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Drittes Kapitel

Indessen wuchs das Kind und dies war die Geschichte seines Wachstums.

Vom grünen Tümpel bergwärts war die Hatz gegangen, damals im Juni, hinauf zum Moosfleck zwischen den verstrickten Latschen. Dort hatte sich das Menschenpaar umschlungen, purpurnes Dunkel rings und Tod und Leben eins, das Feuer und das Wasser eins, die Zweiheit eins, und plötzlich hatte sich's ergossen, tief, tief, zum Leben hin. Dann hatte einer der zweihundert Millionen Samenfäden seinen Weg gefunden, der Sieger. In ungeheurem Tanze wirbelte die totgeweihte Masse der Samenfäden durcheinander, Millionen starben in den toten Klüften und in den toten Buchten ihrer neuen Welt, Millionen drangen vor und wurden kurz vorm Ziel im Schleim erstickt, der eine aber fand den Weg zum wartenden Ei. Er tanzte trunken um das Ei herum und bohrte sich schließlich ein. Tief drang er in das Ei und wurde eins mit ihm.

Da zog die Dottermasse sich zusammen und bildete eine feine Spannung an ihrer kugeligen Oberfläche. Das war die Dotterhaut. Das war die Schutzmembran. Das war die große Mauer, die das keimende Leben um sich selber schloß, damit kein andrer Samenfaden mehr sich nahen konnte, damit der weibliche Dotterkern sich mit dem männlichen Dotterkern vermischen konnte, ungestört. Die Mischung gab den lebenden Dotterkern, das Eins aus Zwei, die Frucht, das Embryo.

Und wie an jenem Tag die Sterne standen, die Winde wehten, die Elefanten durch das Dschungel trampelten und in den städternen Städten die Maschinen tobten, so war an jenem Tage das Bild der Welt geartet. Und wie an jenem Tag das Bild der Welt geartet war, so war an jenem Tage das Menschenpaar geartet, das auf dem Moosfleck überm grünen Tümpel sich vereinte. Und wie an jenem Tag das Menschenpaar geartet war, so war an jenem Tag sein Eikern und Samenkern geartet. So wurde der lebendige Dotterkern an jenem Tag Welt-Erde-Vater-Mutter und Er-Selbst in eins.

Jetzt wuchs das Ei. Es furchte sich und teilte sich. Es strebte wieder auseinander. Es bildete Furchungskugeln und es bildete viele Einzelkerne. An jenen Einzelkern gab es die Zweiheit ab, den Vater und die Mutter, und bildete eine Hülle, die das Ganze wieder schloß. Es lagerte seine Einzelkerne und vernietete sie zu keimenden Blättern und zu neuen Schutzmembranen. Es trieb an seiner kugeligen Oberfläche Zotten, damit es haften und bestehen konnte. Dann nistete sich's tief im mütterlichen Boden ein.

Es schmolz die mütterliche Schleimhaut auf und senkte sich am günstigsten Platz in das Gewebe. Es trieb durch seine Zotten Blutgefäße vor und schloß sich an den mütterlichen Kreislauf an. Es bildete Säcke, die seinen Unrat bergen mußten, den Abfall seines Wachstums. Jetzt konnte es sich formen, inmitten seiner Hüllen, Zotten, Blutkanäle, Wasserstraßen, Unratblasen, Dottersäcke, Vorratskammern.

Es wuchs und zwang auch seinen Mutterboden, mitzuwachsen. Es schaffte sich Raum mit unerbittlicher Gewalt. Die Lebenskraft war sein, jetzt brauchte es Raum. Es lockerte auf, was aufzulockern war. Es drängte weg, was wegzudrängen war. Sogar die Riesenbeckenknochen seiner Riesenmutter trieb es auseinander. Es schaffte sich Raum und breitete sich aus, schonungslos. Und alle Säfte, die es brauchte, sog es in sich ein.

Jetzt ging sein eigener Pulsschlag schon, die Säfte dieser Erde in sich einzusaugen. Es pumpte Tag und Nacht am großen Mutterquell. Es trieb das Mutterblut durch sich hindurch und schied die guten und die schlechten Säfte. Die süßen Säfte nahm es in sein Wachstum auf, die giftigen Säfte pumpte es zurück, ins Mutterherz zurück und in die eigenen Kloaken. Jetzt war's an seinem Platz, inmitten aller Dinge eingesenkt, an alle Säfte seiner Erde angeschlossen, umhüllt von seinen eigenen und von allen mütterlichen Hüllen, jetzt konnte es reifen zu dem eigenen Sinn.

 

Jetzt träumte es ihm. Der Weltgeist träumte in dem Embryo seine Träume. Den Sonnentraum, den Wassertraum, den steinernen Traum, den Pflanzentraum, den Tiertraum und den Menschentraum. Aus allen Dingen, die der Weltgeist schuf, war auch sein embryonaler Traum geschaffen, und alle seine embryonalen Träume, die schuf er auch in Wirklichkeit. So träumte der Weltgeist in dem Embryo von sich selbst.

Zuerst gehörte noch sein Schleim dem Nichts an. Dann stieg die Welt der schwarzen Zwischendämpfe aus dem Nichts und zischte ein Zischen, das laut war wie das All und still wie's Nichts. Das war die Zwischenwelt, das Zwischenzischen. Jetzt hob es sich im schwarzen Zwischendampf empor und eine Helle kam. Jetzt wurde es immer heller, jetzt waren feurige Gase da, jetzt war das Zischen wie ein schriller Ton. Jetzt wirbelten die Feuergase auf und nieder, der schrille Ton schwoll an und ab, jetzt stand die Welt im Feuer. Das war die Sonne, das Embryo träumte seinen Sonnentraum, die Sonne war geschaffen. Die Feuergase waren Sonnengase, und was es hörte, war der Sonnenton.

Jetzt bildeten sich aus den Gasen Kugeln, Feuerkugeln. Die schmolzen ein und schmolzen wieder aus, durchdrangen sich und wälzten sich zu Haufen, verschluckten sich und spien sich wieder aus, umrutschten sich, umtanzten sich, verknoteten sich, ganz kleine Kugeln, mittlere Kugeln, Riesenkugeln, zuweilen alle Eins in einem einzigen Feuerball, zuweilen auseinanderstiebend bis ins Nichts der Zwischenwelt zurück, dann wieder aufeinander zu und ineinander ein.

