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Drittes Kapitel

Er blieb auf der Alm der weidenden Schafe und Ziegen. Sein Leben hatte plötzlich Spannung und Sinn. Sich mit dem Manne Hadrawa zu einem festen Männerbund zusammenzuraufen, das war jetzt Sinn und Spannung seines Lebens. Er konnte nicht mit dürren Worten sagen, was ihn faszinierte, und Hadrawa verstand nur dunkel, was den kranken Städter an ihn band, jedoch sie rauften sich zusammen und der Gong der Freundschaft klang. Denn vielerlei im Leben mußte sich zusammenraufen, doch erst wenn es zwei Männer waren, klang ein voller Schlag inmitten des verworrenen Getöses … Da waren die Tiere. Kam eine fremde Geis zu einer eingesessenen Geis an die gefüllte Krippe, dann gab es tagelang ein wüstes Stoßen und Geraufe, bis Blut von den verklebten Fellen troff. Dann waren sie eines Tages zusammengerauft und ließen nicht mehr voneinander bis zum letzten Meckerschrei, wenn sie der Metzger trennte. Da waren die Liebesleute und die Ehepaare. Die mußten sich zusammenraufen von den Augen hinab zum Bauch oder vom Bauch empor zu den Augen. Dann waren sie eines Tages zusammengerauft oder verendet daran. Da waren die Völker und Führer. Mußten sich zu immer neuen Verbänden zusammenraufen, um sich mit wieder anderen Verbänden zusammenraufen zu können. Und waren eines Tages alle Völker rings zusammengerauft, dann fingen ein paar gierige Feiglinge das alte matte Spiel von Gut und Böse und das verlogene politische Gerauf von vorne an. Ja, vielerlei im Leben mußte sich zusammenraufen, doch erst wenn es zwei Männer waren, klang ein reiner Schlag am schwirrenden Gong der Ewigkeit, und alle gute Geister strömten aus dem öden Foyer des Alltags in das festliche Parkett, zu glotzen und zu horchen und zu klatschen.

Am ersten Abend kam es zu einer spröden Einigung auf geschäftlicher Basis. Sie wollten sich ein paar Wochen lang im Steinhaus drüben zusammentun, Hadrawa als bezahlter Führer und als bezahlter Knecht, der kranke Städter als der Herr und als der andre Knecht, und beide Knechte auf der gleichen Hut vor der gefährlichen Welt des Staates.

Siebenhundert Mark und zehn englische Pfund, das war das gemeinsame Kapital. Zwei Hunderter bekam die Sanni Gundisch mit ins Tal, für die Geburt, vier Hunderter wurden für Proviant aus lange Sicht bestimmt. Die zehn Pfund und das österreichische Kleingeld trug Hadrawa in seinem Brustbeutel, das war der Fond für seine spätere Flucht. Ein Hunderter blieb bei Benno Terek, das war der Fond für seine spätere Wanderschaft.

An Holz und Kerzen und Geschirr und Bettzeug war nicht Not. Viel Käse war heimlich beiseite geschafft. Und Mehl und Fett und Salz und Tee und Zucker, Tabak und Schnaps und Schweinernes und Dörrgemüse, das muhte alles in den nächsten Nächten bei der Sanni Gundisch aufgenommen werden: im Elternhaus des wilden Fräuleins in Bruck-Fusch war das geheime Expeditions-Proviantdepot.

Wenn dann das Kind geboren war und angesäugt, der Steckbrief Hadrawa vergilbt war an den schwarzen Tafeln der Gemeinden, der große Schnee gefallen war, die Ländergrenzen zu verschütten: dann sollte Hadrawa durch Kees und Kar nach Süden fliehn und über See mit Benno Tereks Paß nach Kanada; dann sollte Benno Terek heil sein von der Städterkrankheit und ein Mann, der in sich selbst ruhte; dann sollte Sanni Gundisch auf den Brief mit fremden Marken warten, der sie zu der verspäteten Hochzeit mit dem Vater ihres Kinds ins Ausland rief.

Am nächsten Tage war Almschluß, Abtrieb und Adieu. Die beiden frisch verkuppelten Gefährten mußten sich im Steinhaus streng verborgen halten, weil aus dem Tal zwei alte Sennen und ein kleiner Stallbub kamen, der Almerin zu helfen. Es dauerte lange, bis die Alm geräumt war und geschlossen, dann sahen sie von einer Fensterritze aus den Zug … Voran der kleine Bengel mit Juchhu und ein gescheckter Riesenhammel mit der großen Glocke und dem Kranz aus Glanzpapier. Dann alle Tiere, und mit den gefüllten Kraxen die zwei alten Sennen zwischendrin: »Varröck, gai zu, gest ita, ruck, ha zu, du Stinkerbock!« Das Muttervieh, das Jungvieh, die verspielten Böcke. Die kleinen Glocken und die Latschenkränze um die wippenden Zottelhälse. Und hinterdrein, zehn Meter nach dem letzten stolpernden Kitz, die schwere Almerin. Sie war im Tuch und im gewirkten Kittel. Der Rock war vorn mit einer dicken Schnur geknüpft, der klaffende Schlitz war durch die weiße Schürze zugedeckt. Beim nackten Mann aus Holz schlug sie ein Kreuz und lugte nach dem toten Steinhaus um. Jedoch sie wagte nicht zu winken und zog weiter, Bein vor Bein.

Dann wohnten die Zwei in dem verrammelten Steinhaus. Die Fensterläden blieben geschlossen, geheizt und gekocht wurde nur bei Nacht. Am Tag war Ausguck und Qui-vive. Es war nicht zu befürchten, daß um diese Jahreszeit noch Hochtouristen hier vorüberkamen, auch Jäger oder Holzarbeiter hatten kein Revier an diesem ausgefallnen Platz; dennoch war strenge Wacht, zumal für längere Zeit ein knallend klarer Himmel kam.

Sie stiegen auf den Bratschenkopf und auf den Hohen Dock. Sie konnten nicht den weißen Bock im Bratschenkees erlugen, jedoch sie fanden Hadrawas geheime Grotte in dem grünen Kees am Hohen Dock und brüllten wie zwei losgelassene Teufel drin herum. Der Städter lernte Stufenschlagen, Steigen, Seilen, die dicksten Klötze Holz zu spalten mit der Drehung der verklemmten Axt beim Schwung, und daß der Mensch sich alle sieben Jahre häutete und eine neue Leber und auch eine neue Seele kriegte. Der kleine Mann bekam den Bart gestutzt und lernte Englisch, how do you do, what is the price, I love you, lady.

