der Augenblick, in dem Doktor Walding die Gefahr des Bärenjägers erblickt und seine Flinte erhoben hatte.

In demselben Moment wurde die Wand von Gesträuch, die den geheimen Ausweg deckte, von innen auseinandergerissen, und in der Öffnung erschien der Assassinen-Jüngling in seinem weißen Gewande, Hände und Haupt von den Dornen der Schlingpflanzen blutig gerissen, aber hoch in der Hand ein Pergament schwingend, von dem am grünen Bande ein Siegel niederhing.

»Schutz! Schutz! im Namen des Herrn der Berge!«

Hinter ihm her drängte es von weißen und grünen Gewändern einer Schar von Männern und Jünglingen mit blinkenden Speeren und Streitäxten.

Hassan hatte nicht sobald das Wort seines Boten gehört, als er, der bisher untätig gestanden und sich allein mit der Sicherung der Fürstin begnügt hatte, seine Streitaxt mit Blitzesschnelle über das Haupt des alten Jägers ausstreckte, und den Hieb des Dedschas auffing.

Die Säbelklinge des wilden Abessyniers zersplitterte an dem Stahle der Streitaxt wie Glas.

Der Assassine rief zwei Worte in jener unbekannten Sprache, in der er mit dem Jüngling Jesus gesprochen hatte, und im Nu quoll der Haufe der bewaffneten Assassinen, der mit jenem gekommen war, aus dem Felsenweg und bildete quer über die Schlucht hinweg mit Speeren und Schilden eine eherne Mauer, deren Anblick schon geeignet war, jede Aussicht des Abessyniers auf weiteres Verfolgen seines Sieges zu nichte zu machen.

Aber El Maresch schien an einen solchen gar nicht zu denken. Er hatte kaum den Befehl des Assassinen gehört, als er den Seinen winkte und vom Pferde stieg, das schnaufend zwischen den toten und zuckenden Körpern der von Ralph erschlagenen Tiere und Krieger stand.

El Maresch, die Zügel des edlen Rosses um seinen Arm schlingend, trat einen Schritt auf den Assassinen zu und sagte in der Amhara-Sprache: »Ich bin ein Bote dessen, der über den Tod zu befehlen hat. Ist mein Bruder ein Wissender?«

»Wer bist Du?«

El Maresch erhob seine linke Hand und schlug dazu über Stirn und Kinn jenes eigentümliche Zeichen, das er am Bord des Veloce dem Indier gegenüber gemacht hatte.

»Ich bin Murad Galla el Maresch, ein Dedschas des Negus Nagassi von Habesch.«

»Das ist das Zeichen der Rufiks,« sagte der Assassine. »Du hast zu gehorchen dem Gebote des Dais! Ich bin Hassan ben Simson, der Erste der Dais Der Orden oder die Sekte der Assassinen bestand aus verschiedenen Klassen, die offenbar auf den Einrichtungen des christlichen Ordens der Tempelherren begründet waren. Dem Scheik-al-Dschebal, der als unumschränkter Gebieter herrschte, folgten zunächst die drei Dailkebiers oder Großprioren, ihnen die Daiks oder Prioren und Rufiks oder geistlichen Ritter, die jedoch nicht in alle Geheimnisse der Lehre und des Ordens eingeweiht waren, also kein Priesteramt bekleideten. Nach den Rittern kamen die Federvies oder Fedais, das heißt: die sich Opfernden, gleichsam die Leibknappen, eine Schaar von Jünglingen, die auf Befehl des Scheikh den blindesten Gehorsam zu üben verpflichtet waren und demgemäß erzogen wurden. Die sechste Klasse des Ordens bildeten die Lassiks oder Novizen, gleichsam die Soldaten, während die siebente aus dem gewöhnlichen arbeitenden Volk bestand, das man bei der strengsten Erfüllung der Gebote des Korans hielt, über den die Eingeweihteren sich völlig hinwegsetzten. des Scheikh al Dschebal, des Fürsten der Berge. Geh' hinaus in die Ebene, ich werde mit Dir reden, und laß die Waffen Deiner Männer ruhen, bis ich mit Dir gesprochen, oder Eblis wird seine Hand auf Euch alle legen.«

Der General des Negus neigte ehrerbietig das Haupt und führte sein Pferd über die toten Körper zurück, die den Eingang sperrten, indem er seinen Kriegern befahl, sich zurückzuziehen.