Da bildete sich im wirren Spiel ein Wirbel aus, der schleuderte die Feuerkugeln. Er schleuderte sie im Kreis, in einer runden Bahn. Er schleuderte die kleinen und die mittleren und die Riesenkugeln und in dem Embryo kreiste es und kreiste es. Es kreiste und es kreiste und es kreiste. Die kreisenden Feuerkugeln nahmen Farben an, Gelb, Grün, Rot, Blau, und alle andern Feuerfarben. Der Sonnenton verhallte und zog ein.

Jetzt hatte sich ein Teil des feurigen Gases verdichtet, jetzt war auf einmal Wasser da. Es dampfte und es näßte und es tropfte. Es floß, es strömte, es schneite, es fror. Das helle Rauschen, was das Embryo hörte, war Wasser, und was es klirren hörte, war Eis. Da fröstelte das Embryo, es rollte sich ein, es träumte seinen Wassertraum.

Jetzt schwamm es eingerollt dahin. Kristallklar war die Wasserwelt und gluckste sanft. Es gab ein Oben und ein Unten und ein Sinken. Da sank es nieder, sank und sank und sank. Es sank zuerst durch stille Wasserräume, in denen nichts war wie Es-Selbst. Dann sank es zwischen dichten Wasserbalken nieder, da ging sein Weg am strömenden Eis vorbei. Dann sank es ganz tief und fand Grund.

Es trieb am Grund entlang, ein Stückchen treibenden Schleims in sanftem Gleiten, und wallte hin und her. Wo sich das Wasser und der Grund vermischte, gab es Erstarrung, gab es einen Bann, das war der Wasserbann, das waren die Kristalle. Wo die Kristalle auseinanderfielen, da lagen Steine und Metalle auf dem wallenden Grund. Und wo die Steine und Metalle in der ewigen Strömung sich zerbröckelten, war plötzlich ein Geruch da in der Welt des Embryos. Das war aus dem zerbröckelten Gestein die Erde, und der Geruch war Erdgeruch.

Jetzt ging die Helle und das Glucksen fort, jetzt war nur noch Geruch da, Erdgeruch. Jetzt folgte es dem Geruch und sank im Boden ein und ward umschlossen von der feuchten Erde. Jetzt hatte es seinen steinernen Traum geträumt und ruhte in der feuchten Erde.

Jetzt war es eine Zeitlang still, so still und schwarz und tot, wie in der Zwischenwelt. Da spürte es plötzlich Heimweh nach den Träumen, die es ausgeträumt, nach seinem steinernen Traum und Wassertraum und Sonnentraum, und drängte wieder nach den alten Welten, aus denen es entlassen war, zurück. Da sproß es aus der Erde wieder hoch. Jedoch die Wurzel blieb und nur der Schaft trieb hoch. Wie sich das Embryo auch zerdehnte und verästelte, es blieb verhaftet in dem Wurzelwerk.

Da trieb es Blüten, um den alten Sonnentraum in sich hineinzusaugen. Und trieb aus seinen Wurzeln Wurzelfasern, die schlangen sich um das Gestein aus seinem steinernen Traum und sogen Wasser in sich aus der alten Wasserwelt. So träumte jetzt das Embryo seinen Pflanzentraum.

Wo einst die Wasserräume lagerten, da wehte jetzt ein Wind. Das Embryo ließ sich wehn im Wind und wehte hin und her. Es war ein linder Wind und, was er streifte, hallte in sanften Klängen wider. Doch manchmal wehte zorniger der Wind und seine Klänge schwollen an zum Sturm. Und einmal riß der Sturm am Embryo, daß es sich stöhnend spaltete, da wurden Teile von ihm fortgeweht. Verweht, verweht, vom Wurzelwerk verweht. Da spürten seine fortgewehten Teile Sehnsucht zum Wurzelwerk zurück, zum Pflanzentraum zurück. Da spürte es einen Trieb in sich, zurückzufinden. Da rührte es sich voll Heimweh.

Noch spürte seine große Mutter dieses Rühren nicht. Sie spürte nur, daß tief in ihrem Leib ein neuer Wille war. Sie stand auf dem Kartoffelacker still und schaute vor sich hin. Die Minni-Minni kam und rieb den Hals an ihrem kotigen Schuh. Sie hob sie an der Nackenschwarte hoch und kratzte sie im Kreuz, dann setzte sie sie wieder ab. Sie hockte sich zu einer kurzen Rast ins Kraut und horchte. Sie hörte nichts, die Glonn lag still, der Abend kam, nichts war zu hören. Nur aus der Minni-Minni, die auf ihren Schoß geklettert war, drang leises Schnurren.

Jetzt spürten die verwehten Pollen Sehnsucht, zu ihrem Pflanzentraum zurückzufinden. Wenn auch der Wind das Embryo wehte, wohin er's wehen wollte, zuweilen kam es doch dagegen an. Dann haftete es und sog sich fest. Jedoch es wurde wieder aufgehoben und verweht. Im Wasser haftete es mit seiner ganzen Kraft am Grund, sich festzusaugen, jedoch die Strömung riß es wieder in die große Flut zurück und schwemmte es dahin.

Wenn es mit einem andern Pollentier aus seinem Pflanzentraum zusammentraf, gleich ihm verweht im Wind, gleich ihm verschwemmt im Wasser, gleich ihm ein Stück der großen Mutterpflanze, dann sog es sich dran fest. Dann spürten sie zusammen die Erinnerung an das verlorne Paradies, ans alte Wurzelwerk, an ihren ausgeträumten Pflanzentraum, an die Gemeinsamkeit, aus der sie beide stammten. Jedoch es trieb sie wieder auseinander, hierhin, dorthin, der Wind, die Flut, verweht, verschwemmt.

Jetzt aber glitt es nicht mehr wie ein Stückchen Schleim am Wassergrund dahin, jetzt zappelte es mit einem kleinen Schwänzchen. Die Sehnsucht nach den andern Teilen seiner Mutterpflanze, die hatte ihm am Rücken ein kleines Schwänzchen vorgetrieben. Jetzt ruderte es und steuerte es mit seinem neuen Schwänzchen und war ein Fisch geworden. Es war der Tiertraum, in den der Weltgeist jetzt im Embryo hinüberglitt.