Dreimal trug Benno Terek den Proviant durchs nächtliche Tal zu ihrer Burg, einmal trug Hadrawa. Der hatte einen ganzen Zentner auf dem Buckel, als er im Morgengrauen einpassierte. Die Frucht der Sanni Gundisch hatte sich gesenkt, so waren nur noch wenige Wochen bis zu ihrer schweren Stunde. Vorher verließ er dieses Tal und sein Versteck um keinen Preis der Welt. Man war im ganzen Dorf auf seiner Seite, kein Mensch bedauerte den Matthias Loofer. Wenn ihn der Staat noch schnappte, gab's nach der allgemeinen Schätzung höchstens sieben Jahre schweren Kerker. Was war das viel für einen achtunddreißigjährigen Mann? Bei der Entlassung war er fünfundvierzig, bestes Mannesalter! Doch Millionär in Kanada, mein lieber Herr, das war gewiß das glücklichere Teil, ha ha ha ha.

Dann kam der Schnee, zwei Tage roch es Hadrawa voraus. »Es riecht nach Schnee«, verkündete der kleine Mann, und wirklich kam der Schnee. Zuerst der Wind und die verdickten Wolken, dann leichter Regen und die Wasserflocken, dann die gesternten Flocken und die wüsten Wirbel, zuletzt das stille Niederwallen – Niederwallen – Niederwallen, bis die lebendige Natur bedeckt war von der stärkeren Natur des Todes, die süße Schwester eingelullt im Laken ihres unerbittlichen großen Bruders und Gemahls.

 

»Der Mensch hat kein Anliegen mehr an ihn«, sagte Hadrawa.

»Was ist«, rief Benno Terek und blieb stehn, um sich den Schweiß und die verklebten Haare aus der Stirn zu wischen.

»Der Mensch hat kein Anliegen mehr an ihn«, sagte Hadrawa und deutete mit seinem Schi-Stock auf den verschneiten Christus am Kreuz.

»Nein«, sagte Terek und stapfte hinter seinem Führer her ins Haus.

Es war mitternächtlicher Mondschein und sie hatten eine große Schi-Spur gezogen, vom Haus empor zur Gletscherscharte, von der Gletscherscharte am Haus vorüber hinunter zum ersten Holz-Ziehweg im Tal, vom Holz-Ziehweg zum Haus. Der Schnee hatte sich gesetzt, drei Meter Lockerschnee waren zu einem Meter Festschnee zusammengesackt, so mußte nach Hadrawas Angabe eine schlaue Spur gezogen werden, um das Versteck zu sichern. Sie durften nicht den Schnee ums Haus herum zertrampeln und ihre Spuren nach allen Seiten hin abbrechen lassen: der erste fremde Fahrer hätte das Versteck erspürt. Jetzt zog sich eine dicke Doppelspur vom Tal zur Scharte und von dort zurück ins Tal: der beste Spurenleser mußte glauben, daß zwei Fahrer auf der Tour zur Scharte und zurück an dem verrammelten Haus vorbeigeglitten waren. Die eine Spur im steilen Schuß und mit gestäubten Schwüngen, die andre Spur in dicken Bögen und mit vielen Stürzen, und vor dem Hause, wo Mittagsrast gehalten worden war, lag Butterbrotpapier zerstreut und waren ein paar gelblichgrüne Löcher in dem Schnee zu sehn, wie sich's für einen kurzen Schnaufdichaus vor einer eingeschneiten Alm gehörte.

In dem Geräteschuppen ihres Grandhotels hatte Hadrawa die alten abgefahrenen Bretter aufgestöbert und aus drei alten Hosenriemen hatte er die Bindungen geschnitten. Mit großer Lust und schwitzend rutschte Terek hinter seinem Führer her. Kein besseres Parfüm war aus der Welt, als wenn sich frisches Schneegestäub vermischte mit eines Mannes eigenem Schweißgeruch.

»Nein, der Mensch hat kein Anliegen mehr an ihn.« Terek griff die Worte wieder auf, als sie beim Essen saßen. Es gab Tee, Käse, Wasserschmarren. »Der Mensch will nicht mehr durch irgendein Jenseitsmärchen erlöst werden. Der Mensch will sich selber erlösen, hier, im Dasein, im Diesseits, im ewigen Dasein des Diesseits. Lieber verrecken, wenn es nicht anders geht.«

Hadrawa hörte nicht hin. Er aß mit stumpfer Miene seinen Teller leer. Nach dem Essen holte er sich ein Schaff mit heißem Wasser vom Herd, um seine Füße zu baden.

Terek rauchte und schaute zu, wie die zwei harten schmutzigen Füße seines Freundes sich wollüstig belebten. Das Wasser verfärbte sich langsam. Morgen wollte er auch einen Kübel Schnee zusammenschmelzen und ein Fußbad nehmen. »Tatsächlich«, knurrte er nach einer kleinen Weile, »der Mensch hat kein Anliegen mehr an Jesus Christus oder sonst einen Gott.«

»Ich nicht«, sagte Hadrawa und rieb seine Füße aneinander.

»Ich auch nicht. Aber es ist eine schwere Sache, ein wahrer Heide zu sein, das kannst Du mir glauben, Hadrawa.«

»Was soll da schwer dran sein«, brummte Hadrawa und zog einen Fuß aus dem Wasser. Er legte den Fuß übers Knie und betrachtete aufmerksam die aufgeweichten Zehen. Dann steckte er den Fuß wieder ins Schaff zurück.

»Wirst ja sehn, was schwer dran ist, wenn Du in die Städte kommst, nach Kanada oder sonstwohin. Wirst ja sehn, ob Du nicht doch vielleicht noch ein Anliegen an Deinen alten Kindergott hast, wenn Du aus Deinem Tal herauskommst unter die fremden Menschen.«

»Pöh!« Er spuckte das Wort nur so aus. »Kein Mensch glaubt mehr daran. Bei uns nur noch die alten Weiber und die Ofenhocker. Und bei Euch in der Stadt überhaupt kein Mensch mehr. Zehn Jahre lang hab ich die Städter über das Pasterzenkees zum Glockner geführt und eine Menge Herren und Frauen hab ich danach gefragt, geradaus hab ich sie gefragt, weil ich's wissen wollte, wie es damit steht. Kein Mensch glaubt mehr irgendwas.«

»Kein Mensch glaubt mehr dran und alle Menschen halten dran fest, das ist die große Schweinerei.«

»Pöh!«

»Jawohl! Mußt nicht denken, daß sie gute Heiden geworden sind, weil sie schlechte Christen geworden sind. Sie halten noch immer an dem alten christlichen »Du-sollst-und-du-sollst-nicht« fest, mit dem Verstand halten sie dran fest, auch wenn sie mit dem Herzen ganz woanders sind.«

»Pöh!«

»Verstandeschristen, das sind sie, und das ist der übelste Schwindel, den die Erde je gesehn hat.«

»Was geht das mich an«, brummte Hadrawa und begann, seine Füße trocken zu reiben. Er verstand nichts von diesen Dingen und wollte nichts davon verstehn.

