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Der Missionar.

Es war in den vierziger Jahren, als der Preußische Missions-Verein in China und Siam durch den bekannten Missionar Gützlaff vertreten war. Er residierte in China, zumeist in Macao und sandte von dort die Missionare an ihre einzelnen Stationen.

Im Jahre 1847 kam mit Unterstützung des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, der Missionar Wilhelm Ronecamp, ein Westfale von Geburt, nach Indien und China, um der katholischen Propaganda gegenüber den protestantischen Glauben verbreiten zu helfen.

Seine Gattin und seine Tochter begleiteten ihn. Die Überfahrt der Familie erfolgte auf einer englischen Fregatte, die nach den indischen Gewässern bestimmt war, um gegen die damals wieder überhand nehmenden Seeräubereien der Malayen zu kreuzen.

Der zweite Leutnant an Bord der »Waterloo« war Master Henry Norford, ein junger Mann aus guter Familie und von der besten wissenschaftlichen Erziehung. Er verliebte sich während der Überfahrt sterblich in die Tochter des Ehepaars, Maria mit Namen, und als sie Kalkutta erreicht hatten, von wo die Familie des Missionars mit anderer Gelegenheit weiter gehen sollte, hielt er bei dem Ehepaar um die Hand der Tochter an.

Norford war ein junger Mann von den besten Aussichten und dem besten Ruf in seinem Dienst, denn er hatte sich bereits bei verschiedenen Gelegenheiten als ein Offizier von großen Kenntnissen, Entschlossenheit und einem durch nichts einzuschüchternden Mut bewährt. Dennoch glaubte Herr Ronecamp ihm die Hand seiner Tochter versagen zu müssen, denn er hatte bemerkt, daß Henry eine sehr hitzige und leidenschaftliche Gemütsart besaß, und da Maria dem Stande der Eltern gemäß sehr still und bescheiden erzogen war, fürchtete er, daß sie bei einer so weiten, vielleicht lebenslänglichen Trennung von den Eltern nicht selbständig genug sein würde, um dem Charakter ihres Mannes gegenüber ihr häusliches Glück sichern zu können. Überdies war es sein Lieblingswunsch, sein einziges Kind solle einen Mann seines Standes heiraten, der mit ihm gemeinsam an dem großen und erhabenen Werke der Verbreitung des Christentums arbeite.

Maria, damals siebzehn Jahr alt, war viel zu fromm erzogen, um einen Widerspruch zu äußern, obschon ihr junges Herz sich den Bewerbungen eines so liebenswürdigen und wackern jungen Mannes nicht hatte verschließen können. So erhielt denn Leutnant Norford eine höfliche aber bestimmte Ablehnung unter Angabe der Gründe, und die Wirkung, die sie auf seinen ungestümen und leidenschaftlichen Charakter hervorbrachte, bewies dem Missionar aufs neue, daß er recht gehandelt in seiner Entscheidung.

Henry Norford tobte, bat, drohte, und als der Geistliche festblieb und ihm erklärte, daß er nur mit einem Mann seines Standes und seiner Lebensgewohnheiten das Glück seiner Tochter gesichert halte, schwor er hoch und teuer, daß er sie dennoch besitzen und ihr überall hin folgen werde.

Die Familie Ronecamp sollte ein halbes Jahr in Kalkutta bleiben, um sich von den Strapazen der Reife zu erholen, sich an das Klima zu gewöhnen und mit der orientalischen Lebensweise vertraut zu machen. So war denn der junge Seeoffizier gewiß, sie bei seiner Rückkehr wiederzufinden, als der Admiral der Station seine Fregatte bald nach ihrer Ankunft auf eine Kreuzfahrt in den indischen Archipel aussandte.

Die »Waterloo« kehrte nach zwei Monaten zurück, nachdem sie eine Anzahl Malayen-Dschonken und andere Piratenschiffe versenkt und verbrannt hatte, und Henry Norford betrat das Ufer mit der sehnsüchtigsten Liebe und den freudigsten Erwartungen, denn er war durch den Tod des Ersten Leutnants der Fregatte indes an dessen Stelle gerückt, und der Dienst in Indien versprach ihm bald eine weitere Beförderung.

Wie ein Donnerschlag traf ihn daher die Nachricht, daß der Missionar Ronekamp mit seiner Familie in einem Chinafahrer nach Canton abgesegelt sei.

Seine Leidenschaft, seine Aufregung waren so groß, daß er in ein hitziges Fieber verfiel, an dem er mehrere Wochen im Hospital mit dem Tode rang. Endlich siegte seine kräftige Natur, und er genas, bedurfte aber einer langen Zeit und der größten Ruhe zur Wiederherstellung seiner Kräfte.

Als er endlich das Hospital verließ, war eine seltsame Umwandlung mit ihm vorgegangen. Der sonst so heitere, kühne Seemann war ernst und schwermütig geworden und unterdrückte mit einer ungewöhnlichen moralischen Willensstärke jede Aufwallung seines früheren leidenschaftlichen Charakters. Schon vom Krankenbette aus hatte er sein Gesuch um Entlassung aus seinem Dienst und der Flotte eingereicht, und nachdem er vollständig genesen war und sein Gehalt und sein kleines Vermögen aus der Heimat eingezogen hatte, verschwand er aus der Gesellschaft, was so leicht in einem Lande ist, wo jährlich Tausende von Leben verloren gehen, ohne daß man weiß, wie? oder ohne daß man sich im geringsten darum kümmert.

Zwei Jahre nachher erschien plötzlich in Shanghai, dessen Hafen durch den englischen Krieg von 1842 und die Verträge mit Amerika von: 3. Juli 1844 und mit Frankreich vom 25. August 1845 dem Handel und der europäischen Kultur schon geöffnet war, ein Mann von etwa dreißig oder einunddreißig Jahren, ernst und still, ein englischer Missionar, der sich dem schweren Liebeswerk geweiht hatte, und meldete sich bei dem Vorstand der Station, dem ehrwürdigen Master Ronecamp.

Es war Henry Norford, der ehemalige Fregatten-Leutnant.

Man kann sich das Erstaunen der Familie denken.

Norford erklärte offen die Beweggründe seines Handelns. Die schwere Krankheit, die er infolge der Abreise seiner Geliebten überstanden, hatte ihn zu einem großen Entschluß gebracht. Er hatte selbst eingesehen, daß er mit dem Ungestüm seines Charakters und bei dem Stande, dem er sich gewidmet, das Wesen, das er leidenschaftlich liebte, nicht glücklich machen würde, und der Wünsche des Vaters eingedenk, hatte er sich entschlossen, alle Aussichten und Ehren seiner kriegerischen Laufbahn daran zu geben und ein Missionar zu werden, um als solcher um die Hand Marias zu werben. Er hatte sich mit Eifer auf die theologischen und sonstigen Studien geworfen, die für seinen künftigen Beruf nötig waren, und von der ostindischen Missionsgesellschaft den Auftrag erlangt, sich der Station in Shanghai und auf der Insel Tschusan anzuschließen, uni von hier aus in das Innere der Provinz Kiang-Su einzudringen.

Er wollte um Maria werben und erklärte sich dem ältern Missionar gegenüber zu jeder Prüfungszeit bereit. Eine solche Aufopferung, eine solche Festigkeit rührte auch das Herz des Deutschen, und er setzte diese Zeit auf zwei Jahre fest, nach denen Henry Norford die Hand von Maria Ronecamp erhalten sollte.

Aber ehe diese Zeit verstrichen war, traten Verhältnisse ein, welche die Zukunft des Paares änderten.

Der ehemalige Offizier war mit China und den dortigen Verhältnissen nicht unbekannt; denn er hatte als Midshipman unter Admiral Elliot, Commodore Bremer und Admiral Parker jenen Krieg gegen China von 1840 bis 1842 mitgemacht, in dem die Schlauheit der Minister des himmlischen Reiches der Mitte so lange und so wiederholt die englische Macht narrte und alle ihre Erfolge zu nichte machte, bis die Gewalt der Waffen endlich den Vertrag vom 26. August erzwang, welcher China der freien Einführung des englischen Opiumgiftes und des Christentums – letzteres wenigstens als Nebenartikel für die Küstenprovinzen – öffnete.

Dadurch war Norford schon damals etwas mit der chinesischen Sprache und den Sitten des Landes bekannt geworden, was ihm jetzt von großem Vorteil wurde. Es war ungefähr anderthalb Jahr nach seinem Eintreffen, als sich ein Ereignis zutrug, das für die Familie von der traurigsten Bedeutung werden sollte.

Sie bewohnte ein kleines, halb europäisch, halb nach Landesgebrauch eingerichtetes Häuschen vor einem der Thore von Shanghai in der Nähe der englischen Faktorei. An einem Abend erschreckte ein immer mehr an wachsender Lärm die Familie; es war an den Kaufläden der Chinesen zwischen Matrosen eines amerikanischen Schisses, das draußen auf der Reede lag, und den Eingeborenen zu Zank gekommen, der von seiten des Anführers der Seeleute damit endete, daß er einem Mann sein Messer in den Leib stieß und einen zweiten zu Boden schlug.

Der Getötete war ein wohlhabender Kaufmann und, wie der Missionar später erfuhr, in seinem vollen Recht gewesen, denn der Amerikaner hatte im trunkenen Übermut auf offener Straße auf das brutalste seine Frau angefaßt und sie beleidigt. Der Mord endete die sonst ziemlich große Geduld oder vielmehr Feigheit der Chinesen, und ihrer großen Überzahl sich bewußt, fielen sie über die Beleidiger her, zu denen außer dem Mörder, der einer der Steuerleute des Schiffs fein sollte, noch drei Matrosen gehörten.

Alle vier waren wohl bewaffnet und ihr Anführer ein Mann von herkulischem Bau und großer Kraft. Sie wehrten sich wie die Löwen und das Leben von zwei der Matrosen, die im wahren Sinne des Wortes, als sie zu Boden sanken, von den wütenden Asiaten in Stücke zerrissen wurden, wurde mit der dreifachen Zahl von Gegnern erkauft. Dem Steuermann und seinem noch übrig gebliebenen Gefährten gelang es endlich, aus mehreren Wunden blutend, sich bis an die Mauer der Mission zurückzuziehen. Hier aber fand er, daß die Diener aus Furcht die Thür verschlossen hatten.

An das verschlossene Thor gelehnt, stand Hawthorn – so nannte sich der Steuermann – die Zähne fest aufeinander gebissen, die Augen rot unterlaufen, während aus einer Kopfwunde in dunklem Strom das Blut über sein von Wut und Schmerz entstelltes Gesicht rann. Seine rechte Faust hielt den Griff eines langen Bowiemessers, während die linke mit dem nutzlosen Pistol herabhing, das er längst gegen seine Gegner abgeschossen hatte. Sein Geführte war ein malayischer Matrose in seiner leichten malerischen, aber jetzt mit Blut besudelten Kleidung, und hatte bis jetzt außer einigen Beulen noch keine Verletzung davon getragen. Er hatte sich den weißen Turban abgerissen und den dicken Musselin um den linken Arm geschlungen, mit dem er schon mehr als einen Stich und Hieb abgewehrt hatte.

Es schien ein Augenblick kurzer Ruhe in dem ungleichen Kampf eingetreten zu sein, denn die wütende Menge bildete einen Halbkreis um ihre beiden Opfer und ihr gellendes Zetergeschrei hatte einen Moment aufgehört, während man das Läuten des Glöckchens vernahm, das an einem Gerüst auf dem Dach der Missionsstation hing und von den angsterfüllten Frauen und Dienern derselben in Bewegung gesetzt worden war, um von der Faktorei Hilfe herbei zu rufen.

Gleich darauf hörte man einen entfernten Trommelwirbel.

Die Chinesen wußten, was derselbe zu bedeuten hatte; sie wußten, daß sie den englischen Bajonetten nicht widerstehen würden. Aber es befanden sich unter dem mit jedem Augenblick sich mehrenden Volkshaufen viele Taipings das heißt: Abkömmlinge der tatarischen Stämme, und diesen fehlt es keineswegs an Mut, wie die Engländer schon mehrfach zu ihrem Schaden erfahren haben.

Ein wütendes Zetergeschrei erhob sich aus dem Haufen. Die Taiping-Soldaten drängten sich in die vorderen Reihen, und zwei Luntenflinten langten über die Köpfe der Menge und richteten ihre weiten Mündungen auf die Bedrängten.

»Fluch über diese feigen Hunde von Europäern, die nicht wagen, ihre Schlupfwinkel zu öffnen,« stöhnte Hawthorn. »Die Kanaille wird uns in Stücke reißen wie Steffens und den Spanier. Aber wir wollen unser Leben wenigstens teuer verkaufen, Mahadrö, mein Junge!«

»Massa nicht sterben,« sagte der Malaye, seinen Krys schwingend, »so lange Mahadrö einen Odem in seinen: Leibe hat. Feige Langzöpfe fürchten das Messer!«

»Zum Teufel, so laß einmal Deiner Tollwut freien Lauf! Ein Dutzend von den Jungens unseres Schiffes, und ich wollte sie in die Stadt zurückjagen, daß jeder seine Glieder in den Straßenwinkeln suchen müßte! Vorwärts, da kommen die Schurken, und mögen jene, die hier wohnen, verflucht sein bis in die unterste Hölle!«

Die tobende Volksmenge stürzte sich wie eine brüllende Woge gegen die zwei. Balken und Spieße, Steine, Säbel, Haus- und Ladengeräte, alles war gegen sie erhoben, um Rache zu üben für den schändlichen Mord.

Der tapfere Malaye sprang mit dem Satz eines Panthers vor den Mann, den er seinen Herrn genannt, und während er den linken Arm zum Schutz gegen die Hiebe und Stöße vorhielt, tauchte der gewundene Stahl seines gefährlichen Dolches dreimal in die andringende Menge und kehrte jedesmal blutig bis zum Heft zurück.

Hawthorn hatte einen schweren Hieb mit seinem Bowiemesser gethan, der den kahlen Schädel eines Chinesen spaltete, aber ein Schlag mit einer Stange auf den Arm zwang ihn, die Waffe loszulassen und ein zweiter Hieb warf ihn auf die Kniee. Ein ganzer Haufe stürzte sich auf ihn, aber trotz seiner Wunden und des Blutverlustes faßte er mit jeder Faust einen der Angreifer und stieß sie so heftig mit den Köpfen gegeneinander, daß beide betäubt zurückfielen.

Doch selbst seine herkulische Kraft nützte ihm nichts gegen die gewaltige Übermacht. Im nächsten Augenblick ward er zu Boden geworfen und zehn Säbel und Messer blitzten über dem vergeblich ringenden Körper.

Mahadrö hatte kaum die Gefahr seines Gebieters gesehen, als er von seinem eigenen Kampf abließ und sich wie ein Tiger auf die Bedränger des Europäers stürzte, sie von ihm zurückstieß, und sich über den am Boden Liegenden warf und mit seinem unbeschützten Körper die Schläge und Stöße auffing. Ein jauchzendes Geschrei der Asiaten verkündete, daß sie die Sieger geworden und nun ihrem Rachedurst freien Lauf lassen konnten.

In diesem Augenblick öffnete sich plötzlich das Thor der Mission, und ein einzelner Mann und ein Mädchen standen den Wütenden gegenüber und vor der schrecklichen Mordscene.

Es war der Missionar Ronecamp mit seiner Tochter.

Keiner der Diener der Mission hatte gewagt, das Paar bei ihrem mutigen Werk der Nächstenliebe zu begleiten, alle hielten sich entfernt und in den Gebäuden versteckt, seine Gattin lag zitternd in ihrem Gemach auf den Knieen und betete.

Der alte Geistliche trug das dunkle Gewand seines Standes, sein weißes Silberhaar hing unbedeckt um sein ehrwürdiges Gesicht, während das Mädchen mit dem reichen schönen Blondhaar wie die Erscheinung eines Engels, die Hände bittend gefaltet, an seiner Schulter lehnte.

Der Eindruck, den der Anblick und die mutige Handlungsweise auf die tobende Menge übte, war groß. Das Geschrei hörte auf, die erhobenen Waffen sanken nieder, und unwillkürlich wich der Halbkreis einige Schritte zurück und ließ in seiner Mitte die beiden blutenden Opfer, den Malayen und seinen Herrn zurück.

»Freunde,« sagte der Missionar milde in chinesischer Sprache, »warum wollt Ihr diese Männer töten? ich bitte Euch, gebt dem Erbarmen Gehör, und wenn sie Euch beleidigt oder gegen das Gesetz verstoßen haben, so übergebt sie ihrer Obrigkeit!«

»Sie haben Kiang-thin, den Seidenhändler, ermordet, weil er sein Weib verteidigt! Sie müssen sterben!« schrie eine Stimme aus der Menge.

»Ist das wahr, Freund?« sagte der Missionar zu dem Seemann.

»Zum Henker mit Euren albernen Fragen?« brüllte Hawthorn, »laßt mich in die Thür, die Ihr längst hättet öffnen sollen, und dann laßt sie kommen die Hunde!«

»Tötet ihn! laßt ihn nicht entkommen, den Mörder!«

Wiederum hob der Missionar die Hand und noch einmal schwieg der Lärm.

»Ihr wißt, Freunde,« sagte er, »daß die Gerichtsbarkeit über die Europäer nicht Euch zusteht, sondern ihren Konsuln. Ihr steht hier auf englischem Grund und Boden, und diese Männer müssen ihrer zuständigen Behörde überliefert werden. Bedenkt, was Ihr thut, und welche Folgen für Euch daraus entstehen würden!«

»Er hat in unserer Stadt gemordet! Hört Ihr die Trommeln der roten Barbaren?« schrieen einige wilde Stimmen. »Auf sie! sonst wird man sie entfliehen lassen!«

Aber Hawthorn hatte die Gelegenheit bereits benutzt, sich auf ein Knie zu erheben. Mit einer letzten Kraftanstrengung sprang er empor und mit einem Satz hinter dem Missionar weg durch die geöffnete Thür in den Hof, indem er sie hinter sich zuschlug und verriegelte.

Ein Wutgebrüll der Menge erhob sich, als sie auf diese Weise den Hauptschuldigen ihrer Rache wenigstens für den Augenblick entkommen sah. Ihre Waffen erhoben sich drohend über dem Missionar.

Während dieser in die Zeit weniger Augenblicke sich drängenden Wendung war die Tochter des Geistlichen unbekümmert um das Geschrei und die Drohungen der erbitterten Asiaten bis zu der Stelle vorgeschritten, wo der Malaye lag, der seinen Herrn so treu verteidigt hatte.