Jetzt schwand allmählich die Erinnerung an den Pflanzentraum. Es war ein eigenes Ich und spürte Lust an seinem eigenen Ich. Die Lust zu haften, sich zu halten. Dann wieder fortgeflutet und verweht zu werden. Dann wieder einen neuen Halt zu finden, zu haften und zu saugen. Zu saugen an den andern Teilen der zerspalteten Pflanzenwelt. Um schließlich wieder abgeschwemmt zu werden.

Es ruderte und kroch und krabbelte. Es bildete die ersten Knorpeln, zum stärkeren Haften und zum festeren Saugen. Am Steißbeinknorpel seines Schwänzchens trieben sich zwei kleine Flossen vor, am Rückenknorpel bildeten sich zwei andere Flossen, Schulterflossen. Mit Hilfe dieser vier geschweiften Flossen und seines Schwänzchens zog es jetzt dahin.

Jetzt sog es nicht nur am Geschwisterzeug der Mutterpflanze, jetzt sog es alles in sich ein, was ihm begegnete. Aus seinem steinernen Traum sog es die salzigen Kristalle in sich zurück, aus seinem Wassertraum das Wasser und das Wassergas, aus seinem Sonnentraum die Sonnenstrahlen. Das gab ein mächtiges Wachstum, und es bildeten sich Schläuche in seinem Leib, um das Gesaugte zu bewahren. Die Schläuche füllten sich und bildeten Nebenschläuche, um nicht zu platzen. Da ward sein ganzer Leib allmählich voll von Säcken und von Höhlen, um das Gesaugte aus den Welten seiner ausgeträumten Träume aufzustapeln. Und bildete sich Filter, um das Material zu sondern, und Drüsen, um es aufzulösen und zu spalten, und eine Öffnung, um das Verbrauchte, Tote wieder auszustoßen. Da hatte es Lebern, Lungen, Nieren, Därme und war ein mächtiges Tier.

Jetzt aber waren ringsum auch die andern Teile seiner Mutterpflanze, die Schwestern und die Brüder in der Flut und in der Luft, zu mächtigen Tieren ausgereift. Und jedes einzelne Tier versuchte, die Dinge und die Wesen aller seiner ausgeträumten Träume in sich hineinzusaugen, damit es wieder eins mit allen seinen abgesprengten Teilen werde. Was eingesogen werden konnte, wurde eingesaugt. Was sich nicht saugen und nicht trinken ließ, das wurde beim Verschlucken aufgespalten und zertrümmert. Was sich nicht ganz und gar zerspalten ließ, das wurde wieder ausgepreßt. Was von der gleichen Art und Größe war, umschlang sich sehnsuchtsvoll, um wieder eins zu sein. Und was gefährlich war und an dem Embryo selber saugen wollte, das wurde abgewehrt, getäuscht, geflohn.

Als Fisch durchs Wasser, kristallklar war die Flut und gluckste sanft, und zwischen den Wellen aus dem eigenen Wassertraum laichte es.

Als Vogel durch die Luft, die Strahlen aus dem eigenen Sonnentraum wärmten es, und zwischen Moosen aus dem eigenen Pflanzentraum brütete es.

Als Minni-Minni durch das Dickicht, vom Tümpel her kam modriger Geruch, das war Geruch aus seinem eigenen steinernen und erdenen Traum, und wenn es lauerte, das kleine Pelztier anzuspringen und sein Blut zu saugen, dann lauerte es auf ein Teil von seinem eigenen ausgeträumten Tiertraum.

So glitt es jetzt durch viele bunte Einzelträume, doch jeder ausgeträumte Traum ließ eine Spur in ihm zurück und einen Trieb, sich wieder daran festzusaugen, um wieder eins mit ihm zu sein.

Sein Kopf hatte sich vom Rumpf abgesetzt. Die Haut am Kopf trieb Blasen: Augen, Ohren, Münder, Nasen. Die Flossenknorpel waren dreigeteilt. Die Knorpel wurden Knochen. Jetzt stand sein Wachstum in den Schläuchen und den Flossen allmählich still, und nur sein Kopfteil wuchs. Bald war sein Kopf so groß wie alle seine andern Teile. Jetzt trieb es alles Mutterblut durch seinen Kopf, und was es träumte, träumte es jetzt in seinem Kopf.

Es träumte, daß es durch ein Dickicht schlich, im Mondschein. Es schlich, um einzusaugen und sich zu vermischen. Es schlich, um wieder eins mit allen seinen ausgeträumten Träumen zu sein. Aus seinem Schlund stieg hie und da ein heiseres Bellen hoch, das Bellen nach den abgespaltenen Teilen seines Ichs. Wenn es sich mischen wollte, bellte es anders wie zum Saugen. Zum Mond hin bellte es das Bellen aus dem Traum der feurigen Gase, und wenn ihm dürstete, bellte es sein Wasserbellen. Die andern Tiere, die gleich ihm sich mischen wollten, und saugen-fressen-trinken wollten, die bellten auch ihr Bellen. Ein großes Bellen ging durch seinen Traum, es gab gefährliches Bellen und gab Liebesbellen, es gab das Hungerbellen, Mondscheinbellen, Todesbellen. Das Bellen ringsum wies ihm seinen Weg. Dem feindlichen Bellen wich es aus, dem freundlichen Bellen folgte es. Bald war's ein schreckliches Bellen, fremd und grauenvoll, bald war's ein Bellen gleich dem eigenen Bellen, dann konnte es das Bellen deuten und verstehn. Erst war es nur ein monotones Zwischenbellen, dann setzte sich das Bellen ab und wurde wie ein Ruf. Und aus dem Rufen formte sich ein Wort. Und mit dem ersten Wort sank langsam auch der Tiertraum zu den ausgeträumten Träumen des Embryos: es glitt in seinen Menschentraum.

Das Bellen ringsum aus den andern tierischen Kehlen war jetzt zu einem schrillen Lärmen angeschwollen, zu einem einzigen schrillen Ton zuletzt, hell wie der Sonnenton des Sonnentraums. Da hatte sich das Rufen abgesetzt und dann das Wort, da wars mit einem Male still ringsum geworden. Das Wort war mächtiger als das Bellen und hatte alles Bellen in sich eingesaugt. Jedoch das Embryo war erschrocken, zutiefst erschrocken, als mit dem ersten Wort aus seinem Munde die ganze Welt des Bellens ringsum wie gebannt verstummt war. Es war erschrocken vor dem großen Bann, den jetzt sein Wort um alle seine ausgeträumten Welten schloß, es war erschrocken aufgefahren und hatte sich mit einem Ruck bewegt. Zuck-Zuck! Die Mutter hatte es gespürt. Zuck-Zuck! Durch ihre vielen Hüllen spürte sie es nur: Blubb-Blubb. Sie hatte es gespürt, Blubb-Blubb.

