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Californische Nächte.

Seit fast drei Wochen waren die beiden Schiffe der Expedition des Grafen Boulbon unterwegs und hatten bis jetzt eine glückliche Fahrt gehabt. Der Wind war günstig und hatte sie an der Küste der lang gestreckten mächtigen Halbinsel, die man Vieja- oder Baja-California (Alt- oder Nieder-Kalifornien) nennt, entlang getrieben, und indem sie den Wendekreis überschritten und Kap San Lucas und Kap Palmo umschifften, traten sie in das Mar Bermeja, das rote Meer oder die See des Cortez, mit welcher der prächtige Golf von Kalifornien sich öffnet.

Bei dem ruhigen Wasser und dem günstigen Wind waren der Schoner und die Goëlette, die unter dem Kommando des Leutnant Antonio Perez und der Überwachung des treuen Bonifaz einen Teil der Mannschaft trug, und die ihr Kapitän nach der Bai seiner Heimat die »Santa Magdalena« benannt hatte, sich nie außer Sicht gekommen, und der Graf oder wenigstens sein Adjutant, denn diesen Posten hatte er dem ehemaligen preußischen Offizier zugeteilt, besuchten fast täglich vom Bord des größeren Schiffes aus das kleinere Fahrzeug.

Der Tag war heiß gewesen. Eine frische Brise trieb von Osten her und schwellte die Segel der Goëlette, auf deren Verdeck in bunten Gruppen zwischen dem Schiffsvolk sich die Abenteurer gelagert hatten, die jetzt der Entdeckung der Schätze der Inkas entgegen zogen.

Obschon der Graf von vornherein auf strenge Subordination und Gehorsam gegen seine oder die Befehle der von ihm gewählten Offiziere hielt, war das Verhältnis zwischen diesen und der Mannschaft bei deren Charakter und ihrer bunten Zusammensetzung natürlich ein sehr ungezwungenes, und Absonderungen fanden nur da statt, wo gegenseitige Sympathie und Vaterland oder frühere Beschäftigung besondere Kreise zusammengeführt hatten.

Das Hauptvergnügen während des Tages war bei dem Müßiggang der Mannschaft wie in Kalifornien jene rasende Leidenschaft der spanischen Rasse, das Spiel, und, wenn der Abend kam, das Zusammenlagern in Gesellschaften, um der Erzählung eines oder des andern Abenteuers aus dem wildbewegten Leben der einzelnen zu horchen, während der duftige Rauch der Cigarren in leichten Wölkchen sich in die Luft kräuselte und die Kühle des Seewinds die von der Hitze abgespannten Glieder erfrischte.

Eine solche Gesellschaft hatte sich auch an diesem Abend auf dem Hauptdeck in der Nähe der Steuerpinne gesammelt und lag oder saß auf den noch von den Sonnenstrahlen heißen Planken oder auf dem niedern Bollwerk, auf Tauringen und Kisten.

Die Gesellschaft bestand aus dem Schiffer, einem graubärtigen kräftigen Alten mit einer wahren Mahagonifarbe, dem Leutnant Don Antonio Perez, Bonifaz, dem Kreuzträger, dem ehemaligen Perlenfischer von Espiritu Santo, dem schwedischen Walfischfahrer und einigen anderen. Nicht zu dem Kreise gehörig, aber doch in seiner Nähe befand sich das würdige Freundespaar John Meredith und Hesekia Slong, neben denen, ihrem Fingerspiel mürrisch zusehend, den Arm in der Binde, die finstere und unheimliche Gestalt des Korsaren saß. In scheuer Entfernung von ihm hatte sich, hinter dem Mayordomo des Grafen, als suche er hier Schutz, der langzöpfige Chinese niedergekauert.