Sie kniete neben dem vom Blut aus zehn Wunden überströmten Körper nieder, hob seinen Kopf auf ihren Schoß und versuchte den aus der gefährlichsten Verletzung am Haupt quellenden Lebensstrom zu stillen. Der Verwundete öffnete die Augen, und sein Blick traf auf die schönen, reinen Züge des Mädchens noch mit einem so grimmigen, tigerhaften Ausdruck, daß dieses erbebte. Aber sogleich hatte sie sich gefaßt, und indem sie mit ihrem Taschentuch das Blut von seiner Stirn wischte und es ihm dann umwand, sah sie im Kreise umher, der sich um sie gebildet, als suche sie ein bekanntes Gesicht, das sie um Beistand anrufen könne.

So groß die Erbitterung der Chinesen gegen die rohen Matrosen auch war, so wagten sie doch nicht, dem Missionar oder seiner Tochter etwas zu leide zu thun. Beide standen in Shanghai selbst unter den Eingeborenen in der größten Achtung, denn während die Bemühungen des Missionars bereits zum Groll der chinesischen Beamten eine nicht unbedeutende christliche Gemeinde gebildet hatten, war es Maria Ronecamp gelungen, selbst unter den Feinden ihres Glaubens durch zahlreiche Wohlthaten gegen die Armen, durch aufopfernde Pflege von Kranken und die kleine Schule von Kindern, die sie mit großer Mühe gebildet hatte, sich viele Freunde unter dem Volke zu erwerben, und dies um so mehr, als die wenigen europäischen Frauen, die nach diesen fernen Ländern kommen und mit ihren Gatten oder Verwandten in den Faktoreien wohnen, gegen die Eingeborenen sich sehr abgeschlossen und hochmütig zu benehmen pflegen.

Während daher ein Teil der Menge gegen die Mauern und die Thür der Mission anstürmte und nach Herausgabe des Mörders schrie, bildete ein anderer schützende Kreise um den Missionar und seine Tochter.

Der grimme, wilde Ausdruck, mit der das gelbe, blutdürstige Auge des Malayen auf die Jungfrau starrte, dauerte nur einen Moment, dann, als ob er eine der Houris seines Paradieses gesehen, die ihm den Ölzweig des Propheten bringe, wurde es sanft und schloß sich wie in einem glücklichen Traum.

Maria Ronecamp hatte bereits ihre Ruhe wieder erlangt und ihr menschenfreundliches mutiges Herz zeigte sich in seiner vollen Güte. Sie sah nochmals umher, ob sie nicht ein Mitglied der Gemeinde in dem Kreise, der sie umgab, fände, und als ihr dies gelungen, wandte sie sich an den Mann.

»Sigan-Sing, mein Freund,« sagte sie vertrauend, »wenn Du mir vergelten willst, daß ich neulich Deine Frau gepflegt und ihren Arm geheilt habe, so hilf mir mit Deinen Nachbarn diesen Mann in die Mission tragen!«

»Aber Himmelsblüte,« dies war der Name, den die Chinesen dem jungen Mädchen gegeben, »er hat, indem er sich wehrte, zwei unserer Männer erstochen. Du siehst, er hält noch den blutigen Krys in seiner Hand!«

»Es ist ein großes Unglück,« erwiderte das Mädchen, »aber Du selbst sagst, daß er es in Verteidigung seines eigenen Lebens gethan hat. Das Gericht mag zwischen Euch blutdürstigen Männern entscheiden. Aber jetzt steht er unter meinem Schutz, und ich bitte Dich, ihn nach unserm Hause zu schaffen, damit ich auch nach Deinen verwundeten Freunden sehen kann!«

Die Macht, welche die ruhige Milde der Jungfrau auf die erregten Gemüter ausübte, war in der That so groß, daß außer dem Angesprochenen sich noch zwei andere Männer entschlossen, den jetzt leblosen Körper des Malayen aufzuheben. Sie wurden daran um so weniger von ihren Gefährten gehindert, als in diesem Augenblick die Trommel eines im Geschwindschritt herbeikommenden Piketts englischer Soldaten aus der nahen Faktorei schon in größter Nähe an ihre Ohren schlug.

Der bei den häufigen Streitigkeiten den Chinesen wohlbekannte energische Kommandoruf: »Gewehr an! fällt das Gewehr!« räumte im Nu den Platz vor der Mission. Die Menge stob auseinander und flüchtete nach der Grenze der Chinesenstadt zurück; selbst die Männer, die, gehorsam der Bitte des Mädchens, den blutigen Körper des Malayen aufgehoben hatten, ließen ihn wieder fallen, und nur die beiden in dem Handgemenge schwer von dem Krys des Malayen Verwundeten nebst einem mit seinen Polizeidienern herbeikommenden Mandarin blieben auf dem Platz zurück.

Die Streitigkeiten zwischen den Europäern, namentlich den rohen, aus allen Nationen zusammengesetzten Mannschaften der im Hafen von Shanghai ankernden Schiffe und den chinesischen Händlern und Lastträgern sind, wie gesagt, so häufig und enden so selten ohne Blutvergießen, daß auch diesem Vorgang wenig Bedeutung beigelegt wurde. Der englische Offizier erklärte dem Polizei-Mandarin einfach, daß, wenn noch einmal ein Angriff des Pöbels auf die Mission selbst stattfinden sollte, der britische Konsul mit Unterstützung des nächsten Kriegsschiffes schwere Rechenschaft fordern würde, und als er hörte, daß Hawthorn zu dem Schoner »die Seeschwalbe« gehörte, der unter amerikanischer Flagge im Hafen lag, überließ er es dem Beamten, seine Klage in der amerikanischen Faktorei anzubringen, und entfernte sich, ohne den Mörder festzunehmen.

Der Mandarin wußte sehr wohl, daß die Klage wenig helfen würde. Er bedauerte in seinem Innern daher nur, daß es jenem gelungen, sich der wohlverdienten Vergeltung zu entziehen, und ließ von seinen, mit langen Bambusstöcken versehenen Häschern die Verwundeten, die Maria so gut wie möglich verbunden hatte, sehr rücksichtslos nach der Chinesenstadt zurück transportieren.

Das Menschenleben hat in China ziemlich geringen Wert, und die Art und Weise, wie die europäischen Faktoreien ihre durch den abgezwungenen Frieden errungenen Rechte in den fünf Küsten-Niederlassungen ausübten, war sehr rücksichtslos oder vielmehr geradezu tyrannisch.

Während diese Verhandlungen gepflogen wurden, hatten der Missionar und seine Tochter den bewußtlosen Körper des Malayen durch ihre Diener in die Mission tragen und in eines der Krankengemächer bringen lassen, da die Mission zugleich als Krankenhaus benutzt wurde. Der Missionar selbst besaß nicht unbedeutende Kenntnisse in der Heilkunde, und von ihm hatte seine Tochter dieselben überkommen. Bis zur Ankunft des Arztes der Ansiedelung genügte daher beider Hilfe vollkommen, und Maria hatte die Freude, ihren Geretteten bald wieder Zeichen des Lebens geben und zum Bewußtsein zurückkehren zu sehen.

Ein Blick des Dankes aus seinen glühenden Augen traf die liebliche Gestalt des Mädchens.

Aber nicht der dankbare Malaye allein ließ auf ihr seine Blicke ruhen.

Hawthorn, um den sich, nachdem ihn der englische Offizier bedeutet, daß er seiner Wege gehen könne und bei dem amerikanischen Konsulat die Klage der Chinesen über den begangenen Mord abwarten müsse, schon wegen seines niederträchtigen Benehmens gegen seinen Gefährten niemand gekümmert hatte, war den Dienern gefolgt, die den verwundeten Malayen nach dem Krankenzimmer brachten.

Die Arme über einander geschlagen, an die Wand des Gemachs gelehnt und die eigenen Verletzungen nicht achtend, sah er in mürrischem Schweigen den Bemühungen des Missionars und seiner Tochter um den Leidenden zu, bis der Arzt der Kolonie erschien und die Wunden näher untersuchte.

Sein finsteres, unheimliches Auge war dabei mit leidenschaftlichem Ausdruck immer mehr auf die Bewegungen der Jungfrau, als auf seinen Genossen gerichtet gewesen.

Erst als der Doktor den letzten Verband beendet hatte, ließ er das erste Wort hören, indem er sich an diesen wandte.

»Nun, Doktor, wie ist's? Muß der dumme Tropf zur Hölle fahren oder nicht?«

Der Arzt sah ihn unwillig an. »Mit Gottes und dieser braven Menschen Hilfe,« sagte er, »hoffe ich das Leben dieses Mannes zu erhalten, obschon er schwer genug verwundet ist. Ich habe mir übrigens sagen lassen, daß er für Sie diese Wunden erhielt!«

»Bah! Das war seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit! Ich bin sein Herr, und er ist nichts als einer der malayischen Schurken, wie sie schockweise in den indischen Gewässern zu haben sind. Aber denkt Ihr, Meister Pflasterkasten, daß ich ihn an Bord seines Schiffes bringen lassen kann?«

»Ich muß mich dem widersetzen, es würde sein Tod sein.«

»Nun gut, so mag er bleiben, wo er ist. Ohnehin ist er dort am besten aufgehoben. Aber wie lange, zum Teufel, wird die Geschichte dauern?«

»Unter vier Wochen ist die Herstellung nicht möglich!«

»Höll' und Verdammnis! So lange kann das Schiff nicht in diesem Nest liegen bleiben. Der Bursche ist zwar sehr brauchbar, aber doch immer nur ein Malaye. Wißt Ihr was, Doktor, Gold thut alles in der Welt, es wird wohl auch Euren Arzeneien auf die Beine helfen. In diesem Beutel sind zwanzig goldne Mohurs, da, nehmt und schafft mir Mahadrö in drei Tagen gesund!«

Er warf dem Arzte brüsk den seidenen Beutel zu.

»Es geht nicht, Sir, wenn ich auch mein bestes thue. Vor Ablauf von acht Tagen ist der Mann nicht zu transportieren!«

»Dann mag ihn der Teufel holen, ich kann so lange nicht warten! Hört, frommer Herr, nehmt Euch des Burschen etwas an, es ist ja Euer Handwerk, und ich will's gut bezahlen; für das Begräbnis der beiden andern brauch' ich glücklicher Weise nicht zu sorgen, die Hunde haben sie ja zerfetzt, daß kein Stück an ihnen ganz geblieben ist. Mögen sie sie behalten, ich will bei erster Gelegenheit diesen kahlköpfigen geschlitzten Schurken einen Tanz aufspielen, der ihnen den heutigen Tag gedenken machen soll! Morgen komm' ich wieder, um noch einmal, eh' ich segle, nach dem Burschen zu sehen!«

Ohne auch dem mutigen Einschreiten des Missionars, das ihm doch offenbar das Leben gerettet, auch nur ein Wort des Dankes zu widmen, ging der Seemann davon zur großen Erleichterung der Bewohner der Mission, die sich wohl hüteten, den wüsten Menschen zum Wiederkommen einzuladen.

Aber Hawthorn kam nicht nur am nächstfolgenden Tage, sondern auch am zweiten und dritten wieder, und seine Besuche dehnten sich weit länger aus, als nötig gewesen wäre. Dazu wählte er immer verschiedene Zeiten, um Maria, die dem armen Malayen eine besondere Pflege widmete, am Lager des Kranken zu überraschen und ihr einige plumpe Galanterieen zu bezeigen, obgleich das Mädchen, das der wilde Charakter des Seemanns und seine Person aufs höchste abstieß, stets eine Gelegenheit fand, sich bald zu entfernen. Die frechen, lüsternen Blicke des Dänen – denn aus dieser Nation stammte der Steuermann des »Satan« – widerten ihren reinen Sinn an und trieben die Röte auf ihre Wangen, obschon er jetzt für gut fand, sein Fluchen möglichst zu unterdrücken und sich in der Mission weniger wild und roh zu benehmen.

Endlich am fünften Tage, nachdem am Tage vorher bei dem erneuten Besuch des Seefahrers Maria Ronecamp gänzlich unsichtbar geblieben war und ihr Vater auf die Frage nach ihr ihm kurz bedeutet hatte, daß sie für einige Zeit von der Mission abwesend sei, hörte die Familie des Missionars zu ihrer großen Befriedigung, daß der Schoner, der den Namen »Seeschwalbe« trug, Anker gelichtet hatte und in See gegangen war.

Was man über das Schiff vernahm, war ohnehin nicht sehr geeignet, seinen Charakter zu empfehlen. Es galt als zum Opiumhandel dienend, und seine Papiere schienen in bester Ordnung zu sein, wenigstens hatte der amerikanische Konsul der Benutzung der Flagge seiner Nation nichts in den Weg gelegt. Aber ein Gerücht wollte wissen, und die Eingeborenen behaupteten es geradezu, daß der Schoner noch eine weit verwerflichere Bestimmung hätte, als die Unterstützung jener humanen und moralischen Politik des Krämer-Kabinetts von St. James, die mit Kanonen und Bajonetten ein großes Land zwang, sich gegen seine Gesetze das Opiumgift importieren zu lassen.

Mit dem Absegeln der »Seeschwalbe« verloren sich übrigens die Gerüchte und die Besorgnis vor ihrer Mannschaft, und Maria kehrte wieder zu ihrem Werk christlicher Liebe zurück, der Pflege des verwundeten Malayen, dessen Heilung jedoch längere Zeit erforderte, als der Arzt angegeben hatte.

Während dieser Zeit war Norford in einem Auftrag der Missionsgesellschaft auf einer anderen Station, und als er endlich zurückkehrte, ungefähr zur selben Zeit, als der Malaye wieder sein Lager verlassen konnte, trat ein Unglück ein, das die Familie aufs härteste traf und alle ihre Lebenspläne veränderte.

Die Cholera war in den Küstenstädten ausgebrochen und forderte zahlreiche Opfer auch in Shanghai. Eines von ihnen war der würdige Greis, der Vater Marias. Frau und Tochter widmeten ihm die liebevollste Pflege, aber Gott hatte es anders bestimmt, und schon nach 48 Stunden erlag der Missionar, stark und vertrauend in seinem Glauben der Krankheit.

Bei dieser Gelegenheit, in diesen Tagen des Leidens und Kummers, legte Mahadrö, der wilde Malaye, wahrhaft rührende Beweise seines Dankes und seiner Zuneigung für seine Retterin an den Tag. Er folgte wie ein Hund ihren Schritten, und als der Missionar gestorben war, und er die tiefe Trauer der Tochter sah, verhüllte er sein Gesicht mit den Falten seines Turbans und nahm drei Tage weder Speise noch Trank zu sich.

Es war am dritten Tage, dem Tage nach dem Begräbnis des Missionars, als Maria Ronecamp allein in einem der Zimmer des Missionshauses, das Haupt in die Hand gestützt, in trübem Nachdenken auf dem Diwan von Bambusrohr lehnte und an ihre Zukunft dachte. In diesem Augenblick hörte sie die Tritte eines Mannes hinter sich, und in der Meinung, es sei ihr Verlobter Norford, streckte sie ihm, ohne aufzuschauen, die Hand entgegen.

Aber sie fühlte dieselbe in rauher, ungewohnter Weise, gefaßt und gepreßt, und als sie empor sah, begegnete sie den leidenschaftlichen, frechen Blicken des Steuermann Hawthorn.

»Gott verdamm meine Augen, schöne Dame,« sagte der Dreiste, »aber man muß Euch ja suchen wie ein verlorenes Boot in der Bö! Es ist gut, daß ich Euch hier allein finde, mein Schätzchen, denn ich habe Euch allerlei zu sagen.«

Das junge Mädchen hatte sich rasch erhoben und ihre Hand frei gemacht. »Was unterfangen Sie sich, Sir?« fragte sie stolz, »wie kommen Sie in mein Zimmer?«

»Alle Teufel, da auf meinen zwei Beinen, denk' ich,« lachte der Unhold, »da ich doch schwerlich auf den Planken der ›Seeschwalbe‹ durch diese engen Thüren einsegeln kann. Aber ich würde doch lieber ein Dutzend Bursche zum Frühstück peitschen lassen, bis ihnen das Blut in die Schuhe läuft, als daß ich Euch erschrecken wollte, Täubchen. Ich habe gehört, daß der alte Griesgram, Euer Vater, gestorben ist, der ein so hübsches Mädel hier immer hinter Schloß und Riegel hielt, statt sie ein lustiges Leben kosten zu lassen. Viel Geld und Geldeswert wird er gerade auch nicht zurückgelassen haben und da mir's Eure verwünschten blauen Augen bis zum Närrischwerden angethan, mache ich Euch den Vorschlag, mit mir zu gehen und die Herrin zu spielen in der Kajüte der ›Seeschwalbe‹ und über die vier Dutzend Galgenvögel, die seine Mannschaft bilden!«

»Sir …«

»Zum Henker, wenn Ihr's nicht anders wollt und das einer freien amour vorzieht, will ich mich vor dem Konsul mit Euch zusammenspleißen lassen, da meine früheren Weiber wohl längst der Teufel geholt hat. Aber mein müßt Ihr werden, das hat Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen, und wenn er das gethan, dann setzt er seinen Willen durch, und ob alles zu Grunde gehen sollte. Also sperrt Euch nicht lange und sagt Eure Bedingungen. Ich verspreche Euch, Ihr sollt es besser haben, als die reichste Fürstin von Indien.«

»Verlassen Sie augenblicklich dies Zimmer, oder ich rufe um Hilfe,« rief das geängstete Mädchen.

»Hoho! also Du willst nicht gutwillig, mein kleines hübsches Möwchen,« lachte der Seemann. »Nun wohl, wenn Du nicht meine Frau werden willst, mußt Du doch meine Geliebte werden, und ich will schon Mittel finden, Dich meinem Willen fügsam zu machen. Ich will Dir bis morgen Zeit zum Überlegen geben, die Weiber spreizen sich alle zu Anfang etwas, und das da wird vielleicht helfen, Dich etwas eher kirre zu machen.« Damit warf er ein zusammengeknüpftes Seidentuch auf den Tisch, aus dem goldene Spangen, Ketten und andere Kostbarkeiten herausrollten.

»Unverschämter – gehen Sie – oder …«

»Nicht so, Herzchen! Einen tüchtigen Schmatz muß ich haben als Pfand auf unseren Handel!«

Und hinter ihr drein eilend, umfaßte er sie und preßte sie an sich in wilder Begierde.

Maria Ronecamp schrie laut auf. »Hilfe, Henry! zu Hilfe!« Die zwei Thüren, die in das Gemach führten, öffneten sich fast in gleichem Augenblick.

Durch die eine stürzte der Malaye herein, in der anderen erschien Henry Norford, der Missionar, der frühere Erste Leutnant der Fregatte »Waterloo«.

