Ernst Rauscher
Die Erzählung des Werksherrn
Ernst Rauscher

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6.

Aber die Zeit war gekommen des heißeren Sommers, die Niemand
Gerne verweilt in der ewigen Stadt. Die Vermöglichen, Reichen
Rüsteten sich, zu entfliehen dem Dunste, um reinere Lüfte
Sei es am Strande der See, sei's fern im Gebirge zu athmen;
Oede, verlassen schon standen die meisten Paläste, es starrten
Viele der prunkenden Villen – darunter die Villa Brandini –
Blind in die Gegend hinaus mit geschlossenen Balken. – Pepina
Mochte zufrieden sich geben, denn wieder wie sonst des Geliebten
Konnte sie nun sich erfreuen, wie ich mich des Freundes. Verzieh'n war,
Was uns entfremdet, und glücklich erneuert das alte Verhältniß.
Würdig beschlossen wir, froh zu begehen das Fest der Versöhnung
Draußen im Freien und Tivoli ward einstimmig zum Schauplatz
Unserer Freude erkoren, zum Ziele des heiteren Ausflugs.

Wenigversprechend erschien, trübselig des Tages Beginn uns,
Als wir zu Dreien im leichten Gefährt durch die weite Campagna
Fuhren des Morgens, vorbei an verfall'nen Castellen und Thürmen,
Geierumkreisten, entgegen der alten, verwitterten Bergstadt.
Aber nun, da wir die Anio-Brücke und Hadrians Villa
Hinter uns lassend, gemach durch die Oelbaumwaldungen aufwärts
Stiegen – es folgt' uns der Wagen – die vielfachgewundene Straße.
Brach durch's Gewölke die Sonne, verwandelnd die Wüste zu Füßen
In paradiesische Auen, dem Strahle der Liebe vergleichbar.
Welcher die Welt uns verklärt, sobald er im Herzen emporzuckt. –
Zwischen dem grauen Gemäuer der Gäßchen des Ortes zum Gasthaus
Schritten mir hin zur Sybilla, und traten sodann aus dem Hofraum
Auf die Terrasse hinaus. O, welch' ein Erstaunliches bot sich
Da für Gesicht und Gehör! Weißschäumend mit Donnergetöse
Strombreit stürzte das Wasser zu Thal durch die Schlucht, wo den Tuffstein
Wildes Gewächse umrankte mit üppigen Schlingen, gebadet
Ewig vom stäubenden Gischt, und geschaukelt vom wehenden Luftzug,
Während mit zierlichen Säulen ein Tempelchen über dem Abgrund
Trutziglich ragte zur Linken – als spottete es der Zerstörung –
In den azurenen Himmel. Gedankenverloren und sprachlos
Sah ich zur Tiefe hinunter, bis Heinrich mit Scherzen mich aufrief
Auch zu gedenken des Magens, und fort mich beim Arme zum Tisch zog,
Den unterdessen Pepina gedecket mit reichlichem Vorrath
Strohumflochtner Flaschen, Geflügel und echtem Risotto,
Welchen sie selber bereitet – gar trefflich verstand sie das Kunststück. –
Also vereinte das Mahl uns auf hoher Terrasse, es kreiste
Rasch die Foglietta mit purpurnem Wein, und in munterster Laune
Bald ausbrachte der Freund, sich erhebend vom Sitze, den Trinkspruch
»All', was wir lieben! Es lebe!« – und laut wie ein brausendes Vivat
Stimmte in's Gläsergeläute des Wassers gewaltiger Chor ein.
Lächelnd, verständnißvoll anblickte das liebende Paar sich;
Aber empfindlich in mir anklang eine Saite, und schmerzlich
Bebte sie fort im Gemüth, als nach aufgehobener Mahlzeit
Wir uns im Grünen vertheilten, Siesta zu halten. Die Beiden
Waren voraus schon gegangen, indessen ich ihrer nicht achtsam
Klomm in den Grotten umher, und weiter am Hügelgelände
Dann hinschlenderte, das auf der anderen Seite der Flußschlucht
Halbringförmig sich zieht. Heiß brannte die Sonne, das nächste
Schattige Plätzchen ersah ich, da streckt' ich mich nieder, die Wange
Stützend bequem auf die Hand – so hielt ich geruhige Umschau.
Endlos dehnte sich rechts die Campagna – aus bläulichem Dunstmeer
Schwarz aufragte zuhinterst die Kuppel St. Peters, vergleichbar
Mächtigem Inselgebirg', vor mir lag felsenbekrönend
Tivoli's Stadt mit den Schaumkatarakten. Gedämpftes Gebrause
Tönte wie Schlummergesang einlullend herüber, die Augen
Fielen gemächlich mir zu, und Gestalten und Bilder, gewaltsam
Lange zurückgedrängt, darstellten sie greifbarlebendig
Nun sich dem innern Gesichte: Im lindenumstandenen Vorhof
Eines behäbigen Schlosses, die Hände gekreuzt auf dem Rücken
Schritt ein gebeugter Mann, schneeweiß die Haare – ein Mädchen
Wandelte ihm zur Seite, das strebte mit holdem Geplauder
– Blaß ach! selber und traurig – den traurigen Greis zu erheitern;
Aber ich stand in der Nähe – mir kamen die Thränen, und eben