Jetzt erst wandte sich Hassan, der Homairi, zu dem Jüngling Jesus.

»Du kommst von dem Scheikh Johannes?«

»So ist es. Der Scheikh sendet Dir den Schutzbrief für die Franken und gestattet allen, die von jenseits des Meeres kommen, die heilige Burg zu betreten. Er erwartet den Hakim der Franken.«

»Und wo ist der Mann, den Du begleitet hast?«

»Er ist freiwillig zurückgeblieben in Gengarab und liest die Pergamente unserer Väter. Der heilige Priester Johannes hat Freude an ihm.«

»Wer gab Dir den Befehl, die Fedais und die Lassiks zu sammeln und mit Dir zu bringen?«

Der Jüngling führte, wie stets bei Erwähnung des Oberhauptes, die Hand zur Stirn. »Johannes selbst!«

»Es war gut und kam zur rechten Zeit. Wo ist die Frau, der Du begegnet sein mußt?«

Jesus wies nach der Fürstin, die bereits wieder unter ihren Freunden war.

»Gib dem Beisädih den Schutzbrief und sage ihm, daß sein Haupt sicher ist und jedes Haupt, das mit ihm gekommen. Lasse keine Fremden diesen Ort betreten und jene Körper in die Schluchten des Gebirges werfen, wo die Hyäne und der Geier ihre Mahlzeit halten.«

»Es soll geschehn, wie Du gesagt hast.« Der Jüngling wandte sich, um nach dem Lord zu sehen, während der ältere Assassine die Schlucht verlassen wollte, um sich zu der Unterredung mit dem Dedschas des Negus zu begeben, aber beide fühlten sich zurückgehalten.

Es war der Trapper Ralph, der sich vor den Eingang gestellt hatte. »Du bist ein wackerer Mann und Krieger, Araber,« sagte der Riese zu dem Dais, »und dieser graue Schädel verdankt es wahrscheinlich allein Dir, daß ihn der Säbel jenes schwarzen Schurken nicht gespalten hat. Goddam! Ich bin kein Undankbarer, aber ein ehrlicher Mann darf über den neuen Freund den alten nicht vergessen. Was ist aus unserem Reisegefährten geworden, für den Du mit Deiner Person gebürgt hast?«

Obgleich der ehrliche Trapper Englisch gesprochen, hatte der Assassine mit jenem leichten Verständnis, das den Orientalen angeboren ist, doch begriffen, was er wollte, und auf seine Frage zog Jesus einen Zettel hervor und reichte ihn dem Trapper.

Aber der wackere Ralph hätte eher alles andere verstanden, als die Krakelfüße des Professors, und es war ein Glück für das gute Einvernehmen der beiden, daß der Doktor und der Lord eilig herbei kamen, um selbst nach dem Verbleib ihres Gefährten zu forschen.

Der Zettel, der ihnen sofort übergeben wurde, lautete:

 

Hochgeehrte Herren und Freunde! Nach entsetzlichen Gefahren bin ich in einer wahren Schatzgrube der Wissenschaft bis auf meine etwas zerschundenen Schienbeine glücklich angekommen. Dieser alte Herr vom Berge, ein direkter Nachkomme des Priesters Johannes und nach diesem benannt, ist gar kein so unebener Mann und scheint eine große Gelehrsamkeit zu besitzen. Er hat mir einen ganzen Berg von uralten Pergamenten und Papyrusrollen zur Disposition gestellt, in denen ich bereits schwelge, wie ein Hungriger an einer Hochzeitstafel. O, wenn Böckh oder Lepsius wüßten, was hier im Staube vermodert. Kommt eilig hierher, der Herr Johannes sendet einen Schutzbrief und erwartet Sie, lieber Doktor, um ihn von der Wassersucht, oder was sonst sein Uebel ist, zu kuriren. Legen Sie meine devote Ehrerbietung meinem allerschönsten Mündel bestens zu Füßen, und folgen Sie bald Ihrem

getreuen Freunde Peterlein,
Lic. und Professor der »Natur und anderer Historia.«

 