Unwillkürlich fuhr Mahadrö einen Schritt zurück, als er seinen Herrn erkannte, in dessen Armen das Mädchen sich wand. Wer diesen kurzen Vorgang beobachtet haben würde, hätte sehen können, daß ein furchtbarer Kampf seines Innern, der Kampf zwischen dem gewohnten Gehorsam und seiner Dankbarkeit, den Körper des Malayen erschütterte und erbeben ließ.

Dieselbe Erregung, nur ohne Kampf, fand bei dem ehemaligen Seeoffizier statt. In demselben Moment, als er seine Verlobte, das teuerste Wesen, das er auf der Welt hatte, in den Fäusten des brutalen Wüstlings sich winden sah, waren all die seit zwei Jahren von ihm gefaßten und streng beobachteten Vorsätze der christlichen Ruhe und Geduld verschwunden, und er stürzte in das Zimmer, die Faust erhoben, als schwinge sie noch den Säbel an der Spitze seiner Enterer bei dem Angriff auf ein feindliches Verdeck.

»Schurke, was thut Ihr da?«

Der Däne wandte sich wild gegen ihn. »Oho! ein junges Pfäfflein! weht der Wind aus dem Kompaßstrich?«

»Laßt augenblicklich die Dame los, oder bei Gott …«

»Nun?«

Die Faust des ehemaligen Seeoffiziers fiel so kräftig auf seine Stirn nieder, daß der Unhold unwillkürlich die Jungfrau aus seinem Arme ließ und an die Wand taumelte.

Das Mädchen wäre zu Boden gefallen, wenn nicht der Malaye seine gütige Pflegerin aufgefangen hätte.

Der Steuermann stieß einen teuflischen dänischen Fluch aus, während er sich emporraffte, dann griff er nach dem Messer in seinem Gürtel und wollte sich auf den unbewaffneten Gegner stürzen.

Henry Norford war zwar an Körperkräften seinem Gegner keineswegs gewachsen, aber er besaß sicher mehr ruhigen Mut und bewußte kühne Entschlossenheit. Er hatte einen der leichten Bambussessel ergriffen und schwang ihn gegen seinen Feind, während seine Verlobte mit ihrem Hilferuf das Haus erfüllte. Dennoch wäre er wahrscheinlich verloren gewesen, wenn sich nicht Mahadrö zwischen ihn und seinen blutgierigen Gebieter geworfen hätte.

»O Sahib, was thust Du? Sie haben gerettet des armen Malayen Leben und das Deine! Er ist ein heiliger Derwisch der Christen!«

»Zum Teufel mit Deinem Leben, Du Hund! möge es hundertmal verloren gehen! Er hat mich geschlagen und muß sterben!«

»Hinaus mit Dir, Schurke, hinaus!«

Der mutige Offizier ging selbst auf den Mörder los, aber bereits hatte der Hilferuf seiner Verlobten von allen Seiten Diener des Hauses, darunter mehrere kräftige Europäer, herbeigeführt, die sich um ihn drängten.

Der wilde Seemann sah ein, daß er den Kürzeren ziehen müsse und daß, selbst wenn es ihm gelänge, augenblicklich seine Rache zu befriedigen, der Mord eines europäischen Missionars nicht dasselbe sei, wie der eines hilflosen Chinesen, und er ihm sicher den Strick gebracht hätte. Da er ohnehin mehr brutal und grausam, als von wahrem Mute beseelt war, stieß er sein Messer in die Scheide zurück und begnügte sich, die Faust drohend gegen Norford zu schütteln.

Dieser hatte sich unterdes gefaßt, und begann, sich der für seinen neuen Stand unpassenden Hingabe an die alte leidenschaftliche Hitze zu schämen. Doch noch immer kochte sein Blut.

»Werft das betrunkene Tier augenblicklich aus dem Hause,« befahl er, »und wenn der Mensch sich je wieder in der Mission blicken läßt, tragt Sorge, daß ihm die gebührende Behandlung werde.«

Die Diener machten Miene, den Befehl des Missionars zu erfüllen, aber Hawthorn sah sie mit einem so wilden Blick an, daß sie zögerten.

»Wer mich anrührt, dem dreh' ich die Klinge in den Eingeweiden um,« drohte der Wilde. »Wir sehen uns wieder, Bursche, und dann soll der schwarze Rock Deine Feigheit nicht schützen! Ihr aber, Dirne, wißt, was ich gesagt, und, was Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen, das hält er!«

»Hinaus!«

Der Steuermann schritt, die Hand noch immer am Messer, nach dem Ausgang, während ihm die Diener unwillkürlich Platz machten, als sein tückischer Blick plötzlich auf den Malayen fiel.

»Hierher, Mahadrö!«

»Sahib, sie waren so gut gegen mich!«

»Zu mir, Sklave! oder ich lasse Dir den Rücken mit Rhinocerospeitschen zerfleischen! Du bist mein Eigentum und folgst augenblicklich!«

Der Malaye, den der Däne in der That von einem wilden Völkerstamm auf Borneo als Gefangenen eingehandelt, also als Sklaven betrachten konnte, warf einen verzweiflungsvollen Blick auf seine bisherigen Hausgenossen, aber er erkannte an der finsteren Stirn des Missionars und an dem Schluchzen des erschrockenen Mädchens, das sich angstvoll an die Schulter seines Verlobten schmiegte, daß sie ihm nicht helfen konnten, wenn Hawthorn ihn zurückforderte.

Mit einem Stöhnen des tiefsten Seelenschmerzes warf der Halbwilde sich vor dem Mädchen nieder und preßte ihr Gewand an seinen Mund. Dann sprang er empor, kreuzte die Arme über seiner Brust und verließ mit gesenktem Haupte hinter seinem scheltenden Gebieter die Mission.

Auf den Befehl Norfords, den das zitternde Mädchen durch einen stummen Wink auf die zurückgelassenen Kostbarkeiten aufmerksam machte, beeilten sich die Diener, Mahadrö und ihrem Besitzer diese nachzutragen.

Wochen waren seitdem vergangen, ohne daß man in Shanghai gehört gehabt hätte etwas von dem Schoner und seiner Mannschaft, denn auch bei dem eben erzählten Vorgang hatte das verdächtige Schiff nicht im Hafen selbst geankert, sondern war, wie man später erfuhr, an einer der kleinen Tschin-san-Inseln liegen geblieben.

Maria hegte nach ihren Erfahrungen von der Wildheit des Charakters Hawthorns und seinen schlimmen Begierden anfangs wohl Besorgnis für die Sicherheit ihres Verlobten und hielt ihn nach Kräften ab, allein außerhalb der Mission zu verweilen. Henry Norford aber verwies ihr diese Furcht, und sein natürlicher Mut ließ ihn an eine etwaige Rache des wilden Seemannes nur mit Verachtung denken.

So wurde die Sache allmählich vergessen, obschon es Maria Ronecamp, wenn sie von einem oder zweien Dienern der Mission begleitet, ihre Gänge weiter über das Gebiet der Faktorei ausdehnte und die chinesischen Stadtteile besuchte, schien, als würde sie häufig von Personen beobachtet, die ihrem Wege nachfolgten, ja ein- oder zweimal meinte sie, unter der Menge versteckt, die Gestalt und das Gesicht Mahadrös wiederzuerkennen.

Da er aber nie sich ihr näherte, glaubte sie sich getäuscht zu haben, umsomehr, als bei den scharf ausgeprägten einander ähnlichen Typen der asiatischen Rassen ein europäisches Auge die einzelnen Physiognomieen schwerer zu unterscheiden lernt.

Überdies nahmen wichtigere und erstere Sachen ihre Gedanken in Anspruch.

Von der Haupt-Mission war infolge des Todes des würdigen Ronecamp ein anderer Missionar auf die Station gesandt und Henry Norford erhielt die Anweisung, sich nach der britischen Niederlassung Sarawak auf Borneo zu begeben und eine Anzahl chinesischer Familien dahin zu begleiten. Diese waren im Innern des Landes, wo er früher verweilt hatte, fortdauernden Verfolgungen wegen der Annahme des christlichen Glaubens ausgesetzt geblieben, ohne daß die Konsulate an der Küste sie genügend schützen konnten, und zogen es deshalb vor, wie es alljährlich viele Tausende ihrer Landsleute teils des Handels, teils anderer Ursachen wegen thaten, nach den Inseln des indischen Archipels auszuwandern.

Der Missionar wünschte dringend, vorher seine eheliche Verbindung mit Maria Ronecamp zu vollziehen, aber einerseits wollten Tochter und Mutter die Trauerzeit um den Tod des Vaters nicht so rasch abkürzen, andererseits fehlten an der Probezeit, die der alte Ronecamp dem neuen Missionar bestimmt hatte, noch volle drei Monate, und Frau Ronecamp hing mit einem gewissen Eigensinn an den Bestimmungen ihres Mannes.

So wurde denn, da zur Zeit kein geeignetes englisches Kauffahrerschiff in Shanghai bereit lag und die Chinesen bei solchen Fahrten ihren langsamen und ungeschickten eigenen Fahrzeugen sich anvertrauen, außerdem aber die Jahreszeit des gefürchteten Typhons, jenes eigentümlichen Orkans der indischen Meere, nahte, beschlossen, eine große chinesische Dschonke zu mieten und auf ihr die nicht ungefährliche Überfahrt zu machen.

Die Dschonke hieß »Juen-schang« oder der »fliegende Schwan«, hatte aber mit Ausnahme des breiten Bordes und des hohen, halsartigen Schiffsschnabels herzlich wenig Ähnlichkeit mit dem stolzen Vogel, denn sie kroch über Wasser, statt zu fliegen, und vergeblich mühte sich Norford ab, dem Schiffer und seinen nacktbeinigen Matrosen eine geschicktere Anwendung der Segel und der Verteilung des Gleichgewichts beizubringen. Dschures oder Dschonken sind überhaupt keine Fahrzeuge, die fürs Schnellsegeln oder um den stürmischen Wogen des Meeres Trotz zu bieten gebaut sind. Die größeren Dschonken sind von etwa 200 Last, haben zwei Mastbäume und ebenso viele Segel, die sich beim Aufziehen wie Fächer in eine Reihe Falten zusammenlegen. Eine große Menge Balken von leichtem Holz, nachlässig bearbeitet und zusammengefügt, bilden ihr Material. Die Rippen und Streben sind gewissermaßen nur an die Balken angehängt, so daß ein Schuß aus grobem Geschütz das ganze Fahrzeug gefährdet. Ihr Hauptbestandteil aber ist der Bambus, aus dem die Verdecke, die Kajüten, die Schanze, kurz fast alles, gefertigt ist. Unförmlich in ihrem Aussehen und in ihren Bewegungen, werden sie doch nicht bloß zu Küstenfahrten, sondern häufig zu Reisen durch den ganzen indischen Ocean benutzt, und man begreift kaum, wie es ihnen möglich wird, diese zu bestehen.

So plump wie ihre Schiffe, so unwissend sind die chinesischen Schiffer in der Schiffahrtskunde. Sie hängen mit dem diesem Volke so eigentümlichen Eigensinn fest an den früheren geringen Kenntnissen und Gebräuchen. Obschon Norford eigentlich der Schiffsherr war, indem er das ganze Fahrzeug für den Transport seiner Kolonie gemietet, so war es doch aller seiner Mühe, ja selbst seinen Befehlen nicht möglich, den Schiffer und seine Matrosen aus ihrem alten Schlendrian herauszubringen und sie aus seinen besseren nautischen Kenntnissen Vorteil ziehen zu lassen.

Schon nach den ersten Tagen mußte er diesen Kampf aufgeben und sich darauf beschränken, für die Bequemlichkeit seiner Braut und deren Mutter nach Kräften zu sorgen.

Es befanden sich außer dem Missionar und den beiden Frauen vierunddreißig chinesische Familien auf der Dschonke, und der Schiffer hatte sich nach gewohnter betrügerischer Weise noch erlaubt, eine Menge blinder Passagiere zur Überfahrt einzuschmuggeln, so daß auf dem Schiffe mit Ausschluß der Mannschaft hundertundvierzig Personen waren, darunter an hundert Frauen und Kinder von jedem Alter.

Das Gedränge auf einer solchen Dschonke ist fürchterlich. Das Verdeck wimmelt von Weibern und Kindern, die auf ihren Fersen umherhocken, die schmutzigen Opiumpfeifen rauchen, oder ihren Reis bereiten, während die Männer selbst auf diesem engen Raum ihren listigen Schacher und Tauschhandel zu treiben suchen, oder mit allerlei Arbeiten beschäftigt sind. Guirlanden von Zwiebeln und Früchten aller Art hängen zwischen den Masten und Böten, deren eine solche Dschonke höchstens zwei besitzt, Kisten und Ballen machen die Gangwege enge und türmen sich oft bis zur halben Höhe der niederen Masten empor, während die angestrichenen hölzernen Kanonen wie Kinderspiel ihre falschen Öffnungen aus den Luken strecken und noch nie einen der kecken Feinde, die diese Meere durchschwärmen, zurückgeschreckt haben.

Die Familie Ronecamp hatte ihr Quartier in der Campanje oder großen Hütte, die in übermäßiger Höhe mit buntgemalten Jalousieen und Fenstern das Hinterdeck einnimmt.

Es war am fünften Tage der Ausfahrt von Shanghai. Ein ziemlich heftiger Südwest hatte die Dschonke weit hinaus ins chinesische Meer geblasen, weiter, als die Schiffe sich sonst von der Küste zu entfernen pflegen, und als der Missionar mit seinen Instrumenten am Mittag die Sonnenhöhe aufnahm, fand er, daß sie sich etwa auf der Höhe der Tschusan-Inseln im Osten und etwa hundert Seemeilen von der Küste an ihrem Steuerbord befanden.

Schon seit dem Morgen hatten sie ein Fahrzeug bemerkt, das mit ihnen gleichen Kurs verfolgte, aber sorgfältig sich zwischen ihnen und der Küste hielt. Obschon in diesen Meeren der Verkehr sehr groß war, ging man unbekannten Schiffen doch gern aus dem Wege, denn die malayischen Seeräuber schweiften bis hier hinauf, während von der chinesischen Küste selbst zahlreiche Korsaren auf leichten Fahrzeugen nach irgend einer faßbaren Beute ausschwärmten und die größte Energie der englischen und französischen Stationsschiffe diesem Unwesen nicht zu steuern vermochte.

Im Laufe des Vormittags war das fremde Fahrzeug näher herauf gekommen, und Norford, der es mehrfach beobachtet hatte, konnte den Passagieren die erfreuliche Mitteilung machen, daß es keineswegs eine jener gefährlichen Proas, sondern nach seiner Takelage wahrscheinlich ein schnell segelnder europäischer Schoner war.

Jetzt, nachdem er die Beobachtung der Sonnenhöhe gemacht, griff er aufs neue nach dem Fernrohr und wandte es gegen das fremde Schiff, das sich jetzt bedeutend genähert und offenbar nun gerade auf den »fliegenden Schwan« abhielt.

Der chinesische Schiffer und seine Verlobte standen neben ihm, und beide bemerkten nicht ohne Besorgnis, daß während der langen Beobachtung sein Gesicht immer ernster wurde.

»Singh Padre,« sagte der dicke Chinese endlich, indem er bald nach seinen Fächersegeln, bald nach dem fremden Fahrzeug hinschielte, »ich möchte Eure Heiligkeit fragen, was Sie aus dem Schiffe dort machen?«

»Sieh selbst, würdiger Hoan-Tsin,« sagte der Missionar, dem alten Chinesen das Glas reichend.

Dieser sah gleichfalls lange durch und sein gelbbraunes, faltiges Gesicht wurde aschgrau bis an die Wurzel des langen Zopfs.

»Heiliger Confucius!« murmelte er, »das ist der Schoner, der vor sechs Monden im Hafen von Shanghai ankerte, und dem man sehr schlimme Dinge nachsagte!«

Maria Ronecamp hatte dem Gespräch der Männer aufmerksam zugehört. »Welches Schiff meinst Du?«

»Es hieß die »Seeschwalbe« mag wohl aber auch noch andere Namen führen, wie das Volk munkelte.«

»Um Himmelswillen! dann ist jener Hawthorn der Steuermann auf ihm, und wir sind verloren.«

Der Missionar faltete streng die Stirn. »Es ist eine unangenehme Begegnung,« sagte er, »aber nicht so schlimm wie Du fürchtest. Soviel ich gehört habe, war jenes Fahrzeug ein Schmugglerschiff oder dient zum Opiumhandel. Sie werden es nicht wagen, friedliche Reisende zu belästigen, oder sie müßten die strenge Bestrafung der englischen Regierung fürchten.«

Der Chinese zuckte die Achseln. »Unsere Mutter Viktoria ist weit,« meinte er, »und diese Schmuggler machen sich wenig aus den Gesetzen. Ich will noch das Staatssegel aufziehen lassen, dann wird der fliegende Schwan ihnen hoffentlich den Weg abgewinnen.«

Der ehemalige Seeoffizier winkte ungeduldig. »Glaubst Du denn mit dieser Schnecke von Fahrzeug, das nicht den Namen eines Schiffes verdient, jenem schnell segelnden und trefflich gebauten Schiff auch nur eine Stundelang entkommen zu können? Das einzige, was wir thun können ist, ruhig unsern Kurs fortzusetzen und die britische Flagge aufzuhissen, unter deren Schutz wir segeln. Laß das sogleich thun, Hoan-Tsin, und ich glaube, daß er es nicht wagen wird, sie zu mißachten!«

Der kleine wohlbeleibte Chinese lief eilig nach vorn, wo die Schiffsleute und Passagiere sich drängten und gleichfalls nach dem Fremden schauten, und befahl, die auf allen Meeren des Erdballs wohlbekannte Flagge an beiden Masten aufzuziehen.

Es geschah mit vielem Geschrei, ohne welches das chinesische Schiffsvolk nicht den kleinsten Dienst verrichten zu können scheint, und eine große Unruhe und Furcht bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft, die durch einander rannte wie eine Herde Schafe, wenn der Wolf in der Nähe ist.

Ohne dem Aufziehen der Flagge durch ein gleiches Signal zu antworten, setzte der unheimliche Schoner seinen Lauf gerade auf die Dschonke zu fort.

Der Missionar hatte seine Verlobte bewogen, in die Kajüte zu gehen und mit ihrer Mutter dort zu bleiben, obschon er selbst ihren dringenden Bitten, ihr zu folgen, es verweigerte. Nachdem sie sich endlich zitternd und angstvoll entfernt, rief er aufs neue den Schiffer herbei.

