Ernst Rauscher
Die Erzählung des Werksherrn
Ernst Rauscher

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5.

Friedlich zwar hatten wir uns so getrennt; doch ein heimlicher Mißton
Blieb in der Seele zurück, es verbannte die herzliche Eintracht
Aengstlich erkältender Zwang. Nie wurde des letzten Gespräches
Inhalt wieder berührt, wann da oder dort auf Momente
Einmal den Freund ich erhaschte, der häusig beschäftigt, sich auswärts
– Nimmer befragt' ich ihn, wo und in welchen Geschäften – herumtrieb
Seit dem bewußten Besuch. So ward er beinah' mir entfremdet.
Einsam verbracht' ich die Tage, verbrachte die Abende einsam,
Selber dem Kreis fernblieb ich der Tafelgenossen, wo Heinrich
Jetzo nur selten erschien, denn schwer zutraulich an Andre
Schloß ich mich an, und ich fühlte nicht recht mich gemüthlich als Neuling
Unter der Schaar der Erprobten – gab er mir nicht sicheren Rückhalt,
Den tagtäglich zu seh'n mir geredezu Lebensbedingung
Ward, wie das Athmen der Luft – daher ich die jetzige Spannung
Bitter empfand, und allein viel' traurige Stunden verlebte.
Doch Ein Trost war geblieben: mit wachsendem Eifer gefördert
Reifte mein Bild unterdessen dem Rahmen entgegen, und endlich
Stand es vor mir vollendet! »Nun magst Du getrost aus der Werkstatt
Dunklem Verstecke hinaus an das Licht, um, herab von der Saalwand
Gleißend im goldenen Rahmen, mir Ehre zu bringen!« – So sprach ich,
Es mit Vernügen beschauend, im Geist das gelungene Werk an,
Und stolz schmoll mir der Busen, von Vatergefühlen beseligt.
Ach! und ich sehnte mich inn'ger denn je nach dem lieben Gefährten.
War ich doch Freude und Leid, jedwede verborgenste Regung
Ihm zu vertrauen gewohnt im Verlaufe der Jahre, die Zeugen
Unseres Bundes gewesen! Und sollte des schaffenden Künstlers
Lauterstes Glück nicht theilen mit ihm? »Wie lange ist's her schon,
Daß ich mit ihm nicht gesprochen! Noch ist es nicht Abend, versuch' ich's,
Ob ich ihn treffe vielleicht?« Aufmacht'ich mich schnell, durch die Straßen
Schritt ich gehobenen Muthes – mir war es, als müßte mich Jeder,
Den ich begegnet, beneiden – schon tret' ich in's Haus, und zur Wohnung
Steig' ich die Treppe hinan: da erschallt mir von innen ein lebhaft
Sprechen verworren heraus, ein Geräusch, wie von streitenden Stimmen–
Plötzlich verstummt's, – steh'n bleib' ich in Zweifeln – da öffnet die Thür sich.
Und in die Stube mich drängend empfängt mich der Freund mit den Worten:
»Rudolf! Du kommst wie gerufen. O sei so gefällig, und hilf mir
Jene beschwichtigen! Sieh! dort sitzt sie, die lieblichen Augen
Völlig mit Weinen verderbend! Umsonst Vorstellen und Zuspruch!
Ja! je beflissener ich sie beschwöre, so reichlicher strömt es
Ihr von den Wangen herab – und warum? – Ei! weil ich mein Handwerk
Uebe gebührender Weise, und andere Frauen – nicht sie nur –
Mich unterstehe zu malen!«