Sie saß vorm Hause, es war November, trübe Zeit. Die Körbe von Professor Gfäller waren angekommen, die Mutterpflanzen waren eingesetzt. Sie hatte vor dem Haus auf ihre Post gewartet, der Glonner Postbote kam zur Mittagszeit. Nichts war gekommen, nur eine Zeitung, und ein Prospekt für Weihnachtsschmuck, für Christbaumkugeln, Engelhaar, Lametta. Sonst nichts. Sie blieb auf ihrer Hausbank sitzen und wartete auf Nanas Ruf zum Mittagessen. Da spürte sie es in sich: Blubb-Blubb. Als ob im Darm ein kleines Bläschen platzte: Blubb-Blubb. Es hatte sich bewegt: Blubb-Blubb. Es war ein Mensch geworden.

Als sie beim Abendstall die Raufen vollgeschüttet hatte, trat sie zu Nana, die die große Braune molk, und sagte: »Es hat sich gerührt, das Kleine.«

Nana fragte, ohne von dem weißen zischenden Strahl aufzusehen: »Wie hat's gemacht?«

»Blubb-Blubb«, sagte Lea.

Jetzt lagen alle ausgeträumten Träume des Embryos im Bann des Worts. Noch saugte es an allen andern Dingen seiner früheren Welten, aus denen es entlassen war, mit seinem Rüssel. Noch mischte es sich in geschwisterlicher Brunst mit allen Wesen seiner eigenen Art, die mit ihm nach der verlornen Einheit strebten. Jedoch das große Instrument, um alle abgesprengten Teile seiner alten Welten wieder in sich einzusaugen, war nicht sein Rüssel und sein Darm, und auch nicht seine Eierdrüse mit dem Phallos und der Phallos-Hülse, das große Instrument des neuen Traumes war jetzt das Wort.

Was es benannte und erkannte im Wort, war sein. Die Dinge aus dem Sonnentraum, dem Wassertraum, dem steinernen Traum, die abgesprengten Teile seines Pflanzentraums und alle Tiere, die schwimmenden Tiere und die bellenden Tiere, dazu die Menschentiere seines neuen Traums: im Wort allein war eine Möglichkeit, dies alles in sich einzusaugen, um eins damit zu sein.

In seinem Schädel wuchs ein großer Sack, um alle diese neuen Worte aufzustapeln, so wie in seinem Leib dereinst der Sack für das Gesaugte sich gebildet hatte. Die Großhirnrinde wuchs und wuchs, ein mächtiger Sack, und füllte sich mit allen Dingen und mit allen Wesen dieser Erde und mit den Dingen und den Wesen aus den zerschleuderten Feuerwelten, den Sternenwelten. Aus seinen mütterlichen Keimen sog es alle Worte, die Lea Herse je gesprochen und gedacht, und stapelte sie in seiner Großhirnrinde auf. Aus seinen väterlichen Keimen sog es alle Worte, die Benno Terek in sich barg, und stapelte sie in seiner Großhirnrinde auf. Die Welt mit allen den versprengten Träumen des Weltgeists war wieder eins in ihm.

Zuweilen, wenn es vor die Höhle trat, zottig und aufrecht, und zu den Sternenwelten sah, kam dennoch Unrast über es, trotz seiner Worte, trotz des großen Banns, den es um alle Dinge zog. Im Dickicht hörte es ein Bellen, ein Bellen aus dem ausgeträumten Tiertraum. War es ein Hungerbellen oder Liebesbellen, ein Mondscheinbellen oder Todesbellen? Es konnte nicht benennen und erkennen, was für ein Bellen zu ihm drang, was für ein Tier dies Bellen bellte. Da kratzte es, da ihm das Wort versagte, an seine Höhlenwand ein Bild von jenem fremden bellenden Tier, so wie es sich das fremde bellende Wesen dachte. Jetzt war das Wesen, das es nicht benennen konnte, im Bild gebannt und wieder in sein Dasein einbezogen. So sog es jetzt im Bild die Welt in sich hinein und stapelte zu den Worten alle Bilder dieser Erde. Da teilte seine Großhirnrinde sich in viele Lappen: Sprachlappen, Wörterlappen, Ohrenlappen, Augenlappen, Bilderlappen, um das in Wörtern und in Bildern Eingesaugte in sich zu bewahren.

Jetzt waren alle ausgeträumten Träume im Wort benannt, im Bild gebannt, ins Großhirn eingesaugt, ins Dasein einbezogen, jetzt formte es aus seinen Worten freudige Gesänge, weil sein die Welt war, alle ausgeträumten Träume eins in seinem Ich. Jetzt bildete es sein eigenes Porträt und schlug zu den gebannten Tiergestalten die eigene Gestalt in Holz und Stein und Gold. Jetzt bannte es den Tod, indem es von den Ahnen und von seinen Eltern sang und ihre Gräber schmückte mit den herrlichen Gestalten, in denen sie gewandelt waren, in Holz und Stein und Gold. Und seine eigenen Kinder und seine Kindeskinder besangen seinen eigenen Wandel, damit es in den Liedern und den Grabgestalten von neuem einbezogen war ins All, im Fleisch der Kinder und in ihren Liedern und in der eigenen Form in Holz und Stein und Gold. Jetzt war's ein heidnischer Mensch, die Welt war sein.

Jetzt rührte es sich stark und Lea fühlte es. Nicht mehr Blubb-Blubb, als ob ein kleines Bläschen platzte, jetzt wars schon mehr ein kleiner heidnischer Freudentanz in ihr. Am Tag, als in der Glonn der erste Schnee des Jahres fiel, war es besonders rührig in ihrem Bauch.

»Es spürt den Schnee«, sagte sie zu Nana.

»Es wird ein Bub,« sagte Nana, »ein Schiläufer.«

»Es ist mir gleich, ob's ein Bub oder ein Mädel wird«, sagte Lea.