»Wenn jenes Spielwerk ehrliches Metall wäre,« sagte er, verächtlich mit dem Fuß gegen eine der Kanonen stoßend, »so könnten wir jenen Burschen leicht in der gehörigen Entfernung halten. So müssen wir uns auf uns selbst verlassen. Glaubst Du, würdiger Hoan-Tsin, daß Deine Mannschaft bereit sein würde, für das Schiff zu fechten, wenn es mir gelingt, die Mitglieder der Gemeinde zu einem entschlossenen Widerstand zu bewegen?«

»Möge Dein Angesicht niemals schwarz werden, Singh Padre,« schrie der Chinese. »Was denkst Du von diesen Männer? Sie sind gemietet, die Segel zu ziehen und die Schiffsarbeit zu machen, aber nicht zu fechten! Ich glaube, daß Du auf dem ganzen Schiff keinen Mann finden wirst, der nicht ein Mann des Friedens ist und der von Krieg etwas wissen will!«

»Memmen, die Ihr seid!« murmelte verächtlich der Missionar, indem er auf die andere Seite des Verdecks ging und mit Gewalt jede Regung seines früheren Standes zu unterdrücken suchte, sich erinnernd, daß ja auch er selbst jetzt nur ein Mann des Friedens sein und Gefahren nicht anders begegnen dürfte, als mit Ergebung und christlicher Ermahnung.

In dieser Überlegung störte ihn plötzlich der Donner eines Schusses, dem gleich darauf verworrenes Angstgeheul von dem Vorderschiff her folgte.

Der Schuß war von dem Schoner her gekommen, der etwa noch zwei Kabellängen entfernt war, die Kugel aber – ob absichtlich oder nicht, ließ sich nicht entscheiden – war über den Bug des »fliegenden Schwans« hinaus gerichtet gewesen.

Der Missionar wußte daher zuerst nicht, was das Geschrei der Schiffsmannschaft bedeuten sollte, bis der kleine Schiffer auf ihn zugesprungen kam und mit beiden Händen wie unsinnig durch die Luft fahrend, nach dem fremden Schiff deutete.

» Der rote Hai! Himmlischer Confucius, beschütze uns! Der rote Hai!« Henry Norford wandte sein Auge nach dem Schoner, der eben den Pulverdampf durchschnitt, und sah von der Gaffel des Hauptmastes eine große schwarze Flagge wehen.

Die Schiffe waren einander bereits so nahe, daß er in Mitte dieses schwarzen Tuchs eine große rote Figur, die Zeichnung eines Haifisches, erkennen konnte.

So mutig er auch war, bei dem Anblick der schwarzen Fahne sank ihm in dem Gedanken an seine Begleitung das Herz, denn er kannte sehr wohl ihre Bedeutung, das Zeichen der Seeräuberei. Ein zweiter Blick belehrte ihn, daß am Bugspriet des fremden Schiffes ein fratzenhafter Teufelskopf mit Hörnern und blökender Zunge angebracht war, und als der Fremde jetzt vorausschoß, um zu wenden, sah er an dem Hinterkastell in großen weißen Buchstaben den in den indischen und chinesischen Gewässern gleich dem Ruf »der rote Hai« gefürchteten und mit diesem eng verbundenen Namen leuchten: »Satan.«

Henry Norford wußte zur Genüge, daß dies Schiff seit mehr als zwei Jahren einer der berüchtigsten Korsaren in diesem Teile der Welt war, bisher vergeblich von den englischen Kreuzern verfolgt wurde, und daß seine Mannschaft die schändlichsten Unthaten begangen hatte. Ebenso gut aber wußte er, daß jeder Versuch des Widerstandes, selbst wenn die Mannschaft der Dschonke nicht aus Feiglingen bestanden hätte, vergeblich gewesen wäre, da der Satan auf beiden Borden mit drei messingnen Vierpfündern und einer langen Drehbasse auf dem Vorderkastell bewaffnet war. Das Erscheinen des Raubschiffes war übrigens ihm und allen um so unerwarteter, als man an diesem Teil der chinesischen Küste seit mehreren Monaten infolge der Wachsamkeit der englischen Kreuzer nichts mehr von ihm und seinen Thaten gehört und sich daher der sichern Hoffnung hingegeben hatte, daß es nach andern Gegenden geflüchtet sei.

Die Verwirrung auf den Verdecken der Dschonke war grenzenlos, als man die traurige Wahrheit erkannte. Die Matrosen, der Schiffer an der Spitze, eilten hinunter, um sich im Raum zu verbergen, und die jammernden Passagiere drängten sich um den Missionar, gleich als suchten sie bei ihrem Seelsorger Schutz auch gegen die Gefahr für Leben und Gut.

Nur mit Mühe vermochte Norford sich von ihnen loszumachen, um noch einmal sich in die Kajüte zu seiner Verlobten und deren Mutter zu begeben, ihnen Mut einzusprechen und die Mahnung zu wiederholen, sich in ihre Kabine einzuschließen.

Als er wieder auf das Deck kam, hatte das Seeräuberschiff um die Dschonke geviert und war im Begriff, sich an ihren Backbord zu legen. Eine Menge wilder, bis an die Zähne bewaffneter Gestalten hing an den Wandungen des Schoners, bereit, sich sofort auf den hohen Bord des chinesischen Schiffes zu schwingen, und da der » Satan« sehr tief in Wasser ging, vermochte der Missionar sein ganzes Deck zu übersehen.

Mit einem tiefen Gefühl des Unwillens dachte er daran, mit welchem Erfolg er dem Seeräuberschiff hätte die Spitze bieten können, wenn diese hölzernen Kanonen gute, bis an die Mündung mit Kartätschen geladene Karonaden und an seiner Seite statt dieser Feiglinge auch nur zwanzig wackerer englischer Matrosen gewesen wären.

Unwillkürlich suchte er unter der zum Entern bereiten Mannschaft seinen Gegner, den wilden Steuermann der »Seeschwalbe« oder vielmehr des »Satan«, aber er bemerkte ihn nirgends, bis sein Blick auf einen am Fuß des hintern Mastes stehenden Mann fiel, der sich auf eine große afghanische Streitaxt stützte.

Der Mann trug ein blutrotes Hemd und eben solche Beinkleider, ein gleicher Gürtel von chinesischer Seide barg ein wahres Arsenal von europäischen und indischen Waffen. Es war offenbar der Befehlshaber des Seeräuberschiffes, der berüchtigte Squale rouge, der »Rote Hai«, denn er erteilte, halb abgewendet, der Mannschaft Befehle, und als er sich jetzt umkehrte, erkannte der unglückliche Missionar in ihm den Mann, den er in Shanghai zu Boden geschlagen, den angeblichen Steuermann Hawthorn.

Die Augen der beiden Männer begegneten sich in demselben Augenblick, als die Schiffe zusammenstießen. Ein wahrhaft teuflischer Ausdruck funkelte in den Augen des Dänen, während der Missionar alle seine Kraft zusammen raffte, um diesem Blicke mit der Ruhe eines Christen und der Würde eines Geistlichen zu begegnen.

Im Moment des Zusammenstoßes stürzten sich die Seeräuber mit wildem Triumphgeheul aus den Wandungen ihres Schiffes auf die Dschonke. Sie schossen Pistolen nach allen Richtungen und schwangen mit wilden Gebärden ihre Waffen, obschon niemand ihnen Widerstand leistete. Es war ein Gemisch aus fast allen Nationen der Erde, wilde verwegene Gestalten und Gesichter, von deren Ausdruck kein Mitleid zu erwarten war.

Was den unglücklichen Reisenden bevorstand, zeigte gleich die erste Handlung eines der Korsaren, als er an Bord sprang. Ein Kind von etwa drei Jahren war bei der Flucht seiner Eltern in den Raum auf dem oberen Deck zurückgelassen worden und lief in Angst vor den wilden Gestalten schreiend umher. Der Korsar ergriff es und schleuderte es mit einem Wurf über das Bollwerk ins Meer.

Mehrere Kugeln flogen um den Missionar her, der unbeweglich, wenn auch im Innern von der furchtbarsten Angst um das Schicksal seiner Lieben verzehrt, seine Stelle bewahrte. Während ein Teil der Eingedrungenen in den Raum eilte, um zu plündern und die Passagiere und Schiffsleute heraus zu zerren, stürzten drei oder vier auf Norford zu, dessen hohe ruhige Gestalt ihnen einen gefährlicheren Feind oder eine würdigere Beute zu verkünden schien, und bedrohten ihn mit ihren Handjars und Säbeln. Aber einer ihrer Gefährten, ein kräftiger, brauner Asiat, sprang vor ihn und rief seinen Kameraden einige, dem Missionar unverständliche Worte zu, worauf jene von ihm abließen.

»O Sahib Padre,« flüsterte der Pirat, »warum nicht gefahren sein mit Himmelsblüte auf englischem Schiff, vor dem wir Flucht ergreifen? Es schlimm, sehr schlimm!«

Norford erkannte nicht ohne freudige Bewegung in dem Sprecher den Malayen, den seine Braut so sorgsam gepflegt hatte, und wollte ihn eben bitten, vor allem diese zu schützen, als Mahadrö hastig von ihm weg und unter seine Gefährten sprang.

Ein neuer Akteur war auf der schrecklichen Schaubühne erschienen: der Kapitän des Piratenschiffs.

Mit unheimlichem Schweigen stieg der Däne über die Schiffswand empor und kam langsam, die schwere Streitaxt in der Hand, auf den Missionar zu, der gefaßt sein Schicksal erwartete und zu Gott nur um Schutz für die Geliebte betete.

Etwa fünf Schritt von ihm blieb der rote Hai stehen und ließ sich auf einem der Warenballen nieder. Ein Haufen seiner Leute umstand ihn, auf ihre Waffen gestützt und bereit zu jeder Unthat, während man aus den verschiedenen Teilen des Schiffs Jammergeschrei, das Gekreisch der Frauen und dazwischen den Todesschrei eines zum Tode Verwundeten hörte.

Henry Norford schritt entschlossen auf den Piraten-Kapitän zu und blieb, kaum zwei Schritt weit, vor ihm stehen, kühn und fest seinem wilden Blick begegnend.

»Mit welchem Recht, Sir,« sagte er mutig, »wagen Sie es, friedliche unter dem Schutz der englischen Flagge segelnde Reisende zu überfallen? Bedenken Sie wohl, daß Englands Macht einen Frevel an seinen Unterthanen und Schutzbefohlenen nicht ungerächt läßt!«

Der »Rote Hai« lachte höhnisch auf. »Mit welchem Recht? fragst Du, nun zum Teufel, ich denke, daß mein Recht dort« – er wies auf die schwarze Flagge des Schoners, – »hier ebenso gültig ist, wie das Andreaskreuz von England.«

»England ist in Frieden mit allen Nationen – was Sie gethan, ist offenbar Seeräuberei!«

» Goddam! ich meine, der Squale rouge will auch nichts anderes! Halt Dein Maul, Pfaffe, bis die Reihe an Dich kommt; ich denke, unsere Abrechnung wird schwer genug sein. Wo ist der Kerl, der sich für den Kapitän dieser elenden Bambusbretter ausgiebt?«

Die Piraten hatten unterdes Huan Tsing und die meisten der Passagiere heraufgeschleppt und wie eine Herde Schafe auf dem Verdeck vor der Hütte zusammen getrieben. Jetzt stießen zwei der Korsaren den unglücklichen Schiffer in die Mitte des Kreises.

»Du bist der Eigentümer dieses Schiffes?« herrschte der Korsar ihn an.

Der Ärmste fiel auf die Kniee und streckte flehend die Hände aus. »O Sahib!« stöhnte er, »Huan Tsing ist nur zum Teil Eigentümer des ›fliegenden Schwans!‹ Du wirst Erbarmen haben mit einem unglücklichen Mann!«

»Wo ist das Silber, das Ihr bei Euch führt?«

»Heiliger Confucius! ich weiß von keinem Silber!«

»Schneidet dem Schurken die Fußsohlen auf und gebt ihm unser Pulver zu kosten, bis er gesteht!«

Der Unglückliche wurde trotz seines Sträubens zu Boden geworfen, die Füße wurden ihm in die Höhe gezogen und tiefe Einschnitte in die Sohlen gemacht, in die ein Kerl mit grimmiger Freude den pulverisierten roten Pfeffer rieb.

Man hat keinen Begriff von dem Schmerz, den diese förmliche Vergiftung des Blutes verursacht. Als der alte Chinese wieder auf seine Füße gestellt wurde, begann er zum Hohngelächter des Kreises, der ihn umgab, einen wahnsinnigen Tanz, indem er wechselnd beide Beine in die Höhe hob und vor Schmerzen laut aufheulte.

»Glaubt der langzöpfige Hund,« sagte der Piraten-Kapitän, »daß wir nicht wüßten, er habe heimlich hundert Silberbarren an Bord genommen, die ein Geizhals oder ein Narr wie er, ihm anvertraut hat, um sie nach Macao zu schaffen? Du siehst, daß unsere Spione in Shanghai mich gut unterrichtet haben! Ich weiß, daß Ihr schlitzäugigen Schurken schlau und zäh seid, wie die Nattern, wenn es gilt, Euer Geld zu verbergen. Ich habe aber keine Zeit, mich mit dem Suchen aus dieser verdammten Trödelbude abzugeben, deshalb gestehe, oder ich lasse Dir die Glieder mit glühenden Zangen abreißen!«

Die Korsaren ergriffen den Unglücklichen aufs neue und machten Anstalten, den Befehl zu vollziehen, als er heulend gestand, daß die einzelnen Barren in den Wasserfässern verborgen wären.

Der Missionar hatte mit steigendem Entsetzen der Scene zugesehen, er begriff, was er von diesem Teufel zu erwarten hatte und verwünschte die Unvorsichtigkeit, den beiden Frauen die Überfahrt auf dem chinesischen Schiff gestattet zu haben; denn die Worte des Piraten hatten ihm gezeigt, daß dieser wochenlang ihre Absichten hatte belauern lassen, und daß das Zusammentreffen mit dem »Satan« kein zufälliges war.

Um so mehr stieg seine Angst um das Schicksal seiner Braut, er bereute, nicht auf alle Gefahr hin, wenigstens den Versuch gemacht zu haben, die Dschonke zu verteidigen, um so einen raschen Tod zu finden.

Unterdes hatten die Korsaren mit großer Fertigkeit und Übung die Plünderung fortgesetzt, indem alle Ballen und Kisten, Habe der Auswanderer, aufgebrochen und des wertvollsten Inhalts beraubt wurden. Was den Korsaren nicht paßte, wurde achtlos hin- und hergestreut, oder über Bord geworfen, die wichtigere Beute jedoch, namentlich die Silberbarren, an Bord des Schoners geschafft. Sämtliche Passagiere und Schiffsleute, die noch am Leben waren oder nicht verwundet im Raume lagen, waren nach oben geschleppt, nur Maria Ronecamp und ihre Mutter fehlten in der Menge, und schon gab sich Norford der Hoffnung hin, daß es den beiden Frauen gelungen sei, ein Versteck zu finden, in dem sie vielleicht unentdeckt bleiben konnten. Er rechnete dabei auf die Dankbarkeit des Malayen, den er seither nicht mehr auf dem Deck gesehen hatte.

Aber wenige Augenblicke nachher wurde die Hoffnung zu Nichte, denn Hawthorn schien jetzt sich genug mit dem andern Teil seiner Beute beschäftigt zu haben und ließ jetzt seine wilden Blicke über den Haufen der zitternden Gefangenen rollen.

»Mahadrö! – Mahadrö soll kommen!«

Der Malaye kam aus der Thür der Kajüte.

»Wo sind die beiden Weiber, die ich Deiner Aufsicht vertraut?«

Der Malaye wollte mit der Antwort zögern, aber ein strenger Blick seines Herrn traf ihn, und er wußte ohnehin, daß es nichts helfen konnte.

»Da drinnen, Kapitän!«

»Hole sie!«

Der Malaye verschwand; gleich darauf kehrte er zurück, und ihm folgten die alte Dame und ihre Tochter.

Maria war sehr blaß, aber sie suchte mit Gewalt ihren Mut aufrecht zu erhalten. Als sie ihren Verlobten erblickte, eilte sie auf ihn zu und faßte seine Hand, als finde sie bei ihm Schutz.

Norford starrte finster vor sich nieder.

Der Kapitän des »Satan« grinste höhnisch bei dem unwillkürlichen Thun des unschuldigen Mädchens, an dessen Angst er sich weidete.

»Nun, Dirne,« sagte er spöttisch, »jetzt bist Du in meiner Gewalt und wirst Wohl ein ander Liedchen pfeifen, als damals in Shanghai. Erinnere Dich daran, daß Hawthorn Dir gesagt hat: wir sehen uns wieder!«

»Sir … diese Dame – ist meine Braut!«

Der Wilde lachte gell auf. »Ich möchte ihr raten, sich einen andern Freier zu suchen, denn den jetzigen dürften ihr bald genug die Haifische streitig machen. Was wollt Ihr? Verschont mich mit Eurem Weibergeheul, oder es geht Euch schlimm!«

Die barsche Drohung war an die alte Witwe des Missionars gerichtet, die vor ihm in die Kniee gesunken war.

»Haben Sie Erbarmen, Herr, mit einer unglücklichen Mutter,« schluchzte die Frau. »Erinnern Sie sich, daß mein Gatte und meine Tochter Ihnen das Leben gerettet haben, und daß wir treu Ihren Diener pflegten!«

»Nun zum Henker, will ich Euch nicht belohnen dafür? Die Dirne dort soll meine Liebste sein und mag Dich meinetwegen bei sich behalten, obschon ich sonst mit alten Weibern nichts zu thun haben will!«

Ein Schrei des Entsetzens antwortete dieser Erklärung. Das arme Mädchen fiel bewußtlos an die Brust ihres Verlobten, dem der kalte Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn perlte.

»Es ist Zeit, daß es zu Ende kommt!« brüllte Hawthorn. »Ist alles Wertvolle am Bord des Satan?«

»Ja, Kapitän!«

»So bringt die Weiber hierher und wählt die aus, die Ihr haben wollt!«

Mit einem tollen Jauchzen stürzten die Korsaren über die zitternden Frauen und Mädchen her und rissen sie auseinander. Mütter, die ihre Töchter verteidigen wollten, wurden zu Boden geschlagen, die Gewänder der Ärmsten in Stücke gerissen, einer der Räuber warf sie wie leblose Ballen dem anderen zu; neunzehn junge chinesische Mädchen und Frauen, zum größten Teile halb nackend unter den rohen Händen der Korsaren, wurden nach dem Deck des Schoners hinunter gebracht.

Über ihre Bestimmung konnte kein Zweifel sein!

»Hussah, meine Jungens, das wird eine lustige Nacht für Euch werden,« lachte der Kapitän. »Nun könnt Ihr sehen, warum diese geilen Langzöpfe ihren Weibern die Füße zusammenschnüren, daß sie nur watscheln können!«

Während Maria Ronecamp jetzt in den Armen ihrer weinenden Mutter lag, war der Missionar in die Kniee gesunken. In seiner Brust tobte ein gewaltiger Kampf, er streckte seine Hände hinauf zu den Wolken und rang in verzweifelndem Gebet.