            »Verräther!« entbrennend in Zornmuth
Jäh vom Kamin sich erhebend, auf den sie die Stirne gelehnt hielt,
Rief nun Pepina, die Thränen sich trocknend – es zuckte den Mund ihr
Spöttisch geschürzt, und hoch aufwogte der Busen: – »Verräther!
Malen? Wer spricht denn davon? Ha! Freilich als prächtiger Vorwand
Dient Euch Künstlern die Kunst, und das Schlechteste soll Euch erlaubt sein!
Oder ist's einzig zu malen vielleicht, daß Du Abend für Abend
Wanderst hinaus nach der Villa Brandini? – Natürlich! im Dunkeln
Malt sich's bekanntlich am besten; doch besser noch küßt es und kost sich's
Unter dem Myrthengesträuch, wann silbern der Freund der Verliebten
Durch das Gezweige nur blickt, der verschwiegene; aber mir hat er
Dennoch das holde Geheimniß verrathen, und Schande und Schmach wär's.
Wollt ich's gefallen mir lassen, obgleich nur ein armes Modellkind!« –
Also die zürnende Maid, und Heinrich: »Da schau', wie das Närrchen
Thöricht sich martert und Märchen erfindet, aus Düften und Mondschein
Luftig zusammengewebt! Nein, Kind! Nur im Reiche der Dichtung
Mag man dergleichen erleben; im Wirklichen geht es so rasch nicht!
Aber gesetzt, es verhielte sich, wie Du's geschildert, so wisse:
Weder Dein funkelnder Blick, noch die drohend gefaltete Stirne
Sollen mich schrecken, auch ferner die Schritte zu lenken, wohin mir's
Eben beliebt. Gern räum' ich das Feld, wo tobende Zanksucht
Waltet und heftiges Wesen!« – Er sprach es gelassen, und grüßend
Wich er von dannen gemach. Nachlief die Erzürnte: »Ja, geh' nur!
Geh' nur, Du bist mir verhaßt!« und bitterlich schluchzend auf's Neue
Sank in den Stuhl sie zurücke, und barg das Gesichtchen.

            »Pepina!«
Jetzt anhub ich zu sprechen, nachdem ich zu Worte gekommen –
Ueber das Ziel weit schießest Du weg, und ergehst Dich in Reden,
Die Du gewißlich bereust, wenn die wallende Hitze verflogen.
Die Dir die Adern entflammt. Wohlwollend – ich weiß es – ist Heinrich
Nach wie vor Dir gewogen« –

            – Und sie: »Das heißt, er gebraucht mich.
So, wie er Trank und Speise gebraucht, wie der Knabe das Spielzeug,
Müßige Stunden damit zu vertändeln. O glaubt mir: die Menschen
Mehr nicht gelten sie ihm, als die bunten Figuren, mit denen
Seine Gemälde er ziert! Staffage sind wir, nichts weiter.
Ihr auch werdet's erfahren, Signor Rudolfo! – Denn wer sich
Falsch in der Liebe gezeigt, hält nimmer die Treu' in der Freundschaft.
Ja! ich verkünd' es voraus: auch Euch betrügt er dereinst noch,
Wie er mich Arme betrogen!«

            – »Und weißt Du es denn mit Bestimmtheit
Daß er Dich schnöde verrieth?« – einfiel ich – »o, Gute! bedenke:
Manches ja wird von den Zungen der Leute geschwätzt und gefabelt,
Und das Genie, viel Neider und Feinde ja findet es immer.
Unrecht thust Du vielleicht ihm dennoch?«

            – Dagegen die Jungfrau:
»Unrecht? – Hat er nicht selber gestanden: es gehe so rasch nicht?
Also muß Etwas doch gehen? Und hat er nicht kühn sich gebrüstet,
Als ich versagt ihm neulich die glühend begehrte Umarmung,
Daß er die Gunst sich erobert der reizendsten Frau, die in Rom lebt? –
Ja, wohl ist sie als diese bekannt; doch gilt ihr Gemahl auch
Für den geschicktesten Fechter, so alt er auch schon und gebrechlich.
Sollt' es geschehen dereinst, daß der Liebste ... o heil'ge Madonna!
Schütze vor bösem Verdacht ihn gnädig und Rache, wenn Meineid
Häßlich sein Herz nicht befleckt! – Doch kommt es zu Tag, daß er schuldig –
Was ich dann thue, ich weiß es – gar tief sind die Wellen des Tibers –
Fahre mit Eins mein Leben dahin, wenn die Liebe dahin ist!« –
Also sprach sie entschlossen, die zierlich geschnittenen Lippen
Fest aneinander gepreßt, und erhob sich zu gehen. Ich folgt' ihr
Ueber die Treppe hinunter zum Thor, allwo wir uns trennten.
Ach! wie sie rasch so entschwebte, die bräunliche Tochter des Südens,
Leicht den geschmeidigen Leib in den rundlichen Hüften bewegend
Bald vom Gewimmel des Volkes verschlungen in dämm'riger Straße,
Dacht' ich gerührt, daß zur Stund' in den nordischen Alpen ein and'res
Mädchen vielleicht nur den thauigen Blumen, den Wellen des Bergstroms,
Oder den Bäumen des Walds stillseufzend sein heimliches Leid klagt. –


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