»Wirst ja sehn, was es Dich angeht! Sie lassen jeden verrecken, der sich gegen ihr Mischmasch sträubt.«

»Mich nicht! Mich lassen sie nicht verrecken!«

»Lassen jeden verrecken, der nicht mitmacht!«

»Nichts mache ich mit! Unserm Pfarrer hab ich ins Gesicht gesagt, daß ich nicht mehr an seinen Jesus-Christus glaub!«

»Pfarrer! Eure Pfarrer sind die reizendsten Menschen der Welt. Die halten sich doch noch am alten morschen Balken in dem großen Wasser fest, und so sollen sie sich doch festhalten dran, was geht das uns an. Das Elend fängt erst dort an, wo die Menschen ihren alten morschen Balken losgelassen haben und Wasser treten.«

Hadrawa schnitt sich die Zehennägel. Terek ärgerte sich, weil er seine Bartschere zum Zehennägelschneiden nahm, ohne zu fragen. Außerdem war der kleine Mann mitsamt seiner starken Urhülle ein ausgemachter Dummkopf. Im Englischen kam er nur sehr langsam vorwärts, von Geographie hatte er keinen Dunst, und alle schönen Worte über Religion und Menschenwandel waren in den Wind gesprochen. Trotzdem predigte er weiter, nicht für Hadrawa, der sollte doch in Kanada in die Gosse stolpern, wenn er wirklich nach Kanada kam, für sich selbst mußte er Klarheit schaffen.

»Mußt Dir vorstellen«, predigte er, »daß da zwei Ufer sind, dazwischen großes Wasser. Auf dem einen Ufer steht Christus und seine ganze Schar, dort ist die Weide für die Menschheit abgegrast, das ist das schwarze Ufer. Und auf dem andern Ufer liegt eine neue heidnische Welt, dort wäre eine neue Weide zu finden, dort ist das grüne Ufer. Und in dem großen Wasser zwischen den zwei Ufern steckt die Menschheit jetzt gerade mitten drin. Da steckt sie drin, die ganze Masse der Wassertreter, mittendrin. Dabei spielen Deine guten, alten Pfarrer an den morschen alten Balken gar keine Rolle mehr.«

Hadrawa antwortet nicht. Er hielt eine General-Inspektion seiner Füße ab, dann schlüpfte er in die frischen Socken.

»Millionen Wassertreter und Du mitten drin. Millionen Wassertreter und haben sich eine Menge Apparate ausgedacht und umgehängt für ihre große Wassertreterei. Mit dem einen Auge schielen sie nach dem alten Ufer, von dort haben sie sich ihre alten christlichen Gesetze und Regeln mitgeschleppt, und mit dem andern Auge schielen sie nach dem neuen Ufer, dort liegt die neue Weide. Aber losschwimmen können sie nicht, nicht vorwärts und nicht rückwärts, denn ihr Geist ist wie gebannt. Und kann denn auch ein Mensch schwimmen, der bepackt ist und eingerichtet für Wassertreterei? Und kann ein Mensch schwimmen, der nach zwei Ufern schielt? So erfinden sie sich immer neue Apparate für ihre Wassertreterei, lauter Apparate, die nur für Wassertreterei geeignet sind und die nicht im geringsten für den freien Schwumm zum Ufer taugen. Und sie fühlen sich ganz wohl bei ihrer allgemeinen Wassertreterei, das ist es ja!«

Hadrawa holte sich aus der Holzlege unterm Herd seine Stiefel. Sie waren trocken, er rieb sie mit Fett ein, er zog sie an.

»So, und nun schwimm zwischen den Millionen Wassertretern mit den Millionen Wassertreterei-Apparaten im freien Schwumm zwischendurch. Sie ziehn Dich hinunter, wenn Du ihre Wassertreterei nicht mitmachst, das kannst Du mir glauben. Sie hängen sich an Dich und tunken Dir den Kopf unter Wasser, wenn Du als freier Schwimmer und nackt vom alten Ufer zum neuen Ufer hinüberschwimmen willst. Sie lassen Dich glatt ersaufen, wenn Du nicht zwischen ihnen stecken bleiben willst, als braver Wassertreter, Schwimmblase und Korkgürtel umgehängt wie sie, und das Geld ist ihre Schwimmblase und die Maschine ist ihr Korkgürtel, aber dieses Zeug taugt eben nur für Wassertreterei und nicht für freien Schwumm, und wirfst Du's von Dir, um frei zu schwimmen, wie sich's gehört, dann hängen sie sich an Dich, stoßen Dich hinab, Du mußt ersaufen.«

»Leck mich am Arsch mit Deiner Wassertreterei«, sagte Hadrawa und stolperte aus der Stube. Er trat vors Haus, um nach dem mondigen Bratschenkees zu schaun und wie es mit den Staublawinen stand.

Hat kein Anliegen, dachte Benno Terek zornig und warf einen alten verharzten Klotz ins Feuer. Zuweilen haßte er den kleinen Mann mit dem dumpfen Hirn und der lebenspendenden Urhülle aus tiefstem Herzen. Der Blödian, was war viel mit ihm anzufangen? Hatte kein Anliegen mehr an den lieben Gott aus seiner hölzernen Kinderbettstatt in Bruck-Fusch, doch hatte auch kein Anliegen an das grüne Ufer mit der neuen Weide und der neuen heidnischen Würze dieses Lebens! Und so würden die Wassertreter ihn hinunterzerren, in Kanada, im Kerker, weiß der Teufel wo, und so mußte er verrecken wie die Millionen andern Unbeholfenen auch, wenn sie in Nacktheit zwischen die montierte Wassertreterwelt gerieten!

Er blies die Kerze aus und trat vors Haus. Trotz seines Grolls trat er dicht zu Hadrawa und schaute mit ihm auf die eingeschneite Welt.

Hadrawa hob die Hand und packte Tereks Oberarm und hielt ihn fest. Es war ein wunderbar warmer Griff, und ohne daß der Mann viel wußte, von der großen Zärtlichkeit, die darin lag. So standen sie und hielten sich und schauten.

 

Auf der Sonnenseite des verrammelten und verschneiten Hauses, wo unterm Vordach ein kleiner aperer Fleck war und zur Mittagszeit an wolkenlosen Tagen eine afrikanische Strahlung einbrach, saßen vier Schi-Leute. Junge Generation aus der Stadt, zwei Sportbubis zwischen Zwanzig und Dreißig, und zwei gleichaltrige Damen. Die in der blauen Norwegerhose hieß Simone, die andre trug Wildwestgamaschen und ein graues Röckchen und hieß Lo, Lotte, Lottilein, El-O und Lottchenkind. Der eine von den beiden Herren wurde Doktorchen genannt, der andre Kurti, Curtolino, Kurtikerlchen, Opapa und Ka-Ha-Zet. Sie waren von der Talstation gekommen und wollten offenbar nach ihrer Mittagsrast zur Talstation zurück.