»Allmächtiger Gott! Du Vater der Erschaffenen! Du kannst es nicht dulden, daß das strahlende Licht Deiner Sonne solche Greuel und Verbrechen bescheinen darf! O lasse die Schuldlosen lieber sterben, als die Beute dieser Tiger in Menschengestalt werden. Herr, erbarme Dich unser und laß diese Augen das Schrecklichste nicht sehen …«

»Es ist Zeit, Dirne, hierher zu mir!«

Der Missionar war mit einem Sprung empor. »Ungeheuer, wage es nicht sie anzurühren!«

»Reißt sie von der alten heulenden Hexe los! fort mit ihr auf den Schoner!«

»Niemals! eher soll sie sterben, und Du zuvor!«

Die Ergebung des Priesters war verschwunden in der Empörung des angstzerrissenen Herzens, der kühne Seemann und Offizier, der er sonst war, gewann in Henry Norford wieder die Oberhand und er warf sich, obschon waffenlos, auf seinen Gegner und rollte mit ihm, seinen Stierhals umklammernd, nieder auf das Deck.

Einen Augenblick lang schien der Erfolg seiner kühnen That sicher, da gerade nur wenige der Seeräuber in der Nähe und fast alle mit der Sicherung ihrer Beute und der Weiber beschäftigt waren, und Mahadrö, der einzige, der neben dem Kapitän stand, weder Fuß noch Arm zu dessen Beistand rührte, obschon Hawthorn nach ihm brüllte. Hätte der Missionar auch nur die geringste Waffe zur Hand gehabt, so wäre es um den Dänen geschehen gewesen. Aber schon in den nächsten Augenblicken änderte sich dies, denn zehn Hände faßten den Engländer und rissen ihn von seinem Opfer.

Keuchend, mit blau gerötetem Gesicht und blutunterlaufenen Augen, raffte sich der Korsar empor, nahm die Streitaxt auf und schwang sie über seinem Haupt zum furchtbaren Streich auf den Feind, der mit von der Anstrengung des Ringens wogender Brust und mit blitzendem Auge, von den Händen der Korsaren gehalten, ihn furchtlos mit dem Ausdruck des Hasses und der Verachtung anstarrte.

»Schlag' zu, niederträchtiger Mörder,« sagte er, »der Tod ist alles, was ich mir und den Meinen wünsche!«

Die erhobene Hand des Seeräubers sank nieder aber nicht zum tödlichen Schlage, denn er ließ die Axt, als ob ihm ein besserer Gedanke gekommen sei. langsam fallen und warf einen so teuflischen Bück auf den Missionar, daß dieser trotz allen Mutes erbebte.

»Bindet ihn! – Fest! Schnürt den Schurken hier an das Bollwerk, mit dem Gesicht hinüber nach dem ›Satan!«

Während Maria und ihre Mutter aufschreiend die Füße des Bösewichts zu umklammern suchten, um das Leben ihres Freundes flehend, machte Norford einen letzten vergeblichen Versuch, sich aus den Händen seiner Wächter zu befreien, dann ergab er sich mit finsterem Schweigen in sein Schicksal, ohne zu wagen, seine Augen auf die Geliebte zu richten, indem er versuchte, Gott um Kraft und Ergebung anzuflehen.

Doch in die flehenden Gebete seines Geistes drängte sich die fieberhafte Angst seines Herzens und verwandelte sie in verzweiflungsvolle Verwünschungen.

Das tückische Auge des Kapitäns aber schien nach einem neuen Opfer im Kreise zu suchen; es blieb auf Mahadrö, dem Malayen, haften.

»Nimm die Dirne,« befahl er, »trage sie hinüber in die Kajüte und binde sie fest auf die Matratze. Du stehst mir mit Deinem Leben dafür!«

Der Malaye machte eine jener demütigen knechtischen Gebärden der Asiaten gegen ihren Herrn. »O Sahib, Mahadrö kann ihren Leib nicht berühren, sie hat den meinen gepflegt, als er wund und krank war!«

»Schurke – willst Du gehorchen? Bring' mich nicht auf – denn Du verdienst ohnedies Strafe, weil Du vorhin, als der Narr mich erwürgen wollte, mir nicht zu Hilfe sprangst!«

»Strafe mich, Sahib! laß mich zu Tode peitschen, wenn Du willst, aber fordere nicht von mir, daß ich sie beleidige!«

»Sklave!«

»O Sahib!«

Er stand, die Arme über der Brust gekreuzt, vor ihm, den Todesstreich erwartend.

Eine schreckliche Stille herrschte ringsum, nur von dem Schluchzen des unglücklichen Mädchens unterbrochen.

»Leutnant Antonio Diaz!«

Der zweite Offizier der Schiffes, ein schmaler, großer Portugiese mit schielendem Blick und einer von einem Säbelhieb abscheulich gespaltenen Nase trat vor.

»Hier, Sennor Capitano!«

»Laßt zwei Leute dieses Mädchen nach dem Schoner bringen und in meiner Kajüte bewachen, bis ich komme!«

Ein Wink des Leutnants genügte, zwei der Piraten Maria Ronecamp unter dem herzzerreißenden Geschrei ihrer Mutter aus deren Armen reißen und an Bord des »Satan« hinüber schleifen zu lassen.

»Henry, zu Hilfe! Henry, rette mich!«

Der unglückliche Offizier wand sich unter dem Hohngelächter der Korsaren in seinen Banden.

»Schlagt den Böten der Schurken den Boden aus!«

Die zwei gleich unbehilflichen Boote der Dschonke wurden mit einigen Axtschlägen zertrümmert.

»Laßt die großen Stacheleisen bringen. Wo ist der Zimmermann?«

Der herkulische Neger, der dies Amt versah, kam mit seiner Axt herbei. Der Kapitän sprach einige Worte mit ihm, worauf er mit einem teuflischen Grinsen antwortete und mit zwei Gehilfen in den Raum der Dschonke hinunterstieg.

Der Abend war über all diesen Vorgängen herangekommen, der Wind hatte sich gelegt, so daß beide Schiffe bewegungslos nebeneinander lagen, und die Sonne mußte in kaum einer halben Stunde am Horizont versinken.

Nirgends war ein anderes Segel zu entdecken – die Unglücklichen waren hilflos ihrem Peiniger preisgegeben.

Man hatte unterdes nach seinem Befehl vom Bord des Schoners Ketten und Eisen gebracht. Die letzteren bestanden in zwei großen geöffneten Ringen, auf der inneren Fläche mit kurzen, aber starken und stumpfen Spitzen, an den Halsenden mit Schrauben versehen.

Auf einen Wink des Dänen wurden sie vor ihm niedergeworfen. Mahadrö stand noch immer, das Haupt gebeugt, die Arme gekreuzt auf der nämlichen Stelle. Hawthorn wandte sich zu ihm und wies auf die furchtbaren Geräte, die den Erfindungen der Marterkammern des Mittelalters Ehre gemacht haben würden.

»Du kennst ihre Bedeutung,« sagte er rauh, »und weißt, wie sie dem Deutschen vor zwei Monden die Knochen zerbrochen haben, als er es wagte, meinem Befehle ungehorsam zu sein. Jetzt geh' hinüber in meine Kajüte und schnüre die greinende Dirne auf das Rohrbett fest!«

»O Sahib, bei der Mutter des Propheten, töte mich, aber habe Mitleid mit ihr. Sie hat Mahadrö das Leben gerettet, und er kann sie nicht berühren!«

»Zum letzten Male – gehorche!«

Der Malaye antwortete nicht.

Kapitän Hawthorn stieß einen gräßlichen dänischen Fluch aus. »Knebelt ihn!«

Zwei der Korsaren faßten den Malayen, der widerstandslos alles mit sich geschehen ließ, und banden ihm die Füße.

»Nieder mit ihm! Was zögert Ihr, Ihr Hunde? Legt ihm die Schraube um die Beine!«

Die Männer warfen den Unglücklichen jetzt auf das Deck und legten eines der offenen Eisen um seine beiden Kniee, so daß es diese umschloß.

»Willst Du gehorchen?«

Der Malaye ließ den Kopf auf seine Brust sinken, ohne zu antworten; Norford vermochte es nicht, das Auge länger auf dem wackeren Burschen haften zu lassen.

»Die Schraube! zieht die Schraube an! Her mit dem Arm-Eisen!«

Eine Drehung der Schraube, so gering sie auch vielleicht von der Teilnahme seiner wilden Gefährten in Raub und Mord ausgeführt sein mochte, preßte die Kniee des Malayen in der schmerzlichsten Weise zusammen und ließ die stumpfen Spitzen in Fleisch und Muskeln dringen.

»Das Arm-Eisen! Schnell oder …«

Die Anwendung des schrecklichen Instrumentes entriß dem Gemarterten einen kurzen wilden Schrei, den einzigen Laut, den er von sich gab.

Indem man zwei an das Knie-Eisen befestigte kurze Ketten um seinen Rücken oder vielmehr Nacken wand, wurde der Körper in der abscheulichsten Weise zusammengeschnürt, so daß die Kniee bis zum Kinn hinauf gezogen waren. Dann wurden die Hände des Unglücklichen von außen um die Beine gezogen und die Handgelenke unterhalb der Kniee mit dem zweiten kleineren Eisen zusammengeschraubt, so daß der Körper förmlich eine Art willenloser Kugel bildete.

Diese Strafe oder vielmehr Marter ist eine bei den Chinesen, die überhaupt Meister in der Erfindung von solchen sind, häufig vorkommende, nur, daß sie dann nicht mit solcher Grausamkeit und durch Anwendung von Banden und Stricken, nicht von Eisen vollzogen wird, welche die Knochen des Unglücklichen zermalmen und aus den Gelenken reißen.

»Den Stock! nehmt die Handspeiche dort!«

Der Befehl des Kapitäns wurde vollzogen und das Holz zwischen den inneren Ellbogen und Kniegelenken durchgestoßen, so daß der Körper nun eine unförmliche und bewegungslos um das Holz geschnürte Masse bildete.

»Jetzt hängt das Aas dort an die Strickleiter neben seinen Schützling, den Pfaffen, der ja die Zunge frei hat und ihm Geduld predigen kann, bis sie zusammen zum Teufel gehen. – Ist Deine Arbeit geschehen, Cäsar?«

Cäsar, der schwarze Zimmermann, der eben mit seinen Gehilfen aus dem Raum heraufgestiegen war, bejahte mit vergnügtem Grinsen.

»So jagt die heulende Brut hier alle hinunter und vernagelt die Luken. Es ist Zeit, daß wir nach dem ›Satan‹ hinüberkommen und unseren lustigen Abend beginnen. Bindet die Dschonke einstweilen mit dem Ankertau an den Schoner und dann laßt sie auf drei Faden weit abdriften, damit dem hochwürdigen Herrn hier nichts von unserer Festlichkeit entgehen und er den Segen dazu sprechen kann. Vorwärts, Bursche, tummelt Euch, der Grog und die Weiber warten auf Euch!«

Ohne sich weiter um die Unglücklichen zu kümmern oder ihnen auch nur einen Blick zu schenken, verließ er den Bord der Dschonke und stieg auf den Schoner nieder. Der Herr des »Satan«, der mit besserem Recht diesen Namen selbst geführt hätte, wußte, daß der entsetzlichere Teil seiner Rache wenigstens für den Missionar erst noch kommen würde!

Die zurückgebliebenen Piraten trieben jetzt mit Stößen und Schlägen die ganze übrige Bemannung des Schiffes mit den unglücklichen Passagieren hinunter in den Raum und verrammelten die Luken über ihnen. Unter Hohngelächter verließen sie alsdann den »fliegenden Schwan« und stiegen wieder an Bord ihres Schiffes.

Die Enterhaken wurden gelöst und mit einigen Ruderschlägen des Schoners trieb dieser von dem unbehilflicheren chinesischen Fahrzeug ab, bis er in der Entfernung von drei oder vier Faden liegen blieb, durch ein starkes Tau mit der Dschonke zusammengehalten.

An deren Bord hätte niemand vermocht, es zu lösen. Auf dem Verdeck befanden sich nur der Missionar und Mahadrö, der Mulatte, beide bis zur vollständigen Hilflosigkeit geknebelt; jedes andere menschliche Wesen war in dem unteren Raum eingeschlossen und selbst, wenn sie von dort hätten einen Ausgang finden können, hätte die Feigheit der Chinesen sicher keinem den Versuch gestattet.

Die Sonne war jetzt unter den Horizont gesunken, und mit jener Schnelligkeit, die in diesen Breiten den Tag zur Nacht übergehen läßt, trat fast ohne die in unserer Zone so trauliche und liebliche Dämmerung die Dunkelheit ein.

An Bord des »Satan« wurde es jetzt lebendig. Bunte chinesische Laternen wurden an den unteren Raaen und dem Bollwerk aufgehängt, ein Fäßchen Rum und Körbe mit Weinflaschen aus der Proviantkammer heraufgeschrotet und alle Anstalten zur Feier eines wilden Bacchanal getroffen.

Der Spiegel des Schoners war jetzt so gegen die Dschonke gekehrt, daß ihre Fenster dem Platz der Heiden Gefangenen ziemlich gegenüber lagen. Aber sie blieben dunkel, und wie sehr auch der Missionar seine Augen anstrengte, konnte er doch nichts erkennen.

Das leise Stöhnen des armen Malayen in seiner furchtbaren Lage zog endlich die Aufmerksamkeit des Missionars von jenen vergeblichen Bestrebungen ab und erinnerte ihn an die Pflichten seines heiligen Berufes.

»Armer Mann,« sagte er teilnehmend, »Du leidest um unsertwillen, ohne daß ich Dir zu helfen vermag, denn ich bin hilflos wie Du! Laß uns auf den vertrauen, ohne dessen Willen nichts geschieht im Himmel und auf Erden!«

Der Malaye antwortet auf diese Worte anfangs nicht. Nach einer Weile aber sagte er: »Sahib Padre, Du sehen die leuchtenden Streifen hier um das Schiff?«

»Es ist das Leuchten des Meeres!«

»Nein, Sahib Padre, es sind die Haifische! Mahadrö wußte, daß Schlimmes geschehen werde, denn seit zwei Tagen folgen die Fische dem ›Satan‹. Fische können nicht reden, haben aber Verstand und wissen, was kommt. Sahib Padre muß sein gefaßt noch auf Schlimmes!«

»Ich fürchte den Tod nicht und hoffe wie ein Mann und Christ zu sterben. Nur eines …«

Ein wilder Jubel vom Bord des Schoners her, in das sich das Gekreisch einiger Weiberstimmen mischte, unterbrach seine Worte. Das höllische Bacchanal hatte begonnen, die unglücklichen Frauen und Mädchen mußten der bestialischen Lust der Korsaren dienen, während diese sich in Wein und Rum berauschten und wie die Teufel auf dem Verdeck umhersprangen.

Der Missionar erbebte; das Gebet, das er zu dem glänzenden Sternenhimmel emporsandte, erstickte auf seinen Lippen.

»Ich habe erzählen hören,« sagte der Malaye, »daß der Gott der Christen verlangt, daß seine Bekenner ihren Feinden vergeben. Ist dem so, Sahib Padre?«

»Du sollst vergeben Deinen Feinden und Wohlthun denen, die Dich beleidigen und verfolgen,« flüsterte der Unglückliche mit erstickter Stimme, denn in diesem Augenblick begann sich die Kajüte des Schoners zu erhellen.

»Dann ist ein Allah ein besserer Gott, denn er verlangt nicht das Unmögliche!« knirschte grimmig der Malaye. »Schau hinüber und sage, ob Du Deinem Feinde vergeben kannst?«

»Schurke! Teufel in Menschengestalt! Wagt es nicht, sie zu berühren! Allmächtiger Gott, hast Du keine Blitze für den Schänder!«

Ein Schrei, ein viehisches Hohnlachen, ein Wimmern um Gnade antwortete allein dem Ausbruch dieser Verzweiflung.

Die Kajüte im Spiegel des »Satan« war jetzt glänzend erhellt, die Fenster waren weit geöffnet, und seltsamerweise vermochten die Augen der beiden Gefesselten immer mehr das Innere zu übersehen, obschon das Piratenfahrzeug weit tiefer im Wasser lag als die Dschonke.

Auf einem Ruhebett von Rohrgeflecht lag die Gestalt eines Mädchens mit aufgelöstem Haar und zerrissenen Kleidern, um den Leib mit einem Strick an das Ruhebett gefesselt. Der Tisch, der in der Mitte der Kajüte stand, wurde eben von einem schwarzen Diener mit Weinflaschen und allerlei Gegenständen eines schwelgerischen Mahles bedeckt.

Noch konnte der Missionar nicht genau die Unglückliche erkennen, die dort an der Seite des Gemachs gefesselt lag, aber seine Angst und das vorher Gehörte sagte ihm genugsam, wer sie war.

»Allmächtiger Gott, erbarme Dich ihrer und sende der Unschuldigen den Engel des Todes, ehe Du sie verderben läßt!«

Die Thür der Kajüte wurde aufgerissen, Kapitän Hawthorn trat herein, das Gesicht gerötet von Branntwein und bestialischer Aufregung. Zwei der Offiziere seines Schiffes folgten ihm, jeder eines der chinesischen Mädchen hinter sich drein schleifend.

»Hierher mit den Dirnen, Antonio,« schrie der Kapitän des »Satan«, »setzt sie an den Tisch und kitzelt sie mit den Dolchen, wenn sie nicht lustig sind; wir wollen den Kerlen da drüben wenigstens noch eine lustige Melodie aufspielen zu ihrer Hinunterfahrt! Schenkt ein, Männer! Hussah für die Mission von Shanghai und ihre hübschen Kinder!«

Er hatte eine Flasche Wein in einen silbernen Pokal geleert, der wahrscheinlich früher ein Altargefäß gebildet, und trank ihn aus.

»Lustig, lustig, Bursche! Der Teufel soll meine Seele haben, wenn wir nicht leben wollen, wie der Großmogul von Delhi. Ihr habt Euch zwei nette Weiber ausgesucht, aber sie sind doch nichts gegen die da! Schaut; ist es nicht ein Kapitalmädel, so blond und weiß, wie man sie in Charlottenlund sehen kann! Nun, Dirne, willst Du das Geflenne aufgeben und mit uns vergnügt sein?«

Ein krampfhaftes Schluchzen des Mädchens allein antwortete ihm.

Durch das Gejohl der trunkenen Seeräuber auf den Verdecks des Schoners drang eine kräftige Mannesstimme. »Mann, wenn Du ein Christ bist, so schone die Unschuld!«

Der Korsar war zum Fenster der Kajüte getreten, er schwang den vollen Becher in der Hand.