Sie war froh, daß es endlich schneite. Seit drei Tagen fühlte sie den Druck des nahenden Schnees. Wenn er herunterfiel, war's besser, dann wich der Druck. Jetzt war er endlich da, der Schnee, jetzt wich der Druck. Zuerst kam Wind, dann kamen die verdickten Wolken, dann leichter Regen und die Wasserflocken, dann die gesternten Flocken und die wüsten Wirbel, zuletzt das stille Niederwallen-Niederwallen-Niederwallen, bis die lebendige Natur bedeckt war von der stärkeren Natur des Todes, die süße Schwester eingelullt im Laken ihres unerbittlichen Bruders und Gemahls.

 

Mit ungeheurer Herrschsucht hatte jetzt das Embryo den ganzen Abfall seiner ausgeträumten Träume eingesogen. Mit seinem Rüssel hatte es gesogen, mit seinem Phallos und mit seiner Phallos-Hülse, zuletzt mit Wort und Bild. Jetzt lief der mächtig angewachsene Trieb der Herrschsucht leer. Die Herrschsucht fand nicht Nahrung mehr an wirklichen Dingen: die waren alle eingesogen. Da wucherte der Trieb der Herrschsucht ins Leere und bildete einen kleinen Krebs im embryonalen Großhirn. Solang der Trieb das Embryo getrieben hatte, die wirklichen Dinge einzusaugen, zu trinken und zu fressen, zu nennen und zu bilden, sich zu vermischen und sich zu gestalten, solange war's ein gesunder Trieb gewesen. Jetzt, da ihm Nahrung fehlte, wucherte er und wurde ein Krebs.

Das erste Gift, das dieser Krebs ins embryonale Großhirn goß, war Haß. Es war der Haß auf alle wirklichen Dinge, die eingesaugt, benannt, gebildet waren und sich nicht noch ein zweites Mal besaugen und benennen ließen. Das Embryo haßte die verbrauchten Dinge und überschwemmte sie mit Krieg. Da stöhnte es schwer im Traum der ersten großen Kriege und Verwüstungen.

Jetzt wuchs der Krebs, sein Gift ergoß sich in die Großhirnzellen, und mit dem Gift wuchs auch der Haß auf alle wirklichen Dinge. Es schuf sich keine Bilder mehr von ihnen, um sie zu bannen, es hatte sie genug gebildet und gebannt. Es schuf sich ein Gesetz: »Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf der Erde, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.« Es schuf sich einen namenlosen Gott, der alle wirklichen Dinge in sich bergen sollte, damit es jetzt am Namenlosen saugen könnte wie einst an seiner wirklichen Welt. Da glitt das Embryo durch den Traum vom namenlosen Gott und in der Großhirnrinde bildete sich der Judenlappen. Da stöhnte es schwer, weil ihn sein eigener Haß auf alle wirklichen Dinge drückte und weil sein namenloser Gott nicht wirkliche Nahrung bot.

Jetzt wuchs der Krebs, sein Gift ergoß sich in die Großhirnzellen, und mit dem Gift wuchs auch der Haß auf alle wirklichen Dinge. Da bildete sich im Embryo die Idee, daß alle Dinge dieser Welt und auch der Gott, der sie beherrschen sollte, nur Trug und Schein und Schatten wären. Die Wirklichkeit wär' nur ein Schatten der Ideen, die über allen Wirklichkeiten stünden. Da stöhnte es sich schwer durch den platonischen Traum, weil die Idee Idee blieb und die wirklichen Dinge Wirklichkeit.

Jetzt wuchs der Krebs, sein Gift ergoß sich in die Großhirnzellen und mit dem Gift wuchs auch der Haß. Da schuf es eine Jenseitswelt im Jenseitslappen, damit es sich am Jenseits neue Kräfte saugen könnte. Es leugnete die ganze Diesseitswelt, samt Donnergott und samt platonischen Ideen, es glitt in seinen Christentraum hinein. Der Christenlappen in der Großhirnrinde wuchs, jedoch der Haß auf alle Diesseitsdinge bedrückte weiterhin das Embryo, trotz aller Liebespredigt gegen seinen eigenen Haß. Da stöhnte es schwer am Kreuz, weil ihm das Jenseits keine wirkliche Nahrung bot.

Jetzt wuchs der Krebs, sein Gift ergoß sich in die Großhirnzellen, und mit dem Gift wuchs auch der Haß. Da senkte sich der Geist des Embryos zwischen alle wirklichen Dinge, nachdem es sich vergebens über sie emporgeschwungen hatte und wieder jämmerlich auf sie herabgefallen war. Da ihm die wirklichen Dinge nicht mehr Nahrung boten, kroch es in ihre Zwischenräume und sog sich an den Zwischenräumen fest. Hier war noch etwas, was man saugen konnte! Hier war ein Ding, was zwischen allen wirklichen Dingen lagerte! Verhältnis, Zahl und Geld! Da wuchs sein Zahlenlappen in der Großhirnrinde, sein Geldverstand.

Als Zahlenmensch und Geldmensch zwischen allen Dingen hin und her! Die Zahlen ins Unendliche gesteigert, das Geld mit Gier gesammelt und wieder aufgeteilt mit Gier! Als Wissenschaftler in den letzten Zwischenraum der alten Welten hineingekrochen und festgesogen an dem letzten Zwischenraum! Als amerikanische Jungfrau immer drum herum ums wirkliche Ding, den Phallos und die Phalloshülse, und über aller wirklichen Mischung der Flirt! Im Sport verzweifelt zu dem wirklichen Leib zurück, um dennoch wieder bei der Zahl zu landen, beim Rekord! Und mit dem Motor immer schneller zwischen allen Dingen dieser Erde hin und her, bis auch der letzte Zwischenraum zersogen war!

Jetzt war der letzte Zwischenraum zersogen, entdeckt, verbraucht, gesammelt oder aufgeteilt. Sein war der Zwischenraum der Salze und der Elektronen, sein war der Zwischenraum der Worte, sein war der Zwischenraum der ganzen Welt, der Dinge aus den ausgeträumten Tier- und Pflanzenträumen und auch der Dinge aus dem eignen Menschentraum. Da bildete sich im Großhirn noch ein Zeitungslappen, dort sammelten sich die letzten Zwischen-Zwischenräume, dann war's zu Ende.

Die wirklichen Dinge waren eingesogen, die Jenseitswelt war bankerottiert, die Zwischenräume waren aufgebraucht, der Krebs der Machtgier hatte alle Großhirnzellen überschwemmt. Da war es eine Zeitlang still ums Embryo, so still wie's in der Zwischenwelt gewesen war, in jener Welt des Zwischenzischens, das laut gewesen war wie's All und still wie's Nichts, still, still.