» Pardioux,« sagte der ehrliche Avignote, »Ihr habt eine verteufelt warme Sonne über Eurem roten Meer, wie Ihr es zu nennen beliebt, Señor Diego, obschon ich nicht weiß, wie Ihr zu dem Namen kommt, da ich noch niemals gehört habe, daß die Juden auch in Amerika durch ein Wasser marschiert wären, wie bei uns, woher wahrscheinlich noch heutzutage ihre Angst davor herrührt. Es muß kein Spaß sein, so rechts und links das Meer sich über dem Kopf hängen zu sehen, bereit in jedem Augenblick, einen vernünftigen Christenmenschen zu begraben, und wäre es nicht des Grafen wegen, ich hätte mich nimmermehr bewegen lassen, einen guten festen Boden mit dem schwankenden, niemals stillhaltenden Wasser zu vertauschen und eine Art Seeratte zu werden.«

»So seid Ihr früher nie zur See gewesen, Señor Don Bonifazio, ehe Ihr unser gesegnetes Amerika betratet?« fragte der Leutnant.

»Nur einmal, und es hätte mich warnen sollen! Es war, als ich mit dem Grafen, der noch sehr jung war, nach Afrika ging, wo er Bugeaud half, diese Hunde von Tunesen verhauen, und wo er seinen ersten Löwen schoß!«

»Ich habe deren dreiundzwanzig getötet,« sagte der alte Jäger und Spurfinder.

»Pumas oder Jaguars, Freund Kreuzträger,« lachte der Avignote. »Das ist, was Ihr hier Löwen und Tiger nennt. Aber ich versichere Euch, Señores, das ist ein Unterschied, wie zwischen einem französischen Dreidecker zu Toulon und dieser elenden Goëlette! Sie erinnern sich alle an Bob?«

» Carrajo! ich denke wohl,« meinte der Leutnant Perez. »Die Bestie hätte mir beinahe einmal im Handumdrehen den Arm abgerissen. Zum Glück kam ich mit dem Verlust eines schönen Ärmels und einigen Fleischritzen davon. Um daran zu denken, Señor Don Bonifazio, was ist aus Bob geworden?«

»Der Graf hat ihn für sechshundert Dollars an einen englischen Schiffskapitän verkauft, der ihn mitnehmen will nach London, um ihn für Geld sehen zu lassen!«

»Ich glaubte, diese Tiger wären Eure Löwen und auf den Prairieen und in den Wäldern von Europa zu Hause?« meinte naiv der Jäger.

»Gott bewahre uns, Freund Kreuzträger,« rief entrüstet der Avignote. » Corbioux! Ihr habt eine gute Vorstellung von Europa und namentlich von Frankreich in Eurem Gehirn, das sonst nicht schlecht ist. Ihr müßt wissen, daß ganz Frankreich nicht anders betrachtet werden kann, denn als eine große Stadt, tausendmal schöner wie Sanct Francisco, das gar nicht den Namen einer Stadt verdient, und selbst wie New-York oder New-Orleans. Nur hin und wieder liegt zwischen den Gassen ein Stückchen Garten oder ein Getreidefeld, ein Weinberg oder ein Wäldchen, in dem man spazieren geht. Aber um auf den Löwen zu kommen, so habe ich Ihnen bloß zu sagen, Señores, daß dieser Tiger Bob ein wirklicher Tiger ist, was Sie hier oder vielmehr drüben auf dem Festland einen Jaguar zu nennen belieben, wie ich deren mehrere in San Francisco gesehen habe, und Sie werden mir zugeben, Señores, daß sich ein solcher Jaguar zu Bob verhält, wie eine Katze etwa wieder zu ihm!«

Der Meister Avignote nahm auf diese Rede einen tüchtigen Schluck Grogk aus dem Glase, das neben ihm stand, während die Amerikaner mit tiefer Kränkung über die Unterordnung ihrer eigenen Bestien die Überlegenheit des asiatischen Tigers zugestehen mußten.

»Und nun, Señores,« fuhr der Haushofmeister nach diesem Siege fort, »was den Löwen, das heißt den wirklichen afrikanischen Löwen betrifft, nicht die Katze, die Sie hier mit dem Titel des Königs der Tiere zu nennen belieben, so kann ich Sie versichern, daß der Löwe in seinem majestätischen Aussehen gerade so weit über dem Tiger Bob steht, wie dieser über Ihren Pumas und Jaguars.«

Der Kreuzträger warf dem Redner einen mißtrauischen Blick zu, begnügte sich aber mit einem leisen Kopfschütteln.