»Hört, wie das Pfäfflein da drüben pfeift,« lachte er. »Nun, Gott verdamm seine Augen! er soll uns den Hochzeitssegen sprechen! Vorwärts, Bursche, ein jeder die Seine!«

Die beiden Chinesenmädchen waren schreiend in einen Winkel geflüchtet, aus dem sie die Korsaren hervorzerrten, ihnen die Kleider vollends vom Leibe reißend. Eine mehr als teuflische Scene begann – die armen Wesen rangen vergeblich in den Armen ihrer Verfolger, bis der Leutnant Diaz, erbittert durch den Widerstand des einen Mädchens, eines Kindes von fünfzehn Jahren, ihr seinen Dolch durch den Arm stieß, daß sie wehklagend auf die Kokosmatten zurücksank. Squale rouge, der rote Hai, hatte sich wie ein Tier auf seine Beute gestürzt.

Das unglückliche Mädchen, angeregt durch den wütenden Ruf ihres Verlobten, kämpfte vergeblich gegen die brutale Kraft. Durch die Bande um ihren schlanken Leib an das Ruhebett gefesselt, vermochte sie nicht, sich zu erheben. Mit Anwendung der rohesten Gewalt, indem er sogar die Gefährten seines Verbrechens zu Hilfe rief, schnürte der Piratenkapitän ihre Hände und Füße fest, dann schnitt und riß er die Gewänder förmlich von dem unbefleckten reinen Körper der Jungfrau, die ihn vergeblich um Erbarmen oder Tod anflehte.

Eine wilde entsetzliche Verzweiflung hatte sich des Unglücklichen bemächtigt, der Zeuge dieses furchtbaren und schändlichen Auftritts sein mußte. Er wand sich in seinen Banden, daß die Riemen und Stricke tief in sein Fleisch einschnitten – tiefer, entsetzlicher noch schnitt der Angstruf, der Schrei des unglücklichen Mädchens in sein Ohr, in seine Seele!

Vergeblich! Der Frieden Gottes, die gewaltige Ruhe der Natur lag über dem weiten Meeresspiegel ausgegossen, und drinnen in dem kleinen engen Raum feierte das Verbrechen ungestraft seinen scheußlichen Sieg und vernichtete hohnlachend jedes Lebensglück, jede Hoffnung der Tugendhaften und Schuldlosen.

Vergeblich! die Riemen von Büffelhaut, die Stricke von Hanf hielten fest selbst gegen übermenschliche Anstrengung, unter der das Blut aus der Haut spritzte.

Und immer tiefer und tiefer stieg das hohe Verdeck der Dschonke gleichsam hinab zu der Wasserlinie des Schoners.

Ein gellender Schrei des unglücklichen Mädchens …

»Herr mein Gott!« Er hing in seinen Banden, kraftlos, das Haupt gebeugt, Thränen rollten über sein Antlitz, er wußte, daß sein Glück, sein Alles, verloren war in Zeit und Ewigkeit!

Dennoch murmelten seine Lippen den Vers des erhabenen Psalms:

»Bewahre meine Seele und errette mich: laß mich
nicht zu Schanden werden, denn ich vertraue auf Dich!«

Und wieder gellte der Schrei!

Ein Echo von hundert Stimmen antwortete ihm, angstvoll, entsetzlich, zum Himmel gellend!

»Das Wasser! Hilfe! das Wasser!«

Und an den Luken hämmerte und pochte es gegen das Verdeck schlug es mit den: Ungestüm der Todesangst.

»Das Wasser! das Wasser!«

Unwillkürlich neigte sich der Missionar in seiner Angst und Seelenqual zu seinem Leidensgefährten.

»Mahadrö! was wollen sie? was ist geschehen?«

»Sahib Padre, Du weißt nicht, was die Männer des ›Satan‹ gethan auf den Befehl des Massa Kapitän?«

»Was meinst Du?«

»Cäsar, der Zimmermann, hat den Boden der Dschonke durchlöchert, das Wasser dringt ein durch den Leck, und sie sinkt; ehe eine Stunde vergeht, werden auch wir im Paradies des Propheten sein und von seinen Houris umgeben werden!«

»Allmächtiger Gott, ich danke Dir, daß Du mir den Tod sendest und segne die, welche Deine Werkzeuge waren!«

»Wie, Sahib Padre, Du segnest Deinen Feind?«

»Ich segne den, der mir den Tod bringt und das bessere Leben. Hörst Du sie, die mich an meine Pflicht mahnen? Gott, Du mein Herr, vergieb mir, daß ich um eine Seele die vielen vergessen habe!«

Und immer tiefer und tiefer sank das Deck, schwächer und schwächer wurde das Todesgestöhn im Innern des Schiffes, in das gurgelnd die Meeresflut drang.

Aus den Fenstern des Schoners aber klang der wüste bacchantische Jubel, der höllische Triumph der menschlichen Dämonen!

Dann wiederum ein entsetzlicher Jammerschrei: »Erbarmen! Erbarmen! Zu Hilfe, Henry, zu Hilfe!«

Eine wilde Extase hatte sich des unglücklichen Mannes bemächtigt, er sah, er hörte nicht mehr das Mädchen, seine Verlobte, seine Braut – durch den Todesruf seiner Gemeinde, durch das bacchantische Geheul der trunkenen Piraten drang gewaltig seine Stimme mit dem Todesgesang:

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir! Herr, höre meine Stimme, laß Deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

So Du willst, Herr, Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen!«

Dann verstummten die letzten Anstrengungen der verzweifelnden Männer, das Deck zu sprengen, und höher und höher gurgelten die Wässer, und stiller und stiller wurde es im Raume des »fliegenden Schwans«.

Ein letzter Schrei, drüben in der Kajüte des Piratenschiffes erloschen die Lichter und die heisern Stimmen der Trunkenheit, der Lärm auf Deck, der Jubel der bestialischen Lust und der oft blutige Streit.

Nur der Missionar sang fort mit immer heiserer, dumpferer Stimme.

Da unterbrach eine andere die seine.

»Sahib,« sagte der Malaye, »hörst Du mich?«

»Ich höre Dich, Heide! warum störst Du mich?«

»Du bist ein Diener Deines Gottes, und der Deine ist größer als Allah! Der Tod dieser Christen hat mein Herz gerührt, und ich möchte beten zu dem Gott, den Du preisest in Deinen Leiden!«

»Du hast gesehen, Mahadrö,« sagte der Missionar finster, »daß seine Blitze nicht die Frevler vernichten und daß die Schuldlosen verderben, ohne daß seine Hand sie schützt! Was willst Du mit dem Gotte der Christen? Bleibe bei Deinem Allah, der Dir mindestens die Rache erlaubt!«

»Taufe mich, Sahib Padre,« sprach der Malaye, »denn Mahadrö will in dem Himmel der Christen wenigstens der dienen, der er im Leben nicht helfen konnte.«

Der Missionar senkte sein Haupt vor dieser Hingebung, dann sprach er langsam und feierlich die Worte der Taufe aus.

»So laß uns denn zusammen sterben als Brüder im Leiden, als Brüder in Christo! Ich fühle das Schiff sinken und die See meine Füße netzen. Gott vergebe uns unsere Sünden und nehme unser unsterblich Teil gnädig auf in seine Hände!«

Der »fliegende Schwan« war tiefer und tiefer gesunken, die kräuselnden Wellen des Meeres umspielten in der That schon die Füße des Missionars.

Leuchtende phosphorisierende Streifen zogen wie Schlangen zwischen der sinkenden Dschonke mit ihren Toten und dem stillen Bord des Korsaren.

Henry Norford fühlte, daß seine Stunde gekommen. Eine ergreifende Stille, die Stille der weiten Gewässer lag nach dem Toben des schrecklichen Bacchanals rings um sie her, erschütternd in ihrer Ruhe und Majestät, und vom Himmel strahlten die Sterne.

Nur das Rauschen der Wellen an den Seiten der beiden Fahrzeuge unterbrach den Frieden der Natur, und von drüben her drang aus den Fenstern der Kajüte auf den Schwingen der Nachtluft zuweilen ein leises Wimmern und Weinen.

Henry Norford wagte nicht, die anzurufen, die ihm bisher das Teuerste auf Erden gewesen. Er wußte, daß seine Stimme sie zum Leben hätte zurückrufen können, und er hoffte doch, daß sie sterben werde.

So erwartete er selbst den Tod! – – – – –


Aus dem Ocean stieg die Sonne empor.

Noch trieben die beiden Schiffe langsam, fast unmerklich dahin, dem Wellenzuge folgend, denn noch hatte der Morgenwind sich nicht eingestellt.

Mit Erschrecken sahen die erwachenden Korsaren, daß die gesunkene Dschonke noch immer durch die fesselnden Taue an den Schoner gebunden war und in der Entfernung von wenigen Faden neben ihm schwamm. Sie stand bereits bis zum obern Deck vollständig unter Wasser, und die Flut spielte durch die leichten, von den Seeräubern am Tage vorher an vielen Stellen gänzlich demolierten Bollwerke darüber hin.

Der Missionar, stumm, fast mit dem Blick des Wahnsinns vor sich hinstarrend, hing, oft bis über die Kniee im Wasser stehend, noch in seinen Banden, neben ihm dicht über der Flut die Kugelgestalt des Malayen. Nur das dunkle, leuchtende Auge verkündete, daß noch Leben in diesem mißgestalteten schrecklichen Knäuel war.

Der Missionar und der Malaye waren die einzigen noch lebenden Wesen an Bord des »fliegenden Schwans«.

Die von einem ihrer weniger berauschten Kameraden aufgerüttelten auftaumelnden Seeräuber beeilten sich, ohne die Befehle ihrer Offiziere abzuwarten, die Taue zu kappen, indem sie thörichter Weile glaubten, daß diese allein die Dschonke am gänzlichen Versinken gehindert hätten.

Auch Kapitän Hawthorn war jetzt durch den auf dem Deck entstandenen Lärm aus seinem Schlaf geweckt worden und erhob sich, noch wüst und halbtrunken von dem viehischen Gelage, von dem breiten Rohrbett, auf dem er, die willenlose Gestalt des unglücklichen Mädchens umschlingend, den Rest der Nacht zugebracht hatte. Mit einigen Fußstößen jagte er die beiden Gefährten seiner Schwelgerei von dem Boden der Kajüte auf.

»Der Teufel gesegne Euch den Schlaf, Ihr Faultiere! Auf und seht nach dem Schiff, Ihr betrunkenes Viehzeug, damit der ›Satan‹ wieder seinen richtigen Kurs steuert. Verdammnis über den Burschen, da steht die elende Dschonke wahrhaftig noch im Wasser, und der plärrende Schuft ist noch am Leben!«

Er war an die Fenster im Stern getreten, vor dem eine schmale Galerie lief, und schaute spöttisch und zornig hinüber nach der Dschonke. Der Leutnant und der Steuermann hatten sich vom Boden aufgerafft und aus der Kajüte geschlichen, ohne sich um die beiden Opfer ihrer viehischen Lust zu kümmern, die an der Wand zusammengekrochen waren.

Kapitän Hawthorn betrachtete einige Augenblicke triumphierend seinen Feind, dann trat er zurück in die Kajüte und zu dem Lager, das er eben verlassen. Auf dem mit den Resten des Gelages bedeckten Tisch lag ein Messer. Er ergriff es und durchschnitt die Bande, die das Mädchen gefesselt hielten.

»Nun, Dirne,« sagte er rauh und doch nicht ohne einen Anklang des Mitleids, »die Sache ist geschehen und läßt sich nicht ändern. Mein mußtest Du werden, denn ich hatte es geschworen aufs Kreuz von Dänemark! Ich hoffe, Du wirst vernünftig sein und Dich nicht weiter spreizen, Du sollst es gut haben bei mir und in Freuden leben. Die anderen da sind Deine Sklavinnen, und Du magst Dich von ihnen bedienen lassen. Nun auf, und bringt die Kajüte wieder in Ordnung, indes ich draußen nach dem Rechten sehe!«

Die Unglückliche war, ohne sich zu regen, in der Stellung liegen geblieben, in der er ihre Bande zerschnitten hatte. Kaum verkündete das schwache Heben und Sinken ihres entblößten Busens, daß noch Leben in ihr war.

Der Däne winkte drohend den beiden Chinesinnen und trat aus der Kajüte. Sein erster Blick galt den Masten und Spieren, an denen noch ungeordnet die Segel hingen, wie der »Satan« am Nachmittag vorher die Dschonke angelaufen war. Eben begannen die Wimpel und die schwarze Flagge mit dem schrecklichen Wahrzeichen den ersten Luftzug des Morgenwindes zu fühlen, der von der See her herankam.

»Schickt einen Mann zum Ausguck nach oben, Diaz! An das Steuer, Torglinton, und laßt die Focksegel aufziehn zum Wenden. Auf, Ihr faulen Hunde, und wischt den Rum aus Euren Augen, oder ich will Euch peitschen lassen, daß die Fetzen von Eurem Rücken hängen!«

Er stand auf dem Hinterdeck und schaute auf den Haufen von Strolchen und Bösewichtern, die sich mürrisch zur Arbeit bequemten.

»Mastkorb – Ahoi!«

»Ja, ja, Señor!«

»Wer ist da oben?«

»Perez, der Chilene!«

»Zum Teufel mit ihm! er wird uns die scharfen Augen des Malayen niemals ersetzen. Halt guten Ausguck, Bursche, oder wahre Deinen Schädel!«

»Ja, ja, Señor!« klang die eintönige Versicherung des Mannes.

»Und nun an die Arbeit, Bursche! Schweppt das Verdeck und bringt die Taue in Ordnung. Leutnant, seht, daß das Gut von der Dschonke sicher weggestaut wird, bis wir es teilen können. Alle Hände munter, meine Jungen, wir segeln nach Manila, wo Ihr Euch lustig machen könnt. Höll und Teufel, was ist das?«

Der Ruf galt einem schneidenden, Mark und Bein durchzitternden Schrei, dem gleich darauf das Hilfgekreisch von Weiberstimmen folgte.

Kapitän Hawthorn war mit einem Sprung am Steuerrad, von dem aus er über das Bollwerk auf die schmale Galerie im Spiegel unter den Fenstern der Kajüte sehen konnte.

»Maria! Dirne! was thust Du –!«

Es war zu spät! –

Die beiden Chinesenmädchen in der Kajüte hatten sich, nach der Entfernung des Kapitäns und ihrer eigenen Entehrer, mit dem Stoicismus der Orientalen in das Geschehene ergeben, aufgerafft und waren zu der Tochter des Missionars getreten, die sie ohnehin als ihre Herrin, als ein über ihnen stehendes Wesen anzusehen gewohnt waren. Sie hatten versucht, die Ärmste aufzurichten und zum Bewußtsein zurückzurufen, indem sie ihr hundert Schmeichelnamen gaben und ihr sagten, daß ihre ganze Hoffnung auf sie gerichtet sei.

Endlich hatte Maria Ronecamp die Augen aufgeschlagen. Anfangs starrten diese wie bewußtlos ohne Ausdruck und Ziel umher, während die langen blonden, von ihren Thränen gefeuchteten Locken wirr um die Brust und die nackten Schultern hingen, dann fiel plötzlich ihr Blick auf die zerrissene Kleidung, auf die Kajüte umher, auf die beiden Mädchen, und mit einem Wehschrei sprang sie empor.

Die beiden Chinesinnen fielen ihr zu Füßen und flehten sie an, sich zu beruhigen, indem sie ihr die Versprechungen des Kapitän Hawthorn wiederholten, daß sie es gut haben solle bei ihm, wenn sie sich nur in seinen Willen füge.

»Hawthorn?«

Der Name erschütterte sie wie ein Blitzstrahl, ihr irres Auge suchte umher nach dem Schrecklichen, das ganze Bewußtsein ihres Unglücks, ihres grenzenlosen Elends brach vernichtend auf sie nieder. Mit einem Sprunge war sie an den Fenstern. Ihr Blick traf auf die Dschonke, die sich immer mehr von dem Schoner entfernte und deren höchste Teile und Masten allein noch aus dem Meere ragten; er traf auf die dunkle Gestalt des geliebten Mannes.

Ihr gellender Schrei drang über die Wogen, der Unglückliche hob das schwere Haupt; ehe die beiden chinesischen Mädchen sie hindern konnten, war sie aus dem Fenster und draußen auf der Galerie.

»Henry! Henry Norford, ich komme!«

Einen weißen, lichten Schatten sah der Missionar durch die Luft fliegen; einen lichten, weißen Körper mit erhobenen Händen sah der Korsar niedergleiten zu dem Spiegel des Meeres und die blitzenden Wellen über ihm sich schließen.

Dem Aufschrei der Verzweiflung von der versinkenden Dschonke antwortete der wilde Fluch des Dänen vom Hinterdeck des Raubschiffes.

»Das Boot! setzt das Boot aus, ihr Schurken!«

Am nächsten Tau schwang sich die breite Gestalt Hawthorns über die Brüstung hinunter auf die Galerie und war selbst bemüht, das Gigk im Stern von seinen Rollen zu lösen.

Aber sein Ruf war noch nicht verklungen, als er selbst schon einsah, daß jede menschliche Hilfe vergeblich war.

Von allen Seiten schossen dunkle schwarze Streifen durch die goldglitzernde Flut und tauchten nieder zur Tiefe; die jammernden Mädchen an den Fenstern der Kajüte schrieen laut auf, und aus der Tiefe des Wassers hob sich ein heller purpurner Blutstrom.

Der Steuermann reichte dem Kapitän die Hand herunter über das Bollwerk, ihm zu helfen. »Kommt herauf, Sir, die Dirne ist hin, die Haifische haben ihre Beute!«

Und gleichsam als Antwort auf die kurze Grabrede klang von dem Mastkorb des Hauptmasts die Stimme des Chilenen herab:

»Unten auf Deck! Ahoi!«

»Was giebt's?«

»Segel am Steuerbord! ein großes Schiff!«

»Schurke!« Der wilde Korsar war wieder ganz er selbst. Mit einem Sprung war er auf dem Deck, mit einem zweiten in einer der Wanten!

»Höll und Teufel! ein Kriegsschiff! Ich sehe seine untern Segel mit bloßem Auge. Hinunter und holt mein Glas! Die schwarze Flagge herab, eh' jene sie sehen, und die amerikanische auf. Bemannt die Spieren, Diaz, und setzt an Segeln auf, was der Schoner tragen will. Laßt den Schurken im Ausguck ablösen, damit er seine Strafe erhält für die schändliche Nachlässigkeit!«

Alles an Bord des »Satan« war jetzt in Bewegung: die Segel wurden gesetzt, das Gepäck von der Dschonke in den untern Raum gebracht, das greuliche Bild am Bogspriet entfernt und durch das einer Möwe ersetzt, ebenso rasch verschwand der Name des Schiffes.