»Jetzt hat sich's mehrere Tage nicht gerührt«, sagte Lea zu Nana. Sie kam nach dem Abendessen in die Küche und besah, was Nana für sie nähte, Windelzeug und Laken. Sie mußte hie und da mit irgendeinem Menschen ein paar Worte sprechen, seit Monaten war sie allein mit ihrem Embryo. »Drei Tage hab' ich nichts gespürt, Nana, was sagst Du?«

»Jetzt senkt es sich,« sagte Nana, »das muß so sein. Das ist wie bei den Kühen. Wenn sich das Kalb gesenkt hat, ist's für ein paar Tage still.«

»Ah so«, sagte Lea und ging zu Bett.

 

Jetzt war der Leib des Embryos gebildet wie seiner Eltern Leib und seine Großhirnrinde war gebildet wie Lea Herses und wie Benno Tereks Großhirnrinde: geteilt in alle Lappen, durchtränkt mit allem Gift. Jetzt hatte es den Sonnentraum geträumt, den Wassertraum, den Pflanzentraum, den Tiertraum und den Menschentraum, jetzt hatte es auch seiner Eltern Traum geträumt. Da spürte es wieder Sehnsucht nach den ausgeträumten Träumen, aus denen es entlassen war. Es spürte wieder Heimweh, wie's einst als windverwehte Polle Heimweh nach seiner Mutterpflanze und nach seinem Wurzelwerk empfunden hatte. Nach allen seinen ausgeträumten Träumen ging sein Heimweh, selbst nach dem Krebsgift, das jetzt nicht mehr floß, weil alle Zwischenräume aufgesogen waren und weil der Krebs verheilt war und verschorft und abgeschwemmt. Jedoch, das war vergebliches Heimweh, vergeblich wie das Heimweh aller andern Träume! Der Weltgeist stand nicht still und träumte nicht zurück im Embryo! Der Weltgeist träumte weiter in dem Embryo, fort, immer weiter, fort, fort von den ausgeträumten Welten, fort! Fort von den Pflanzen und den Tieren! Fort von den heidnischen Menschen und den Christenmenschen! Fort von den letzten Menschen aus der Zeit der Zwischenräume! Fort von den Eltern! Hinein in seinen eigenen, ur-eigenen Traum, der alle ausgeträumten Träume in sich schloß! Hinein in seinen eigenen Traum, der auch den Elterntraum und auch den Traum der aufgesogenen Zwischenräume in sich schloß! Hinein in seinen eigenen, ur-eigenen Traum, der über alle andern Träume hinauswuchs in den nächsten Menschentraum! Hinein in diesen nächsten Menschentraum, der sein war, sein, sein, sein, sein eigener, ur-eigener Traum! Hinein in diesen Traum, hinein, hinein, hinein, hinein –

»Noch nicht pressen«, sagte die alte Hebamme zu Lea, die mit gedunsenem Gesicht in ihrer Stube lag und sich an einem Strick festhielt, den man ums Ende ihres Bettes geschlungen hatte, »nur Ruh', Frau, nur Ruh', nur Ruh', es bleibt nicht drinnen, es kommt schon ganz von selbst, nur Ruh'«. Nana saß auf dem Bettrand und streichelte die Hände ihrer Herrin. »Nur Ruh', Lea«, sprach sie verzagt die Worte der erfahrenen und gefürchteten Dorfhebamme nach, »nur Ruh', Lea, es bleibt nicht drinnen, es kommt schon raus, nur Ruh'«. Dann lief sie wieder aus dem Zimmer und meldete dem Krallenpeter, wie es stand. Der kochte in der Küche heißes Wasser ab, zehnmal soviel als nötig war. Er hatte sich die Ohren mit Watte zugestopft, damit er das Gewimmer aus dem ersten Stock nicht hören mußte. »Jetzt kommt der Kopf,« sprach die Amme, »da ist er schon«. Sie ließ Nana Leas beide Hände halten und träufelte abgekochtes Wasser auf. »Nur Ruh', Frau, nur nicht allzuschnell, ja, ja, so ist es gut, jetzt kommt es tiefer.« Die Kreißende keuchte: »Du mußt ihm telegraphieren, Nana, lauf ins Dorf und telegraphier', lauf, lauf, sonst ist's zu spät –«

Die alte Nana hatte nicht verstanden, was ihre Herrin sagen wollte, und sah sich fragend nach der Amme um. Die schüttelte nur den Kopf: Unsinn wars gewesen. »Nichts«, keuchte Lea, »nur Unsinn war's gewesen, nur Unsinn, nichts –« Sie bäumte sich, es wollte sie zersprengen. »Nur Ruh', Frau«, hörte sie, »halt, da, da, dadada –« Sie fiel zurück aufs Kissen und schloß die Augen und zwischen ihren Beinen krähte es. »Ein Mädchen«, hörte sie die Amme, »ein gesundes, dickes Weibstück.« Nana strich ihr den Schweiß aus dem Gesicht und sagte: »Ein Mädchen, Lea, ein wunderbares Kindchen.« Sie atmete ruhig ein und aus und sagte: »So, so.«

 

Jetzt kroch sie ganz in ihren Stolz hinein. Sie telegraphierte Benno Terek nicht und schrieb ihm nicht. Sie stellte sich nicht mehr zur Mittagszeit ans Gatter, um auf die Post zu warten. Sie strich ihn aus, verkroch sich in der Höhle ihres Stolzes und ließ das Kind an ihren Brüsten saugen. Zur Frühjahrspflanzung dingte sie einen Jungknecht, fürs Graben und fürs Düngen, und pflanzte ihre Mutterpflanzen ein. Am Abend ging sie mit dem Kind zu Bett, oft schon zur ersten Dämmerung, als dann die kurzen Tage wieder kamen. Am Sonntag schrieb sie die Geschäftsberichte an Professor Gfäller und nähte Kinderzeug. Wenn sich Verwandte meldeten und sie besuchen wollten, die Onkel oder Tanten, das städterne Kusinenzeug, schrieb sie mit schroffen Worten ab. Wenn Linsingers auf dem Motorrad angeknattert kamen, Terese und Quirin, verschloß sie sich mit ihrem Kind in ihrer Grünen-Tümpel-Stube und Nana mußte sie verleugnen.

