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Politisches Soziales

1895

Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr abschließen und begrenzen soll, und vergißt, daß gerade das Unbegrenztseinwollen, das über engen Nationalitätsschranken stehen wollen ihre Haupteigentümlichkeit ist.

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Man muß eine Operette wie den ›Rastelbinder‹ von Lehar hören, und zwar in einem jubelnden Theater, – um alle ›modernen Ideen‹ als Sentimentalität zu verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen.

Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer in solch ein Theater führen und nachdem die Zwerchfelle und Tränensäcke nach Schluß des ersten Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll – regieren?

1896

In Arco:

Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern die Luft in Pacht.

1904

Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die Menschen verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tränen rühren können, wie die Steinzäune des Tessin ...

1905

Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen Münze ebenbürtige Geldstück, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als ›unpraktisch‹ abschaffen.

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Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an sich. Menzel sollte eine religiöse Formel für die Preußen werden. Denn was leistet damit der Preuße: Die ganze Vorarbeit des schrankenlosen und höchsten Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von fünf mögen ›preußisch‹ genannt werden. Preußen, wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der Zucht. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er es immer gewesen.

Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern steigern. Es hat es bereits zu sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch; es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle eine zügellose Horde von neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe.

Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier selbständigen Seiten wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer Mißgeburt – oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Höhe der Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmäßigen langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Großartigkeit. Man räume nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.

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(Staat, Stil, Sittlichkeit)

Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.

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Disziplin ist Abkürzung. Deshalb kommt der Norddeutsche schneller mit seiner Arbeit vorwärts als der Süddeutsche, wobei er durchaus nicht der Produktivere zu sein braucht.

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Der Mensch en masse wird erst dann wieder achtbar werden, wenn er sich entschließt, neuen Adel aus sich zu züchten. Die schönsten Dinge auf Erden sind nur durch Adel möglich. Noch mehr: Der wahre Adel ist selbst das schönste Ding der Erde.

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Unsere Art zu richten und zu strafen erscheint mir immer kindlicher. Ein einziger wirklicher Mensch würde das alles über den Haufen werfen. Wieviel ließe sich da individualisieren!

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Es müßte Anekdotenerzähler geben, die durch die Krankenhäuser gingen. Eine gute Anekdote ist ein wahres Lebenselixier. Ich glaube, ein Sterbender müßte noch lächeln, wenn er von dem französischen Landedelmann hörte, der sich nicht genug wundern konnte, als er erfuhr, daß er sein Leben lang Prosa gesprochen hätte.

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Augenblicklich gibt es nur einen Feind des europäischen Friedens: England. Mit ihm ist nicht zu paktieren; darum muß es isoliert werden.

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Eine der schönsten und symptomatischesten russischen Sitten ist die Anrede beim Vornamen. Eine ganze Welt von Zopfigkeit liegt in unserem Herr, Fräulein, gnädige Frau.

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Der Russe hat mehr die Liebe zum Leben, wie es ist, der Deutsche (auch Ibsen, der ja aber deutsch) mehr die zum Leben, wie es sein sollte, könnte, müßte. Der ganze russische Idealismus liegt in dieser ergreifenden Versenkung ins Nächste, der ganze deutsche in diesem unausrottbaren Trachten über den ›Tag‹ und sein Leben hinaus. Ich möchte sagen, der Drang ist hier wie dort derselbe, nur die Richtung ist verschieden.

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Das macht den Deutschen von heute so unbeliebt: Er beruft sich bei jeder Gelegenheit auf seine ›Geistesheroen‹, die doch fast immer nur im Gegensatz zu ihm gelebt haben, und ist dabei genau so auf seinen Vorteil bedacht wie der Nachbar.

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Wir Deutsche haben nicht nur römisches Recht, noch viel mehr römischen Geist im Leibe. Das Haupthindernis für uns, unsere ›Seele‹ zu entdecken, ist, daß wir immer noch zu sehr darauf achten, daß alles, was wir von uns aussagen, auch ins Lateinische übersetzbar sei. Die nachwirkende Macht des römischen Imperiums bricht sich an den Grenzen Rußlands, der ersten rücksichtslos modernen Rasse.

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Die sozialistische Lehre – das Brot der Armen.

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Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen. Und Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber nicht. Wer aber will vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer ein – Schwangerer ist? Man würde den Schwangeren samt dem Faulenzer verurteilen und damit das Beste der Erde: das stille, langsame Reifen neuer Gedanken.