In den ersten Augenblicken hatte der Kapitän nicht Zeit, an die Dschonke oder die Frauen zu denken. Der Portugiese hatte ihm das Fernrohr gebracht, und Hawthorn beobachtete über die Schiffswand genau den Fremden, dessen Segel bereits vom Deck des Schoners aus sichtbar waren. Alles stand, der Befehle des Kapitäns gewärtig, der, so wild und verbrecherisch er auch war, und so tyrannisch er auch die Mannschaft behandelte, doch als Seemann bei ihr des unbedingtesten Zutrauens genoß.

Die Entfernung von der Dschonke hatte sich durch das Abtreiben der beiden Schiffe bereits auf etwa eine halbe Kabellänge vergrößert.

Jetzt wandte sich Hawthorn um, seine Stirn war finster zusammengezogen.

»Möge die Hand verflucht sein, die ihren Kiel gelegt. Es ist die ›Diomede‹, unsere Feindin, die uns schon dreimal gejagt. Sind die Leute an ihren Posten?«

»Ja, Sir!«

»Dann herum mit dem Steuer und laßt den Schoner um zwei Strich vom Winde abfallen. Das ist seine beste Segelkraft, und ich will an der Nocke baumeln, wenn wir ihr nicht entwischen, sobald die Brise stetig bleibt. Aber für alle Fälle müssen wir gerüstet sein, um es aufzunehmen mit ihr. Laßt die Waffen bereit halten und Munition herauf langen. Bringt die beiden Dirnen her aus der Kajüte!«

»Was soll mit den Burschen da drüben auf dem Chinesenschiff geschehen?«

»Verflucht seien sie! Wir haben keine Zeit mehr ein Boot auszusetzen, um ihre Höllenfahrt zu beschleunigen. Aber ehe die Korvette das Wrack erreichen kann, muß mehr als eine Stunde vergehen, und dann liegen sie längst auf dem Meeresgrund und können nicht mehr plaudern. Der Schurke von Zimmermann sollte gekielholt werden, weil er seine Arbeit so schlecht gethan. Schafft die Weiber auf die Laufplanke des Steuerbords!«

»Alle, Kapitän?«

»Alle – ohne Ausnahme!«

Die Chinesinnen wurden von den Korsaren herbeigezerrt und nach dem bestimmten Ort gebracht. Die unglücklichen Geschöpfe trugen meist noch in den wirren Haaren, in den zerrissenen Kleidern und bleichen Gesichtern die Spuren der scheußlichen Orgie, aber gewiß hatten sie keine Ahnung von dem schrecklichen Schicksal, das ihnen bevorstand.

Als sie jedoch von ihren Gefährtinnen das traurige Los von Himmelsblüte gehört hatten, der sie alle mit Begeisterung zugethan waren, begann ein lautes Jammern und Wehklagen.

»Höll' und Verdammnis!« tobte Kapitän Hawthorn, »werden die Kanaillen ihre Mäuler halten? Sie wären imstande, uns die ganze englische Flotte auf den Hals zu schreien. Wo sind die Dirnen, die diese Nacht Eure Weiber spielten, Diaz?«

Man zog die beiden aus der Menge.

»Laßt Cäsar, den Zimmermann, kommen!«

Der große Schwarze trat aus dem Haufen. »Höre Bursche,« sagte grimmig der Kapitän, »Du hast Deine Arbeit da auf der Dschonke so jämmerlich gethan, daß Du die Bastonade verdientest. Ich hoffe, daß Du die Schreihälse hier nicht wieder so lange singen lassen wirst!«

»Soll ich sie knebeln, Massa Kapitän, und unten in den Kielraum stecken?«

»Ich weiß etwas, das sie leichter stumm machen wird, als Deine Knebel. Warum habt Ihr Eure Herrin nicht besser bewacht, wie ich Euch befahl, Kanaillen?« wandte er sich zu den Mädchen.

Sie verstanden ihn wohl nur halb, da er englisch mit ihnen sprach, aber sie merkten aus dem Ausdruck seines von Zorn und Verdruß geröteten Gesichts, daß er Böses mit ihnen vorhatte, und fielen zitternd auf die Knie.

»Gnade, Sahib Kapitän, Gnade!«

»Wißt Ihr, daß Ihr Gnade winselt vor dem Roten Hai? Nun zum Teufel, holt sie bei seinen Namensvettern! Hinunter mit ihnen, Cäsar!«

Ein jammerndes Hilfegeschrei – der riesige Äthiopier ergriff eines der Mädchen, schwang es in seinen Armen und schleuderte es über das Bollwerk.

»Kameraden,« sagte wild der Kapitän, »es muß sein! Weiber kriegt Ihr in Manila zur Genüge wieder, aber wenn eine dieser heulenden Brut am Leben bleibt, und jene Korvette erreicht uns, sind wir verloren. Ihr Tod ist Eure Sicherung. Ins Meer mit ihnen! die Haifische warten!«

Ein entsetzlicher Auftritt, gegen den selbst das Bacchanal der Nacht ein Kinderspiel gewesen, begann jetzt an Bord des »Satan«.

Die unglücklichen Wesen suchten nach allen Seiten ihren Mördern zu entrinnen. Einige klammerten sich in so wahnsinniger Angst an die Taue und anderen Gegenstände, daß ihnen die Kosaren die Finger mit ihren Dolchen aufbrechen mußten. Andere warfen sich ihnen zu Füßen, boten ihnen ihren Leib und erinnerten sie in herzzerreißenden Worten an ihre Hingabe, indem sie nur um ihr Leben flehten. Noch andere stürzten sich in wahnsinniger Furcht selbst in die See, um im nächsten Augenblick im Rachen der schrecklichen Ungeheuer der Tiefe zu enden!

Mahadrö hatte die Wahrheit gesprochen. Es war, als ob die stummen Tiger des Meers das Fest geahnt hätten, das ihr menschlicher Namensvetter ihnen gab. Nicht einer der greulichen Schar war bei der versinkenden Dschonke geblieben, um die beiden Gefesselten zu erwarten, alle begleiteten den Schoner und drängten sich jetzt in gräßlichem Gewirr, die schwarzen Leiber über das Wasser erhebend und dann plötzlich sich auf den Rücken schleudernd, den weiten Rachen mit der dreifachen Zahnreihe weit geöffnet, um das Opfer zu empfangen.

Eine breite Blutlache, zwischen den Ungeheuern der Tiefe noch zuckende menschliche Glieder, umflutete das schreckliche Schiff.

Einem der Mädchen, das gewandter und rascher war als seine unglücklichen Gefährten, war es gelungen, aus dem Kreise der Mörder zu entkommen, über das Deck zu flüchten und an einer der Strickleitern in die Höhe zu klimmen. Der Korsar, in dessen Arm sie die Nacht gelegen, ein junger wilder Bursche, der in Pondichery von einem französischen Schiff desertiert war, verfolgte sie, vermochte aber erst nahe am Mastkorb sie einzuholen. Mit aller Kraft hielt das schreiende Mädchen sich hier fest, so daß er vergeblich sich bemühte, sie loszureißen.

Hawthorn hatte die Scene gesehen, aber von dem vergossenen Blut bis zum Wahnsinn erhitzt, von dem Verlust Marias und der Überraschung durch die Korvette wütend gemacht, kannte er kein Erbarmen.

»Mach' ein Ende, Bursche!« brüllte er hinauf.

Der junge Franzose hielt mit einem Arm das Mädchen.

»Sie hat Courage, Kapitän,« sagte er halblachend. »Laßt uns ihr das Leben schenken – ich stehe für sie!«

Der Däne riß ein Pistol aus dem Gürtel und spannte es. »Hinunter mit ihr, Schurke, oder ich zerschmettere Dir selbst den Schädel!«

»Nun Sacrebleu, wenn's denn sein muß!« Er hatte den Fuß gegen die Leiter gestemmt und riß an ihr. Plötzlich ließ die Chinesin los, und beide stürzten, sich noch umschlungen haltend, hinab. Sie schlugen auf die Taue der Wantung und abprallend von da weit hinaus ins Meer.

Der Matrose kam alsbald wieder nach oben, und da er ein vortrefflicher Schwimmer war, machte er sich bald von seinem Opfer los und brüllte wie ein Stier um Hilfe. Mehrere seiner Kameraden waren nach der Backbordseite geeilt, warfen ihm ein Tau zu und hofften ihn zu retten, da die Haifische auf der andern Seite des Schiffes ihr gräßliches Mahl hielten. Bereits hatte der Pirat das Tau gefaßt und die Schiffswand erreicht, an der ihn seine Gefährten emporzuhissen suchten, als er einen furchtbaren Schrei ausstieß. Im nächsten Augenblick hob sich der Körper an dem krampfhaft umklammerten Tau aus dem Wasser, aber ein Blutstrom schoß an ihm herunter, denn eines der Beine war dicht überm Knie abgebissen, als sei es mit Säge und Messer amputiert, und als der Körper an Bord gehoben wurde, rollten die Augen des Mörders bereits im Todeskampf.

Dies endete die schreckliche Scene; aus den Wogen von Blut, über die verstümmelten Körper und die greulichen Ungeheuer der Tiefe hinweg furchte der schnelle Schoner die Bahn seiner eiligen Flucht, während die von dem Ende ihres Kameraden betroffenen Piraten stumm und erschreckt um seinen im Todeskampf sich windenden Körper standen, obschon sie doch noch wenige Augenblicke vorher den Jammer ihrer Opfer gehöhnt hatten.

Aber die Stimme ihres wilden Anführers riß sie bald aus dieser Betrachtung: »Schüttelt die Oberbramsegel aus, Bursche – rasch hinauf, oder ich will Euch Beine machen! Setzt die Seitensegel an, Leutnant Diaz, und laßt die Enternetze bereit halten. Bei allen Teufeln! die Korvette gewinnt uns den Vorteil ab!«

Unter vollem Segeldruck schoß der »Satan« jetzt vor dem Winde durch die Flut.

Keines der gefräßigen Ungeheuer umspielt mehr seinen Kiel. – – – – – – – – – – –

Etwa anderthalb Stunden, nachdem das Piratenschiff die Dschonke verlassen hatte, kam die englische Korvette auf der Jagd nach dem verdächtigen Fahrzeug dort vorüber. Die Berechnung Hawthorns hatte ihn getäuscht – das unglückliche Fahrzeug mit seiner traurigen Last war noch nicht in die Tiefe des Meeres niedergestiegen, und dies aus sehr natürlichen Gründen. Wie bereits erwähnt, ist das Material, aus dem diese Fahrzeuge erbaut worden, so leicht, daß sie schon dadurch eine enorme Tragkraft haben und nur unter ganz besonderen Umständen sinken. Die Öffnungen, welche die Korsaren in den Schiffsboden gehauen hatten, ließen zwar das Wasser eindringen, der Umstand aber, daß die Luken verschlossen und vernagelt wurden, preßte die Luft unter dem obern Deck zusammen und ließ das Fahrzeug eben nur bis zu diesem einsinken, wobei freilich die unglücklichen Passagiere und die eingesperrte Mannschaft das Opfer wurden.

In dieser Weise hätte das Schiff noch tagelang auf dem Ocean umhertreiben können.

Vom Bord der Korvette hatte man, ohnehin durch die schnelle Entfernung des Schoners aufmerksam gemacht, die Spieren und die unordentliche Takelage des chinesischen Schiffes bemerkt, und, als man näher kam, mit Hilfe der Gläser die rätselhaften dunkeln Gestalten des Missionars und des Malayen, die gleichsam aus der Fläche des Meeres sich erhoben und oft von den Wogen mehr als zur Hälfte überflutet wurden, entdeckt. Die »Diomede« gierte daher in der Verfolgung soweit zur Seite ab, um ein Boot hinüber senden zu können.

Als der Midshipman, der es führte, an Bord gelangte, fand er den Missionar ohne Bewußtsein in seinen Banden hängen. So wurde er in das Boot gehoben und auch der Malaye abgeschnitten und in Sicherheit gebracht, obschon es unmöglich war, den armen Burschen sofort von seiner Marter zu befreien, da die Werkzeuge hierzu fehlten. Aus seinen Worten aber vernahm man wenigstens oberflächlich was geschehen, und daß das fliehende Schiff am Horizont der berüchtigte Piratenschoner »der Satan« war. Auf die Frage nach der Mannschaft der Dschonke deutete der Malaye an, wie sie in den Raum des Schiffes getrieben worden und dort umgekommen sei. Obschon kein Zweifel daran sein konnte, da selbst die oberen Planken bereits stundenlang unter Wasser gestanden, wollte der junge Offizier doch wenigstens sich überzeugen und befahl zweien der Matrosen, an der Vorderluke ein Loch in das Deck zu hauen. Zum Glück für alle hatte er die Vorsicht gebraucht, das Boot einige Faden weglegen zu lassen, denn kaum hatten die britischen Seeleute mit dem einen Beil, das sie bei sich führten, eine der Planken gelöst, als die eingepreßte Luft mit einem Knall ausströmte und die Bretter auseinanderriß, wobei einer der Matrosen leicht verwundet wurde. Diese hatten kaum Zeit, sich selbst in die See zu werfen und nach ihrem Boote zu schwimmen, in das sie eiligst ausgenommen wurden, als der »fliegende Schwan«, von dem oben eindringenden Wasser gefüllt, in die Tiefe sank.

Nur den kräftigsten Anstrengungen der Matrosen und ihrer Kaltblütigkeit gelang es, das Boot glücklich aus den Wirbeln zu bringen, die das versinkende Fahrzeug um sich zog, und der junge Offizier ließ nun mit aller Kraft die Riemen einsetzen und nach der Korvette, die unterdes beigelegt hatte, zurückrudern.

Eine halbe Stunde später waren sie an Bord und der Kapitän des englischen Schiffes ließ auf die Nachricht, daß das verfolgte Fahrzeug wirklich der berüchtigte Pirat war, alle Leinwand, die das Schiff nur tragen und der Wind nur schwellen mochte, beisetzen, um die mit der Rettung der beiden Unglücklichen versäumte Zeit wieder einzuholen, während diesen auf dem Hauptdeck von dem Wundarzt der Korvette und den Offizieren jeder mögliche Beistand geleistet wurde.

Es war ein grauenhafter Anblick, der selbst manchen der harten, Wunden und Tod gewohnten Matrosen eine Thräne in die Augen trieb, als der Gehilfe des Waffenmeisters der Korvette die Schlösser der eisernen Reifen losgeschlagen hatte, welche die Glieder des armen Malayen gefesselt gehalten hatten. Die eisernen Spitzen waren tief in das Fleisch gedrungen und hatten zum Teil Muskeln und Knochen zerquetscht. Er mußte während der langen Zeit, fast vierzehn Stunden, fürchterlich gelitten haben, und dennoch hatte er nicht einen Schrei der Klage hören lassen. Seine Beine waren so furchtbar verletzt, daß er nicht aufzustehen vermochte und der Wundarzt achselzuckend versicherte, daß er, wenn er ihm auch das Leben retten könne, doch sein Lebelang ein Krüppel bleiben werde. Nur die Arme, obschon der Knochen des einen über dem Handgelenk gebrochen war, hoffte er ihm in alter Kraft zu erhalten.

Mit finsterem verschlossenem Ausdruck lag der Malaye, während ihm die zweckmäßigsten Verbände angelegt wurden, auf dem Deck, nur von Zeit zu Zeit sich erkundigend, wie es seinem Leidensgefährten gehe, und ob die Korvette auf der Jagd hinter dem Schoner diesem schon einen Vorteil abgewonnen habe.

Henry Norford war durch reichliche Anwendung von flüchtigen Salzen und anderen Mitteln wieder zum Leben zurückgebracht worden, aber die erschöpfte Natur forderte ihre Rechte, und ehe er noch voll das Bewußtsein seines Elends erlangt hatte, sank er in einen tiefen Schlaf.

Er wurde um so eifriger und sorgfältiger gepflegt, als Kapitän Oxbridge, der Kommandeur der Korvette, in ihm einen frühern Schiffsgenossen wiedererkannt und ohnehin den Auftrag und die Absicht gehabt hatte, ihn in Shanghai aufzusuchen. Die Korvette war vom Admiral abgeschickt, den englischen Handel auf den nördlichen Faktoreistationen zu beschützen und zu diesem Zweck im gelben Meere zu kreuzen.

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als der Missionar erwachte. Erstaunt sah er sich um, die Wände der engen Kajüte, die ihm Kapitän Oxbridge eingeräumt, versetzten ihn anfangs in seine Jugendzeit zurück und ließen ihn glauben, er befinde sich noch an Bord der Fregatte »Waterloo«. Dann plötzlich schoß es wie ein Strahl der Erinnerung durch seine Seele, er fuhr mit beiden Händen nach der Stirn und starrte umher, indem er sich von seinem Lager emporraffte.

Neben diesem saß als Wächter ein alter rauher Matrose.

»Um Gottes willen! wo bin ich hier, Mann? was ist mit mir geschehen?«

»Wo Ihr seid, Sir? Nun Goddam, wo sollt Ihr anders sein, als an Bord der ›Diomede‹ Ihrer Majestät Korvette von 16 Kanonen. Es läßt sich denken, daß Ihr ein Stück von Eurem Verstände eingebüßt, denn es ist kein Spaß für einen geistlichen Herrn, eine Nacht so im Wasser zuzubringen, Sir, alle Augenblicke gewärtig, daß so ein verfluchtes Beest einem die Beine wegschnappt. Aber Ihr habt doch noch Eure gesunden Glieder bewahrt, während es ein Jammer ist, den armen Kerl, Euren Gefährten, anzusehen!«

Norford faßte den Arm des Matrosen.

»Von wem sprichst Du?«

»Ei zum Henker, von wem anders, als von dem braunen Burschen, den man wie eine Kugel zusammengeschnürt an den Wanten neben Eurer Hochwürden gefunden hat.«

»Mahadrö? – Barmherziger Gott! und Maria? Wo ist das Schiff? wo ist das Schiff?«

Er warf sich von dem Lager. »Meine Kleider! wo sind meine Kleider?«

»Na, seid nicht närrisch, hochwürdiger Herr!« meinte der Seemann. »Den schwarzen Rock hat das Seewasser verdorben, aber der Kapitän hat Euch einen von den seinen hierher legen lassen durch den Steward, und meinte, der passe ohnehin besser für Euch, und es sei eine Schande, daß ein Mann wie Ihr im Pfaffenrock stecke. Aber ich muß jetzt die Meldung machen, daß Ihr wieder bei Verstande seid, was man so nennt; denn der erste Leutnant hat's im Auftrag des Kapitäns streng befohlen.«

Der alte Seewolf verließ die Kajüte, Henry Norford aber warf hastig die trockenen Kleidungsstücke über, die man ihm hingelegt. Dann eilte er, ohne sich aufzuhalten, auf das Verdeck.