Auf der Sonnenseite des verrammelten und verschneiten Hauses, wo unterm Vordach am Parterrefenster der äußere Winterverschlag fehlte und die inneren Scheiben geöffnet waren, standen in der dunklen Stube die zwei Männer Terek-Hadrawa. Nur durch zwei dünne grüne hölzerne Sommerläden waren sie von den vier Fremden getrennt, Terek am linken, Hadrawa am rechten Laden. Kaum einen Meter von dem bunten Picknick standen sie entfernt und konnten ungestört, doch mit verhaltenem Atem, durch die zwei Herzausschnitte ihrer Läden glotzen, horchen, wittern. Terek hatte gerade in der Stube unterm Dach seinen Mittagsschlaf gehalten, als Hadrawa die kleine Karawane hatte nahen sehen. Mit »Pscht« und »Schtüll« und »Mux-Dich-ita« hatte er den Freund geweckt und zu dem Ausguck auf die Welt der Städter transportiert …

»Ich finde, Kurtchen frißt mal wieder zuviel.«

»Das finde ich auch.«

»Kurti! Na schaut Euch das an! Ohne Brot!«

»Puh, das fette Zeug ohne Brot!«

»Hör auf, Opapa, mir wird direkt schlecht.«

»Ich fresse und Euch wird schlecht, jedem das Seine.«

»Habt Ihr gesehn, was er gestern abend gegessen hat? In fünf Jahren hast Du einen Bauch, Curtolino.«

»Er hat jetzt schon einen Bauch.«

»Ich glaub, er hat einen schweren Komplex, das ist nervöser Hunger. Du hast ihm eine schwere Verdrängung aufgehängt, Lottchenkind.«

»Natürlich, alles Lottes Schuld. Einer von uns beiden soll nach Gottes unerforschlichem Rat einen Bauch bekommen, also muß ich ran, wenn Lotte streikt.«

»Opapa, Du bist ein Schwein.«

»Is doch wahr, nöch?«

»Ich möchte zwanzig Kinder haben«, sagte Simone.

»Muß es gleich sein«, frug Doktorchen.

»Nein, wirklich, eine Frau ohne Kinder ist keine Frau.«

»Is auch wahr«, sagte Lotte. »Aber Geld gehört dazu. Sonst geht's wie bei Sanders. Wer kennt Annie Sanders?«

»Na, wer kennt die blöde Ziege nicht!«

»Du, die ist gar nicht so übel, wunderhübsche Knöchel.«

»Nützt nichts bei dem Gesicht.«

»Kann sehr gut aussehn, wenn sie gut angezogen ist.«

»Aber sie ist immer scheußlich angezogen, das ist es ja, das ist ja die Sache mit den zwanzig Kindern –«

»Wieviel Geschwister hat die Annie Sanders?«

»Fünf.«

»Nein, sechs, ich weiß es ganz genau. Wenn Einladung bei ihnen ist, dann sagt Mama Sanders, sobald das erstemal rumgereicht ist: ›Ich kann ja nöch mähr, die Kinder dörfen nöch mähr, morgen schmäckt's auch ganz gut – wünsch noch jeman was?‹ Ehrenwort! Jedesmal!«

»Wunderbar.«

»Mit eigenen Ohren gehört!«

»Ich kann ja nöch mähr, die Kinner dörfen nöch mähr, morgen schmäckts auch ganz gut – wünsch noch jeman was?«

»Das wäre was für unsern Ka-Ha-Zet!«

»Mama Sanders hat ganz recht, wenn sie ihre Gäste hungern läßt. Sie will, daß alle Leute sechs Kinder kriegen und denkt sich: Maigres coqs sautent bien

»Im Gegensatz zu unserm fetten Kurtchen, ganz richtig.«

»Kann mich gar nicht berühren«, erwiderte Ka-Ha-Zet, »ich kann jederzeit den Beweis antreten, daß das Sprichwort vom magern Hahn nicht stimmt – wünsch jeman was?« »Ich kann nöch mähr, die Kinner dörfen nöch mähr, morgen schmäckts auch ganz gut!«

»Lotte, Du bist eine Schuftin.«

»Nein, Du hast wirklich recht, Simone, eine Frau ohne Kinder ist nichts.«

»Sind doch so süß, die Babies.«

»Wonnig, nicht?«

»Aber es ist leider nur frommer Wunsch von mir, ich werde überhaupt kein Baby kriegen.«

»Oho?«

»Wieso?«

»Vorerst kann ich keins kriegen, hat der Arzt gesagt.«

»Gott, wie angenehm.«

Kurtikerlchen begann, die geleerten Thermosflaschen und die abgegessenen Aluminiumteller abzuservieren.

»Zigaretten, Herr Ober!«

»Tatsächlich alles aufgefressen.«

»Zi–ga–ret–ten!«

»Wer spült ab?«

»Die Herren Herrn natürlich.«

»Bitti bitti eini Didaretti für di dleini Lottilein ihrn Mundi-Mundi.«

»Hier ist noch eine Schinkenschwarte, Ka-Ha-Zet, mach Dich ran.«

»Ich kann nöch mähr, die Kinner dörfen nöch mähr, morgen schmäckts auch ganz gut – wünsch noch jäman was?«

Sie breiteten ihre Mäntel aus und rollten sich die Sweater untern Kopf, um sich nebeneinander auszustrecken. Die beiden Damen lagen in der Mitte, bekränzt von ihren beiden Kavalieren und überflutet von der afrikanischen Sonne, die übers Bratschenkees hinüberschwamm zum Bratschenkopf. Die zwei Männer in der dunklen Stube konnten den Rauch der ägyptischen Zigaretten riechen, vermischt mit Chypre von El-O und mit Lavendel von Simone.

»Puh, heiß.«

»Wer hat wieder mal Recht gehabt mit dem Wetter?«

»Ich fühle mich wohl, wer noch?«

»Ich fühle mich sowohl als auch.«

»Ich fühle mich wie ein in die Luft geblasenes Fragezeichen.«

»Und El-O? Laß mal fühlen, wie Du Dich fühlst?«

»Hände weg! Nichtbeschäftigten ist der Zutritt verboten.«

»Eingang für Lieferanten um die Ecke.«

»Um die Ecke kam der Knabe, trink ihn aus, den Trank der Labe.«

»Na laß doch, Opapa.«

»Wieviel Hosen hast Du eigentlich an, Lolololottilein?«

»Bitte, fragen Sie Mama.«

»Nein, ernsthaft?«

»Ich hab an: einen seidenen Schlüpfer in zartem Grün, darüber einen wollenen Schlüpfer in sattem Braun, darüber dieses Sporthöschen in Lichtblau. Jetzt wissen Sie's, mein Herr.«

»Das sind drei Hosen zuviel.«

»Sonst noch was gefällig?«

»O ja.«

»Nein, schaut Euch mal um, Kinder, schaut Euch mal diese Einsamkeit an, das ist ja toll.«

»Hier sollten wir vier Wochen lang bleiben.«

»Ich glaub, man würde ein besserer Mensch werden, wenn man lange Zeit in solcher Einsamkeit leben müßte.«

»Na Du bist doch schon gut genug, Simone, willste noch besser werden?«

»Bist sowieso schon die reine Madonna, Simone, wirklich wahr.«

»Nein, ich bin ein schlechter Mensch.«

»Quatsch doch nicht.«

»Wahrhaftig, ich bin schlecht, darüber bin ich mir völlig im Klaren.«

»Hab Dich nicht, Simonchen.«

»Gewiß bin ich ein schlechter Mensch, eine Luxusexistenz bin ich. Schon allein die Tatsache, daß ich hier sitze und mich aale, sagt alles. Stellt Euch mal die Millionen Menschen vor, die jetzt in der Stadt sitzen und schuften und hungern.«

»Au wei, jetzt kriegt sie ihr Sozialistisches.«

»Na, Kurtchen ist ja ein ganz gemeiner Reaktionär, dem darf man nicht mit seelischen Dingen kommen, der hat überhaupt kein soziales Gewissen.«

»Aber ich versteh Simone ganz genau«, sagte Lotte. »Wo soll man sich denn sonst finden, wenn nicht in solcher Natur?«

»Was hat denn Euer Gewissen mit Natur zu tun, ihr Affenbande«, sagte Kurt ärgerlich.