1906

Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft gekommen sein werden, dann fängt das Blut überhaupt erst an, zu fließen.

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Eure Todesstrafe, noch mehr Euer Kriegführen, Ihr Menschen, ist nicht mehr und nicht weniger als – Selbstmord. Ein Volk würde ein anderes Bild bieten, wenn es wirklich ein Volk, eine einzige große Familie wäre. In einer Familie fühlt sich jedes Mitglied für das andere verantwortlich.

Alle für jeden, jeder für alle. Statt dessen lebt man in unsern großen Völkerfamilien nach dem geheimen Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich. Was kümmert den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbürger auf seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert er sich dieses Mitbürgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht werden. Dann ruft er ihn auf ›zum gemeinsamen Vorgehen gegen den gemeinsamen Feind‹. Dann zieht er plötzlich den Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus seinem Dunkel hervor. Und seine plötzliche Begeisterung wirkt ansteckend, – mein Gott, gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen, gleichwohl, – kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das Vergangene! Auf in den fröhlichen Krieg! Schulter an Schulter! Ein Volk, Ein Herz, Ein Schwert ...

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Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe mehr geben. Man wird zwar seine sämtlichen Briefträger dort wiederfinden – denn der Briefträger kommt eo ipso in den Himmel – aber sie werden alle selige Engel und außer Dienst sein und nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage und Nächte.

1907

Alles Jüdische ist vorwiegend destruktiv. Jesus, der größte Jude, ist auch der größte Destruktor der ›Welt‹. Spinoza ist nichts andres und wird darum auch von dem jüngsten jüdischen Destruktor Mauthner in seiner Eigenschaft als Antiteleologe über alle andern Denker erhoben. Mit Mauthner selbst kommt vielleicht die tollste Zerstörung in Gang, die die Geschichte des Geistes bisher erlebt hat. Man halte wider diese dämonischen Revolutionäre den Moralkritiker Nietzsche und man hat den ganzen Gegensatz zweier wie Feuer und Wasser verschiedener Welten. In Nietzsche ist alles ein Schaffen, Bauen, Konstruieren, Befehlen, Bestimmen; der Zweck heiligt ihm alle Mittel, er lebt und stirbt für selbstgeschaffene, irdische, hiesige Ideale. Er will das Furchtbare der menschlichen Existenz durch den Willen adeln, formen, überwinden. Alles in ihm ist Zuchtgedanke. Die Juden sind die Opponenten der Schaffenden, ihre Korrektoren, ihre bösen Gewissen.

Es ist wundervoll, in dieses wahrhaft weltgeschichtliche Dissonieren hineinzuhorchen.

Eine interessante Mischung von beiden ist der Mystiker, ist für mich vor allem Meister Ekkehart. Spinoza war so nahe an der Mystik, wie nur ein jüdischer Denker sein kann, aber er betrat ihr Reich nicht. Er war zu klug dazu, oder, anders ausgedrückt: die Leidenschaft des Schaffenden war nicht so sehr in ihm, wie die Leidenschaft des Erkennenwollenden. Daher auch seine Heiterkeit. Willenspassion und Heiterkeit vertragen sich nur sehr zeitweilig, das wußte auch Schopenhauer. Spinoza sah wie Christus über die ›Welt‹ hinweg. Den Germanen aber ist diese ›Welt‹ doch zu sehr selbst Gegenstand, Kunstmaterial, Entwickelungsstoff, sie wollen nicht so sehr über die Welt hinaus, als in sie hinein. Goethe nahm sich von Spinoza die Freiheit, das gute Gewissen. Spinoza mußte ihm eine Bürgschaft mehr sein, daß dieser verhaßte Wahn von einem außerweltlichen Gott eben nur ein Wahn sei. Und nun mit dieser bestärkten Souveränität in sich ging er hin und wirkte sein Leben mit jedem Atemzuge in das Leben hinein, das er um sich vorfand, befruchtete sich aus ihm und es mit sich und wurde so ›in der Beschränkung‹ der ›Meister‹, als den wir ihn immer wieder erleben.

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Alles öffentliche Leben ist wenig mehr als ein Schauspiel, das der Geist von vorgestern gibt, mit dem Anspruch, der Geist von heute zu sein.