Will ich auf sie zugehen und rufen: »Erkennt Ihr mich nicht mehr?
Seht mich nur an, Ihr Geliebten! Hier bin ich ja wieder!« – Vergebens!
Füße und Lippen versagten. Erschrocken aus taumligem Halbschlaf
Fuhr ich empor – da war's mir, als dränge des heimischen Wildbachs
Rauschen melodisch heran: mich beschlich unsägliches Heimweh! –
Schleunig den Dämon zu bannen, ergriff ich die Mappe – sie folgte
Treulich mir überallhin – und begann mit dem Stifte die Landschaft
Auf dem Papier zu entwerfen, im Zeichnen des Bildes gedenkend,
Das ich den Richtern der Kunst jüngst hatte gesendet zur Prüfung.
Wird man es würdig befinden? – so frug ich – ach! Dieses und Jenes
Schien mir zu tadeln daran, und getheilt zwischen Sorge und Hoffnung
Schwankte mein zweifelndes Herz. – So war mir denn schlafend und wachend
Heute nicht Ruhe beschieden! Es litt mich nicht länger. Die Skizze
Flüchtig zu Ende gebracht, aufstand ich vom Boden und schweifte
Unter den Büschen herum, die an sanftabfallender Lehne
Grünten, mit Bäumen vermischt. Wie Einer, der seinen Gedanken
Sich zu entwinden, begierig auf jegliches Steinchen und Pflänzchen
Heftet den Blick und betrachtet mit außergewöhnlichem Antheil,
Was er beachtet sonst kaum, so gänzlich des Ich's mich entäußernd,
Denkmüd' schweift ich einher, träg hob ich die Füße. – Auf einmal
Schlugen mir Laute, bekannte, an's Ohr. Durch die Blätter des Dickichts
Vorwärts lugt' ich, und sieh'! – wo über dem ebenen Grasgrund
Höhergewachsenes Gesträuch zur natürlichen Laube sich wölbte –
Saß Pepina, es ruhte das lockige Haupt des Geliebten
Ihr im Schoße. Schon wollt' ich, der Liebenden zärtliche Zwiesprach'
Nicht zu belauschen, davon still schleichen – da wurde von Heinrichs
Lippen mein Name genannt. Ich, blieb, und verhaltenen Athems
Horchend nach vorne geneigt – ich weiß nicht, welch plötzlicher Argwohn
Mein sich bemächtigt' – vernahm ich die lebhaft gesprochenen Worte:
»Rudolf? – Schatz! das verstehst Du mit nichten!–Ein guter Geselle
Ist er gewiß, ein verläßliches Herz, ein gedieg'ner Charakter,
Fein und gesittet als Mensch; als Künstler dagegen – man sieht es –
Hält er nicht, was er versprochen, und schwerlich zu großer Bedeutung
Wird er es bringen in diesem Berufe, so sehr er sich abplagt,
Hockend bei Tag und bei Nacht, und die Freuden der Jugend versäumend.
Und so verwund'r ich mich nicht, daß sein großes Gemälde vom Ausschuß
Ward nicht geeignet befunden – wenn freilich schon schlechteres Zeug oft
Sich ausstellte zur Schau – doch Du, Pepinetta! versprich mir
Nichts ihm heute zu sagen davon, er erfährt es noch immer
Zeitlich genug, und ich möchte nicht gerne vergällen den Tag ihm! –
Wahrlich! mich dauert der Freund! – Froh bin ich nur Eines: daß ich nicht
Ihn zu der thörichten Flucht aus dem Hause des Vaters verleitet!« –
Was er noch weiter gesprochen darauf, was Pepina erwidert –
Nimmer vernahm ich es, hatt' ich vollauf doch genug am Gehörten!
Wie ein Verbrecher, dem eben verkündigt wurde das Urtheil,
Das ihn zum Tode verdammt, fort wankt' ich, im Tiefsten vernichtet.
Zwar das gekränkte Gefühl, daß von dannen gewiesen mein Bild ward,
Hätt' ich vielleicht noch verwunden, denn halb ja war ich gefaßt d'rauf,
Und schon gewiegteren Künstlern war solches mitunter begegnet;
Aber daß Er, dess' günstige Meinung allein bisher mich
Ueber dem Wasser gehalten, mich auch ließ fallen, ein Lächeln
Schnöden Erbarmens im Blick, und die Hände sich waschend in Unschuld –
Dieses verletzte mich tödtlich und lähmte die strebende Thatkraft
Mir für immer! Das Schlimmste dabei war: ich durfte nicht einmal
Klagend erleichtern das Herz mir, wofern ich mein heimliches Lauschen
Offen nicht wollte gestehen. Als Heinrich daher auf der Rückfahrt
Mich gutmüthig befrug, weßhalb ich so düster und schweigsam –
Kurz ausweichend versetzt ich nur: »Das kommt vom Scirocco« –.

Also an mir auch hatte vom Horcher das übliche Sprichwort
Wieder sich glänzend bewährt. Jetzt mag ich darüber nur scherzen,
Denn manch größeres Leid, einschneidend in's innerste Leben,
Hab' ich bezwungen seitdem; doch der Tag von Tivoli damals
Schien der verzweifelt'ste Tag mir, den je noch ein Sterblicher lebte. –


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