Lord Walpole würde sich bei dem Lesen der charakteristischen Epistel wahrscheinlich der Heiterkeit hingegeben haben, wenn ihre Lage nicht noch immer so gar ernst und gefahrdrohend gewesen wäre. Er begnügte sich daher, den Trapper zu beruhigen, und, überzeugt, daß jeder Widerstand unnütz sei, beschloß er, sich in das Unvermeidliche zu fügen und ihre anscheinenden Freunde nicht durch weiteres Mißtrauen zu erbittern. Derselben Ansicht waren der Arzt und die Fürstin, und der Viscount erteilte daher den Befehl, alles zum Aufbruch zu rüsten, indem er zugleich den Posten auf der Höhe der Felswand erneuern ließ.

Der Schutzbrief, den Jesus überbracht hatte, der unter den Assassinen einer großen Achtung zu genießen schien, sich eifrig und wenig sprechend umherbewegte und namentlich große Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit und jeden Wunsch der Fürstin an den Tag legte, war in arabischer Sprache geschrieben und erteilte dem Inhaber und seinen Begleitern die Erlaubnis, das Gebiet des Scheikh-al-Dschebal zu durchziehen, ihnen Schutz und Beistand bei dem schweren Zorn des Herren des Gebirges zusichernd. An einem grünen Band hing der Abdruck eines Siegels in Wachs, das in Mitte unentzifferbarer Hieroglyphen das Bild einer emporzüngelnden Schlange zeigte.

Die Hilfe des Arztes wurde übrigens zunächst durch den Zustand der jungen Chinesin in Anspruch genommen. Tank-ki war bei dem ersten Schuß und dem Lärm des beginnenden Kampfes aus dem Schlaf emporgefahren, dem sie sich zu den Füßen der Gebieterin überlassen, ihre Augen suchten anfangs vergeblich die Fürstin, dann – als sie dieselbe auf der Höhe des Felsens erblickte, wollte sie zu ihr eilen, aber ehe sie noch vermocht hatte, sich aus den umhüllenden Decken zu wickeln und zu erheben, sah sie den Assassinen die Fürstin auf seine Arme heben und über die Schlucht hinwegtragen. Zugleich hörte sie den Doktor rufen: »Nieder mit dem französischen Verräter!« und gleich darauf die Büchse Adlerblicks krachen. Es mußte also ein Franzose unter der Schar der Angreifenden sich befinden, und welcher konnte das anders sein, als der Mann, dem sie die ehrgeizige Absicht des eigenen Vaters geopfert, der Mann, dem seitdem ihr junges Herz gehörte, der junge Kapitän, für den das fortwährende Zusammensein auf der Seereise ihre Empfindungen nur noch mehr gesteigert, der junge schöne Graf von Boulbon.

Dieser Gedanke hatte kaum ihren Kopf durchzuckt, als sie ohnmächtig wieder zu Boden sank und in Krämpfen sich wand. So hatte sie die Fürstin gefunden und schnell den Arzt zu Hilfe gerufen.

Unter dem Vorwand, einiger Gegenstände zu bedürfen, die sich in dem Gepäck befanden, hatte der Doktor die Fürstin für kurze Zeit entfernt, und beobachtete währenddessen das kranke Mädchen. Die Erkenntnis, die sich ihm auch diesmal wie schon in dem unterirdischen Gewölbe der Kirche auf dem Strand von Arkiko aufdrängte, erfüllte das Herz des menschenfreundlichen Arztes mit Bedauern, und er beschloß, des armen Kindes sich nach Kräften anzunehmen, wenn der Zorn der Fürstin sie vielleicht schwerer treffen sollte. Seine verständige Hilfsleistung brachte das Mädchen bald wieder zu sich, und als sie angstvoll ihn fragte, ob der Franken-Offizier getötet sei, wußte er genug und beruhigte sie mit der Versicherung, daß dies, so viel er gesehen, nicht der Fall sei.

