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Die Hausgenossen.

1.

Es war einmal eine Wurst, eine Maus und eine graue Erbse, die wohnten zusammen in einem Hause. Nun waren alle drei von sehr verschiedener Art; denn die Wurst war immer ernsthaft und traurig gestimmt, die Erbse lachte fortwährend, und die Maus war etwas dummdreist und voreilig; aber im ganzen vertrugen sie sich doch recht gut zusammen. In der Woche bekümmerten sie sich wenig umeinander, denn da ging jedes seinen Geschäften nach. Kam aber der Sonntag heran, so machten sie gemeinschaftliche Küche. Sie hatten sich dabei untereinander verabredet, daß, wenn zwei von ihnen an diesem Tage vormittags auf Besuch ausgingen, das dritte jedesmal zu Hause bleiben sollte, um den Sonntagskohl zu kochen; und so hielten sie es denn auch längere Zeit ganz genau nach der bestimmten Ordnung.

Nun traf sich immer, daß der Kohl an den Sonntagen, wo die Wurst ihn gekocht hatte, den beiden andern köstlich schmeckte, absonderlich aber der Maus, wie sie daher eines Tages wieder einmal am Essen waren, da konnte die Maus sich nicht länger halten und sprach:

»Nun sag einmal, liebes Würstchen, wie machst du das eigentlich, daß der Kohl immer so schön schmeckt, wenn du ihn kochst?«

»I, das will ich dir schon sagen, liebe Maus,« antwortete das Würstchen, »das ist gar keine große Hexerei. Sieh' mal, ich mach' es so: wenn er recht im vollen Kochen ist, dann lauf' ich selber ein paarmal durch den Kohl durch, und davon schmeckt er dann so schön.« – Die Maus dachte: »Gut, das will ich mir merken.«

Nun war gerade am nächsten Sonntag die Reihe an ihr, den Kohl ZU kochen, und da wollte sie es denn auch genau ebenso machen, wie sie es von der Wurst gelernt hatte. Aber, ach du liebe Zeit! Beim ersten Durchlaufen durch den heißen Kohl verbrühte sie sich, ertrank und verkochte darin.

Wie nun die Wurst und die Erbse nach Hause kommen und sich zu Tische setzen wollen, da kocht der Kohl im Topfe, daß es nur so brummt, aber wer nicht da ist, das ist unsere Maus. Da suchen und suchen die beiden anderen denn im ganzen Hause herum, aber alles vergebens.

»Wenn der Maus nur kein Unglück passiert ist,« sagte die Wurst und wurde ganz traurig. Aber die leichtsinnige graue Erbse lachte wie immer und sagte: »Ach, hol' sie der Kuckuck! Mich hungert, gib den Topf her!« – Wie sie nun den Kohl auf die Schüssel gegossen haben, was fanden sie da? Da lagen die feinen Knöchelchen und der lange graue Schwanz von der armen Maus auf dem Grunde des Topfes, aber alles Übrige an ihr war ganz verkocht.

Wie das die graue Erbse sah, merkte sie gleich, wie die Sache sich zugetragen hatte, und mußte dabei so erschrecklich über die Dummheit der Maus lachen, daß ihr davon mit einemmal der ganze Rücken aufplatzte. Da mußte sie flink zum Schuster hinlaufen und sich einen Flick aufnähen lassen, und seit der Zeit haben auch alle grauen Erbsen hinten einen schwarzen Flick. Die arme Wurst aber war ganz untröstlich, setzte sich auf die Türschwelle und weinte und schluchzte, daß es zum Erbarmen war.

2.

Wie nun so die Wurst im besten Weinen und Lamentieren ist, kommt gerade ein Hund die Straße dahergelaufen.

»Wurst!« fragte der Hund, »was weinst du?«

»Na, soll ich denn nicht weinen? Maus ist im Kohltopf ersoffen.«

»Ach, das ist ja fürchterlich! Na, dann will ich auch auf der Stelle heulen!«

»Hund, Hund!« rief der Zaun, der dicht daneben stand, »was heulst du denn so?«

»Na, soll ich denn nicht heulen? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint; soll ich denn da nicht heulen?«

»Ach, das ist ja fürchterlich! Na, dann will ich auch gleich umfallen!«

»Zaun, Zaun!« rief der Baum, gegen den der Zaun umfiel, »bist du betrunken? Was fällst du denn um?«

»Na, soll ich denn nicht umfallen? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint, der Hund heult; soll ich denn nicht umfallen?«

»Ach, das ist ja fürchterlich! Na dann will ich auch gleich mein Laub fallen lassen!«

»Baum, Baum!« rief der Brunnen, in den das Laub hineinfiel, »warum läßt du dein Laub fallen?«

»Na, soll ich denn nicht? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint, der Hund, der heult, der Zaun fällt um; soll ich denn nicht mein Laub fallen lassen?«

»Ach, das ist ja fürchterlich! Dann will ich auch gleich all mein Wasser ausspeien!«

Da kommt die Magd und will Wasser schöpfen: »Aber Brunnen! Warum speist du denn all dein Wasser aus?«

»Na, soll ich nicht? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint, der Hund, der heult, der Zaun fällt um, der Baum läßt sein Laub fallen; soll ich denn nicht mein Wasser ausspeien?«

»Ach, dann will ich auch gleich meine Eimer entzwei schlagen.«

Kommt der Herr angefahren: »Magd, bist du unsinnig? Schlägst deine Eimer entzwei?«

»Na, soll ich nicht? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint, der Hund, der heult, der Zaun fällt um, der Baum läßt sein Laub fallen, der Brunnen speit sein Wasser aus; soll ich denn nicht meine Eimer entzwei schlagen?«

»Ach, dann will ich auch gleich meinen Knecht prügeln!«

»Herr, Herr!« schreit der Knecht, »was prügelt Ihr mich denn?«

»Na, soll ich nicht? Maus ist im Kohltopf ersoffen, Würstchen sitzt auf der Schwelle und weint, der Hund, der heult, der Zaun fällt um, der Baum läßt sein Laub fallen, der Brunnen speit sein Wasser aus, die Magd schlägt ihre Eimer entzwei; soll ich denn nicht meinen Knecht prügeln?«

»Na, dann will ich auch in die weite Welt laufen, bis ich umfall'!« sagt der Knecht, und nun läuft er und läuft immerzu und läuft noch jetzt, wenn er nicht schon umgefallen ist.


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