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For the happy fews – sollte das doch aller Weisheit Schlußwort zur Öffentlichkeit sein?

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Für mich begehre ich nicht viel, wenn ich aber Talente sehe, die ein großes Volk in seiner Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Kleinlichkeit verkümmern läßt, dann steigt mir der Zorn auf.

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Ich kann an Polen nicht ohne ein tiefes Unbehagen, ja nicht ohne Grauen denken. Ich möchte lieber selbst ein Pole sein, um glühend an der inneren Wiedergeburt dieses Volkes mitzuarbeiten, als so von außen dem Schauspiel seiner Schmach und Schwäche beiwohnen zu müssen.

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Am Vollblut spürst du sofort, was Adel ist, beim Menschen wirst du's nicht gelten lassen. Wohin käme ein stiller Beobachter, wenn er die gegenwärtigen deutschen Zustände an einigen großen Gedanken Paul de Lagardes messen, nein, nicht nur sie messen: wenn er sich unwillig von allem gegenwärtigen Leben zurückziehen wollte, weil es ihrem erhabenen Ernste so gar nicht entspricht? Dahin, wo er am wenigsten verharren möchte: ins Land der Verbitterung, der Lebensfeindlichkeit, der Verneinung. – Aber eine beständige Trauer, wenn er bedenkt, welche Wege die Entwickelung hätte einschlagen können und welche sie eingeschlagen hat, wird ihn nicht verlassen, und sie und ihre geheime Wirkung wird der Tribut sein, mit dem sich der Geist eines Gesetzgebers wird bescheiden müssen, den die Deutschen nicht verdient haben.

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Organisation ist das große Wort, dem die Zukunft gehört.

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Darf einem die Organisation der römischen Kirche keine Bewunderung einflößen – als eine der wenigen großen Machtgebilde auf Erden, die dauern?

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In der Gesellschaft läuft alles darauf hinaus, daß einer vor dem andern den Hut abnimmt. ›Ich nehme den Hut vor dir ab, damit du den Hut vor mir abnimmst.‹ Ein stillschweigendes Übereinkommen, das den, der klug und ›liebenswürdig‹ in seinem Sinne handelt, in der ›allgemeinen Achtung‹ außerordentliche Grade erreichen läßt.

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Du erklärst, du fühlst nicht sozial, du verachtest deine Mitmenschen fast mehr als daß du sie liebst. Gut. Ich verlange weder soziales Gefühl von dir, noch Verehrung des ›Nächsten‹. Aber wenn du neben dir einen Hund verhungern siehst, so wirst du ihm von deinem Essen mitteilen, das versteht sich von selbst. Nun, ich verlange nur, daß du mit einem Mitmenschen fühlst wie mit einem Hunde, nämlich: Im Fall der äußersten Not: solidarisch.

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In New York haben sich die Kellner ein Klubhaus gebaut. Man sollte sie auch bei uns dazu ermuntern und ihnen von jetzt ab kein Trinkgeld mehr (welch überlebte Bezeichnung), sondern nur noch Klubgeld geben.

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Ein durch und durch kultivierter Kellner ist ein Kunstwerk, das nicht nur in Wien seine Lobredner haben sollte. Er hat etwas von einem Philosophen, von einem Arzt, einem Soldaten. Ganz anders, wie der Friseur etwa, der den Komödianten nie ganz los wird, oder die Kellnerin, die doch eben immer ein Weib bleibt, das heißt ein Geschöpf, von dem vollkommene Sachlichkeit weder verlangt werden darf noch will. In der großen Universität der täglichen Angelegenheiten, an der ich mir, als an einem Parallelinstitut der ehrwürdigen Alma Mater, das halbe moderne Leben neu erzogen denke, sollte der Lehrstuhl für die Wissenschaft von den Pflichten und Rechten des Kellners besonders sorgfältig besetzt werden. Wann übrigens wird diese Universität, nach der unser ganzes Leben von heute ruft, und zu der bereits unzählige Ansätze vorhanden sind, ins Leben treten?