Lord Walpole hatte die Höhe der Felswand erstiegen, um sich selbst von dem Verhalten des Feindes Kenntnis zu verschaffen. Er fand, daß die abessynischen Reiter sich bis an den Rand des Plateaus zurückgezogen, indem sie ihre Toten und Verwundeten mit sich getragen hatten; denn das wohlgezielte Feuer Adlerblicks, Kumurs und des Beduinen hatte drei oder vier Reiter bei ihrem Angriff in den Sand gestreckt. Nicht ohne Erstaunen, und, trotz des bisherigen ritterlichen Verhaltens des Dais, auch nicht ohne Mißtrauen, hatte er Hassan mit dem wilden Führer der Reiter in einem anscheinend ernsten Gespräch mitten auf der kleinen Ebene stehen sehen, und die Geberden des Dedschas nach der Schlucht hin bekundeten ihm genügend den Gegenstand desselben.

Die beiden wilden Krieger standen einander gegenüber, die Zügel ihrer edlen Rosse, die ihnen zur Seite hielten, um den linken Arm geschlungen. Mit wachsender Verwunderung sah der Lord, wie der wilde Abessynier jetzt auf eine gebieterische Bewegung des anderen die Arme über der Brust kreuzte und sich demütig verneigte. Ihm zur Seite aber stand, wie er deutlich mit einer gerechten Erbitterung erkannte, Leutnant de Thérouvigne, sein Feind.

Die verräterische Tat, wenn er auch annehmen durfte, daß sie eine Handlung der Aufregung und des Zorns gewesen war, hatte den jungen Engländer, der stets die Selbstbeherrschung eines wahren Gentlemen zeigte, aufs Tiefste empört und einen schweren Groll gegen den Rivalen in seinem Herzen zurückgelassen, den er bisher nur mit kalter Überlegenheit behandelt hatte. Er wußte nur zu gut, welcher glückliche Zufall ihn vor der heimtückischen Kugel gerettet hatte, er fing an zu glauben, daß einer von ihnen beiden dem anderen zu viel sei im Leben, und unwillkürlich erinnerte er sich an die furchtbare Philosophie des Assassinen, die Jedem das Recht zuerkannte, das Leben aller zu nehmen, die seinen Wünschen und Zwecken hinderlich wären.

Die Unterredung des Assassinen mit dem Dedschas war beendet, ihr Inhalt aber folgender gewesen:

»Du bist Murad, der Gallas?« fragte der Dais. »Ich habe Deinen Namen schon früher gehört, aber ich kannte Dich nicht. Warum hast Du Dich in der Burg des Scheikh-al-Djebal noch niemals gezeigt, wie es doch unser Gesetz befiehlt?«

»Ich habe noch niemals die Gelegenheit gehabt, seit ich den Eid des Bundes geschworen. Der Negus Nagassi hat stets meine Nähe gefordert. Ich bin ein Sohn anderer Berge.«

»Ich speie auf das Grab seiner Väter! Der Negus von Habesch ist der Feind der grünen Schlange. Er lügt, wenn er sich rühmt, ein Sohn Ismaëls zu sein und Du hast Dich täuschen lassen von seiner Angabe, den Ring zu besitzen, der alle Hosseini zwingt, seinem Befehl zu gehorchen.«

»Es ist nicht der Negus, der mich hierher gesandt hat, oder vielmehr, er ahnt nicht, daß ich dem Gebot des Ringes folge.«

»Und dennoch wagtest Du, mir von diesem zu sprechen. Du verdienst den Tod für die Lüge.«

»Mein Leben gehört dem großen Priester Johann. Aber ich schwöre Dir, daß ich den Ring gesehen, in dessen Namen mir geboten wurde, den Inglese zu töten und alle, die mit ihm sind.«

»Du redest Kot und sollst bestraft werden. Der Träger des grünen Ringes mit der Schlange ist in der heiligen Burg der Homairi und hat das Krankenlager nicht verlassen, seit der Mond zwei Mal gewechselt hat.«

»Meine Seele soll der Wanderung verlustig sein und in das Nichts zerfließen, wenn ich Dir nicht die Wahrheit sage. Es ist ein Mann gekommen mit dem Schiff der Franken aus Hindostan, und er trägt den Ring am Finger, der allen Homairis gebietet, ihr Leben zu geben und zu tun, wie der Träger des Ringes befiehlt.«