Zuweilen, wenn sie in den Spiegel sah, sah ihrer Mutter Bild aus ihrem Spiegelbild heraus. Jawohl, genau so hatte Daniela Oldenkott gelebt, das Kind gewartet und das Land bestellt, verkrochen in der eigenen Welt und ohne Mann. Der einzige Unterschied war, Benno Terek hatte sich mit ihr getraut. Sie trug den Namen Terek, das Baby hieß Veronika Terek. Doch was bedeutete das viel? Was waren Namen viel? In Wirklichkeit war's grad wie mit Daniela-Herse-Pasternak und ihrer kleinen Lea-Herse-Pasternak. Wer weiß, vielleicht schlich auch Veronika später durch irgendeine städtische Villa, als Minni-Minni von der Glonn, und lauschte an der Tür? Und floh, wenn sie den Vater tot fand, mit Haut und Haaren aufgefressen von der Stadt, entsetzt zurück in ihre heidnische Glonner Höhle? So war's, so war die Zeit, nichts mehr zu ändern dran. Die Männer waren lauter Pasternaks geworden, versackt im toten Zwischenraum der wirklichen Dinge, ermattet im Betrieb, mit Haut und Haaren aufgefressen von der Stadt: die Weiber lebten unter männerlosem Mond.

Eines Abends, als schon das Kind zur Nacht gerichtet war, gebadet und getränkt und auf die Stirn geküßt und auf die richtige Seite in den Korb gerollt, war's ihr zu licht zum Schlafen. Sie trat vors Haus, um in der Dämmerung noch ein paar sinkende Delphiniumblüten zu stützen, mit kleinen Tannenstecken und mit Bast. Da radelte der Postbote um die Krallenecke und radelte aufs Herse-Gatter zu.

Es war ein Eilbrief, ein eingeschriebener Eilbrief, die vielen Marken und die vielen Stempel waren das erste, was sie sah, danach erkannte sie die Schrift. Sie unterschrieb den Postschein, zahlte still und wartete, bis sich der Bote wieder auf sein Rad schwang und ins Pedal trat und beim Krallen um die Ecke bog. Dann steckte sie den Brief in ihre Jackentasche und ging den Hang empor.

Am oberen Gatter griff sie in die Tasche und fühlte nach dem Brief. Vielleicht war's besser, seinen Inhalt zu ertasten als zu lesen? Sie lehnte sich ans Gatter, sah ins Tal hinunter, die Finger glitten in der dunklen Tasche hin und her an dem Papier. Jedoch sie fühlte nichts, ihr Herz war wie gebannt, nur ihre Großhirnrinde äffte sie mit tausend durcheinanderschwirrenden Bildern.

Sie stieg zu dem verfaulten Stumpf des Kruzifixes und setzte sich ins Gras. War hier der Platz, die Kunde und die Botschaft zu empfangen? Nein, nein, sie schüttelte den Kopf und wußte selber nicht, was dies verneinende Schütteln heißen sollte. Sie stieg zur Mulde, wo sie ihn vor einem Jahr mit Moos und Humus zugedeckt und dann von seiner Grabesschicht befreit und an ihr Herz gerissen hatte. Dort las sie seinen Brief.

 

»Christus, das Menschheitsküken, der erlösungsgierige Jüngling mit dem »Heit«, dem Menschheitswahn, Christus grüßt die Heidin von der Glonn und verneigt sich tief vor ihr. Er hat sich skrupellos, wie sich's für einen Christus dieses letzten christlichen Jahrhunderts ziemt, in seinen alten städternen Betrieb zurückgeschwindelt, zurückgeschwindelt in die alte Position im technisch-wirtschaftlichen Großbetrieb. Am Tag versackte er in die Lohnarbeit, am Abend trieb er theoretische Physik, nachts träumte er von zwanzigstelligen Zahlen. Er hat sich auch sozial betätigt – der Pöbel, welcher Pöbel bleibt in Ewigkeit, verlangt es so von seinen Christussen. Er hat auch einen Haufen Geld verdient – sehr gutes Christusgeld, es ist per Postscheck unterwegs zur heidnischen Glonn. Er hat der Menschheit auch ein neues Buch geschrieben, den neuesten Beitrag, um sie zu erlösen, ein Buch zum Wettstreit über Korpuskulartheorie und Wellentheorie des Lichts, ein Buch von großer Zukunft, wie man sagt – ein Buch, es gibt nichts Wurschtigeres als dieses Buch.

Nein, nein, verzeih, es ist jetzt nicht die Zeit zu schlechten Witzen, Lea. Es ist die Zeit, die Brust sich aufzureißen, damit man endlich sehen kann, was drinnen schlägt. Und wer hineinschaun soll, bist Du.

Ach, und die Wurze des Waldes, und wie es jetzt am Grünen Tümpel nach dem reifen Thymian riecht! Und die Würde des Lebens, und alle zarten Farben, alle krassen Farben Deiner Blütenstauden! Und jenes heidnische Lachen, das ich vom eingeschneiten Bratschenkees herunterholen wollte, als Stefan Hadrawa mich wie die wunde Hirschkuh auf den Buckel lud! Und die vermooste Mulde unter dem gestürzten Kreuz, und tief der Phallos in dem heidnischen Purpur Deines Leibes! Und dann das Kind, wie es zum erstenmal die dicken kleinen Arme um mich schlänge und sein lebendiges Gezwitscher Zeugnis gäbe, daß hier mein Leben weiterlebt! So laß mich nur poetisch und banal und laß mich keusch und laß mich schamlos daran denken, eh ich Dir sage, daß es nicht mehr für mich gilt.

Und warum gilt es denn nicht mehr für mich? Ich weiß, daß dort das Leben blüht, bei Dir, lebendiger Raum, Urhülle der Natur, dort ist es noch zu spüren – wie kommt es, daß es nicht mehr für mich gilt?