»Kurti ist ein Kapitalistenhund, nicht mal hier empfindet er was.«

»Kurti ist altmodisch bis dorthinaus.«

Kurti sagte: » Je suis gentilhomme et je mourrai gentilhomme

»Ich lese oft in der Bibel«, sagte Simone, »das ist doch komisch, nöch? Aber ich finde, die Bibel ist die größte Dichtung der Weltgeschichte.«

»Wunderbar ist die Bibel.«

»Was gefällt Dir besser, Doktorchen, das alte Testament oder das neue Testament?«

»Das läßt sich schwer vergleichen, das alte Testament ist ein Epos und das neue Testament ist ein Drama.«

»Kinder, ist das eine Hitze!«

»Ich möchte alles von mir werfen!«

»Na, los!«

»Könnten sich die Herren nicht eine Stunde lang hinters Haus verziehn? Auf dem schönen Nordhang hinterm Haus Umsprung üben?«

»Ach ja! Dann nehmen wir hier ein Sonnenbad und kochen Euch Tee, bis Ihr zurückkommt. Ihr wolltet doch sowieso vor der Abfahrt noch trainieren?«

»Bitte, seid Gentlemen und drückt Euch für eine Stunde.«

»Zieht Euch ruhig aus, Kinder, geniert Euch nicht, das ist alles menschlich.«

»Von wegen menschlich.«

»Hast Du noch von der Creme, Simone, ohne Creme geht es nicht.«

»Noch einen ganzen Tiegel voll – also bitte, ja, drückt Euch, ihr Männer.«

Doktorchen und Kurti verschwanden. Sie stiegen über die Mädchenleiber und stapften von ihrem Hort herunter, um die Schier anzuschnallen und auf dem Nordhang hinterm Haus zu trainieren. Die Mädchen hüllten sich aus ihren Hosen und Schlüpfern und zogen das Hemd übern Kopf. Sie dehnten sich und streckten sich und ächzten wollüstig der Sonne entgegen. Sie stipsten mit den Zehenspitzen in den Schnee und hüpften auf den Mänteln wie auf einer Tanzbühne herum. Dann schmierten sie sich gegenseitig ein, Creme gegen Sonnenbrand.

Lotte war mager und groß. Unter den kleinen Brüsten waren sämtliche Rippenbögen zu zählen. Ihr Leib war bleich, scharf abgegrenzt das Bleiche von den gebräunten Stellen überm Blusensaum. Seltsamerweise hatte sie zu ihrem weizenblonden Schopf ganz dunkles Schamhaar, beinah schwarz. Ihr einziger Fehler war, die dünnen Schenkel liefen oben nicht zusammen. Das gab den neuromantischen offenen Bogen, wie ihn die Amerikanerinnen tragen, statt der geschlossenen gotischen Spitze der europäischen Minne.

Simone war von kleinerem Wuchs und fetterem Polster. Dunkler die Haut, ein pigmentierterer südlicherer Typ als Lo. Sehr seelenvoll geschweift die Hüften und Hinterbacken, und ein apartes kleines X die Beine, wie sich's gehört. Ihr Fehler war, die Warzen ihrer Brüste waren viel zu groß und schon zerklüftet. Und wenn sie in Extase kam, sich wippte und die Schenkel rhythmisch hob, so gab das ein sehr peinliches Halleluja.

Sie schwatzten und beguckten sich und kritisierten sich. Lo fand die Riesenwarzen ihrer Freundin sehr apart. Simone fand Lolottileinchens Magerkeit beneidenswert. Ein paarmal fuhren Doktorchen und Kurtikerlchen dicht am Hort der Göttinnen vorüber, das gab ein Mordsgeschrei und ein Gekicher bis zum Bratschenkees hinüber. Dann legten sie sich wieder still auf ihre Mäntel und ließen ihre eingeschmierten Leiber von der großen Strahlung rösten.

Hadrawa nahm Terek bei der Hand und zog ihn in die hintere Ecke der dunklen Stube.

»Was ist?«, flüsterte Terek.

»Was ist?«, flüsterte Hadrawa geheimnisvoll zurück.

»Was denn?«

»Sollen wir sie hereinzerren, die zwei Weiber?«

»Bist Du verrückt?«

Hadrawa lachte ein kleines Gluckern.

»Sie reinzerren und festhalten, woll woll, all ihre Kleider und ihre Schier verstecken, woll woll, dann glauben die Kerle, sie sind abgefahren, woll woll, wir stopfen ihnen das Maul zu, bis die Kerle abgefahren sind, dann haben wir sie hier?«

»Und?«

Sie lachten eine kleines Flüsterlachen zusammen.

»Nicht der Mühe wert«, flüsterte Terek.

»Nein? Ita?« Hadrawa gluckste wieder sein tonloses Lachen.

»Bist Du geil?«

»Nicht viel«, flüsterte Terek.

»Ich auch nicht«, flüsterte Hadrawa.

Sie starrten sich an, durch die Dunkelheit hindurch, aber sie waren noch geblendet vom Sonnenlicht am Ausguck und konnten ihre Mienen nicht erkennen.

Hadrawa flüsterte: »Ist das nicht ein schlimmes Zeichen für uns zwei?«

»Gar nicht schlimm«, gab Terek zurück, »ganz in Ordnung so. Gespenster, Gespenster, ohne Seele, ohne Leib, tot, kein Leben mehr dran, nichts Dunkles, nichts Geheimnisvolles, kein Leben mehr – macht das Spaß? Mir nicht, mein Freund.«

»Mir auch nicht.«

»Sitzt alles hier.« Er tippte an Hadrawas Stirn.

»Woll woll«, sagte Hadrawa. »Und nichts mehr hier.« Er stieß den Freund kräftig unter den Bauch.

»Au«, machte Terek.

»Pscht«, machte Hadrawa und lachte sein tonloses Lachen.