Der Dais schüttelte zweifelnd den Kopf. »Es muß ein Betrüger sein, der unser Geheimnis erspäht hat. Er muß sterben auf jeden Fall.«

»Der Fremde ist kein Betrüger,« beharrte der Mohr, »er ist gewaltig in seinem Zorn und fremd in diesem Lande; denn er kannte nicht den Namen des heiligen Priesters Johann. Es ist ein Geheimnis um ihn, denn er zeigt sich nicht den Franken in seiner wahren Gestalt.«

Der Dais wiegte noch immer nachdenkend den Kopf, Da er sich selbst für den Nachfolger des Scheikh im Besitz des heiligen Ringes und somit der unbeschränkten Gewalt hoffte, berührte ihn die Erzählung des Abessiniers und die Erscheinung eines Rivalen um so überraschender und unangenehmer.

»Warum hat der Herr des Ringes Dich nicht begleitet? Du siehst daraus, daß er ein Betrüger ist.«

»Er will mit dem Schiff der Franken nach Suez. Er haßt die Engländer und befiehlt ihren Tod. Ich habe den Ring gesehen und muß ihm gehorchen, Du bist nur ein Dais, dessen Wort weniger gilt als das seine. In seinem Auge wohnt der Tod, ich muß ihm Folge leisten, bis ich weiß, daß jener Ring nicht der wahre ist. Er hat mir befohlen zu töten, und ich werde gehorchen, oder das Leben lassen.«

»Ich werde Dich hindern daran, denn der Scheikh al-Dschebal hat ihnen Schutz versprochen. Du siehst, daß die Macht auf unserer Seite ist.«

»Was kümmert das mich! Die Homairi wissen zu sterben. Laß uns kämpfen um ihr Leben, und zürne mir nicht, weil ich ein Rufik bin.«

Er neigte sich demütig vor dem höheren Rang des anderen und wollte sein Pferd wieder besteigen, als eine Geberde des Dais ihn zurückhielt.

»Isbur Warte!!« sagte der Assassine. »Es gibt noch einen Weg, zur Wahrheit zu kommen. Du magst uns begleiten nach Gengarab und Deine seltsame Geschichte von dem Ringe dem Scheikh Johannes erzählen. Er soll entscheiden über Dein und ihr Schicksal. Bist Du es zufrieden?«

Der Dedschas verneigte sich zustimmend.

»Wer ist der Franke, der bei Dir ist?«

»Er ist gleichfalls mit dem Schiff gekommen, und der Furchtbare mit dem Ringe hat mir befohlen, ihn mit in die Wüste zu nehmen. Er haßt, wie jener, den Inglese und will mit ihm kämpfen; aber der englische Beisädih ist ein Feigling und weigert den Kampf.«

Wiederum machte der Dais ein Zeichen des Zweifels. »Der Beisädih ist kein Feigling! er wird den Kampf nicht weigern, der Franke soll Dich begleiten und der Scheik-al-Dschebal möge auch darüber entscheiden. Der Priester Johann ist ein weiser Mann, und er hält die Gesetze der Homairi heilig. Die aus der Wüste stammen und nicht Kinder der Schlange sind, mögen hier verweilen, denn ihr Auge darf die heilige Burg nicht schauen. Geh' und tue das Nötige! Ehe der Schatten jenen Stein verläßt, mußt Du bereit sein.«

Der Dais kehrte zu dem Lager der Reisegesellschaft zurück und winkte dem Lord und dem Arzt.

»Der Beisädih, die Frau und der weise Hakim,« sagte er, »werden mit ihren Begleitern von jenseits der Meere dem Scheik-al-Dschebal willkommen sein. Er erwartet sie auf der Burg unserer Väter. Die Sonne steht bereits hoch, und wir müssen aufbrechen.«

»Und unsere Leute, unser Gepäck?«

»Es möge hier bleiben, bis Du wiederkehrst oder Botschaft sendest. Du hast den Schutzbrief des Scheikh, es lebt kein Mann in der Wüste, der es wagen würde, ihn zu brechen. Auch werden zwanzig meiner Krieger zurückbleiben, diesen Ort zu schützen.«