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Es ist ganz gewiß, daß die Menschen erst anfangen werden, im Geist zu leben. Hat erst die demokratische Bewegung das Ihre getan und neue Intelligenzen und Energien heraufgebracht, so wird es nicht bei der Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit der heutigen Geschäfte bleiben. Die Phantasie wird ihr großes Zeitalter antreten, Organisationen werden entstehen, an die heut nur die Reichsten auch nur zu denken wagen, und werden sich halten: weil die Lust des Gehorchens um wichtiger Ziele willen dann stärker geworden sein wird, als die Lust, die heute regiert, die Lust zur größtmöglichen Behaglichkeit, im sozialistischen, wie im bourgeoisen Sinne. Weil man dann wieder jene höhere Art des Genießens, des Lebensgenusses verstehen wird, die unter Napoleon zuletzt halb Europa erfüllte, und in deren Bann unzähliges Volk allen Schlages und Ranges wieder einmal bewies, daß es noch ein ganz anderes Glück bedeuten kann, mit einem ›vive l'empereur‹ auf den Lippen zu sterben, als mit einem ›ni Dieu ni Maitre‹ zu leben.

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Manche Leute müssen über ihre Dummheit durchaus öffentlich quittieren.

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Einen Krieg beginnen, heißt nichts weiter, als einen Knoten zerhauen, statt ihn auflösen.

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Man kann ein halbes Leben lang den Krieg verwerfen – bis man eines Tages erkennt: nein, der Krieg gehört vielleicht noch immer unter die tragischen Selbstzuchtmittel der Menschheit. Und furchtbarer als der Krieg bleibt, daß selbst dieses schreckliche Mittel dem Menschen nicht mehr nützt, als es geschieht; daß es ihn wohl tüchtig erhalten mag, im gegebenen Augenblick in den Tod zu gehen, aber daß es ihn nicht tüchtiger dazu macht, in sich zu gehen und damit in den Tod seines bisherigen Lebens.

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Lehrer-Komödie: Die Armut der Lehrer, während die Staaten Unsummen für die Wehrmacht hinauswerfen. Da sie nur Lehrer für 600 Mark sich leisten können, bleiben die Völker so dumm, daß sie sich Kriege für 60 Milliarden leisten müssen.

1908

Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung, inwieweit Asien entscheidend war.

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Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.

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Jede ernsthafte ›Bewegung‹ ist tüchtig, aber Tüchtigkeit ist vielleicht das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.

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Ein gewandter Dieb ist ein – teures Kunstwerk.

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Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt, wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist nicht nur Einzelpersönlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie die Volkspersönlichkeit zugleich wohl wieder in einer höheren Einheit aufgeht, usf.

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Der moderne Jude – als Denker – wird selten glauben, das heißt ahnend ergreifen können. Aller Gottesgedanke könnte nämlich, so fürchtet er, doch am Ende nur die feinste Blüte einer großen – Dummheit sein. Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber auch nur auszusetzen, dünkt seiner mißtrauisch gewordenen Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den Mut durch das Anonyme hindurch zu stürmen, er ist eben überall kein Krieger, er möchte gern um es herum. Aber man muß mitten in den Nebel hinein, das ist es. Und: Gott läßt sich (so wenig wie Goethe) – Brillen gefallen. Und: ohne ein gewisses Maß von Blindheit ward noch nie ein Seher.

1909

Damit, daß der Jude sich immer geistig überlegen dünkt, kommt er nie zu überlegener Geistigkeit.

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Ich glaube nicht, daß ein andrer Mensch meiner Zeit so am Juden gelitten hat wie ich, und zugleich so viel von ihm hält. Dies mag mir ein Recht geben, an sein Problem zu rühren.

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Oh, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als solche uns ergriffen haben wird, der große amor nostro, dann wird es auch keine Kriege mehr geben, dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode überflüssig machen! Denn freilich: das bittere Zuchtmittel des Krieges durch philanthropische Mahnungen nur einfach abschaffen zu wollen, geht nicht an. Zuerst muß der Geist der Völker den neuen Aufgaben, den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein, zuerst muß ihn der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer anfallen, ehe er den alten furor bellicus entlassen darf, ehe er von sich sagen darf: ich habe den Krieg wahrhaft – überwunden.

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Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter schmähen heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung.

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An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf einen Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich mit Bergen, Tälern, Dörfern und Städten. Und dann sich vorstellen, wie dieser eine kleine Korporal in die Breite solchen Lebens mit seiner einen kleinen Faust gegriffen, wie er, gleich dem Monde das Meer, all dies schwerfällige, schwerflüssige Leben übermächtig zu sich emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen natürlichen Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand.