Sie gingen wieder an den Ausguck. Es ging zu Ende mit Sonnenbad und Training. Es gab noch eine Teestunde mit ein bißchen Knutscherei, dann fuhren Lottchenkind, Simone, Doktorchen und Ka-Ha-Zet zu Tal. Ins Nichts, hinweg. Die Zigarettenstummel, der geleerte Cremetopf, die alte Zeitung aus Berlin, ein wenig Chypre-Duft, ein zierlicher perlmuttner Hemdenknopf, das war der Rest. Das Bratschenkees lag wieder wie am ersten Schöpfungstage da.

 

Unrast kam über den Mann Hadrawa. Die Zeit der Kindsgeburt war da. Bei der letzten Erkundungsfahrt ins Tal hatte er gehört, daß die Gendarmen zweimal wöchentlich zur Sanni Gundisch kamen, um sie nach dem verschollenen Geliebten auszuquetschen. Man hatte seine Fährte noch nicht aufgegeben, der Staat war penetrant und schlau, vielleicht benutzte man die Tage der Geburt zu schärferer Kontrolle und stellte irgendeine ordinäre Falle. So durfte er um keinen Preis der Welt ein zweites Mal zu Tal. So kam die Unrast über ihn. Er wollte wissen, wie's mit seinem Weib und seinem ausgetragnen Samen stand.

So erbot Terek sich zu einer Späherpatrouille zu der Sanni Gundisch. Er stand jetzt ziemlich sicher auf den Schiern und war sehr stolz darauf. Die große Natur hatte seine Seele angenommen, da bewegte sich sein Leib beherzter und beschwingter zwischen den dräuenden Massen der verschütteten Keese und Kare. Was war dabei? Bei Abenddämmerung zum Ziehweg der Holzarbeiter, dann eine dunkle Schinderei auf ausgefahrner Bahn zum Dorf, nach Mitternacht war halber Mondschein zu erwarten, herüberschwimmend über die geschweiften Grate, das gab das Licht für die Rückfahrt ab. Was war dabei?

Hadrawa warnte ihn. Beim letzten Proviantgang war naiver Herbst gewesen, jetzt war bösartiger Winter, ein Städter unterschätzte die gewaltige Schlagkraft des gebirglerischen Winters. Trotzdem ließ er ihn eines Abends ziehen. Die Staublawinen waren abgegangen, das Wetter bombenfest und fügiger Schnee, wie eine Mutter, die ihr Kind zum ersten Schultag startet, belehrte er den Freund und segnete ihn und ließ ihn ziehn. Selbstherrlichen Schwunges voll fuhr Terek ab und bis zum Haus der Sanni Gundisch klappte das Programm.

Es war ein altes Bauernhaus, zehn Minuten außerhalb des Dorfs, an eine felsige Lehne angebaut. Das Zimmer des wilden Fräuleins lag nach der Lehne zu, wo man vom Steig aus an das Fensterkreuz des obern Stockwerks reichen konnte. Die Menschen schliefen und die Rinder schliefen, nur in der Stube an der Lehne war noch Licht. Und noch bevor der nächtliche Schleicher an das Fenster klopfte, vernahm er, daß Sanni Gundisch's Kälblein schon geworfen war.

Das Kind war bereits zehn Tage alt. Ein Mädchen, eine kräftige Stimme. Die Wöchnerin war wohl und tat schon seit fünf Tagen wieder Stallarbeit. Dreimal noch hatten die Gendarmen nachgefragt. Die Mutter Gundisch und der Vater Gundisch hatten noch sehr schlimm getobt, noch bis zum Tag vor der Geburt war schwerer Zank gewesen, jetzt aber waren sie ins »Mörderkind« bereits verliebt und standen stundenlang vor dem verwimmerten und verpißten Bündel und glotzten mit verhaltenem Atem auf das rosa Wunderwerk. Zwei Stunden Vorwehen, dann war das Wasser abgelaufen. Zwei Stunden schwere Preßarbeit, dann war es da gewesen. Auf Sanni eingetragen und getauft. Und soff die Brüste leer wie eine alte Schnappsmamsell. Daß es gerade jetzt sein Plärren plärrte, war nur ein Glück, so hörte man den Freund nicht kommen und nicht gehn. Ein kleines Lied, dann schlief's vielleicht für zehn Minuten ein, summ, summ, summ.

Was juchazit draus auf dem Tannenbaum?
Was luus i die ganze Nacht schlagn?
Mein liebe Frau, ischts it an Nachtingaller?
Nur an Nachtingaller kann so süß schlagn?

Mein lieber Mann, das ischt kan Nachtingaller,
Mein lieber Mann, das darfst ita glaubn,
An Nachtingaller schlagt auf kam Tannenbaum,
Schlagt nur aufra Haselnußstaudn.

Und der Berg und der See
Und der See und der Berg
Und der Zwerg und der Ries
Und der Ries und der Zwerg

Und der Schnee und der Nebel
Und der Nebel und der Schnee
Und das Reh und das Schaf
Und das Schaf und das Reh …

Und zwischendrein Geflüster, der gebräunte Städter, das gebleichte wilde Fräulein, bis alles ausgesprochen war und sie ein wenig heulten, beide, übers verlorene Paradies, zum Wimmern des erneuten Menschenwunders in der Wiege. Dann küßte er sie auf die Stirn und auf die beiden Augenlider, das war ihr seltsam, doch sie ließ es dumpf und voller Minne tun, und schlich sich wieder in den Schnee hinaus.

 

Nach den zwei Stunden in der kachelwarmen Stube sprang ihn die mitternächtliche Kälte wie ein Feind an, wie ein böses Urtier aus dem Bereich erfrorner Sternenwelten. Wie Schwarz-Eis glatt der Schnee, ein schwerer Schlauch bis zu den letzten Bäumen. Hadrawa hatte prophezeit, daß die verspätete Rückfahrt rutschig werden würde und hatte eine Dose Steigwachs mitgegeben. Dreimal beschmierte er die Bretter mit dem skandinavischen Teer und immer wieder glitt er ab und trieb zurück.

Er schnallte ab und trug die Bretter bis zum Ziehweg-Ende auf dem Buckel. Dort schnallte er sie wieder an. Die Bindung war gefroren, knochenhart. Es gab ein ewiges ermattendes Gewürg, bis die erstarrten Riemen wieder an den Stiefeln saßen. Jedoch der Mond war da, genau nach Hadrawas Programm herüberschwimmend über die geschwungenen Grate, und deutlich war im offenen Gelände die Aufstiegspur von Kurti-Doktorchen-Simone-Lottilein zu sehn. Gehüllt in seines Odems Dämpfe kämpfte er sich voran.

Ei, warum hatten sie Simone und Lolottilein nicht doch ins Haus gezerrt? Pscht, Kinder, seid vernünftig, ihr kriegt eine kräftige Sensation? Hier sind zwei Männer, wirkliche Männer, laßt eure Bubis fahren, bleibt bei uns? Zwei Tage nur, zwei Tage und zwei Nächte, und wenn es gut geht, sieben Tage, sieben Nächte, ja? Was ist, Mann Hadrawa, nimmst du Simone, ich El-O? Wir wechseln ab, Mann Terek, wechseln ab, woll? … Deiner Süße, holde Schwester, bin ich lange noch nicht satt, gib mir, daß ich seufzend büße, was mein Herz verschüttet hat. … Und jetzt druckt euch, ihr Kinder, es ist genug, es ist genug, es ist genug.