»Aber die Reiter des Negus? ich sah Dich mit ihrem wilden Führer und dem Franzosen verhandeln?«

»Der Leopard springt durch die Wüste ebensogut wie der wilde Hund. Sie jagen beide, ohne sich zu bekämpfen. Die Deinen sind sicher vor den Reitern des Negus. Eile – meine Zeit ist zu Ende!«

Es folgte eine kurze Besprechung zwischen dem Lord und dem Arzt, Wéra und den beiden Jägern, deren Resultat war, daß, da Widerstand gegen die Weisung des Assassinen ohnehin unmöglich geworden, man sich ihm ohne weiteres fügen wolle. Adlerblick sollte zurückbleiben und den Befehl erhalten. Sobald Abu-Beckr mit seinen Beduinen an der Fackel der Wüste erschiene, sollte man versuchen, sich mit diesem in Verbindung zu setzen und in der Wüste zu verweilen, bis Nachricht von den Reisenden angekommen, oder diese selbst zurückgekehrt wären. Selbst Kumur mußte auf Verlangen des Assassinen zurückbleiben, so ungern er sich auch von seinem Herrn trennen wollte. Auch Tank-ki sollte unter dem Schutze Adlerblicks bleiben, da sie in ihrem Zustand den Strapazen des Ritts schwerlich gewachsen war, und der Arzt auf ihrem Zurückbleiben bestand.

Lord Frederic hatte sich von der Höhe des Felsens aus überzeugt, daß die abessynischen Reiter sich von dem Plateau gänzlich zurückgezogen und die Wachen der Assasinen dieses besetzt hatten. Nur El Maresch, der französische Offizier und einer der Reiter waren zurückgeblieben; als jedoch der Lord den Dais nach der Ursache fragte, erhielt er nur ausweichende Antworten und hielt es daher für das Beste, sich nicht weiter darum zu bekümmern.

Nachdem nochmals Adlerblick und die Führer aufs Genaueste unterrichtet waren und man aus dem Gepäck einige Gegenstände entnommen hatte, die sich als Geschenk für den Herrn des Gebirges eignen mochten, erklärte sich der Lord zum Aufbruch bereit. Eine kleine Abteilung der Assassinen unter dem Befehl des Dais schritt voran, die Pferde für die Fürstin, den Lord und den Arzt führend, bis die Erweiterung des Weges durch die Felsklüftung das Reiten wieder möglich machte, während Ralph darauf beharrte, den Weg überhaupt zu Fuß zurückzulegen. Fünf andere Assassinen-Krieger schlossen den kleinen Zug, der sich anfangs wohl zehn Minuten lang zwischen eng zusammentretenden Felswänden fortbewegte, bis diese, zurückweichend, ein lang sich hinstreckendes Tal zeigten, an dessen Ende sich neue Felsmauern in die Höhe streckten.

Hier stiegen alle zu Pferde und legten ziemlich schnell den Weg bis an die zweite Bergwand zurück.

Als der Lord sich hier zurückwandte, sah er mit neuem Erstaunen den Dedschas mit einem seiner Reiter und dem Franzosen, begleitet von fünf Assassinen ihnen folgen. Er behielt jedoch keine Zeit zu weiteren Bemerkungen, denn die Assassinen, die sie begleitet, traten je zwei zu einem der Reiter, dichte grüne Schleier in den Händen, und der Dais Hassan bedeutete sie, daß sie sich sämtlich hier die Augen verbinden lassen müßten, weil kein Uneingeweihter den Weg zu der Burg des Scheikh erfahren dürfe.