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Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es gibt nur etwa 100 Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen, und sie sind immer und überall. Und oftmals rede ich einen Menschen an, aber es ist nur der mir vertraute Typus, nicht das bekannte Individuum selber.

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So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom jüngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten Filet-Beefsteak.

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Die ›bessere‹ Gesellschaft ist die eigentlich und im tiefsten Sinne unwissende und ungebildete.

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Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen Herzog sein möchte, ist der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermögen nach nicht sein kann, nicht ist. Nicht nur einmal – zehnmal Absolutismus – und nicht Parlamentarismus, wenn ein wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.

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Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurückkehren. Laßt erst einmal Einen Geist über die Völker kommen, und sie werden nicht mehr begehren, als sich in ihren geborenen Führern auch sichtbarlich zu gipfeln.

1910

Der Deutsche ist imstande, um eines Hiatus willen eine Wahrheit nicht zu sagen oder sie minder schlagend zu sagen.

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Wir Deutsche leiden alle an der Hypochondrie der ›Verpflichtungen‹. Sie macht unsere Stärke und unsere Schwäche.

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Die Zeitung ist das Hauptspielzeug des europäischen Negers. Um die Zeitung verkauft er dem schlauen Händler Ahriman mindestens das eine Horn seiner Weisheit.

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Jede Zeit schweigt zunächst das Größte tot, das in ihrem Schoße ruht; geht dies nicht länger an, so verleumdet sie es, verzerrt es und sucht es auf alle Weise zu vernichten.

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Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst vollkommene déluge après nous.

1911

Man mag in den Rüstungen eins nicht übersehen: Das Züchtungsmoment. Ist der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird er hier wenigstens noch auf eine Spanne durchs Feuer der Disziplin geschickt. Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße gewesen, der – könnte jemand zu sagen versucht sein – wird so leicht nicht wieder verlottern, post mortem prussianam suam (in seinem späteren Erdenleben).

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Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern er sieht dann nur noch das ›rote Tuch‹ in dem Etwas. Nie wird gegen ›etwas‹ vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und wenn zwei Völker gegen einander ziehen, so stürzt ein jedes bloß gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein andres Volk sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam gemacht würde, so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild werden und einander anrennen.

1912

Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu wenig mit Politik beschäftige. Er soll Partei nehmen; und wer da nicht ›wählt‹, wird leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt er wirklich nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, daß die höchsten Geister, die sie als Führer verehren und wählen, im Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im Parlament der Menschheit sitzen?

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Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der Wahlurne.

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An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes arbeiten, das heißt es lieben, das allein heißt mehr und anderes, als seinen unaufhaltsamen – Verfall wollen und mitbewirken.

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Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht. Das will nicht sagen, man glaubt, es könne anders sein, ja nicht einmal immer: es soll anders sein, als es ist. Geschichtliche Entwickelungen müssen ihren Gang gehen und ihre Zeit haben, und wer es da z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält, soviel Kriegsmaterial zu Land, Luft und Wasser, wie gegenwärtig des Losbruches harrt, könne dem Versucher eines Tages in den Hals zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die Rechte Gottes arbeitet. Er wird mit seinem frommen Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch und Glaube des Frommen, daß die Menschheit eine Gemeinde des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie gebrochen werden kann und die im himmlischen Jerusalem, wie es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht also um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen Wahlzettel des großen Meisters Namen schreibt. Sondern um Zeugnisablegung inmitten einer Welt in gewissem Sinne der Welt sich Entfremdenden, Welt-Fremder.

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Eine Artisten-Elegantine und ein aristokratischer Spätling ereiferten sich unter anderem über die ›Extravaganzen‹ der Heilsarmee. Sie hatten noch immer nicht begriffen, daß mit Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas zu schaffen vermag und gewillt ist, und daß es unter Umständen mehr bedeuten kann, der ›dumme August‹ in der Manege als der Baron in der Loge zu sein.

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Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche, denen wir, wenn irgend möglich, noch mehr und besser dienen sollen, als sie uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine Seele noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr innerlich dienen kann und darf. Sie muß noch grobe Arbeit verrichten und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der Verschiedenheit aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit – auch an ihnen – verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln, wie uns nur immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen wir dabei ebenso verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten haben, sie unseren Erziehungswillen allzusehr merken oder gar spüren zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der unsterblichen Individualität, die in ihnen verborgen, verlieren und nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, wird vieles Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.


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