Doch das war eine ewig lange Serpentine, jetzt gibt es sicher an der nächsten Kehre eine kleine Rast, nur fünf Minuten Rast fürs müde Poch-Poch-Herzchen, wenn ich bitten darf.

Sanft ruht sich's im Schnee. Was sind denn die berühmten lauen Sommernächte viel? Da rauscht der Bach zu unsern Füßen, da poltert Steinschlag von den hohen Graten, da seufzen wir seufzenden Buhlen im Heu. Viel sanfter ruht ein Mensch im Schnee. Da zieht die bittere Kälte von ihm, da hat sich's böse Urtier aus dem Reich erfrorener Planeten satt getrunken an dem süffigen Menschenblut, da wird es warm um ihn, viel wärmer als in jenen überschätzten Sommernächten. Der Mond steht still, die Sterne zwinkern mit Milliarden Augendeckeln, zwink-zwink, zur Ruh, zwink-zwink, dort hinten steht der Bratschenkopf und weht ganz leis im Schlafe hin und her. Summ, Summ, Summ, mein Kindlein macht es ebenso, mein Kindlein ist nicht dumm … Eine kleine Weile noch, dann schläft mein Herzchen ein, macht poch-poch und macht poch-poch, und läßt es endlich sein, du mein Herz, so sag mir doch, was stärker war, dein Spaß oder dein Schmerz … Mensch! Mensch Benno Terek! Du erfrierst! Auf! Schlaf ein und Du bist tot! Dreißig Grad Kälte, Pulsschlag dreißig, schlaf ein und Du erstarrst! Auf, hoch, zwanzig bis dreißig Serpentinen noch und Du bist bei Hadrawa!

Ei und so wollte sie zuschlagen, die große Natur? Bösartiges Luder Natur, und warum? Noch immer ist der Mensch der Erde, er war das Erste und wird das Letzte sein! Linker Schi, rechter Schi, linker Schi, rechter Schi, jawohl … Es ist nicht wahr, daß der Mensch erst am sechsten Schöpfungstag geschaffen wurde nach dem Ebenbild Gottes; wahr ist vielmehr, daß er das Erste war im weiten Rund und daß er Tier und Gott nach seinem eignen Ebenbild geschaffen hat, jawohl, und auch Dich, du toter Bratschenkopf. Es ist nicht wahr, daß des Menschen Reich nicht von dieser Welt ist; wahr ist vielmehr, daß sein Reich in Ewigkeit von dieser Welt ist und daß mit dem letzten Menschen auch das ganze weite Rund in Nichts zerschellt, jawohl, und auch Du, erstarrter Grat am Hohen Dock. Es ist nicht wahr, daß der Glaube ans Jenseits euch Berge versetzt; wahr ist vielmehr, daß der Glaube ans Diesseits euch Berge versetzt, jawohl, und auch Dich, du blaues Pasterzenkees. Linker Schi, rechter Schi, es ist nicht wahr, daß nur noch zehnmal Zick-Zack ist bis zu dem Manne Stefan Hadrawa; wahr ist vielmehr, daß mindestens noch hunderttausendmal Zick-Zack-Zick-Zack …

Blödsinn, sich schon wieder niederzulegen! Fünfunddreißig Jahre, ist das ein Alter für den Tod? Schade drum, schade um dich, mein Herr, schade drum … Auf! Nichts mehr denken! Immer langsam voran! Keine Viertelstunde ist's mehr zum Haus! Linker Schi, rechter Schi, die Hauptsache ist schon geschafft, linker Schi, rechter Schi, und ist das Herzchen noch so matt, an Gottes Tisch wird jeder satt, linker Schi, rechter Schi, und da fingen sie plötzlich alle zu heulen an, warum, warum, warum, warum denn das …

Grüß Gott, lieber Gott. Wer hat's geschafft, Herre Christ? Benno Terek, ich, Benno Terek ist mein Name. Es war ein übles Stück, das kann ich Dir verraten, Herr. Vor allem übel dieses letzte Stück bis zu Deinem hölzernen Holzkreuz aus Holz. Und ist der Mond auch drunten und ist das Auge auch erstarrt, ich erkenne Dich doch, Du, an Deinem hölzernen Holzkreuz aus Holz. Ein Schrei und Hadrawa ist bei mir und trägt mich wie ein Baby auf den Armen in das warme Haus. Doch da stehe Gott vor, lieber Gott. Der alte Hadrawa soll den alten Terek nicht schwach sehn wegen dieser lumpigen letzten hundert Meter. Noch eine kleine Rast im Schnee, nur zwei Minuten, hier kann's nicht mehr schaden, und dann mit frischen Kräften einpassiert. Wie ging's, Mann Terek, ging's gut? Yes, sir, allright, and what a lovely night …

Sanft sitzet auch ein Heide, Herre Christ, zu Deinen Füßen und streckt sich wohlig aus im weichen Schnee. Der Schnee ist rot gefärbt zu Deinen Füßen, das ist Dein Blut, sieh an, sieh an, sieh an. Viel schöne Dinge hast Du uns erzählt und ewige Worte hast Du eingeschrieben ins Buch der Menschenwelt, die Kindlein hast Du zu Dir kommen lassen, sieh an, sieh an, sieh an, sehet, ein Mensch. Doch jetzt ist es genug, es ist genug, laß es genug sein, hör' auf mich, es geht zu End mit Deinem Reich. Die zweimal tausend Jahre sind vorüber, so laß uns wieder ganz auf dieser Erde wandeln, sei ein Mann. Wir haben unser Hirn schwer angestrengt und schier verbraucht, um Deine Worte wahr zu machen und das Jenseits zu erkämpfen: sieh an, es geht nicht mehr. Wir haben Dome gebaut und Kriege geführt in Deinem Namen, wir haben unsern Verstand entwickelt und Wolkenkratzer aufgerichtet und auch dies in deinem Namen: jetzt geht es nicht mehr weiter, Herr, in Deinem Namen, ach, laß uns, laß uns, laß uns wieder auf dem Boden dieser Erde Wurzel fassen. Wenn dann die neuen Heiden ihre neuen Tänze tanzen, soll auch der schönste-schönste-schönste Reigen unsrer Nächte für Dich sein, Dir geweiht in Ewigkeit, zu Deinem Ruhm geschwungen, in Deinem Namen eingelegt, der sanfte Reigen, »Und-die-Liebe-höret-nimmer-auf.« Ach laß Dir das genügen, laß das andre sein, das andre Reich, ach laß uns wieder ohne Jenseits und Entwicklung unsre Erde finden, die wir verloren haben, ganz und gar verloren, unser einziges Reich …