Vergebens hatten sich die beiden Europäer schon nach einem solchen umgesehen, denn die mächtigen Felswände stiegen hier senkrecht in die Höhe, ohne daß eine Spur von Pfad zu bemerken war. Nachdem sie sich der Prozedur unterworfen hatten, und ihre Augen so dicht von Schleiern umhüllt worden waren, daß sie nur noch einen Schimmer des Tageslichtes gewahren, unmöglich aber etwas Näheres erkennen konnten, hieß man sie, sich an dem Sattelknopf festzuhalten und die Zügel loszulassen, ohne die geringste Bewegung zu machen, die Tiere selbständig leiten zu wollen, da diese geführt werden würden; denn der Weg, den sie zu nehmen hätten, sei nicht ohne Gefahr. Wéra bemerkte noch, wie der Jüngling Jesus an die Seite des Pferdes trat, das sie trug, und dessen Zügel nahm. Dann verschwanden alle Personen unter der Hülle, die auch ihre Augen bedeckte, und sie vernahm nur, wie eine sanfte melodische Stimme ihr von Zeit zu Zeit in der Lingua-Franca Worte der Ermutigung und Aufmerksamkeit für ihre Sicherheit zusprach, wenn etwa ihr Pferd einmal einen falschen Tritt getan hatte, oder eine besonders gefährliche Stelle ihre ganze Ruhe im Sattel forderte.

Und an solchen Gefahren schien es keineswegs zu fehlen. Schon nach den ersten Minuten, in denen die Menschen und Pferde einen Weg durch tiefes Dunkel zu nehmen schienen, da auch der leichteste Schimmer vor ihren Augen verschwand und die Tritte der Tiere und Menschen dumpf wie in einem Gewölbe hallten, ging es steil aufwärts, sodaß sie sich weit vor auf den Hals des Tieres beugen mußte. Der Weg schien sich im Zickzack an einer Felsenwand empor zu winden, denn die Fürstin fühlte, wie sich das Tier oft auf einer Seite nahe an die Felsen drängte, während auf der andern ein leerer Raum blieb, und wenn zufällig von dem Huf des Tiers oder dem Fuß seiner Geleiter ein Stein über den Rand gestoßen wurde, rollte er aufschlagend in unerkennbare Tiefe.

Wir wissen, daß die junge Sibirianka hohen Mut besaß und zahlreichen Gefahren getrotzt hatte. Aber dieses willenlose Überlassensein an Unbekanntes, Drohendes, dieses Gefühl, daß in jedem Moment sie ein Zufall oder eine boshafte Tat hinausschleudern könnte in den leeren Raum, machte ihre Pulse beben und spannte ihre Nerven zu einer Überreizung, die sie mehr als einmal nahe daran brachte, laut um Beistand zu rufen und mit Gewalt die Binde von ihren Augen zu reißen.

Dann war es die sanfte und melancholische Stimme des Jesus, dessen Seele förmlich den Paroxismus und die Angst der ihren zu erraten schien, die jedes Mal wieder ihre Nerven beruhigte und ihren Mut und ihre alte Selbstbeherrschung wieder herstellte.

Mehr als ein Mal dachte sie, ob ihre Gefährten wohl Ähnliches empfinden möchten, und wie wohl ihrem alten Verehrer, dem zaghaften Professor, auf diesem Wege zu Mute gewesen sein mochte, und sie konnte sich nicht enthalten, den jungen Homairi zu befragen, ob ihm auch die Augen verbunden gewesen wären, und wie er sich benommen habe. Und als er ihr in der mangelhaften Sprache, deren sich beide bedienen mußten, erzählte, daß wohl nur das Dunkel der Nacht und die Furcht, von seinem Führer verlassen zu werden, den Gelehrten vermocht gehabt hätten, ihm zu folgen, wie er kläglich gestöhnt und gejammert und oft vor Angst kaum weiter gekonnt hätte, da erschien ihr zuletzt das Bild, das ihr vorschwebte, so komisch, daß sie in helles Lachen ausbrach und ihren vollen Gleichmut wiedergewann.

Noch einmal führte der Weg die Reisenden durch tiefes Dunkel; als sie dies aber verlassen, hielten die Führer plötzlich ihre Tiere an, und die volle sonore Stimme des Dais Hassan verkündete ihnen, daß sie nahe ihrem Ziele wären, und es ihnen jetzt gestattet sei, die Binde von ihren Augen zu lösen.

Die Sibirianka neigte den Kopf und die bei der Berührung des schönen Mädchens erbebende Hand des Jünglings Jesus löste den Schleier.

Als Wéra den Kopf erhob, zeigte sich ihr im Licht der Sonne ein seltsamer Anblick, der auch von ihren Reisegefährten mit einem Ruf der Überraschung begrüßt wurde.


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