Es gilt nicht mehr für mich. Da ich inmitten meines Lebens ein Mann geworden bin, kann ich's nicht länger leugnen: es gilt nicht mehr für mich. Nichts gilt mir diese Stadt, ihr schneller Fortschritt, nichts und nichts ihr baldiges Ende, nichts gilt mir diese ganze städterne Menschheit. Der Christus starb am Kreuz, weil er sein Diesseitsleben nicht mehr leben konnte – die städterne Menschheit stirbt am Fortschritt, weil sie ihr Diesseitsleben nicht mehr tragen kann: das ist der ganze Unterschied. Der Christus bildete sich eine Jenseitswelt, um es zu tragen – die städterne Menschheit bildete sich einen Zukunftswahn, um es zu tragen: das ist der ganze Unterschied. Jedoch es half nicht ihm und half nicht uns, daß wir uns Brücken bauten aus der Gegenwart heraus: das Leben will gelebt sein und der Tod gestorben. Wie aber kommt es dann, wenn ich nicht mehr erlösungsgierig bin, kein zukunftswütiges Menschheitsküken mehr, daß auch das andre nicht mehr für mich gilt, die Glonn und Du und Eure heidnische Gegenwart?

Es gilt nicht mehr für mich. Es kommt, weil ich ein Mann bin, und ein Mann ist ein Soldat, und ein Soldat kann sich nicht von dem Feld der Ehre schleichen, und schließlich ist auch hier ein Feld der Ehre, in diesen städternen Städten, wenns auch die letzte Schlacht ist, die wir für den Menschheitswahn hier schlagen, bevor der große Friede kommt. Den großen Frieden aber wird diktieren das jenseitslose zukunftslose fortschrittslose gegenwärtige heidnisch-heilige Leben, das unsern christlich-städternen Menschheitswahn vernichten wird. Und trotzdem, ob ich auch den übeln Ausgang sehe, ich muß auf meinem Posten stehen bleiben, muß bleiben auf dem Feld der Ehre, muß bleiben im Getümmel des verlornen Menschheitskampfes, kann mich nicht abseits stellen, kann nicht mehr zurück. Ich kann nicht fliehn, weil ich ein Mann bin meiner Zeit und somit ein Soldat auch dieser Zeit, ich kann nicht fliehn vor meiner Zeit, ich kann es nicht.

Jedoch, was ist das noch für ein Soldat, der gegen das Leben kämpfen muß, an das er glaubt, und für den Wahn, den er verenden sieht? Und so mache ich Schluß, Lea! Dort in der Glonner Welt kann ich nicht mehr, ich kann dort nicht mehr Wurzel fassen – hier in der städternen Welt, auf meinem angebornen Posten kann ich nicht mehr, ich kann hier nicht mehr blühn: sag selbst, Du Gärtnerin, was ist an einer solchen abgeschnittenen Knopflochblume?

Es bieten sich ja viele Wassergläser an, in denen solche abgeschnittene Knopflochblumen für eine kurze Spanne sich erholen können: das Wasserglas mit Geld und Technik und Betrieb, das sportliche Wasserglas, das geistige Wasserglas, gefüllt mit toter Wissenschaft und schaler Mystik und mit jüdischen Witzen – und dann, mein Gott, was schwatze ich, die Glonn, die Glonn, die Glonn. Ja, herrlich könnte sich die abgeschnittene Knopflochblume aus der Stadt im Grünen-Tümpel-Wasser und im Kühlen-Graben-Wasser, in Deiner ganzen wasserklaren Welt erfrischen und erholen: die Wurzeln aber bleiben abgeschnitten, sag' es selbst!

So will ich ein Mann sein und quitt. Quitt auf die schlimme Weise meiner Zeit, doch quitt. In Ehren, wer gleich mir fällt und sich nicht belügt, wenn er das Abendrot auf das verlorne Schlachtgefilde scheinen sieht. Im ersten Weltkrieg war es nicht zu mir gekommen, und oft war's Scham, was ich bei aller Seligkeit des Lebens vor meinen toten Kameraden spürte. Jetzt ist's gekommen, in dem zweiten Kampf. Der dritte Kampf, der letzte Kampf wird schrecklich sein: da wird die Menschheit ohne Männer kämpfen müssen. Und so ist's Zeit, daß jetzt die letzten Männer fallen. Und quäl' Dich nicht darum, wie es geschieht, laß dies mein letztes Zeichen sein.

Gesegnet seist Du, Lea. Mit aller Kraft hast Du mich halten wollen und durch Dein Schweigen stärker als durch alle Worte. Und schrecklich der Gedanke, daß Du jetzt das gleiche Leben leben mußt wie Deine Mutter, das männerlose Leben. Du aber bist ein Weib, Du kannst ein männerloses Leben leben, Du kannst die letzte lebenspendende Hülle der Natur bewahren, Du kannst sie weitergeben an Dein Kind, Urhülle der Natur, den hoffnungsvoll hinkeimenden, den unverwüstlichen, den ewigen Rest, der Dein ist.

Gesegnet sei Deutschland, seine dichten Nebel, seine dicken Wolken, seine härene und gold-durchwirkte Sprache. O wir holden Barbaren! In den Sonnenländern, in den glatten Ländern: ihre letzten Männer werden fallen durch den schrecklichen Zufall, durch das amerikanische Gas und durch das Harakiri Asiens. Wir, da alle Welt das eigene Leben nicht mehr leben und den eigenen Tod nicht sterben kann, dieses können wir noch, wenn das Leben uns verschüttet ist: sterben unseren eigenen Tod.

Gesegnet sei unser Kind. Soll in Ehre halten seinen Vater, der ein Mann war und nicht leben konnte in der männerlosen Zeit. Soll in Ehre halten seine Mutter, die eine große Würde durch das Leben trägt und eine große Liebe erfahren hat.

Und einen großen Schmerz, ich weiß! Süße Lea! Minni-Minni von der Glonn! Einsam eingerollt ins eigene Selbst! Geh in Deinen Garten, Heidin, brich Dir eine Dolde Rittersporn, leg sie unserm Kind aufs Kissen, sag ihm jenes Wort vom Bratschenkees, dran auch die pathetischen Toten dieser letzten Menschheitsniederlage glauben: Noch immer war der Mensch der Herr der Erde; er war das Erste und wird das Letzte sein.«

 

Die Dämmerung war dicht geworden, die letzten Worte waren kaum noch zu entziffern. Die Heidin lief den Hang hinunter und brach die höchste Dolde ihres Rittersporns und legte sie dem schlafenden Kind aufs Kissen und flüsterte gehorsam durch die dunkle Stube: Noch immer war der Mensch der Herr der Erde; er war das Erste und wird das Letzte sein.


Gedruckt in den Norddeutschen Druckwerken Geesthacht (Bez. Hamburg)

 


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