Erde? Wieso Erde? Lauter Schnee. Nichts wie Schnee. Sanfter Schnee, roter Schnee, sanfter-roter-roter-sanfter-Schnee-Schnee-Schnee. Ein Schrei und Hadrawa ist da? Wozu? Warum? Viel besser ist, Mama kommt in das dunkle Kinderzimmer, sie stinkt ein wenig nach dem süßen Puder aus Paris, sie sagt Gutnacht-Gutnacht und summt ein leises lindes Kinderlied am Ende dieses leisen linden Sommertags. Summ summ schlafe, draußen gehn die Schafe …

»Au, au …«

»Woll, woll …«

»Nicht so fest …«

»Woll, woll, woll …«

»Warum denn Prügel, warum Prügel?«

»Ita Prügel, Schnee, Schnee, Schnee.«

»Schwer haben die Kerle hergefunkt.«

»Steif wie ein gefriertes Reh vom lötzten Hirbst.«

»Sieben-Zentimeter-Granaten, Dsching-Bumm.«

»Jetzund kümmts gestockte Blut zuruck vom Hörzen.«

»Dsching-Bumm, Ragagack, Tiritiritiri, Wummi-Wummi-Wummi.«

»Jetzund auf dü andre Seite, Kamirad, zum Schnee-Verreib.«

»Wummi-Wummi, das ist die ganz dicken Brocken, verstanden?«

»Versackt der Kerl vorm Haus im Schnee bei dreißig Grad!«

»Ja, wie kommt denn der viele Schnee in unsre schöne Villa?«

»Im Auto, Herr, im Auto, ischt der Schnee in unsre Villa einpassiert.«

»Und warum nackt, um Christi Willen? Wo sind denn meine sieben Sachen?«

»Halt's Maul, gib Ruh, halt's Maul.«

»Du lieber Himmel, wer hat denn all mein Kleiderzeug gestohlen?«

»Die Hos' steht steif vorm Ofen in der Stub und rührt sich ita.«

»Na sowas Komisches.«

»Die Füß sind kaputt.«

»Ich spüre nichts.«

»Wirst's noch spüren, wirst's noch spüren.«

»Ach Hadrawa, mein alter Hadrawa.«

»Schlafft vor dem Haus im Schnee in insrer kältsten Schtund.«

»Hast Du nach mir gelugt, Hadrawa?«

»Woll Zeit gewesen, Herr, zum Lugen.«

»Was trägst Du mich nicht in die gute Stube, Mensch, warum denn hier im kalten Flur.«

»Zuerst die steife Haut mit Schnee verreiben, Herr Kamirad.«

»Besten Dank.«

»Das treibt das Blut zuruck, Herr Kamirad.«

»Besten Dank.«

»Geh mit gestocktem Blut ins Warme und das Hörz schlägt seinin lötzten Schlag.«

»Besten Dank.«

»Wie Glas warst Du auf meiner Schulter, Kamirad. Wie ein Stück Glas ist der gefrierte Mensch und der gefrierte Hund. Fast wärst Du mir zerbrochen auf dem Buckel, Kerl.«

»Besten Dank.«

»Steif wie ein eingefriertes Kitz vom lötzten Hirbst.«

»Nur fest, reib zu, so fest Du kannst, ich spüre nichts.«

»Das Blut ischt wieder da, es kümmt zuruck von dem gestockten Hörzen, aber die armen Füß, ts ts ts …«

»Ein Mädchen, Hadrawa, Du hast ein reizendes Mädchen, zehn Tage alt, au au, nicht so fest, alles gesund und munter, die Sanni und das Kind, au, hörst Du nicht –«

»Löck mich am Arsch –«

»Und hättet der Liebe nicht, so stinket ihr nur! Und dieses Wort gilt auch für euch, ihr neuen Heidenmenschen! Nehmt euch in Acht!«

»Fängt der Pfaff zu predigen an?«

»Au, au …«

»Woll, woll …«

»Nicht so fest …«

»Jetzund ischt das Blut zuruck. Jetzund gehn wir in die warme Stub. Jetzund tust Du Deinen Arm um meinen Hals. Jetzund wälzt Du Dich auf meinen Arm. Woll, das hält, woll, nur kein! Angst, woll, Herr Kamirad.«

»Summ summ summ, mein Kindlein macht es ebenso, mein Kindlein ist nicht dumm …«

»Schtüll. Ausgestreckt. Trink. Nochmal. Nochmal. Schlaf. Schlaf ein.«

»Wummi-Wummi-Wummi-Wummi-Wummi.«

»Jetzund muß ich noch die Füß verreiben. Jetzund schlafft er schon und spürt es ita. Jetzund sind die Füß wie zwei gefrierte Buchenbretter, ts ts ts …«

»Wummi-Wummi-Wummi.«

»Jetzund ischt der Bart geschmolzen und der Puls geht gut. Aber die gestorbenen Füß, die blauen Zehn, ts, ts, ts …«

»Wummi-Wummi.«

»Ts, da nutzt kein Reiben mehr. Ts, am Abend geht dir Hölle in den toten Knochen los. Ts, das gibt den schwarzen Brand. Mensch, Mensch, Mensch.«

»Wummi …«

»Und so muß ich ihn am Abend auf den Rücken laden? Und so muß ich ihn hinunterschleppen wie die schwere Hirschkuh aus dem Bratschental? Und so muß ich ihn am erschten Mönschenhaus als Findling auf die Schwölle legen? Und so müssen ihn die fremden Leut zur Klinik schaffen? Und so muß ich vor dem Morgen wieder fort, nach Kanada? Und so sind wir quitt, so ischt der Bauer und der Städter quitt? Woll woll, alter Kamirad, jetztund lacht er noch im Schlaf …«

Er trat vors Haus, einsam. Die toten Füß, das reizende kleine Mädchen, alles gesund und munter, am Abend die schwere Fahrt zum ersten Menschenhaus, die wunde Hirschkuh auf dem Buckel, vielleicht vor Tag ein kleiner Einguck bei der Sanni Gundisch, dann Kanada … Zur ersten Dämmerung hatte er den Freund erspäht, jetzt war die Sonne da. Die Keese lagen in der blanken Pracht … Ein Mann muß quitt sein mit der Welt, quitt mit dem Freund, quitt mit dem Weib, quitt mit dem Kind, quitt mit dem Staat und seiner Kirche und mit sich selber quitt, auf seiner Seele tiefstem Grunde muß er quitt sein mit den Menschen, quitt muß ein Mann sein mit der Rasse, die er milliardenfach in seinem Samensacke mit sich trägt, erst wenn er quitt geworden ist mit dieser Menschenwelt, kann er wahrhaftig wieder in Beziehung zu ihr treten, sein Werk tun und sein Heulen heulen und sein Lachen lachen, sein Lachen lachen wohl auch in Kanada und in den großen Städten, ein Mann, erst wenn er auf dem Grunde seiner Seele quitt geworden ist, kann ruhig Atem holen, ruhig auf die blanke Pracht der Keese glotzen, ruhig sein er selbst.


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