»Ich könnte Ihnen von unserem berühmten Löwenjäger Kapitän Gérard erzählen,« fuhr der Haushofmeister fort, »der ein wahrer Segen für Algerien ist, und ohne den die Regierung das Land gar nicht hätte kolonisieren können. Er geht allein auf die Löwenjagd, die nur von einem ganzen Bataillon von Arabern gewagt wird, aber ich habe ihn selbst zu dem Grafen sagen hören, daß bei dem Anblick des ersten Löwen in der Wildnis auch ihm das Herz so gewaltig geschlagen habe, daß er kaum den Finger an den Drücker seiner Büchse zu bringen vermochte. Nun bedenken Sie, wie es uns zu Mute sein mußte, als wir plötzlich in der Nacht einer solchen Bestie gegenüber standen, ohne eine andere Waffe, als einen schlechten Karabiner und den kurzen Chasseursäbel.«

»Ihr habt also zusammen mit dem Grafen einen solchen Löwen getötet, Señor?« fragte der Kreuzträger.

Der ehemalige Lastträger von Avignon schien anfangs Lust zu haben, die Frage zu überhören, als sie aber von dem Leutnant wiederholt wurde, siegte die Zuneigung und Bewunderung für den Grafen, und er gab der Wahrheit ihr Recht.

»Nein, Señores – die Ehre gebührt Seiner Excellenz allein, der damals, wie ich Ihnen wiederhole, noch ein sehr junger Mann war und der nicht viel über zwanzig Jahre zählte, als er, nachdem er den Löwen getötet hatte, den berühmten Sprung mit seinem Pferde »Sidi Hamed« machte. Die Zeitungen waren damals seines Namens voll, und Louis Philipp sandte ihm das Kreuz der Ehrenlegion!«

»Hört, Señor Don Bonifazio,« sagte der Schiffer – »wenn es schon so lange her ist, so werden wenige an Bord der San Margaretha sein, die von jener Geschichte wissen, wenn sie überhaupt je die Zeitungen in dieses Land getragen haben. Ich möchte Euch demnach Vorschlägen, uns die Geschichte mit dem Sprung und dem Löwen zu erzählen, und ich versichere Euch, daß unter der Gesellschaft sich ein Mitglied befindet, das, wenn Ihr von den Tigern und Löwen des alten Landes berichten könnt, Euch von dem Tiger dieser Meere eine Geschichte zum besten geben kann, die Euch die Haare auf dem Kopf sträuben und Euer Herz eben so erbeben machen wird, wie es der Anblick Eurer Löwen auf dem Lande machen soll.«

» Pardioux!« rief der Avignote, »das soll gelten! Ich lag zwar damals, um aufrichtig zu reden, an einer verdammten Malaria krank im Lazarett von Bona, aber ich kenne die Geschichte, als ob ich selbst dabei gewesen wäre, und wenn auch Señor Conde wenig Worte darüber gemacht hat, die Kameraden haben sie mehr als zwanzigmal erzählt. He, Steward, bring' eine von den großen Flaschen Rum und heize den Kessel zu einem Extragrog!«

Das Verhältnis des Avignoten zu dem Oberbefehlshaber der Expedition war zur Genüge bekannt, so daß jede Weisung von seiner Seite gewiß mehr Willfährigkeit fand, als die der Offiziere. Die mehrere Quart haltende Flasche Jamaika-Rum wurde sofort gebracht und der den Koch spielende Schwarze erhielt mit einigen ermunternden Rippenstößen die Anweisung, so rasch wie möglich seinen Kessel zum Sieden zu bringen.

Der größte Teil der Abenteurer und des Schiffsvolks hatte sich mit jener Kameradschaftlichkeit, welche die Verhältnisse mit sich brachten, auf die Nachricht von einer Extra-Ration Grog auf dem Hinterdeck gesammelt, um sie zu erhaschen.



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