Hier begegnete er Kapitän Oxbridge.

»Henry Norford! Willkommen, alter Schiffskamerad! und Gott sei gedankt, daß ich Ihnen einen solchen Dienst erweisen konnte und nicht zu spät kam.«

Der unglückliche Mann starrte ihn an; dann legte er die Hand an die Stirn. »William Oxbridge, wahrhaftig, ich erkenne Sie! Aber Maria? bei allem, was Ihnen heilig ist, beschwöre ich Sie, wo ist Maria, meine Verlobte, meine Braut?«

»Sir Henry Norford,« sagte ernst der Kapitän, des alten Freundes Hand erfassend, da er genug aus den kurzen, abgebrochenen Mitteilungen des Malayen entnommen, um das Unglück seines Freundes zu begreifen, »Sie waren stets ein Mann, beweisen Sie es auch jetzt. Seien Sie meiner innigsten Teilnahme an dem traurigen Schicksal gewiß, das Sie betroffen. Die Flagge Alt-Englands wird nicht ruhen, bis der schändliche Verbrecher seine Strafe bekommen hat.«

»Maria! wo ist Maria? ich habe ihren Geist gesehen …«

»Das Mädchen ist im Himmel! Bedenken Sie, daß Sie ein Priester Gottes geworden sind, und Ergebung Ihnen geziemt. Wie der Malaye erzählt, hat sie selbst den Tod in den Wellen gesucht.«

Der Unglückliche barg das Gesicht in seine Hände, die ganze Erinnerung kehrte ihm zurück, dicke Tropfen perlten zwischen seinen Fingern hindurch.

»Mahadrö! wo ist Mahadrö?«

»Freund,« sagte der Kapitän, »bevor ich Sie zu dem armen Burschen führe, habe ich Ihnen wichtige Nachrichten aus England mitzuteilen. Ich bringe Briefe für Sie nach Shanghai, welche die Zeitungsberichte bestätigen. Ihr älterer Bruder, Mylord, ist gestorben, und da sein Sohn kurz vorher verunglückt ist, fällt die Pairie auf Sie, und ich habe die Freude, Sie als Lord Drysdale zu begrüßen.«

Norford hatte kaum auf die Worte gehört, noch weniger berührte ihn die wichtige Kunde. »Mahadrö!« wiederholte der Arme, »führen Sie mich zu Mahadrö!«

»Mylord, Ihr Schmerz ist gerecht, aber er wird der Notwendigkeit weichen. Kommen Sie!«

Indem der Kapitän mit einer Bewegung der Hand den Offizieren und Matrosen andeutete, zurückzutreten, führte er den Missionar nach dem Vorderdeck.

Auf einer Matratze lag die verkrümmte Gestalt des Malayen, die gebrochenen Glieder in Schienen und Banden. Neben ihm lagen noch die Instrumente seiner schändlichen Marter.

Der neue Lord warf sich an seiner Seite nieder und faßte die gesunde Hand. »Mahadrö, mein Freund,« stöhnte er mit tiefem Seelenschmerz, »sprich, rede Du! ist es wahr, was ich meiner Erinnerung, meinen Sinnen nicht glauben will? Wo ist Maria, meine Braut!«

»Bei Deinem Gott, Sahib, wohin die Guten und Gerechten gehen, und wo wir sie wiederfinden werden, da auch der arme Malaye ein Christ geworden durch Dich! Himmelsblüte ist im Paradiese, wohin der Rote Hai und die Männer des ›Satan‹ niemals kommen werden!«

»Des Satan! Ja bei Gott, ich will ihn zu seiner Hölle schicken!«

Norford, oder vielmehr Lord Drysdale, war emporgesprungen und faßte wild den Arm des Kommandeurs. »Kapitän Oxbridge,« sagte er heiser, »wenn Sie je mein Kamerad, mein Freund gewesen sind, stellen Sie mich an die Spitze Ihrer Enterer und dann hinan an Bord des Korsaren! Zögern Sie nicht länger! Aber daß kein anderer wage, seine Waffe mit ihm zu kreuzen! ich will ihn haben – mein muß er sein!«

Der Kapitän führte ihn an das Bollwerk und zeigte nach dem fernen Horizont, an dem eben die Sonne in die Flut sank.

»Bei unserer alten Kameradschaft, Henry Norford,« sagte er ernst, »ich wollte die Aussicht auf mein Patent als Postkapitän darum geben, wenn ich Ihnen den Degen in die Hand drücken und sagen könnte: Vorwärts! – Aber die Schurken waren rascher als wir und wissen ihren Vorteil zu benutzen. Wir haben alles gethan, was britischen Seeleuten möglich ist und jeden Fetzen Leinwand aufgesetzt, den die Diomede tragen konnte. Aber dort sehen Sie ihre Oberbramsegel verschwinden, und ehe die Sonne wieder aufgeht, werden sie uns in ihren Schlupfwinkeln zwischen den Inseln verschwunden sein, während ich meiner Ordre folgen und den Kurs nach Norden steuern muß! Vertrauen Sie auf Gott, armer Freund! Seine Hand wird die Bösewichter finden!«

»Ja, Gott! aber nicht der Gott, zu dem ich vergeblich gerungen! Du hast den Gott der Christen gewählt, Mahadrö, der Liebe befiehlt zu den Feinden und Vergebung denen, die uns das Teuerste gemordet und entweiht! Wohl, so wähl' ich den Deinen, der die Rache befiehlt und die Vernichtung der Feinde! Bei dem Gott, der die Unschuld verderben ließ, bei Deinem Allah, der mir das Schwert in die Hand drückt, schwöre ich's, Euch zu rächen, Schatten der Gemordeten und Entweihten! Möge mein Gehirn verdorren unter der Erinnerung, möge der Tropfen Wasser mir zur feurigen Glut werden und das Blut in meinen Adern verbrennen, wenn ich nicht jeden Augenblick meines Daseins, jeden Schilling meiner Habe daran setze, diesen Bösewicht über die Erde zu peitschen, bis ich ihn erreicht habe und ihn mit diesen Händen zermalmen und mit Martern, wie sie noch kein Mensch erdacht haben soll, ihm vergelten kann!« – – – – –


Vier Monate nachher ging von Kalkutta eine Brigg unter Segel, die den Namen »Der Rächer« führte. Sie war ein überaus schnell segelndes Schiff und für eine große Summe angekauft, frisch kalfatert und aufgetakelt, führte sechs Karonaden und zwei lange Neunpfünder an Bord, und war überhaupt mit der minutiösesten Sorgfalt als Kriegsschiff ausgerüstet. Eine Bemannung von sechzig wettergebräunten, erprobten Seeleuten, Männern, die keine Gefahr und keine Furcht kannten, verkündete die Bestimmung des Schiffes, und in der That hatte auch der Eigner der Brigg, der zugleich ihr Kapitän war, von dem Gouverneur von Indien eine Bestallung als Kaper der Regierung erhalten, die ihn ermächtigte, die Piratenschiffe »zu nehmen, zu verbrennen und zu versenken,« wo er sie fände.

Auf dem Hinterdeck stand ein hochgewachsener finsterer Mann mit bleichem, abgezehrtem Gesicht, aber von fester energischer Haltung. Er trug einfache schwarze Kleidung von europäischem Schnitt, nur statt der Mütze oder des Hutes bedeckte ein malayischer Turban von roter Farbe sein dunkles Haar, in das sich bereits viele Silberfäden mischten, obschon der Mann kaum die Dreißig überschritten haben konnte. Er stützte sich auf eine große Lochaber Axt, die berühmte und schreckliche Waffe seiner gälischen Vorfahren, während er mit fester kräftiger Stimme die Befehle erteilte.

Neben ihm am Boden hockte, auf zwei Krücken gestützt, mit denen er sich jedoch sehr behend fortzuschieben verstand, ein Krüppel, dessen Beinen jede Muskelkraft zu fehlen schien, obschon sonst, bis auf das gekrümmte Rückgrat, der Unglückliche noch im kräftigsten Mannesalter zu stehen schien und seine feurigen schwarzen Augen aus dem gelbbraunen Gesicht wie zwei Dolchspitzen leuchteten.

Es war Mahadrö, und der Kapitän auf dem Hinterdeck war Henry Norford, Lord von Drysdale.

Von diesem Augenblick an begann »Der Rächer« mit seiner Besatzung eine eifrige Jagd nach dem Piratenschoner »der Satan« durch das indische und chinesische Meer. Kein Versteck der Inseln blieb undurchsucht, jeder Teil der Küste wurde sorgfältig durchspäht, jedes Schiff wurde um Nachricht über den berüchtigten Korsaren angehalten. Lord Drysdale streute mit voller Hand Gold aus und unterhielt die besten Spione.

Im Laufe eines Jahres war »der Rächer« zweimal dem Piratenschiff begegnet, das ihn auf alle Weise zu vermeiden suchte; denn das Gerücht von dem Schicksal und dem Unternehmen des englischen Pairs hatte sich bald verbreitet und war auch Kapitän Hawthorn zu Ohren gekommen.

Das erste Mal geschah es durch einen glücklichen Zufall, daß der »Rächer« den Schoner in der Nähe der Baschi-Inseln antraf, nachdem er eben wieder ein Kauffahrteischiff geplündert hatte. Die Brigg eröffnete alsbald ihr Feuer, das der Schoner erwiderte, und steuerte gegen ihn, um ihn zu entern. Auf dem Hinterdeck des »Rächers« stand der Lord, die Lochaber Axt in der Hand, auf dem des Schoners der Däne Hawthorn. Wenige Augenblicke noch, und die Schiffe mußten zusammentreffen, als eine volle Lage »des Satan« den Fockmast der Brigg traf und ihn mit dem ganzen zur Lenkung der Brigg nötigen Segelwerk stürzen machte. Die dadurch entstandene Verwirrung und Unbehilflichkeit des Schiffs benutzte der Däne, der sich in Rum den Mut getrunken hatte, seinem Gegner entgegen zu treten, um sofort den Schoner zu wenden und die Flucht zu ergreifen. Ehe der »Rächer« sich von dem Tauwerk befreien und einen Notmast aufrichten konnte, war das Seeräuberschiff vor der kräftigen Brise in weiter Ferne und bald darauf ganz verschwunden.

Lord Drysdale war außer sich darüber, daß ihm sein Opfer durch dies Mißgeschick entgangen war. Einen Monat lang suchte er den »Satan« unablässig zwischen den Inseln, ohne ihn wiederfinden zu können. Nur die neuen Verbrechen, die der »Satan« begangen, gaben Kunde davon, daß er noch existierte.

Aber bald darauf verklang auch diese, und es schien, als sei das Korsarenschiff gänzlich verschwunden.

Da erhielt im letzten Monat des Jahres Lord Drysdale die Nachricht, daß man ein Schiff, ähnlich dem »Satan«, in der Nähe der Ladronen gesehen, und daß es dort einen deutschen Kauffahrer, der von Lima kam, geplündert hätte.

Der Kapitän der »Rache« gönnte seinem ersten Leutnant kaum Zeit, die Brigg mit Wasser und neuen Vorräten zu versehen, als er ihren Lauf nach den Inseln richten ließ.

Am einundzwanzigsten Tage darauf, in der Nacht, hörten die Bewohner von Saypan den Lärm eines Gefechts auf See und sahen einen amerikanischen Schoner, der seit einigen Tagen in einer Bucht ihrer Küste ankerte, in vollen Flammen stehen. Am anderen Morgen hörte man, daß das amerikanische Schiff von einem englischen Fahrzeug überfallen und verbrannt worden sei.

Der Engländer lag noch in der Nähe des bis zum Wasserspiegel niedergebrannten Schiffes und seine Raaen trugen eine schaurige Last. Neunzehn Männer hingen an ihren Nocken, an dreißig waren im Kampf gefallen.

Jetzt erst erfuhr die Bevölkerung, daß das verbrannte Fahrzeug das berüchtigte Raubschiff »der Satan« gewesen war.

Aber der Engländer schien mit diesem furchtbaren Gericht nicht zufrieden; schon am Morgen setzten seine Boote eine starke Abteilung der von der Blutarbeit der Nacht erschöpften Mannschaft ans Land, die an der ganzen Küste eifrig nach etwa ans Land geflüchteten Korsaren forschte. Denn wie es hieß, war das Haupt der Seeräuber, der berüchtigte »Rote Hai«, mit zwei oder drei seiner Gefährten, nachdem er bereits mit dem Kapitän der englischen Brigg im Handgemenge zusammengetroffen und von ihm verwundet worden war, in einem kleinen Boot entkommen, wenigstens wurde er weder unter den Gefangenen, noch unter den Toten gefunden.

Eine ganze Woche lang setzte Lord Drysdale auf das Eifrigste seine Nachforschungen über die ganze Insel und auf den Nachbarinseln fort und bot eine hohe Summe für die Entdeckung der Kosaren und ihres Führers. Er mußte endlich mit der Überzeugung die Anker lichten, daß auf diesen Inseln der verhaßte Feind keine Zufluchtstätte gefunden hätte, und daß, wenn es ihm wirklich gelungen war, zu entwischen, er in dem leichten Boot sich den Gefahren des weiten Oceans anvertraut haben mußte, der zweifelsohne längst sein Grab geworden.

Seit diesen Ereignissen bis zu der unvollständigen Erzählung, die der Pirat davon auf dem Hinterdeck der »Santa Magdalena« gab, indem er dabei fleißig der Grogkanne zusprach, waren zwei Jahre vergangen.

Niemand hatte seitdem wieder von Squale rouge, oder dem »Roten Hai« gehört, bis der Mann, der sich in San Francisco in die Schar des Grafen von Boulbon aufnehmen ließ und ihm zu trotzen wagte, sich selbst diesen Namen gab.

Aber in diesen Gegenden des Erdballs ist der Wechsel blutiger Thaten so groß, die Reihe der Abenteurer, ja der Verbrecher so zahlreich, daß ein Zeitraum von zwei Jahren völlig genügt, dem einzelnen in den Augen der Menge die Verjährung zu sichern, noch dazu, wenn der Schauplatz dieser Verbrechen ein anderer Teil der Welt war. Laufen doch die größten Schurken und Diebe der alten Welt in dem freien Amerika als freie Bürger und oft sehr angesehene Männer umher!

Wenn daher auch die Gesellschaft, die der Erzählung des Piraten beigewohnt, obschon er sie nur gab, als sei er Zeuge dieser Thaten gewesen, wohl überzeugt war, daß er selbst die Hauptrolle gespielt, fiel es doch niemand ein, ihn darüber jetzt noch zur Rechenschaft zu ziehen; der Korsar erreichte vielmehr vollkommen seinen Zweck, sich unter solchen Abenteurern eben durch die Größe seiner Verbrechen in einen gewissen Respekt zu setzen und gefürchtet zu machen, was nach seiner durch den Grafen erlittenen Niederlage geschwunden war.

Nur der wackere Mayordomo sprach unverhohlen seine Meinung aus und bedauerte zum erstenmal, daß ein Engländer nicht seinen Zweck erreicht hatte.

Als er gleich darauf aufstand, um aus der Nähe des ruchlosen Bösewichts fortzukommen, mit dem Master Slong und sein würdiger Freund eine intime Unterhaltung begonnen, und nach dem Vorderschiff ging, war ihm der Chinese, der sich früher schon möglichst an seine Seite hielt, nachgeschlichen und berührte jetzt leise seinen Arm.

»Singh-Bonifacio,« flüsterte er, »Du hast die Geschichte des schlimmen Mannes gehört!«

» Corbioux! das hab ich, und ich wünschte, der Bursche hatte eine vierundzwanzigpfündige Kugel an den Beinen und läge auf dem Meeresgrund!«

»Wenn Singh-Bonifacio nicht den armen Fong-sin verraten will, kann er Dir ein Geheimnis sagen.«

»Nur vorwärts; Du stehst unter meinem Schutz!«

»Der Mann dort ist wirklich der Massa Kapitän vom ›Satan‹ und er ist einer, der nie eine Beleidigung vergiebt, der Sahib General möge sich hüten vor ihm.«

»Woher weißt Du das erstere, Bursche?«

»Fong-sin,« gestand der Chinese stockend, »war sehr jung und sehr arm, als er drei Monate lang auf dem ›Satan‹ Küchenjunge war, bis er davon lief.«

»Gut! ich werde mir die Sache überlegen und mit dem Grafen sprechen, daß der Kerl fortgeschafft wird, sobald wir Guaymas erreicht haben. Bis dahin schweige, um Deiner selbst willen, mein guter Langzopf!«

Der Chinese zog sich zurück, und der alte wackere Avignote schaute noch lange hinaus auf den prächtigen Sternenhimmel und die leuchtende See mit trüben Ahnungen über das Unternehmen, in das sich sein Freund und Gebieter eingelassen hatte. – – – – – – –

Es war am dritten Morgen darauf, als die Expedition des Grafen Raousset Boulbon die Reede von Guaymas erreichte und im Hafen der westlichen Handelsstadt ankerte.

Die ganze Mannschaft stand auf den Decks der beiden Fahrzeuge gedrängt, der Ausschiffung harrend, als plötzlich der Pirat, der sich selbst » Squale rouge« genannt, erbleichte, und eilig im Gedränge verschwand, indem er seine neuen Freunde Hesekiah Slong und John Meredith durch die Luke wieder hinab in den Schiffsraum zog.

Sein Blick war auf eine Erscheinung gerichtet, die eine Wirkung auf ihn übte, als sei eine Kanonenkugel zu seinen Füßen niedergeschlagen.

In das Gedränge der Boote, welche die beiden Schiffe umschwärmten, und durch das die Barke des Grafen sich eben Platz machte, der in großer Uniform mit dem Sennor Don Esteban sich zum Gouverneur der Stadt begab, war die Gigk eines englischen Schiffes geraten, das auf der anderen Seite der Reede lag, und das von diesem kommend nahe am Bord der »Santa Magdalena« vorüber nach der Stadt ruderte.

Im Stern dieses Bootes saßen zwei Personen: ein hoher blasser Mann in dunkler europäischer Kleidung, das Haupt mit einem roten Turban bedeckt, und, neben ihm kauernd, von seinem weißen Linnenmantel verhüllt, ein armer indischer Krüppel.

Die Kanonen des Forts begrüßten mit ihrem Donner die dreifarbige Flagge Mexikos, die am Mast der beiden Schiffe aufgezogen war, während neben ihr stolz das Sternenbanner Amerikas und die weiße Flagge des alten Königtums von Frankreich hinaus flatterte in die Morgenluft.

 


Herrose & Ziemsen, Wittenberg.

 


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